Mittwoch, 27. Mai 2026

Buchrezension: Mascha Unterlehberg - Wenn wir lächeln

Inhalt:

Jara steht auf der alten Eisenbahnbrücke über der Ruhr und starrt ins tiefdunkle Gewässer. Anto, die gerade noch neben ihr saß, ist in den Fluss gesprungen und taucht nicht wieder auf. Das Einzige, was Jara von hier oben erkennen kann, ist der Baseballschläger, mit dem sie in dieser Nacht ein Autofenster eingeschlagen haben und der jetzt nicht sinken will.
Als Jara zum ersten Mal auf Anto trifft, ist diese zwar die schlechteste Spielerin auf dem Fußballplatz, aber trotzdem mit Abstand die mutigste. Die beiden freunden sich an, und schnell ist klar: Ihre Schwesternschaft steht über allem – sie teilen Lipgloss, Cherry Cola und Gewaltfantasien. Jeden Abend ein neuer Plan, sie haben alles im Blick und alles im Griff. Bis ihnen Stück für Stück die Kontrolle entgleitet. Es bleibt die Frage: Wohin mit all der Wut? 

Rezension:

Jara und Anto sind beste Freundinnen. Sie stammen aus unterschiedlichen sozialen Milieus und gehen auf unterschiedliche Schulen, verbringen aber jede freie Minute zusammen. Sie  sind noch keine 16 Jahre, gehen aus, rauchen, trinken Alkohol, begehen Diebstähle und üben sich in Selbstverteidigung. Anto hat den Ausweis ihrer Mutter und das Geld und gibt in der Freundschaft den Ton an, während Jara bereitwillig Anto folgt und sich an ihren illegalen Aktionen beteiligt. 
Anto liebt die Gefahr, doch als sie eines nachts von einer Zugbrücke in die Ruhr springt und zunächst nicht wieder auftaucht, ist Jara überfordert und weiß nicht, was jetzt von ihr erwartet wird. 

Der Roman wird aus der alleinigen Perspektive von Jara geschildert, die perplex ist, als ihre beste Freundin Anto nach blinder Zerstörungswut mit einem Baseballschläger in die Ruhr springt. Sodann blickt sie zurück auf ihre Freundschaft und die gemeinsamen Erlebnisse seit dem ersten Tag, als sie sich auf einem Fußballplatz kennenlernten und Anto selbstbewusst schlecht spielte. 

Die Geschichte springt dabei willkürlich zwischen der Gegenwart und den vergangenen Ereignissen hin und her. Die Kapitel sind mit ein bis drei Seiten sehr kurz, weshalb es jeweils nur Fragmente von Episoden sind und vieles nur angedeutet wird. Damit fällt es unheimlich schwer, einen Zugang zu den Charakteren - selbst zur Erzählerin Jara - zu erhalten und ihre Motive und Handlungen nachzuvollziehen oder auch nur Verständnis dafür zu entwickeln. 

Klar ist eigentlich nur, dass es wütende Mädchen sind, die sich bedroht fühlen, aber sich ihre Freiheiten nehmen und kein Problem damit haben, Recht und Gesetz zu brechen. Sie fühlen sich wie Schwestern, aber die Freundschaft wirkt durch das Machtgefälle und die Dominanz von Anto toxisch. Und dann ist es ausgerechnet Jara, die die Kontrolle verliert und Anto, die damit nicht zurechtkommt. 

Der Roman ist vor allem eins: anstrengend. Sowohl der abgehackte, fragmentarische Schreibstil, als auch die provokanten, verloren wirkenden Mädchen machen die Lektüre zu einem K(r)ampf. Am Ende ist nur Ratlosigkeit, die übrig bleibt. 

Montag, 25. Mai 2026

Buchrezension: Maria Nikolai - Little Germany: Der Duft der Neuen Welt (Die Bäckerinnen von Manhattan, Band 1)

Inhalt:

Stuttgart/Hannover, 1901: Entgegen aller Vernunft hat sich das Dienstmädchen Lissi auf eine unerlaubte Liaison eingelassen. Doch ihre Hoffnung auf eine Heirat zerschlägt sich jäh. Schwanger und allein beschließt sie, der Heimat den Rücken zu kehren. Julia von Varrell dagegen wurde mit falschen Versprechungen in eine arrangierte Ehe gelockt. Unabhängig voneinander wagen sie den Ausbruch und fliehen in die Neue Welt. An Bord des Schnelldampfers nach New York entwickelt sich eine innige Freundschaft – die beiden Frauen wollen den abenteuerlichen Neuanfang gemeinsam wagen. Eine Bäckerei im deutschen Viertel Little Germany bietet ihnen eine Anstellung und ein Dach über dem Kopf. Bald ist sie bis in die besten Kreise bekannt für ihre duftenden Zuckerbrezeln. Doch am Horizont braut sich eine Katastrophe zusammen, die nicht nur Julias und Lissis neues Leben in seinen Grundfesten erschüttern wird. 

Rezension: 

Lisbeth Volk stammt aus einfachen Verhältnissen und arbeitet als Dienstmädchen bei einer Industriellenfamilie in Stuttgart. Unerfahren und naiv lässt sich die 18-Jährige auf eine Liaison mit dem Sohn der Familie ein und wird ungewollt schwanger. Allein und ohne Aussicht auf eine neue Anstellung setzt sie ihre Hoffnungen auf eine Auswanderung nach Amerika, wo bereits viele Deutsche im "Deutschländle" einen Neuanfang gewagt hätten.
Julia von Varell lebt auf dem Gut Eckerde in Niedersachsen, wo sie unter falschen Voraussetzungen zu einer Ehe gezwungen wurde. Als ihr Ehemann ihr auch noch ihr geliebtes Pferd entreißt, flüchtet sie ohne ein Wort des Abschieds nach Bremerhaven, wo sie sich um eine Schiffspassage nach Amerika kümmert.
Kurz vor der Überfahrt im Herbst 1901 begegnen sich die beiden allein reisenden Frauen und schließen schicksalsergeben Freundschaft. In New York angekommen, finden sie eine Anstellung und Unterkunft bei einem deutschen Bäcker, wo Lissi nach ihrem Familienrezept schwäbische Brezeln backt, die schon bald über das deutsche Viertel hinaus heißbegehrt sind.

"Little Germany - Der Duft der Neuen Welt" ist der Auftaktband der historischen Dilogie um "Die Bäckerinnen von Manhattan", der von Herbst 1901 bis Sommer 1904 handelt. Dabei werden historische Fakten um die europäischen Einwanderer in Amerika mit der fiktiven Geschichte um zwei junge Frauen verknüpft, die ihr Schicksal Anfang des 20. Jahrhunderts selbst in die Hand nehmen.

Die Geschichte ist lebendig erzählt und lässt die/ den LeserIn bildhaft in die historische Szenerie eintauchen. Zunächst wird zwar nicht mit Klischees gespart, wie es dazu kommt, dass Lissi und Julia ihr altes Leben hinter sich lassen müssen, aber spätestens ab der Überfahrt nach New York, ist man gepackt von der Eigeninitiative der beiden Frauen, die nicht nur zweckmäßig Freundschaft schließen. Mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen, Talenten und einem Quäntchen Glück bauen sie sich in der Neuen Welt ein neues Leben auf.
Obschon sie auch dort zu spüren bekommen, dass sie als Frauen nicht gleichberechtigt behandelt werden, lassen sie sich nicht entmutigen und kämpfen gegen Widrigkeiten.
Der Wunsch nach Freiheit, Unabhängigkeit und die Abenteuerlust treiben sie an und zeichnen eine Erfolgsgeschichte, in der auch der Zusammenhalt in der deutschen Community eine große Rolle spielt.

"Little Germany - Der Duft der Neuen Welt" ist ein einnehmender, authentischer Roman mit liebenswerten Figuren über den American Dream im Deutschen Viertel in New York und die Geschichte der "Swabian Pretzels". Spannung erzeugt zudem der Hinweis auf die sich anbahnende Katastrophe, die den ersten Band auf dramatische Weise beendet und neugierig auf die emotionale Weiterentwicklung der beiden Frauen macht.

Der umfangreiche Anhang informiert über die historischen Details und Hintergründe zur fiktiven Geschichte und lässt auch nicht die Rezepte von Lissis Backkünsten und vielfältigen Brezelvarianten vermissen. 

Freitag, 22. Mai 2026

Buchrezension: Timothy Paul - Eine Liebe ohne Sommer

Inhalt:

Ein verregneter Tag, eine zufällige Begegnung: Als Rosa vor Nikolas steht, macht ihr Herz den ersten von vielen Sprüngen. Zwischen dem humorvollen Mann mit den perfekten Haaren und ihr funkt es gewaltig; sollte es da stören, dass er sie trotz großer Innigkeit nie seinen Freunden vorstellt? Doch dann stirbt Nikolas bei einem Unfall – und lässt Rosa mit zwei Fragen zurück: Was war das zwischen ihnen, und hat sie ihn überhaupt richtig gekannt? Auf der Suche nach Antworten trifft sie seine Exfreundin, seinen besten Freund, der überraschend feindselig ist, und ein Kind mit dem Charme einer Naturgewalt. So lernt Rosa eine neue Seite von Nikolas kennen: eine, die sie hätte lieben können? 

Rezension:

Rosa und Nikolas lernen sich im Treppenhaus ihres Wohnhauses kennen, denn seine Mutter wohnt nur ein Stockwerk tiefer und ist entzückt von der potentiellen Schwiegertochter. Rosa und Nikolas verstehen sich auf Anhieb gut, auch wenn Rosas Selbstzweifel immer ein wenig dazwischenfunken. Dazu kommt, dass Nikolas nur wenig von sich preisgibt und viele von Rosas Fragen unbeantwortet lässt. Dennoch schweben sie auf Wolke sieben, wenn sie Zeit miteinander verbringen. Bevor Nikolas sein Versprechen einlösen kann, über Vergangenes zu sprechen und Rosa seine Freunde vorzustellen, stirbt er bei einem Unfall - nach nur drei Monaten Beziehung.
Rosa ist derart perplex, dass sie alles zu hinterfragen beginnt. In Gesprächen mit Menschen, die Nikolas länger kannten, versucht sie herauszufinden, wer ihr Freund war und welche Geheimnisse er vor ihr verborgen hat. 

Der Roman wir aus der Sicht von Rosa erzählt, beginnend vom Kennenlernen von Nikolas bis zu Trennung durch seinen viel zu frühen Tod. 
Das Gefühlschaos von Rosa ist dabei nachvollziehbar dargestellt. Sie ist frisch verliebt in einen unglaublich gut aussehenden, solventen Mann, verspürt aber dass er sie auf Distanz hält und sie nicht komplett in ihr Leben lässt. Als er sich zu öffnen beginnt, erfolgt der Unfall und Rosa bleibt mit vielen offenen Fragen zurück. Nach seinem Tod hinterfragt sie sogar, ob es überhaupt Liebe war und ob sie genug um ihn trauert. Die Begegnungen mit anderen Menschen, die mitunter nur widerwillig mit ihr sprechen, zeigen ihr unterschiedliche Bilder von Nikolas. 

Die Geschichte ist nicht so traurig und emotional wie erwartet, denn statt einer romantischen jungen Liebe, Trauer und Trauerbewältigung rückt die Frage in den Vordergrund, wie gut man den Menschen kennt, den man liebt. 
Der Wechsel zwischen gegenwärtiger Suche nach Antworten und den Erinnerungen an die Liebe zu Nikolas sorgt für spannende Momente, was Rosa über Nikolas herausfinden könnte und offenbart tatsächlich Geheimnisse, die Rosa erst einmal verarbeiten muss und neue Unsicherheit schüren. 

"Eine Liebe ohne Sommer" erzählt von einer Liebesgeschichte, die über die erste Phase der Verliebtheit kaum hinausgekommen ist. Sie handelt von einer Frau auf der Suche nach Antworten, von Unsicherheiten und Selbstzweifel, aber auch von Freundschaft und den Herausforderungen im Job. Mit den unterschiedlichen Begegnungen ist es eine abwechslungsreiche, lebendige und unterhaltsame Geschichte, die auf die  zwischenmenschlichen Beziehungen zu Geliebten, Freunden, Familie und Nachbarn abstellt. 

Obzwar das Ende durchaus befriedigend ist, da Rosa Antworten auf ihre Fragen findet und Abschied nehmen kann, fühlt es sich mit den gefundenen Freundschaften und Nikolas Abschiedsgeschenk doch etwas zu euphemistisch an.