Montag, 14. September 2026

Buchrezension: John Marrs - The Marriage Act: Bis der Tod euch scheidet

Inhalt:

Verheiratete Menschen sind glücklicher, gesünder und produktiver. Um den Bürgern des Vereinten Königreiches den Hafen der Ehe schmackhaft zu machen, erlässt die Regierung ein Gesetz, das Verheirateten Privilegien verschafft: bessere Schulen für die Kinder, bessere Kredite, bessere Gehälter, Häuser in besseren Wohngegenden. Alles, was man für das schöne Leben tun muss, ist einen Smart-Marriage-Vertrag zu unterschreiben. Doch was bedeutet es, wenn man seine Beziehung einem Algorithmus anvertraut? Ein Witwer versucht verzweifelt, den Tod seiner Frau zu vertuschen, weil er nicht zwangsverheiratet werden will. Eine Hausfrau und Mutter macht Karriere als Vloggerin, bringt dabei aber ihre Familie an den Rand des Ruins. Ein Serienmörder wird zum Paartherapeuten, und ein queeres Paar gerät wegen seiner smarten Ehe in tödliche Gefahr. 

Rezension: 

Studien belegen, dass verheiratete Menschen gesünder, glücklicher und produktiver sind. Um Eheschließungen zu fördern, hat die britische Regierung deshalb das Gesetz für die Unantastbarkeit der Ehe erlassen. Wer den Vertrag über eine Smart-Ehe abschließt, kommt in Genuss zahlreicher (finanzieller) Privilegien, verpflichtet sich jedoch auch, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte es in der Ehe kriseln. Um dies zu garantieren, werden Gespräche der Ehepartner aufgezeichnet und ausgewertet.
Das Gesetz hat zahlreiche Befürworter, aber auch immer mehr Gegner, die zum Widerstand aufrufen, den Tod einer bekannten Influencerin zur Folge hat.

"The Marriage Act" ist die lose Fortsetzung 
von "The ONE. Finde dein perfektes Match", als mittels eines Gentests der perfekte Partner gefunden werden sollte. Nunmehr ist es KI, die den Menschen überwacht, um dafür Sorge zu tragen, dass die Ehen stabil sind oder im Zweifel ein neue Verbindung eingegangen werden muss.

Der Roman wird in kurzen Kapiteln aus fünf verschiedenen Perspektiven geschildert, wodurch ein Einblick in den Alltag von Gegnern und Befürwortern des Gesetzes in verschiedenen Lebenssituationen ermöglicht wird.

Jeffrey ist einer der staatlichen Beziehungsbegleiter, der die Ehe eines homosexuellen Paares optimieren soll, allerdings eine persönliche Agenda verfolgt.
Arthur versucht seiner Beziehungsbegleiterin auszuweichen, um zu verhindern, dass er von seiner an Demenz erkrankten Frau getrennt und zwangsweise neu verpartnert wird.
Corrine steht kurz vor der Scheidung ihrer herkömmlichen Ehe, die jedoch von ihrem Ehemann hinausgezögert wird.
Roxi ist eine krasse Befürworterin von Überwachung durch KI, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Sie propagiert ihre Meinung online und gibt alles dafür, berühmt zu werden.
Anthony arbeitet für die Regierung, wobei er im Verborgenen tätig ist und nicht einmal seine Frau weiß, wozu er fähig ist.

"The Marriage Act" ist ein fesselnder Near-Future-Roman mit einem Szenario, dass sich erschreckend realistisch anfühlt. Die Smart-Ehe, die von der britischen Regierung als Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme propagiert wird, bedeutet eine Zweiteilung der Gesellschaft, in diejenigen, die eine Smart-Ehe eingehen und diejenigen, die diese ablehnen sowie eine Überwachung durch den Staat und KI. Freiheit und Gleichheit gibt es in einem solchen System nicht mehr, was ein Großteil der Bevölkerung jedoch zu spät erkennt.
Aus den unterschiedlichen Perspektiven geschildert, zeigt sich schon bald, dass nur mit Repression und Gewalt an dem neuen Ehegesetz festgehalten werden kann. Gleichzeitig scheinen sich auch die Gegner zu radikalisieren. Was dies für die einzelnen Figuren bedeutet, ist grausam und beängstigend, insbesondere wenn sie versuchen, aus dem System zu entkommen.

Das Worldbuilding ist originell und kombiniert gelungen Dystopie und Thriller mit Gesellschaftskritik. Der Roman handelt vom Zwiespalt aus Freiheit und Kontrolle, Autonomie und Sicherheit und wie leichtsinnig Menschenrechte für Versprechungen von höchster Stelle aufgegeben werden. Es geht um Manipulation, Erpressung, Hass bis hin zum Mord, was die gefährlichen Folgen der Gesetzgebung auf eindringliche Weise zeigt, die Geschichte aber auch etwas einseitig werden lässt. 


Freitag, 11. September 2026

Buchrezension: Melanie Raabe - DAISY: Und all deine Geheimnisse werden mir gehören

Inhalt:

Luca scheint recht unauffällig, aber nur auf den ersten Blick. Dass sie ein gewagtes Doppelleben führt, ahnt keiner. Sie ist 34, chronischer Single und geschätzte Anwältin in einer Berliner Kanzlei. Ihre kleine Wohnung ist vollgestopft mit Büchern, Schallplatten und Akten. Tagsüber gute Freundin und hart arbeitende Juristin, sorgt sie des Nachts jedoch auf ganz andere Art für Gerechtigkeit. Dann nämlich sucht sie still und leise all jene heim, die straflos mit etwas Bösem davongekommen sind. Und hinterlässt dabei ein Markenzeichen – ein Gänseblümchen. 
Doch eines Tages wird sie bei einem ihrer nächtlichen Einsätze fast erwischt. Und plötzlich hängen in der ganzen Stadt rätselhafte Plakate, die sich wie Drohungen für sie lesen: Ich werde dich finden. Und all deine Geheimnisse werden mir gehören. Luca ist sich sicher: Sie wird verfolgt. Und scheint mit einer ihrer Aktionen an den Falschen geraten zu sein. An jemanden, der nun den Spieß umdreht – und viel weniger Skrupel hat als sie selbst. Ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel beginnt. Doch hat Luca überhaupt den richtigen Gegner im Visier? 

Rezension: 

Luca Palmer arbeitet als Rechtsanwältin in einer renommierten Berliner Kanzlei. Nachts geht sie einem ganz eigenen Hobby nach: sie nimmt stellvertretend Rache an Personen, die bisher mit ihrer Bosheit ungeschoren davongekommen sind. Bei einem ihrer Einbrüche, die sie akribisch vorbereitet, wird sie allerdings überrascht und schon am nächsten Tag hängen Plakate in der Stadt, die offensichtlich ihr drohen. Luca kann sich nicht erklären, wer sie als Urheberin der Aktionen enttarnt haben soll. Gemeinsam mit ihrem väterlichen Freund Walther beginnt sie zu recherchieren. 

Luca hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, woraus sich eine unkonventionelle Beschäftigung nach Feierabend entwickelt hat. Hat sie eine Person im Visier, die ungeschoren mit einer böswilligen Tat davon gekommen ist, forscht sie diese aus um ihr gezielt zu drohen und zum Aufhören zu bewegen. Physische Gewalt steht nicht auf ihrem Plan, sie geht feinsinniger vor. Doch plötzlich wird der Spieß umgedreht und sie wird von der Jägerin zur Gejagten, woraus sich ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel entwickelt, denn ihr Gegner zeigt bereits mit dem Einsatz von gefährlichen Giftschlangen, dass er es ernst meint. 

In ihrer Jugend wurde der Grundstein für ihr Handeln gelegt, wobei vereinzelte Rückblenden nur allmählich darauf schließen lassen, was sie so massiv geprägt hat. 
Luca wird damit zu einer authentischen Figur, die einerseits wie ein einsamer Wolf agiert, andererseits aber auch vielfältige Freundschaften pflegt, die ihr wichtig sind. Insbesondere der Senior Walther ist ihr ein Halt und kluger Ratgeber, gerade als ihre Enttarnung bedrohlich wird. 

Luca hat ihr Herz auf dem rechten Fleck, überwindet für ihre Zwecke jedoch moralische Grenzen und stellt sich bewusst über das Gesetz. Sie sieht sich auf der Seite der Guten, gefährdet mit ihren Aktionen aber ihre Zulassung als Anwältin. Die Ambivalenz ihres Charakters und ihre Fähigkeit, Lügenmerkmale zu erkennen, geben der Geschichte, zusammen mit dem unbekannten Feind, der sie bedrängt, den nötigen Drive. 
Die Geschichte fesselt durch die unterschwellige Bedrohung und die Tatsache, dass sich Luca durch ihre Rache-Aktionen so viele Feinde gemacht hat, dass ihr Peiniger, der ihr ebenbürtig ist, nicht zu erahnen ist.

Es ist ein Psychothriller über ein gefährliches Doppelleben, über Schuld und Sühne und den schmalen Grat von Recht und Gerechtigkeit, der weniger auf Tempo und effekthascherische Aktionen setzt, sondern sich durch tiefenpsychologische Raffinesse auszeichnet. 
Im Vergleich zu der spannenden Frage nach der Identität von Lucas' Widersacher löst sich die Gefahrenlage für sie etwas einfach auf und auch das Ende ist für einen Thriller sehr weich gezeichnet.  

Mittwoch, 9. September 2026

Buchrezension: Patrick Ryan - Buckeye

Inhalt:

In Bonhomie, einer Kleinstadt in Ohio, bestimmt wie überall der Zufall das Leben. 1945 sind alle Männer im Krieg – bis auf Cal, der wegen eines um einige Zentimeter verkürzten Beins daheim den Haushaltswarenladen seines Schwiegervaters schmeißt. Als Präsident Truman im Radio die Kapitulation der Deutschen verkündet, ist die schöne Margaret gerade bei ihm im Laden, und die beiden teilen im Freudentaumel einen Kuss. Aus diesem Moment entsteht eine Affäre, die lange abgekühlt ist, als ein kleiner Junge auf die Welt kommt und die Familien von Cal und Margaret für immer miteinander verbindet. Während das Land im Nachkriegsboom floriert, wächst in Bonhomie ein Geheimnis heran. Bis bei der Hundertjahrfeier der Stadt die Wahrheit mit dem Knall der Feuerwerkskörper ans Licht kommt. 

Rezension: 

Als im Mai 1945 das Ende des Krieges in Europa verkündet wird, betritt Margaret zum ersten Mal den Werkzeugladen von Cal und küsst ihn unvermittelt. Beide sind verheiratet, aber Margarets Ehemann Felix ist noch im pazifischen Raum stationiert und Cal liegt mit seiner Ehefrau Becky im Clinch, da er die Séancen in ihrem Haus nicht gutheißt. Die zwei beginnen ein heimliches Verhältnis, das abrupt endet, als Felix verletzt nach Bonhomie zurückkehrt. Doch die Affäre bleibt nicht folgenlos, was Jahre später zu Brüchen führt.

Der Roman setzt die Begegnung von Margaret und Cal in der fiktiven Kleinstadt in Ohio 
an den Anfang, blickt dann zunächst Jahre zurück und erzählt von den glücklosen Kindheiten Margarets und Cals und wie sie ihre jeweiligen Ehepartner kennengelernt haben. Für beide ist es nicht die große Liebe, sondern eine solide Zweckgemeinschaft.

"Buckeye" handelt über mehrere Jahrzehnte hinweg, geprägt vom Krieg und den Folgen sowie von den (Fehl-)entscheidungen der Hauptfiguren. Neben Margaret und Cal gibt es genug Raum für die Geschichten von Becky, dem "Medium" und Felix im Konflikt mit seiner sexuellen Orientierung. Die Charaktere sind vielschichtig, geprägt von ihren Erfahrungen und den Dingen, die sie verbergen müssen.
Durch den Wechsel der Perspektiven wird jede Person mit ihren eigenen Komplexen, Sehnsüchten und Geheimnissen nahbar.
Auch der Zeitgeist ist spürbar, denn die fiktive Geschichte der beiden Familien wird eng mit belegten historischen Ereignissen verknüpft. Die beiden großen Kriege und der Vietnamkrieg prägen die Generationen, aber auch die gesellschaftlichen Verhältnisse im Hinblick auf den Umgang mit Rassentrennung, Homosexualität oder den Kampf gegen den Kommunismus.

Trotz bewegender Themen wie Kriegstrauma, Identitätssuche, unerfüllte Sehnsüchte und Lebenslügen wird die Geschichte unaufgeregt erzählt. Die Emotionen sind verhalten, Konflikte werden nicht überdramatisiert und dennoch entwickelt die Geschichte mit den liebevoll detaillierten Beschreibungen der Figuren, ihren inneren Monologen und Alltagsszenen einen ganz eigenen Charme. Ihre Entwicklung ist über die Jahre so authentisch nachzuvollziehen, dass ihre Schicksale und ihre Menschlichkeit bewegen. 
Auf über 650 Seiten entsteht das Porträt einer amerikanischen Kleinstadt und die Geschichte von drei Generationen zweier Familien mit allen Höhen und Tiefen, wobei die vier Hauptfiguren mit ihrer Suche nach Glück und der Frage nach Vergebung in den Vordergrund rücken und wiederholt Kritik an den Kriegen ihrer Zeit laut wird.