Donnerstag, 18. Juni 2026

Buchrezension: Kathryn Stockett - Der Club der Unbeugsamen

Inhalt:

Oxford, Mississippi, 1933. Während die Wirtschaftskrise die Welt in Atem hält, kreuzen sich in einer kleinen Stadt die Wege dreier ungewöhnlicher Frauen. Sie erkennen, dass sie gemeinsam etwas bewegen können, vielleicht sogar die Regeln ihrer Zeit verändern. Um ihre Ziele zu erreichen, gehen erstaunliche Risiken ein. Denn sie haben eines gemeinsam: Sie haben wenig zu verlieren.
Die elfjährige Meg, deren Mutter einst an Weihnachten verschwand, hat auf die harte Tour gelernt, sich auf niemanden zu verlassen. Nun zählt sie zu den "großen Mädchen" im Waisenhaus und kämpft jeden Tag um ihre Würde. Birdie Calhoun, unverheiratet und unverblümt, ist nach Oxford gekommen, um ihre wohlhabende Schwester um etwas Geld zu bitten. Doch sie merkt schnell: Das High-Society-Leben ist nichts als ein Geflecht aus Lügen. Dann begegnet Birdie Charlie, einer Frau, die mit dem Rücken zur Wand steht. Als sich die Schicksale der drei kreuzen, schmieden sie einen kühnen Plan, um einzufordern, was ihnen zusteht. Doch in einer heuchlerischen Zeit, in der die Freiheit von Frauen zerbrechlich ist, kann selbst der kleinste Akt des Widerstands gefährliche Folgen haben. 

Rezension:

Meg lebt in dem Waisenhaus von Lafayette County in Oxford, seitdem ihre Mutter sie vor zwei Jahren ohne ein Wort verlassen hatte. Sie zählt inzwischen zu den großen Mädchen und hat kaum eine Perspektive adoptiert zu werden. Neben der Ungewissheit über den Verbleib ihrer Mutter leidet sie unter der Drangsalierung durch die Leiterin Garnett, die sie als verdorben erachtet.
Die ledige Birdie lebt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter im Mississippi-Delta. In ihrer wirtschaftlichen Not sieht sie sich gezwungen, zu ihrer jüngeren Schwester Frances nach Oxford zu fahren, die reich geheiratet hat, und um Unterstützung zu bitten. Da sich Frances als Freiwillige in dem Waisenhaus engagiert, ist auch Birdie bereit, dort bei der Buchhaltung auszuhelfen und lernt die ausgegrenzte Meg kennen, derer sie sich annimmt.
In Oxford muss Birdie feststellen, dass das Leben der Schönen und Reichen eine Scheinwelt voller Heuchelei ist. Als alles droht den Bach herunterzugehen, begegnet sie der verzweifelten Charlie, die ihr Ungeheuerliches berichtet. Die Frauen müssen sich zusammenschließen, um für ihre Freiheit und Rechte einzustehen.

Der Roman handelt zur Zeit der Wirtschaftskrise in Amerika im Jahr 1933 und wird abwechselnd in jeweils längeren Abschnitten aus den Perspektiven von Birdie und Meg geschildert, was die Geschichte abwechslungsreich gestaltet. Meg verkörpert passend zu einer Elfjährigen eine naive Kindersicht, wobei sie clever und neugierig ist und mehr wahrnimmt, als die Erwachsenen ahnen, auch wen sie längst nicht alles durchschauen kann.
Birdies Sicht einer erwachsenen Frau mit Mitte 20 zeigt einen reflektierteren Blick auf die Gesellschaft und die Schwierigkeiten, mit denen sich vor allem Frauen konfrontiert sehen.

Die Hauptfiguren sind eigenwillig, aber haben ihr Herz auf dem rechten Fleck. Dazu kommen weitere Nebencharaktere von Arm bis Reich, die lebensecht und facettenreich gezeichnet sind. Auch die Lebenswirklichkeit zur damaligen Zeit wird lebendig und authentisch beschrieben, so dass man sich leicht in die amerikanischen Südstaaten ins Jahr 1933 versetzen lassen kann.
Die detaillierten Beschreibungen ermöglichen einen umfassenden Einblick in den Alltag und die Herausforderungen aller Schichten. Zentrales Thema ist die Wirtschaftskrise und die Auswirkungen auf die Hauptfiguren und ihre Familien. Neben den Geldsorgen spielen Chauvinismus, Rassismus, Eugenik und Alkoholismus zur Zeit der Prohibition eine Rolle.

Im Verlauf der Erzählung treffen ganz unterschiedliche Frauen aufeinander, die sich zusammenschließen, Probleme gemeinsam angehen und dabei unkonventionelle Wege gehen. Kämpferisch und mutig setzen sie sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr und geben auch bei Rückschlägen nicht auf. Freundschaft und Frauensolidarität sowie der Wunsch nach Selbstbestimmung in einem patriarchalischen System bestimmen die Handlung und zeigen eindrücklich, wie viel trotz gesellschaftlicher und gesetzlicher Grenzen gemeinsam möglich ist. 

"Der Club der Unbeugsamen" ist ein mitreißender Roman voller Herzlichkeit und Charme, der zu einer beschwerlichen Zeit wirtschaftlicher Not handelt, in der Frauen leidenschaftlich für ihre Ziele kämpfen und solidarisch zusammenhalten. Der Blick auf die damalige Zeit ist bildhaft und unterhaltsam und trotz der auftretenden Probleme, Intrigen und Ungerechtigkeiten ist die Geschichte nie ohne Humor und Hoffnung. 

Mittwoch, 17. Juni 2026

Buchrezension: Ulf Kvensler - Die Klippe: Jede Lüge könnte deine letzte sein

Inhalt:

Marcus‘ glamouröse Tage als gefeierter Starautor gehören der Vergangenheit an – ihm will einfach kein neuer Bestseller gelingen. Da wird er von Ernst, einem alten Bekannten aus der Autorenschule, kontaktiert, der unter Pseudonym einen Kriminalroman veröffentlichen möchte. Könnte Marcus das Manuskript an seine Agentin weitergeben und sicherstellen, dass Ernsts Identität geheim bleibt? Ein kleiner Gefallen, keine große Sache, denkt Marcus. Doch durch ein Missverständnis geht die literarische Welt bald davon aus, dass Marcus seine Schreibkrise überwunden und einen neuen Bestseller geschrieben hat. Alles könnte gut sein. Doch Ernst stellt plötzlich Forderungen, und Marcus verstrickt sich immer mehr in ein Labyrinth aus Lügen. Bald geht es nicht mehr um Ruhm und Eitelkeiten. Sondern darum, wer in diesem gefährlichen Katz-und-Maus-Spiel gewinnt. 

Rezension: 

Marcus Andersson ist als Autor eines internationalen Bestsellers bekannt geworden und arbeitet nun als Briefträger. Als sich ein ehemaliger Klassenkamerad der Autorenschule bei ihm meldet, ist Marcus bereit, ihn bei der Veröffentlichung seines Buches zu helfen und erreicht Ernsts Manuskript bei seinem Verlag ein. Ein Missverständnis verselbstständigt sich, weshalb bald alle begeisterten Erstleser davon ausgehen, dass Marcus der Autor ist. Mit einem enormen Vorschuss vor Augen unterbreitet Ernst ihm das Angebot, dass Roman unter Marcus' Namen veröffentlicht wird und Ernst den Großteil der Einnahmen erhält. Doch dabei bleibt es nicht. Ernst stellt immer dreistere Forderungen und setzt Marcus massiv unter Druck. Marcus muss eine endgültige Lösung des Problems finden... 

Der Roman ist aus der Perspektive von Marcus verfasst, der sich zunehmend in ein Geflecht aus Lügen, Geheimnissen und dunklen Gedanken verstrickt. Es beginnt harmlos mit einem kleinen Gefallen und einem daraus resultierenden Missverständnis, bis Marcus die Kontrolle verliert und Handeln muss, um sein Gesicht zu wahren. Nach anfänglichen Skrupeln folgt ein Verbrechen, Moral und Ethik werden außer Acht gelassen und schon bald ist ein Punkt erreicht, an dem alles egal ist und es sich nur noch darum dreht, die eigene Haut zu retten. 

Marcus ist in einem Teufelskreis aus Erpressung und Misstrauen gefangen. Die Situation entgleitet ihm und eskaliert immer weiter. Dabei wird die Handlung zu keinem Zeitpunkt konstruiert, sondern erscheint folgerichtig und logisch. Oft kann man deshalb jedoch auch die vermeintlich nächsten Schritte erahnen, insbesondere da auch die Nebencharaktere offensichtlich nicht integer sind. Das mindert die Spannung, aber dennoch bleibt eine Faszination über die weiteren Eskalationsstufen und wie es Marcus immer wieder schafft, sich mit mehr Glück als Verstand herauszuwinden. 

Der Psychothriller ist durchgehend unterhaltsam und gleicht einer Charakterstudie, die zeigt, wohin Feigheit führt, Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen und wie leicht aus Gut Böse werden kann. Nach einem spannenden Beginn voller Unbehagen wiederholen sich im weiteren Verlauf allerdings Motive, Überlegungen und Drohungen, so dass "Die Klippe" am Ende nicht mit besonderer Kreativität oder Originalität aufwarten kann. 

Montag, 15. Juni 2026

Buchrezension: Betsy Lerner - Meine goldene Schwester

Inhalt:

Es heißt, wenn eine Person in einer Familie instabil ist, bringt das die ganze Familie aus dem Gleichgewicht. Das gilt auch für die Familie von Olivia und Amy Shred. Olivia ist die strahlende Schwester im Rampenlicht, bis ihr umwerfendes Selbstvertrauen unberechenbar wird; ein Orkan, der bei den Menschen in ihrem Umfeld eine Spur der Verwüstung hinterlässt. Die jüngere Schwester Amy, vorsichtig, wohlorganisiert und fleißig, glaubt an Fakten, Beweise und die erfahrbare Welt. Doch nichts davon kann ihr erklären, was mit Ollie geschieht, hinter deren körperlicher Schönheit und Charisma sich eine bipolare Störung verbirgt, die Amys sorgfältig aufgebautes Leben immer wieder erschüttern wird. Doch trotz aller Belastungen sind Amy und Olivia doch untrennbar durch ihre schwesterlichen Bande geeint. 

Rezension: 

Amy fühlte sich von jeher im Schatten ihrer älteren Schwester Olivia, einem wilden, selbstbewussten Mädchen, dem alles nur so zuflog. Doch als Teenager wurde Ollie zunehmend anstrengend, hielt sich an keine Regeln und ihre Eltern waren unbeholfen im Umgang mit ihr. Sie nahm Drogen, wurde straffällig und besuchte verschiedene psychotherapeutische Einrichtungen.
Ollie kam und ging, während Amy versuchte, sich ein normales, gefälliges Leben aufzubauen. Als geborene Außenseiterin fällt es ihr schwer, Freundschaften zu schließen und Beziehungen zu führen.
Auch Jahre nach der Trennung ihrer Eltern und der wiederkehrenden Frage, was mit Ollie ist, hat Amy Schwierigkeiten, ein freies Leben führen, ist selbst in Therapie und wünscht sich nichts mehr, als ihre Schwester ohne die alles dominierende Krankheit.

Der Roman wird ausschließlich aus der Perspektive von Amy, beginnend als Elfjährige, geschildert und umfasst mehr als 20 Jahre. Ihr Leben ist geprägt von ihrer älteren Schwester, dem "goldenen Kind", das trotz ihrer Verfehlungen immer mehr Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen hat, als die brave Tochter Amy, deren Erziehung mühelos war. Amy hat deshalb selbst Probleme, Beziehungen einzugehen und sich für andere zu öffnen. 

Die Kindheit ist dabei besonders eindrücklich beschrieben, da die Familie durch das Zusammenleben unmittelbar von den Auswirkungen der bipolaren Störung Ollies' betroffen war. Im Verlauf der Jahre taucht sie nur unregelmäßig auf - wenn sie in Schwierigkeiten steckt oder sich in einer manischen Phase befindet und Hoffnung schürt, dass sie sich therapeutisch oder medikamentös helfen lässt. Ollie erhält immer neue Chancen, die sie wieder und wieder enttäuscht und von einer mangelnden Einsicht über ihre Krankheit zeugt. 
Überhaupt stellt sich unaufhörlich die Frage, wie viel ist die Krankheit, wie viel ist der Charakter und kann die Krankheit überhaupt vom Mensch getrennt werden?!

Es ist ein Drama, das authentisch die Folgen einer psychischen Erkrankung eines Familienmitglieds für die nahen Angehörigen beschreibt. Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung und eine anhaltende Sorge über das Wohlergehen oder weitere Katastrophen sind spürbar. Die Emotionen und die Entwicklung der Charaktere wirken damit lebendig und nachvollziehbar und erzählen eine Geschichte, die fesselt und berührt. 
Offensichtlich wird, wie schwer, aber auch wie notwendig es ist, sich abzugrenzen, einen Menschen zu lieben und dennoch loszulassen, um sich selbst zu schützen. Diese innere Zerrissenheit dauert bis zum Schluss an, denn jede Stabilität ist eine Momentaufnahme, ist fragil und kann jederzeit umschlagen.