Mittwoch, 25. Februar 2026

Buchrezension: Rebekka Frank - Spiegelland

Inhalt:

Elias hat so richtig Mist gebaut, das weiß er. Er versteckt sich den Sommer über bei seiner Großmutter Catharina im Moor. Doch auch sie hütet ein Geheimnis, das alles infrage stellt, was Elias zu wissen glaubt. 
Ein unendlich weiter Sommer, ein Vierteljahrhundert zuvor: Nach Jahren der Angst findet Catharina endlich den Mut, aus ihrer Ehe auszubrechen. Mit ihrer Tochter flieht sie in ein altes Haus im Moor. Während der Sonnentau im ersten Licht des Morgens leuchtet und die Rauchschwalben rufen, spürt sie sich zum ersten Mal wieder. Doch nichts ist wirklich sicher. Erst recht nicht, als Catharina im Moor eine Entdeckung macht, die ihren Mann auf ihre Spur bringen könnte. 

Rezension: 


Cato flieht 1999 zusammen mit ihrer zwölfjährigen Tochter von ihrem gewalttätigen Ehemann in das Haus, das sie von ihrer unbekannten Großmutter geerbt hat. Das Haus in der Moorlandschaft wird zu ihrer Zuflucht und offenbart ihr gleichzeitig Familiengeheimnisse, die ihr Aufschluss über das zerrüttete Verhältnis ihrer Vorfahren geben.
26 Jahre später flüchtet auch Elias ins Moor zu seiner Großmutter Cato. Elias hat einen schweren Fehler begangen und schafft es kaum, die Tat mit sich auszumachen. Was er über seinen Großvater und Urgroßvater erfährt, ist erschütternd und wirft die beängstigende Frage auf, ob sich Geschichte wiederholt.
Jahrhunderte zuvor beginnt die Kolonisierung der Moorlandschaft in der Nähe von Bremen. Die junge Aletta gerät dabei in die Auseinandersetzungen zweier verfeindeter Dörfer. Um den Streit zu schlichten, ist sie sogar bereit, ihre Liebe zu opfern. 

Der Roman handelt auf drei Zeitebenen, die zeitlich bis zu 260 Jahre getrennt sind, aber inhaltlich eng verwoben sind. Die Ereignisse handeln alle am gleichen Ort im Moor bei Worpswede und decken Konflikte und lang gehütete Geheimnisse auf. Die Kapitel sind kurz, was die Parallelen in der Handlung weiter verstärkt. 

Zwei Perspektiven werden aus weiblicher Sicht dargestellt, in der Frauen gegen sexualisierte Gewalt, toxische Männlichkeit und patriarchale Strukturen ankämpfen müssen. Sowohl 1999 als auch 1756 geraten die Frauen in lebensgefährliche Situationen. 
Die dritte Perspektive ist aus männlicher Sicht geschildert, aus der Sicht eines Täters, wobei diese aufgrund der Jugendlichkeit des Charakters und der weitaus kürzeren Darstellung weniger eindrücklich ist. 

Der Roman ist durch die detaillierten Naturbeschreibungen und die unterschiedlichen Stimmungen, die vermittelt werden, sehr atmosphärisch beschrieben. Es fällt dadurch leicht, sich bildhaft in das Moor versetzen zu lassen und ein Gefühl für die Charaktere und ihr Handeln zu erhalten. 
Aufwühlend und dramatisch sind die familiären Geheimnisse und Konflikte, die offenbart werden und für anhaltende Spannung um die Schicksale sorgen, die so realitätsnah wirken. Die Geschichte fesselt jedoch auch durch den Fund zweier Moorleichen und die Mystik, die sie umgibt und legt ein Augenmerk auf die Notwendigkeit des Schutzes der Moorlandschaft

"Spiegelland" ist ein facettenreicher, bildhaft beschriebener Roman, der von häuslicher Gewalt und der Frage handelt, wie sich Schuld, individuelle Fehler und Charakterschwäche auf nachfolgende Generationen auswirken und die Zukunft bestimmen. Spannend, dramatisch und atmosphärisch werden drei Handlungsstränge verknüpft, die eine jahrhundertelange Unterdrückung darlegen und gesellschaftliche Strukturen in Frage stellen lassen. 

Montag, 23. Februar 2026

Buchrezension: Caroline Wahl - 22 Bahnen

Inhalt:

Tildas Tage sind strikt durchgetaktet: studieren, an der Supermarktkasse sitzen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern und an schlechten Tagen auch um die Mutter. Zu dritt wohnen sie im traurigsten Haus der Fröhlichstraße in einer Kleinstadt, die Tilda hasst. Ihre Freunde sind längst weg, leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist geblieben. Denn irgendjemand muss für Ida da sein, Geld verdienen, die Verantwortung tragen. Nennenswerte Väter gibt es keine, die Mutter ist alkoholabhängig. Eines Tages aber geraten die Dinge in Bewegung: Tilda bekommt eine Promotion in Berlin in Aussicht gestellt, und es blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Und Viktor taucht auf, der große Bruder von Ivan, mit dem Tilda früher befreundet war. Viktor, der genau wie sie immer 22 Bahnen schwimmt. Doch als Tilda schon beinahe glaubt, es könnte alles gut werden, gerät die Situation zu Hause vollends außer Kontrolle. 

Rezension: 

Tilda studiert Mathematik, steht vor dem Masterabschluss und hat das Angebot, in Berlin zu promovieren. Sie wohnt im Gegensatz zu ihren Schulfreunden allerdings immer noch zu Hause, da sie sich verpflichtet fühlt, sich um ihre jüngere Schwester Ida zu kümmern. Ihre Mutter ist ein "Monster", das sich an guten Tagen still und leise betrinkt, während an schlechten Tagen ihre Launen in Gewalt umschlagen können. 
Bevor Tilda ernsthaft darüber nachdenken kann, auszuziehen und Freiheit nicht nur zu spüren, wenn sie ihre 22 Bahnen im Schwimmbad zieht, versucht sie Ida entsprechend vorzubereiten. Währenddessen tritt Viktor in ihr Leben, der einen schweren Verlust zu verkraften hat. 

Besonders gehypte Bücher können begeistern oder enttäuschen. Dieser liegt irgendwo dazwischen. Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig und unterstreicht die unbequeme Geschichte. Die Sätze sind kurz, abgehackt und von Wiederholungen und Aufzählungen geprägt. Fürchterlich sind die Dialoge im Stil eines Drehbuchs, die sich nicht flüssig mit der Geschichte verbinden. 

Inhaltlich ist der Roman betrüblich und die Atmosphäre beklemmend. Tilda pendelt zwischen Studium, Supermarktkasse und Familienalltag, der vom Zusammenleben mit einer alkoholkranken Mutter geprägt ist. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist eng und liebevoll und ein Lichtblick des Romans. Die Ablehnung der Mutter ist verständlich, aber es fehlt eine Ambivalenz. Ist da nur noch Gleichgültigkeit? Und was ist mit dem Vater? Werden einfach nur die Unterhaltszahlungen angenommen? Was ist mit Behörden, Nachbarn, Bekannten, der Schule? Gucken alle nur weg? Tilda ist seit Jahren komplett auf sich alleingestellt und denkt offenbar nicht einmal über Lösungswege nach. 

Auch die sich abzeichnende Liebesgeschichte zu dem traumatisierten Viktor bleibt oberflächlich. Eine Anziehung ist vorhanden, aber es ist mehr eine ferne Sehnsucht statt einer Kommunikation, die gepflegt wird. Auch sein Verlust ist ein Thema, das totgeschwiegen wird. 

"22 Bahnen" handelt mit Alkoholismus, Verlust und Einsamkeit von schwierigen Themen, wodurch der Roman von einer melancholische Atmosphäre geprägt ist. Mit 200 Seiten hat das Buch allerdings nur den Umfang eines halben Romans, weshalb die Lasten, die die Protagonisten tragen, nur sehr oberflächlich beschrieben sind und vieles ungesagt und vage bleibt. 

Freitag, 20. Februar 2026

Buchrezension: Elke Becker - Die Erfinderin der Freiheit

Inhalt:

Dresden 1908: Eine neue Zeit beginnt, die Jahre der großen Erfindungen sind angebrochen. Christine arbeitet als Therapeutin im weltbekannten Sanatorium Lahmann. Während ihrer Behandlungen fallen die feinen Damen in ihren engen Korsetts reihenweise in Ohnmacht – was Christine auf eine weltverändernde Idee bringt: Sie entwickelt den ersten Büstenhalter. Die ersten Modelle aus zusammengenähten Stofftaschentüchern und Hosenträgern finden zunächst wenig Anklang in der feinen Gesellschaft, die Damen lehnen das neue Kleidungstück ab. Zum Glück gibt es Julia, Lotta und Amalie, die Christine bei der Weiterentwicklung des BHs unterstützen. Die vier Freudinnen leben in einem gemeinsamen Wohnhaus und befeuern sich gegenseitig beim Ausprobieren und Tüfteln an neuen Ideen. Und sie geben Christine Halt – ganz besonders als der charmante Franz im Sanatorium anreist, der jedoch in Begleitung von Johanna ist. 

Rezension: 

Christine arbeitet 1908 als Therapeutin im Lahmann-Sanatorium in Dresden. Dort versucht sie den Patientinnen den von ihr entwickelten Brusthalter schmackhaft zu machen und die Frauen aus dem Korsett zu befreien, das ihnen den Atem abschnürt. Unterstützung erhält Christine von ihrer Freundin Julia, die Schneiderin und Stickerin ist und nach ihrer Arbeit die Brusthalter auf Bestellung näht. 
Auch Christines Freundin Amalie glänzt mit Erfindungsreichtum. Nachdem ihr Ehemann mit dem eigenen Warengeschäft insolvent gegangen ist, entwickelt sie die ersten Kaffeefilter und meldet diesen unter ihrem zweiten Vornamen Melitta zum Patent an. 
Christines Mitbewohnerin Lotta ist die vierte Freundin, die in der Bärenschenke arbeitet und Amalie bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützt. Sie ist unglücklich in Christines Schwager verliebt, was sie vor Christine zu verheimlichen versucht. Christine hingegen weigert sich zu heiraten, solange ein Ehemann ihr die Arbeit verbieten würde. 

Der Roman handelt von vier Frauen, die in einem Mehrparteienhaus in der Marschallstraße in Dresden wohnen. Drei davon sind ledig und finanziell unabhängig, während Amalie zwar verheiratet ist, sich jedoch selbst um den Lebensunterhalt ihrer Familie kümmern muss. 
Es sind vier interessante und starke Frauen, deren Alltag anschaulich beschrieben wird und den Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts bildhaft und lebendig einfängt.
 
Auch der Lokalkolorit Dresdens kommt mit Besuchen der Semperoper, des Lingnerschlosses, der Elbwiesen oder des Strietzelmarktes nicht zu kurz.  
Die Geschichte mit einer bunten Mischung aus historischen Fakten, echten Biografien und fiktiven Frauenschicksalen wirkt damit sehr authentisch und ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch informativ. 

Neben dem Erfindergeist der Frauen, der vor allem in der ersten Buchhälfte eine wesentliche Rolle spielt, handelt der Roman allgemein vom beschwerlichen Alltag zur damaligen Zeit und von den glücklichen und unglücklichen Romanzen der Frauen, wobei die innige Freundschaft stets präsent ist. 

Es geht um Mut und große Träume, um Emanzipation und den Glauben an den Fortschritt und an sich selbst. Die Dominanz der Männer in der Gesellschaft, aber auch die unterschiedlichen sozialen Schichten sorgen für Probleme. Die Frauen müssen Rückschläge hinnehmen und versuchen sich dabei selbst treu zu bleiben. 
Der Roman erweckt die Jahre 1908/1909 zum Leben und gibt einen abwechslungsreichen Einblick in vier unterschiedliche Frauenschicksale, die ihrer Zeit in Teilen weit voraus waren.