Samstag, 15. August 2026

Buchrezension: Markus Heitz - Die Villa

Inhalt:

Doreeen und Marina Markert sind Mutter und pubertierende Tochter, die sich bislang eher glücklos durchs Leben schlagen. Doch dann ziehen sie bei einer Zwangsversteigerung endlich einmal das ganz große Los: Zum Schnäppchenpreis kommen sie in den Besitz einer alten Villa im Leipziger Stadtteil Gohlis. Dort scheint sich das Leben der beiden erst einmal in jeder Hinsicht zum Guten zu wenden: Plötzlich laufen die Geschäfte der Mutter, die Teenager-Tochter startet mit ihrer Musik als YouTube-Star durch. Beide finden die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die sie suchen. Aber alles hat seinen Preis: Als Doreen schließlich erkennt, auf welchen Pakt sie und ihre Tochter sich unbewusst eingelassen haben, könnte es bereits zu spät sein.
Währenddessen geht Musiker Ethan in London auf die verzweifelte Suche, wer den brutalen Mord an seiner Mutter begangen hat, und kommt einer unheilvollen Verbindung auf die Spur. Und mit jedem Tag, der vergeht, steigt die Anzahl der Toten. 

Rezension: 

Doreen Markert hat bei einer Zwangsversteigerung für ein Gebot in Höhe von 100 € eine renovierungsbedürftige Villa in Leipzig-Gohlis ergattern können. Dort möchte sie den Traum eines Kunstcafés verwirklichen, während ihre Teenagertochter zunächst wenig begeistert über den Umzug ist. Doch noch während der Renovierung kommt Marina die Idee für einen neuen Song, der ihrer Musikkarriere Schwung verleiht.
Derweil verschwinden Personen aus dem Umfeld von Mutter und Tochter und es mehren sich Todesfälle in der näheren Umgebung der Villa, wobei die Täterschaft rätselhaft bleibt.
In London ist Ethan Ryce erschüttert über den Tod seiner betagten Mutter. Sie und ihre beste Freundin sollen während eines brutalen Streits miteinander einen Herzinfarkt erlitten haben. Ethan stellt Nachforschungen an und kommt okkulten Kreisen auf die Spur, die ihn bis zu der Villa nach Leipzig führen.

Die Geschichte verspricht mit einem Horrorhaus, das ein tödliches Eigenleben entwickelt einen spannenden Gruselfaktor. Die Atmosphäre ist jedoch weniger düster und beängstigend als vielmehr obskur und kryptisch.
Auch wenn offensichtlich ist, dass Ethans Wege ihn irgendwann in den Poetenweg nach Leipzig führen werden, sind die Erklärungen dafür eher dünn und Ethans Suche mehr von Glück und Zufällen geprägt.

In beiden Erzählsträngen werden Personen abgeschlachtet - in der Villa und anderswo, durch die Villa und durch andere Menschen, wobei sich Zusammenhang erst allmählich ergibt und nicht immer nachvollziehbar oder gar logisch erscheint. 
Die Charaktere bleiben blass und austauschbar und auch die im Roman so zentrale Villa hat man nicht bildhaft vor Augen. 

Blutige Szenen und wahnhafte Mörder allein reichen für ein Horrorgefühl nicht aus. Die Geschichte der Villa und die ihrer Bewohner, der Fluch und Okkultismus, bleiben im Vergleich zu den detailliert geschilderten Gemetzeln zu vage und oberflächlich, als dass man gefesselt in die Geschichte hineingezogen würde. 
Die Auflösung am Ende ist passend zur flachen Geschichte eher simpel, auch wenn sie mit dem Fokus auf Macht, Gier und Unersättlichkeit der Menschen zumindest glaubhaft ist. 

Freitag, 14. August 2026

Buchrezension: Tayari Jones - Goodbye, Honeysuckle

Inhalt:

Tür an Tür im ländlichen Louisiana aufgewachsen, verbindet Niecy und Annie mehr als nur Freundschaft: Beide haben sie ihre Mütter nie kennengelernt, und beide sind sie fest entschlossen, diese klaffende Lücke in ihrem Leben zu füllen. Niecy geht nach Atlanta, um am berühmten Spelman College zu studieren. Dort schließt sie sich einem Kreis von selbstbewussten Schwarzen Frauen an und erlebt ihre erste Liebe, muss sich aber auch in einer gnadenlosen Welt des Reichtums behaupten. Annie verschlägt es nach Memphis und mitten hinein in Armut, Sex und Jazz. Abend für Abend mixt sie Cocktails in einem Nachtclub und hofft, dass ihre verschollene Mutter am Tresen auftaucht. Während all der Zeit schreiben Annie und Niecy einander wunderschöne Briefe – bis eine Tragödie ihre Leben wieder zusammenführt und das Band zwischen ihnen auf die Probe stellt. 

Rezension: 

Vernice und Annie wachsen in den 1960er-Jahren in der Kleinstadt Honeysuckle in Louisiana auf und sind seit Kindertagen beste Freundinnen. Beide sind mutterlos - Annie wurde von ihrer Mutter als Baby verlassen und von ihrer Großmutter großgezogen, während Vernices Mutter von ihrem eigenen Ehemann und Vernices Vater erschossen wurde. Sie leiden unter dem Verlust ihrer Mütter, wobei Annie die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgibt. Mit 18 Jahren verlässt sie deshalb Honeysuckle, um ihre Mutter, die sich in Memphis aufhalten soll, zu suchen. Vernice, geprägt von der Erziehung ihrer resoluten Tante, geht nach Atlanta, um am Spelman College zu studieren.
Ihre Wege trennen sich, aber mittels Briefe bleiben die Freundinnen verbunden. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Annie und Vernice geschildert, deren Lebenswege sich nach der Schulzeit nicht nur räumlich trennen. Beide Erzählstränge lesen sich deshalb wie eigenständige Geschichten, denn bis auf wenige Briefe gibt es nur vereinzelte gemeinsame Szenen. Der Aspekt der Freundschaft rückt damit lange in den Hintergrund, während sie neue Bekanntschaften schließen und ihren Alltag leben. 

Derweil Vernice passiv agiert und der Verlauf ihrer Geschichte weitgehend ereignislos ist, dreht sich Annies Leben wie besessen darum, ihre Mutter zu finden, die sie verlassen hat. In Bezug auf beide Teilgeschichten ist es nicht einfach, die Verhaltensweisen der naiven Kleinstadtmädchen nachzuvollziehen. Annies Suche nach ihrer Mutter ist verzweifelt und gerade deshalb ist das Ende mit ihrer Reaktion völlig absurd. Vernice studiert, nur um sich dann in die Sicherheit einer Ehe zu flüchten und ihre Gefühle zu verraten. Eine Entwicklung der Charaktere ist nicht ersichtlich und überdies wirkt der Roman episodenartig, lückenhaft und die einzelnen Kapitel zu lose zusammengestückelt. 

Obschon die Segregation Teil der Geschichte ist und mehr oder weniger stark in einzelnen Details in Erscheinung tritt, fehlt dem Roman darüber hinaus eine zeitgenössische Atmosphäre. Er handelt über so viele Jahre, während Vernice und Annie älter werden, aber ein Gefühl für die Zeit wird damit nicht vermittelt. 

Der Roman hat einen vielversprechenden Beginn, aber das Erzähltempo ist im weiteren Verlauf langsam und die Geschichte ermüdend retardierend. Leider sind auch die beiden Hauptfiguren nicht so vielschichtig und interessant, dass sie der Geschichte mehr Spannung oder Emotionen hätten verleihen können. Die erwarteten Themen Mutterlosigkeit, Freundschaft und Rassismus bleiben nur an der Oberfläche und letztlich ist völlig unverständlich, warum Vernice und Annie genau die Wege gehen, die sich ihre Ersatzmütter nie für sie gewünscht hätten. 

Mittwoch, 12. August 2026

Buchrezension: Ilona Bannister - FIVE: Das Ticken der Zeit

Inhalt:

Noch fünf Minuten, bis jemand stirbt: Ist es Emma, die unter der Last des Mutterseins fast zerbricht? Ihr Sohn Gideon, dessen kindliche Unbezähmbarkeit zur gefährlichen Falle wird? Der Geschäftsmann Liam, der in einen Streit mit Emma gerät? Die störrische Wissenschaftlerin Mrs Worth, die endlich ihre Enkel wiedersehen will? Oder der hilfsbereite junge Sonny, der kurz davor ist, sein Leben zu verspielen?
Sie alle warten an einem Londoner Bahnsteig auf den Zug. Einer von ihnen wird dessen Ankunft nicht überleben. Sie alle haben Schicksale. Manche von ihnen haben Geheimnisse. Wir werden alles über sie erfahren, während wir mit ihnen auf den Zug warten. Während der Streit eskaliert. Während Panik ausbricht. Während die Uhr gnadenlos heruntertickt. 

Rezension: 

Fünf Personen treffen morgens auf einem Bahnsteig in London auf einander. Es sind noch fünf Minuten bis der nächste Zug Richtung Victoria-Station eintrifft - und einen von ihnen töten wird.
Als LeserIn wird man von einem allwissenden Erzähler geleitet, der das tödliche Ende ankündigt und spekulieren lässt, um wen es sich bei dem Opfer handelt und ob diese Person den Tod verdient hat. Nahezu alle Personen werden als unsympathische Charaktere eingeführt. Durch Rückblenden lernt man jeden von ihnen besser kennen und beginnt zu begreifen, wie sie zu diesen Menschen geworden sind. 

Beide Erzählebenen sind gleichermaßen spannend. Während sich dramatische Szenen auf dem Bahnsteig abspielen, die Zeit abläuft und der Zug immer näher kommt, werden in längeren Kapiteln die Schicksale der fünf potentiellen Opfer enthüllt. Dabei geht es um traumatische Kindheiten, Verlust und Trauer, um ADHS, Spielsucht, Überforderung und Kränkungen.

Die Charaktere sind vielschichtig, so dass man die vorgefasste Meinung über sie revidiert. Sie alle sind fehlerbehaftet, aber oftmals Opfer der Umstände, die sie geprägt haben. Hat deshalb einer von ihnen den Tod verdient? Oder hat jemand gar die Absicht zu sterben?

Die Geschichte ist stark charakterorientiert und auch wenn das Buch als Roman deklariert ist, fühlt es sich wie ein Thriller an, der die/ den LeserIn durch die direkte Ansprache eng involviert und als Richter oder explizit Gott benutzen möchte. Diese Art der Erzählweise ist raffiniert und erfrischend anders. Es wird an das Gewissen und die Moral appelliert, denn unwillkürlich trifft man eine Entscheidung, wer es am wenigsten verdient hat, weiterzuleben.