Mittwoch, 5. August 2026

Buchrezension: Ubin Eoh - Honey & Blondie

Inhalt:

Honey und Blondie wachsen in den 90er Jahren in Berlin Kreuzberg auf, zwischen Fructis-Shampoo, Cola-Krachern, Diddlmäusen und Prinzenbad. Seit frühen Kindheitstagen verbindet sie eine geheime Superpower: Wenn eine von beiden extreme Angst hat – Zittern, Schwitzen, Herzklopfen bis zum Hals – dann spürt die andere plötzlich dieselben Symptome, egal, wo sie gerade ist. Eine Freundschaft, die magisch ist, weil die beiden durch die radikalste Stufe der Empathie buchstäblich in die Haut der anderen schlüpfen können. Als Blondie schwer erkrankt, ist Honey entschlossen, ihre Freundin zu retten – egal zu welchem Preis. 

Rezension: 

Hyunjeong und Bianca - Honey und Blondie - wachsen in Berlin-Kreuzberg auf, lernen sich im Kindergarten kennen und werden zu besten Freundinnen. In den peinlichsten und schwierigsten Momenten sind sie die Rettung für die jeweils andere. Sie sind sich so nah, dass sie in den Körper der anderen schlüpfen und die Rollen tauschen können. Blondie erfährt damit die Geborgenheit eines trubeligen Familienlebens, aber auch den Alltagsrassismus gegen "Schlitzaugen". Honey genießt die Freiheit und ruhigen Stunden bei einer alleinerziehenden Mutter, aber auch die Last der Verantwortung, wenn eine Familie nur aus zwei Personen besteht.
Zwischen Honey und Blondie passt kein Blatt Papier, sie fühlen sich wie eine Person und werden unzertrennlich gemeinsam erwachsen. Sie sind Freundinnen, Schwestern, Soulmates und immer für einander - insbesondere dann, wenn das Leben kaum aushaltbar ist und ihre Superkraft erfordert. 

Der Roman wird in kurzen Kapiteln im Wechsel aus der Sicht von Honey und Blondie erzählt. Nach dem Einstieg und der bedrückenden Offenbarung, dass Blondie schwer krank ist, erfolgt ein Rückblick in die Vergangenheit und die chronologische Schilderung ihrer Freundschaft mit Freibadpommes, Barbie spielen, Capri-Sonne, Diddl-Maus und MSN, von Kinder-, über Teenager- bis hin zu Erwachsenenproblemen.

Mit seinen 90er- und 2000er-Vibes stimmt der Roman herrlich nostalgisch und bietet für alle LeserInnen im Alter der Autorin viele Déjà-Vu-Momente und Identifikationspotenzial.
Kern des Romans ist das Erwachsenwerden und die unverbrüchliche Freundschaft der beiden Hauptfiguren, die mit Rassismus und Sexismus konfrontiert werden, Kulturunterschiede und Fremdheit verspüren und viele gemeinsame erste Male erleben.

Die Dialoge sind lebensecht und dem Alter der Charaktere angepasst, die mit ihrer offenen Art unheimlich nahbar sind. Ihre Verbundenheit, ihre Freundschaft gegen den Rest der Welt, ist spürbar, selbst ohne den Hauch von Magie, den die Geschichte enthält. Die so bezeichneten Schleckmuschelmomente geben der Geschichte noch etwas Besonderes und machen sie unverwechselbar.

Die Entwicklung von Honey und Blondie von vierjährigen Außenseiterinnen hinzu selbstbewussten Frauen kann lebendig nachvollzogen werden. Die Geschichte ist abwechslungsreich und humorvoll, wobei die Kenntnis über Blondies Erkrankung unterschwellig für Beklemmung, Spannung und die unbedingte Hoffnung sorgt, dass dieses Band nie getrennt werden sollte. 

Montag, 3. August 2026

Buchrezension: Vera Buck - Keine Angst, Darling

Inhalt:

In der Luxussiedlung Sancta Familia in Florida hat Lea endlich, wonach sie sich immer gesehnt hat: ein sicheres Zuhause, eine Tochter, die sie über alles liebt, und einen Mann, der sie auf Händen trägt. Für ihr schillerndes Leben wird sie online von Millionen gefeiert - nur ihre Schwester Paula misstraut der makellosen Inszenierung. Als Lea plötzlich verstummt, reist Paula besorgt von Deutschland nach Florida. Doch in der Sancta Familia ist ihre Schwester nicht. Ihr Mann behauptet, sie sei in einem Retreat. Aber warum gibt es kein Lebenszeichen? Je tiefer Paula in die scheinbar heile Welt der Siedlung eindringt, desto sichtbarer werden die Risse: Strenge Regeln erfordern bedingungslosen Gehorsam. Und Frauen, die sich widersetzen, verschwinden. 

Rezension:

Lea führt ein Bilderbuchleben - gemessen an den Vorstellungen der 1950er-Jahre in einer Gated Community in Florida. Als Tradwife, die für Ehemann und Tochter lebt, kocht, backt und den Haushalt auf Hochglanz führt, hat sie sogar mehrere Social Media-Accounts mit Hunderttausenden Followern, auf denen sie regelmäßig Beiträge aus ihrer heilen Welt postet. 
Als ihre Schwester Paula registriert, dass Leas letzter Content schon Monate zurückliegt und sie sie auch persönlich nicht erreichen kann, macht sie sich Sorgen um ihre entfremdete Schwester und reist nach Florida. 
Dort heißt es, Lea sei auf einem Selbstfindungs-Retreat und nicht erreichbar. Doch Paula stößt bei ihrer Ankunft in der "Sancta Familia" auf Ungereimtheiten und misstraut ihrem Schwager Matt. Sie hinterfragt nicht nur das Leben der Frauen und Kinder in der Community, sondern beginnt auch aktiv nach Lea zu suchen. Eine Einmischung in die strengen Regeln, die nicht ungefährlich ist. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart die nervenaufreibende Suche Paulas nach ihrer Schwester, zu der sie seit ihrer Auswanderung nach Amerika keine enge Verbindung mehr hat. Daneben gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, die erklären, wie Lea dazu gekommen ist, Matt zu heiraten und wie sich ihre Ehe und ihr Familienleben in den sechs Jahren entwickelt haben. 

Auszüge aus einem Haushaltsbuch, getarnt als Tagebuch, sowie Transkriptionen von TikTok-Videos, Werbevideos der Gated Community und Interviews mit Lea ergänzen die Handlung und gestalten sie abwechslungsreich und passend zur Rolle von Social Media noch authentischer. 

Die Geschichte ist verstörender Suspense über ein Leben, das rückständig ist und mit den heutigen Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung nicht kompatibel ist. Frauen entscheiden sich scheinbar freiwillig für ein Leben für die Familie, beschützt und behütet durch einen treusorgenden Ehemann und finden sich in einem Leben aus Grenzen, Kontrolle und Gewalt wieder. 

Durch die lebendige Schilderung wird die Situation von Lea leicht vorstellbar und damit auch die Sorgen, die sich Paula um ihre jüngere Schwester macht, die aus diesem Käfig aus eigenem Antrieb verschwunden sein soll. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und Perfektionismus und einer gefährlichen Abhängigkeit und Unterwerfung ist. 
Fesselnd ist nicht nur die Frage, was mit Lea passiert ist, sondern auch was die dreifache Mutter Paula riskiert, indem sie so hartnäckig nach ihr sucht. Dabei nimmt die Spannung und spürbare Bedrohung auf beiden Erzählebenen stetig zu. 

"Keine Angst, Darling" ist ein dramatischer, zeitgemäßer Spannungsroman über toxische Beziehungen, Manipulation, Inszenierung und eine gefährliche Suche vor dem Hintergrund der zurecht umstrittenen Tradwife-Bewegung, die alle für Frauen erreichten Rechte in Frage stellt und Kontrolle und Isolation hinter Sicherheit und Fürsorge versteckt. 

Samstag, 1. August 2026

Buchrezension: Freida McFadden - Die Psychiaterin: Wurde ihr der Job zum Verhängnis?

Inhalt:

Die beiden frisch vermählten Tricia und Ethan sind auf dem Weg zur Besichtigung eines abgelegenen Anwesens, das bald ihr Zuhause sein könnte. Während Ethan voller Begeisterung ist, spürt Tricia, dass etwas nicht stimmt. Bis vor drei Jahren lebte hier noch die Psychiaterin Dr. Adrienne Hale. Ihr plötzliches Verschwinden damals ging durch die Presse. Weil ein Schneesturm die Straßen unbefahrbar macht, muss das junge Paar die Nacht im Haus verbringen. Dabei entdeckt Tricia ein verborgenes Zimmer voller Kassetten – Aufnahmen von Adriennes Patientensitzungen. Mit jeder Kassette, die sie sich anhört, wird ihr klarer, wie es zu Adriennes Verschwinden kam und dass sie selbst in tödlicher Gefahr schwebt. Denn manche Stimmen schweigen nie. 

Rezension: 

Tricia und Ethan sind auf der Suche nach ihrem Traumhaus und möchten ein abgelegenes Herrenhaus besichtigen. Als sie dort ankommen, ist die Maklerin nicht vor Ort, aber wegen eines Schneesturms verschaffen sich die beiden eigenmächtig Zugang in das Haus. Sie finden heraus, dass die letzte Eigentümerin des Hauses Dr. Adrienne Hale war, eine renommierte Psychiaterin, die vor drei Jahren spurlos verschwand. 
Tricia hat ein beklemmendes Gefühl, aber aufgrund der Wetterverhältnisse müssen sie erst einmal in dem Haus bleiben. Auf der Suche nach Ablenkung stößt sie auf ein Geheimzimmer mit Tonaufnahmen von Dr. Hales Therapiesitzungen. Während sie anhand der Aufzeichnungen mehr über die Psychiaterin und ihre bedrohlichen Patienten erfährt, kommt sie immer mehr zu der Überzeugung, dass noch jemand in dem Haus ist. Aber Ethan glaubt ihr nicht... 

"Die Psychiaterin" ist ein kurzweiliger und leicht zu lesender Thriller. Die Spannung baut sich durch den Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit gemächlich, aber stetig auf. Tricia schildert aus der Ich-Perspektive ihr Unbehagen im Haus der Psychiaterin, während man über Rückblenden erfährt, was sich im Leben von Dr. Hale wenige Wochen vor ihrem Verschwinden ereignet hat. Für erzählerische Abwechslung sorgen die Tonbandaufzeichnungen einzelner Therapiesitzungen, wobei die Identität der Patienten nicht immer ganz klar ist und Spielraum für Spekulationen in der Gegenwart lässt. 

Die "Meisterin der Plottwists" überrascht auch in diesem Roman mit einer Wendung, die zwar überrascht, aber wenig raffiniert ist und einzig auf der Unzuverlässigkeit der Erzählerin beruht.  Nahezu alle Details, die in der Gegenwart für Ungereimtheiten sorgen und Ängste ob der Sicherheit Tricias schüren, stellen sich im Nachhinein als fragwürdig, mitunter komplett unlogisch, heraus. 
Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Geschichte im Umfeld einer Psychiaterin handelt, wimmelt es hier nur so von Psychopathen, die die ach so erfolgreiche Dr. Hale mehr schlecht als recht therapiert hat. 

"Die Psychiaterin" ist unterhaltsam und herrlich böse, führt die/ den LeserIn aber einfach nur an der Nase statt mit eine überraschenden Wende zu verblüffen.