Montag, 2. November 2026

Buchrezension: Annette Lies - Über uns der Himmel

Inhalt:

1959: Die Welt liegt über den Wolken - und die Deutsche Lufthansa verspricht jungen Menschen ein Leben voller Freiheit. Ursula, Jutta und Rosemarie greifen nach diesem Traum. Doch beim Auswahlverfahren in Hamburg sucht die strenge Chefstewardess nur eines: Fliegende Fräuleinwunder! Und sicher nicht das bayerische Landmädel, die schüchterne Ost-Berlinerin und das burschikose Kohlenkind. Doch jede von ihnen trägt etwas in sich, das ihnen überraschend Flügel verleiht. 
2018: Ursula ist fast achtzig und verlässt das Haus nicht mehr. Als Telefonseelsorgerin schmiedet sie einen letzten Plan. Da ruft eine Frau an, deren Stimme ihr seltsam vertraut ist. Und schildert Ängste und Erinnerungen, die niemand außer Ursula kennen kann. Auch die kleine Tochter der Anruferin leidet unter Albträumen und Ursula versteht, dass die Vergangenheit nicht mit dem eigenen Tod stirbt. Doch um zu helfen, muss sie sich dem stellen, wovor sie siebzig Jahr lang floh. 

Rezension: 

1959 sucht die Deutsche Lufthansa Bordpersonal. Unter den zahlreichen Bewerberinnen und Bewerbern schaffen es unter anderem Ursula, Jutta und Rosemarie sich in dem anspruchsvollen Verfahren durchzusetzen. Ursula stammt aus der Nähe von München, wo ihre Eltern eine Gastwirtschaft betreiben. Für ihren Traum von Freiheit und um ihr Fernweh zu stillen, fühlte sich Ursula gezwungen mit ihren Eltern zu brechen.
Noch während des Auswahlverfahrens freundet sie sich mit Jutta, der zarten Ost-Berlinerin, der technikaffinen Rosemarie aus dem Ruhrpott und dem galanten norddeutschen Gert an.
Jahrzehnte später arbeitet Ursula bei der Telefonseelsorge. Den Tod vor Augen erhält sie einen anonymen Anruf einer alleinerziehenden Mutter, die ihr von ihren Nöten berichtet. Ihre Schilderungen bewirken, dass sich Ursula ihrer Vergangenheit stellt, vor der sie seit 70 Jahren auf der Flucht ist.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, wobei die Vergangenheit mit dem Traum vom Fliegen, der Entwicklung der zivilen Luftfahrt und die Freundschaft im Kolleginnenkreis klar im Vordergrund stehen.
Der Zeitgeist ist bildhaft und eindrücklich geschildert. Man erhält nicht nur einen umfangreichen Blick auf das Berufsbild der Stewardess, sondern auch auf die gesellschaftlichen Konventionen der 1960er-Jahre. Die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs sind spürbar, aber insbesondere auch die Verhaftung in traditionellen Rollenbildern. 
Die fiktiven Schicksale berühren und werden unangestrengt mit den historischen Begebenheiten verknüpft. 

Es ist eine lebendige Zeitreise mit authentischen Figuren, die während ihres beruflichen Werdegangs gut zehn Jahre begleitet werden und an für damalige Verhältnisse exotische Orte führt und Kontakt zu unterschiedlichen Kulturen ermöglicht. Ursulas Fernweh wird gestillt, nicht aber die Sehnsucht nach Liebe. Darüber hinaus ist sie von einem Trauma gezeichnet, dass sie selbst so viele Jahre später in der Gegenwart des Jahres 2018 belastet. Auch diese Erzählebene berührt, mutet jedoch aufgrund der zahlreichen Zufälle wie ein Märchen an.  

"Über uns der Himmel" ist eine vielschichtige, herrlich nostalgische Geschichte über die Anfänge der zivilen Luftfahrt, über Freundschaft, Selbstbestimmung und die Suche nach Glück. Und so steht die Fliegerei auch symbolisch für den Wunsch nach Freiheit der vier Hauptfiguren, die jeweils mit eigenen Sorgen und Nöten zu kämpfen hat. 

Samstag, 31. Oktober 2026

Buchrezension: Julia Boggio - All I Want For Christmas Is Hugh

Inhalt:

Als Henrietta von New Jersey ins zauberhafte kopfsteinbepflasterte Chelsea in Westlondon zieht, hat sie nur ein Ziel: einen Mann wie Hugh Grant zu finden. Mit schönem Haar, witzig, eloquent – einfach britisch. Schließlich liebt Henrietta seit jeher die Romcoms der Neunziger- und Nullerjahre und ist überzeugt, dass nur ein britischer Gentleman ihr Herz so erobern kann, wie es die Filme versprechen. In ihrem Stammcafé begegnet sie eines Tages Albert: Er scheint der Mann zu sein, den sie sich immer erträumt hat. Zwischen flüchtigen Blicken und kleinen Gesprächen knistert es leise – bis Graff Holden auftaucht, amerikanisch, laut, herrlich unverfroren und ziemlich unmöglich. Plötzlich steht Henriettas Herz vor der Wahl: die klassische britische Romantik … oder das chaotische, aber faszinierende amerikanische Temperament. Und während London im Winterzauber erstrahlt, muss sie sich fragen: Will sie lieber den perfekten Gentleman oder das wilde Herz aus Übersee? 

Rezension: 

Die Amerikanerin Henrietta träumt davon, ihre eigene romantische Komödie zu erleben. Sie ist aus den USA nach London gezogen, um dort ihren britischen Gentleman ganz nach dem Vorbild von Hugh Grant aus den Filmen der 1990er- und 2000er-Jahre zu finden. 
Der Engländer Albert, den sie in ihrem Stammcafé in Chelsea kennenlernt, scheint genau der richtige Kandidat zu sein. Doch dann begegnet ihr dort Graff, der wie sie aus New Jersey stammt. Nach einem Blick hinter seine ruppige Fassade stellt Hen fest, dass sie mehr Gemeinsamkeiten haben, als die Staatsangehörigkeit. Graff ist kein Brite, aber humorvoll, verständnisvoll und fürsorglich und kommt ihren romantischen Plänen damit gefährlich in die Quere.  

Henrietta hat einen Mann wie Hugh Grant zu ihrem Traummann auserkoren. Was wie eine naive Vorstellung klingt, ist tief in ihrer Vergangenheit verwurzelt. Einerseits hat sie ein Versprechen gegeben und andererseits möchte sie nicht den gleichen Fehler wie ihre Eltern machen. Darüber hinaus leidet Henrietta an einer neurologischen Störung, die ihr Liebesleben komplizierter macht. Nur ein britischer Gentleman sei in der Lage, sie so zu akzeptieren wie sie ist.

Nach langer Durststrecke steht Hen wenige Wochen vor Weihnachten plötzlich zwischen zwei Männern, zu denen sie sich hingezogen fühlt. Auch wenn mit einer gewissen Vorhersehbarkeit in dem Romangenre zu rechnen ist, sind die beiden männlichen Hauptfiguren sehr plakativ gezeichnet, so dass Mr. Right für alle offensichtlich ist - bis auf Henrietta. Ihr fällt es schwer die richtige Wahl zu treffen, weshalb sie den smarten, einfühlsamen amerikanischen Schriftsteller gleich mehrfach vor den Kopf stößt, um Lord Albert eine Chance zu geben, der weniger liebenswürdig, als bestenfalls skurril ist. Dass der Roman nicht nur aus Hens Perspektive geschildert ist, sondern auch Graff eine eigene Stimme erhält, macht ihn durchschaubar und mindert die Spannung zusätzlich. 

Nach anfänglichen Längen geht es am Ende sehr turbulent, geradezu filmreif, zu. Die Szenen mit Albert sind zum Fremdschämen komisch und herrlich absurd. 
Auch wenn es mit den Liebesbekenntnissen sehr schnell geht und sich die Beziehungen nach nur wenigen Begegnungen sehr rasant innerhalb der Weihnachtszeit entwickeln, ist "All I want for Christmas is Hugh" eine unterhaltsame Hommage an die RomComs der 1990er- und 2000er-Jahre, die London zur Weihnachtszeit einfängt und mit Hens gesundheitlichen Einschränkungen und der Verpflichtung gegenüber ihrer Mutter etwas Tiefgang erhält. 

Freitag, 30. Oktober 2026

Buchrezension: Cecelia Ahern - Love Unlocked

Inhalt:

Melody und die Liebe – das ist bisher eine Geschichte ohne Happy End. Zu unsicher ist ihr die Sache mit den Gefühlen, zu wenig vertraut sie ihrem eigenen Herzen. Al und die Liebe – das war ein „match made in heaven“. Bis eine tiefe Enttäuschung auch ihn zum Liebesskeptiker werden lässt. Doch dann passiert die Sache mit den Liebesschlössern: Eine Brücke in Dublin droht unter ihrem Gewicht nachzugeben, Al lässt sie entfernen, und eine Welle von Trennungen ist die Folge. Melody macht die Sache in ihrem Podcast zur Sensation. Doch je mehr sie recherchiert, desto näher kommt sie Al. Aus Recherche wird Flirt, aus Flirt wird Nähe. Doch wird aus Nähe am Schluss auch Liebe?

Rezension:

Melody hat ihren Freund abrupt verlassen, kurz bevor er um ihre Hand anhalten wollte. Als sie erfährt, wie viele Paare sich in letzter Zeit in ihrer näheren Umgebung und darüber hinaus genau am selben Tag getrennt haben, macht sie das Phänomen zum Thema ihres Podcasts und findet heraus, dass an dem Tag die Liebesschlösser an einer Dubliner Brücke aus Sicherheitsgründen entfernt wurden.
Verantwortlich dafür ist Al, der von der Liebe bitter enttäuscht wurde und voller Rachegelüste gegenüber seiner Ex-Verlobten ist, die ihn für seinen besten Freund verlassen hat.
Als er auf Melody trifft, spürt Al zum ersten Mal seit der Trennung ein wenig Leichtigkeit. Sich bewusst, dass beide nicht bereit für eine Beziehung sind, stürzen sie sich in einen unverbindlichen Flirt.

Der Roman wird aus der Sicht beider Hauptfiguren geschildert, die der Liebe aus unterschiedlichen Gründen abgeschworen haben. Melody und Al sind individuell gestaltet. Sie sind voller Eigenheiten, Ecken und Kanten. Romantiker Al, der von nichts anderem als einer harmonischen Beziehung und einer großen Familie geträumt hat, ist zu Beginn verbittert und regelrecht hasserfüllt. Bei seinen Schikanen gegen seine ehemalige Freundin und seinen ehemaligen besten Freund überschreitet er jegliche Grenzen des gutem Geschmacks und der Legalität. Melody genießt ihre individuelle Freiheit und fühlt sich von Beziehungen erdrückt. Sie hat Angst, sich fest zu binden, schafft es aber nicht einmal, allein zu schlafen. Sie ist fordernd, sprunghaft und stößt ihre Gegenüber häufig vor den Kopf.

Die besonderen Charaktere machen die Story aus, gleichzeitig weckt das Phänomen der Trennungen nach der Demontage der Liebesschlösser das Interesse für eine romantische und magische Geschichte. 
Der Roman handelt von den Schattenseiten der Liebe, schmerzhaften Trennungen, mangelnder Kompromissbereitschaft und der Angst vorm Scheitern und hat damit eine bittersüße Note. Nach einem unterhaltsamen Beginn, dem Kennenlernen der Charaktere und den verrückten Aktionen Als, verliert sich die Geschichte in unfertigen Nebenhandlungen hinsichtlich Melodys Beziehung zu ihren Eltern oder der Ehe ihrer Podcast-Kollegin Prunella. 

In Bezug auf die beiden Hauptfiguren ist im Verlauf der Geschichte eine charakterliche Weiterentwicklung zu erkennen, wobei die Einsicht ähnlich abrupt erfolgt wie die Liebe zueinander. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen wirkt dies nicht nachvollziehbar plötzlich und gipfelt in einem überzogenen Happy End. 
Die Bedeutung und Symbolik der Liebesschlösser erhält im Gegensatz dazu zu wenig Raum, weshalb die charmante Plotidee nicht das volle Potenzial ihrer Magie ausschöpft.