Freitag, 10. Juli 2026

Buchrezension: Cora Wucherer - All die Farben, all das Licht

Inhalt:

Seit sie denken können, teilen sich Juna und Martha ein Zimmer in ihrer engen Familienwohnung in München-Giesing. Doch das ist auch schon alles, was die beiden Schwestern gemeinsam haben. Juna, außergewöhnlich begabt und bedroht von einer seltenen Krankheit, erfährt, dass ihr wohl nur noch wenige Monate bleiben, bis sie ihr Sehvermögen verliert. Ihr Traum, einmal eine ebenso bedeutende Künstlerin zu werden wie ihr großes Vorbild Lotte Laserstein, scheint zu zerbrechen. Ihre jüngere Schwester Martha hingegen kämpft darum, überhaupt gesehen zu werden. Mit Junas Ausweis in der Tasche ergattert sie sich einen Nebenjob in einem Kino – und damit eine völlig neue Unabhängigkeit. Als Juna unbedingt ihr Lieblingsgemälde von Lotte Laserstein in Malmö sehen will, ergreift Martha ihre Chance und organisiert eine heimliche Reise für die beiden. Was als Abenteuer beginnt, wird zu einer ungeahnten Herausforderung – und die Schwestern geraten an die Grenzen dessen, was sie voneinander zu wissen glaubten. 

Rezension: 

Die beiden Schwestern Juna und Martha leben zusammen mit ihrem Vater in München, während ihre Mutter schon früh gestorben ist. Die beiden müssen sich ein Zimmer teilen, verbringen jedoch trotzdem nur wenig gemeinsame Zeit.
Juna ist dreieinhalb Jahre älter als Martha und leidet an einer Erbkrankheit, die ihr Hör- und Sehvermögen betrifft. Sie ist künstlerisch begabt und träumt davon, Kunst zu studieren und Malerin zu werden, als sie in den Sommerferien die Nachricht erhält, dass sie in den nächsten Monaten erblinden wird.
Die 13-jährige Martha genießt hingegen die schulfreie Zeit und ist stolz auf sich, durch einen Trick einen Ferienjob in einem kleinen Kino ergattert zu haben. 
Als sie von der ärztlichen Prognose erfährt und dass Juna den Wunsch hat, eine Ausstellung ihres großen Vorbilds Lotte Laserstein zu besuchen, verwendet Martha ihre Ersparnisse und fährt mit Juna heimlich nach Malmö.

Der Roman wird abwechselnd aus den Ich-Perspektiven der beiden Schwestern geschildert. Nicht nur der Altersunterschied, auch ihre ungleichen Persönlichkeiten sind durch die Erzählstimmen klar zu unterscheiden. Beide wirken nahbar und authentisch. Junas Wut und Angst über den Verlauf der Krankheit und das Ende ihrer Träume sind nur allzu verständlich. Auch wie eingeschränkt ihr Alltag schon bisher ist, wie gestresst sie von fremden Umgebungen, lauten Geräuschen und zu vielen Menschen ist, kann gut nachvollzogen werden.
Martha wirkt offensichtlich unerschrockener und unbeschwerter, hat aber ihrerseits damit zu kämpfen, dass sie im Schatten ihrer kranken, aber schönen, begabten Schwester steht. Zudem vermisst sie eine Mutter, die sie nie kennenlernen durfte und leidet unter dem Schweigen in ihrer Familie.

Mit der Fahrt nach Malmö machen die Schwestern erstmals wieder etwas gemeinsam, wobei sich neue Spannungen ergeben.

Trotz des jungen Alters der Hauptfiguren ließt sich das Buch nicht wie ein Jugendroman, da weniger Teenager-Probleme, sondern ganz universelle Themen in den Vordergrund rücken. Neben dem Erwachsenwerden und erster Liebe handelt "All die Farben, all das Licht" von Verlust, geplatzten Träumen, Freundschaft, Selbstentfaltung und Mut. Die Geschichte ist lebendig und empathisch geschildert, zeigt die besondere, nicht immer einfache, Verbindung von Geschwistern und dass man die Herausforderungen des Lebens annehmen muss, um neue Perspektiven zu sehen und neue Wege zu gehen. 


Mittwoch, 8. Juli 2026

Buchrezension: Liz Nugent - Seltsame Sally Diamond

Inhalt:

Als ihr verwitweter Adoptivvater kurz vor ihrem 43. Geburtstag stirbt, nimmt Sally Diamond ihn beim Wort: Sie versucht, ihn mit dem Müll zu verbrennen. So wie er es ihr gesagt hat. Ein Fehler, denn nun interessieren sich plötzlich alle für die seltsame Frau, die sich gerne taub stellt, wenn sie unter Menschen geht und am liebsten für sich bleibt: Polizei, Nachbarn, Medien – und eine unheimliche Stimme aus einer Vergangenheit, an die sie sich nicht erinnert. Während sie nach und nach von den schrecklichen Geheimnissen ihrer frühen Kindheit erfährt, nähert sich Sally zum ersten Mal vorsichtig der Welt. Sie übt sich in Vertrauen, schließt Freundschaften, trifft große Entscheidungen und lernt, dass Menschen nicht immer meinen, was sie sagen und nicht immer sind, was sie vorgeben zu sein. Doch wer ist der mysteriöse Fremde, der so viel über sie zu wissen scheint und ihr Nachrichten von der anderen Seite des Globus schickt? Und wieso ist der neue Nachbar so besessen von ihr? 

Rezension: 

Sally Diamond ist weitgehend abgeschottet bei ihren Adoptiveltern in einem Dorf in Irland aufgewachsen. Als mehrere Jahre nach dem Tod ihrer Adoptivmutter ihr Adoptivvater stirbt, ist Sally mit knapp 43 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben auf sich alleingestellt und begeht unbeabsichtigt bereits mit der eigenwilligen Einäscherung ihres Adoptivvaters den ersten Fehler. 
Sally erhält ungewollte Aufmerksamkeit, aber auch Unterstützung und beginnt sich den Menschen in ihrer Umgebung zu öffnen. Mit Hilfe der Hinterlassenschaften ihres Adoptivvaters beginnt sie zudem zu begreifen, warum sie "sozial defizitär" ist und was es mit der Diagnose PBTS auf sich hat...

Der Roman ist in drei Abschnitte untergliedert und wird im ersten Teil ausschließlich aus der Perspektive von Sally geschildert, die wie der Titel verspricht, seltsam ist und autistische Züge aufweist. Sie ist unbeholfen im Umgang mit anderen Menschen, nimmt jede Aussage wörtlich und spricht selbst ungefiltert aus, was sie denkt.
Der zweite und dritte Teil wird um die Perspektive von Peter erweitert, die einen Rückblick in die Vergangenheit darstellen und ab dem Jahr 1974 beginnen. Seine Schilderungen geben Aufschluss über das, was Sally erlebt und zu der Person gemacht hat, die sie heute ist.

Das Buch ist so gehypt, dass es als Hardcover vergriffen ist. Als Taschenbuch, das sehnlichst erwartet Ende Juni erschienen ist, wird es als Psychothriller angekündigt. Auch wenn die Geschichte Grausamkeiten schildert und insbesondere in der Vergangenheit manipulativ und verstörend ist, ist das Buch eher eine Familientragödie, die von einem jahrelangen Martyrium handelt. Gerade die Erzählung der Gegenwart ist weniger fesselnd und im Zusammenhang mit der Verbindung der Vergangenheit ein wenig vorhersehbar. Peters Schilderungen zeugen von direkter Gewalt, sind ereignisreicher und erzeugen deshalb mehr Spannung.

"Seltsame Sally Diamond" bewegt wegen der zerstörten Leben von Sally und Peter, ist tragisch, aber durch Sallys ehrliche Art, mit der sie ihre Mitmenschen mitunter vor den Kopf stößt, situationsabhängig unfreiwillig komisch. Die Geschichte handelt von Isolation, Machtmissbrauch, Manipulation und Gewalt und zeigt eindrücklich die psychischen Auswirkungen erlebter Traumata auf die Opfer, aber auch auf die Angehörigen, selbst wenn Erinnerungen erfolgreich verdrängt wurden.

Montag, 6. Juli 2026

Buchrezension: Natali Simmonds - Bevor sie ihn finden

Inhalt:

Sie berichten über ihn in den Morgennachrichten. Dass sie seine Leiche so früh finden würden, habe ich nicht erwartet. Die Leiche des Mannes, der die Welt meiner Tochter völlig eingenommen hat. Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, dass dieser Mann existiert. Früher war ich Leahs ganze Welt und sie war meine. Doch nun erzählt sie mir nichts mehr. Ich musste es allein herausfinden.
Ihnen kommt an seinem Tod nichts verdächtig vor und Leah redet nicht mit mir darüber. Doch ich kenne sie zu gut, um es nicht zu erkennen.
Ich bin die Einzige, die diese Dunkelheit in ihr sehen kann – dieses Verlangen nach Rache. Und ich weiß genau, woher sie es hat. 

Rezension: 

Ein Mann wird tot aufgefunden, der angeblich Selbstmord begangen haben soll. Als Jules die Nachrichten hört, ist sie entsetzt, denn ihre Tochter war unglücklich in den Mann verliebt und Jules bezweifelt den Suizid.
Nach der kurzen Einführung beginnt die Handlung vier Wochen zuvor, die abwechselnd aus der Sicht von Jules und ihrer Tochter Leah geschildert wird.
Jules fühlt sich von ihrer Familie nicht gesehen, von ihrem Ehemann Adam ungeliebt und sucht Bestätigung mit Hilfe einer Dating-App. An ihrem Arbeitsplatz fühlt sie sich aufs Abstellgleis gedrängt, was die Unzufriedenheit mit ihrem Leben noch verschärft.
Ihre 16-jährige Tochter pflegt obsessive Beziehungen zu (älteren) Männern und ist deshalb nur knapp einem Schulverweis entkommen, während Vorzeigesohn Reece heimlich mit Drogen dealt. Ehemann Adam glänzt durch Abwesenheit und zieht sich regelmäßig in seinen Kleingarten zurück.

Jules und Leah sind problembehaftet und überschreiten regelmäßig Grenzen. Sie sind keine Sympathieträgerinnen, weshalb man mit entsetzter Faszination auf die beiden Frauen blickt und ihr Handeln wie ein Voyeur verfolgt. Beide kreisen um sich selbst und verhalten sich nach einem ähnlichen Muster.

Die Handlung wartet zunächst nicht mit nervenaufreibenden Ereignissen auf, sondern wird von den Geheimnissen innerhalb der Familie und der zunehmenden Verstrickung in Lügen getragen. Gebannt guckt man dabei zu, wie sich die beiden Frauen immer weiter in Richtung Abgrund bewegen.
Leah, die bereits in therapeutischer Behandlung war, erscheint unberechenbar und auch Jules ist alles zuzutrauen, um ihr kleines Mädchen zu beschützen.
Daraus entwickelt sich ein gefährliches Machtspiel mit unvorhergesehenen Wendungen, die die Spannung bis zum Ende hochhalten.

"Bevor sie ihn finden" ist Domestic Suspense über Besessenheit, Selbstwert, Familienkrisen, Täuschung und Rache. Am Ende siegt trotz aller Probleme und des Misstrauens der enge Zusammenhalt der Familie - mit einem bitteren Beigeschmack, das den Thriller aber passend abschließt und den deutschen Titel des Romans erklärt.