Montag, 5. Oktober 2026

Buchrezension: Colin Morgan - Die Ballade von Ronan McCoy

Inhalt:

Ronan McCoy ist nicht nur Brendans bester Freund: Er ist der Mensch, der Brendan vor der Welt schützt. Solange Ronan da ist, bleibt das Dunkle in ihm still. Zu Beginn des neuen Schuljahres – dem letzten, bevor sie aufs College gehen, ihre ersten Jobs annehmen oder von zu Hause wegziehen – wartet Brendan wie immer am Schultor. Doch Ronan taucht nie auf.
Dieser Sommer hat alles verändert. Ronan wird nie wieder der sein, der er war. Jetzt will Brendan derjenige sein, der Ronan beschützt und für ihn da ist. Doch mit jedem Tag, der vergeht, scheint das Leben den einen zu verlassen und in dem anderen trotz Trauer und Hilflosigkeit aufzublühen. 

Rezension: 

Brendan war ein Einzelgänger in der Schule, bis er Ronan kennenlernt und sich mit ihm anfreundet. Ronan ist ein intelligenter, allseits beliebter Schüler, der sportliche Bestleistungen bringt. Nach den Sommerferien und acht Wochen ohne Ronan freut sich Brendan auf ein Wiedersehen in der Abschlussklasse, aber er wartet am ersten Schultag vergebens auf Ronan. Sein bester Freund hat in der Folge eines Unfalls ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Er sitzt im Rollstuhl und kann nicht sprechen. Nach einem ersten Schockmoment muss Brendan lernen, die Freundschaft zu Ronan neu zu definieren. Es etabliert sich Kumpelzeit nach der Schule, in denen sie sich fast ohne Worte verstehen und sie beide auf ihre Art einander eine Stütze sind. Gleichzeitig muss Brendan sich auf seine Zukunft vorbereiten, entscheiden, welchen beruflichen Weg er einschlagen möchte und lernt die erste Liebe kennen.  

"Die Ballade von Ronan McCoy" ist ein Coming-of-Age-Roman über einen 16-jährigen Schüler an der Schwelle zum Erwachsenwerden, der seinen besten - und einzigen - Freund verliert und lernen muss, mit den Folgen umzugehen. 
"Ballade" lässt eine dramatische Geschichte erwarten und tatsächlich ist der Unfall von Ronan ein Schock, der das Leben von Brendan verändert. Allein aus seiner Perspektive geschildert, kann nur erahnt werden, wie verheerend die Auswirkungen für die McCoys sind. 

Brendan ist ein sensibler Junge, der häufig noch jünger wirkt als seine 16 Jahre. In der Schule hat er mit Mobbing zu kämpfen und seine eigene Familie hat mit dem Tod der Großmutter einen Verlust erlitten, der nicht ohne Spuren geblieben ist. 
Nach einer Trauerphase und Wochen, um sich neu zu sortieren, stehen die Zeichen auf Neuanfang. Dazu passt auch, dass Brendan sich zum ersten Mal verliebt und seine weitere Zukunft nach dem Schulabschluss planen muss. 

Neben der innigen Freundschaft, die beständig zwischen Brendan und Ronan ist, wird auch die bedingungslose Liebe der Eltern zu ihren Kindern dargelegt, wobei man als Leser aufgrund fehlender Hintergründe auf Distanz bleibt. 
Die Situation um die Verfassung von Ronan mit all seinen Konsequenzen erscheint zudem etwas simpel und die Reaktionen darauf sind fast schon ein wenig unbeschwert, was Zweifel aufkommen lässt, ob die Protagonisten ehrlich optimistisch sind oder nur eine Fassade aufbauen, um an den Umständen nicht zu zerbrechen. In diesem Zusammenhang wirken die Dialoge häufig unnatürlich, insbesondere wenn Brendan von seinem Vater nur als "Sohn" angesprochen wird. Überhaupt erscheinen alle Protagonisten mit ihrer gutherzigen, höflichen, gefassten, positiven Art befremdlich und vollkommen austauschbar. 

Die Geschichte berührt ob des folgenschweren Unfalls (dessen Umstände unerklärt geheimnisvoll bleiben), wirkt jedoch aufgrund der jungen Hauptfigur und dem konfliktarmen Verlauf der Geschichte wie ein Jugendroman, der eine Auseinandersetzung mit den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas und dauerhafter Beeinträchtigung scheut und sowohl die Charaktere als auch die aufwühlende Lage nur oberflächlich skizziert.  

Samstag, 3. Oktober 2026

Buchrezension: Ragnar Jónasson - STILLE (Hulda-Helgi-Serie, Band 2)

Inhalt:

Helgi Reykdal hat sich als Kommissar bei der Polizei in Reykjavík etabliert, nachdem er die Nachfolge von Hulda übernommen hat. Jetzt wird er mit einem ungewöhnlichen Fall betraut: Die 70jährige gefeierte isländische Krimiautorin Elín S. Jónsdóttir ist spurlos verschwunden. Ist sie freiwillig untergetaucht oder steckt ein Verbrechen dahinter? Während Helgi in Elíns Vergangenheit nachforscht und dabei erstaunliche Ungereimtheiten entdeckt, kämpft er zugleich mit familiären Spannungen. Um sich davon abzulenken, nimmt er immer wieder Krimis seiner Lieblingsautorin Agatha Christie zur Hand und lässt sich davon inspirieren. 

Rezension: 

Helgi Reykdal übernimmt die Ermittlungen in dem Fall um die verschwundene Autorin Elín S. Jónsdóttir, die in Island für ihre zehnteilige Krimireihe bekannt ist und sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt hatte. Sie wurde vermisst gemeldet, nachdem sie eine etablierte regelmäßige Verabredung nicht eingehalten hatte. Nach den ersten Befragungen gibt es keine Hinweise auf ihren Verbleib. Helgi steht unter Druck, herauszufinden, was mit ihr passiert ist, bevor die Presse davon erfährt. Je tiefer Helgi, der selbst ein Faible für Kriminalromane hat, in das Leben der bekannten Schriftstellerin eintaucht, auf desto mehr Ungereimtheiten stößt er. Tatsächlich scheint ihr Leben noch rätselhafter zu sein, als die Geschichten in ihren Büchern. 
Neben den schwierigen Ermittlungen hat Helgi auch mit privaten Problemen zu kämpfen, nachdem seine gewalttätige Ex-Freundin ihn nicht in Ruhe lässt. 

"Stille" ist nach "Frost" Band 2 der isländischen Krimireihe um Kommissar Helgi Reykdal, der den Posten von Hulda Hermannsdóttir übernommen hat und mit der Lösung des Falls um die vermisste Autorin sein Können unter Beweis stellen möchte.

Der Roman handelt auf mehreren Erzählebenen, wobei Helgis Perspektive im November 2012, seine Ermittlungen, aber auch seine private Seite im Vordergrund stehen. Unterbrochen wird seine Sicht durch ein im Jahr 2005 geführtes Interview einer Journalistin mit Elín Jónsdóttir, das Aufschluss über ihre Persönlichkeit und ihr Wirken gibt. Daneben gibt es Rückblenden in die Jahre 1965 und 1976, einen unglücklich verlaufenen Banküberfall und die späteren Ermittlungen von Hulda.

Die Geschichte wird damit unerwartet vielschichtig, ohne den Fokus zu verlieren. Spannend ist, wie die Kriminalfälle aufgeklärt werden, aber auch, wie die einzelnen Handlungsstränge verknüpft werden. Der rätselhafte Aufbau und die kurzen Kapitel sorgen für einen anhaltenden Lesesog.

Die Stimmung ist passend zu einem Island-Krimi melancholisch und kalt. Neben der winterlichen Witterung tragen die tragischen Schicksale, Einsamkeit und Verletzlichkeit der Personen dazu bei. 

Wie von Ragnar Jónasson gewohnt, wird die Geschichte unaufgeregt erzählt, erzeugt aber dennoch ihre Wirkung. Einzelne Aspekte des Plots können erahnt werden, andere werden erst am Ende verknüpft und führen zu einer schlüssigen Lösung, die im Hinblick auf den Vermisstenfall keine Fragen offenlässt, aber in Bezug auf Helgis privates Problem bereits einen dritten Band erwarten lässt.  

Freitag, 2. Oktober 2026

Buchrezension: Judith Merchant - Aprikosenkind

Inhalt:

Die sechsjährige Ruby ist ein besonderes Mädchen: in sich gekehrt, still, langsamer als andere Kinder. Nathalie widmet Ruby ihre ganze Aufmerksamkeit und hat viel für sie aufgegeben. In ihrem neuen Zuhause auf dem Land soll Ruby endlich aufblühen. Doch dort geschehen seltsame Dinge. Fenster und Türen stehen plötzlich offen, die anderen Eltern fangen an, sich komisch zu benehmen. Ihr Mann Gabriel versucht unerschütterlich, Nathalie zu beruhigen, doch sie fühlt sich in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr sicher. Eines Tages malt Ruby ein Bild, das alles verändert. Und Nathalie muss sich fragen, welchen Preis sie für ihr Glück zu zahlen bereit ist. 

Rezension: 

Nathalie und ihr Mann Gabriel sind auf das Land gezogen, damit ihre sensible Tochter Ruby, die oft in ihrer eigenen Welt lebt, dort noch behüteter aufwachsen kann. Nathalie bringt Ruby in den Kindergarten, kümmert sich darüber hinaus aber rund um die Uhr um die Sechsjährige. Ihr Mann kann zudem die meiste Zeit im Homeoffice arbeiten, weshalb die Familie die meiste Zeit unter sich ist und ihr harmonisches Zusammenleben genießt.
Ruby kann sich im Kindergarten nur schlecht integrieren und hinkt gleichaltrigen Kindern in der Entwicklung hinterher. Nathalie fühlt sich von den besorgten Erzieherinnen unter Druck gesetzt und nötigt Ruby geradezu, ein "richtiges" Bild mit Formen und Farben zu malen, bereut sie die Entscheidung sogleich, denn die Zeichnung ist schockierend.
Als Nathalie alarmiert nachforscht, was es mit Rubys Verhalten auf sich hat, macht sie eine Entdeckung, die ihr idyllisches Familienleben zerstören könnte.

Der Roman wird überwiegend aus der Perspektive von Nathalie erzählt. Daneben gibt es einzelne Einblicke in Gabriels Gedankenwelt sowie Rückblenden in die Vergangenheit, die mehr über die Entwicklung der Familie offenbaren.
Eine unterschwellige Spannung ist von Anbeginn vorhanden, denn die Atmosphäre wirkt bedrohlich und das zurückgezogene Familienleben verdächtig. Allmählich zeigt sich, dass die Harmonie aufgesetzt ist und dass Nathalie und Gabriel ein dunkles Geheimnis verbindet.
Mit Nathalies Entdeckung vollzieht sich eine Wende, die belegt, dass nichts ist, wie es scheint. Nathalie muss Handeln, um sich und ihre Tochter zu schützen. Doch wie weit wird sie gehen?

"Aprikosenkind" ist ein Psychothriller über Manipulation, Kontrolle, Missbrauch und Mutterliebe, der durch die lauernde Gefahr und die anhaltende Sorge um das Wohlergehen eines unschuldigen Kindes für anhaltende Spannung sorgt. Gleichzeitig befinden die Figuren sich in so einem Schlamassel, dass Hilfe von außen nur schwer möglich ist. 
Die Motive der Beteiligten bleiben nur oberflächlich und auch die Auflösung ist etwas kurz geraten. Dennoch ergibt sich ein schlüssiges und nachvollziehbares Ende.