Mittwoch, 3. Juni 2026

Buchrezension: Emily R. Austin - Sister, Sister

Inhalt:

Sigrid und Margit waren als Kinder unzertrennlich - gemeinsam trotzten sie der Kälte ihres Elternhauses. Doch dann schmiss Sigrid die Schule, zog mit ihrer besten Freundin ziellos durch die Kleinstadt und verlor sich zunehmend im Gefühl, nirgends dazuzugehören. Heute lebt Margit ein geordnetes Leben, während Sigrid kaum weiß, wo sie hingehört. Dass ausgerechnet Margit sie nicht mehr versteht, trifft sie wie ein Verrat. Erst ein tragisches Ereignis zwingt die beiden, sich der Wirklichkeit zu stellen. Im leichten, selbstironischen Ton erzählt die Autorin eine herzergreifende Geschichte über zwei Schwestern, die trotz ihrer zunehmenden Entfremdung wieder zueinander finden - und zu sich selbst. 

Rezension:

Ausgehend vom Klappentext und beschrieben als "liebevolles Porträt von Schwesternschaft" hatte ich eine andere Art der Geschichte erwartet. Der Klappentext fasst vielleicht die Lebensumstände der beiden Schwestern knapp zusammen, nicht aber den Inhalt des Buches.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert, wobei der erst längste Abschnitt 21 Versuche eines Abschiedsbriefes Sigrids auf der Grundlage von Tagebucheinträgen beschreibt. Ich verrate nicht zu viel, dass es sich dabei um Suizid handelt, wie auch die Triggerwarnung eingangs auf den Roman vorbereitet.
Der zweite Abschnitt ist die Reaktion Margits darauf, der letzte Sigrids Therapie-Tagebuch.

Die unterschiedlichen Perspektiven sind Erinnerungen an die Kindheit und Jugend und Versuche der Rechtfertigung oder Erklärung für die Todessehnsucht. Dabei kommt es zu Widerrufen und Offenbarungen von Lügen, die irritieren und sowohl Sigrid als auch Margit zu unzuverlässigen Erzählerinnen machen. 

Der Roman besteht aus andauernden inneren Monologen und zum Teil absurden Gedankenstrudeln aufgrund der blühenden Fantasie beider Schwestern. Dabei kommt es zu zahlreichen Wiederholungen im Hinblick auf die gemeinsame Vergangenheit, was Sigrid bewegt und was möglicherweise der Auslöser für ihren Selbstmordversuch gewesen sein könnte. 

Anders als gedacht, ist die Beziehung der Schwestern zu einander nur ein Randaspekt der Erzählung. Es geht vielmehr um Einsamkeit, das Gefühl, nicht "normal" zu sein, nicht dazuzugehören und den Wunsch, nicht erwachsen zu werden. Dazu kommen die äußeren Umstände in der homophoben Kleinstadt, Queerness, die Opiodkrise, eine verlorene Freundschaft und die Schuldgefühle deswegen, die Sigrid belasten. 
Neben dem sensiblen Inhalten Suizid/ Selbstmordversuch sind es viele weitere bewegende Themen, die am Ende erschreckend wenig berühren können, macht es der Erzählstil doch schwer, Zugang zur Hauptfigur zu erhalten. 

Montag, 1. Juni 2026

Buchrezension: Eva Almstädt - Akte Nordsee: Die letzte Predigt (Fentje Jacobsen und Niklas John ermitteln, Band 4)

Inhalt:

Der Pastor in Estherwieck wird tot im Watt aufgefunden. Ertrunken. War es ein Unfall? Am Tag zuvor hatte er jedoch eine ungewöhnlich entrüstete Predigt gehalten, und die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Die Ermittlungen der Polizei nehmen eine neue Wendung als eine frühere Freundin, die den Pastor am Tag zuvor besucht hatte, als vermisst gemeldet wird, und Niklas John gerät unter Verdacht. Er hatte die junge Frau am Abend ihres Verschwindens noch getroffen. Als deren sterbliche Überreste in der Nähe einer alten Marinekapelle gefunden werden und Niklas den Verdacht nicht ausräumen kann, bitte er Fentje Jacobsen als Anwältin um Hilfe. Können die beiden gemeinsam den wahren Mörder finden? 

Rezension: 

In Estherwiek wird die Silberne Konfirmation gefeiert, bei der alte Wunden an einen Unfall während des Konfirmanden-Zeltlagers wieder aufreißen. Auch die ehemalige Konfirmandin Lena, die anlässlich des Jubiläums aus Hamburg in ihre Heimat zurückgekommen ist und eine Änderung des Sorgerechts für ihren Sohn erstreiten möchte, ist wenig willkommen. Ein vertrauliches Gespräch mit dem Pastor ermuntert diesen zu einer scharfen Predigt um Gerechtigkeit und Verrat, die Fragen aufwirft.
Zwei Tage später sind sowohl der Pastor als auch Lena tot. Niklas John hatte Lena zuletzt gesehen und gerät deshalb ins Visier der Polizei. Die Anwältin Fentje Jacobsen, die sich vor Kurzem von Niklas getrennt hatte, hält die beiden Todesfälle für keinen Zufall und stellt Nachforschungen an, um Niklas zu unterstützen, während die Polizei eine falsche Spur zu verfolgen scheint.

"Die letzte Predigt" ist der vierte Band der Krimireihe "Akte Nordsee" um die Anwältin Fentje Jacobsen und den Journalisten Niklas John, die sich durch ihre gemeinsamen Ermittlungen in früheren Kriminalfällen emotional näher gekommen sind.

Der Roman beginnt sehr gemächlich und stellt zunächst auf die Beziehungen der verschiedenen Protagonisten ab, die mitunter schwierig sind. Bis die erste Leiche gefunden wird und man das Gefühl erhält, einen Krimi zu lesen, vergehen mehr als hundert Seiten. Der Klappentext fasst mehr als die Hälfte des Romans zusammen und verrät damit vorab auch schon zu viel über die zweite Leiche und eine mögliche Involvierung von Niklas, wobei der Verdacht gegen ihn letztlich gar keine gravierenden Auswirkungen hat.

Wie in den Bänden zuvor, folgen Fentje und Niklas ihren Instinkten und gehen mitunter unkonventionelle Wege, um mehr Informationen über die beiden Toten und die Umstände ihrer Tode zu erfahren. Befragungen in Lenas Umfeld ergeben Bezüge zum Prolog, der im Vorfeld nur schwer einzuordnen war.

Das Finale ist unleugbar spannend, aber die Vorgehensweise der Täter dilettantisch und fast schon ärgerlich idiotisch. Am Ende wird dem Leser durch einen Dialog zwischen Fentje und Niklas zwar eine Erklärung für die Ereignisse geliefert, die aber in keiner Weise überzeugt. Weder der erste noch der zweite Mord, noch der Mordversuch (unter Zeugen!) waren nötig. Das ganze Konstrukt des Romans mit vielen unnötigen Nebenschauplätzen, Polizeiversagen und dem richtigen Riecher der beiden Hauptfiguren ist zwar unterhaltsam, wirkt am Schluss aber nicht stimmig.

Freitag, 29. Mai 2026

Buchrezension: Marc Raabe - Im Morgengrauen (Art Mayer-Serie 4)

Inhalt:

Seit Wochen gehen im Netz die Videos einer jungen Frau viral. Ihr Gesicht ist unkenntlich, auf ihrem Unterarm ist ein markantes Eulen-Tattoo. Der Inhalt der Videos: skandalöse Details ihrer Affäre mit dem Bundeskanzler. Ein Fake? Eine Kampagne? Oder die Wahrheit?
Plötzlich verschwindet Kanzler Henrik Westphal spurlos.
In der aufgeheizten Stimmung stoßen BKA-Ermittler Art Mayer und Nele Tschaikowski tief im U-Bahntunnel unter dem Alexanderplatz auf eine entstellte Leiche. Ist es die junge Frau aus den Videos? Und welche Rolle spielt Juli, die Frau des Kanzlers – und Arts große Jugendliebe. Als Art plötzlich selbst ins Visier gerät, eskaliert die Situation: Wem kann er noch vertrauen? 

Rezension: 

Seit Tagen ist Bundeskanzler Henrik Westphal verschwunden. Entführung oder Mord? Prekärerweise sind drei Wochen zuvor Videos einer Kessy X viral gegangen, in denen sie den Kanzler beschuldigt, sie und andere Frauen missbraucht zu haben.
Das BKA steht unter Druck und ermittelt auf Hochtouren, darunter auch Art Mayer, der Henrik noch aus seiner Jugend kennt und Gefühle für dessen Ehefrau Juli hat.
Als in einem Berliner U-Bahnschacht eine Frauenleiche gefunden wird, kommt der Verdacht auf, dass es sich bei ihr um die unbekannte Kessy X handeln könnte. Ein Zusammenhang mit dem Verschwinden des Kanzlers ist naheliegend, aber dann gerät Art ins Visier seiner eigenen Kollegen, schließlich sind Eifersucht und Liebe keine abwegigen Motive für eine Bluttat.

"Im Morgengrauen" ist der vierte Band der charakterstarken Buchreihe um den eigenwilligen BKA-Ermittler Art Mayer. Die Thriller bauen inhaltlich um die persönliche Lebensgeschichte Arts auf, weshalb es empfehlenswert ist, die Reihe chronologisch zu lesen, um die Hintergründe und das komplizierte Personengeflecht einordnen zu können.

Der Roman entfaltet sich auf zwei Handlungsebenen und beginnt in der Gegenwart Ende Januar, als der Bundeskanzler schon über eine Woche abgängig ist. Die Vergangenheit wird als Countdown aus der Sicht von Kessy geschildert, die auf den Tag des Verschwindens hinsteuert.

Beide Erzählstränge sind gleichermaßen ereignisreich und spannend. Die kurzen Kapitel und schnellen Szenenwechsel mit unterschiedlichen Perspektiven sorgen für Dynamik, während der enge persönliche Bezug Art Mayers in die Ermittlungen die Emotionen aller beteiligten Figuren hochkochen lassen.
Wie in den Bänden zuvor, agiert Art unkonventionell und impulsiv, bringt sich selbst in Gefahr, hat das Herz aber auf dem rechten Fleck. Die Vergangenheit belastet ihn weiterhin, hat erneut Relevanz für den aktuellen Kriminalfall und sorgt dafür, dass er niemandem wirklich trauen kann.
Die innere Zerrissenheit der beiden Hauptfiguren - Arts Geheimnisse, die im Widerspruch zu seinem Beruf stehen und Neles Solidarität zu ihm, die dabei wiederholt auf die Probe gestellt wird - geben der Verbrechensaufklärung eine dramatischen Anklang.

"Im Morgengrauen" ist ein temporeicher Thriller mit einem politisch besonders heiklen Fall, der die letzten Puzzleteile der Vergangenheit aufdeckt, die ursächlich für die Ereignisse der Gegenwart sind. Mit dem Countdown bis Tag Null wird die Spannung bis zum Ende angeheizt und lässt das Schicksal Henrik Westphals lange im Ungewissen. Es geht um Machtspiele und verletzte Eitelkeiten, die Menschen Grenzen überschreiten lassen und auch Art Mayer ans Limit bringen.