Samstag, 3. Oktober 2026

Buchrezension: Ragnar Jónasson - STILLE (Hulda-Helgi-Serie, Band 2)

Inhalt:

Helgi Reykdal hat sich als Kommissar bei der Polizei in Reykjavík etabliert, nachdem er die Nachfolge von Hulda übernommen hat. Jetzt wird er mit einem ungewöhnlichen Fall betraut: Die 70jährige gefeierte isländische Krimiautorin Elín S. Jónsdóttir ist spurlos verschwunden. Ist sie freiwillig untergetaucht oder steckt ein Verbrechen dahinter? Während Helgi in Elíns Vergangenheit nachforscht und dabei erstaunliche Ungereimtheiten entdeckt, kämpft er zugleich mit familiären Spannungen. Um sich davon abzulenken, nimmt er immer wieder Krimis seiner Lieblingsautorin Agatha Christie zur Hand und lässt sich davon inspirieren. 

Rezension: 

Helgi Reykdal übernimmt die Ermittlungen in dem Fall um die verschwundene Autorin Elín S. Jónsdóttir, die in Island für ihre zehnteilige Krimireihe bekannt ist und sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt hatte. Sie wurde vermisst gemeldet, nachdem sie eine etablierte regelmäßige Verabredung nicht eingehalten hatte. Nach den ersten Befragungen gibt es keine Hinweise auf ihren Verbleib. Helgi steht unter Druck, herauszufinden, was mit ihr passiert ist, bevor die Presse davon erfährt. Je tiefer Helgi, der selbst ein Faible für Kriminalromane hat, in das Leben der bekannten Schriftstellerin eintaucht, auf desto mehr Ungereimtheiten stößt er. Tatsächlich scheint ihr Leben noch rätselhafter zu sein, als die Geschichten in ihren Büchern. 
Neben den schwierigen Ermittlungen hat Helgi auch mit privaten Problemen zu kämpfen, nachdem seine gewalttätige Ex-Freundin ihn nicht in Ruhe lässt. 

"Stille" ist nach "Frost" Band 2 der isländischen Krimireihe um Kommissar Helgi Reykdal, der den Posten von Hulda Hermannsdóttir übernommen hat und mit der Lösung des Falls um die vermisste Autorin sein Können unter Beweis stellen möchte.

Der Roman handelt auf mehreren Erzählebenen, wobei Helgis Perspektive im November 2012, seine Ermittlungen, aber auch seine private Seite im Vordergrund stehen. Unterbrochen wird seine Sicht durch ein im Jahr 2005 geführtes Interview einer Journalistin mit Elín Jónsdóttir, das Aufschluss über ihre Persönlichkeit und ihr Wirken gibt. Daneben gibt es Rückblenden in die Jahre 1965 und 1976, einen unglücklich verlaufenen Banküberfall und die späteren Ermittlungen von Hulda.

Die Geschichte wird damit unerwartet vielschichtig, ohne den Fokus zu verlieren. Spannend ist, wie die Kriminalfälle aufgeklärt werden, aber auch, wie die einzelnen Handlungsstränge verknüpft werden. Der rätselhafte Aufbau und die kurzen Kapitel sorgen für einen anhaltenden Lesesog.

Die Stimmung ist passend zu einem Island-Krimi melancholisch und kalt. Neben der winterlichen Witterung tragen die tragischen Schicksale, Einsamkeit und Verletzlichkeit der Personen dazu bei. 

Wie von Ragnar Jónasson gewohnt, wird die Geschichte unaufgeregt erzählt, erzeugt aber dennoch ihre Wirkung. Einzelne Aspekte des Plots können erahnt werden, andere werden erst am Ende verknüpft und führen zu einer schlüssigen Lösung, die im Hinblick auf den Vermisstenfall keine Fragen offenlässt, aber in Bezug auf Helgis privates Problem bereits einen dritten Band erwarten lässt.  

Freitag, 2. Oktober 2026

Buchrezension: Judith Merchant - Aprikosenkind

Inhalt:

Die sechsjährige Ruby ist ein besonderes Mädchen: in sich gekehrt, still, langsamer als andere Kinder. Nathalie widmet Ruby ihre ganze Aufmerksamkeit und hat viel für sie aufgegeben. In ihrem neuen Zuhause auf dem Land soll Ruby endlich aufblühen. Doch dort geschehen seltsame Dinge. Fenster und Türen stehen plötzlich offen, die anderen Eltern fangen an, sich komisch zu benehmen. Ihr Mann Gabriel versucht unerschütterlich, Nathalie zu beruhigen, doch sie fühlt sich in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr sicher. Eines Tages malt Ruby ein Bild, das alles verändert. Und Nathalie muss sich fragen, welchen Preis sie für ihr Glück zu zahlen bereit ist. 

Rezension: 

Nathalie und ihr Mann Gabriel sind auf das Land gezogen, damit ihre sensible Tochter Ruby, die oft in ihrer eigenen Welt lebt, dort noch behüteter aufwachsen kann. Nathalie bringt Ruby in den Kindergarten, kümmert sich darüber hinaus aber rund um die Uhr um die Sechsjährige. Ihr Mann kann zudem die meiste Zeit im Homeoffice arbeiten, weshalb die Familie die meiste Zeit unter sich ist und ihr harmonisches Zusammenleben genießt.
Ruby kann sich im Kindergarten nur schlecht integrieren und hinkt gleichaltrigen Kindern in der Entwicklung hinterher. Nathalie fühlt sich von den besorgten Erzieherinnen unter Druck gesetzt und nötigt Ruby geradezu, ein "richtiges" Bild mit Formen und Farben zu malen, bereut sie die Entscheidung sogleich, denn die Zeichnung ist schockierend.
Als Nathalie alarmiert nachforscht, was es mit Rubys Verhalten auf sich hat, macht sie eine Entdeckung, die ihr idyllisches Familienleben zerstören könnte.

Der Roman wird überwiegend aus der Perspektive von Nathalie erzählt. Daneben gibt es einzelne Einblicke in Gabriels Gedankenwelt sowie Rückblenden in die Vergangenheit, die mehr über die Entwicklung der Familie offenbaren.
Eine unterschwellige Spannung ist von Anbeginn vorhanden, denn die Atmosphäre wirkt bedrohlich und das zurückgezogene Familienleben verdächtig. Allmählich zeigt sich, dass die Harmonie aufgesetzt ist und dass Nathalie und Gabriel ein dunkles Geheimnis verbindet.
Mit Nathalies Entdeckung vollzieht sich eine Wende, die belegt, dass nichts ist, wie es scheint. Nathalie muss Handeln, um sich und ihre Tochter zu schützen. Doch wie weit wird sie gehen?

"Aprikosenkind" ist ein Psychothriller über Manipulation, Kontrolle, Missbrauch und Mutterliebe, der durch die lauernde Gefahr und die anhaltende Sorge um das Wohlergehen eines unschuldigen Kindes für anhaltende Spannung sorgt. Gleichzeitig befinden die Figuren sich in so einem Schlamassel, dass Hilfe von außen nur schwer möglich ist. 
Die Motive der Beteiligten bleiben nur oberflächlich und auch die Auflösung ist etwas kurz geraten. Dennoch ergibt sich ein schlüssiges und nachvollziehbares Ende.