Samstag, 30. März 2019

Buchrezension: Lucy Foley - Die leuchtenden Tage am Bosporus

Inhalt: 

Istanbul, 1921: Die ehemals schillernde Metropole des Osmanischen Reiches ist durch Krieg und Besatzung durch die Alliierten nur noch ein Schatten ihrer selbst. Viele der Bewohner haben ihr Zuhause verloren, unter ihnen eine junge Frau namens Nur, die einst wohlbehütet in einer intellektuellen Familie aufgewachsen ist, fließend Englisch spricht und sich am liebsten an die herrlich trägen Sommer in ihrem Haus am Bosporus erinnert. Inzwischen lebt sie mit ihrer Mutter und Großmutter in einer kleinen Wohnung und schlägt sich mit Näharbeiten durch. Als sie eines Tages einen verwaisten Jungen in einem ausgebrannten Haus findet, nimmt sie ihn zu sich, und als er hohes Fieber bekommt, bringt sie ihn in ein englisches Militärkrankenhaus. Dort nimmt sich einer der Ärzte, George, aufopferungsvoll des Kindes an, und so sehr Nur ihn, den Engländer, und also einer der feindlichen Besatzer, auch verachtet – nach und nach entspinnen sich zarte Bande zwischen den beiden. 

Rezension: 

1921 ist Istanbul nach dem Ersten Weltkrieg von westeuropäischen Alliierten besetzt. Nur, die aus einer reichen osmanischen Familie stammt, wohnt nun mit ihrer Mutter und Großmutter in einer kleinen Wohnung und verdient ein bisschen Geld durch nähen. Nebenbei unterrichtet sie die sprachgewandte junge Frau noch als Lehrerin, wodurch sie auf einen verwaisten Jungen aufmerksam mit, den sie in ihre Obhut nimmt. Als armenisches Kind wird er von der Großmutter zunächst kritisch beäugt und als er dann auch noch an Malaria erkrankt und Nur den Jungen in ein britisches Militärkrankenhaus bringt, sieht sie die Gefahr, in die sich ihre Enkelin damit begibt. Eine Allianz mit den Besatzern, den Feinden, wird auch von Nur missbilligt, dennoch kann sie sich nicht dagegen wehren, für den Arzt, der sich so hingebungsvoll um den Jungen kümmert, mehr als nur Dankbarkeit zu empfinden. 

Der Roman wird aus fünf verschiedenen Perspektiven erzählt, die sich in schneller Abfolge abwechseln, wobei drei davon namenlos bleiben und man erst im weiteren Verlauf einordnen kann, wer "Der Gefangene" und "Der Reisende" sind. Der Lesefluss wird durch die schnellen Wechsel aber nicht gestört. 
Die Kriegsereignisse, aber auch die Situation drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs in Istanbul sind sehr eindringlich geschildert. Man spürt die Kälte und die Ausweglosigkeit der Soldaten, die nicht nur gegen einen erklärten Feind kämpfen müssen, sondern letztlich ums nackte Überleben. Am Beispiel des "Gefangenen" kann man nachvollziehen, dass er sich selbst nicht als Helden sondern als Monster betrachtet. Er war gezwungen, Dinge zu tun, die er nie für möglich gehalten hat. Auch wenn er überlebt, begleitet ihn das Kriegstrauma nach Hause, dass kein Zuhause mehr für ihn ist. Er ist gebrochen und wird bald nicht besser sein, als all die anderen Kriegsverbrecher. 

Die Situation in Istanbul ist sehr anschaulich dargestellt. Man spürt die Mischung aus Angst und Wut auf die Besatzer. Nurs Zwiespalt, in dem sie sich befindet, nachdem sie den kranken Jungen in das britische Militärkrankenhaus gebracht hat, nimmt einen großen Raum des Romans ein und ist nur zu verständlich. Sie muss sich mit dem Feind gut stellen, damit der Junge, der wie ein Sohn für sie ist, wieder gesund werden kann. Auf der anderen Seite sieht sie es aber auch als ihre patriotische Pflicht, den Feind zu hassen und darf sich nicht von ihm abhängig machen. Womit sie nicht gerechnet hat, ist dass George ihre Situation zu keinem Zeitpunkt ausnutzt, sondern während all der schrecklichen Ereignisse Mensch geblieben ist und ohne Hintergedanken einfach nur helfen möchte. 


Mir hat dieser Roman mit all seiner Tragik gut gefallen. Wie die Menschen mit diesen schrecklichen Ereignissen während und nach dem Ersten Weltkrieg umgegangen sind, hat mich sehr berührt. Etwas schade fand ich, dass der Armenienkonflikt, der Genozid an einem ganzen Volk, nicht stärker herausgestellt wurde. Ich hätte es mutig gefunden, wenn die Autorin da ein klares Statement gesetzt hätte. 


Freitag, 29. März 2019

Buchrezension: Fionnuala Kearney - Wir zwei ein Leben lang

Inhalt:

Bei Erin und Dominic ist es Liebe auf den ersten Blick – intensiv und mitten ins Herz. Doch sich zu verlieben ist einfach, aber die Liebe zu leben ist schwer. Erin und Dominic wagen es und heiraten. Allen Zweiflern zum Trotz. Ein besonderes Geschenk begleitet sie auf ihrem gemeinsamen Weg. Ein in Leder gebundenes Notizbuch, in dem sie ihre Gefühle festhalten sollen. All das, worüber sie mit dem anderen nicht sprechen können – und jeder Eintrag endet mit "Ich liebe dich, weil …". Bis der Tag kommt, an dem Dominic etwas beichtet, das es Erin unmöglich macht, an Wir zwei ein Leben lang zu glauben. Ist das starke Band zwischen Dominic und Erin zerrissen? Oder ist ihre Liebe doch diese eine, die ein Leben lang andauert? 

Rezension: 

Erin und Dominic haben sich Hals über Kopf verliebt, sie wurde bald schwanger und so haben sie auch früh geheiratet. Vor allem Doms Mutter Sophie war skeptisch, ob diese Ehe halten würde, wobei diese Skepsis eher durch die Angst ausgelöst wurde, ihren Sohn zu verlieren. Als die kleine Maisie dann auf der Welt ist und Erin wenig später ungeplant mit Zwillingen schwanger ist, wird Sophie eines Besseren belehrt. Jetzt ist es Erin, die zweifelt, die sich Sorgen um die Zukunft macht. Dom ist der einzige, der zum Haushaltseinkommen beiträgt, die Wohnung ist klein und Erin hat Angst, dass sie der Verantwortung für drei Kinder nicht gewachsen sein wird. Da erinnert sie sich an das Notizbuch, das ihr Vater dem Paar zur Hochzeit geschenkt hatte. Dort sollen sie all die Gedanken eintragen, die sie ihrem Ehepartner gegenüber nicht aussprechen können und jeden Eintrag mit einem Liebesgeständnis beenden. Erin findet Trost in diesem Buch und auch Dom macht bereitwillig mit. Doch ein schreckliches Unglück und ein Vertrauensmissbrauch Doms droht die Liebe der beiden zu zerstören. 

„Wir zwei ein Leben lang“ handelt im Jahr 2017, als sich Erin und Dom über 20 Jahre kannten. In Rückblenden erfährt man, wie sich ihre Liebe seit der Hochzeit im Dezember 1996 weiterentwickelt hat und durch welche Höhen und Tiefen sie während dieser Zeit gehen mussten. Dabei liest man auch immer wieder in den Botschaften, die sie sich gegenseitig in dem Notizbuch geschrieben haben. Auf diese Weise erhält man einen Einblick in die Gefühlswelt beider Protagonisten. Man kann die Ängste von Erin als junger Mutter und ihren Schmerz nach einem tragischen Schicksalsschlag nachvollziehen. Auch die Enttäuschung in Bezug auf Dom, der sich jedoch selbst die schlimmsten Vorwürfe macht, ist verständlich. 

Trotz all der Probleme, die im Laufe ihres Lebens auf sie zukommen und der Fehler, die vor allem Dom macht, ist die Liebe zwischen beiden stets spürbar. Es ist ein sehr empathisch erzählter Roman über eine große Liebe, darüber was diese aushalten kann, und über die Kraft des Verzeihens. 
Dabei ist schön zu lesen, wie sich die beiden Charaktere über die Jahre weiterentwickeln und dass sie das Büchlein, das in den ersten Jahren womöglich ihre Ehe gerettet hat, später nicht mehr brauchen, sondern offen miteinander sprechen können. 

Es ist eine authentische Geschichte über das Leben und die Liebe, die nie kitschig wird und während des Lesens mit so mancher Wende und Überraschung aufwartet. Die emotional bewegenden 20 Jahre der Ehe von Erin und Dom habe ich gebannt verfolgt und Erins Erkenntnis am Ende konnte mich überraschen und emotional bewegen.



Mittwoch, 27. März 2019

Buchrezension: William Kent Krueger - Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Inhalt:

Im Sommer des Jahres 1961 kommt der Tod in vielen Formen nach New Bremen. Als Unfall. Als Selbstmord. Und als Mord. Zusammen mit seinem kleinen Bruder Jake scheint der dreizehnjährige Frank immer am falschen Ort zu sein – oder am richtigen, schließlich liefert eine Leiche auch Stoff für gute Geschichten. Bis das Sterben auch Franks Familie heimsucht. Plötzlich tut sich vor den Brüdern die ganze Welt der Erwachsenen auf, und der Tod fordert von allen eine Entscheidung: für die Familie, die Freunde und das Leben. 

Rezension:

Frank und Jake sind Söhne des Methodistenpfarrers Nathan Drum und seiner Frau Ruth. Die Brüder verbringen die meiste Zeit gemeinsam, auch den Sommer 1961. Durch die Beerdigungen, die für die Familie eines Pfarrers von drei Gemeinden an der Tagesordnung stehen, ist der Tod auch für die Söhne nichts Ungewöhnliches. Der Tod des gleichaltrigen Bobby, der von einem Zug erfasst wurde, tangiert sie nicht weiter, weshalb sie weiterhin verbotenerweise an den Bahnschienen spielen, wo wenig später ein weiterer Toter aufgefunden wird und sie unmittelbar Zeugen werden. 

Während der Vater sehr gottesfürchtig ist und in seinem Beruf als Seelsorger aufgeht, wollte seine Frau nie eine Pfarrersgattin werden, sondern hatte Nathan als Jurastudenten geheiratet, der Anwalt werden wollte. Nach traumatischen Erlebnissen als Offizier im Zweiten Weltkrieg hat er sich allerdings umorientiert und das Priesterseminar abgelegt. Ruth geht als Sopranistin in ihrer Musik auf und fördert das musikalische Talent der älteren Tochter Ariel, die ihr ganzer Stolz ist. 

Im Sommer 1961 wird die Familie mit Schicksalsschlägen konfrontiert werden, die sie für immer verändern wird. 

Der Roman ist vierzig Jahre später aus der Sicht von Frank erzählt. Er berichtet von seiner Kindheit in einer Kleinstadt im Westen der USA, von den Dummheiten, die Jungs in seinem Alter im Kopf haben, wie er seinen kleinen Bruder geärgert und seine Schwester Ariel vergöttert hat. Den Vater hat Frank immer als Respektsperson angesehen, während er seine Mutter, die in seinen Augen die ältere Schwester stets bevorzugt hat, nie so nahe stand. 
Die Erwachsenengeneration ist von den Kriegsereignissen, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und der Korea-Krise geprägt, der Konflikt zwischen Sioux und Weißen, die andauernde Ungleichbehandlung der "Indianer", ist auch für die jüngere Generation allgegenwärtig. 

Die Geschehnisse in New Bremen, die Todesfälle, die sich im Sommer 1961 häufen, aber auch die ganz normalen Probleme eines Heranwachsenden sind glaubwürdig aus der Sicht eines 13-Jährigen geschildert, der die Dinge nicht so einordnen kann wie ein Erwachsener. 
Durch Titel und Klappentext vorgewarnt, aber auch durch die unheilvolle Atmosphäre, die durch das Leben in der Kleinstadt Anfang der 1960er-Jahre, geprägt von Streitereien und Konflikten bis hin zu tätlichen Übergriffen unter den Erwachsenen und Jugendlichen erzeugt wird, wartet man nur darauf, dass es zu einem großen Knall kommt.  

"Für eine kurze Zeit waren wir glücklich" ist ein Coming-of-Age-Roman, eine Geschichte über das Erwachsenwerden und das Ende einer unbeschwerten Kindheit. Alle Charaktere, die Hauptfiguren der Familie Drum, aber auch die weiteren Bewohner der Kleinstadt, sind vielschichtig und glaubwürdig dargestellt. Die unterschwellige Gefahr, die man als Leser spürt, die Katastrophe, die sich anbahnt, packt und lässt einen unweigerlich weiterlesen. Zudem wird die Spannung kontinuierlich aufrecht erhalten, da die Todesfälle, die zunächst als Unfall und natürlicher Tod abgetan werden, lange nicht aufgeklärt werden und die Frage bleibt, ob es sich nicht um Verbrechen handeln könnte. Als sich dann auch noch nach den Feierlichkeiten am Unabhängigkeitstag ein Mord ereignet, entsteht durch verschiedenste Verdächtigungen Unruhe in New Bremen. 
Berührend ist zu lesen, welche Vorwürfe sich Frank macht, wie Nathan mit seinem Glauben ringt und wie Ruth sich noch weiter von ihrer Familie entfremdet. Erzählt wird ein Drama über eine Familie, die an den Ereignissen des Sommers 1961 verzweifeln oder Kraft in ihrem Glauben finden kann. 



Montag, 25. März 2019

Buchrezension: Emma Cooper - Der Klang unserer Herzen

Inhalt: 

Melody King hat ein seltenes Leiden, seit sie sich vor Jahren am Kopf verletzt hat: Sie singt, wenn sie in Stress gerät. Sie singt unkontrolliert und laut und in den unpassendsten Momenten – an der Supermarktkasse oder mitten während der Schulaufführung ihres Sohnes. Kein Arzt, kein Psychologe kann ihr helfen. Ihren beiden Kindern, Flynn und Rosie, ist das alles furchtbar peinlich, aber seit ihr Vater vor elf Jahren verschwand, hält die Familie liebevoll zusammen. Doch als die Kings auf eine Vermisstenanzeige stoßen, die auf Melodys Mann passt, werden sie mit einer Wahrheit konfrontiert, die ihr Leben komplett auf den Kopf stellt. 

Rezension:

Melody leidet an einer besonderen Form von Tourette: In Stresssituationen muss sie unweigerlich singen. Ihren beiden Kindern im Teenageralter ist dies verständlicherweise furchtbar peinlich, wobei der ältere Flynn besser damit umgehen kann, als seine drei Jahre jüngere Schwester Rose. 
Flynn hat allerdings eigene Probleme. Seit einem Verkehrsunfall vor elf Jahren ist eine Gesichtshälfte entstellt, weshalb er immer wieder das Opfer von Hänseleien wird und sich zu Schlägereien provozieren lässt. 
Bei dem Unfall saß der Vater der Familie, Devon King, am Steuer und ist danach verschwunden. Keiner weiß, was mit ihm passiert ist und Melody fiel es leichter, ihn für tot zu erklären, als damit zu leben, dass seine Liebe zu ihr und seiner Familie nichts wert war. Die Kinder, vor allem Rose, haben jedoch immer gehofft, dass er noch am Leben ist und suchen noch immer auf verschiedensten Portalen nach ihm. Als Rose auf eine Vermisstenanzeige nach einem Mann stößt, der kürzlich zusammengebrochen vor einem Einkaufszentrum gefunden und die Beschreibung auf Devon passt, schöpft sie neue Hoffnung und die kleine Familie begibt sich aktiv auf die Suche nach ihm. 

Der Roman ist überwiegend aus der Sicht von Melody geschrieben, aber auch die anderen Hauptfiguren erzählen die Geschichte in einzelnen Kapiteln aus ihrer Sicht, Rose in Form eines Tagebuches. Jeder Charakter ist individuell ausgearbeitet und hat dabei seine eigene markante Stimme. Auf diese Weise erhält man einen sehr guten Einblick in die Denkweise und Gefühlswelt aller handelnden Protagonisten, kann ihre Sorgen und Probleme eindringlich nachvollziehen. 

Das Buch ist herzerwärmend, mal ergreifend traurig, mal zum Brüllen komisch und vor allem wunderbar originell geschrieben und dürfte für textsichere Musikliebhaber äußerst interessant sein. Es ist nicht nur kreativ, sondern einfach genial, wie gut die einzelnen Lieder mit ihren Texten und ihrer Bedeutung zu den Situationen passen, in denen sich Melody befindet, wenn der Drang sie überkommt, Druck abzulassen und einfach drauflos zu singen. Klug, witzig, aber auch tragisch ist es zu lesen, wie Melody Freude, Leid und Wut ausdrückt - sei es mit Michael Jacksons "Smooth Criminal", Sinéad O'Conners "Nothing compares 2U" oder REMs "Everybod hurts" oder "Bullet in the Head" von Rage against the Machine und dies auch noch durch entsprechende Bewegungen untermalt. 

Das Buch wirkt dabei keinesfalls albern oder überdreht, sondern erzählt auf empathische Art und Weise eine bittersüße Familiengeschichte. Melody und ihre Kinder halten trotz aller Probleme fest zusammen und lassen sich von all den Widrigkeiten, die ihnen begegnen nicht erschüttern. Jeder für sich gibt sich auf die Suche nach dem verschwundenen Ehemann beziehungsweise Vater und muss sich dabei seinen eigenen Ängsten und Dämonen stellen. Es ist eine Geschichte voller Liebe und Verzweiflung, aber auch Hoffnung, die geistreich und sehr lebendig erzählt wird und bei der die Kings dem Leser einfach ans Herz wachsen müssen. 




Samstag, 23. März 2019

Buchrezension: Hannah Richell - Pfauensommer

Inhalt: 

Das verschlossene Zimmer im verstaubten Westflügel von Cloudesley Manor scheint vergessen. Nur die 86-jährige Lillian weiß, was dort geschah. Nur sie weiß um die dramatischen Ereignisse jenes verhängnisvollen Sommers, die ihr Leben unwiderruflich veränderten. 
Sechzig Jahre später kommt Lillians Enkelin Maggie nach Cloudesley und die Mauer des Schweigens beginnt zu bröckeln. Maggie, deren Herz sich nach Heilung sehnt, taucht in die düsteren Geheimnisse des Landguts ein. Wird sie die Geschichte ihrer Familie entwirren, bevor sie alles, was ihr viel bedeutet, verliert?

Rezension: 

Maggie kehrt von Sydney nach Cloud Green in England zurück, wo die Stiefmutter ihres Vaters, die sie großgezogen hat, allein auf dem Anwesen Cloudesley Manor lebt und sich nach einem Unfall gerade im Krankenhaus befindet. Für Maggie ist die Rückkehr nicht leicht, denn sie wird nach ihrem fluchtartigen Aufbruch im vergangenen Jahr, der einige Einwohner der Kleinstadt vor den Kopf gestoßen hat, argwöhnisch beäugt. Nach Lillians Entlassung beschließt Maggie dennoch, sich um sie zu kümmern und stellt dabei fest, in welch denkbar schlechtem Zustand das Herrenhaus ist. 

1955 lebt die junge Lillian auf Cloudesley Manor wie in einem goldenen Käfig. Vor vier Jahren hatte sie Charles Oberon geheiratet, der verwitwet ist und einen kleinen Sohn hat. Sie könnte glücklich sein, so einen wohlhabenden Ehemann zu haben, der auch für die Pflege ihrer behinderten Schwester aufkommt, zudem liebt sie Albie wie ihren eigenen Sohn. Doch Charles ist nicht der verletzliche, liebende Ehemann, denn sich Lillian erträumt hat, sondern entpuppt sich zunehmend als Despot. Da engagiert er eines Sommers den Künstler Jack, um das ehemalige Kinderzimmer im Westflügel mit Fresken zu gestalten, mit dem Lillian eine Affäre eingeht, die tragische Folgen haben wird.

"Pfauensommer" wieder so ein Roman, der auf zwei Zeitebenen handelt, abwechselnd aus der Sicht einer der handelnden Protagonistinnen zu lesen ist und bei dem ein Familiengeheimnis aufgedeckt wird. Ich lese gerne solche Geschichten, in denen Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben werden, aber diese Erzählung konnte mich weder auf der einen noch auf der anderen Zeitebene wirklich packen. 
Die Geschichte Lillians ist sehr melodramatisch angelegt und auch wenn man verstehen kann aus welchen Gründen sie sich in der schrecklichen Ehe mit Charles gefangen fühlt, ist nicht nachvollziehbar, warum sie auf Cloudesly Manor verbleibt und sich kopflos in eine Affäre mit dem Maler stürzt. Die Liebesgeschichte der zwei ist denkbar kitschig und entwickelte sich für mich zu abrupt mit der beschriebenen Leidenschaft. Lillians Opferhaltung war selbst unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse zu viel für mich. 
Maggie blieb mir zu blass, ihre vergangenen Fehler passten für mich nicht zum Rest der Geschichte, hätten aber durchaus Platz für einen eigenen Roman gehabt. 

Ich empfand die Geschichte als langatmig und vermisste in beiden Zeitebenen die Spannung. Der Plot plätscherte dahin und das verschlossene Zimmer, das so viel Platz für Rätselhaftigkeit und Nachfragen - gerade für Maggie in der Gegenwart - bot, spielte lediglich am Ende eine Rolle, als der tragische Höhepunkt des verhängnisvollen Sommers 1955 entlarvt wird. 








Freitag, 22. März 2019

Buchrezension: Lydia Netzer Das Leuchten des Mondes

Inhalt:

Als Maxon Sunny zum ersten Mal traf, war er sieben Jahre, vier Monate und achtzehn Tage oder - in seinen Worten - 2693 Erdumdrehungen alt. Maxon war anders. Zusammen waren sie anders. Und auch heute noch, zwanzig Jahre später, führen die beiden keine gewöhnliche Ehe. Maxon ist Astronaut geworden. Während er zwischen Himmel und Erde schwebt, versucht Sunny in der idyllischen Kleinstadt in Virginia die Fäden der kleinen Familie zusammenzuhalten. Alles geht gut, bis zu dem Tag, als sie einen Autounfall hat. Obwohl harmlos, löst er eine Lawine in Sunnys Leben aus. Da ist ihr kleiner autistischer Sohn, um den sie sich sorgt. Da ist ihre schwerkranke Mutter, um die sie sich kümmert. Da sind ihre eigenen Wünsche, die sie bislang immer unterdrückt hat. Und wie immer ist Maxon nicht zur Stelle, um sie zu unterstützen. Schlimmer noch: Auf dem Weg ins All, passiert etwas Unvorhergesehenes. 

Rezension: 

Sunny Mann ist mit Maxon verheiratet, mit dem sie den gemeinsamen Sohn Bubber hat und ist erneut schwanger. Während sie sich auf der Erde um Bubber kümmert, der Autist ist, und  sich Sorgen um ihre Mutter macht, die im Sterben liegt, befindet sich Maxon im Weltall. Er ist Wissenschaftler und Astronaut und in einer bemannten Mission unterwegs, um Roboter zum Mond zu bringen, die diesen kolonialisieren sollen. 
Als Sunny einen Autounfall erleidet, der eigentlich glimpflich abläuft, bei dem sie jedoch ihre Perücke verliert, gerät sie aus dem Gleichgewicht. Von Geburt an hat sie keine Haare und beschließt nun mit dem Versteckspiel in der Vorstadt aufzuhören und keine Perücke mehr zu tragen, zudem setzt sie Bubbers Medikamente ab, um wieder den echten Bubber zu erleben. 
Diese Veränderungen macht sie ganz allein mit sich aus und dann wird die Rakete, in der sich Maxon befindet, von einem Meteoriten getroffen. Der Kontakt bricht ab. 

"Das Leuchten des Mondes" ist das Porträt einer modernen Familie. In Gegenwart werden wir mit den Problemen konfrontiert, die alle gleichzeitig auf Sunny einprasseln und die sie in dem Moment, in dem sie mal wieder allein ohne ihren Mann ist, überfordern. 
In Rückblenden erfährt man, wie sich die beiden als Kinder kennengelernt haben. Beide waren sie Außenseiter: Sunny ein kahles Mädchen, das als Tochter eines christlichen Missionars einen Teil ihrer Kindheit in Birma verbracht hat und Maxon, ein Junge mit autistischen Zügen, dem es schwerfällt, die Reaktionen seiner Umwelt einzuordnen und unter einem gewalttätigen Vater zu leiden hat. Sunny hilft ihm dabei, seine Kompetenz für Mathematik und Physik - seine Formeln und Gleichungen, die er im Kopf hat - in Emotionen umzuwandeln. Aus der Freundschaft entwickelte sich eine besondere Liebe. 

Mit dem Wunsch nach Normalität beginnt Sunny ihr Leben umzukrempeln, wobei lang gehegte Geheimnisse aus der Vergangenheit zutage treten, die sie quälen und erkennt gleichzeitig, dass sie ohne ihren Mann, mit dem sie vor dem Raketenstart im Streit auseinander gegangen ist, nicht leben möchte. 

"Das Leuchten des Mondes" ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, eine Liebe, die nur von einem Partner zum Ausdruck gebracht werden kann. Erzählt wird der Kampf um den Erhalt einer Verbindung, denn trotz aller Widrigkeiten ziehen sich Sunny und Maxon gegenseitig an wie Erde und Mond. 



Mittwoch, 20. März 2019

Buchrezension: Claudia Winter - Das Honigmädchen

Inhalt:

Die alleinerziehende Camilla kämpft an allen Fronten: Täglich muss sie sich im väterlichen Delikatessenhandel beweisen, während ihre fünfzehnjährige Tochter Marie gegen sie rebelliert. Und dann wird sie auch noch nach Südfrankreich geschickt, um mit einer Honigmanufaktur zu verhandeln – im Gepäck das tobende Mädchen und ihren nervtötenden Nachbarn, der sich ihnen spontan angeschlossen hat. Kein Wunder, dass sich das pittoreske Bergdorf Loursacq zunächst als wenig heilsam für die angespannten Gemüter erweist. Doch Camilla krempelt die Ärmel hoch – und lernt zwischen Tomatenstauden, Rebstöcken und Olivenbäumen, dass die guten Dinge im Leben erst dann auf zarten Flügeln herbeifliegen, wenn man bereit für sie ist. 

Rezension: 

Camilla ist geschieden, Mutter einer 15-jährigen Tochter und arbeitet im Betrieb ihres Vaters, einem Feinkosthandel in München. Während ihr Exmann erfolgreicher Küchenchef auf Sylt ist, ist sie allein verantwortlich für die rebellierende Tochter Marie, die sich trotzig von ihrer Mutter überhaupt nichts mehr sagen lässt und heimlich die Schule schwänzt. Probleme gibt es zudem mit einer französischen Honigmanufaktur, die ihren Lieferungen nicht mehr nachkommt, weshalb sie Camilla abstoßen möchte. Ihr Vater hält allerdings an dem Traditionsbetrieb fest und bittet seine Tochter stattdessen, nach Frankreich zu fahren, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Ihren Aufenthalt in Frankreich soll sie zudem nutzen, um sich ihrer Tochter wieder anzunähern. 
Wie zu erwarten war, sträubt sich Marie gegen einen einen gemeinsamen Urlaub mit Mama, kann aber durch Nachbar Tobias überredet werden, der sich sehr zum Leidwesen von Camilla, die ihn als Frauenheld und Störenfried ablehnt, den Reisenden anschließt. 
Im Bergdorf Loursacq in der Haute-Provence erwartet sie kein Hotelurlaub, sondern die Mitarbeit auf dem Hof des mürrischen Imkers Henri. 

"Das Honigmädchen" ist ein sommerlicher Roman, der die Leserin an einen malerischen Ort nach Frankreich versetzt. Durch die anschauliche Beschreibung des Settings ist die Atmosphäre in dem verschlafenen Bergdorf, das von Familienfehden geprägt ist und auf dem heruntergekommenen Hof spürbar. 
Auch die Charaktere wirken authentisch und nahbar. Gerade die Hilflosigkeit von Camilla in Bezug auf ihre schwierige Tochter Marie, die ihre Grenzen austestet, aber auch das Gefühl der Unzulänglichkeit im Hinblick auf ihre Stellung in der Firma ihres Vaters ist nachvollziehbar. Für eine Beziehung zu einem Mann ist kein Platz in Camillas Leben. Marie ist enttäuscht von ihrer Mutter, der sie die Schuld an der Scheidung gibt und würde lieber bei ihrem Vater auf Sylt leben. In Nachbar Tobias hat sie eine männliche Bezugsperson gefunden, mit der sie offener als mit ihrer Mutter sprechen kann, die gefühlt keine Zeit für sie hat. 
In Frankreich erwartet sie körperliche Arbeit, aber auch die Gelegenheit, sich auszusprechen und Pläne für die Zukunft zu machen. 

Der Roman ist durch die sympathischen Charaktere, die unterhaltsame Handlung und die sommerliche Stimmung angenehm und flüssig zu lesen. Ich empfand den Sinneswandel Maries trotz der malerischen Umgebung abrupt, so dass sich die Stimmung zwischen Mutter und Tochter fast wie von selbst verbesserte. 
Auch ist die Rolle von Tobias, der sich mir zu spontan den beiden Frauen auf seinem Motorrad anschloss, vorhersehbar. Da "Das Honigmädchen" aber keine reine Liebesgeschichte ist, sondern ein Roman über eine Frau, die durch eine Auszeit in Frankreich wieder Vertrauen in sich und andere gewinnen soll, ist dies verzeihlich. 
Die Lösung der familiären und wirtschaftlichen Probleme wird stark vereinfacht dargestellt und gerade in Bezug auf die Honigmanufaktur und die Verbindung Henris nach Deutschland hatte ich mir mehr Spannung erhofft. Dennoch bietet das Buch eine gute Unterhaltung und lässt einen vom kommenden Sommer und einem Urlaub in Frankreich träumen. 

Montag, 18. März 2019

Buchrezension: Christelle Dabos - Die Verlobten des Winters (Band eins der Spiegelreisenden-Saga)

Inhalt: 

Am liebsten versteckt sie sich hinter ihrer dicken Brille und einem Schal, der ihr bis zu den Füßen reicht. Dabei ist Ophelia eine ganz besondere junge Frau: Sie kann Gegenstände lesen und durch Spiegel reisen. Auf der Arche Anima lebt sie inmitten ihrer riesigen Familie und kümmert sich hingebungsvoll um das Erbe der Ahnen. Bis ihr eines Tages Unheilvolles verkündet wird: Ophelia soll auf die eisige Arche des Pols ziehen und einen Adligen namens Thorn heiraten. Was hat es mit der Verlobung auf sich? Wer ist der Mann, dem sie von nun an folgen soll? Und warum wurde ausgerechnet sie, das zurückhaltende Mädchen mit der leisen Stimme, auserkoren? Ophelia ahnt nicht, welche tödlichen Intrigen sie auf ihrer Reise erwarten, und macht sich auf den Weg in ihr neues, blitzgefährliches Zuhause.

Rezension: 

Vor langer Zeit wurde die Welt in zwei schwebende Himmelshälften geteilt, die nun als Archen bekannt sind. Ophelia lebt auf der Arche Anima, ist ein Mädchen, das in Gegenständen lesen und durch Spiegel reisen kann. Sie führt auf Anima ein Museum und versteckt sich hinter ihrem Schal und ihrer großen Brille. Nachdem sie mehrere Heiratskandidaten abgelehnt hat, wurde sie nun Thorn versprochen, einem Adeligen der anderen Arche Pol. Um ihrer Familie keine Schande zu bereiten, muss Ophelia ihre Heimat verlassen und auf das frostige Pol ziehen. Begleitet wird sie von ihrer Patentante Roseline, die als Anstandsdame dient. 
Auf Pol angekommen, wird Ophelia von Thorns Drachenclan versteckt, offensichtlich soll niemand von der Verlobung wissen. Ophelia ist rätselhaft, warum gerade sie als Thorns Braut ausgewählt wurde und versucht durch ihr ablehnendes Verhalten zu verhindern, dass Thorn sie heiratet. Sie hat allerdings nicht damit gerechnet, dass auf Pol noch viel größere Gefahren lauern als das scheinbar kalte Herz von Thorn. 

"Die Verlobten des Winters" ist Band 1 der bislang dreiteiligen Spiegelreisenden-Saga, einer Jugendbuchreihe, die große Erfolge in Frankreich feierte und in mehrere Sprachen übersetz wurde. 

Die Autorin hat mit der Buchreihe eine fantastische Welt erschaffen, die für mich beim Lesen aber nicht ganz greifbar war. Mir fehlten anschauliche Beschreibungen der beiden Archen, der Himmelsburg und des Mondscheinpalastes, die meine Fantasie angeregt hätten, weshalb ich mich schwertat, mir das Setting vorzustellen. Leichter fiel mir dies bei den Charakteren. Diese werden sehr lebendig beschrieben, wobei ihre äußeren Merkmale - Ophelias Schal und Brille, das Pferdegebiss von Roseline, Thorns Größe und Narben - ermüdend oft Erwähnung finden. 

Spannung wird nur am Anfang aufgebaut, als man sich wie Ophelia selbst fragt, warum die Familiengeister Artemis und Faruk ausgerechnet Ophelia als Braut für Thorn ausgewählt habe, welche Gefahren ihr auf Pol drohen und ob sie die Heirat irgendwie verhindern kann. Diese flacht jedoch rasch ab, bevor diese Fragen geklärt werden können, da die Handlung gerade im Mittelteil auf der Stelle tritt. Am Ende treten dann so viele Details zutage, dass die Geschichte um die Machenschaften des mächtigen Drachenclans mir zu verworren war. 

Ophelia verhält sich als Heldin des Romans sehr passiv und schon fast unterwürfig, aber vor allem hätte ich mir gewünscht, mehr von ihren magischen Fähigkeiten zu erleben. Für die Handlung spielte das Lesen in alten Gegenständen und das Reisen von Spiegel zu Spiegel nur eine unwesentliche Rolle. 

Mir fehlte die Vorstellungskraft für die beiden Archen und auch die Geschichte um die rätselhafte Verlobung und die Intrige, die auf Pol gesponnen wurde, konnte mich nicht wirklich packen. Der Auftakt der Reihe konnte meine Neugier auf die folgenden Romane der Spiegelreisenden-Saga insofern nicht wecken. 



Samstag, 16. März 2019

Buchrezension: Laura Barnett - Drei mal wir

Inhalt: 

Eva und Jim sind neunzehn und Studenten in Cambridge, als sie sich zum ersten Mal begegnen. Eine Fahrradpanne führt die beiden zusammen. Was dann passiert, wird den Rest ihres Lebens bestimmen.
In drei unterschiedlichen Versionen ihrer Zukunft kommen und gehen Partner, wird Eva eine berühmte Schriftstellerin und hängt Jim seinen Job als Anwalt für die Kunst an den Nagel. Doch ob in London, New York oder Rom, immer wieder kreuzen sich ihre Pfade. In all den Jahren findet die Liebe einen Weg, von den ersten drei Treffen bis hin zum Finale: Drei Liebesgeschichten, ein Paar. 


Rezension: 

Eva und Jim lernen sich 1958 als Studenten in Cambridge kennen, als Eva eine Reifenpanne mit ihrem Fahrrad hat und Jim ihr seine Hilfe anbietet. Das ist die Ausgangssituation der Geschichte, die in drei unterschiedlichen Versionen fortgesetzt wird. In Version eins wird Eva Jims Angebot annehmen und sich zu einem Drink einladen lassen. In Version zwei bleibt es bei einem flüchtigen Kontakt, bevor Eva ihren Freund David trifft. In Version drei werden Eva und Jim gemeinsam in einen Pub gehen, aber letztlich wird Evas Vernunft sich über ihr Herz hinwegsetzen, so dass es zu keinem tieferen Kennenlernen kommen wird. 
Bis 2014 begleitet der Leser Eva und Jim als Paar, als flüchtige Bekannte, als Geliebte, als Ehepaar und als Geschiedene. 

Der Roman dreht sich durchweg um die Frage: Was wäre wenn? Die drei Versionen von Evas und Jims Geschichte zeigen sodann, welchen Effekt eine Entscheidung auf ein ganzes Leben haben kann. Eva und Jim scheinen für einander bestimmt zu sein, aber nur in einer Version ist ihnen das bewusst, können ihre Liebe aber dennoch nicht über die Jahre in trauter Harmonie aufrecht erhalten. In den anderen Versionen besteht stets eine Anziehungskraft, die einmal magisch ist und einmal tragisch und voller Leidenschaft. 
Durch die Beschreibung drei verschiedener Abläufe eines gemeinsamen, eines getrennten und eines zeitweise gemeinsamen Lebens ergeben sich verschiedenste Familienkonstellationen, Kinder, Stiefkinder, Enkelkinder, Ehepartner und Geliebte, so dass der Roman bis zum Schluss hochkomplex und nur mit voller Konzentration und hilfsweise Notizen zu durchdringen ist, um den Überblick über die Handlungsstränge zu behalten. 

"Drei mal wir" liest sich, als hätte die Autorin drei unterschiedliche Romane mit den selben Hauptfiguren in eine willkürliche Anzahl von Kapiteln zerschnippelt und diese chronologisch zusammengefügt. Es kommt kein Lesefluss auf - hat man sich in ein Szenario wieder hineingedacht, beginnt schon wieder eine andere Version. 

Eine interessante Idee, die aber viel zu komplex und letztlich ohne Aussagekraft umgesetzt wurde. Dass das Schicksal Eva und Jim für einander bestimmt hat, wollte bei mir in keiner der drei Versionen ankommen. Nicht einmal in Version eins, die so glücklich begann, konnte ich die große Liebe zwischen ihnen spüren. 



Freitag, 15. März 2019

Buchrezension: Ursula Poznanski - Vanitas - Schwarz wie Erde

Inhalt: 

Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist die Blumenhändlerin Carolin ein so gewohnter Anblick, dass sie beinahe unsichtbar ist. Ebenso wie die Botschaften, die sie mit ihren Auftraggebern austauscht, verschlüsselt in die Sprache der Blumen - denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden. Noch vor einem Jahr war Carolins Name ein anderer; damals war sie als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur. Kaum jemand weiß, dass sie ihren letzten Einsatz überlebt hat. Doch dann erhält sie einen Blumengruß, der sie zu einem neuen Fall nach München ruft - und der sie fürchten lässt, dass sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben könnte.

Rezension: 

In der Vergangenheit war Carolin als Polizeispitzel in Frankfurt/ Main eingesetzt, doch der Einsatz ging schief. Ihr Tod wurde daraufhin vorgetäuscht, weshalb sie jetzt in Wien mit einer neuen Identität als Blumenhändlerin am Zentralfriedhof arbeitet. Da kommt ihr Auftraggeber, mit dem sie über die Sprache der Blumen kommuniziert, erneut auf sie zu. Sie soll in München an einem Fall mitarbeiten und sich dafür mit der Tochter eines Bauunternehmens anfreunden, nachdem sich die Todesfälle an Baustellen in letzter Zeit gehäuft haben. Aus Carolin Bauer wird Carolin Springer und die Nachbarin von Tamara Lambert, mit der sie ungewohnt leicht in Kontakt kommt. Doch Carolin fühlt sich unsicher in München, ihre Ängste enttarnt zu werden, werden fast übermächtig. 

"Vanitas - Schwarz wie Erde" ist der Auftakt einer Krimireihe um eine ehemalige Polizeiagentin, die in Wien ein neues Leben angefangen hat. 
Der Anfang des Romans ist spannend  - ein brutaler Mord auf einer Baustelle, Carolin wird wieder zu einem Undercover-Einsatz gedrängt - anschließend flacht die Handlung aber nach und nach ab. 
Für meinen Geschmack erfährt man als Leser viel zu wenig über Carolins Hintergrund, bekommt immer nur Häppchenweise ein paar Brocken hingeworfen, dass sie sich von einer osteuropäischen Verbrecherbande verfolgt fühlt, die ihr nach dem Leben trachtet. Ihre Paranoia wird überdeutlich hervorgehoben, weshalb kaum vorstellbar ist, warum diese verängstigte und völlig verunsicherte Frau, die an Leib und Leben gefährdet ist und deshalb von der Bildfläche verschwinden musste, erneut an einem Kriminalfall mitwirken muss, der zudem durch die Involvierung großer Bauunternehmen sehr öffentlichkeitswirksam ist. 
Durch ihre Angst stellt sie sich ungeschickt an und welche Ermittlungen die Kriminalpolizei selbst durchführt, erfährt man nicht. Die Verbrechensaufklärung bleibt wie Carolins Vergangenheit mehr als vage. 

Durch die wiederholten Szenen in Carolins Wohnung, wenn sie beobachtet, wer das Treppenhaus ihres Wohnhauses frequentiert, ist der Handlungsverlauf etwas monoton und spannungsarm und "Vanitas" für mich deshalb nicht wie beworben als "psychologisch dichter Thriller [...] mit Gänsehaut-Garantie" zu werten. Der Plot - gerade auch die geheimen Blumenbotschaften - hörte sich für mich sehr interessant an und hätte zu einem raffinierten Lösung eines Kriminalfall beitragen können, aber die Umsetzung war von Beginn an wenig realistisch, Auflösung und Ende des Falls geradezu hanebüchen. 
Der Schreibstil von Ursula Poznanski ist dagegen gewohnt flüssig zu lesen, weshalb man unweigerlich weiterlesen muss, um zur Lösung des Falles zu kommen, auch wenn die Hauptfigur nicht überzeugen kann. Die Aufklärung des Falls ist dann zwar überraschend, aber ohne Aha-Effekt. 



Mittwoch, 13. März 2019

Buchrezension: Julie von Kessel - Als der Himmel fiel

Inhalt:

Die Cousinen Ophelia und Franka wachsen zusammen am Rhein auf, seit ihrer Kindheit sind sie beste Freundinnen. Bei aller geteilten Freude verbindet sie ein dunkles Geheimnis, das Franka nur Ophelia anvertraut hat und keinem anderen Menschen auf der Welt.
Nach der Schule erhält Ophelia die Chance, in Yale Violine zu studieren. Franka hingegen hangelt sich von Praktikum zu Praktikum, von Affäre zu Affäre. Immer wieder braucht sie Ophelias Trost. Als sie einen Job in einer New Yorker Galerie findet, ist sie froh, endlich wieder in ihrer Nähe zu sein.
In New York überschlagen sich die Ereignisse. Ophelia hat einen schweren Unfall. Zur gleichen Zeit fliegen Attentäter gekaperte Flugzeuge ins World Trade Center. Und zwischen den rauchenden Türmen häufen sich die Anzeichen dafür, dass Ophelia Frankas Geheimnis verraten hat. 


Rezension: 

Ophelia und Franka sind Cousinen und seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Ophelia ist die ältere, bodenständigere der beiden, die ihr Leben ganz dem Spielen der Geige widmet. Auch wenn sie immer wieder Versagensängste plagten, hat sie es nun geschafft, nach Yale zu gehen, um dort unterrichtet zu werden und ihr Talent weiterzuentwickeln. Sie ist aber auch nach Yale gegangen, um Abstand zu Franka zu gewinnen, die ein sehr einnehmendes Wesen hat und ein unstetes Leben führt. Diese folgt ihr nun an die Ostküste der USA, als sie eine Stelle in einer Galerie in New York City findet. Sie freut sich darauf, nun wieder ganz in der Nähe ihrer Cousine sein zu dürfen. 
Ophelia erhält Unterricht von einem über 70-jährigen Dozenten in Yale, für den sie heimlich schwärmt, und der ihr abseits ihres Fleißes die Leidenschaft an der Geige vermitteln möchte. Gleichzeitig lernt sie den Studenten Kaspar kennen, mit dem sie in das Studentenleben in Yale eintaucht. Franka, die wie gewohnt nichts anbrennen lässt, zeigt nach einem Besuch bei Ophelia in New Haven Interesse an Kaspar, was zu einem unausgesprochenen Konflikt zwischen den Cousinen führt. Als sich Franka während eines Picknicks mit Kaspar folgenschwer verletzt und die Welt durch den Anschlag auf das World Trade Center aus den Fugen gerät, wird Franka von ihrer Vergangenheit überrollt. 

Sowohl Ophelia als auch Franka haben ihren Platz im Leben noch nicht gefunden und versuchen in Amerika, ihren Traum zu leben. Ophelia möchte ihre Karriere, auf die ihre Familie so  stolz ist, weiter vorantreiben, gerät aber durch den Unterricht bei dem Geigenvirtuosen Harry Rosen in Zweifel, ob dieses Leben, getrieben von ihrem Perfektionismus, wirklich das ist, das sie leben möchte. Für Franka ist die Reise eine Flucht von Ereignissen der Vergangenheit, die sie nicht verarbeitet hat und über die sie mit niemandem spricht. Einzig Ophelia hatte sie sich damals anvertraut. 

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht der beiden charakterlich so unterschiedlichen Cousinen erzählt und es ist spannend zu sehen, wie sie sich durch die unterschiedlichen Begegnungen in New York bzw. New Haven entwickeln. Ophelia blüht regelrecht auf, wirkt befreiter, bis sie einen Unfall erleidet und sich von Franka hintergangen fühlt. Franka erlebt währenddessen den Anschlag auf das World Trade Center hautnah mit und wird schwer traumatisiert. Überwältigt von den Bildern, stellt sie sich den Dämonen ihrer Vergangenheit und beginnt ihr persönliches Trauma aufzuarbeiten. 

"Als der Himmel fiel" ist ein berührender, fast schon poetisch geschriebener Roman über zwei gegensätzliche, junge Frauen, die sich trotz aller Unterschiede sehr nahe stehen und sich gegenseitig brauchen. Sie sind nicht nur miteinander verwandt, sondern beste Freundinnen. 
Der Roman ist voller Melancholie, die einerseits durch die Charaktere, andererseits aber auch durch die schrecklichen Ereignisse des 11. September 2001 ausgelöst wird. Erzählt wird eine Geschichte über Freundschaft, Eifersucht und Verrat, die tiefe Einblicke in die Seelen der beiden Protagonistinnen gibt. 



Montag, 11. März 2019

Buchrezension: Bridget Collins - Die verborgenen Stimmen der Bücher

Inhalt: 

Emmett Farmer arbeitet auf dem Hof seiner Eltern, als ein Brief ihn erreicht. Er soll bei einer Buchbinderin in die Lehre gehen. Seine Eltern, die wie alle anderen Menschen Bücher aus ihrer Welt verbannt haben, lassen ihn ziehen – auch weil sie glauben, dass er nach einer schweren Krankheit die Arbeit auf dem Hof nicht leisten kann. Die Begegnung mit der alten Buchbinderin beeindruckt den Jungen, dabei lässt Seredith ihn nicht in das Gewölbe mit den kostbaren Büchern. Menschen von nah und fern suchen sie heimlich auf. Emmett kommt ein dunkler Verdacht: Liegt ihre Gabe darin, den Menschen ihre Seele zu nehmen? Nach dem plötzlichen Tod der Buchbinderin erkennt der Junge, welch Wohltäterin sie war – und in welche Gefahr er selbst geraten ist. 

Rezension: 

Emmet Farmer lebt und arbeitet auf dem Bauernhof seiner Eltern. Nachdem er eine schwere Erkrankung überstanden hat, soll er bei der Buchbinderin Seredith, die gemeinhin als Hexe verschrien ist, in die Lehre gehen, obwohl in seinem Elternhaus Bücher bisher verpönt waren. Emmet lernt zunächst nur Hilfstätigkeiten, die alte Buchbinderin weiht ihn nicht gleich in ihre Geheimnisse ein. Die Magie des Buchbindens, der Unterschied zwischen Romanen und "echten" Büchern bleibt ihm verborgen, bis Seredith stirbt und Emmet für einen anderen Buchbinder arbeiten soll und bei einer Lieferung Lucian Darnay, den Erben eines Großgrundbesitzes, kennenlernt. 

Der Roman ist in drei Teile untergliedert, wovon nur der erste Teil in der Werkstatt von Seredith handelt. Der zweite Teil stellt einen Rückblick in die jüngste Vergangenheit von Emmet dar und beschreibt wie Teil drei die Macht der Bücher bzw. des Buchbindens und die Auswirkungen auf die Menschen. 

Der Einstieg in den Roman ist mir nicht leicht gefallen, da mir die Geschichte zu abstrakt geblieben ist. Teil zwei und drei sind viel lebendiger und handeln von einer tragischen Liebesgeschichte, die packend aus der Sicht von Emmet bzw. Lucian erzählt ist und die ich aufgrund des Klappentextes so nicht erwartet hatte. 

"Die verborgenen Stimmen der Bücher" ist kein Buch über Bücher, sondern überrascht ab Teil zwei mit einer ganz anderen Geschichte, die berührt und die zeigt, auf welche grausame Art und Weise Bücher zweckentfremdet werden bzw. eine ganz andere Bedeutung erhalten als eine reine Unterhaltungslektüre zu sein. 
Es ist eine fantastische Erzählung, in der Bücher zu Werkzeugen werden, um Menschen zu manipulieren, um Leid und Schmerzen zu beseitigen, um dunkle Geheimnisse zu verbergen, aber auch um Gefühle auszulöschen. 

Mit viel Empathie erzählt die Autorin in ihrem Debüt eine Geschichte über die Macht der Erinnerungen und über eine verbotene Liebe, die zur damaligen Zeit mit den antiquierten Vorstellungen von Anstand und Moral nicht sein durfte. Auch wenn der Roman in der Vergangenheit spielt und fantastische Erzählelemente enthält, ist er durch seine Symbolkraft und die auch heute noch bestehenden Vorurteile gegenüber der darin beschriebenen Liebesbeziehung aktuell und relevant. 

Ich hatte mir von dem Roman zwar etwas ganz anderes erwartet und habe mich mit den ersten knapp 100 Seiten wirklich schwergetan, dennoch konnte mich die Geschichte und deren Protagonisten, allen voran Emmet und seine Schwester Alta sowie Lucian, anschließend für sich einnehmen und begeistern. 




Samstag, 9. März 2019

Buchrezension: Elena Ferrante - Frau im Dunkeln


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Inhalt: 

Ein heißer Sommer an der süditalienischen Küste, Leda – knapp fünfzig, allein lebend, Mutter zweier erwachsener Töchter – verbringt unbeschwerte Tage am Strand. Sie vertreibt sich die Zeit damit, eine junge Mutter und deren kleines Mädchen zu beobachten, die innig vor sich hin spielen. Doch plötzlich verdüstert sich das Idyll und die sonst so beherrschte Leda lässt sich zu einer unbegreiflichen Tat hinreißen. 

Rezension: 

Leda ist 48 Jahre alt, Literaturprofessorin und Mutter zweier erwachsener Töchter, die bei ihrem Vater in Toronto wohnen. Sie verbringt den Sommer allein in einer Ferienwohnung in Kalabrien, wo sie sich ganz den Büchern und der Vorbereitung ihrer Seminare widmen möchte. Am Strand trifft sie auf eine neapolitanische Familie, die sie an ihre eigene Familie erinnert. Angezogen fühlt sie sich dabei von Nina, einer jungen Mutter eines dreijährigen Kindes. Die kleine Elena ist eines Tages verschwunden und wird panisch am Strand gesucht. Leda findet das Mädchen und bringt sie zurück zu ihrer Familie. Dabei steckt sie allerdings ihre geliebte Puppe ein, ohne die Elena nicht sein kann. Und auch als Leda täglich sieht, wie die Kleine leidet und die Urlaubsstimmung für die neapolitanische Familie abhanden gekommen ist, gibt Leda die Puppe nicht zurück. 

Das Buch handelt von der Rolle der Frau und dem Konflikt zwischen Karriere und Mutter-Dasein, zwischen individueller Freiheit und Familie. Leda hat sich in der Vergangenheit von ihrem Mann getrennt und damit auch ihre beiden kleinen Töchter verlassen und sogar drei Jahre ganz den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Dieses Verlassen hat die Mutter-Tochter-Beziehungen entscheidend geprägt und nachhaltig erschüttert. Mit dem Beobachten der Familie am Strand kehrt die Erinnerung daran, aber auch an ihre eigene Kindheit und das Verhältnis zu ihrer Mutter zurück. 

Der kurze Roman, der schonungslos ehrlich geschrieben ist, schockiert und man fragt sich aufgrund der Namensgebung des Kindes, wie viel Autobiographisches in der Novelle steckt. Es ist kaum vorstellbar, dass eine studierte Frau, die auf den ersten Blick mit sich selbst im Reinen und selbst Mutter ist, einem fremden Kleinkind das Spielzeug stiehlt und anschließend zusieht, wie das Mädchen und die ganze Familie leiden. 

Leda ist keine sympathische Protagonistin. Sie polarisiert, ist exzentrisch und handelt egoistisch, bösartig und gemein. Elena Ferrante traut sich Dinge zu beschreiben, die tabu sind: Eine Frau mit zwei Töchtern, die ihre Erfüllung nicht in der Mutterrolle findet und sich und ihre persönlichen Interessen an die erste Stelle rückt. Leda konnte ihren Töchtern nie die Liebe entgegenbringen, die ihr von der fremden neapolitanischen Familie am Strand vorgelebt wird und die sie nie von ihrer eigenen Mutter erfahren hat. Neid und Eifersucht kommen in ihr auf, was sich letztlich in ihrem niederträchtigen Handeln niederschlägt. 

"Frau im Dunkeln" ist ein kurzer, pointiert formulierter Roman, der eine Sogwirkung entfaltet und durch das vorweggenommene Ende spannend und raffiniert erzählt ist.



Freitag, 8. März 2019

Buchrezension: Stephanie von Hayek - Als die Tage ihr Licht verloren

Inhalt:


Linda und Gitte, Töchter einer liberalen, gut bürgerlichen Berliner Familie, genießen ihre Jugend. Gitte, die als Sekretärin im Reichsinnenministerium arbeitet, hofft, einst als Juristin Karriere zu machen, Linda, die ungestüme Träumerin, schlägt den künstlerischen Weg ein und heiratet den sensiblen Erich, die Liebe ihres Lebens. Als seine Nachrichten von der Front ausbleiben und sein Schicksal ungewiss ist, fällt sie in tiefe Melancholie – gefährlich in einer Zeit, in der psychische Krankheiten zum Todesurteil werden können. Denn die Nationalsozialisten planen bereits, was sie verharmlosend "Euthanasie", den guten Tod, nennen.

Rezension:

Linda und Brigitte Hoffmann sind Schwestern, die seit ihrer Kindheit unzertrennlich sind. Linda ist die ältere, temperamentvollere der beiden, die den Schuhmachermeister Erich Kupfer heiratet und anschließend in dessen Geschäft mitarbeitet. Gitte ist die vernunftbegabtere, die als Sekretärin im Reichsinnenministerium arbeitet und Ambitionen hat, als Juristin Karriere zu machen. 
Den Träumen der beiden wird jedoch durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges jäh ein Ende gesetzt. Erich wird gleich zu Beginn von der Wehrmacht eingezogen, um in Polen zu kämpfen. Zunächst erhält Linda noch Briefe von der Front, doch als die Verbindung abbricht, verspürt Linda nur noch eine Leere und verfällt in ein tiefes Loch aus Ungewissheit und Depression. Ihr Zustand bleibt nicht verborgen, weshalb sie verraten und von staatlicher Fürsorge in eine Heil- und Pflegeanstalt zwangseingewiesen wird. Ihre besorgte Familie erfährt nicht, wohin Linda gebracht wird, kann sie nicht besuchen. Da erhält Gitte während ihrer Tätigkeit als Sekretärin Einblick in Dokumente, die belegen, dass Linda in Berlin-Buch untergebracht ist. Die Diagnose schockiert, weshalb die Familie, allen voran die resolute Großmutter Elisabeth, Linda wieder zu sich holen möchte.

"Als die Tage ihr Licht verloren" handelt im Zeitraum vom 1932 bis 1940 und erzählt die fiktive Geschichte zweier Schwestern während des Nationalsozialismus in Berlin, die auf historischen Fakten beruht.
Die Geschichte hatte viel Potenzial für einen authentisch erzählten und aufwühlenden Roman, der die Geschichte der Euthanasie anhand der Lebensumstände von Linda hätte näher bringen können.
Ich empfand den Roman zunächst allerdings sehr zäh zu lesen, da das eigentliche Thema erst nach der Hälfte des Romans zur Sprache kommt. Die Charaktere bleiben auf Distanz, selbst Linda, die tiefe Einblicke in ihr Seelenleben bietet. Der Verlust ihres Lebensmittelpunktes, ihr Gefühl der Leere und ihre Verwirrung werden sehr anschaulich dargestellt, allerdings sind ihre weinerlichen Gedankengänge so abgehackt formuliert und auch so mancher Monolog eines NS-Chargen so lose in den Kontext eingeflochten, dass ein flüssiges Lesen nicht immer möglich ist. Die Vielzahl der Charaktere, von denen die wenigsten eine große Rolle einnehmen, verwirren zusätzlich.

Das Euthanasie-Programm, das mir bisher nur sehr abstrakt aus dem Geschichtsunterricht bekannt war, nahm mir insgesamt zu wenig Raum ein. Ich hätte mir mehr Einblicke in den Alltag von sogenannten "Irrenanstalten" und mehr betroffene Einzelschicksale gewünscht. So zeigt der Roman zwar, wie schnell man in den gefährlichen Strudel "menschenunwerten Lebens" geraten konnte, rief bei mir aber dennoch kaum Emotionen hervor. Das Ende des Romans war für mich zu abrupt und sowohl in Bezug auf Linda und Gitte als auch im Hinblick auf den Verbleib von Erich unbefriedigend. 





Mittwoch, 6. März 2019

Buchrezension: Bela B. Felsenheimer - Scharnow

Inhalt: 

In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, ist der Hund begraben. Scheinbar. Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet: Schützen liegen auf der Lauer, um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richten blutige Verheerung an, und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr. Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit. 

Rezension:

Scharnow ist ein Dorf nördlich von Berlin, in dem es bis auf ein paar Wohnhäuser, darunter der "Silo", einem 17-stöckigen Plattenbau, einen Supermarkt und eine Polizeistation nicht viel Nennenswertes gibt. An einem Tag X überschlagen sich allerdings die Ereignisse, als ein Buchblogger stirbt, der Supermarkt von drei Nackten überfallen wird und Hund Cloudy, eine Schwester von Bo, dem Hund der ehemaligen US-amerikanischen Präsidenten-Familie Obama, sowie zwei Polizeireservisten getötet werden. Das alles ereignet sich in dem verschlafenen Ort, ausgelöst durch eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern, während eine Gestalt in der benachbarten Kreisstadt Sahsenheim durch die Lüfte fliegt und für Zerstörung sorgt. 

"Scharnow" ist der Debütroman von "Die Ärzte"-Schlagzeuger und Sänger Bela B., der auf absurd-witzige, sehr unterhaltsame Art und Weise einen Tag und dessen Auswirkungen in dem fiktiven Ort in der Provinz Brandenburgs beschreibt. 
Der Roman besteht aus vielen kurzen Kapiteln, um den zahlreichen handelnden Personen und der sich überschlagenden Ereignissen gerecht zu werden. Auch wenn das vorangestellte Personenverzeichnis zunächst mehr verwirrt als weiterhilft und die vorgestellten Charaktere zu Beginn in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen, hängen sie im weiteren Verlauf dann doch eng zusammen. Die vielen einzelnen Geschichten werden dabei so geschickt miteinander verknüpft, dass man als Leser nie den Überblick über Personen und Handlung verliert. 

Das Erstwerk von Bela B. ist so ironisch und skurril wie mancher seiner Liedtexte und abseits des literarischen Mainstreams erfrischend anders zu lesen. Die Charaktere wirken auf den ersten Blick überzeichnet und klischeehaft, bei genauerer Betrachtung - sei es der trinkende einfache Arbeiter aus Brandenburg, das nach Berlin verzogene Manga-Girlie, der argwöhnisch beobachtete syrische Asylbewerber, der im Kiosk mit Internetcafé, aber ohne Alkoholverkauf arbeitet oder die fluchende Oma mit Berliner Schnauze - aber doch aus dem Leben gerissen. 

"Scharnow" bietet eine kurzweilige, originelle, aber absolut schräge Unterhaltung, besticht durch eine Vielfalt an skurrilen Charakteren und einer zu keinem Zeitpunkt vorhersehbaren, überdrehten Handlung, die voller Wortwitz und fantastischer Einfälle erzählt wird. 




Montag, 4. März 2019

Buchrezension: Simone St. James - Die schwarze Frau

Inhalt:

Vermont 1950. Idlewild Hall ist ein Ort für Mädchen, die keinen anderen Platz in der Gesellschaft haben. Abends erzählen sich die Schülerinnen Schauergeschichten von der "schwarzen Mary". Doch als eines Nachts eine von ihnen unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, wird der Schrecken real. 2014 ist das Internat eine Ruine, aber die Journalistin Fiona Sheridan kann nicht von Idlewild Hall lassen: Hier wurde vor 20 Jahren ihre Schwester ermordet. Als man bei Renovierungsarbeiten eine weitere Mädchenleiche findet, beginnt Fiona zu recherchieren. Dabei rührt sie an dunkle Geheimnisse, die besser für immer verborgen geblieben wären. 

Rezension: 

Fiona Sheridans ältere Schwester Deb wurde vor 20 Jahren ermordet und ihre Leiche auf dem Grundstück von Idlewild Hall gefunden. Idlewild Hall war ein Mädcheninternat, das von 1919 bis 1979 bestand. Seit über dreißig Jahren stehen die Gebäude leer, weshalb umso verwunderlich ist, dass sich nun im Jahr 2014 eine Investorin gefunden hat, die dort, wo es seit Jahrzehnten spuken soll, wieder in Internat für Mädchen eröffnen möchte, wo es in der Gegend um Barrons keinen Bedarf für eine solche schulische Einrichtung gibt. Fiona ist Journalistin, leidet bis heute unter dem frühen Tod ihrer Schwester und möchte vor allem aus persönlichen Gründen einen Artikel über Idlewild Hall schreiben. Als dann bei den Bauarbeiten eine Mädchenleiche gefunden wird, ist Fiona bei ihrem journalistischen Ehrgeiz gepackt und erfährt bei ihren Recherchen von vier Freundinnen, die 1950 in dem Mädcheninternat gewohnt haben und von denen eine die 15-jährige Französin Sonia Gallipeau ist, die spurlos verschwunden war und deren Leiche nun gefunden wurde. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, in der Gegenwart im November/ Dezember 2014 aus der Sicht Fionas und in der Vergangenheit im Winter 1950 abwechselnd aus der Perspektive einer der vier Freundinnen. Die Geschichte vermittelt durch die Jahreszeit und die gruselige Stimmung in dem Anwesen von Idlewild Hall, das von dem Geist von Mary Hand heimgesucht wird, eine düstere, aber sehr stimmige Atmosphäre. 

Die Schicksale der Mädchen auf Idlewild Hall, die exemplarisch durch die vier Freundinnen vermittelt werden, sind anrührig, da es sich bei allen um ausgegrenzte, von den Familien aus unterschiedlichen Gründen verstoßene Kinder handelt, die in vielen Fällen traumatisiert waren und in dem Internat alles andere als herzlich behandelt worden sind. So ist auch Fionas Ansinnen, die den Tod der eigenen Schwester nicht verwunden hat, nachvollziehbar, mehr über das Schicksal der ihr unbekannten Sonia zu erfahren, deren Verschwinden nie als Verbrechen deklariert und aufgeklärt wurde. Unweigerlich vermischt sich dabei ihre eigene Geschichte, denn Unregelmäßigkeiten bei den Ermittlungen im Jahr 1994 lassen die Polizeiarbeit aufgrund von Korruption, Standesdünkel, Willkür und Vertuschung in einem fragwürdigen Licht erscheinen.  

Die beiden Erzählebenen sind fließend miteinander verbunden und haben beide das mystische Erscheinen von Mary Hand gemeinsam, die auch 2014 noch nicht in Frieden zu ruhen scheint. 
"Die schwarze Frau" ist eine sehr gelungene Mischung aus Drama, Kriminalgeschichte und Mysterythriller, der durch den immer tieferen Einstieg in die Vergangenheit von Idlewild Hall, die Aktenrecherche und dem Suchen nach Zeitzeugen spannend erzählt ist und bis zum Ende fesselt, bis die Wahrheit über das ungeklärte Verschwinden der 15-Jährigen nach über sechzig Jahren ans Licht kommt und auch Fiona endlich alle Hintergründe zum Mord an ihrer Schwester in Erfahrung bringen kann.