Montag, 23. Februar 2026

Buchrezension: Caroline Wahl - 22 Bahnen

Inhalt:

Tildas Tage sind strikt durchgetaktet: studieren, an der Supermarktkasse sitzen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern und an schlechten Tagen auch um die Mutter. Zu dritt wohnen sie im traurigsten Haus der Fröhlichstraße in einer Kleinstadt, die Tilda hasst. Ihre Freunde sind längst weg, leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist geblieben. Denn irgendjemand muss für Ida da sein, Geld verdienen, die Verantwortung tragen. Nennenswerte Väter gibt es keine, die Mutter ist alkoholabhängig. Eines Tages aber geraten die Dinge in Bewegung: Tilda bekommt eine Promotion in Berlin in Aussicht gestellt, und es blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Und Viktor taucht auf, der große Bruder von Ivan, mit dem Tilda früher befreundet war. Viktor, der genau wie sie immer 22 Bahnen schwimmt. Doch als Tilda schon beinahe glaubt, es könnte alles gut werden, gerät die Situation zu Hause vollends außer Kontrolle. 

Rezension: 

Tilda studiert Mathematik, steht vor dem Masterabschluss und hat das Angebot, in Berlin zu promovieren. Sie wohnt im Gegensatz zu ihren Schulfreunden allerdings immer noch zu Hause, da sie sich verpflichtet fühlt, sich um ihre jüngere Schwester Ida zu kümmern. Ihre Mutter ist ein "Monster", das sich an guten Tagen still und leise betrinkt, während an schlechten Tagen ihre Launen in Gewalt umschlagen können. 
Bevor Tilda ernsthaft darüber nachdenken kann, auszuziehen und Freiheit nicht nur zu spüren, wenn sie ihre 22 Bahnen im Schwimmbad zieht, versucht sie Ida entsprechend vorzubereiten. Währenddessen tritt Viktor in ihr Leben, der einen schweren Verlust zu verkraften hat. 

Besonders gehypte Bücher können begeistern oder enttäuschen. Dieser liegt irgendwo dazwischen. Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig und unterstreicht die unbequeme Geschichte. Die Sätze sind kurz, abgehackt und von Wiederholungen und Aufzählungen geprägt. Fürchterlich sind die Dialoge im Stil eines Drehbuchs, die sich nicht flüssig mit der Geschichte verbinden. 

Inhaltlich ist der Roman betrüblich und die Atmosphäre beklemmend. Tilda pendelt zwischen Studium, Supermarktkasse und Familienalltag, der vom Zusammenleben mit einer alkoholkranken Mutter geprägt ist. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist eng und liebevoll und ein Lichtblick des Romans. Die Ablehnung der Mutter ist verständlich, aber es fehlt eine Ambivalenz. Ist da nur noch Gleichgültigkeit? Und was ist mit dem Vater? Werden einfach nur die Unterhaltszahlungen angenommen? Was ist mit Behörden, Nachbarn, Bekannten, der Schule? Gucken alle nur weg? Tilda ist seit Jahren komplett auf sich alleingestellt und denkt offenbar nicht einmal über Lösungswege nach. 

Auch die sich abzeichnende Liebesgeschichte zu dem traumatisierten Viktor bleibt oberflächlich. Eine Anziehung ist vorhanden, aber es ist mehr eine ferne Sehnsucht statt einer Kommunikation, die gepflegt wird. Auch sein Verlust ist ein Thema, das totgeschwiegen wird. 

"22 Bahnen" handelt mit Alkoholismus, Verlust und Einsamkeit von schwierigen Themen, wodurch der Roman von einer melancholische Atmosphäre geprägt ist. Mit 200 Seiten hat das Buch allerdings nur den Umfang eines halben Romans, weshalb die Lasten, die die Protagonisten tragen, nur sehr oberflächlich beschrieben sind und vieles ungesagt und vage bleibt. 

Freitag, 20. Februar 2026

Buchrezension: Elke Becker - Die Erfinderin der Freiheit

Inhalt:

Dresden 1908: Eine neue Zeit beginnt, die Jahre der großen Erfindungen sind angebrochen. Christine arbeitet als Therapeutin im weltbekannten Sanatorium Lahmann. Während ihrer Behandlungen fallen die feinen Damen in ihren engen Korsetts reihenweise in Ohnmacht – was Christine auf eine weltverändernde Idee bringt: Sie entwickelt den ersten Büstenhalter. Die ersten Modelle aus zusammengenähten Stofftaschentüchern und Hosenträgern finden zunächst wenig Anklang in der feinen Gesellschaft, die Damen lehnen das neue Kleidungstück ab. Zum Glück gibt es Julia, Lotta und Amalie, die Christine bei der Weiterentwicklung des BHs unterstützen. Die vier Freudinnen leben in einem gemeinsamen Wohnhaus und befeuern sich gegenseitig beim Ausprobieren und Tüfteln an neuen Ideen. Und sie geben Christine Halt – ganz besonders als der charmante Franz im Sanatorium anreist, der jedoch in Begleitung von Johanna ist. 

Rezension: 

Christine arbeitet 1908 als Therapeutin im Lahmann-Sanatorium in Dresden. Dort versucht sie den Patientinnen den von ihr entwickelten Brusthalter schmackhaft zu machen und die Frauen aus dem Korsett zu befreien, das ihnen den Atem abschnürt. Unterstützung erhält Christine von ihrer Freundin Julia, die Schneiderin und Stickerin ist und nach ihrer Arbeit die Brusthalter auf Bestellung näht. 
Auch Christines Freundin Amalie glänzt mit Erfindungsreichtum. Nachdem ihr Ehemann mit dem eigenen Warengeschäft insolvent gegangen ist, entwickelt sie die ersten Kaffeefilter und meldet diesen unter ihrem zweiten Vornamen Melitta zum Patent an. 
Christines Mitbewohnerin Lotta ist die vierte Freundin, die in der Bärenschenke arbeitet und Amalie bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützt. Sie ist unglücklich in Christines Schwager verliebt, was sie vor Christine zu verheimlichen versucht. Christine hingegen weigert sich zu heiraten, solange ein Ehemann ihr die Arbeit verbieten würde. 

Der Roman handelt von vier Frauen, die in einem Mehrparteienhaus in der Marschallstraße in Dresden wohnen. Drei davon sind ledig und finanziell unabhängig, während Amalie zwar verheiratet ist, sich jedoch selbst um den Lebensunterhalt ihrer Familie kümmern muss. 
Es sind vier interessante und starke Frauen, deren Alltag anschaulich beschrieben wird und den Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts bildhaft und lebendig einfängt.
 
Auch der Lokalkolorit Dresdens kommt mit Besuchen der Semperoper, des Lingnerschlosses, der Elbwiesen oder des Strietzelmarktes nicht zu kurz.  
Die Geschichte mit einer bunten Mischung aus historischen Fakten, echten Biografien und fiktiven Frauenschicksalen wirkt damit sehr authentisch und ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch informativ. 

Neben dem Erfindergeist der Frauen, der vor allem in der ersten Buchhälfte eine wesentliche Rolle spielt, handelt der Roman allgemein vom beschwerlichen Alltag zur damaligen Zeit und von den glücklichen und unglücklichen Romanzen der Frauen, wobei die innige Freundschaft stets präsent ist. 

Es geht um Mut und große Träume, um Emanzipation und den Glauben an den Fortschritt und an sich selbst. Die Dominanz der Männer in der Gesellschaft, aber auch die unterschiedlichen sozialen Schichten sorgen für Probleme. Die Frauen müssen Rückschläge hinnehmen und versuchen sich dabei selbst treu zu bleiben. 
Der Roman erweckt die Jahre 1908/1909 zum Leben und gibt einen abwechslungsreichen Einblick in vier unterschiedliche Frauenschicksale, die ihrer Zeit in Teilen weit voraus waren. 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Buchrezension: S.M. Govett - Verdacht: Drei Frauen. Zwei Opfer. Ein mörderischer Plan.

Inhalt:

Natalie hat Schreckliches erlebt. Die traumatischen Ereignisse hinterließen ihre Spuren, immer wieder hat sie Blackouts. Als ein anonymer Drohbrief auftaucht, der sie als eiskalte Lügnerin beschimpft, gerät sie in Panik. Hat die Vergangenheit sie eingeholt? Dann wird eine junge Frau ermordet – und Natalies Ehemann Ryan gerät unter Verdacht. Allerdings hätte sie selbst allen Grund, dem Opfer Böses zu wollen, und dank ihrer Erinnerungslücken weiß sie nicht, wo sie den Tatabend verbracht hat. Natalie spürt, dass sie Teil eines tödlichen Plans ist. Doch wer soll ihr jetzt noch glauben? 

Rezension: 

Natalie leidet unter Aussetzern seitdem sie nach langer Zeit wieder einen Brief erhalten hat, in dem sie als Lügnerin beschimpft wird. Die temporären Erinnerungslücken sind das Symptom einer Posttraumatischen Belastungsstörung, ausgelöst durch eine Vergewaltigung, für die der Täter nicht bestraft wurde.
Ihr Ehemann war stets rücksichtsvoll an ihrer Seite und wird nun selbst beschuldigt, eine Kollegin vergewaltigt zu haben.
DI Helen Stratton hat ebenfalls ein Trauma erlitten. Ihre ältere Schwester verschwand als Teenager spurlos. Die unzureichenden Ermittlungen der Polizei waren ausschlaggebend für Helens Berufswahl. Sie möchte Gerechtigkeit für all die Opfer erlangen. Auch Jahrzehnte später ist sie auf der Suche nach Karen und wird bei jeder aufgefundenen Frauenleiche hellhörig.

Der Roman wird abwechselnd aus den zwei Ich-Perspektiven der beiden Hauptfiguren Natalie und Helen erzählt. Die Übergänge sind durch die dichte, temporeiche Handlung fließend und die Erzählstimmen durch die individuelle Charakterisierung deutlich unterscheidbar. Sowohl Natalies als auch Helens Verhalten in der Gegenwart sind von den Erlebnissen der Vergangenheit geprägt. Beide sind belastet und problembehaftet.

Nach einer Vorstellung der Charaktere in ihren Lebenssituationen setzt die Spannung spätestens mit dem Leichenfund von Alice ein und bleibt kontinuierlich hoch.
Mit Natalies Ehemann ist ein Täter schnell gefunden, denn alle Indizien sprechen gegen ihn. Gleichzeitig ist klar, dass die Aufklärung nicht so einfach sein kann und dass die Tat mit den hinterlassenen Spuren aufwändig inszeniert wurde. Der Untertitel "Drei Frauen. Zwei Opfer. Ein mörderischer Plan" verrät diesbezüglich schon fast zu viel.

Dennoch bleibt die Spannung durch zahlreiche Wendungen, wechselnde Verdächtige und falsche Fährten auf einem konstant hohen Niveau. Als Leser ist man unaufhörlich eingeladen zu spekulieren und kann gleichzeitig niemandem trauen. Insbesondere Natalies Perspektive erscheint durch ihre Blackouts nicht verlässlich und trägt zur Irreführung bei.
Die Kombination aus Polizeiarbeit und Psychothriller ist gelungen und lässt hoffen, dass es sich bei "Verdacht" um den Auftaktband einer neuen Buchreihe um DI Helen Stratton handelt, der aufgrund ihres persönlichen Hintergrunds die Gerechtigkeit für die Opfer der Verbrechen besonders am Herzen liegt.