Mittwoch, 8. Juli 2026

Buchrezension: Liz Nugent - Seltsame Sally Diamond

Inhalt:

Als ihr verwitweter Adoptivvater kurz vor ihrem 43. Geburtstag stirbt, nimmt Sally Diamond ihn beim Wort: Sie versucht, ihn mit dem Müll zu verbrennen. So wie er es ihr gesagt hat. Ein Fehler, denn nun interessieren sich plötzlich alle für die seltsame Frau, die sich gerne taub stellt, wenn sie unter Menschen geht und am liebsten für sich bleibt: Polizei, Nachbarn, Medien – und eine unheimliche Stimme aus einer Vergangenheit, an die sie sich nicht erinnert. Während sie nach und nach von den schrecklichen Geheimnissen ihrer frühen Kindheit erfährt, nähert sich Sally zum ersten Mal vorsichtig der Welt. Sie übt sich in Vertrauen, schließt Freundschaften, trifft große Entscheidungen und lernt, dass Menschen nicht immer meinen, was sie sagen und nicht immer sind, was sie vorgeben zu sein. Doch wer ist der mysteriöse Fremde, der so viel über sie zu wissen scheint und ihr Nachrichten von der anderen Seite des Globus schickt? Und wieso ist der neue Nachbar so besessen von ihr? 

Rezension: 

Sally Diamond ist weitgehend abgeschottet bei ihren Adoptiveltern in einem Dorf in Irland aufgewachsen. Als mehrere Jahre nach dem Tod ihrer Adoptivmutter ihr Adoptivvater stirbt, ist Sally mit knapp 43 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben auf sich alleingestellt und begeht unbeabsichtigt bereits mit der eigenwilligen Einäscherung ihres Adoptivvaters den ersten Fehler. 
Sally erhält ungewollte Aufmerksamkeit, aber auch Unterstützung und beginnt sich den Menschen in ihrer Umgebung zu öffnen. Mit Hilfe der Hinterlassenschaften ihres Adoptivvaters beginnt sie zudem zu begreifen, warum sie "sozial defizitär" ist und was es mit der Diagnose PBTS auf sich hat...

Der Roman ist in drei Abschnitte untergliedert und wird im ersten Teil ausschließlich aus der Perspektive von Sally geschildert, die wie der Titel verspricht, seltsam ist und autistische Züge aufweist. Sie ist unbeholfen im Umgang mit anderen Menschen, nimmt jede Aussage wörtlich und spricht selbst ungefiltert aus, was sie denkt.
Der zweite und dritte Teil wird um die Perspektive von Peter erweitert, die einen Rückblick in die Vergangenheit darstellen und ab dem Jahr 1974 beginnen. Seine Schilderungen geben Aufschluss über das, was Sally erlebt und zu der Person gemacht hat, die sie heute ist.

Das Buch ist so gehypt, dass es als Hardcover vergriffen ist. Als Taschenbuch, das sehnlichst erwartet Ende Juni erschienen ist, wird es als Psychothriller angekündigt. Auch wenn die Geschichte Grausamkeiten schildert und insbesondere in der Vergangenheit manipulativ und verstörend ist, ist das Buch eher eine Familientragödie, die von einem jahrelangen Martyrium handelt. Gerade die Erzählung der Gegenwart ist weniger fesselnd und im Zusammenhang mit der Verbindung der Vergangenheit ein wenig vorhersehbar. Peters Schilderungen zeugen von direkter Gewalt, sind ereignisreicher und erzeugen deshalb mehr Spannung.

"Seltsame Sally Diamond" bewegt wegen der zerstörten Leben von Sally und Peter, ist tragisch, aber durch Sallys ehrliche Art, mit der sie ihre Mitmenschen mitunter vor den Kopf stößt, situationsabhängig unfreiwillig komisch. Die Geschichte handelt von Isolation, Machtmissbrauch, Manipulation und Gewalt und zeigt eindrücklich die psychischen Auswirkungen erlebter Traumata auf die Opfer, aber auch auf die Angehörigen, selbst wenn Erinnerungen erfolgreich verdrängt wurden.

Montag, 6. Juli 2026

Buchrezension: Natali Simmonds - Bevor sie ihn finden

Inhalt:

Sie berichten über ihn in den Morgennachrichten. Dass sie seine Leiche so früh finden würden, habe ich nicht erwartet. Die Leiche des Mannes, der die Welt meiner Tochter völlig eingenommen hat. Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, dass dieser Mann existiert. Früher war ich Leahs ganze Welt und sie war meine. Doch nun erzählt sie mir nichts mehr. Ich musste es allein herausfinden.
Ihnen kommt an seinem Tod nichts verdächtig vor und Leah redet nicht mit mir darüber. Doch ich kenne sie zu gut, um es nicht zu erkennen.
Ich bin die Einzige, die diese Dunkelheit in ihr sehen kann – dieses Verlangen nach Rache. Und ich weiß genau, woher sie es hat. 

Rezension: 

Ein Mann wird tot aufgefunden, der angeblich Selbstmord begangen haben soll. Als Jules die Nachrichten hört, ist sie entsetzt, denn ihre Tochter war unglücklich in den Mann verliebt und Jules bezweifelt den Suizid.
Nach der kurzen Einführung beginnt die Handlung vier Wochen zuvor, die abwechselnd aus der Sicht von Jules und ihrer Tochter Leah geschildert wird.
Jules fühlt sich von ihrer Familie nicht gesehen, von ihrem Ehemann Adam ungeliebt und sucht Bestätigung mit Hilfe einer Dating-App. An ihrem Arbeitsplatz fühlt sie sich aufs Abstellgleis gedrängt, was die Unzufriedenheit mit ihrem Leben noch verschärft.
Ihre 16-jährige Tochter pflegt obsessive Beziehungen zu (älteren) Männern und ist deshalb nur knapp einem Schulverweis entkommen, während Vorzeigesohn Reece heimlich mit Drogen dealt. Ehemann Adam glänzt durch Abwesenheit und zieht sich regelmäßig in seinen Kleingarten zurück.

Jules und Leah sind problembehaftet und überschreiten regelmäßig Grenzen. Sie sind keine Sympathieträgerinnen, weshalb man mit entsetzter Faszination auf die beiden Frauen blickt und ihr Handeln wie ein Voyeur verfolgt. Beide kreisen um sich selbst und verhalten sich nach einem ähnlichen Muster.

Die Handlung wartet zunächst nicht mit nervenaufreibenden Ereignissen auf, sondern wird von den Geheimnissen innerhalb der Familie und der zunehmenden Verstrickung in Lügen getragen. Gebannt guckt man dabei zu, wie sich die beiden Frauen immer weiter in Richtung Abgrund bewegen.
Leah, die bereits in therapeutischer Behandlung war, erscheint unberechenbar und auch Jules ist alles zuzutrauen, um ihr kleines Mädchen zu beschützen.
Daraus entwickelt sich ein gefährliches Machtspiel mit unvorhergesehenen Wendungen, die die Spannung bis zum Ende hochhalten.

"Bevor sie ihn finden" ist Domestic Suspense über Besessenheit, Selbstwert, Familienkrisen, Täuschung und Rache. Am Ende siegt trotz aller Probleme und des Misstrauens der enge Zusammenhalt der Familie - mit einem bitteren Beigeschmack, das den Thriller aber passend abschließt und den deutschen Titel des Romans erklärt. 

Freitag, 3. Juli 2026

Buchrezension: Jennifer E. Smith - Ein Riesenspaß für die ganze Familie

Inhalt:

Als Kinder waren die Endicott-Geschwister unzertrennlich. Viele Jahre später herrscht Funkstille - bis Jude, die Jüngste, überraschend alle in eine kleine Stadt in North Dakota ruft. Jeder von ihnen steht an einem Wendepunkt: Gemma fragt sich nach einer Reihe erfolgloser Versuche, ob sie überhaupt noch Mutter werden möchte. Connor steckt nach einem großen Bestseller als Autor in der Krise. Roddy riskiert für seine Karriere die Liebe seines Lebens - und Jude, eine gefeierte Schauspielerin, hat drei brisante Geheimnisse, die sie mit ihren Geschwistern teilen möchte, bevor es zu spät ist. Doch was sie zu sagen hat, reißt alte Wunden auf und bringt die Geschwister an ihre Grenzen. Was verbindet sie noch? Welchen Wert haben ihre gemeinsamen Erinnerungen? Und gibt es einen Moment, an dem es zu spät für einen Neuanfang ist? 

Rezension:

Die vier Endicott-Geschwister waren als Kinder eng verbunden. Ihre Mutter hatte die Familie verlassen, als die älteste Gemma zwölf Jahre alt war. Jeden Sommer hat Frankie ihre Kinder jedoch auf einen ihrer Roadtrips mitgenommen, denn sie hatte sich in den Kopf gesetzt, alle 50 Bundesstaaten zu bereisen. Dann kam es zu einer Katastrophe, die zur endgültigen Entfremdung von der Mutter führte - bis zu ihrem frühen Tod. Gemma füllte weiter ihre Rolle als Ersatzmutter aus, während ihre jüngeren Geschwister ihre Talente ausleben konnten.
Inzwischen haben sich die vier nach einem heftigen Streit seit drei Jahren nicht mehr gesehen, als Jude sie um ein gemeinsames Familienwochenende in North Dakota bittet. 

Alle Geschwister stehen in diesem Moment an einem Wendepunkt in ihren Leben und sagen dem spontanen Treffen zu. Sie ahnen nicht, welche Absicht hinter der Einladung steckt und was Jude ihnen schweren Herzens offenbaren möchte.

Der Roman wird aus den wechselnden Perspektiven der vier Geschwister geschildert, die alle ihre eigenen Probleme mit nach North Dakota nehmen.
Gemma ist in Kinderwunschbehandlung und unsicher, ob sie überhaupt Mutter werden möchte. Connor hadert nach einem preisgekrönten Roman mit einer Schreibblockade, Roddy setzt seine Beziehung zu seinem Verlobten aufs Spiel, in dem er seine Profisportlerkarriere in Orlando beenden möchte und Jude befürchtet, dass sie ihrer Mutter ähnlicher als wünschenswert ist.
Ergänzt wird die gegenwärtige Handlung mit dem konfliktreichen Wiedersehen um Rückblenden in die Vergangenheit, die nicht chronologisch erzählt werden, aber in einzelnen Episoden darlegen, was die Geschwister verbindet und trennt.

Die Charaktere sind individuell gestaltet und wirken trotz ihrer Berühmtheit realitätsnah. Sie sind nicht perfekt und machen Fehler, was sie aber gerade liebenswert macht. Damit fällt es leicht, sich in ihre jeweilige Situation hineinzuversetzen und ihre großen und kleinen Krisen nachzuvollziehen.
Für Spannung sorgt Judes Intention für das Treffen, auch wenn Teile ihrer Geheimnisse zu erahnen sind. Darüber hinaus ist es unterhaltsam und interessant über vergangene, mitunter skurrile Ereignisse zu entdecken, was die Geschwisterdynamik ausmacht.
Neben der Annäherung erscheint authentisch, dass jedes der vier Geschwister seine individuellen Probleme angeht und Entscheidungen für die Zukunft trifft. 

Die Geschichte ist bittersüß und von Verlusten geprägt und zeigt, dass gerade diejenigen, die sich lieben, am schlimmsten verletzen können. Das Aufeinandertreffen hat aber warmherzige und humorvolle Momente und ein Zusammenhalt unter den Endicotts ist trotz Streitigkeiten und einer dreijährigen Funkstille spürbar. So schenkt der Roman Hoffnung, dass eine Annäherung und Versöhnung möglich ist, auch wenn Judes Offenbarungen die geknüpften Bande erneut erschüttern. 
Auch wenn das Ende wehmütig ist, ist "Ein Riesenspaß für die ganze Familie" ein warmherziger Roman über die innigen Bande von Geschwistern.