Posts mit dem Label Bastei Lübbe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bastei Lübbe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 31. August 2026

Buchrezension: Helen Russell - Laura Clark ist dann mal weg

Inhalt:

Der Aufzug klemmt, die Kaffeemaschine tropft, im Büro stapeln sich die Beschwerden, aber niemand tut etwas. Laura Clark ist weg. Einfach so. Ihr Ehemann Mark kämpft mit Handwerkern, die sein Haus überrennen, Tochter Sian sucht verzweifelt in Wäschebergen nach Antworten, und im Büro geht alles drunter und drüber. Niemand, nicht mal ihre beste Freundin, weiß, wo Laura abgeblieben ist. Nur langsam kommt Lauras Umfeld ein unerhörter Gedanke: Könnte ausgerechnet Laura, die sich immer aufopferungsvoll um alles und jeden gekümmert hat, ihr Leben, ihre Familie und ihre Freunde einfach hinter sich gelassen haben? 

Rezension: 

Eine Abwesenheitsnotiz in ihrem beruflichen E-Mail-Account ist alles, was Laura hinterlassen hat. Sie ist weg und niemand aus ihrer näheren Umgebung hat eine Vorstellung, weshalb und wohin. 
Im Büro wurde sie so selbstverständlich gehalten wie die Tapete, die an der Wand klebt und als Personalmanagerin für alle persönlichen Befindlichkeiten zuständig erachtet. Jetzt gibt es keine Snacks und der Fahrstuhl funktioniert auch nicht. 
Ihr Ehemann, der nur Golf im Kopf hat, wähnt Laura bei einer Beerdigung, schafft es weder Essen zuzubereiten, noch den Hund rechtzeitig nach draußen zu bringen, bevor ein Malheur passiert. 
Die erwachsene Tochter Sian ist nicht weniger hilflos und bedient sich an der Kleidung ihrer Mutter, als keine saubere Wäsche mehr da ist und die Waschmaschine sich nicht von selbst befüllt. 
Lauras Mutter Carol hat ihre eigenen Anliegen, um die sich Laura kümmern soll, braucht aber vielmehr jemanden zum Zuhören, weshalb sie unaufhörlich Lauras Mailbox bequatscht. Einen Rückruf erhält sie nicht. 
Lauras Freundin Ruth erhält ebenfalls keine Antwort auf ihre WhatsApp-Nachrichten an Laura und kämpft sich verzweifelt durch den Alltag als alleinerziehende Mutter von neugeborenen Zwillingen. 

Der Roman ist erfrischend originell aufgebaut, denn die Hauptfigur ist nicht präsent. Das Rätsel um ihr Verschwinden erschließt sich aus den Perspektiven der Menschen aus Lauras Umgebung. Die erste Reaktion ihrer Kollegen oder Familienmitglieder ist nicht etwa Sorge wegen ihres untypischen Verhaltens, sondern vielmehr Irritation, dass Laura nicht zur Verfügung steht. 

Es braucht nicht lange, bis offensichtlich ist, was - oder wer - alles dazu beigetragen hat, Laura in die Flucht zu schlagen. Durch die Sicht der anderen Personen wirkt die Szenerie noch erschütternder, als würde Laura selbst ihr Leid klagen. Denn Laura fehlt nicht als Mensch, sondern in ihrer Funktion als Köchin, Putzfrau, Einkäuferin, Wäscherin, Handwerkerin, Gassigeherin, Angestellte - Mädchen für alles. 

Erst als die Menschen im Chaos versinken, merken sie, was Laura alles stillschweigend erledigt hat und spüren, dass sie Laura gar nicht richtig kannten. 

Die Menschen aus Lauras Umfeld sind lebendig, aber hemmungslos überzeichnet dargestellt. Insbesondere ihr Ehemann wirkt komplett idiotisch, weshalb man sich fragen muss, warum Laura nicht schon viel früher die Reißleine gezogen hat. Dennoch steckt in der ganzen Ironie ein wahrer Kern. Auch wenn viele Szenen von einem scharfsinnigen Blick auf die Rolle einer "mittelalten" Frau zeugen und mit Humor inszeniert sind, bleibt einem das Lachen zumal im Hals stecken. 

"Laura Clark ist dann mal weg" um sich eine wohlverdiente Auszeit zu nehmen. Sie hat sich stets um andere gekümmert und keinerlei Wertschätzung erfahren. Der Roman zeigt sehr deutlich, wie sich eine Frau ausnutzen lässt, bis ein Punkt erreicht ist, an dem sie ihrem Leben nur noch den Stinkefinger zeigen kann. Auch wenn am Ende Laura selbst zu Wort kommt, die man bisher nur direkt über Postkarten an ihre beste Freundin Ruth kannte, die über die Jahre immer weniger euphorisch wurden, ist das Ende ohne direkte Konfrontation mit allen Beteiligten etwas abrupt. 


Montag, 3. August 2026

Buchrezension: Vera Buck - Keine Angst, Darling

Inhalt:

In der Luxussiedlung Sancta Familia in Florida hat Lea endlich, wonach sie sich immer gesehnt hat: ein sicheres Zuhause, eine Tochter, die sie über alles liebt, und einen Mann, der sie auf Händen trägt. Für ihr schillerndes Leben wird sie online von Millionen gefeiert - nur ihre Schwester Paula misstraut der makellosen Inszenierung. Als Lea plötzlich verstummt, reist Paula besorgt von Deutschland nach Florida. Doch in der Sancta Familia ist ihre Schwester nicht. Ihr Mann behauptet, sie sei in einem Retreat. Aber warum gibt es kein Lebenszeichen? Je tiefer Paula in die scheinbar heile Welt der Siedlung eindringt, desto sichtbarer werden die Risse: Strenge Regeln erfordern bedingungslosen Gehorsam. Und Frauen, die sich widersetzen, verschwinden. 

Rezension:

Lea führt ein Bilderbuchleben - gemessen an den Vorstellungen der 1950er-Jahre in einer Gated Community in Florida. Als Tradwife, die für Ehemann und Tochter lebt, kocht, backt und den Haushalt auf Hochglanz führt, hat sie sogar mehrere Social Media-Accounts mit Hunderttausenden Followern, auf denen sie regelmäßig Beiträge aus ihrer heilen Welt postet. 
Als ihre Schwester Paula registriert, dass Leas letzter Content schon Monate zurückliegt und sie sie auch persönlich nicht erreichen kann, macht sie sich Sorgen um ihre entfremdete Schwester und reist nach Florida. 
Dort heißt es, Lea sei auf einem Selbstfindungs-Retreat und nicht erreichbar. Doch Paula stößt bei ihrer Ankunft in der "Sancta Familia" auf Ungereimtheiten und misstraut ihrem Schwager Matt. Sie hinterfragt nicht nur das Leben der Frauen und Kinder in der Community, sondern beginnt auch aktiv nach Lea zu suchen. Eine Einmischung in die strengen Regeln, die nicht ungefährlich ist. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart die nervenaufreibende Suche Paulas nach ihrer Schwester, zu der sie seit ihrer Auswanderung nach Amerika keine enge Verbindung mehr hat. Daneben gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, die erklären, wie Lea dazu gekommen ist, Matt zu heiraten und wie sich ihre Ehe und ihr Familienleben in den sechs Jahren entwickelt haben. 

Auszüge aus einem Haushaltsbuch, getarnt als Tagebuch, sowie Transkriptionen von TikTok-Videos, Werbevideos der Gated Community und Interviews mit Lea ergänzen die Handlung und gestalten sie abwechslungsreich und passend zur Rolle von Social Media noch authentischer. 

Die Geschichte ist verstörender Suspense über ein Leben, das rückständig ist und mit den heutigen Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung nicht kompatibel ist. Frauen entscheiden sich scheinbar freiwillig für ein Leben für die Familie, beschützt und behütet durch einen treusorgenden Ehemann und finden sich in einem Leben aus Grenzen, Kontrolle und Gewalt wieder. 

Durch die lebendige Schilderung wird die Situation von Lea leicht vorstellbar und damit auch die Sorgen, die sich Paula um ihre jüngere Schwester macht, die aus diesem Käfig aus eigenem Antrieb verschwunden sein soll. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und Perfektionismus und einer gefährlichen Abhängigkeit und Unterwerfung ist. 
Fesselnd ist nicht nur die Frage, was mit Lea passiert ist, sondern auch was die dreifache Mutter Paula riskiert, indem sie so hartnäckig nach ihr sucht. Dabei nimmt die Spannung und spürbare Bedrohung auf beiden Erzählebenen stetig zu. 

"Keine Angst, Darling" ist ein dramatischer, zeitgemäßer Spannungsroman über toxische Beziehungen, Manipulation, Inszenierung und eine gefährliche Suche vor dem Hintergrund der zurecht umstrittenen Tradwife-Bewegung, die alle für Frauen erreichten Rechte in Frage stellt und Kontrolle und Isolation hinter Sicherheit und Fürsorge versteckt. 

Montag, 20. Juli 2026

Buchrezension: Sophie White - Breakup Season

Inhalt:

Maggies Leben wirkt perfekt: ein Superstar als Ehemann, eine Villa in Hollywood, ein Stylist auf Abruf. Doch dafür hat sie ihre eigenen Träume aufgegeben. Annie versucht, schwanger zu werden - und hofft, dass ihre Beziehung dem Druck standhält. Clara glaubt, sie und Ollie seien glücklich, bis eine SMS ihr Vertrauen in ihn erschüttert. Sie alle hoffen, bei einem gemeinsam Urlaub in Cape Cod Abstand zu gewinnen: Strand, Drinks, lange Abende. Bis die Gespräche kippen, Geheimnisse ans Licht kommen und jemand sagt: "Es ist vorbei." 
Drei Paare glauben, ihr Leben im Griff zu haben - doch dann zeigt sich, wie brüchig Zukunftspläne wirklich sind.

Rezension: 

Maggie lebt ein Leben, von dem viele träumen. Ihr Mann ist ein begehrter Filmstar, sie wohnen in einer Villa in Hollywood, haben zwei gesunde Kinder und Personal, das sie umsorgt. Doch Maggie ist nicht glücklich und hat zunehmend Probleme, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Sie hofft, dass der gemeinsame Urlaub mit zwei befreundeten Paaren auch wieder mehr Nähe zu Fionn schafft.
Annie und Connor sind seit zwei Jahrzehnten zusammen, aber nicht verheiratet. Mit Anfang vierzig versuchen sie bisher vergeblich schwanger zu werden - ein Druck, dem beide nicht mehr gewachsen sind.
Clara und Ollie haben drei Kinder, die sie lieben, doch der Alltag mit ihnen ist chaotisch. Clara fühlt sich von Ollie häufig allein gelassen und hegt den Verdacht, dass er sie betrügen könnte.
Der gemeinsame Urlaub in Provincetown, der mit einer Luxusyacht, Champagner und Promiparty für Entspannung und Ablenkung sorgen sollte, wird für alle drei Paare zu einer Zerreißprobe.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen geschildert und konzentriert sich damit auf die weibliche Sicht auf Beziehungsfragen und die Entwicklung langjähriger Freundschaften.
Alle drei Paare haben ihre eigenen Probleme, die sie im Alltag verdrängt haben und die unter der Sonne Cape Cods förmlich explodieren. Die Stimmung ist aufgeladen, es fallen hässliche Worte, Beziehungen gelangen an einen Scheidepunkt und selbst die jahrzehntelange Freundschaft der Clique droht an Neid und sich verschiebenden Loyalitäten zu zerbrechen.

Die Charaktere sind mitunter herrlich schräg, haben aber dennoch viel Identifikationspotenzial und sind nicht so überzeichnet, als dass man ihre Probleme nicht ernst nehmen könnte.
Ihre Leben sind in Schieflage geraten und sie reagieren entsprechend emotional darauf. Gerade ihre Fehler, ihr verletzendes und unfaires Verhalten, wirken ungeschönt und lebensecht.
Dazu kommt, dass es alltägliche Probleme sind, mit denen sich Frauen und Paare mit Anfang 40 konfrontiert sehen. Es geht um den aufreibenden Familienalltag, die Organisation der Kinderbetreuung, Unzufriedenheit im Job, mangelnden Selbstwert, Bodyshaming, die Aufgabe von Träumen und unterschiedliche Erwartungen.

Fesselnd und emotional erschütternd zeigt "Breakup Season" wie Beziehungen an der Last des Alltags zerbrechen können. Die Dialoge und Szenen zeugen von einer scharfsinnigen Beobachtungsgabe, sind geistreich und modern und halten dabei die Balance aus Witz und Traurigkeit. 
Zudem schafft es die Autorin durch die vielschichtigen Figuren und ihre feinfühlig geschilderten inneren Konflikte trotz der Themenvielfalt den Problemen empathisch gerecht zu werden. Insbesondere der Umgang mit mentaler Gesundheit und verzerrter Körperwahrnehmung, verbunden mit dem Druck, gefallen zu wollen, ist sensibel, aber drastisch und ungeschönt dargestellt. 

"Breakup Season" ist ein dramatisches Buch mit schwarzhumorigen Zwischentönen, das ein schonungslos ehrliches Bild moderner Beziehungen zeichnet, dabei aufwühlt und zutiefst bewegt. 

Freitag, 3. Juli 2026

Buchrezension: Jennifer E. Smith - Ein Riesenspaß für die ganze Familie

Inhalt:

Als Kinder waren die Endicott-Geschwister unzertrennlich. Viele Jahre später herrscht Funkstille - bis Jude, die Jüngste, überraschend alle in eine kleine Stadt in North Dakota ruft. Jeder von ihnen steht an einem Wendepunkt: Gemma fragt sich nach einer Reihe erfolgloser Versuche, ob sie überhaupt noch Mutter werden möchte. Connor steckt nach einem großen Bestseller als Autor in der Krise. Roddy riskiert für seine Karriere die Liebe seines Lebens - und Jude, eine gefeierte Schauspielerin, hat drei brisante Geheimnisse, die sie mit ihren Geschwistern teilen möchte, bevor es zu spät ist. Doch was sie zu sagen hat, reißt alte Wunden auf und bringt die Geschwister an ihre Grenzen. Was verbindet sie noch? Welchen Wert haben ihre gemeinsamen Erinnerungen? Und gibt es einen Moment, an dem es zu spät für einen Neuanfang ist? 

Rezension:

Die vier Endicott-Geschwister waren als Kinder eng verbunden. Ihre Mutter hatte die Familie verlassen, als die älteste Gemma zwölf Jahre alt war. Jeden Sommer hat Frankie ihre Kinder jedoch auf einen ihrer Roadtrips mitgenommen, denn sie hatte sich in den Kopf gesetzt, alle 50 Bundesstaaten zu bereisen. Dann kam es zu einer Katastrophe, die zur endgültigen Entfremdung von der Mutter führte - bis zu ihrem frühen Tod. Gemma füllte weiter ihre Rolle als Ersatzmutter aus, während ihre jüngeren Geschwister ihre Talente ausleben konnten.
Inzwischen haben sich die vier nach einem heftigen Streit seit drei Jahren nicht mehr gesehen, als Jude sie um ein gemeinsames Familienwochenende in North Dakota bittet. 

Alle Geschwister stehen in diesem Moment an einem Wendepunkt in ihren Leben und sagen dem spontanen Treffen zu. Sie ahnen nicht, welche Absicht hinter der Einladung steckt und was Jude ihnen schweren Herzens offenbaren möchte.

Der Roman wird aus den wechselnden Perspektiven der vier Geschwister geschildert, die alle ihre eigenen Probleme mit nach North Dakota nehmen.
Gemma ist in Kinderwunschbehandlung und unsicher, ob sie überhaupt Mutter werden möchte. Connor hadert nach einem preisgekrönten Roman mit einer Schreibblockade, Roddy setzt seine Beziehung zu seinem Verlobten aufs Spiel, in dem er seine Profisportlerkarriere in Orlando beenden möchte und Jude befürchtet, dass sie ihrer Mutter ähnlicher als wünschenswert ist.
Ergänzt wird die gegenwärtige Handlung mit dem konfliktreichen Wiedersehen um Rückblenden in die Vergangenheit, die nicht chronologisch erzählt werden, aber in einzelnen Episoden darlegen, was die Geschwister verbindet und trennt.

Die Charaktere sind individuell gestaltet und wirken trotz ihrer Berühmtheit realitätsnah. Sie sind nicht perfekt und machen Fehler, was sie aber gerade liebenswert macht. Damit fällt es leicht, sich in ihre jeweilige Situation hineinzuversetzen und ihre großen und kleinen Krisen nachzuvollziehen.
Für Spannung sorgt Judes Intention für das Treffen, auch wenn Teile ihrer Geheimnisse zu erahnen sind. Darüber hinaus ist es unterhaltsam und interessant über vergangene, mitunter skurrile Ereignisse zu entdecken, was die Geschwisterdynamik ausmacht.
Neben der Annäherung erscheint authentisch, dass jedes der vier Geschwister seine individuellen Probleme angeht und Entscheidungen für die Zukunft trifft. 

Die Geschichte ist bittersüß und von Verlusten geprägt und zeigt, dass gerade diejenigen, die sich lieben, am schlimmsten verletzen können. Das Aufeinandertreffen hat aber warmherzige und humorvolle Momente und ein Zusammenhalt unter den Endicotts ist trotz Streitigkeiten und einer dreijährigen Funkstille spürbar. So schenkt der Roman Hoffnung, dass eine Annäherung und Versöhnung möglich ist, auch wenn Judes Offenbarungen die geknüpften Bande erneut erschüttern. 
Auch wenn das Ende wehmütig ist, ist "Ein Riesenspaß für die ganze Familie" ein warmherziger Roman über die innigen Bande von Geschwistern. 


Montag, 29. Juni 2026

Buchrezension: Freya Bromley - Eigentlich wollte ich das nicht schreiben

tInhalt:

Ausgerechnet der plötzliche Tod ihrer Schwester Darina gibt Nola den Anstoß, endlich ein Buch zu schreiben. Leser:innen feiern ihre radikale Offenheit - doch die Familie fühlt sich bloßgestellt. Zwischen Trauer, Wut und Sprachlosigkeit wächst die Distanz. Ein Jahr später soll Darinas Asche auf einer abgelegenen Insel verstreut werden. Nola will nicht kommen. Doch als ein Filmdeal optioniert wird und kurz darauf eine anonyme Beschwerde beim Verlag eingeht, steht ihr Ruf auf dem Spiel. Entschlossen stellt sie sich ihrer Familie - und der Frage, wem Erinnerungen gehören, wenn sie einmal zu Geschichten geworden sind.

Rezension: 

Nolas ältere Schwester Darina ist mit 29 Jahren überraschend an einem Herzversagen gestorben. Nola hat ein Buch darüber geschrieben, um ihrer Schwester noch einmal nah zu sein und hat immer noch Schuldgefühle, dass sie im Gegensatz zu Darina am Leben sein darf.
Vor Veröffentlichung des autofiktionalen Romans hatte sie das Einverständnis aller Familienmitglieder benötigt, was zu Änderungen und Kürzungen geführt hat. Während das Buch bei fremden Leser für Begeisterung aufgrund der offenen Worte sorgte, waren vor allem Nolas Eltern irritiert über den ungeschönten Einblick in ihr Familienleben.
Als der Verlag das Angebot erhält, "Tierorakel" zu verfilmen, muss Nola erneut die Zustimmung ihrer Familie einholen, was ihr denkbar schwerfällt, nachdem eine Beschwerde über das Buch eingegangen ist.
Zum fünften Todestag Darinas kommen die McConkeys auf einer kleinen Insel bei Devon zusammen, um die Asche der Tochter und Schwester zu verstreuten. Nola möchte die Gelegenheit nutzen, um herauszufinden, wer ihr Steine in den Weg legen könnte, denn es kann eigentlich nur jemand ihrer engsten Angehörigen sein.

Der Roman wird in der Gegenwart aus Perspektive von Nola geschildert, die zutiefst verunsichert ist und sich nicht traut, offen mit ihrer Familie über die geplante Verfilmung ihres Buches zu sprechen. Dabei rückt damit ihr Traum, hauptberuflich als Autorin zu arbeiten, in greifbare Nähe.
Die gegenwärtige Handlung wird in einzelnen Kapitel durch Auszüge aus Nolas Roman "Tierorakel" ergänzt, die im Wesentlichen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit ihrer Schwester darstellen. 
Die Kombination aus beiden Erzählebenen legt Geheimnisse offen, mit denen Nola nur schwer umgehen kann. 

Der Roman ist das Porträt einer Familie, die einen Verlust erlebt hat und Schwierigkeiten hat, gemeinsam zu trauern. Jedes Familienmitglied hat ein anderes Bild von der Verstorbenen und geht anders mit seiner Trauer um. Nola hat ihre Trauer öffentlich gemacht, was für Unverständnis gesorgt hat. 
Bei dem mehrtägigen Familientreffen zur Verstreuung von Darinas Asche kommt auf, dass nicht nur Nola Geheimnisse hat, sondern sie selbst auch nicht alles über ihre Geschwister weiß. 

Die Geschichte und ihre Charaktere wirken lebensecht, denn Familie ist nun einmal kompliziert. Es wird deutlich, dass die McConkeys sich lieben und zusammengehören, aber sich auch gegenseitig so gut wie niemand sonst verletzen können. Liebe und Misstrauen, Streit und Versöhnung, Eifersucht und Stolz liegen dicht beieinander. 
Das Familientreffen wirkt für Nola unerwartet als Initialzündung für mehr Offenheit und ehrliche Gespräche. Eindrücklich ist zu erkennen, wie Nola, die zu Beginn verbohrt wirkt und voller Bedauern und Schuldgefühle ist, durch die Annäherung an ihre verbliebenen Familienmitglieder mehr reflektiert und verzeihen kann. 
Auch zeigt die Geschichte durch die feine Beobachtungsgabe der Autorin, wie wichtig eine Balance aus Nähe und Distanz innerhalb einer Familie ist, die die Unterschiedlichkeit der Charaktere, ihrer Hoffnungen und Erwartungen, berücksichtigt und Raum für Entfaltung lässt. 

Montag, 8. Juni 2026

Buchrezension: Lucy Astner - Kein Sommer ohne August

Inhalt:

Charlie Henderson hat ihr Herz hinter dicken Mauern verschlossen und lebt ein scheinbar perfektes Leben in London - bis eine Erbschaft sie zurück nach Liberty Beach im Nordosten der USA ruft. Den Ort ihrer Kindheit und den Ort, den sie vor zehn Jahren Hals über Kopf verlassen hat. Dort erwartet sie nicht nur die Buchhandlung One Last Chapter, in der sie als Kind unzählige Stunden verbracht hat, sondern auch August Green, bester Freund aus Kindestagen, ihre erste große Liebe - und der Grund, warum sie damals aus Liberty Beach geflohen ist. Zwischen Regalen voller Geschichten und den Erinnerungen an schmerzhafte Verluste muss Charlie sich entscheiden: Bleibt sie Gefangene ihrer Angst oder wagt sie ein neues Kapitel? 

Rezension:

Charlie Henderson lebt in London, wo ihr einziger Lebensinhalt die Arbeit in einer Eventagentur ist. Als sie überraschend die Nachricht erhält, dass sie die Buchhandlung "One Last Chapter" geerbt hat, kehrt sie notgedrungen in ihren Heimatort Liberty Beach an der Ostküste der USA zurück. Dort trifft sie auf August, den Enkel der Besitzerin der Buchhandlung, mit dem sie zwölf Sommer verbracht hat und der zu ihrem besten Freund wurde, bis sich ihre Gefühle intensivierten und sie sich ineinander verliebten. Seit zehn Jahren haben sie keinen Kontakt mehr, nachdem Charlie Liberty Beach überstürzt verlassen hatte.

Der Roman wird aus der Perspektive von Charlie geschildert und wechselt zwischen der Vergangenheit und den zwölf gemeinsamen Sommern mit August und der Gegenwart mit dem unverhofften Wiedersehen Jahre später.

Aus einer Kinderfreundschaft mit der verbindenden Liebe zu Büchern war eine Liebe geworden, für die es kein Happy End gab. Was zwischen den beiden vorgefallen ist und zum Bruch geführt hat, bleibt zunächst ungewiss. In der Gegenwart herrscht eine angespannte Stimmung zwischen den beiden, wobei sich Charlie davor fürchtet, sich erneut in August zu verlieben.

Die Entwicklung der Friends-to-Lovers-Story wird authentisch beschrieben. Charlie und August kommen sich Jahr für Jahr näher, gleichzeitig bleiben jedoch Unsicherheiten und Unausgesprochenes, was sie auf Distanz zu einander hält. Die unterschiedliche soziale Herkunft, Scham und die Angst, die innige Freundschaft zu gefährden, scheinen unüberwindbare Hürden. Zudem ist Charlie geprägt von den unglücklichen Liebesgeschichten ihrer Mutter, weshalb sie ihr Herz vor Verletzungen schützen möchte.

Die Geschichte entwickelt sich langsam und wird arg in die Länge gezogen, da sich die beiden Hauptfiguren und ihrem (Liebes-)glück unaufhörlich im Weg stehen. Beide Erzählstränge beinhalten dieselbe Problematik, über die nicht gesprochen wird. Der rosa Elefant steht im Raum, Fehler wiederholen sich und lassen die Geschichte ohne neue Impulse eintönig werden.
Die Stimmung ist melancholisch und trotz Summer Vibes durch Charlies Bedenken, Wehmut und Sehnsucht von einer unterschwelligen Melodramatik geprägt. Der Schreibstil ist warmherzig und voller Liebe für die Figuren, Bücher und den Wohlfühlort einer Buchhandlung, der gleichzeitig Flucht in andere Welten und Zuhause ist.  

"Kein Sommer ohne August" ist ein Roman über Freundschaft, Liebe und zweite Chancen, der stark charakterorientiert ist und die äußere Rahmenhandlung etwas monoton hält. 

Mittwoch, 3. Juni 2026

Buchrezension: Emily R. Austin - Sister, Sister

Inhalt:

Sigrid und Margit waren als Kinder unzertrennlich - gemeinsam trotzten sie der Kälte ihres Elternhauses. Doch dann schmiss Sigrid die Schule, zog mit ihrer besten Freundin ziellos durch die Kleinstadt und verlor sich zunehmend im Gefühl, nirgends dazuzugehören. Heute lebt Margit ein geordnetes Leben, während Sigrid kaum weiß, wo sie hingehört. Dass ausgerechnet Margit sie nicht mehr versteht, trifft sie wie ein Verrat. Erst ein tragisches Ereignis zwingt die beiden, sich der Wirklichkeit zu stellen. Im leichten, selbstironischen Ton erzählt die Autorin eine herzergreifende Geschichte über zwei Schwestern, die trotz ihrer zunehmenden Entfremdung wieder zueinander finden - und zu sich selbst. 

Rezension:

Ausgehend vom Klappentext und beschrieben als "liebevolles Porträt von Schwesternschaft" hatte ich eine andere Art der Geschichte erwartet. Der Klappentext fasst vielleicht die Lebensumstände der beiden Schwestern knapp zusammen, nicht aber den Inhalt des Buches.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert, wobei der erst längste Abschnitt 21 Versuche eines Abschiedsbriefes Sigrids auf der Grundlage von Tagebucheinträgen beschreibt. Ich verrate nicht zu viel, dass es sich dabei um Suizid handelt, wie auch die Triggerwarnung eingangs auf den Roman vorbereitet.
Der zweite Abschnitt ist die Reaktion Margits darauf, der letzte Sigrids Therapie-Tagebuch.

Die unterschiedlichen Perspektiven sind Erinnerungen an die Kindheit und Jugend und Versuche der Rechtfertigung oder Erklärung für die Todessehnsucht. Dabei kommt es zu Widerrufen und Offenbarungen von Lügen, die irritieren und sowohl Sigrid als auch Margit zu unzuverlässigen Erzählerinnen machen. 

Der Roman besteht aus andauernden inneren Monologen und zum Teil absurden Gedankenstrudeln aufgrund der blühenden Fantasie beider Schwestern. Dabei kommt es zu zahlreichen Wiederholungen im Hinblick auf die gemeinsame Vergangenheit, was Sigrid bewegt und was möglicherweise der Auslöser für ihren Selbstmordversuch gewesen sein könnte. 

Anders als gedacht, ist die Beziehung der Schwestern zu einander nur ein Randaspekt der Erzählung. Es geht vielmehr um Einsamkeit, das Gefühl, nicht "normal" zu sein, nicht dazuzugehören und den Wunsch, nicht erwachsen zu werden. Dazu kommen die äußeren Umstände in der homophoben Kleinstadt, Queerness, die Opiodkrise, eine verlorene Freundschaft und die Schuldgefühle deswegen, die Sigrid belasten. 
Neben dem sensiblen Inhalten Suizid/ Selbstmordversuch sind es viele weitere bewegende Themen, die am Ende erschreckend wenig berühren können, macht es der Erzählstil doch schwer, Zugang zur Hauptfigur zu erhalten. 

Montag, 1. Juni 2026

Buchrezension: Eva Almstädt - Akte Nordsee: Die letzte Predigt (Fentje Jacobsen und Niklas John ermitteln, Band 4)

Inhalt:

Der Pastor in Estherwieck wird tot im Watt aufgefunden. Ertrunken. War es ein Unfall? Am Tag zuvor hatte er jedoch eine ungewöhnlich entrüstete Predigt gehalten, und die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Die Ermittlungen der Polizei nehmen eine neue Wendung als eine frühere Freundin, die den Pastor am Tag zuvor besucht hatte, als vermisst gemeldet wird, und Niklas John gerät unter Verdacht. Er hatte die junge Frau am Abend ihres Verschwindens noch getroffen. Als deren sterbliche Überreste in der Nähe einer alten Marinekapelle gefunden werden und Niklas den Verdacht nicht ausräumen kann, bitte er Fentje Jacobsen als Anwältin um Hilfe. Können die beiden gemeinsam den wahren Mörder finden? 

Rezension: 

In Estherwiek wird die Silberne Konfirmation gefeiert, bei der alte Wunden an einen Unfall während des Konfirmanden-Zeltlagers wieder aufreißen. Auch die ehemalige Konfirmandin Lena, die anlässlich des Jubiläums aus Hamburg in ihre Heimat zurückgekommen ist und eine Änderung des Sorgerechts für ihren Sohn erstreiten möchte, ist wenig willkommen. Ein vertrauliches Gespräch mit dem Pastor ermuntert diesen zu einer scharfen Predigt um Gerechtigkeit und Verrat, die Fragen aufwirft.
Zwei Tage später sind sowohl der Pastor als auch Lena tot. Niklas John hatte Lena zuletzt gesehen und gerät deshalb ins Visier der Polizei. Die Anwältin Fentje Jacobsen, die sich vor Kurzem von Niklas getrennt hatte, hält die beiden Todesfälle für keinen Zufall und stellt Nachforschungen an, um Niklas zu unterstützen, während die Polizei eine falsche Spur zu verfolgen scheint.

"Die letzte Predigt" ist der vierte Band der Krimireihe "Akte Nordsee" um die Anwältin Fentje Jacobsen und den Journalisten Niklas John, die sich durch ihre gemeinsamen Ermittlungen in früheren Kriminalfällen emotional näher gekommen sind.

Der Roman beginnt sehr gemächlich und stellt zunächst auf die Beziehungen der verschiedenen Protagonisten ab, die mitunter schwierig sind. Bis die erste Leiche gefunden wird und man das Gefühl erhält, einen Krimi zu lesen, vergehen mehr als hundert Seiten. Der Klappentext fasst mehr als die Hälfte des Romans zusammen und verrät damit vorab auch schon zu viel über die zweite Leiche und eine mögliche Involvierung von Niklas, wobei der Verdacht gegen ihn letztlich gar keine gravierenden Auswirkungen hat.

Wie in den Bänden zuvor, folgen Fentje und Niklas ihren Instinkten und gehen mitunter unkonventionelle Wege, um mehr Informationen über die beiden Toten und die Umstände ihrer Tode zu erfahren. Befragungen in Lenas Umfeld ergeben Bezüge zum Prolog, der im Vorfeld nur schwer einzuordnen war.

Das Finale ist unleugbar spannend, aber die Vorgehensweise der Täter dilettantisch und fast schon ärgerlich idiotisch. Am Ende wird dem Leser durch einen Dialog zwischen Fentje und Niklas zwar eine Erklärung für die Ereignisse geliefert, die aber in keiner Weise überzeugt. Weder der erste noch der zweite Mord, noch der Mordversuch (unter Zeugen!) waren nötig. Das ganze Konstrukt des Romans mit vielen unnötigen Nebenschauplätzen, Polizeiversagen und dem richtigen Riecher der beiden Hauptfiguren ist zwar unterhaltsam, wirkt am Schluss aber nicht stimmig.

Montag, 4. Mai 2026

Buchrezension: Annabel Monaghan - Summer Romance

Inhalt:

Ali Morris ist ein wahres Organisationstalent - nur mit dem eigenen Leben kommt sie seit dem Tod ihrer Mutter und dem Ende ihrer Ehe nicht mehr klar. Drei Kinder, die Herausforderungen des Alltags und ein kaputtes Herz lassen kaum Raum für Leichtigkeit. Doch dann begegnet ihr Ethan. Charmant, aufmerksam, witzig - und auch noch ziemlich gut im Umgang mit ihrem chaotischen Hund. Zwischen Herzklopfen und kleinen Rückschlägen spürt Ali, dass es manchmal gar nicht darum geht, perfekt zu sein. Sondern mutig. Und wer sagt, dass eine Sommerliebe nicht mehr sein kann als nur ein kurzer Flirt? 

Rezension:

Ali arbeitet als Ordnungscoach und liebt es, das Chaos ihrer Kunden zu beseitigen. In ihrem eigenen Leben sieht es nach dem Tod ihrer Mutter und der Trennung von ihrem Ehemann aber alles andere als aufgeräumt aus. Am Tag, als ihren Ehering abnimmt und endlich wieder eine ordentliche Hose anzieht, trifft sie im Hundepark auf Ethan, dem es nicht ausmacht, von ihrem Hund Ferris markiert zu werden. Was Ali zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist dass Ethan der jüngere Bruder ihrer Freundin Frannie ist, der über den Sommer in Beechwood ist und schon als Teenager ein Auge auf Ali geworfen hatte. 
Ethan ist der erste Mann, von dem sich Ali seit Langem wahrgenommen fühlt und genießt die gemeinsame heimliche Zeit mit ihm. Es soll eine leichte Sommerliebe sein, aber das Vorhaben ist nicht so einfach mit ihren Gefühlen zu vereinbaren. 

"Summer Romance" ist ein Roman voller Herz und Humor, der so lebensecht und ehrlich geschrieben ist. Es fällt leicht, sich in Ali und ihre Lebenssituation hineinzuversetzen, die noch voller Trauer um ihre Mutter ist und die Trennung von Ehemann Pete verarbeiten muss, die sich weit weniger schmerzhaft anfühlt. Als sie versucht, ihr Leben als Mutter dreier Kinder wieder auf die Reihe zu kriegen, begegnet sie Ethan, der für Chaos in ihrem Herzen sorgt. 

Die Geschichte vereinbart mühelos leichte und ernste Themen. Die Dialoge und Charaktere sind so lebendig gestaltet, dass man die Chemie zwischen den Figuren spüren kann. Die Geschichte ist voller Summervibes, Empathie und Herzenswärme, aber auch von einer schmerzlichen Tiefe geprägt. Sowohl Ali als auch Ethan haben Schwierigkeiten, die nachvollziehbar sind, was die Charaktere nahbar macht. Ali muss lernen, mehr für sich selbst einzustehen und das unliebsame Hausfrauen-Image abzulegen, das sie sich übergestülpt hat und Ethan muss sich von seinem Image als unzuverlässiger Junggeselle befreien, das er in Devon zwar abgestreift hat, ihm in seiner Heimat Beechwood aber immer noch nachhängt. 

Die Liebesgeschichte entwickelt sich zart und respektvoll. Es ist keine stürmische Sommerliebe, auch wenn die Funken sprühen. Sie ist emotional und berührend, weshalb man unweigerlich mitfiebert, ob und wie Ali und Ethan ihre Liebe in ihren Alltag integrieren und eine gemeinsame Basis schaffen können. 
Neben der romantischen Liebe ist "Summer Romance" ein Roman über Selbstliebe und Selfcare, der, wie es das Cover verspricht, voller "Herz, Witz und Sehnsucht" ist. Die Entwicklung der Charaktere ist authentisch, die die Notwendigkeit erkennen, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen und dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist. 


Freitag, 1. Mai 2026

Buchrezension: J. P. Pomare - Seventeen Years Later

Inhalt:

Die gewaltsame Ermordung der Familie Primrose vor 17 Jahren schockierte die Nation. Damals wurde der junge Maori Bill Kareama wegen des Mordes verurteilt. Podcasterin Sloan Abbott will für ihre Sendung den Fall noch einmal aufrollen. Gemeinsam mit dem Gefängnispsychologen TK, der sich vehement für eine Berufung einsetzte, findet Sloane Beweise, die ein neues Licht auf die Primroses werfen, und es gibt neue Verdächtige. Bills Unschuld ist damit noch lange nicht bewiesen. Können Sloane und TK die Wahrheit ans Licht bringen? Oder sind sie vielleicht schon längst selbst im Visier des Killers? 

Rezension: 

Vor 17 Jahren wurde eine wohlhabende Familie in der Kleinstadt Cambridge in Neuseeland brutal ermordet. Blutverschmiert und am Tatort gesehen, war Bill Kareama, der Privatkoch der Primroses, der prädestinierte Tatverdächtige, der wenige Stunden nach der Tat verhaftet und angeklagt wurde.
Die erfolgreiche True-Crime-Podcasterin Sloan Abbott ist überzeugt, dass Bill kein faires Ermittlungsverfahren gewährt wurde und versucht nun, die Wahrheit herauszufinden. Schon am ersten Tag vor Ort deckt sie Ungereimtheiten in dem Kriminalfall auf, die weitere Zweifel schüren, dass damals sorgfältig ermittelt wurde.

Der Roman wird in der Gegenwart aus den Perspektiven von Sloan und dem Polizeipsychologen Te Kuru geschildert, während die Vergangenheit anhand des von Bill verfassten Manuskripts "Seventeen Years Later" erzählt wird.

Sloan sieht sich einem Justizirrtum auf der Spur und befragt Zeugen und in den Kriminalfall involvierte Personen. Dabei offenbart sie Hinweise, die die Polizei übersehen hat und findet sowohl entlastende als belastende Indizien für die Täterschaft von Bill Kareama, der im Gefängnis sitzt und seine Unschuld beteuert. TK, der Bill für schuldig hält, rollt nach Sloans Kontaktaufnahme den Fall ebenfalls auf.

Für anhaltende Spannung sorgt, dass man sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein kann, ob es sich bei Bill Kareama um den wahren Täter oder einen unschuldig Verurteilten handelt. Als Maori könnte er rassistisch vorverurteilt worden sein oder tatsächlich eine unkontrollierte Wut auf seine ehemaligen Arbeitgeber gehabt haben, die ihn falsch verdächtigt hatten, ihrer Tochter zu nahe gekommen zu sein.

Die Suche nach der Wahrheit ist durch zahlreiche falsche Fährten wendungsreich gestaltet. Glaubt man den Tathergang durchschaut zu haben, wird man wiederholt von einer neuen Enthüllung erwischt, die alles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Der Roman entwickelt sich damit von einem Cold Case-Krimi von Hobbydetektiven zu einem wendungsreichen Thriller, wobei es am Ende schon fast zu viele potentielle Täter hagelt. 
Je näher Sloan und TK der Wahrheit kommen, desto bedrohlicher wird das Szenario. Gibt es am Ende Gerechtigkeit für einen Unschuldigen oder den letzten Beweis, dass es sich bei Bill um ein Monster handelt? 

Montag, 30. März 2026

Buchrezension: Karina May - Keeping it casual

Inhalt:

Bei Maxine läuft es alles andere als rund: Erst erhält sie eine beunruhigende Diagnose, dann entdeckt sie, dass ihr Freund sie betrügt. Ihre beste Freundin Alice findet, Max braucht dringend Ablenkung - und meldet sie kurzerhand bei Tinder an. So lernt Max Johnny kennen: charmant, witzig und überraschend vertraut. Gemeinsam kochen sie sich per Chat durch das Familienkochbuch von Max’ Ex - ohne sich je zu begegnen, denn beide wollen nichts Ernstes. Doch aus dem harmlosen Spiel wird mehr, als Max vor einer entscheidenden Operation steht und alles, was sie bisher für wichtig hielt, hinterfragt. Aber hat sie den Mut, für das Leben - und die Liebe - einzustehen, die sie sich wirklich wünscht? 

Rezension: 

Maxine hat erfahren, dass sie einen Hirntumor hat und steht kurz vor der OP, als sie ihren Freund bei einer Affäre erwischt. Sie verkriecht sich daraufhin bei ihrer Freundin Alice, die sie bei Tinder anmeldet, wo sie auf Johnny trifft. Aus einem Chat entwickelt sich eine kulinarische Challenge, bei der beide getrennt voneinander Gerichte aus dem Kochbuch der französischstämmigen Familie ihres Exfreunds Scott kochen. Für Max sind die Kochabende mehr als nur eine Abwechslung und dennoch bricht sie den Chat vor der OP ab, ohne Johnny den wahren Grund zu nennen.
Erst eine heilsame Reise nach Frankreich ermutigt Max, erneut den Kontakt zu Johnny zu suchen. 


Der Roman startet mit einer originellen Idee und einem kulinarischen Tinder-Wettbewerb, aus dem sich ein unterhaltsamer Schlagabtausch zwischen Maxine und Johnny ergibt. Mit der Gehirnoperation enden die Chats und rücken Maxines Genesungsweg in den Vordergrund, der sie wieder in die Nähe ihre Ex-Freundes und seiner anstrengenden Familie bringt. 
Durch Rückblenden wird mehr über ihre Beziehung und das Beziehungsaus offenbart, so dass sich Scott immer mehr als "Red Flag" beweist. 

Umso gespannter ist man auf ein mögliches Wiedersehen mit Johnny, das sich durch einen Paris-Urlaub, der sich zu einem Selbstfindungstrip Maxines entwickelt, weiter hinauszögert. Die Leidenschaft für die französische Küche, das "Mutterschiff" IKEA als Wohlfühlort für inspirierende Ideen sowie das "Nest" bei Alice ebnen Max' Weg, was lebendig und unterhaltsam ist, aber Romantik und die tiefergehende Auseinandersetzung mit Problemen kommen im Vergleich dazu zu kurz oder treten ganz in den Hintergrund. Selbst die Diagnose Hirntumor wirkt damit wenig bedrohlich, auch oder gerade weil es am Ende noch eine unlogische Wendung gibt. 
Der Liebesgeschichte mit Johnny fehlt der nötige Raum zur Entwicklung und eine Reihe von Zeitsprüngen verhindert darüber hinaus, dass ihre Liebe fühlbar wird.  

"Keeping it casual" ist eine kulinarik-lastige Selbstfindungsreise mit einer Prise Liebe, die jedoch so lückenhaft erzählt ist, dass die Handlung nicht ganz authentisch wirkt, auch wenn die Geschichte sprachlich durchaus mit Wortwitz überzeugen kann. 

Samstag, 28. Februar 2026

Buchrezension: Florence Knapp - Die Namen

Inhalt:

Es ist 1987 und Cora ist auf dem Weg zum Amt, um die Geburt ihres Sohnes anzumelden - und seinen Namen. Noch ahnt sie nicht, wie sehr dieser Moment ihr Leben und das ihres Sohnes prägen wird.
Coras Mann Gordon, ein allseits beliebter Arzt, erwartet, dass sein Sohn nach alter Tradition den Namen des Vaters bekommt - und somit den von Generationen herrischer Männer vor ihm. Ihre Tochter Maia möchte den kleinen Bruder Bear nennen, und Cora selbst bevorzugt Julian, in der Hoffnung, dass ihr Sohn sich so zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln kann. 

Rezension: 

1987 macht sich Cora zusammen mit ihrer neunjährigen Tochter auf den Weg, um die Geburt ihres Sohnes im Standesamt anzunehmen. Ihr Mann Gordon, ein in dem Ort angesehener Hausarzt, ist zu Hause dominant und möchte, dass der Sohn nach der Familientradition wie der Vater Gordon getauft wird. Cora möchte, dass ihr Sohn seinen eigenen Weg und nicht von dem Namen seiner Väter beeinflusst ist und zögert deshalb. Ihre Tochter schlägt den Namen Bear vor, den sie mit Mut und Stärke, aber auch mit Sensibilität verbindet. Cora bevorzugt Julian als "Himmelsvater". 
Drei Namen, drei Lebenswege, drei Möglichkeiten von Selbstbestimmung. 

Das Buch handelt vom Schmetterlingseffekt einer Entscheidung und wie sich die Namensgebung ihres Sohnes auf das Leben der gesamten Familie auswirkt. Dabei geht es weniger um den Namen als solchen, denn diese sind rein symbolisch. 

Die drei Varianten erzählen die Geschichte der Familie im Zeitraum von 35 Jahren, wobei es jeweils Ausschnitte im siebenjährigen Abstand sind. Die Handlung ist deshalb episodenartig und lückenhaft und es braucht Konzentration, um beim Wechsel der Perspektive die Lebensumstände neu zu sortieren.

Aus drei Hauptfiguren werden neun Persönlichkeiten, die sich unterschiedlich entwickeln, weshalb keine echte Nähe zu ihnen aufgebaut werden kann. Die Wesensveränderungen und Entscheidungen können deshalb auch nicht unmittelbar nachvollzogen werden, da das Miterleben fehlt und nur die Resultate präsentiert werden. 

Dennoch ist die Geschichte aufgrund ihrer Tragik und der eindringlichen, ungeschönten Erzählweise berührend und fordernd. Die Darstellung von häuslicher Gewalt - körperlicher und seelischer Natur - ist unerträglich, ohne dass zu sehr ins Detail gegangen werden muss. Selbst wenn sich das Ende in den Varianten unterscheidet, wird in allen Versionen deutlich, wie schwer ein Trauma wirkt und wie schwer es ist, seinen eigenen Lebensweg zu finden und glücklich zu werden. 

Montag, 19. Januar 2026

Buchrezension: Alison Espach - Wedding People

Inhalt:

Als Phoebe Stone in einem grünen Seidenkleid und goldenen High Heels im prächtigen "Cornwall Inn" ankommt, wird sie von allen für einen Hochzeitsgast gehalten. Doch sie ist die Einzige, die nicht zum Feiern angereist ist. Seit Jahren hat sie davon geträumt, mit ihrem Mann hierherzukommen. Nun ist sie ohne ihn hier, am Tiefpunkt ihres Lebens, fest entschlossen, sich ein letztes Mal etwas zu gönnen, bevor sie mit allem Schluss macht. Dumm nur, dass sie ausgerechnet der Braut in die Quere kommt. Die hat jedes Detail und jede denkbare Katastrophe sorgfältig einkalkuliert - mit einer Ausnahme: Phoebe und deren Vorhaben. Als sich ihre Wege kreuzen, gerät alles aus dem Takt, und es setzt etwas in Gang, das keine von ihnen erwartet hat. 

Rezension: 

Phoebe checkt ohne Gepäck und nur mit ihrem besten Kleid bekleidet im "Cornwall Inn" in Newport ein. Sie ist der einzige Gast, der nicht Teil der Hochzeitsgesellschaft von Lila und Gary ist. Phoebe hat beschlossen, sich hier, an ihrem Glücksort, umzubringen. Nach jahrelanger erfolgloser Kinderwunschbehandlung und der Scheidung von ihrem Mann sieht sie für ihr Leben keine Perspektive mehr. Lila, die mit Freunden und Verwandten eine Woche lang ihre Hochzeit mit ihrem elf Jahre älteren Verlobten feiern möchte, hat selbstverständlich etwas dagegen das Hotel mit einer Leiche zu teilen. Im Verlauf eines abends kommen sich die unterschiedlichen Frauen näher, so dass Phoebe am Ende von ihren Plänen abweicht. Lila lädt sie ein, am Rahmenprogramm der Hochzeit teilzunehmen und nach einer Woche ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Der Roman ist aus der Sicht der 40-jährigen Phoebe verfasst, wodurch sie nahbar wirkt und auch ihr Gefühlschaos nachvollziehbar dargestellt ist. Aber auch in die zweite Hauptfigur Lila kann man sich im Verlauf des Romans hineinversetzen. Beide Frauen haben tiefgreifende Verluste erlitten, was die beiden eint. Während Phoebe in einer depressiven Phase steckt, ist Lila hingegen euphorisch und ein wenig überdreht. Ein Blick hinter die Fassade zeigt jedoch, dass beide einsam und verunsichert sind.

Frühzeitig ist klar, dass die unterschiedlichen Frauen vor einem Scheideweg stehen und wie sich die Geschichte in ihrem Kern entwickeln wird.
Vereinzelt gibt es humorvolle Szenen, im Wesentlichen wird der Roman jedoch von ernsten Themen wie Tod, Trennung, Verlust und nicht erreichten Zielen bestimmt.
Das Programm für die perfekte Luxushochzeit sorgt für Abwechslung, in Bezug auf die Entwicklung der Charaktere ereignet sich jedoch wenig.

Aufgrund des feuchtfröhlichen Covers und der Werbung als New-York-Times-Bestsellers hatte ich mir von der Geschichte mehr erwartet. Dem überraschend undramatischen Roman fehlte es an Spannung und Emotionen. Der schnelle Wandel der Frauen innerhalb von nur wenigen Tagen erschien wenig realistisch, die Geschichte zu ereignislos und eintönig.

Es ist ein Roman über Neuanfänge und die Suche nach Glück, bei dem die Probleme der Charaktere nur oberflächlich angesprochen werden. Trotz der skurrilen Ausgangssituation entwickelt sich die Geschichte belanglos und zäh. 


Mittwoch, 7. Januar 2026

Buchrezension: Coco Mellors - Cleopatra und Frankenstein

Inhalt:

Ein Silvesterabend in New York: Cleo, Mitte zwanzig, britische Kunststudentin, Bohémienne a.k.a. ewig pleite, trifft Frank, Mitte vierzig, Amerikaner, Inhaber einer Werbeagentur und ungleich gesettleter, im Aufzug einer Partylocation. Es ist die vielbeschworene Liebe auf den ersten Blick. Hals über Kopf stürzen Cleo und Frank sich in eine amour fou, mit der sie selbst kaum Schritt halten können - geschweige denn die, die ihnen nahestehen. 

Rezension: 

Cleo und Frank treffen sich im Fahrstuhl beim Verlassen einer Silvesterfeier. Es bleibt nicht bei einem Flirt, schon nach sechs Monaten sind die beiden verheiratet, denn Cleos Studentenvisum neigte sich dem Ende zu. Sie lieben sich, doch der Alltag ist nicht einfach. Cleo versucht sich als Künstlerin einen Namen zu machen, leidet jedoch seit Jahren unter Depressionen und hat den Verlust ihrer Mutter nicht verkraftet. Der knapp 20 Jahre ältere Frank ist Inhaber einer Werbeagentur und erfolgreicher Selfmade-Man, hat jedoch mit einem Alkoholproblem zu kämpfen.  
Unsicherheiten, Streit und fehlende Kommunikation sind die Folge und drohen ihre Liebe zu zerbrechen. 

Der Roman ist aus mehreren Perspektiven geschildert. Neben den beiden Hauptfiguren Cleo und Frank gibt es Kapitel aus der Sicht von Personen, die ihnen nahestehen, wie Franks Halbschwester Zoe und verschiedene Freunde von Cleo und Frank in New York. 
Es ist ein Buch über Liebe und Freundschaft und vor allem über die Probleme ausgefallener Individualisten. Ausgehend vom Künstler- und Kreativenmilieu geht es um eine privilegierte Gesellschaftsschicht in New York, in der Drogenkonsum und psychische Probleme keine Seltenheit sind. 

Durch die verschiedenen Personen und die Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sehen, ist die Geschichte facettenreich und vielschichtig, wobei die Verbindung zu Cleo und Frank als roter Faden stets erhalten bleibt. Die Vielzahl an handelnden Figuren sorgt jedoch auch dafür, dass einige der Themen um mentale Gesundheit, Sexualität und Rassismus nur oberflächlich behandelt werden. 
Dennoch ist insbesondere in den Dialogen die feine Beobachtungsgabe der Autorin zu erkennen. Der trockene Humor sorgt für ein wenig Leichtigkeit, auch wenn der Roman von einer steten Traurigkeit durchzogen ist. Nach der berauschenden Liebe auf den ersten Blick erfolgt die Ernüchterung und eine Erzählung, was nach dem Happy End passiert. Angst, sich den Problemen zu widmen, fehlende Kommunikation und der Wunsch, die Flucht zu ergreifen drohen Cleos und Franks Liebe zu zerstören.

Aus einem romantischen Neubeginn entwickelt sich ein schmerzhaftes Porträt einer Liebe. Es ist eine unbequeme Geschichte über Großstädter zwischen Identitätssuche und Selbstzerstörung, wobei die destruktiven Verhaltensweisen der Charaktere in den Bann ziehen und ein Ende ungewiss machen. Der Roman handelt innerhalb von zwei Jahren und schildert eine authentische Entwicklung der Figuren. Aufgrund der nur episodenhaften Darstellung entsteht jedoch keine echte Nähe. 

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Buchrezension: Linnea Holmström - Weihnachten am Siljansee

Inhalt:

Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, und in den langen Nächten funkeln die Sterne. Wie verzaubert scheint die winterliche Welt am Siljansee mit den festlich geschmückten und hell erleuchteten Häusern. Doch Per aus der hektischen Großstadt hat für all das keinen Sinn. Er will das geerbte Kinderheim so schnell wie möglich wieder loswerden. Allerdings hat er nicht mit der ebenso hübschen wie engagierten Inger gerechnet, die das Kinderheim leitet. 

Rezension: 

Inger und ihre Schwester Malena führen gemeinsam das Kinderheim "Villa Pusteblume" in einem Dorf in der Nähe von Leksand und kümmern sich liebevoll um ihre fünf ganz unterschiedlichen Schützlinge. Nachdem die Inhaberin des Gebäudes gestorben ist, die den beiden jungen Frauen finanziell unter die Arme griffen hat, steht das Kinderheim Ende des Jahres vor dem Aus. Inger und Malena sind im Rückstand mit der Miete und der Neffe Per, der das Haus geerbt hat, zeigt sich bei seiner Ankunft am Siljansee abweisen und unbarmherzig und droht mit der Zwangsräumung. 
Können Inger und die Kinder das Herz des Geschäftsmannes aus der Großstadt in der Vorweihnachtszeit erweichen? 

Der Roman bietet trotz der dramatischen Eingangssituation eine heimelige Atmosphäre. Der kleine Ort, in dem jeder sich kennt, ist winterlich kalt und schneebedeckt. Der erste Advent steht bevor und Inger und Malena sind mit den Vorbereitungen auf Weihnachten beschäftigt. Eine feierliche Stimmung will jedoch nicht aufkommen, denn nach einigen Reparaturen und weiteren laufenden Kosten stehen die beiden Schwestern mit dem Kinderheim vor dem finanziellen Ruin. 

Per ist als Antagonist der klischeehafte Geschäftsmann aus Stockholm, der weder Interesse und Empathie für das Kinderheim zeigt, noch um seine verstorbene Tante trauert. Offensichtlich ist jedoch, dass mehr im Argen liegt und im stillen Kämmerlein zeigt er sein gutes Herz, wenn er sich einem verletzten Hund, eines unterkühlten Kindes oder einer dementen älteren Dame annimmt. 

Dass es zu einem Happy End kommen wird, steht außer Frage, interessant ist vielmehr, wie die harte Schale Pers geknackt werden kann, um das Kinderheim zu retten. Eine Liebesgeschichte darf in einem Weihnachtsroman nicht fehlen, kommt in der Handlung jedoch arg kurz, da selbst 30 Seiten vor Schluss noch reine Abneigung zwischen Inger und Per herrscht. Liebeserklärungen ohne ein wirkliches Kennenlernen der beiden erscheinen dann nur wirklichkeitsfremd. Wenig realistisch ist auch, dass die beiden Schwestern trotz ihrer andauernden Sorgen keine Überlegungen anstellen, wie sie aus der Misere herauskommen möchten. 

Dennoch: Winterliches Flair, Dramatik, Gemeinschaft, Hoffnung und Nächstenliebe machen das Buch zu einer herzerwärmenden Geschichte. Gerade zur Weihnachtszeit darf man noch an Wunder glauben, weshalb nicht jeder Konflikt eine tiefgreifende Lösung erfordert. 

Freitag, 28. November 2025

Buchrezension: Sarah Bestgen - Safe Space

Inhalt:

Sadisten, Psychopathen, Serienmörder - die forensische Psychologin Anna Salomon weiß um die dunklen Abgründe der menschlichen Natur. Sie gilt als Ausnahmetalent in der Behandlung von Straftätern und ist bekannt dafür, die undurchdringlichsten Fassaden zu durchschauen. Doch niemand ahnt, was sich hinter ihrer eigenen verbirgt. Denn ausgerechnet in den Mauern eines Hochsicherheitsgefängnisses jagt Anna ihrer ganz persönlichen Heilung hinterher. Auf der Suche nach der Wahrheit ist sie bereit, alles zu riskieren. Nur: Sie ist nicht die Einzige, die ein gefährliches Spiel spielt. Jemand spielt mit - der Einsatz ist Annas Leben. 

Rezension: 

Anna Salomon hat ihre Stelle als Anstaltspsychologin in der JVA Weyer angetreten. Dort wird sie Straftäter, die in dem Hochsicherheitsgefängnis einsitzen, behandeln, um ihnen bestenfalls zu einer Resozialisierung zu verhelfen. Annas Motivation geht jedoch weit über ihren eigentlichen Beruf hinaus. Sie möchte Gewissheit haben, was mit ihrer Schwester Sina passiert ist und hofft, in Weyer Antworten darauf zu finden. In der irrigen Annahme, dass dort niemand ihren Hintergrund kennt, begibt sie sich unweigerlich in Gefahr, denn mit Mördern spielt man nicht...

Der Thriller handelt auf zwei Erzählebenen, wobei die Gegenwart aus der Perspektive von Anna erzählt wird, die einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen möchte und sich dafür erfolgreich Zugang in eine Justizvollzugsanstalt verschafft hat. Die Vergangenheit wird aus den Perspektiven von Annas Schwester Sina und Leon geschildert, der diese vor ihrem aggressiven Freund schützen möchte. Sinas Tagebuch sowie Leons Erinnerungen an seine Kindheit ergänzen die Handlung und geben Raum für Spekulation.

Viele der handelnden Personen haben schlimme Erfahrungen hinter sich, sind traumatisiert und verhalten sich doppeldeutig. Es ist deshalb schwierig, die Protagonisten einzuschätzen, was für anhaltende Spannung sorgt. Folgerichtig wird man mit einem Täter überrascht, den man nicht im Visier hatte.

Die Geschichte ist wendungsreich und lässt in das Dunkle der menschlichen Seelen blicken. Interessant sind die Einblicke in die Abläufe einer JVA und die Therapie von Intensivstraftätern, deren Sinnhaftigkeit man unweigerlich hinterfragt.

"Safe Space" baut auf Verrat und Manipulation und handelt von den Auswirkungen von Gewalt, Erniedrigungen und Traumata. Nach der finalen Auflösung zieht sich das Ende etwas in die Länge und in Bezug auf den Aufbau der Geschichte spielte der Zufall für mich eine etwas zu große Rolle. 

Freitag, 21. November 2025

Buchrezension: Alice Hunter - Die Schwester des Serienkillers

Inhalt:

Nachdem sie viele Jahre mit ihrem Bruder Henry in einem Kinderheim verbracht hat, geht es Anna Price jetzt gut im Leben. Sie ist eine geachtete Lehrerin und führt ein perfektes Leben mit einem schönen Haus am Meer und einem treuen Ehemann, den sie liebt. Bis eines Tages DI Walker ihr mitteilt, dass ihr Bruder ein Serienmörder ist. Seine letzten Morde hat er an ganz bestimmten Tagen begangen, einer davon ist Annas Geburtstag. Keine zwei Tage entfernt. Die Polizei braucht Annas Hilfe, um Henry rechtzeitig zu fassen. Denn er spielt ein altes »Katz-und-Maus-Spiel« aus Kindertagen, das nur Anna kennt. Doch warum? Will er, dass sie ihn findet? Oder ist sie sein nächstes Opfer? 

Rezension:

Anna Price hat sich trotz ihrer traumatischen Kindheit, die sie nach dem Missbrauch durch ihre Eltern in einem Kinderheim verbracht hat, ein intaktes Leben mit einem liebenden Ehemann an ihrer Seite, ihrem Traumberuf als Lehrerin und einem Haus am Meer aufgebaut.
Doch als ein Polizist vor ihrer Tür steht, wird Anna von ihrer Vergangenheit, die sie erfolgreich zurückgedrängt hatte, eingeholt. Ihr Bruder Henry, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, soll ein gesuchter Serienmörder sein. Fünf Frauen habe er bereits auf dem Gewissen und aufgrund der Todesdaten, die er innerhalb der letzten drei Jahre für seine ausschließlich weiblichen Opfer gewählt hatte, scheint der nächste Mord unmittelbar bevorzustehen. Die Polizei hofft, dass Anna helfen kann, die nächste Tat zu verhindern und kann nicht ausschließen, dass Anna sein nächstes Opfer ist. Schon wenig später erhält Anna einen Umschlag mit einem Rätsel, das sich offensichtlich auf das Spiel bezieht, das Anna und Henry in ihrer Kindheit gespielt haben und außer Kontrolle geriet. Anna muss mitspielen, um zu verhindern, dass Henry ihr Geheimnis lüftet, das ihr Leben zerstören könnte.

"Die Schwester des Serienkillers" ist der dritte Band der Serienkiller-Reihe, der unabhängig von den zuvor erschienenen Büchern gelesen werden kann, da es sich um abgeschlossene Geschichten mit eigenen Charakteren handelt.

Der Roman handelt in der Gegenwart an nur vier Tagen im Mai, die den Countdown bis zum mutmaßlich letzten Mord des Serienkillers bilden. Daneben gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, als Anna zusammen mit ihrem Bruder im Kinderheim Finley Hall untergebracht war und Henry immer unberechenbarer wurde. Ergänzend erhält man Einblicke in die Denkweise des Killers und die Durchführung seiner Taten, mit denen er auf makabre Weise die Nähe zu seiner Schwester herstellen möchte.

Obschon der Vergangenheitsstrang knapp gehalten ist, erhält man einen Eindruck davon, wie die Kinder von ihren eigenen Eltern vernachlässigt wurden und auch keine glücklichen Erfahrungen im Kinderheim gesammelt haben. Verunsicherung, Angst und Wut sind nachvollziehbar und geben eine Erklärung für Henrys krankes Spiel, mit dem er sich an seine Schwester klammert und sie gleichzeitig zurückweist. 

Die Gegenwart ist abwechslungsreich geschildert, auch wenn gar nicht viel passieren muss, um Annas Leben in ihren Grundfesten zu erschüttern. Beruflich und privat steht sie schon bald vor einem Scherbenhaufen, wobei fraglich ist, wie viel Einfluss ihr Bruder ausübt und was er letztlich bezwecken möchte. Das Geheimnis, das er und seine Schwester teilen, kann hingegen frühzeitig erahnt werden. 
In Bezug auf die Mordserie und die Ermittlungen von DI Walker bleiben viele Fragen offen und lassen die Geschichte konstruiert erscheinen. Auch gibt es nur in den letzten Kapiteln wirklich spannende Momente, wobei die lange Vorgeschichte für den Showdown nur bedingt nötig gewesen wäre. Der Clou im Epilog kommt wahrlich überraschend, lässt aber auch die gesamte Logik der Geschichte in Frage stellen.

Freitag, 7. November 2025

Buchrezension: Etaf Rum - Evil Eye

Inhalt:

Nach außen hin führt Yara ein perfektes Leben: Sie hat ein abgeschlossenes Studium, einen guten Job, erzieht parallel die beiden Töchter und bereitet das Abendessen vor, wenn ihr Mann nach langen Arbeitstagen nach Hause kommt. Doch wieso fühlt es sich nicht richtig an? Woher kommen ihre Unzufriedenheit, ihre Wutausbrüche, ihre zunehmende Verzweiflung? Als Yara nach einem Zwischenfall auf der Arbeit gezwungen wird, eine Auszeit und psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, kommt ein Stein ins Rollen und sie beginnt, sich ihren Gefühlen zu stellen. Evil Eye erzählt von der Bedeutung eines erfüllten Lebens und wie unsere unbewältigte Vergangenheit unsere Gegenwart beeinflusst. 

Rezension:

Yara stammt aus einer palästinensischen Familie und ist in New York aufgewachsen. Als sie 19 Jahre alt ist, arrangiert Ihr Vater eine Hochzeit mit dem Sohn eines guten Freundes, der in den Südstaaten lebt. Yara ist froh, ihrem Elternhaus mit einem dominanten Vater und einer unglücklichen Mutter entfliehen zu können.
Knapp zehn Jahre später unterrichtet Yara Kunst an der örtlichen Hochschule, kümmert sich um den Haushalt und die beiden Töchter und stellt ihrem Ehemann pünktlich das Abendessen auf den Tisch.
Offensichtlich geht es ihr so viel besser als ihrer Mutter, die sich um sechs Kinder kümmern musste und nie einen Beruf ergriffen hat und trotzdem ist Yara unzufrieden. Von ihrem Mann erntet sie nur Unverständnis und an ihrem Arbeitsplatz wird sie nach einer impulsiven Reaktion auf eine rassistische Beleidigung zu psychotherapeutischen Sitzungen verpflichtet. Nach anfänglicher Skepsis beginnt sich Yara zu öffnen und in sich hineinzuhören. Mit Hilfe eines Tagebuchs lässt sie die Erinnerungen an ihre Kindheit zu und setzt sich mit der Vergangenheit auseinander, um nicht in das gleiche Fahrwasser wie ihre Eltern zu geraten.

Yara ist arabische Amerikanerin und fühlt sich nirgendwo zugehörig. Das Land ihrer Eltern existiert nicht und in Amerika gilt sie auf ewig als Einwanderin. Selbst in der arabischen Gemeinde fühlt sie sich nicht wohl. Yara ist einsam und statt Dankbarkeit gegenüber ihrem Mann zu zeigen, der für die Familie sorgt und sie dennoch arbeiten lässt, kocht in Yara eine Wut, die ihr Leben immer mehr bestimmt und ihr intaktes Familienleben bedroht.

Yara erwartet mehr vom Leben. Sie hat Träume und wünscht sich, frei zu sein. Ihre Gefühle sind eindringlich geschildert. Es fällt leicht, sich in ihre Situation hineinzuversetzen und ihre Hoffnungen und Wünsche, aber auch ihre Hilflosigkeit und Wut nachzuvollziehen.
Erschütternd sind die Tagebucheinträge, die nicht nur Einblicke in die toxische Ehe ihrer Eltern liefern, sondern auch zeigen, welchem Druck Yara als kleines Mädchen ausgesetzt war und wie ein Geheimnis ihrer Mutter sie überforderte.

Der Roman handelt von Alltagsrassismus, patriarchalen Strukturen, kulturellem Druck und Traumata, die über Generationen weitergegeben werden. Es ist eine Geschichte über Selbstfindung, Vergangenheitsbewältigung und die Notwendigkeit, sich von den Erwartungen anderer zu befreien, um ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Es ist kein ereignisreiches Buch, aber ein Buch, das sich intensiv mit der Psyche und der Gefühlswelt einer innerlich zerrissenen Frau auseinandersetzt. Vieles was Yara erleidet, kann einer Frau jeder Ethnie passieren. Hier kommt allerdings verschärfend hinzu, dass Yara und ihr Umfeld von einer Kultur geprägt ist, in der Männer die alleinige Macht und Kontrolle ausüben. Das Ende gleicht einem Befreiungsschlag, zieht sich über das letzte Drittel allerdings sehr in die Länge.