Freitag, 9. Oktober 2026

Buchrezension: John Lanchester - Das habe ich wegen dir getan

Inhalt:

Kate lebt mit ihrem Ehemann Jack seit Jahrzehnten den Traum gut situierter Großstädter. Doch als eine Serie zum Megahit wird, verwandelt sich ihr Leben in einen Albtraum. Denn „Betrug“ verhandelt intime Details ihrer eigenen Ehe. Kate will herausfinden, wer versucht, ihr Leben zu zerstören. Und warum. Phoebe ist die begehrteste junge Autorin der Stadt. Ihre Streaming-Serie bricht mit Tabus, ist amoral und voyeuristisch und trifft damit den Nerv der Zeit. Doch auf dem Höhepunkt ihres Erfolges scheint ihr privates Glück mit einem Mal zu kippen. 

Rezension: 

Kate ist drei Jahrzehnte mit ihrem Ehemann Jack glücklich verheiratet, bis sie eine Netflix-Serie dazu bringt, ihre Ehe in Frage zu stellen. In der Serie werden Details ihrer Beziehung zu Jack verarbeitet, die nur sie beide kennen können. Kate ist wie vor den Kopf gestoßen und muss herausfinden, wer hier wen verraten hat.
Phoebe ist eine scharfzüngige Drehbuchautorin, deren prickelnde Serie zu einem Streaming-Hit avanciert ist. Privat versucht sie sich endlich gegen ihre narzisstische Mutter durchzusetzen, die sie verbittert vom eigenen Schicksal drangsaliert.

Der Roman wird aus den Perspektiven von Kate und Phoebe geschildert und gibt damit Einblicke in das Leben gut situierter Babyboomer sowie einer Millennial aus einer dysfunktionalen Familie. Daneben gibt es Szenen aus der Serie und den intimen Gesprächen des Ehepaares.

Die Geschichte ist bitterböse und durch Offenbarungen über die Charaktere wendungsreich. Beide Frauen verfolgen in dieser Geschichte einen perfiden Plan, was für anhaltende Spannung sorgt. Rückblenden in die Vergangenheit geben Aufschluss über die Ursachen des Konflikts, wobei sich die Zusammenhänge erst allmählich erschließen. 
Als diese jedoch klar sind, zieht sich der Roman im letzten Drittel arg in die Länge, führt Detail aus, die nicht zwingend notwendig sind und lässt andere Aspekte weg, die die Strategien der beiden Frauen mit moralisch fragwürdigen Motiven offen lassen. 

Auch wenn sich die Spannung nicht bis zum Ende halten kann und ein offenes Duell der beiden Kontrahentinnen fehlt, ist "Das habe ich wegen dir getan" ein Roman, der von Skrupellosigkeit, Rachegelüsten und Selbstgerechtigkeit zeugt und eine zeitlose Thematik mit modernen Elementen verknüpft. 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Buchrezension: Julie Orringer - Ein guter Charakter

Inhalt:

Als Barr, Professor für Kreatives Schreiben, unter seinem eigenen Namen das Manuskript seiner Frau veröffentlicht, ahnt er noch nicht, welche Lawine er damit lostritt. Seine Frau Dava ist von ihrem gemeinsamen Leben als beliebte Professoren an einer Universität im Mittleren Westen schon lange unerfüllt. Unglücklich in ihrer Ehe mit Barr, arbeitet sie bis spät in die Nacht an ihrem Roman, angetrieben von einer Affäre mit der Kollegin Svetlana. Doch es wird für Dava immer schwieriger zu schreiben, sie verliert sich an eine Krankheit, die ihr das Gedächtnis raubt. Bis sie sich nicht mehr wehren kann, als Barr ihre Geschichte stiehlt und umdeutet.
Ein Roman über das Erinnern und Vergessen, über Liebe gegen alle Widerstände und das Schreiben als Kampf gegen den Selbstverlust – und eine Hündin, die das Leben der Hauptfiguren auf ungeahnte Weise miteinander verbindet. 

Rezension:

Dava und Barr Pennington, beide Professoren an einer amerikanischen Universität, sind verheiratet und Eltern von zwei erwachsenen Söhnen und hüten schwerwiegende Geheimnisse. Dava ist heimlich in eine Kollegin verliebt, mit der sie seit Jahren eine Affäre hat. Inspiriert vom Leben ihrer verstorbenen Mutter schreibt sie an einem Roman, obwohl Barr der Literat in ihrer Ehe ist. Doch Davas Gedächtnis lässt nach und bevor sie das Buch beenden kann, wird eine vorzeitige Alzheimer-Erkrankung bei ihr diagnostiziert. Sie muss schon bald in eine Pflegeeinrichtung ziehen und wenig später entdeckt ihr Mann das Manuskript, das sie vor ihm verheimlicht hatte. Barr erkennt die Kunst ihres Schaffens, gibt dem Roman den letzten Feinschliff und veröffentlicht ihn mit großem Erfolg unter seinem eigenen Namen.

Der Roman wird aus vielfältigen Perspektiven geschildert - neben Barr und Dava von Personen aus ihrem engen Umfeld. Auf diese Weise erhält man einen unverstellten Blick auf die beiden Hauptfiguren, aber auch die Lebensentwürfe und Schicksale der anderen Personen

Berührend sind die Szenen, die von der verheerenden Alzheimer-Erkrankung zeugen und wie schnell ein Leben eine unerwartete Wende nehmen kann.
Für Spannung sorgen die wohlgehüteten Geheimnisse, die ans Licht kommen müssen und welche Auswirkungen die Lügen und jahrelangen Verletzungen haben werden.

Verbunden werden die Erzählstimmen nicht nur durch die Beziehung untereinander, sondern auch durch einen Hund aus dem Tierheim, der schwer gezeichnet ist und eine magische Gabe für Empathie hat.

"Ein guter Charakter" ist ein charaktergesteuerter Roman, der moralische Fragen aufwirft. Er handelt von Untreue, Verrat, Verlust und Abschied und wird einfühlsam erzählt. Im Mittelpunkt stehen Barr und Dava, die unvollkommen sind. Ausgerechnet Barr, ein Professor für Kreatives Schreiben, erweist sich als Dieb geistigen Eigentums. Aber auch Dava ist aufgrund ihres Betrugs kein guter Charakter. Vielleicht ist dies nur der Hund, der allein durch seine Anwesenheit Wärme spendet und eine heilende Kraft entfaltet. 

Montag, 5. Oktober 2026

Buchrezension: Colin Morgan - Die Ballade von Ronan McCoy

Inhalt:

Ronan McCoy ist nicht nur Brendans bester Freund: Er ist der Mensch, der Brendan vor der Welt schützt. Solange Ronan da ist, bleibt das Dunkle in ihm still. Zu Beginn des neuen Schuljahres – dem letzten, bevor sie aufs College gehen, ihre ersten Jobs annehmen oder von zu Hause wegziehen – wartet Brendan wie immer am Schultor. Doch Ronan taucht nie auf.
Dieser Sommer hat alles verändert. Ronan wird nie wieder der sein, der er war. Jetzt will Brendan derjenige sein, der Ronan beschützt und für ihn da ist. Doch mit jedem Tag, der vergeht, scheint das Leben den einen zu verlassen und in dem anderen trotz Trauer und Hilflosigkeit aufzublühen. 

Rezension: 

Brendan war ein Einzelgänger in der Schule, bis er Ronan kennenlernt und sich mit ihm anfreundet. Ronan ist ein intelligenter, allseits beliebter Schüler, der sportliche Bestleistungen bringt. Nach den Sommerferien und acht Wochen ohne Ronan freut sich Brendan auf ein Wiedersehen in der Abschlussklasse, aber er wartet am ersten Schultag vergebens auf Ronan. Sein bester Freund hat in der Folge eines Unfalls ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Er sitzt im Rollstuhl und kann nicht sprechen. Nach einem ersten Schockmoment muss Brendan lernen, die Freundschaft zu Ronan neu zu definieren. Es etabliert sich Kumpelzeit nach der Schule, in denen sie sich fast ohne Worte verstehen und sie beide auf ihre Art einander eine Stütze sind. Gleichzeitig muss Brendan sich auf seine Zukunft vorbereiten, entscheiden, welchen beruflichen Weg er einschlagen möchte und lernt die erste Liebe kennen.  

"Die Ballade von Ronan McCoy" ist ein Coming-of-Age-Roman über einen 16-jährigen Schüler an der Schwelle zum Erwachsenwerden, der seinen besten - und einzigen - Freund verliert und lernen muss, mit den Folgen umzugehen. 
"Ballade" lässt eine dramatische Geschichte erwarten und tatsächlich ist der Unfall von Ronan ein Schock, der das Leben von Brendan verändert. Allein aus seiner Perspektive geschildert, kann nur erahnt werden, wie verheerend die Auswirkungen für die McCoys sind. 

Brendan ist ein sensibler Junge, der häufig noch jünger wirkt als seine 16 Jahre. In der Schule hat er mit Mobbing zu kämpfen und seine eigene Familie hat mit dem Tod der Großmutter einen Verlust erlitten, der nicht ohne Spuren geblieben ist. 
Nach einer Trauerphase und Wochen, um sich neu zu sortieren, stehen die Zeichen auf Neuanfang. Dazu passt auch, dass Brendan sich zum ersten Mal verliebt und seine weitere Zukunft nach dem Schulabschluss planen muss. 

Neben der innigen Freundschaft, die beständig zwischen Brendan und Ronan ist, wird auch die bedingungslose Liebe der Eltern zu ihren Kindern dargelegt, wobei man als Leser aufgrund fehlender Hintergründe auf Distanz bleibt. 
Die Situation um die Verfassung von Ronan mit all seinen Konsequenzen erscheint zudem etwas simpel und die Reaktionen darauf sind fast schon ein wenig unbeschwert, was Zweifel aufkommen lässt, ob die Protagonisten ehrlich optimistisch sind oder nur eine Fassade aufbauen, um an den Umständen nicht zu zerbrechen. In diesem Zusammenhang wirken die Dialoge häufig unnatürlich, insbesondere wenn Brendan von seinem Vater nur als "Sohn" angesprochen wird. Überhaupt erscheinen alle Protagonisten mit ihrer gutherzigen, höflichen, gefassten, positiven Art befremdlich und vollkommen austauschbar. 

Die Geschichte berührt ob des folgenschweren Unfalls (dessen Umstände unerklärt geheimnisvoll bleiben), wirkt jedoch aufgrund der jungen Hauptfigur und dem konfliktarmen Verlauf der Geschichte wie ein Jugendroman, der eine Auseinandersetzung mit den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas und dauerhafter Beeinträchtigung scheut und sowohl die Charaktere als auch die aufwühlende Lage nur oberflächlich skizziert.