Elias hat so richtig Mist gebaut, das weiß er. Er versteckt sich den Sommer über bei seiner Großmutter Catharina im Moor. Doch auch sie hütet ein Geheimnis, das alles infrage stellt, was Elias zu wissen glaubt.
Ein unendlich weiter Sommer, ein Vierteljahrhundert zuvor: Nach Jahren der Angst findet Catharina endlich den Mut, aus ihrer Ehe auszubrechen. Mit ihrer Tochter flieht sie in ein altes Haus im Moor. Während der Sonnentau im ersten Licht des Morgens leuchtet und die Rauchschwalben rufen, spürt sie sich zum ersten Mal wieder. Doch nichts ist wirklich sicher. Erst recht nicht, als Catharina im Moor eine Entdeckung macht, die ihren Mann auf ihre Spur bringen könnte.
Rezension:
Cato flieht 1999 zusammen mit ihrer zwölfjährigen Tochter von ihrem gewalttätigen Ehemann in das Haus, das sie von ihrer unbekannten Großmutter geerbt hat. Das Haus in der Moorlandschaft wird zu ihrer Zuflucht und offenbart ihr gleichzeitig Familiengeheimnisse, die ihr Aufschluss über das zerrüttete Verhältnis ihrer Vorfahren geben.
26 Jahre später flüchtet auch Elias ins Moor zu seiner Großmutter Cato. Elias hat einen schweren Fehler begangen und schafft es kaum, die Tat mit sich auszumachen. Was er über seinen Großvater und Urgroßvater erfährt, ist erschütternd und wirft die beängstigende Frage auf, ob sich Geschichte wiederholt.
Jahrhunderte zuvor beginnt die Kolonisierung der Moorlandschaft in der Nähe von Bremen. Die junge Aletta gerät dabei in die Auseinandersetzungen zweier verfeindeter Dörfer. Um den Streit zu schlichten, ist sie sogar bereit, ihre Liebe zu opfern.
Der Roman handelt auf drei Zeitebenen, die zeitlich bis zu 260 Jahre getrennt sind, aber inhaltlich eng verwoben sind. Die Ereignisse handeln alle am gleichen Ort im Moor bei Worpswede und decken Konflikte und lang gehütete Geheimnisse auf. Die Kapitel sind kurz, was die Parallelen in der Handlung weiter verstärkt.
Zwei Perspektiven werden aus weiblicher Sicht dargestellt, in der Frauen gegen sexualisierte Gewalt, toxische Männlichkeit und patriarchale Strukturen ankämpfen müssen. Sowohl 1999 als auch 1756 geraten die Frauen in lebensgefährliche Situationen.
Die dritte Perspektive ist aus männlicher Sicht geschildert, aus der Sicht eines Täters, wobei diese aufgrund der Jugendlichkeit des Charakters und der weitaus kürzeren Darstellung weniger eindrücklich ist.
Der Roman ist durch die detaillierten Naturbeschreibungen und die unterschiedlichen Stimmungen, die vermittelt werden, sehr atmosphärisch beschrieben. Es fällt dadurch leicht, sich bildhaft in das Moor versetzen zu lassen und ein Gefühl für die Charaktere und ihr Handeln zu erhalten.
Aufwühlend und dramatisch sind die familiären Geheimnisse und Konflikte, die offenbart werden und für anhaltende Spannung um die Schicksale sorgen, die so realitätsnah wirken. Die Geschichte fesselt jedoch auch durch den Fund zweier Moorleichen und die Mystik, die sie umgibt und legt ein Augenmerk auf die Notwendigkeit des Schutzes der Moorlandschaft.
"Spiegelland" ist ein facettenreicher, bildhaft beschriebener Roman, der von häuslicher Gewalt und der Frage handelt, wie sich Schuld, individuelle Fehler und Charakterschwäche auf nachfolgende Generationen auswirken und die Zukunft bestimmen. Spannend, dramatisch und atmosphärisch werden drei Handlungsstränge verknüpft, die eine jahrhundertelange Unterdrückung darlegen und gesellschaftliche Strukturen in Frage stellen lassen.





