Mittwoch, 9. September 2026

Buchrezension: Patrick Ryan - Buckeye

Inhalt:

In Bonhomie, einer Kleinstadt in Ohio, bestimmt wie überall der Zufall das Leben. 1945 sind alle Männer im Krieg – bis auf Cal, der wegen eines um einige Zentimeter verkürzten Beins daheim den Haushaltswarenladen seines Schwiegervaters schmeißt. Als Präsident Truman im Radio die Kapitulation der Deutschen verkündet, ist die schöne Margaret gerade bei ihm im Laden, und die beiden teilen im Freudentaumel einen Kuss. Aus diesem Moment entsteht eine Affäre, die lange abgekühlt ist, als ein kleiner Junge auf die Welt kommt und die Familien von Cal und Margaret für immer miteinander verbindet. Während das Land im Nachkriegsboom floriert, wächst in Bonhomie ein Geheimnis heran. Bis bei der Hundertjahrfeier der Stadt die Wahrheit mit dem Knall der Feuerwerkskörper ans Licht kommt. 

Rezension: 

Als im Mai 1945 das Ende des Krieges in Europa verkündet wird, betritt Margaret zum ersten Mal den Werkzeugladen von Cal und küsst ihn unvermittelt. Beide sind verheiratet, aber Margarets Ehemann Felix ist noch im pazifischen Raum stationiert und Cal liegt mit seiner Ehefrau Becky im Clinch, da er die Séancen in ihrem Haus nicht gutheißt. Die zwei beginnen ein heimliches Verhältnis, das abrupt endet, als Felix verletzt nach Bonhomie zurückkehrt. Doch die Affäre bleibt nicht folgenlos, was Jahre später zu Brüchen führt.

Der Roman setzt die Begegnung von Margaret und Cal in der fiktiven Kleinstadt in Ohio 
an den Anfang, blickt dann zunächst Jahre zurück und erzählt von den glücklosen Kindheiten Margarets und Cals und wie sie ihre jeweiligen Ehepartner kennengelernt haben. Für beide ist es nicht die große Liebe, sondern eine solide Zweckgemeinschaft.

"Buckeye" handelt über mehrere Jahrzehnte hinweg, geprägt vom Krieg und den Folgen sowie von den (Fehl-)entscheidungen der Hauptfiguren. Neben Margaret und Cal gibt es genug Raum für die Geschichten von Becky, dem "Medium" und Felix im Konflikt mit seiner sexuellen Orientierung. Die Charaktere sind vielschichtig, geprägt von ihren Erfahrungen und den Dingen, die sie verbergen müssen.
Durch den Wechsel der Perspektiven wird jede Person mit ihren eigenen Komplexen, Sehnsüchten und Geheimnissen nahbar.
Auch der Zeitgeist ist spürbar, denn die fiktive Geschichte der beiden Familien wird eng mit belegten historischen Ereignissen verknüpft. Die beiden großen Kriege und der Vietnamkrieg prägen die Generationen, aber auch die gesellschaftlichen Verhältnisse im Hinblick auf den Umgang mit Rassentrennung, Homosexualität oder den Kampf gegen den Kommunismus.

Trotz bewegender Themen wie Kriegstrauma, Identitätssuche, unerfüllte Sehnsüchte und Lebenslügen wird die Geschichte unaufgeregt erzählt. Die Emotionen sind verhalten, Konflikte werden nicht überdramatisiert und dennoch entwickelt die Geschichte mit den liebevoll detaillierten Beschreibungen der Figuren, ihren inneren Monologen und Alltagsszenen einen ganz eigenen Charme. Ihre Entwicklung ist über die Jahre so authentisch nachzuvollziehen, dass ihre Schicksale und ihre Menschlichkeit bewegen. 
Auf über 650 Seiten entsteht das Porträt einer amerikanischen Kleinstadt und die Geschichte von drei Generationen zweier Familien mit allen Höhen und Tiefen, wobei die vier Hauptfiguren mit ihrer Suche nach Glück und der Frage nach Vergebung in den Vordergrund rücken und wiederholt Kritik an den Kriegen ihrer Zeit laut wird. 

Dienstag, 8. September 2026

Buchrezension: Lucien Marant - Nächstes Mal für immer

Inhalt:

Paris, 1999. Mona kommt als Studentin für ein Semester in die Stadt ihrer Träume. Noch ehe sie ihr WG-Zimmer beziehen kann, lernt sie Thibauld kennen. Eigentlich kann sie den arroganten Schönling nicht ausstehen. Doch etwas an seinem verträumten Wesen und seinem ganz eigenen Blick auf die Welt lässt Mona nicht los. Und so stürzt sie sich in einen Strudel der Gefühle, voller Kribbeln und Krampfen, Glücksmomente und Enttäuschungen. 
Paris, 2019. Nach zwanzig Jahren kehrt Mona zurück in die Stadt, die einen Sommer lang ihr Zuhause war – und blickt unversehens in ein Paar funkelnder Augen, die nichts von ihrer ansteckenden Freude und Wachheit verloren haben. Thibauld! Ausgerechnet dem Menschen, der für das größte Glück und die tiefste Verletzung in ihrem Leben verantwortlich war, läuft sie gleich nach ihrer Ankunft hier in die Arme. Hält das Schicksal eine zweite Chance für die beiden bereit? 

Rezension:

1999 ist Mona für ein Semester in Paris, wo sie den Franzosen Thibauld kennenlernt hat, der das Leben leicht nimmt. Mona verliebt sich in ihn und wird am Ende ihres Aufenthalts in Paris enttäuscht. Mit gebrochenem Herzen kehrt sie nach Hamburg zurück. 
Zwanzig Jahre später hat Mona eine langjährige Fernbeziehung hinter sich und ist auch mit ihrem Job als Journalistin nicht mehr zufrieden, weshalb sie sich eine Auszeit nimmt. Sie fährt nach Paris, wo sie direkt auf Thibauld trifft. Dieser hat sich kaum verändert und das Kribbeln zwischen den beiden ist sofort wieder da. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen im Jahr 1999 und 2019, wobei die Abschnitte jeweils kurz sind und die Szenenwechsel übergangslos und abrupt erfolgen. Verbindendes Element ist jedoch, dass es Parallelen in der Handlung gibt, was das ein oder andere Déjà-Vu ergibt. Dass zwanzig Jahre vergangen sind, ist kaum zu spüren. Das Protagonisten sind alterslos und ihr Verhalten unverändert, was es schwierig macht, sich zu vergegenwärtigen, ob man aktuell in der Vergangenheit oder Gegenwart steckt. 

Das Setting in Paris ist bildhaft beschrieben. Man spürt das Pariser Flair und fühlt sich mit Mona auf einem Streifzug durch die Stadt, währenddessen Croissants oder Cafés noisettes genossen werden. Auch Thibaulds Mentalität des "bonheur" und dem Wunsch, im Moment zu leben und diesen zu genießen, wird glaubwürdig vermittelt. 
Die Emotionen zwischen Mona und Thibauld sind jedoch auf beiden Erzählebenen zurückhaltend. Die beiden funktionieren als platonische Freunde gut, eine romantische Liebe ist allerdings nicht fühlbar. Zu keinem Zeitpunkt der Handlung hatte ich die beiden als Liebespaar vor Augen. 

Für den Abbruch der Beziehung findet sich am Ende zwar eine Erklärung, aber diese ist recht dünn und typisch für einen Liebesroman von einem Missverständnis geprägt. Der eigentliche Grund für Monas Rückkehr nach Paris bleibt so oberflächlich beschrieben wie alle anderen Konflikte in der Handlung. Ganz wesentliche Elemente und prägende Ereignisse in Monas und Thibaulds Leben werden nur am Rande in einem Satz erwähnt, was mehrfach irritierend ist. 

"Nächstes Mal für immer" ist eine Geschichte mit einem schönen Setting in der Stadt der Liebe und mit Potenzial für eine romantische Second-Chance-Romanze. Die Erzählung ist jedoch enttäuschend emotionslos und in jeder Hinsicht oberflächlich.  

Dienstag, 1. September 2026

Buchrezension: Kelly Anderson - Das Jahr der Wale

Inhalt:

Annie MacLeod hat schon immer gespürt, dass sie anders ist. Ihre Kindheit verbringt sie hauptsächlich auf einem Segelboot vor der Westküste Kanadas, denn ihre Mutter erträgt es nicht, längere Zeit vom Meer getrennt zu sein. Doch in Hale’s Landing wartet Evan auf Annie, und als die beiden erwachsen werden, wird aus der Kindheitsfreundschaft etwas Tieferes. 
Eines Tages bleibt Annie zum ersten Mal allein bei Evan, während ihre Eltern segeln gehen. In dieser Nacht zerstört ein Tsunami ihre ganze Welt. Annie ist an Land gestrandet, ihre Eltern kehren nicht zurück. Am Strand rettet Annie einen jungen Mann aus den Fluten. Walker scheint stumm zu sein, trotzdem spürt sie sofort eine seltsame Verbindung. Als würde etwas in ihm zu etwas in ihr sprechen, das ihr selbst verborgen ist. 
Dann soll Hale’s Landing evakuiert werden, und Annie muss entscheiden, wohin ihr Herz gehört. 

Rezension: 

Annie wächst bei ihren Eltern auf einem Segelboot im Pazifik vor der Westküste Kanadas auf. Ihre Mutter Mara hat eine innige Verbindung zum Meer und seinen Bewohnern, die sie an ihre Tochter weitervererbt hat. Auch Annie schwimmt am liebsten im Meer und fühlt sich an Land fremd. Sie kann deshalb nicht zur Schule gehen, freundet sich aber mit dem gleichaltrigen Evan an, der sich seinem Vater, einem trauernden Witwer, und seinem Unternehmen in Hale`s Landing verpflichtet fühlt. Als sie älter werden, verlieben sie sich ineinander, aber Annies Anziehung zum Meer bleibt ein Hemmnis.
Ausgerechnet ein Tsunami lässt Annies Welt aus den Fugen geraten, denn ihre Eltern kehren von ihrer Fahrt auf See nicht zurück. Annie kann einen fremden Mann, den sie Walker nennt, retten, der ihre Gefühle verwirrt. Als Hale's Landing nach der Zerstörung evakuiert werden soll, ist Annie hin- und hergerissen zwischen der Beständigkeit Evans und der Mystik, die Walker umgibt.

Das Buch vermittelt eine enge, sehnsuchtsvolle Verbindung zum Meer, die übernatürlich wirkt. Schon Mara wurde als Sonderling argwöhnisch betrachtet und Annie musste sich als Kind dem Spott anderer aussetzen. Sie taucht deshalb wortwörtlich am liebsten unter, bis ihr Freund, das Meer, sie bitter enttäuscht und fortan Ängste in ihr auslöst.
Halt findet sie bei ihrem einzigen Freund Evan. Sie liebt ihn, aber als sie Walker begegnet, spürt sie eine ganz eigene Verbindung zu ihm. Walker wirkt selbst wie ein Wesen aus dem Meer und hat deshalb etwas Unwirkliches an sich. Annie steht zwischen zwei Männern und zwei möglichen Leben, bis ihr die Entscheidung vom Meer abgenommen wird.
Sechs Jahre später führt sie ein Leben, das vernünftig ist, aber nicht zu ihr passt. Die Sehnsucht zum Meer bleibt und zieht sie trotz ihrer Erfahrung dorthin zurück. 

"Das Jahr der Wale" ist eine Geschichte der leisen Töne, die sanft, empathisch und ein wenig geheimnisvoll geschrieben ist. Die äußere Rahmenhandlung ist jedoch wenig ereignisreich. Der Roman setzt mehr auf die Atmosphäre, die melancholisch und übersinnlich ist, ohne in die Welt der Mythen und Sagen abzudriften. So wirkt die Geschichte zumal wie ein Fiebertraum mit Raum für eigene Interpretationen. 
Das Buch handelt von der Naturgewalt und der Unberechenbarkeit des Meeres, von Verlust und Liebe, von Hochsensibilität und den Mut, auf die eigene Stimme zu hören und einen Weg abseits von Norm oder Erwartungen zu gehen.