Montag, 19. Oktober 2026

Buchrezension: Lars Menz - Der gute Sohn

Inhalt:

Eine Familie am Frühstückstisch. Die Mutter streicht dem Sohn durchs Haar, der Vater schenkt Kakao nach. Ein perfekter Morgen – bis die Fußfessel anschlägt. Strom quält den Körper des Jungen. Er zuckt zusammen, erduldet den Schmerz. Ein Junge, wie ihn sich seine Eltern wünschen. Ein guter Sohn. 
Währenddessen betritt Liv Beck die sturmumtoste Nordseeinsel. Ruhe sucht die Polizistin hier – und Abstand vom letzten Einsatz, der tödlich endete. Doch dann begegnet sie am Strand einem verzweifelten Mann, der fest davon überzeugt ist, dass sein verschwundener Sohn nicht im Meer ertrank. Warum glaubt ihm niemand? 
Je tiefer Liv gräbt, desto dichter zieht der Nebel aus Geheimnissen über die Insel. Bald begreift sie: Wer zu viele Fragen stellt, verschwindet vielleicht als Nächstes. 

Rezension: 

Nach einem missglückten Polizeieinsatz, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen, ist die traumatisierte Polizeioberkommissarin Liv Beck vom Dienst suspendiert und muss sich in einer Klinik auf einer kleinen Nordseeinsel behandeln lassen. Schon an ihrem ersten Tag lernt sie einen trauernden Vater kennen, dessen Sohn verschwunden ist. Während Polizei und Inselbewohner davon ausgehen, dass der Junge ertrunken ist, ist Fink überzeugt, dass sein Sohn Opfer eines Verbrechens wurde.
Liv ist getriggert und möchte den Fall aufklären, um sich selbst und anderen zu beweisen, dass sie eine gute Polizistin ist. Statt sich in der Klinik zu regenerieren, stellt sie zu viele und vor allem zu unbequeme Fragen, die sie in die Schusslinie bringen.

"Der gute Sohn" ist als Kriminalroman kategorisiert, mutet jedoch viel mehr wie ein Thriller an. Klassische Ermittlungen und Polizeiarbeit gibt es nicht. Stattdessen schnüffelt Liv privat auf der Insel herum und gerät dabei selbst in Gefahr.
Der zweite Handlungsstrang, der deutlich weniger und nur kurze Kapitel umfasst, handelt von einem Jungen in Gefangenschaft, der den "guten Sohn" mimen muss, um Bestrafung zu entgehen.

In diesem Roman verhält sich jeder verdächtig. Hier scheint jeder Protagonist ein Geheimnis oder Dreck am Stecken zu haben. Was Liv erlebt und getan hat, erfährt man nur allmählich. Sie leidet unter ihrem Trauma, Panikattacken und Halluzinationen und agiert völlig kopflos. Auf ihrer Kamikaze-Mission beschuldigt sie nahezu jede Person auf der Insel etwas mit dem Verschwinden von Jonas zu tun zu haben. Auch wenn nachvollzogen werden kann, dass Liv Wiedergutmachung leisten möchte und deshalb so forsch vorgeht, erscheint ihre Vorgehensweise komplett überdreht, begeht sie schließlich eine Reihe an Straftaten und könnte in der Folge nie wieder als Polizistin arbeiten. Dieser recht abenteuerliche Handlungsverlauf macht viel Spannung kaputt, da eine realistische Aufklärung nicht mehr möglich ist. 

Weiterhin bleibt die kleine Nordseeinsel mit der psychosomatischen Klinik genauso wenig vorstellbar wie die blassen Charaktere, die nur an ihren Namen zu unterscheiden sind. 
Frei von polizeilichen Ermittlungen entwickelt sich die Geschichte mit einer kopflosen Suche retardierend zäh. Am Ende offenbaren sich die tathandelnden Personen selbst, wobei die Motivation nicht unerwartet ist, gab es doch auf den ersten 100 Seiten bereits einen entscheidenden Hinweis für eine mögliche Verzweiflungstat. 
Letztlich ist das Szenario von zu vielen Zufällen, abwegigen Handlungen und einer anstrengend impulsiven Hauptfigur geprägt. "Der gute Sohn" hat in dem unentschlossenen Genremix aus Krimi, Familiendrama, Traumastudie und Thriller nur eine Nebenrolle, obwohl gerade dieser Part im Klappentext so fesselnd angekündigt ist. 

Freitag, 16. Oktober 2026

Buchrezension: Miriam Covi - Firefly Island: Hinter dem Horizont (Die Firefly-Island-Reihe, Band 3)

Inhalt:

Rosalie Fischer ist vor Kurzem mit ihrer zweijährigen Tochter zu ihrer Großmutter nach Firefly Island gezogen, wo sie gemeinsam mit ihren beiden Schwestern der kanadischen Insel durch das Ausrichten von Hochzeiten zu neuem Glanz verhilft. Wenn nicht Hubschrauberpilot Mark McAllister wäre, der die Bewohnerinnen der Firefly Lodge immer wieder mit seinen lauten Starts und Landungen nervt. Rosalie hat jedoch noch ein zweites Problem: Sie benötigt dringend noch ein paar heiße Liebesszenen für ihren Roman, sonst wird das Buch womöglich nicht veröffentlicht. Nur leider fehlt ihr dafür die Inspiration – bis sie ausgerechnet Mark näherkommt und zwischen den beiden die Funken sprühen. Aber was, wenn er mitbekommt, dass sie ihn für ihren Roman benutzt? Dann droht auch noch ein Sturm die nächste Inselhochzeit zu verwüsten. 

Rezension: 

Rosalie ist vor Kurzem aus Berlin zusammen mit ihrer zweijährigen Tochter Chloe als Alleinerziehende an den Ort ihrer Kindheitssommer zurückgekehrt: nach Firefly Island. Dort unterstützt die Fotografin ihre beiden jüngeren Halbschwestern Holly und Ivy, die das Anwesen der Großmutter als Hochzeitslocation nutzen möchten.
Auf der anderen Seite der Insel wohnt Mark McAllister, der dort zum Leidwesen aller einen hässlichen Wohnklotz errichtet hat, den er mit seinem Hubschrauber erreicht. Die ersten Begegnungen mit "Mr. Darcy" waren beiderseits mehr als unterkühlt und doch verspürt Rosalie eine Sehnsucht zu dem attraktiven Mann, nachdem ihre beiden Schwestern überglücklich frisch verliebt sind. Zudem könnte sie ein wenig Inspiration für ihren ersten Roman gebrauchen, denn der Verlag verlangt nach mehr Spice in ihrer Liebesgeschichte.

"Hinter dem Horizont" ist der abschließende dritte Band der "Firefly Island"-Reihe um die drei deutsch-kanadischen Schwestern. Es empfiehlt sich, Teil 1 und 2 gelesen zu haben, um die Hintergründe der Charaktere zu kennen und die Dynamik zwischen den Schwestern zu verstehen. Teil 3 widmet sich der ältesten Schwester Rosalie, die als Tochter einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist und nun selbst alleinerziehend ist. Durch geschickte Einschübe werden gerade zu Beginn alle Haupt- und Nebenfiguren in Erinnerung gebracht, so dass man sich sofort wieder an den Schauplatz der kleinen Privatinsel zurückversetzt fühlt, wo die Geschichte nahtlos fortgesetzt wird.

Analog zu den beiden Bänden zuvor wird auch diese Liebesgeschichte aus der Sicht der weiblichen und der männlichen Hauptfigur erzählt, wobei Rosalies Leben und Gefühle mehr Raum einnehmen.
Schon den ganzen Sommer über kam es zu Begegnungen zwischen Rosalie und Mark, die abschätzig und feindselig waren, bis die quirlige zweijährige Chloe und Marks gutmütiger Labrador Arthur zu Eisenbrechern wurden. Obschon der Herbst aufzieht und die Firefly-Season vorbei ist, sprühen die Funken heftig, wobei eine Distanz bleibt. Sowohl Rosalie als auch Mark wurden von der Liebe enttäuscht und haben Angst vor ihren Gefühlen. Insbesondere Rosalie glaubt nicht an ein Happy End wie in einem Liebesroman und zieht sich immer wieder zurück. Missverständnisse sind vorprogrammiert, währenddessen sich beide ihrem Glück ein wenig selbst im Wege stehen.

Die Geschichte entwickelt sich in ihrem Kern nicht überraschend, aber glaubwürdig, ist lebendig, unterhaltsam und voller wortwitziger Dialoge geschildert. Die Gefühle beider Hauptfiguren sind nachvollziehbar, wobei sich vor allem Rosalie mit ihrer Verunsicherung wiederholt ruppig zeigt - im Gegensatz zu Mark, der statt grumpy eine absolute green flag ist, der nicht nur seinen Hund abgöttisch liebt, sondern auch für Chloe offene Arme hat. 

Während die Romanze die Handlung bestimmt, erfährt man nebenher, wie Hollys und Ivys Lebenswege weitergehen und wie die Lodge als Hochzeitslocation weiter Gestalt annimmt.
Empathisch, romantisch und am Ende mit spannender Dramatik ist "Hinter dem Horizont" nicht nur ein warmherziges Wiedersehen mit bekannten sympathischen Charakteren, sondern auch ein rundum gelungener Abschluss der Trilogie um die drei Firefly Island-Schwestern, die alle einen privaten und beruflichen Neuanfang wagen, mit dem sie vor dem Sommer nicht gerechnet haben.  


Mittwoch, 14. Oktober 2026

Buchrezension: Sarah Harman - All The Other Mothers Hate Me

Inhalt:

Florence, Ex-Partygirl, wählt stets den leichtesten Weg. Nach dem ernüchternden Ende ihrer Girlband-Karriere lebt sie pleite und alleinerziehend in London. Ihr Sohn Dylan ist der einzige Grund, aus dem Bett zu kommen. Doch dann verschwindet Alfie – Bully ihres Sohns und Erbe eines Tiefkühlimperiums –, und Dylan wird zum Hauptverdächtigen. Flo steht vor einer Aufgabe, der sie ausnahmsweise nicht ausweichen kann: Sie muss den Namen ihres Sohnes reinwaschen, um ihn nicht zu verlieren. Das Problem? Ihr Verdacht, dass Dylan vielleicht doch nicht so unschuldig ist, wie sie gerne glauben würde. 

Rezension: 

Florence hat es als Sängerin einer Girlgroup fast zu Berühmtheit gebracht und lebt mit Anfang 30 als alleinerziehende Mutter in London. Antriebslos und ohne großen finanziellen Spielraum laviert sie sich durch den Alltag und ist aufgrund eines Fauxpas aus dem Kreis der anderen Mütter ausgeschlossen. Ihr zehnjähriger Sohn Dylan eckt in der Schule an und legt sich dabei immer wieder mit Alfie Risby, dem Spross reicher Eltern, an. Als dieser bei einem Schulausflug spurlos verschwindet, kann Florence nicht ausschließen, dass ihr Sohn etwas damit zu tun hat. Sie muss schneller sein als die Polizei und beginnt selbst zu ermitteln und nach Alfie zu suchen.

Florence lernt man zunächst als oberflächliche Verliererin kennen, die einsam und leicht depressiv ist und ihre Zeit am liebsten vor dem Fernseher oder im Nagelstudio verbringt. Als der Widersacher ihres Sohnes verschwindet, rafft sie sich auf und ist zu allem bereit, um Dylan aus der Schusslinie zu bringen. Dabei trifft sie einige fragwürdige Entscheidungen.

"All the other mothers hate me" ist ein spannender Mix aus Gesellschaftssatire und Kriminalroman. Aus der Ich-Perspektive von Florence geschildert, kann man sich köstlich über ihre bissigen Bemerkungen und zutreffenden Beobachtungen der britischen Upperclass amüsieren. Florence ist fehlerbehaftet, handelt impulsiv und unüberlegt und bringt sich öfter in Schwierigkeiten. Das Wichtigste in ihrem Leben ist ihr Sohn und für diesen würde sie alles tun. In dem Kampf einer Löwenmutter wächst sie über sich hinaus, und entwickelt sich glaubhaft weiter.

Neben den vielen schwarzhumorigen Szenen um Klassenunterschiede, Übermütter, Konkurrenzgebaren, Außenseitertum und Einsamkeit, ist der Roman aufgrund des ungewissen Schicksals Alfies und der undurchsichtigen Rolle Dylans anhaltend spannend. Aufkommende Lügen und Intrigen sorgen für Wendungen, die der Geschichte bei der Suche nach Wahrheit gerade am Schluss regelrechte Thrillerelemente verleihen. Dazu kommen die moralisch grauen Charaktere beziehungsweise die Wege, die sie wählen, um vermeintlich Gutes zu erreichen.