Freitag, 22. Mai 2026

Buchrezension: Timothy Paul - Eine Liebe ohne Sommer

Inhalt:

Ein verregneter Tag, eine zufällige Begegnung: Als Rosa vor Nikolas steht, macht ihr Herz den ersten von vielen Sprüngen. Zwischen dem humorvollen Mann mit den perfekten Haaren und ihr funkt es gewaltig; sollte es da stören, dass er sie trotz großer Innigkeit nie seinen Freunden vorstellt? Doch dann stirbt Nikolas bei einem Unfall – und lässt Rosa mit zwei Fragen zurück: Was war das zwischen ihnen, und hat sie ihn überhaupt richtig gekannt? Auf der Suche nach Antworten trifft sie seine Exfreundin, seinen besten Freund, der überraschend feindselig ist, und ein Kind mit dem Charme einer Naturgewalt. So lernt Rosa eine neue Seite von Nikolas kennen: eine, die sie hätte lieben können? 

Rezension:

Rosa und Nikolas lernen sich im Treppenhaus ihres Wohnhauses kennen, denn seine Mutter wohnt nur ein Stockwerk tiefer und ist entzückt von der potentiellen Schwiegertochter. Rosa und Nikolas verstehen sich auf Anhieb gut, auch wenn Rosas Selbstzweifel immer ein wenig dazwischenfunken. Dazu kommt, dass Nikolas nur wenig von sich preisgibt und viele von Rosas Fragen unbeantwortet lässt. Dennoch schweben sie auf Wolke sieben, wenn sie Zeit miteinander verbringen. Bevor Nikolas sein Versprechen einlösen kann, über Vergangenes zu sprechen und Rosa seine Freunde vorzustellen, stirbt er bei einem Unfall - nach nur drei Monaten Beziehung.
Rosa ist derart perplex, dass sie alles zu hinterfragen beginnt. In Gesprächen mit Menschen, die Nikolas länger kannten, versucht sie herauszufinden, wer ihr Freund war und welche Geheimnisse er vor ihr verborgen hat. 

Der Roman wir aus der Sicht von Rosa erzählt, beginnend vom Kennenlernen von Nikolas bis zu Trennung durch seinen viel zu frühen Tod. 
Das Gefühlschaos von Rosa ist dabei nachvollziehbar dargestellt. Sie ist frisch verliebt in einen unglaublich gut aussehenden, solventen Mann, verspürt aber dass er sie auf Distanz hält und sie nicht komplett in ihr Leben lässt. Als er sich zu öffnen beginnt, erfolgt der Unfall und Rosa bleibt mit vielen offenen Fragen zurück. Nach seinem Tod hinterfragt sie sogar, ob es überhaupt Liebe war und ob sie genug um ihn trauert. Die Begegnungen mit anderen Menschen, die mitunter nur widerwillig mit ihr sprechen, zeigen ihr unterschiedliche Bilder von Nikolas. 

Die Geschichte ist nicht so traurig und emotional wie erwartet, denn statt einer romantischen jungen Liebe, Trauer und Trauerbewältigung rückt die Frage in den Vordergrund, wie gut man den Menschen kennt, den man liebt. 
Der Wechsel zwischen gegenwärtiger Suche nach Antworten und den Erinnerungen an die Liebe zu Nikolas sorgt für spannende Momente, was Rosa über Nikolas herausfinden könnte und offenbart tatsächlich Geheimnisse, die Rosa erst einmal verarbeiten muss und neue Unsicherheit schüren. 

"Eine Liebe ohne Sommer" erzählt von einer Liebesgeschichte, die über die erste Phase der Verliebtheit kaum hinausgekommen ist. Sie handelt von einer Frau auf der Suche nach Antworten, von Unsicherheiten und Selbstzweifel, aber auch von Freundschaft und den Herausforderungen im Job. Mit den unterschiedlichen Begegnungen ist es eine abwechslungsreiche, lebendige und unterhaltsame Geschichte, die auf die  zwischenmenschlichen Beziehungen zu Geliebten, Freunden, Familie und Nachbarn abstellt. 

Obzwar das Ende durchaus befriedigend ist, da Rosa Antworten auf ihre Fragen findet und Abschied nehmen kann, fühlt es sich mit den gefundenen Freundschaften und Nikolas Abschiedsgeschenk doch etwas zu euphemistisch an. 


Mittwoch, 20. Mai 2026

Buchrezension: Felicitas Fuchs - Rosen im Asphalt

Inhalt:

Linda kommt 1956 in einem Hamburger Krankenhaus zur Welt. Ihre Mutter lässt sie dort schon kurz nach der Geburt zurück. Das Mädchen wächst bei den Großeltern und in Heimen auf, in Armut und ohne Sicherheit, bis sie ein Zuhause findet, in dem sie gefördert wird. Im selben Jahr wird Irmi in Köln in geboren. Ihre Familie ist wohlhabend, aber ihre Mutter ist krank und überfordert. Daher kommt sie zunächst zu Verwandten ins Ausland. Als der Vater sie sechs Jahre später zurückholt, spricht Irmi kein Deutsch und fühlt sich in der eigenen Familie fremd. Zwei Mädchen aus Welten, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Doch als Irmi Linda in einem dramatischen Moment das Leben rettet, werden sie unzertrennlich. Ihre Freundschaft trägt sie durch fünf Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte – geprägt von Verlusten, Hoffnungen und Neubeginnen. 

Rezension:

Linda hatte nie ein beständiges Zuhause. Nachdem ihre alkoholkranke Mutter sie bereits nach der Geburt im Stich gelassen hatte, wuchs sie in Kinderheimen, Pflegefamilien und zeitweise bei ihren Großeltern auf. Als sie aufs Gymnasium kommt, freundet sie sich mit der gleichaltrigen Irmi an, die zwar aus einer wohlhabenden Familie stammt, aber wie sie keine Mutter hat. Diese kam bei einem Autounfall ums Leben, konnte sich aber schon in früheren Jahren nicht um ihre Kinder kümmern, weshalb Irmi bis zu ihrem sechsten Lebensjahr bei ihrer Tante in Amsterdam lebte und Schwierigkeiten hatte, sich in Köln wieder einzuleben. Trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft und Persönlichkeiten, Umzügen und räumlichen Distanzen geben sie sich Halt und sind verlässlich über die Jahrzehnte für einander da und begleiten die andere durch Höhen und Tiefen.

Die Geschichte wird wie im Zeitraffer beginnend ab Januar 1956 erzählt und endet 60 Jahre später. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Kindheit von Linda und Irmi, die prägend für ihr ganzes Leben ist. Auch wenn Irmi privilegiert aufwächst und es ihr materiell an nichts fehlt, ist ihre Mutter nicht in der Lage sich zu kümmern, weshalb Irmi auch keine gemeinsame Kindheit mit ihren drei Geschwistern hat. Linda wird als Kind mehrfach weitergereicht und sieht sich mit Ablehnung und Einsamkeit konfrontiert.
Als erwachsene Frauen trennen sich ihre Wege durch unterschiedliche Berufe und Partnerschaften, sehen sich zeitweise über Monate gar nicht mehr, sind aber insbesondere bei Schicksalsschlägen für einander da und stehen sich bei lebensverändernden Entscheidungen zur Seite. So wechselhaft ihr Leben sein mag, so beständig ist ihre Freundschaft.

Der Roman ist inspiriert von echten Biografien von Linda und ihrem späteren Ehemann. Ihre Leben mit einem schwierigen Start werden mit fiktiven Episoden, Erlebnisse und Personen ausgeschmückt und in die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland eingebettet. Das macht die Geschichte durch wechselnde Ort und bekannte historische Ereignisse vielseitig und authentisch. Die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs sind spürbar, die Probleme eines geteilten Deutschlands, Linksterrorismus, Angst vor Aids und Mauerfall finden selbstverständlich Eingang in die persönlichen Lebenswege von Linda und Irmi.

"Rosen im Asphalt" vermittelt ein lebendiges Bild der damaligen Zeit und zeigt die gesellschaftlichen Veränderungen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart auf. In Bezug auf die beiden Hauptfiguren und ihre Freundschaft bleibt die Geschichte allerdings hinter den Erwartungen zurück, denn aufgrund der vielen Jahre wirkt die Erzählung fragmentarisch und überspringt zwischen den Kapiteln mitunter Jahre und skizziert nur die prägendsten Ereignisse, wobei es sogar zu unnötigen Wiederholungen kommt.
Obschon Freundschaft einen Rahmen des Romans bildet, geht es vor allem um zwei Lebensgeschichten mit abwesenden Müttern, Abschieden und Verlusten. Es geht um Selbstzweifel, um Trennungen und den Wunsch nach Geborgenheit, Sicherheit und Liebe sowie die Suche nach der eigenen Identität. 

Montag, 18. Mai 2026

Buchrezension: Lucy Steeds - The Artist

Inhalt: 

Provence, um 1920. Venez. Kommen Sie. Mehr steht nicht in dem Brief. Und doch sieht sich Joseph Adelaide am Ziel seiner Träume: Er, ein noch völlig unbekannter Journalist, darf den weltberühmten Maler Édouard Tartuffe interviewen, der sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzieht.
In dem abgelegenen Landhaus in der französischen Provinz erwartet Joseph dann allerdings eine Überraschung. Nur wenn er Tartuffe Modell sitzt, darf er über ihn schreiben.
In der flirrenden Sommerhitze erkennt Joseph bald, dass das größte Rätsel jedoch nicht der "Meister des Lichts" ist, sondern Tartuffes Nichte. Ettie kocht, putzt, wäscht Pinsel und erträgt Tartuffes Launen mit unergründlicher Hingabe. Doch etwas brodelt in ihr. Joseph fühlt sich immer mehr zu ihr hingezogen. Und langsam, Schicht für Schicht wie in einem Gemälde, kommt ihr Geheimnis ans Licht. 

Rezension: 

Joseph Adelaide arbeitet für eine Londoner Zeitschrift und erhält im Sommer 1920 die Gelegenheit, ein Interview mit dem zurückgezogen lebenden Künstler Édouard Tartuffe zu führen. In Saint-Auguste s gekommen, trifft er auf einen wortkargen Egozentriker, der keinerlei Bedürfnis verspürt über seine Kunst oder sich zu sprechen. Joseph darf jedoch bleiben, um ihm Modell zu sitzen.
In dem Bauernhaus in der Provence lebt auch Tartuffes Nichte Sylvette, die ihren Onkel scheinbar ergeben bei seiner Arbeit unterstützt. Doch sie hat dunkle Gedanken und verbirgt ein Geheimnis. Mit der Anwesenheit von Joseph verstärkt sich ihre Sehnsucht nach Leben und dem Ende eines Schattendaseins. 

Der Roman beginnt explosiv mit einem Prolog, der neugierig auf den Verlauf der Geschichte macht, aber auch den Kern der Geschichte früh vorwegnimmt. Etties Geheimnis offenbart sich der/ dem LeserIn weit früher als Joseph es wahrhaben kann. Dennoch bleibt eine unterschwellige Spannung um die Frage enthalten, wie diese sich letztlich entladen wird. 

Der Roman konzentriert sich auf die drei Hauptfiguren Tartuffe, Ettie und Joseph, wobei anders als gedacht, der "Meister des Lichts", der gottgleiche Künstler, der auch von Joseph verehrt wird, nur eine untergeordnete Rolle erhält. Er verbleibt weitgehend als Klischee des exzentrischen, schwer umgänglichen Künstlers. 

Die Auswirkungen des Großen Krieges sind im Sommer 1920 noch gegenwärtig. Sowohl Ettie als auch Joseph leiden unter den Erfahrungen, die sie machen mussten. 
Während für Ettie sich das Bauernhaus wie ein Gefängnis anfühlt, ist es für Joseph ein willkommener Fluchtort aus seinem Leben in London. 
Joseph und Ettie teilen, geprägt von Verlusten, Zurückweisung und mangelnder Anerkennung, eine Verletzlichkeit, die sie verbindet. Unweigerlich fühlen sie sich schon bald zu einander hingezogen - ein Verlangen, das unter der strengen Kontrolle Tartuffes nicht sein darf. 

Die Geschichte um Selbstbehauptung und die Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft zur damaligen Zeit ist nicht neu, wird aber bildgewaltig zu einem sinnlichen Leseerlebnis. Eindrucksvoll beschreibt die Autorin das Schaffen eines Künstlers, die bunten Farben im Sommer in der Provence, die Haptik der Lebensmittel, die Arbeit mit Licht und Gemälde mit keinen klassisch schönen Motiven. Die Erzählung, die fiktiv ist, als historischer Roman aber viele Wahrheiten enthält findet jedoch in Bezug auf die Personenentwicklung und Etties Entscheidung ein abruptes Ende.