Freitag, 23. Oktober 2026

Buchrezension: Michael Robotham - Bruderherz

Inhalt:

Nach zwölf Jahren hinter Gittern kehrt Arlo Hackett in seine australische Heimatstadt Yulara zurück – ein Ort, dessen Bewohner ihn einst verurteilten und verstießen. Damals wurde er der Beihilfe zu einem schweren Verbrechen beschuldigt, das sein Bruder Luke begangen haben soll. Doch Arlo hat nie an Lukes Schuld geglaubt und will nun herausfinden, was wirklich passiert ist. Aber die Menschen in Yulara begegnen ihm mit Misstrauen und Feindseligkeit. Wer lügt, wer verschweigt etwas – und wem kann Arlo überhaupt noch trauen? Während er sich seinen schmerzhaften Erinnerungen stellt und der Wahrheit immer näherkommt, gerät sein Leben erneut aus den Fugen. Zwischen Verrat und Schuld muss er sich die Frage stellen, ob Vergebung möglich ist – oder ob sie alles zerstört, was ihm noch geblieben ist. 

Rezension: 

Arlo Hackett wird nach zwölf Jahre Haft aus dem Gefängnis entlassen und kehrt in seinen Heimatort Yulara zurück, wo er nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird. Die Menschen begegnen ihm feindselig und beschimpfen ihn als Pädophilen. Sein jüngerer Bruder Luke wurde damals wegen Vergewaltigung und Mordes einer 17-jährigen Schülerin beschuldigt und kam während der Vernehmungen ums Leben, bevor ihm der Prozess gemacht werden konnte. Arlo wurde wegen Beihilfe verurteilt.
Arlo hat nie an die Schuld seines Bruders geglaubt, der wegen Komplikationen bei der Geburt von klein auf geistig beeinträchtigt war. Diese Hilflosigkeit und Einfalt wurde ihm offenbar zum Verhängnis. Ein Brief, den Arlo in seinem Elternhaus findet, lässt weitere Zweifel in ihm aufkommen, dass es sich bei Luke um den Täter handelt. Trotz der Ablehnung der Kleinstadt beginnt er zu recherchieren und hat dabei Rückhalt von seiner Freundin Helen, die ihm Hunderte Briefe während seiner Haft geschrieben hat und seiner Anwältin Camille.

"Bruderherz" ist, anders als angenommen, kein Thriller, sondern ein Kleinstadtdrama über Ungerechtigkeit, Schuld und die Suche nach Wahrheit mit einem stetigen Spannungsaufbau.

Der Roman ist atmosphärisch geschildert. Die Enge der Kleinstadt ist spürbar und wirkt sowohl beklemmend als auch bedrohlich. In kurzen Kapiteln aus der Sicht von Arlo erzählt, erfolgt ein stetiger Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Während Arlo sich wieder an ein Leben auf freiem Fuß gewöhnen muss und statt einer zweiten Chance mit Schikanen der Bewohner Yulara konfrontiert wird, erinnert er sich an die Zeit vor deiner Inhaftierung und insbesondere an die Monate vor Saxons Tod. 
Auf diese Weise offenbaren sich nach einem langen Vorlauf allmählich Details über die Tatnacht und die Involvierung Lukes und Arlos, was bei eingefleischten Thriller-Lesern Geduld erfordert. 

Bei diesem Kriminalfall stehen die Emotionen stark im Vordergrund. Die Schilderungen von Polizeiwillkür und Polizeigewalt, von Missbrauch und Drohungen, Ausgrenzung und Vorverurteilung rufen Wut und Verzweiflung hervor. Daneben bewegen Arlos Schuldgefühle, der sich vorwirft, seinen kleinen Bruder und die jüngere Saxon nicht geschützt zu haben. 
Die Suche nach Wahrheit und Gewissheit ist spannend, auch wenn ein Twist ausbleibt.  


Mittwoch, 21. Oktober 2026

Buchrezension: John Green - Hollywood, Ending

Inhalt:

Kai und Juniper sind Anfang zwanzig, als ihr Traum wahr wird. Beide bekommen eine Rolle im groß angekündigten Hollywood-Film über Andy Warhol, den Vater des modernen Persönlichkeitskults. In der berauschenden Atmosphäre des Sets wachsen sie zusammen, verlieben sich vielleicht sogar. Als der Riesenerfolg beide mit einem Schlag berühmt macht, wird ihr Leben Teil der sozialen Medien – auf überwältigende, aber auch beängstigende Weise. Denn wie hoch ist der Preis des Ruhms? Und was geschieht mit uns, wenn das Private öffentlich wird? 

Rezension: 

Juniper Castillo, ein ehemaliger Kinderstar, und der Jungschauspieler Kai Laramie haben neben dem Hollywood-Star Matthew Malone die beiden Hauptrollen in dem Biopic über den Künstler Andy Warhol. Der Film wird zu dem ersehnten Kassenschlager und Juniper und Kai gelangt damit der große Durchbruch in Hollywood.
Im Film werden Juniper und Kai ein Liebespaar und auch am Set sind sie sich vertrauensvoll näher gekommen. Doch während der Promotionstour für den Film lernen sie die Schattenseiten des Erfolgs kennen, was nicht nur ihre junge Beziehung vor eine große Herausforderung stellt.

Der Roman wird in längeren Abschnitten aus beiden Perspektiven geschildert - vom Kennenlernen am ersten Drehtag, über die Pressearbeit nach Drehschluss bis zur Filmpremiere und den ersten Reaktionen darauf.

Juniper und Kai haben unterschiedliche Erfahrungen in der Filmbranche und verkörpern unterschiedliche Persönlichkeiten. Juniper wurde von klein auf zu Erfolg getrimmt, ist arbeitsam und ehrgeizig, während Kai unsicher und zurückhaltend ist und nicht das Licht der Öffentlichkeit sucht. Beide sind jedoch sensibel und auf unterschiedliche Art von ihrer Vergangenheit belastet. Und genau diese persönlichen Traumata werden insbesondere Kai zum Verhängnis, denn die auf Erfolg und Kommerz bedachte Filmindustrie ist skrupellos.

Obschon es sich bei "Hollywood, Ending" um den ersten Erwachsenenroman von John Green handelt, mutet das Buch wie eine Coming-of-Age-Geschichte an, denn die beiden Hauptfiguren sind erst Anfang 20 und fühlen sich selbst wie Teenager.

Der Roman wirft einen interessanten Blick hinter die Kulissen Hollywoods. Neben den Abläufen zum Dreh und Vermarktung eines Films geht es im Wesentlichen um das Spannungsfeld von Privatleben und Öffentlichkeit: Berühmtheit, Bewunderung und finanzielle Freiheit vs. Übergriffe, Erfolgsdruck, Ängste und Manipulation.

Die Darstellung der Hollywood-Maschinerie wirkt dabei äußerst realistisch, die Liebesgeschichte hingegen wirkt unentschlossen und holprig. Juniper und Kai funktionieren als Filmpaar und erscheinen als perfektes Team und vertrauensvolle Freunde, von Romantik ist allerdings wenig zu spüren - vielleicht oder gerade weil der Satz "ich liebe dich" so inflationär verwendet wird.

"Hollywood, Ending" ist keine mitreißende Lovestory, aber eine unterhaltsame und einfühlsame Geschichte über große Träume, den Preis des Ruhms und zwei Charaktere, die ein Selbstbewusstsein entwickeln und lernen, für sich selbst einzustehen. 

Montag, 19. Oktober 2026

Buchrezension: Lars Menz - Der gute Sohn

Inhalt:

Eine Familie am Frühstückstisch. Die Mutter streicht dem Sohn durchs Haar, der Vater schenkt Kakao nach. Ein perfekter Morgen – bis die Fußfessel anschlägt. Strom quält den Körper des Jungen. Er zuckt zusammen, erduldet den Schmerz. Ein Junge, wie ihn sich seine Eltern wünschen. Ein guter Sohn. 
Währenddessen betritt Liv Beck die sturmumtoste Nordseeinsel. Ruhe sucht die Polizistin hier – und Abstand vom letzten Einsatz, der tödlich endete. Doch dann begegnet sie am Strand einem verzweifelten Mann, der fest davon überzeugt ist, dass sein verschwundener Sohn nicht im Meer ertrank. Warum glaubt ihm niemand? 
Je tiefer Liv gräbt, desto dichter zieht der Nebel aus Geheimnissen über die Insel. Bald begreift sie: Wer zu viele Fragen stellt, verschwindet vielleicht als Nächstes. 

Rezension: 

Nach einem missglückten Polizeieinsatz, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen, ist die traumatisierte Polizeioberkommissarin Liv Beck vom Dienst suspendiert und muss sich in einer Klinik auf einer kleinen Nordseeinsel behandeln lassen. Schon an ihrem ersten Tag lernt sie einen trauernden Vater kennen, dessen Sohn verschwunden ist. Während Polizei und Inselbewohner davon ausgehen, dass der Junge ertrunken ist, ist Fink überzeugt, dass sein Sohn Opfer eines Verbrechens wurde.
Liv ist getriggert und möchte den Fall aufklären, um sich selbst und anderen zu beweisen, dass sie eine gute Polizistin ist. Statt sich in der Klinik zu regenerieren, stellt sie zu viele und vor allem zu unbequeme Fragen, die sie in die Schusslinie bringen.

"Der gute Sohn" ist als Kriminalroman kategorisiert, mutet jedoch viel mehr wie ein Thriller an. Klassische Ermittlungen und Polizeiarbeit gibt es nicht. Stattdessen schnüffelt Liv privat auf der Insel herum und gerät dabei selbst in Gefahr.
Der zweite Handlungsstrang, der deutlich weniger und nur kurze Kapitel umfasst, handelt von einem Jungen in Gefangenschaft, der den "guten Sohn" mimen muss, um Bestrafung zu entgehen.

In diesem Roman verhält sich jeder verdächtig. Hier scheint jeder Protagonist ein Geheimnis oder Dreck am Stecken zu haben. Was Liv erlebt und getan hat, erfährt man nur allmählich. Sie leidet unter ihrem Trauma, Panikattacken und Halluzinationen und agiert völlig kopflos. Auf ihrer Kamikaze-Mission beschuldigt sie nahezu jede Person auf der Insel etwas mit dem Verschwinden von Jonas zu tun zu haben. Auch wenn nachvollzogen werden kann, dass Liv Wiedergutmachung leisten möchte und deshalb so forsch vorgeht, erscheint ihre Vorgehensweise komplett überdreht, begeht sie schließlich eine Reihe an Straftaten und könnte in der Folge nie wieder als Polizistin arbeiten. Dieser recht abenteuerliche Handlungsverlauf macht viel Spannung kaputt, da eine realistische Aufklärung nicht mehr möglich ist. 

Weiterhin bleibt die kleine Nordseeinsel mit der psychosomatischen Klinik genauso wenig vorstellbar wie die blassen Charaktere, die nur an ihren Namen zu unterscheiden sind. 
Frei von polizeilichen Ermittlungen entwickelt sich die Geschichte mit einer kopflosen Suche retardierend zäh. Am Ende offenbaren sich die tathandelnden Personen selbst, wobei die Motivation nicht unerwartet ist, gab es doch auf den ersten 100 Seiten bereits einen entscheidenden Hinweis für eine mögliche Verzweiflungstat. 
Letztlich ist das Szenario von zu vielen Zufällen, abwegigen Handlungen und einer anstrengend impulsiven Hauptfigur geprägt. "Der gute Sohn" hat in dem unentschlossenen Genremix aus Krimi, Familiendrama, Traumastudie und Thriller nur eine Nebenrolle, obwohl gerade dieser Part im Klappentext so fesselnd angekündigt ist.