Freitag, 20. Februar 2026

Buchrezension: Elke Becker - Die Erfinderin der Freiheit

Inhalt:

Dresden 1908: Eine neue Zeit beginnt, die Jahre der großen Erfindungen sind angebrochen. Christine arbeitet als Therapeutin im weltbekannten Sanatorium Lahmann. Während ihrer Behandlungen fallen die feinen Damen in ihren engen Korsetts reihenweise in Ohnmacht – was Christine auf eine weltverändernde Idee bringt: Sie entwickelt den ersten Büstenhalter. Die ersten Modelle aus zusammengenähten Stofftaschentüchern und Hosenträgern finden zunächst wenig Anklang in der feinen Gesellschaft, die Damen lehnen das neue Kleidungstück ab. Zum Glück gibt es Julia, Lotta und Amalie, die Christine bei der Weiterentwicklung des BHs unterstützen. Die vier Freudinnen leben in einem gemeinsamen Wohnhaus und befeuern sich gegenseitig beim Ausprobieren und Tüfteln an neuen Ideen. Und sie geben Christine Halt – ganz besonders als der charmante Franz im Sanatorium anreist, der jedoch in Begleitung von Johanna ist. 

Rezension: 

Christine arbeitet 1908 als Therapeutin im Lahmann-Sanatorium in Dresden. Dort versucht sie den Patientinnen den von ihr entwickelten Brusthalter schmackhaft zu machen und die Frauen aus dem Korsett zu befreien, das ihnen den Atem abschnürt. Unterstützung erhält Christine von ihrer Freundin Julia, die Schneiderin und Stickerin ist und nach ihrer Arbeit die Brusthalter auf Bestellung näht. 
Auch Christines Freundin Amalie glänzt mit Erfindungsreichtum. Nachdem ihr Ehemann mit dem eigenen Warengeschäft insolvent gegangen ist, entwickelt sie die ersten Kaffeefilter und meldet diesen unter ihrem zweiten Vornamen Melitta zum Patent an. 
Christines Mitbewohnerin Lotta ist die vierte Freundin, die in der Bärenschenke arbeitet und Amalie bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützt. Sie ist unglücklich in Christines Schwager verliebt, was sie vor Christine zu verheimlichen versucht. Christine hingegen weigert sich zu heiraten, solange ein Ehemann ihr die Arbeit verbieten würde. 

Der Roman handelt von vier Frauen, die in einem Mehrparteienhaus in der Marschallstraße in Dresden wohnen. Drei davon sind ledig und finanziell unabhängig, während Amalie zwar verheiratet ist, sich jedoch selbst um den Lebensunterhalt ihrer Familie kümmern muss. 
Es sind vier interessante und starke Frauen, deren Alltag anschaulich beschrieben wird und den Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts bildhaft und lebendig einfängt.
 
Auch der Lokalkolorit Dresdens kommt mit Besuchen der Semperoper, des Lingnerschlosses, der Elbwiesen oder des Strietzelmarktes nicht zu kurz.  
Die Geschichte mit einer bunten Mischung aus historischen Fakten, echten Biografien und fiktiven Frauenschicksalen wirkt damit sehr authentisch und ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch informativ. 

Neben dem Erfindergeist der Frauen, der vor allem in der ersten Buchhälfte eine wesentliche Rolle spielt, handelt der Roman allgemein vom beschwerlichen Alltag zur damaligen Zeit und von den glücklichen und unglücklichen Romanzen der Frauen, wobei die innige Freundschaft stets präsent ist. 

Es geht um Mut und große Träume, um Emanzipation und den Glauben an den Fortschritt und an sich selbst. Die Dominanz der Männer in der Gesellschaft, aber auch die unterschiedlichen sozialen Schichten sorgen für Probleme. Die Frauen müssen Rückschläge hinnehmen und versuchen sich dabei selbst treu zu bleiben. 
Der Roman erweckt die Jahre 1908/1909 zum Leben und gibt einen abwechslungsreichen Einblick in vier unterschiedliche Frauenschicksale, die ihrer Zeit in Teilen weit voraus waren. 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Buchrezension: S.M. Govett - Verdacht: Drei Frauen. Zwei Opfer. Ein mörderischer Plan.

Inhalt:

Natalie hat Schreckliches erlebt. Die traumatischen Ereignisse hinterließen ihre Spuren, immer wieder hat sie Blackouts. Als ein anonymer Drohbrief auftaucht, der sie als eiskalte Lügnerin beschimpft, gerät sie in Panik. Hat die Vergangenheit sie eingeholt? Dann wird eine junge Frau ermordet – und Natalies Ehemann Ryan gerät unter Verdacht. Allerdings hätte sie selbst allen Grund, dem Opfer Böses zu wollen, und dank ihrer Erinnerungslücken weiß sie nicht, wo sie den Tatabend verbracht hat. Natalie spürt, dass sie Teil eines tödlichen Plans ist. Doch wer soll ihr jetzt noch glauben? 

Rezension: 

Natalie leidet unter Aussetzern seitdem sie nach langer Zeit wieder einen Brief erhalten hat, in dem sie als Lügnerin beschimpft wird. Die temporären Erinnerungslücken sind das Symptom einer Posttraumatischen Belastungsstörung, ausgelöst durch eine Vergewaltigung, für die der Täter nicht bestraft wurde.
Ihr Ehemann war stets rücksichtsvoll an ihrer Seite und wird nun selbst beschuldigt, eine Kollegin vergewaltigt zu haben.
DI Helen Stratton hat ebenfalls ein Trauma erlitten. Ihre ältere Schwester verschwand als Teenager spurlos. Die unzureichenden Ermittlungen der Polizei waren ausschlaggebend für Helens Berufswahl. Sie möchte Gerechtigkeit für all die Opfer erlangen. Auch Jahrzehnte später ist sie auf der Suche nach Karen und wird bei jeder aufgefundenen Frauenleiche hellhörig.

Der Roman wird abwechselnd aus den zwei Ich-Perspektiven der beiden Hauptfiguren Natalie und Helen erzählt. Die Übergänge sind durch die dichte, temporeiche Handlung fließend und die Erzählstimmen durch die individuelle Charakterisierung deutlich unterscheidbar. Sowohl Natalies als auch Helens Verhalten in der Gegenwart sind von den Erlebnissen der Vergangenheit geprägt. Beide sind belastet und problembehaftet.

Nach einer Vorstellung der Charaktere in ihren Lebenssituationen setzt die Spannung spätestens mit dem Leichenfund von Alice ein und bleibt kontinuierlich hoch.
Mit Natalies Ehemann ist ein Täter schnell gefunden, denn alle Indizien sprechen gegen ihn. Gleichzeitig ist klar, dass die Aufklärung nicht so einfach sein kann und dass die Tat mit den hinterlassenen Spuren aufwändig inszeniert wurde. Der Untertitel "Drei Frauen. Zwei Opfer. Ein mörderischer Plan" verrät diesbezüglich schon fast zu viel.

Dennoch bleibt die Spannung durch zahlreiche Wendungen, wechselnde Verdächtige und falsche Fährten auf einem konstant hohen Niveau. Als Leser ist man unaufhörlich eingeladen zu spekulieren und kann gleichzeitig niemandem trauen. Insbesondere Natalies Perspektive erscheint durch ihre Blackouts nicht verlässlich und trägt zur Irreführung bei.
Die Kombination aus Polizeiarbeit und Psychothriller ist gelungen und lässt hoffen, dass es sich bei "Verdacht" um den Auftaktband einer neuen Buchreihe um DI Helen Stratton handelt, der aufgrund ihres persönlichen Hintergrunds die Gerechtigkeit für die Opfer der Verbrechen besonders am Herzen liegt. 

Montag, 16. Februar 2026

Buchrezension: Emily Rudolf - Die Housesitterin: Ein Traum von einem Job. Oder?

Inhalt:

Cecilia arbeitet als Housesitterin und hangelt sich von Auftrag zu Auftrag. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie den Boden unter den Füßen verloren, kann nicht einmal mehr ein WG-Zimmer bezahlen. Nun wird sie an der Villa der einflussreichen Familie Waldner abgesetzt, einsam gelegen auf einer winzigen Ostseeinsel. Die perfekte Idylle – die perfekte Falle. Denn Cecilia ist nicht zufällig hier: Eine machtvolle Anziehung verbindet sie mit Johannes Waldner, dem Sohn des verstorbenen Besitzers. Während Cecilia sich noch allein im Haus wähnt, machen sich vier Menschen auf den Weg zur Insel. Mit dunklen Geheimnissen und eigener Agenda. Aber würden sie dafür auch töten? 

Rezension: 

Cecilia lebt nach dem Tod ihrer Mutter in einem WG-Zimmer und hält sich finanziell mit Online-Nachhilfe über Wasser. Die WG dient weitestgehend als reine Meldeadresse, denn Cecilia ist nach der Empfehlung einer Freundin auf den Geschmack des Housesittings gekommen. Sie flüchtet sich damit in Häuser der Schönen und Reichen und schlüpft gleichzeitig ungehemmt in andere Rollen. Bei einem ihrer Aufträge lernt sie Johannes Waldner kennen, der nach dem Tod seines Vaters dessen lukrative Firma übernommen hat.
Als Cecilia eines der Häuser der Familie auf einer Privatinsel in der Ostsee betreuen soll, nutzt sie die Gelegenheit, Johannes mit ihren Freunden bekannt zu machen. Während Cecilia in der ersten Nacht allein in dem Haus Geräusche hört, sich unbehaglich und beobachtet fühlt, ahnt niemand, was sie mit der Einladung ihrer Freunde auf die Insel auslösen wird.

Der Roman wird wechselnd aus den Perspektiven von Cecilia, Johannes und ihrem besten Freund Nick erzählt. Zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit ergänzen die gegenwärtige Handlung und offenbaren allmählich dunkle Geheimnisse und was die Charaktere untereinander verbindet. 

Raffiniert wird eine Ereigniskette aufgebaut, deren Auswirkung anfangs nicht zu erahnen ist. Die Folgen einer Tat wiegen schwer und lassen die Rollen von Opfern und Tätern verschwimmen. Frühzeitig ist klar, dass jeder Protagonist seine eigene Agenda verfolgt und sie sich gegenseitig nicht über den Weg trauen. Es geht um Verrat, Manipulation und Rache. 
Das Setting auf einer entlegenen Insel, auf der ein Sturm aufzieht und von der kein Entkommen möglich ist, trägt zur Bedrohungslage bei und unterstützt das Gefühl des Ausgeliefertseins. Schon durch den Prolog ist klar, dass am Ende nicht alle überleben werden.  

Der Thriller setzt auf ein mörderisches und wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem selbst Freunde zu Feinden werden. Die Handlung ist spannend aufgebaut, auch wenn die Gegenwart zunächst weitschweifig erzählt wird. Insbesondere die Sexszenen, die in Teilen sogar aus doppelter Sicht erzählt werden, erfüllen keinen Zweck und sind aufgrund der vulgären Wortwahl unschön unpassend.
Die Motive für die Taten der Protagonisten sind schlüssig, jedoch erscheint oftmals zu konstruiert, wie sie sich gegenseitig auf die Schliche kommen, Beweismittel für die eigene Schuld aufbewahrt werden, Dinge aufgedeckt werden, die perfekt versteckt waren und instinktiv die richtigen Schlüsse gezogen werden. 
Trotz einzelner Kritikpunkte überzeugt am Ende das böse Finale, das einem Thriller würdig ist.