Montag, 13. April 2026

Buchreznsion: Catherine Chidgey - Das Buch der Schuld

Inhalt:

England, in einem anderen Jahr 1979. Die Drillinge Vincent, Lawrence und William wachsen in einem Sycamore-Heim für Waisen auf. Das alte Herrenhaus ist abgelegen und weitläufig, die Jungen erhalten Privatunterricht und es fehlt ihnen scheinbar an nichts. Doch warum dürfen sie keinen Kontakt zu Kindern außerhalb der Sycamore-Heime haben? Warum müssen sie täglich eine besondere Pille einnehmen? Und warum träumen alle drei regelmäßig von einem kleinen Mädchen in einem dunklen Wald? Erst als einer der Jungen eines Tages beschließt, die Pille nicht mehr zu schlucken, löst sich ein Geheimnis nach dem anderen auf – und die drei Brüder kommen der finsteren Geschichte auf die Spur, die ihrer Existenz zugrunde liegt. 

Rezension: 

Die 13-jährigen Drillinge Vincent, Lawrence und William leben 1979 in einem Waisenhaus in der ländlichen Gegend von Hampshire, wo sie von drei Müttern betreut werden. Sie müssen von ihren Träumen erzählen, die im Buch der Träume festgehalten werden, lernen ihre Lektionen aus dem Buch des Wissens und ihre Schandtaten werden im Buch der Schuld vermerkt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Arzt, der sie regelmäßig besucht. Er behandelt sie medikamentös gegen den Käfer, an dem sie erkrankt sind.
Als die Regierung beschließt, dass die Sycamore-Heime aus Kostengründen geschlossen werden, werden Familien für die drei Jungen gesucht. Dafür setzt sich die Einsamkeitsministerin ein, während die britische Bevölkerung sich vor den Kindern fürchtet, die bisher gut aufgehoben waren.

Der dystopische Roman, der von einem alternativen Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt, das Auswirkungen auf die Wissenschaft und Forschung hatte, wird aus drei Perspektiven erzählt. Neben Vincent und der Einsamkeitsministerin handelt die Geschichte von der 13-jährigen Nancy, die ihre Eltern von der Gesellschaft fernhalten.

Es ist ein beängstigendes Szenario, das aufgebaut wird. Sowohl die Drillinge, bei denen es sich um die letzten Jungen des Waisenhauses handelt, als auch die gleichaltrige Nancy werden streng von ihren Müttern bzw. Eltern kontrolliert. Als sie älter werden, beginnen sie Fragen zu stellen und die Antworten, die sie erhalten, anzuzweifeln. Die Jungen gewinnen zudem durch die beabsichtigte Schließung des Sycamore-Heims und Sozialisierungstage mehr Freiheiten und können bald den tatsächlichen Grund ihres Aufenthaltes dort und warum so viele Jungen vor ihnen gestorben sind, erahnen.
Als Nancy entdeckt, welches Geheimnis ihre fürsorglichen Eltern verbergen, gerät ihre Identität und ihr ganzes Leben ins Wanken.
Mit der Verbindung von Nancy und den Drillingen steigert sich die bisher unterschwellige Spannung einer Geschichte über Missbrauch und Manipulation.

Obschon der 
Roman auf einer historisch alternativen Realität basiert, ist das Szenario nicht undenkbar. Es geht um die Vereinbarkeit des wissenschaftlichen Fortschritts mit dem Erhalt der Menschenwürde. Solche moralischen Fragen sind zeitlos und machen das Buch bedeutsam - und im weiteren Verlauf der Handlung so erschreckend. Wird die Geschichte zu Beginn sehr detailverliebt erzählt, wirkt das Ende etwas ideenlos kurz gefasst und wird weg von den Emotionen auf eine faktenbasierende Sachebene gehoben.  

Freitag, 10. April 2026

Buchrezension: Miriam Georg - Im Nordlicht (Die Nordwind-Saga, Band 2)

Inhalt:

Hamburg, 1914. Alice’ kleine Tochter ist verschwunden! Die junge Mutter sucht überall nach Rosa. Vergeblich. Nur ihr unberechenbarer Ehemann Henk weiß, wo sie ist. Aber er schweigt. Weil Alice sich von ihm scheiden lassen will, benutzt er das Kind als Druckmittel. In ihrer Verzweiflung nimmt Alice eine Stelle als Dienstmädchen in der Villa von John Reeven an. Die Arbeit bei dem Anwalt ist ihre einzige Hoffnung, vor Gericht einen guten Eindruck zu machen.
Seine Familie, seine Verlobung, das Vermögen – alles um John herum zerfällt. Die Hochzeit steht kurz bevor. Aber wie kann er, mit Alice täglich vor Augen, eine Vernunftehe mit Evelyn eingehen?
Unaufhaltbar wächst die Liebe zwischen Alice und John, doch eine Verbindung zwischen ihnen ist ausgeschlossen. Ihre Welten sind zu verschieden. Und John ahnt nichts von Alice‘ Vergangenheit, die sie mit aller Macht vor ihm verborgen hält. 

Rezension:

Alice Bloom ist auf der verzweifelten Suche nach ihrer Tochter Rosa, die ihr Ehemann, von dem sie sich scheiden lassen möchte, ihr entzogen hat. Im Haus der Familie von John Reeven, der sie bisher als Anwalt vertreten hat, hat Alice eine Anstellung als Dienstmädchen gefunden, wobei es beide schmerzt, dass sie sich so nah sind, aber ihre Gefühle nicht zulassen dürfen. John muss die Heirat mit seiner Verlobten Evelyn planen, nachdem die Familie mit der Erkrankung von Johns Vater Theodor und dem überraschenden Tod von Evelyns Eltern gelitten hat.
Auch Johns Schwester Blanche leidet, hat aber einen Plan entwickelt, um der Tyrannei ihres Ehemanns Einhalt zu gebieten. Währenddessen verzweifelt Marlies an ihren unerwiderten Gefühlen für John, ist sie doch mit seinem Bruder Julius verheiratet, der wiederum mit seinem Rang innerhalb der Familie hadert.

"Im Nordlicht" ist der zweite Band der atmosphärischen "Im Nordwind"-Saga und setzt genau dort fort, wo "Im Nordwind" spannungsgeladen endete.

Der Fokus der Geschichte liegt weiterhin auf Alice, insbesondere da über Rückblenden in die Zeit vor der Jahrhundertwende erzählt wird, was sie in jungen Jahren durchgemacht hat und ihr im Kampf um das Sorgerecht für Rosa zum Verhängnis werden könnte. Darüber hinaus werden die Lebensgeschichten der weiteren aus Band 1 bekannten Personen vertieft. Im Hause Reeven spielen sich dabei zahlreiche Dramen ab, die jedoch nicht unglaubwürdig sind, sondern mit der Entwicklung der Figuren schlüssig einhergehen.

Die Geschichte ist facettenreich und lebendig und verknüpft anschaulich die harten Fakten der damaligen Zeit mit den emotional bewegenden Schicksalen der fiktiven Personen.
Der Roman versetzt die/ den LeserIn nach Hamburg ins Jahr 1914 und entwirft ein detailgetreues Porträt der Gesellschaft, wobei die unterschiedlichen sozialen Schichten mit ihren Schwierigkeiten und Entscheidungen beleuchtet werden. Die Liebesdramen und Sorgen um geliebte Angehörige treffen Arm und Reich. Für die untere Schicht ist das Leben ein ewiger Kampf und mit Leid verbunden, das mitunter zu Verzweiflungstaten führt. Aber auch die Schicksale der Privilegierten gehen nahe, die in den Konventionen gefangen sind und sich Glück ebenso wenig erkaufen können.

Gefesselt verfolgt man jedes einzelne Schicksal, unabhängig von sozialem Rang oder Sympathie, und kann durch die sich stetig ändernden Perspektiven in die Lebenswelt, Gedanken und Gefühle jedes einzelnen eintauchen. Mit dem Wechsel zwischen Vergangenheit und erzählender Gegenwart steigert sich die Spannung um das Schicksal von Alice, deren Geheimnisse bekannt zu werden drohen, und ihrer Tochter kontinuierlich bis zum Ende. 
"Im Nordlicht" ist ein dramatischer und packender Abschluss der historischen Dilogie, der die in Band 1 aufgeworfenen Themen Scheidungsrecht, Gewalt in der Ehe, soziale Ungerechtigkeit, Depressionen, Zwangsprostitution und Menschenhandel noch weiter vertieft und die gesellschaftlichen Zwänge zur damaligen Zeit eindrücklich darlegt. 

Mittwoch, 8. April 2026

Buchrezension: Lucy Gilmore - Ein Buchclub zum Verlieben

Inhalt:

Sloane Parker führt ein unscheinbares Leben als Bibliothekarin in einer verschlafenen Kleinstadt. Einsam fühlt sie sich nicht – und doch wartet sie jeden Tag darauf, dass Arthur McLachlan erscheint: der grantige alte Mann, der ihre Regale durchstöbert und sie mit spitzen Bemerkungen neckt. Ihr Schlagabtausch ist längst zum Höhepunkt ihres Alltags geworden. Als Arthur eines Morgens nicht auftaucht, ist Sloane sofort beunruhigt. Schließlich findet sie ihn – erstaunlich froh über ihren Besuch.
Um Licht in sein tristes Leben zu bringen, gründet Sloane einen Buchclub. Nach und nach stoßen weitere Menschen dazu, die in den Büchern und in der Gemeinschaft Trost und Freude finden. Denn jeder trägt ein besonderes Buch im Herzen – und die Kraft der Geschichten kann selbst die einsamsten Seelen zusammenführen. 

Rezension:

Sloane arbeitet als Bibliothekarin und liebt ihren Beruf, abseits davon fehlen ihr jedoch echte Vertraute und Freunde. Täglich wird die Bibliothek von Arthur McLachlan, einem mürrischen Alten, aufgesucht, der von den Angestellten gefürchtet ist. Sloane lässt sich von seinen beleidigenden Worten jedoch nicht abschrecken, sondern gewöhnt sich schon bald an die lebhaften Diskussionen über Literatur. Als Arthurs Besuche ausbleiben, ist sie besorgt und macht ihn gegen den Willen ihrer Vorgesetzten ausfindig. Auch wenn Arthur jegliche Hilfe ablehnt, kümmert sich Sloane um den ehemaligen Literaturprofessor und lernt dort seine neugierige Nachbarin Maisey und seinen Enkel Greg kennen. Alle vereint die Einsamkeit und ein gebrochenes Herz. Während Sloane in Arthurs Zuhause beginnt seine Buchsammlung zu katalogisieren, beschließt sie, einen Buchclub zu gründen. Mit Hilfe der Bücher, die sie gemeinsam lesen, kommen sie in einen Austausch miteinander und können sich allmählich öffnen, um ihre Sorgen und Probleme zu teilen. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der Mitglieder des Buchclubs erzählt, der sich im Verlauf des Romans bildet. Sloane ergreift dafür die Initiative und bindet damit alle anderen mit ein, die sich in Arthurs Haus als Unterstützer freundschaftlich zusammengefunden haben. 

Die Geschichte ist unterhaltsam und lebendig, entwickelt sich jedoch nicht überraschend. Menschen, die problembehaftet sind, Schicksalsschläge erlebt haben und unter gebrochenen Herzen und Verlust leiden, kommen zusammen, schließen Freundschaft und helfen sich gegenseitig. Der Buchclub hat allerdings nur am Ende eine Rolle, wobei auch die Symbolik zum Tragen kommt, das Bücher als Kommunikationsmittel dienen können. 

Bis zu diesem Punkt ist die Handlung allerdings nicht immer logisch und besonders störend ist das irrationale Verhalten der Protagonisten. Es ist unverständlich, warum sich so viele Menschen um einen beleidigenden, boshaften alten Mann scharen, der sie absichtlich verletzt. Das macht die Geschichte, die eigentlich eine schöne Prämisse hat, über weite Teile unglaubwürdig. Auch erfährt man nur zögerlich die Hintergründe und Schicksalsschläge zu den Personen, wobei am Ende tatsächlich alle mit Hilfe des alten Quälgeists auf den richtigen Weg gebracht werden. 

Die Idee von "Ein Buchclub zum Verlieben" ist herzerwärmend und es ist nachvollziehbar, welche Rolle die Charaktere spielen und wohin der Weg der Heilung für sie gehen soll. Die Umsetzung ist aufgrund der Vielzahl an eigenwilligen Personen, die ihre Traurigkeit hinter einer übertrieben wütenden, naiven oder optimistischen Fassade verstecken, nicht sehr authentisch.