Mittwoch, 1. Juli 2026

Buchrezension: John Marrs - The Vacation

Inhalt:

L.A., Venice Beach: Im International Hostel bleibt vom Glamour der Strandpromenade wenig übrig. In der heruntergekommenen Absteige treffen Backpacker aus verschiedenen Nationen aufeinander. Viele sind auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit – und manche von ihnen hüten ein dunkles Geheimnis. Tommy, den seine eigenen düsteren Erinnerungen hierhergetrieben haben, jobbt im Hostel und kennt seine zwielichtigen Gäste. Wie Savannah, die aus gutem Grund einen Revolver unter ihrem Kopfkissen versteckt, oder der undurchsichtige Krankenpfleger Eric. Tommy ahnt, dass Eric vor nichts zurückschreckt und dass jedem Gefahr droht, der ihm zu nahe kommt. 

Rezension: 

In einem heruntergekommenen Hostel in Venice Beach kommen acht Reisende zusammen, die nicht wegen eines klassischen Urlaubs in Los Angeles sind. Sie alle laufen vor etwas weg oder hoffen, etwas Neues zu finden.
Mit der Vergangenheit im Rücken haben sie Geheimnisse, die sie mit niemandem teilen möchten.
Tommy ist nach einer schweren Krise nach Amerika gekommen und hat in dem Hostel einen Job am Empfang bekommen. Er beobachtet die eintreffenden Gäste, schließt Freundschaften, möchte andere aber am liebsten wieder gehen sehen. 

Der Roman wird aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert. Aufgrund der Vielzahl der handelnden Personen und jeweiligen Rückblenden in die Vergangenheit braucht es zunächst Konzentration, um die Protagonisten und ihre Hintergründe zu sortieren und einzuordnen.
Die kurzen Kapitel und schnellen Perspektivwechsel machen dies nicht einfacher, sorgen mit wiederholten Mini-Cliffhangern aber für anhaltende Spannung und Fragezeichen, was jeder einzelne (noch) zu verbergen hat und wo Gefahr drohen könnte.

Im Verlauf der Handlung wird durch die Rückblenden und Geständnisse deutlich, welche Geschichten die einzelnen - moralisch ambivalenten - Protagonisten bergen, vor was sie geflüchtet sind und was sie in der Vergangenheit getan haben. Die Vielzahl an dramatischen Ereignissen bleibt die Geschichte vielschichtig und hat emotionale Momente. Zudem ergeben sich im weiteren Verlauf immer mehr Überschneidungen, die von einem raffinierten Aufbau des Romans zeugen ohne allzu weit hergeholt zu sein. 

"The Vacation" ist bereits im Jahr 2015 unter dem Titel "Welcome to Wherever You Are" erschienen, wurde Jahre später überarbeitet und ist nun neu ins Deutsche übersetzt worden. Im Gegensatz zu seinen späteren Werken ist "The Vacation" vom Spannungsaufbau schwächer, überzeugt jedoch mit originellen Einzelschicksalen und kann aber mit einigen Wendungen aufwarten, die manche Person in einem anderen Licht erscheinen lassen. 
Der Roman handelt von Rassismus, Missbrauch, Einsamkeit und zerrütteten Familien und zeigt deutlich, was (jahrelanges) Martyrium und Verletzungen aus einem Menschen machen können und was dieser dann bereit ist, zu tun. 


Montag, 29. Juni 2026

Buchrezension: Freya Bromley - Eigentlich wollte ich das nicht schreiben

tInhalt:

Ausgerechnet der plötzliche Tod ihrer Schwester Darina gibt Nola den Anstoß, endlich ein Buch zu schreiben. Leser:innen feiern ihre radikale Offenheit - doch die Familie fühlt sich bloßgestellt. Zwischen Trauer, Wut und Sprachlosigkeit wächst die Distanz. Ein Jahr später soll Darinas Asche auf einer abgelegenen Insel verstreut werden. Nola will nicht kommen. Doch als ein Filmdeal optioniert wird und kurz darauf eine anonyme Beschwerde beim Verlag eingeht, steht ihr Ruf auf dem Spiel. Entschlossen stellt sie sich ihrer Familie - und der Frage, wem Erinnerungen gehören, wenn sie einmal zu Geschichten geworden sind.

Rezension: 

Nolas ältere Schwester Darina ist mit 29 Jahren überraschend an einem Herzversagen gestorben. Nola hat ein Buch darüber geschrieben, um ihrer Schwester noch einmal nah zu sein und hat immer noch Schuldgefühle, dass sie im Gegensatz zu Darina am Leben sein darf.
Vor Veröffentlichung des autofiktionalen Romans hatte sie das Einverständnis aller Familienmitglieder benötigt, was zu Änderungen und Kürzungen geführt hat. Während das Buch bei fremden Leser für Begeisterung aufgrund der offenen Worte sorgte, waren vor allem Nolas Eltern irritiert über den ungeschönten Einblick in ihr Familienleben.
Als der Verlag das Angebot erhält, "Tierorakel" zu verfilmen, muss Nola erneut die Zustimmung ihrer Familie einholen, was ihr denkbar schwerfällt, nachdem eine Beschwerde über das Buch eingegangen ist.
Zum fünften Todestag Darinas kommen die McConkeys auf einer kleinen Insel bei Devon zusammen, um die Asche der Tochter und Schwester zu verstreuten. Nola möchte die Gelegenheit nutzen, um herauszufinden, wer ihr Steine in den Weg legen könnte, denn es kann eigentlich nur jemand ihrer engsten Angehörigen sein.

Der Roman wird in der Gegenwart aus Perspektive von Nola geschildert, die zutiefst verunsichert ist und sich nicht traut, offen mit ihrer Familie über die geplante Verfilmung ihres Buches zu sprechen. Dabei rückt damit ihr Traum, hauptberuflich als Autorin zu arbeiten, in greifbare Nähe.
Die gegenwärtige Handlung wird in einzelnen Kapitel durch Auszüge aus Nolas Roman "Tierorakel" ergänzt, die im Wesentlichen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit ihrer Schwester darstellen. 
Die Kombination aus beiden Erzählebenen legt Geheimnisse offen, mit denen Nola nur schwer umgehen kann. 

Der Roman ist das Porträt einer Familie, die einen Verlust erlebt hat und Schwierigkeiten hat, gemeinsam zu trauern. Jedes Familienmitglied hat ein anderes Bild von der Verstorbenen und geht anders mit seiner Trauer um. Nola hat ihre Trauer öffentlich gemacht, was für Unverständnis gesorgt hat. 
Bei dem mehrtägigen Familientreffen zur Verstreuung von Darinas Asche kommt auf, dass nicht nur Nola Geheimnisse hat, sondern sie selbst auch nicht alles über ihre Geschwister weiß. 

Die Geschichte und ihre Charaktere wirken lebensecht, denn Familie ist nun einmal kompliziert. Es wird deutlich, dass die McConkeys sich lieben und zusammengehören, aber sich auch gegenseitig so gut wie niemand sonst verletzen können. Liebe und Misstrauen, Streit und Versöhnung, Eifersucht und Stolz liegen dicht beieinander. 
Das Familientreffen wirkt für Nola unerwartet als Initialzündung für mehr Offenheit und ehrliche Gespräche. Eindrücklich ist zu erkennen, wie Nola, die zu Beginn verbohrt wirkt und voller Bedauern und Schuldgefühle ist, durch die Annäherung an ihre verbliebenen Familienmitglieder mehr reflektiert und verzeihen kann. 
Auch zeigt die Geschichte durch die feine Beobachtungsgabe der Autorin, wie wichtig eine Balance aus Nähe und Distanz innerhalb einer Familie ist, die die Unterschiedlichkeit der Charaktere, ihrer Hoffnungen und Erwartungen, berücksichtigt und Raum für Entfaltung lässt. 

Freitag, 26. Juni 2026

Buchrezension: Leila Mottley - Florida Babys

Inhalt:

Eigentlich war für die 16-jährige Adela immer klar, wie ihr Leben ablaufen soll: Die Einserschülerin und Leistungsschwimmerin will für die Olympischen Spiele trainieren und aufs College gehen. Dann aber wird sie schwanger. Bei ihrer Großmutter in Florida soll sie unbemerkt das Kind bekommen und später zu ihrem alten Leben zurückkehren. Doch dort trifft sie auf die Girls – eine Begegnung, die ihr Leben für immer verändern wird. Sie alle sind Teenie-Mütter, wohnen in einem roten Pick-up-Truck, tanzen mit ihren Babys über den Strand. Und da ist auch Chris, der Rettungsschwimmer mit dem Haifischzahnlächeln, der ihr Surfen beibringen möchte. Es gibt jedoch etwas Entscheidendes über Chris, das Adela nicht weiß. 

Rezension:

Adela ist mit sechzehn Jahren schwanger und wird von ihren Eltern schambehaftet von Indiana nach Florida zu ihrer Großmutter verbannt, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen.
In Padua Beach lernt sie Emory kennen, die ebenfalls als Teenager schwanger wurde und nun mit ihrem Neugeborenen zur Highschool geht, in der Hoffnung, trotz aller Widrigkeiten den Abschluss zu schaffen. Der Vater des Kindes ist an ihrer Seite, doch sie zeigt Jay die kalte Schulter.
Jays Schwester Simone ist Mutter von vierjährigen Zwillingen, die nicht geplant waren. Nun ist sie erneut ungewollt schwanger und möchte das Kind dieses Mal nicht behalten.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Simone, Emory und Adela erzählt. Trotz der charakterlichen Unterschiede klingen die Erzählstimmen nahezu identisch, was den Lesefluss ausbremst. Zudem wiederholen sich bestimmte Eckpunkte, denn alle drei erfahren wenig Verständnis oder Unterstützung von ihrer Familie, werden sogar verstoßen und haben ungesunde Beziehungen zu den Vätern oder Möchtegernvätern ihrer Kinder. 
Die Erzählweise ist ein Durcheinander aus gegenwärtiger Situation mit melodramatischem und hysterischem Verhalten und Erinnerungen über erste sexuelle Erfahrungen und unglückliche Freundschaften. 

Eine echte Verbindung unter den Teenmoms ist kaum zu spüren. Sie sind einfach am selben Ort und einsam in ähnlichen Situationen, wobei unklar ist, warum ausgerechnet in Padua Beach offenbar so viele junge Mütter zusammenkommen und dennoch Ausgestoßene sind. Überhaupt wirken die Einstellungen fast aller Erwachsenen ungeheuer antiquiert und nicht der heutigen Zeit angepasst - genauso wie die Tatsache, dass die nächste Gynäkologie drei Fahrtstunden von Padua entfernt ist. 

Neben der oberflächlichen Charakterzeichnung werden auch die Schwierigkeiten, mit denen sich Simone, Emory und Adela konfrontiert sehen, ohne Tiefgang entwickelt. Besonders irritierend ist die Szene einer Abtreibung, die ohne Nachklang unreflektiert geschildert wird. Darüber hinaus strapazieren die Mädchen unaufhörlich die Nerven mit ihren dummen Entscheidungen und ihrem Geheule.  

"Drei junge Frauen, die ihren Platz in der Welt einfordern – mutig, bewegend und unvergesslich." - so habe ich den Roman nicht empfunden. Simone, Emory und Adela agieren passiv und wenig unterstützend und sind keine Identifikationsfiguren. Lange fehlte es an Gedanken über die Zukunft, Freundschaft und Solidarität und selbst als diese am Ende doch noch aufkommen, wirken sie letztlich nur aufgesetzt. Das einzige, was wirklich ehrlich wirkt, ist die Liebe zu ihren Kindern.