Mittwoch, 30. September 2026

Buchrezension: Matthew Norman - Henry & Grace

Inhalt:

Das Jahr hatte kaum begonnen, als Grace White und Henry Adler ihre Ehepartner verloren. Nun nähert sich das erste Weihnachtsfest seit ihrem Verlust, und um ihnen durch diese schwere Zeit zu helfen, versuchen ihre Mütter, Grace und Henry zu verkuppeln. Zwar finden beide diese Idee absurd, zugleich versteht keiner besser als sie selbst, was sie gerade durchmachen, und so entsteht eine zarte Freundschaft. Als Grace erfährt, dass Henry und seine Frau jeden Advent einen wahren Weihnachtsfilm-Marathon veranstaltet haben, bietet sie ihm für dieses Jahr Gesellschaft an. Auch ihre beiden Kinder, Ian und Bells samt Familienhund Harry Styles sind dabei, sooft es geht. Tatsächlich lässt mit jedem Treffen, ob mit oder ohne Film, die Einsamkeit von Grace und Henry ein wenig nach. Könnte das neue Jahr auch die Chance auf ein neues Glück bieten? 

Rezension: 

Henry und Grace sind seit knapp einem Jahr verwitwet, als die schwerste Zeit des Jahres bevorsteht: das erste Weihnachten ohne den Ehepartner. Während Grace Mutter von zwei Kindern ist und sich einen Hund zugelegt hat, ist Henry allein. Ihre Mütter versuchen sie miteinander zu verkuppeln, woraus sich eine Freundschaft entwickelt. Beide sind noch nicht bereit für einen neuen Partner, aber die Trauer verbindet sie. Gemeinsam setzen sie die Tradition von Henry und seiner Frau Brynn fort, in der Weihnachtszeit einen Weihnachtsfilm-Marathon zu zelebrieren. Trotz unterschiedlicher Meinungen über die bekannten Weihnachtsklassiker verbringen sie entspannte Abende und verlieren ein Stück ihrer Traurigkeit. Sie kommen sich langsam näher, aber die Hürden, sich ohne Schuldgefühle neu zu binden, sind nicht einfach zu überwinden.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Grace und Henry geschildert, so dass man beiden Charakteren nahekommt und ihre Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann. Die zwei sind nach dem Verlust ihrer Ehepartner in Trauer, aber allmählich - wenn auch durch Druck von außen - bereit für die ersten Schritte zurück ins Leben.

Beide Hauptfiguren sind lebendige, liebenswerte Charaktere, die von Beginn an gut miteinander harmonieren. Während Grace als Mutter mehr Verantwortung trägt und schlagfertiger ist, hatte sich Henry über Monate eingeigelt und ist zurückhaltender. Die zarte Annäherung durch verständnisvolle Gespräche über Trauer und die verstorbenen Partner und die gemeinsam verbrachte Zeit beim Filme gucken, ist authentisch erzählt. Als sich aus Freundschaft tiefere Gefühle entwickeln und eine körperliche Anziehung spürbar ist, ist auch die Unsicherheit über den richtigen Zeitpunkt, sich neu zu verlieben, nachvollziehbar.

Trotz der allgegenwärtigen Trauer ist die Geschichte nicht schwermütig. Dafür sorgen die vielen
humorvollen Szenen und die sympathischen Haupt- und Nebenfiguren. Mit der Erwähnung der
modernen Weihnachtsklassiker, die Henry und Grace als Anlass für ihre Treffen nutzen, stellen sich zudem heimelige und nostalgische Gefühle ein.

"Henry & Grace" handelt von Trauer und Verlust, aber auch von Liebe, Hoffnung und Neuanfang. Die Geschichte hat die perfekte Balance aus Traurigkeit und Humor, ist voller belebendem Charme und stimmt optimistisch. Es ist eine herzerwärmende RomCom, die sich zwar nicht überraschend entwickelt, aber dennoch abwechslungsreich und unterhaltsam ist und ohne Kitsch und unnötige Missverständnisse auskommt. Mit dem Weihnachtscountdown bis Heiligabend ist sie als Wohlfühllektüre für die (Vor-)weihnachtszeit perfekt geeignet. 

Montag, 28. September 2026

Buchrezension: Adèle Bréau - Die Stunde der Frauen

Inhalt:

Paris, 1967: Menie Grégoire gibt zum ersten Mal Millionen von Frauen in ihrer Radiosendung eine Stimme. Sie sprechen mit der "Beauvoir der Herzen" über verbotene Sehnsüchte, Verhütung und die patriarchalen Zwänge. Unter ihnen sind die Schwestern Mireille und Suzanne, die durch Menie den Mut finden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Fünfzig Jahre später entdeckt die Journalistin Esther Menies Vermächtnis. Während sie sich durch die berührenden Briefe von damals liest, findet sie den Schlüssel für ihren eigenen Ausbruch aus einer toxischen Beziehung. Eine Hommage an all die Frauen, die sich über Jahrzehnte hinweg die Hand reichten, um einander den Weg der Befreiung zu ebnen. 

Rezension:

Menie Grégorie arbeitete für die Zeitschrift Elle, wo sie sich insbesondere um Leserbriefe kümmert, bevor sie vom Radiosender RTL für eine Livesendung gewonnen werden konnte. Auch dort soll sie sich den Zuschriften der vor allem weiblichen Hörerinnen kümmern. Die Sendung am Nachmittag, wenn Frauen ihre Hausarbeit erledigt haben und Ehemänner noch bei der Arbeit sind, wird ein voller Erfolg. Frauen erhalten eine Stimme und Menie schenkt ihnen nicht nur ihr Gehör, sondern gibt vor allem bei heiklen Themen Ratschläge bis hin zu persönlicher Unterstützung. 
Zu ihren Hörerinnen zählen die Schwestern Suzanne und Mireille, die sich mit Hilfe von Menie in ihren Leben beginnen zu emanzipieren. 
Ein halbes Jahrhundert später beschäftigt sich die Journalistin Esther Kahn, die sich aus einer toxischen Beziehung befreien muss, mit Menies Leben, ihren Aufzeichnungen und den Problemen der Frauen von damals, was ihr neuen Mut verleiht. 

Die Autorin ist die Enkelin von Menie Grégorie, die der starken und klugen Frau, die so vielen anderen Frauen in Fragen zur Sexualität helfen konnte, ein Denkmal setzt. Trotz des persönlichen Bezugs überwiegen die fiktiven Anteile der Geschichte, weshalb "Die Stunde der Frauen" mehr historischer Roman als Romanbiografie ist.  

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert aus der Ich-Perspektive die Gegenwart im Jahr 2021, als sich Journalistin Esther mit dem Wirken Menies beschäftigt und gleichzeitig endgültig die Beziehung zu ihrem gewalttätigen Partner beenden muss. Die Vergangenheit baut auf zwei Erzählsträngen um die Schwestern Suzanne und Mireille sowie Arbeit und Leben von Menie auf, die zusammengeführt werden. 

Der Roman ist das Porträt einer Frau, die dreifache Mutter und Ehefrau ist und Ende der 1960er-Jahre mit über 50 Jahren eine Karriere beim Radio beginnt und den Mut hat, sich in ihrer Sendung "anstößigen" Themen zu widmen, wodurch Frauen den Mut finden, Fragen zu stellen und sich Hilfe zu suchen. 
Dabei geht es vor allem um Themen, die mit Sexualität verbunden werden, um Aufklärung, Verhütung, Abtreibung, weibliche Lust oder sexuelle Gewalt. Menie trägt mit ihrer Sendung dazu bei, dass sich Frauen aus dem gesellschaftlichen Korsett und der Abhängigkeit von (Ehe-)männern befreien. 

Emanzipation, Solidarität und Schwesternschaft rücken in den Fokus, während die einzelnen Figuren eher blass bleiben. Auch wenn Menies großartiges Engagement deutlich wird, wird auch sie als Hauptfigur durch die Schilderung einzelner Episoden nur unzureichend zum Leben erweckt. Der Roman gleicht einem Schweinsgalopp durch ihr Leben, geschildert im Zeitraum von 1932 und 1981, wobei Menie als Person auf Distanz bleibt. Ihr Wirken erscheint zudem zu geradlinig und problemlos, was angesichts des Zeitgeists kaum vorstellbar ist. 

Freitag, 25. September 2026

Buchrezension: Anna Schneider - Blut für Blut

Inhalt: 

Nach der Flucht aus einer manipulativen Beziehung schlägt sich Sophie Roth mit Gelegenheitsjobs als Fotografin durch. Bis sie den Auftrag erhält, analoge Porträts der vermögenden Familie Grafinger anzufertigen. Erleichtert sagt sie zu, doch bald fühlt sie sich verfolgt und belauert. Schwebt sie in Gefahr? Hat jemand herausgefunden, wer sie ist? Als Sophie die ersten Aufnahmen entwickelt, blickt sie in ein Gesicht, das sie nie vergessen konnte. Und begreift, dass die Nacht vor zwanzig Jahren, in der ihr Vater ermordet wurde, sie erbarmungslos wieder einholt. 

Rezension:

Die Fotografin Sophie Roth hat sich aus einer toxischen und manipulativen Beziehung befreit und zieht sich in in einen zufällig entdeckten leer stehenden Bauwagen zurück. Als sie das finanziell lukrative Angebot einer adeligen Familie erhält, kurzfristig Porträts analog anzufertigen, sagt sie zu, auch wenn sie sich fragt, warum die Grafingers ausgerechnet sie ausgewählt haben.
Neben dem ominösen Auftrag ängstigen sie weitere mysteriöse Vorkommnisse, die davon Zeugen, dass sie jemand verfolgt und absichtlich verunsichert. Zeitgleich quälen sie Erinnerungen an die Zeit vor zwanzig Jahren, als ihr Vater ermordet wurde und ihr Bruder seitdem als dringend tatverdächtig auf der Flucht ist.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wechselt in kurzen, dynamischen Kapiteln zwischen den gegenwärtigen Ereignissen im Sommer, als Sophie mühsam für einen Neuanfang kämpft und der Vergangenheit, als ihre Familie zerbrochen ist. Beide Erzählstränge sind gleichermaßen spannend. In der Gegenwart fühlt dich Sophie verfolgt und zunehmend bedroht, wobei unklar ist, ob ihr sadistischer Exfreund hinter den kleinen Grausamkeiten steckt. Die Vergangenheit ist noch undurchsichtiger, da Sophie Erinnerungslücken hat und nur allmählich Details zur Ermordung ihres Vaters ans Licht kommen.

Sophie ist traumatisiert und hat viel durchgemacht, ist unsicher im Umgang mit anderen und erlebt durch ihre Naivität Rückschläge.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto spannender wird die Frage, in welchem Zusammenhang Vergangenheit und Gegenwart stehen. Dazu trägt auch ein Foto bei, das Sophie bei den Grafingers entdeckt und sie verstört.

"Blut für Blut" ist als Roman eingeordnet, liest sich allerdings wie ein Thriller. Der unaufgeklärte Mord, der mutmaßlich flüchtige Täter und die Verfolgung und Verunsicherung Sophies schüren Ängste und sorgen für Nervenkitzel. Die Situation in beiden Handlungssträngen ist undurchsichtig und bedrohlich.

Der Roman handelt von Rache, Schuld und den Dämonen der Vergangenheit. Es geht um die Folgen einer Familientragödie und den steinigen Weg, neu anzufangen.
Die Kapitel haben eine angenehme Länge, so dass die Wechsel der Erzählebenen nicht abrupt erfolgen. Zudem wirkt Sophie vor dem Hintergrund der Ereignisse authentisch. 
Die Auflösung ist dann allerdings etwas holprig und erscheint mit der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart etwas konstruiert, insbesondere wenn man die Reaktion der tatverantwortlichen Person betrachtet.