Montag, 28. September 2026

Buchrezension: Adèle Bréau - Die Stunde der Frauen

Inhalt:

Paris, 1967: Menie Grégoire gibt zum ersten Mal Millionen von Frauen in ihrer Radiosendung eine Stimme. Sie sprechen mit der "Beauvoir der Herzen" über verbotene Sehnsüchte, Verhütung und die patriarchalen Zwänge. Unter ihnen sind die Schwestern Mireille und Suzanne, die durch Menie den Mut finden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Fünfzig Jahre später entdeckt die Journalistin Esther Menies Vermächtnis. Während sie sich durch die berührenden Briefe von damals liest, findet sie den Schlüssel für ihren eigenen Ausbruch aus einer toxischen Beziehung. Eine Hommage an all die Frauen, die sich über Jahrzehnte hinweg die Hand reichten, um einander den Weg der Befreiung zu ebnen. 

Rezension:

Menie Grégorie arbeitete für die Zeitschrift Elle, wo sie sich insbesondere um Leserbriefe kümmert, bevor sie vom Radiosender RTL für eine Livesendung gewonnen werden konnte. Auch dort soll sie sich den Zuschriften der vor allem weiblichen Hörerinnen kümmern. Die Sendung am Nachmittag, wenn Frauen ihre Hausarbeit erledigt haben und Ehemänner noch bei der Arbeit sind, wird ein voller Erfolg. Frauen erhalten eine Stimme und Menie schenkt ihnen nicht nur ihr Gehör, sondern gibt vor allem bei heiklen Themen Ratschläge bis hin zu persönlicher Unterstützung. 
Zu ihren Hörerinnen zählen die Schwestern Suzanne und Mireille, die sich mit Hilfe von Menie in ihren Leben beginnen zu emanzipieren. 
Ein halbes Jahrhundert später beschäftigt sich die Journalistin Esther Kahn, die sich aus einer toxischen Beziehung befreien muss, mit Menies Leben, ihren Aufzeichnungen und den Problemen der Frauen von damals, was ihr neuen Mut verleiht. 

Die Autorin ist die Enkelin von Menie Grégorie, die der starken und klugen Frau, die so vielen anderen Frauen in Fragen zur Sexualität helfen konnte, ein Denkmal setzt. Trotz des persönlichen Bezugs überwiegen die fiktiven Anteile der Geschichte, weshalb "Die Stunde der Frauen" mehr historischer Roman als Romanbiografie ist.  

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert aus der Ich-Perspektive die Gegenwart im Jahr 2021, als sich Journalistin Esther mit dem Wirken Menies beschäftigt und gleichzeitig endgültig die Beziehung zu ihrem gewalttätigen Partner beenden muss. Die Vergangenheit baut auf zwei Erzählsträngen um die Schwestern Suzanne und Mireille sowie Arbeit und Leben von Menie auf, die zusammengeführt werden. 

Der Roman ist das Porträt einer Frau, die dreifache Mutter und Ehefrau ist und Ende der 1960er-Jahre mit über 50 Jahren eine Karriere beim Radio beginnt und den Mut hat, sich in ihrer Sendung "anstößigen" Themen zu widmen, wodurch Frauen den Mut finden, Fragen zu stellen und sich Hilfe zu suchen. 
Dabei geht es vor allem um Themen, die mit Sexualität verbunden werden, um Aufklärung, Verhütung, Abtreibung, weibliche Lust oder sexuelle Gewalt. Menie trägt mit ihrer Sendung dazu bei, dass sich Frauen aus dem gesellschaftlichen Korsett und der Abhängigkeit von (Ehe-)männern befreien. 

Emanzipation, Solidarität und Schwesternschaft rücken in den Fokus, während die einzelnen Figuren eher blass bleiben. Auch wenn Menies großartiges Engagement deutlich wird, wird auch sie als Hauptfigur durch die Schilderung einzelner Episoden nur unzureichend zum Leben erweckt. Der Roman gleicht einem Schweinsgalopp durch ihr Leben, geschildert im Zeitraum von 1932 und 1981, wobei Menie als Person auf Distanz bleibt. Ihr Wirken erscheint zudem zu geradlinig und problemlos, was angesichts des Zeitgeists kaum vorstellbar ist. 

Freitag, 25. September 2026

Buchrezension: Anna Schneider - Blut für Blut

Inhalt: 

Nach der Flucht aus einer manipulativen Beziehung schlägt sich Sophie Roth mit Gelegenheitsjobs als Fotografin durch. Bis sie den Auftrag erhält, analoge Porträts der vermögenden Familie Grafinger anzufertigen. Erleichtert sagt sie zu, doch bald fühlt sie sich verfolgt und belauert. Schwebt sie in Gefahr? Hat jemand herausgefunden, wer sie ist? Als Sophie die ersten Aufnahmen entwickelt, blickt sie in ein Gesicht, das sie nie vergessen konnte. Und begreift, dass die Nacht vor zwanzig Jahren, in der ihr Vater ermordet wurde, sie erbarmungslos wieder einholt. 

Rezension:

Die Fotografin Sophie Roth hat sich aus einer toxischen und manipulativen Beziehung befreit und zieht sich in in einen zufällig entdeckten leer stehenden Bauwagen zurück. Als sie das finanziell lukrative Angebot einer adeligen Familie erhält, kurzfristig Porträts analog anzufertigen, sagt sie zu, auch wenn sie sich fragt, warum die Grafingers ausgerechnet sie ausgewählt haben.
Neben dem ominösen Auftrag ängstigen sie weitere mysteriöse Vorkommnisse, die davon Zeugen, dass sie jemand verfolgt und absichtlich verunsichert. Zeitgleich quälen sie Erinnerungen an die Zeit vor zwanzig Jahren, als ihr Vater ermordet wurde und ihr Bruder seitdem als dringend tatverdächtig auf der Flucht ist.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wechselt in kurzen, dynamischen Kapiteln zwischen den gegenwärtigen Ereignissen im Sommer, als Sophie mühsam für einen Neuanfang kämpft und der Vergangenheit, als ihre Familie zerbrochen ist. Beide Erzählstränge sind gleichermaßen spannend. In der Gegenwart fühlt dich Sophie verfolgt und zunehmend bedroht, wobei unklar ist, ob ihr sadistischer Exfreund hinter den kleinen Grausamkeiten steckt. Die Vergangenheit ist noch undurchsichtiger, da Sophie Erinnerungslücken hat und nur allmählich Details zur Ermordung ihres Vaters ans Licht kommen.

Sophie ist traumatisiert und hat viel durchgemacht, ist unsicher im Umgang mit anderen und erlebt durch ihre Naivität Rückschläge.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto spannender wird die Frage, in welchem Zusammenhang Vergangenheit und Gegenwart stehen. Dazu trägt auch ein Foto bei, das Sophie bei den Grafingers entdeckt und sie verstört.

"Blut für Blut" ist als Roman eingeordnet, liest sich allerdings wie ein Thriller. Der unaufgeklärte Mord, der mutmaßlich flüchtige Täter und die Verfolgung und Verunsicherung Sophies schüren Ängste und sorgen für Nervenkitzel. Die Situation in beiden Handlungssträngen ist undurchsichtig und bedrohlich.

Der Roman handelt von Rache, Schuld und den Dämonen der Vergangenheit. Es geht um die Folgen einer Familientragödie und den steinigen Weg, neu anzufangen.
Die Kapitel haben eine angenehme Länge, so dass die Wechsel der Erzählebenen nicht abrupt erfolgen. Zudem wirkt Sophie vor dem Hintergrund der Ereignisse authentisch. 
Die Auflösung ist dann allerdings etwas holprig und erscheint mit der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart etwas konstruiert, insbesondere wenn man die Reaktion der tatverantwortlichen Person betrachtet. 

Mittwoch, 23. September 2026

Buchrezension: Charlotte Link - Kalte Tage (Die Kate-Linville-Reihe, Band 6)

Inhalt:

In einer verschneiten Winternacht wartet eine Frau auf die Rückkehr ihrer Tochter, die sich mit einer Internetbekanntschaft trifft. Plötzlich steht ein Fremder in ihrem Haus – ein Albtraum beginnt. Am nächsten Morgen geht ein Notruf bei der Polizei in Scarborough ein: Ein Mann wurde erschossen, eine junge Frau ist spurlos verschwunden. Detective Inspector Kate Linville beginnt zu ermitteln. Kurz darauf wird ein Autofahrer als vermisst gemeldet, der auf einer einsamen Landstraße unterwegs war. Fast zu spät erkennt Kate die gestörte Geisteswelt eines Täters, der völlig skrupellos agiert. 

Rezension:

Anfang Januar mit ungewöhnlich kalten Temperaturen und Schneetreiben trifft Gillian, die mit Anfang 20 noch bei ihren Eltern wohnt, sich mit einem Fremden in einem Pub, den sie über eine Dating-App kennengelernt hat. Er gibt vor, sie nach Hause bringen zu wollen und überfällt ihre Eltern. Ihr Vater kommt ums Leben und Gillian ist am nächsten Morgen verschwunden. Detective Inspector Kate Linville, die wegen Depressionen in Behandlung ist, stürzt sich in die Ermittlungen, um sich auch von ihren privaten Problemen abzulenken. Fast zeitgleich meldet eine Frau ihren Mann vermisst, der in einer entlegenen Gegend mit einem Makler verabredet war. Zu dem Termin ist er nicht erschienen. Gemeinsam mit DCI Andrew Seymour, der Parallelen zu einem Fall in seinem Zuständigkeitsbereich festgestellt hat, versucht Kate den Täter zu stoppen, der sich über das Internet gezielt an junge, unerfahrene Frauen heranpirscht. 

"Kalte Tage" ist nach dem erschütternden Ende von "Dunkles Wasser" der sechste Band um DI Kate Linville der North Yorkshire Police. Zwei Jahre sind vergangen, seitdem ihr Ex-Kollege Caleb Hale unter tragischen Umständen ums Leben gekommen ist. Für Kate, die schon immer zu Melancholie neigte und unter einem mangelnden Selbstbewusstsein leidet, war dies ein schwerer Schlag, der zu privater Resignation geführt hat. 
Dennoch ist sie eine geniale Ermittlerin, denn ihr Beruf ist ihr ganzer Lebensinhalt. Auf ihren Instinkt ist Verlass, was sie auch in dem Fall um die entführten Frauen und das vermisste männliche Zufallsopfer, entscheidend voran bringt, denn die Spuren zum Täter sind dürftig und die zeitkritische Suche wird durch Schnee und Kälte erschwert. In ihrem Privatleben erscheint jedoch ein Lichtblick am Horizont.  

Der Roman wird aus wechselnden Sichten chronologisch erzählt. Es entsteht ein Komplex aus vielen Personen, Perspektiven der Opfer und Kate als Ermittlerin. Durch mehrere Handlungsstränge ist der Leser sowohl in die Ermittlungen der Polizei als auch in die Situation der Opfer und die Aktionen des Täters involviert. Daneben spielt auch immer wieder das Privatleben Kates und ihre sozialen Komplexe eine Rolle. 

Der Fall erscheint zunächst ungewohnt durchsichtig aufgebaut und nicht so rätselhaft wie in den fünf Bänden zuvor. Der Täter ist für den Leser bekannt und auch die Ermittler haben bald eine heiße Spur zu dem als wenig intelligent beschriebenen, einsamen Soziopathen. Spannender ist insofern weniger die Ermittlung der Identität und die Frage nach einem Motiv, sondern vielmehr, ob der Täter gestoppt und seine Opfer in eisiger Kälte rechtzeitig gerettet werden können. 

Lange ist man wirklich der Meinung, dass die Fallkonstellation durchsichtig ist. Da der Roman aber recht umfangreich ist, bleibt die Hoffnung auf einen Plottwist und tatsächlich kommt es nach knapp 500 Seiten zu einer Wende, die die Spannung neu entfachte.
"Kalte Tage" ist im Wesentlichen ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Polizei, die akribisch und umsichtig vorgeht, ist auch stets nah am Täter und der Aufklärung, hinkt aber letztlich immer ein Stück hinterher, was Menschenleben fordert und auch Kate erneut in Gefahr bringt. 

Neben der Krimihandlung ist Kates weitere Entwicklung zu verfolgen, die von folgenschweren Ereignissen gezeichnet ist und mit sich selbst zu kämpfen hat. An ihrer Seite ist - beruflich und privat - Andrew, der ein außergewöhnliches Interesse an ihr zeigt, was vor dem Hintergrund des Images von Kate als "graue Maus" und der Kürze der Zeit überstürzt und wenig authentisch wirkt. 

Auch wenn die Bezeichnung als Thriller nicht durchgehend angemessen ist, ist es ein Spannungsroman nach einem typischen Muster von Charlotte Link, der tragische und bedauernswerte Schicksale zeichnet und mit einem ausgereiften und schlüssigen Szenario überzeugen kann. Dazu trägt auch die gefährlich kalte Atmosphäre und die tragischen Lebensumstände einzelner Protagonisten bei.