Montag, 16. März 2026

Buchrezension: Natalie Chandler - Voices. Ich kann euch hören

Inhalt:

Tamsin Shaw liegt seit einem mysteriösen Autounfall im Koma. Was niemand weiß: Während sie nicht einmal einen Finger bewegen, geschweige denn die Augen öffnen kann, ist sie bei vollem Bewusstsein. Auch erinnern kann sich Tamsin nicht. Nicht an den Unfall, der sie ans Bett fesselte, und auch nicht an die Tage zuvor. Als Psychiaterin weiß sie, dass diese Art von Dornröschenschlaf sie vor einer besonders traumatischen Erinnerung schützen soll. 

Rezension: 

Die Kriminalpsychologin Tamsin Shaw liegt nach einem ungeklärten Autounfall seit drei Jahren im Wachkoma. Bis auf eine ihrer Krankenschwestern ahnt niemand, dass Tamsin sich zwar nicht bewegen kann, aber tatsächlich jedes Wort versteht, das an ihrem Bett gesprochen wird. 
Während sie scheinbar schläft, offenbaren ihre Besucher, ihr Ehemann, ihre beste Freundin, ihr Ex-Freund und ihr letzter Patient, ihre Geheimnisse. 
Für Tamsin beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, als sie erfährt, dass ihr Ehemann beabsichtigt, die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen zu lassen, damit Tamsin, aber auch er selbst und die gemeinsame Tochter, Frieden finden können. 
 
Der Roman wird aus den Perspektiven von Tamsin und ihrem Ehemann Jamie erzählt. Während Tamsin versucht, ihre Erinnerungen hervorzurufen, um herauszufinden, was sie blockiert, lebt Jamie sein Leben weiter, wobei er heimlich in einer neuen Beziehung ist. 
Rückblenden in ein "vorher" schildern Beziehungskrisen, finanzielle Schwierigkeiten und die Therapiesitzungen mit Richard Mandeville, einem verurteilen Sexualstraftäter. 

Die Hauptfigur ist gefangen im eigenen Körper, was für eine klaustrophobische Stimmung sorgt. Je näher Tamsins angestrebter Todeszeitpunkt rückt, desto mehr Dynamik entsteht unter den Besuchern, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Streitgespräche und Geständnisse rufen Reaktionen bei Tamsin hervor, die diese nicht bewusst steuern kann. 

"Voices" ist ein unblutiger Thriller mit einer begrenzten Anzahl an Personen, die ihre Geheimnisse haben und sich zwischen Manipulation und Schuldgefühlen bewegen. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit offenbart nur allmählich die Zusammenhänge und sorgt damit für anhaltende Spannung, auch wenn am Ende ein großer Knalleffekt ausbleibt und sich das Konstrukt in Wohlgefallen auflöst. 

Freitag, 13. März 2026

Buchrezension: Hannah Häffner - Die Riesinnen

Inhalt:

"Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier."
Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.

Rezension:

Liese ist eine Riesin in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. In den 1960er-Jahren heiratet die Außenseiterin den Metzgerssohn Bernhard Riessberger und bekommt mit ihm die gemeinsame Tochter Cora. Die Ehe ist von Unterdrückung und Gewalt geprägt und so ist Liese vom überraschend frühen Tod ihres Mannes nicht weiter berührt. Um für ihre Tochter zu sorgen, übernimmt sie die Metzgerei der Schwiegereltern und beweist ungeahnte Durchsetzungskraft.
Cora wird noch schlimmer als ihre Mutter ausgegrenzt, träumt von Freiheit und kehrt dem Dorf unmittelbar nach dem Schulabschluss den Rücken. Nach wenigen Stationen innerhalb Europas kehrt Cora notgedrungen ins Haus ihrer Mutter zurück. Nach anfänglichem Hadern baut sie sich selbst ein Standbein im Dorf auf und ist regelrecht entsetzt, als ihre Tochter ihr Jahre später eröffnet, in ihre Fußstapfen treten zu wollen statt von der großen weiten Welt zu träumen.

"Die Riesinnen" ist das Porträt dreier Generationen von Frauen, die in Wittenmoos, einem fiktiven Ort im Schwarzwald, verwurzelt sind. Während Liese und Cora mit Ausgrenzung zu kämpfen haben, ist Eva schon als kleines Kind im Ort beliebt.

Die Geschichte handelt über mehrere Jahrzehnte hinweg und wechselt dabei chronologisch die Perspektive. Die Frauen sind sich mit ihrer blassen Haut, den roten Haaren und der hageren, langen Statur nicht nur äußerlich ähnlich, sondern haben auch alle drei eine kämpferische, zupackende Art, die sie nach Niederlagen wieder aufstehen lässt.

Die Erzählweise ist nüchtern und distanziert. Auch wenn geweint wird, wird mit Emotionen gespart, was eine tiefere Einsicht in die Charaktere verhindert. Freud und Leid ziehen wie die Lebensjahre unbemerkt hinweg. Die Hauptfiguren werden älter, ohne dass es an wesentlichen Ereignissen festzumachen wäre. Ohne die Erwähnung der Proteste gegen das Kernkraftwerk Wyhl oder des Mauerfalls wäre überhaupt keine zeitliche Einordnung der Handlung möglich.
Die Geschichte wird gleichförmig und ohne Variation der drei Erzählstimmen geschildert. Weder sind der jeweilige Zeitgeist, noch die Besonderheiten der Schwarzwaldregion zu spüren.
Mit dem weitgehenden Verzicht auf Dialoge ist die Geschichte zudem wenig lebendig. Die Nebencharaktere, die die Wege der Hauptfiguren kreuzen, bleiben blutleer.

"Die Riesinnen" - drei Frauen, die fast unbeeindruckt von den äußeren Umständen mühelos Schwierigkeiten umschiffen, ihren Weg gehen und der Enge des Dorfes trotzen. Ohne wesentliche Hoch- und Tiefpunkte ist der Roman unaufgeregt und langatmig. Er bleibt inhaltlich in Bezug auf die Themen Heimat, Mutter-Tochter-Beziehungen und Wildheit hinter den Erwartungen zurück und enttäuscht mit einem unoriginellen Schlusspunkt. Auch sprachlich überzeugte mich die Geschichte nicht.

Mittwoch, 11. März 2026

Buchrezension: Andreas Winkelmann - Moorland. Die Zwillinge (Moorland, Band 1)

Inhalt:

Die 18-jährigen Zwillinge Nike und Jana wollten nur einen Ausflug ins Moor machen. Sie kehrten nie zurück. Keine Spuren. Keine Leichen. Nur eine verlassene Kamera im Sumpf. Doch dann taucht auf Janas TikTok-Kanal ein neues Video auf. Lebt sie noch? Oder spielt der Täter ein krankes Spiel?
Kommissarin Malia Gold muss nicht nur gegen die Zeit ermitteln, sondern gegen eine verschworene Dorfgemeinschaft, in der das Schweigen Tradition hat. Und das Moor gibt seine Geheimnisse nur ungern preis. 

Rezension: 

Die beiden 18-jährigen Zwillinge Nike und Jana möchten Aufnahmen für ihren TikTok-Account machen und begeben sich dafür vor Anbruch der Dunkelheit im Nebel ins Moor in der Nähe ihres Wohnorts. Als sie abends nicht zurück sind, meldet der Vater seine Töchter vermisst und freiwillige Helfer suchen vergebens nach den beiden Mädchen.
Kommissarin Malia Gold hat damit ihren ersten Fall in ihrem Heimatort, in den sie nach 15 Jahren Abwesenheit zurückgekehrt ist. Sie beginnt mit den Ermittlungen, wobei sich bereits am nächsten Tag durch Aufnahmen der Kamera der Zwillinge und ein gepostetes Video auf ihrem "Moormaid"-Kanal herausstellt, dass sich ein Verbrechen ereignet haben muss.

"Moorland - Die Zwillinge" ist der erste Band einer neuen Thriller-Reihe des Bestseller-Autors Andreas Winkelmann. Das Setting rund um das "Namenlose Moor" und die Samtgemeinde Riedberg, in der so manches im Verborgenen liegt, ist geheimnisvoll und düster.

Der Roman handelt an nur wenigen Tagen und ist aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Im Zentrum steht Malia, die die Leitung der Ermittlungen übernimmt und privat ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter Ruth hat, die als "Fährtenleserin" im Ort bekannt ist und sich wie keine andere im Moor auskennt.

"Moorland" ist eine gelungene Mischung aus Kriminalroman und Thriller. Die Ermittlungen zwischen digitalen Spuren und den Spuren im Moor sind authentisch und zugleich lauert etwas Böses im Moor, das für ein anhaltendes Gefühl der Gefahr sorgt. Die bildhaften Beschreibungen der einsamen Gegend und verfallener Gebäude unterstreicht die düstere, bedrohliche Atmosphäre. Dazu kommen Charaktere, die so undurchsichtig sind, wie der Nebel über dem Moor, und zu wechselnden Verdächtigen führen.

Die Geschichte ist temporeich und fesselnd. Malia und ihre Kollegen kämpfen gegen die Zeit und einen brutalen Täter, der durch grausame Videos Botschaften auf TikTok hinterlässt.
Neben den Ermittlungen beschäftigt Malia zudem die Beziehung zu ihrer Familie und der ungelöste Konflikt mit ihrer resoluten Mutter.

"Moorland" ist ein Pageturner mit dunklen Geheimnissen, einem spannenden Kriminalfall und lebensechten Figuren, der mit dem Privatleben Malias neugierig auf eine Fortsetzung mit weiteren Bänden der Reihe macht.