Mittwoch, 25. März 2026

Buchrezension: M. L. Stedman - Ein weites Leben

Inhalt:

Ein Lastwagen, drei Männer, ein Moment der Unachtsamkeit – von einer Sekunde auf die andere ist das Leben der MacBrides ein anderes. Einzig Sohn Matthew übersteht das Unglück mit schweren Beeinträchtigungen. Und doch findet er zielstrebig zurück nach Meredith Downs, zurück zu Mutter und Schwester, als das Schicksal ein zweites Mal zuschlägt. Und plötzlich steht nicht nur sein Leben auf dem Spiel, sondern seine Seele – und zwar auf eine Weise, die kaum jemand vorhersehen, geschweige denn hätte überleben können. 

Rezension: 

Die MacBrides betreiben seit Generationen eine Schaffarm im Westen Australiens. Sie trotzen dem Klima und der Abgeschiedenheit in der Weite des Landes. Der älteste Sohn Warren soll die Farm perspektivisch übernehmen, doch dazu kommt es nicht. Im Januar 1958 ereignet sich ein Unfall, bei dem Vater Phil und Warren sterben, während der jüngere Sohn Matthew schwer verletzt überlebt. Die Auswirkungen sind nicht nur aufgrund der beiden Todesfälle belastend für die Familie. Tochter Rose quält sich mit schweren Schuldgefühlen und trifft eine folgenschwere Entscheidung, die ihr zum Verhängnis wird und auch die nachfolgende Generation beschäftigen wird.

"Ein weites Leben" ist eine Familiengeschichte, die im Wesentlichen in den Jahren 1958 und 1969 handelt, sich insgesamt jedoch über 40 Jahre erstreckt.

Ausdrucksstark vermittelt die Autorin einen eindringlichen Einblick in die Lebensverhältnisse auf einer Schaffarm im Westen Australiens zur damaligen Zeit. Die weiten Entfernungen sind beeindruckend und machen das Leben und Überleben nicht einfach. Dazu kommt, dass die Familie MacBride mit mehreren Tragödien konfrontiert wird, die die Hauptfiguren und ihre Entscheidungen nachdrücklich prägen.

Der Roman handelt von Schuldgefühlen und Geheimnissen, die zerstörerisch sind. Das Leid ist bewegend, aber die Charaktere bleiben distanziert, so dass es mitunter nicht einfach ist, ihr Handeln nachzuvollziehen. Auch die willkürlichen Zeitsprünge und Perspektivwechsel stören den Lesefluss. Spannung erzeugen unvermittelt die Nebenfiguren, die auf Ungereimtheiten stoßen, deren Schicksale aber nur zeitweise eine Rolle spielen und letztlich wieder in Vergessenheit geraten. 
Nach einem spannenden und dramatischen Einstieg dreht sich die Geschichte in den folgenden Jahren im Kreis und ist von einer elendigen Selbstgeißelung geprägt, die ein Verzeihen und zukünftiges Glück ausschließen.  

Es geht um das Erinnern und das Vergessen und wie viel man bereit ist zu tun, um seine Geheimnisse und seine Lieben zu schützen. Insgesamt ist es jedoch sehr deprimierend zu verkraften, wie sich die Charaktere selbst im Weg stehen und dass nicht alle Handlungsstränge zu einem befriedigenden Ende geführt werden. Die Botschaft des Romans hat sich mir damit nicht erschlossen. 


Montag, 23. März 2026

Buchrezension: Christina Henry - Das gierige Haus

Inhalt:

In einer Straße in Chicago steht ein Haus – ein verlassenes Haus, in dem in den Siebzigerjahren grausame Dinge geschahen. Sieben Menschen starben. Das Verbot, sich dem Gebäude zu nähern, macht es für die Kinder der Nachbarschaft noch interessanter. Als die 13-jährige Jessie ihren kleinen Bruder Paul zur Mutprobe herausfordert, betritt er das Haus und kehrt nie wieder zurück. Jahre später: Die erwachsene Jessie wohnt immer noch in derselben Straße, als eine Dunkelheit sich rund um das Haus ausbreitet. Eine Dunkelheit, die lebendig zu sein scheint – und gierig. 

Rezension:

In Chicago steht ein Haus, das seit einem erweiterten Suizid in den 1970er-Jahren unbewohnt ist. Um das Haus ranken sich zahlreiche Mythen, was vor allem auf Kinder und Jugendliche eine Faszination ausübt. So gelangt auch der achtjährige Paul mit seinen beiden Freunden im Rahmen einer Mutprobe in das Haus - und nie wieder zurück. Seine ältere Schwester Jessie, die ihn dazu angestiftet hat, muss mit der Schuld leben.
Sie wird früh selbst Mutter und beschäftigt sich 13 Jahre nach Pauls Verschwinden erneut mit dem Haus, das unverwüstlich immer noch steht und seinen Hunger noch lange nicht gestillt hat.

"Das gierige Haus" greift eine altbekannte Plotidee um ein Horrorhaus auf, das über Jahrzehnte hinweg Menschen anlockt und darin begräbt. Dieses Haus scheint sich von Menschen, insbesondere von Kindern, geradezu zu ernähren.

Nachdem 1973 eine ganze Familie darin ums Leben gekommen ist, wurde auch Jessies Familie durch den Verlust ihres Bruders zerstört. Doch Paul ist nicht das letzte Kind, das dort sein Leben lässt.

Wie das Haus trotz der bekannten Gefahr immer wieder Menschen anzieht, so entwickelt auch die Handlung eine Sogwirkung. Aus der Sicht von Jessie geschildert, ist ihre Wut und Trauer spürbar. Gleichzeitig ist die Befürchtung präsent, dass sich in dem Haus weiterhin schlimme - blutige - Dinge ereignen werden, insbesondere als Jessie selbst Mutter eines Sohnes ist, der sie täglich an Paul erinnert.

Das Haus wird vermenschlicht, es pulsiert und atmet, wird zu einem Monster stilisiert und sorgt für Grusel und Unbehagen. Dennoch handelt es sich nicht um einen reinen Splatter-Horrorroman. Jessies Entwicklung von einem aufmüpfigen Teenager zu einer verantwortungsvollen jungen Frau und kämpferischen Mutter steht genauso im Vordergrund wie die nachbarschaftlichen Beziehungen in dem Wohnviertel und der enge, fürsorgliche Zusammenhalt aufgrund der gemeinsam erlebten tragischen Ereignisse.

Obschon bei Spukhausgeschichten nicht unbedingt rationale Erklärungen zu erwarten sind, wird sich hier zumindest darum bemüht. Das Ende des Buches, das sich zwischen Horrorroman, Drama und Mysterythriller bewegt, ist allerdings kurz gefasst und im Vergleich zur jahrzehntelangen, unberechenbaren Brutalität des Hauses zu einfach gestrickt. 

Freitag, 20. März 2026

Buchrezension: Gun-Britt Sundström - Die beste aller Beziehungen

Inhalt:

Im Stockholm der siebziger Jahre lernen sich Martina und Gustav an der Universität kennen und werden schnell ein Paar. Doch wie so oft in Beziehungen wollen beide nicht immer dasselbe: Gustav sucht Halt und Beständigkeit, während sich Martina gegen gesellschaftliche Konventionen und Erwartungen sträubt. Trotzdem hält ihre Beziehung Gespräche und Konflikte, Trennungen und Neubeginne aus. Nähe und Intimität, Sex und Treue, Sprechen und Schweigen – in all diesen Spannungsfeldern müssen sie immer wieder neue Kompromisse finden. Doch wie kann man geliebt werden, ohne sich selbst aufzugeben? 

Rezension: 

Martina und Gustav lernen sich an der Universität Stockholm kennen, haben gleiche Interessen und philosophieren gemeinsam über Bücher und Filme. Sie verlieben sich in einander, haben jedoch unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung. Während sich Gustav fest binden möchte, an Zusammenziehen und Heiraten denkt, schreckt Martina diese Vorstellung ab. 
Martina und Gustav können nicht mit, aber auch nicht ohne einander, weshalb sich eine jahrelange On-Off-Beziehung entwickelt, während der sie auch Beziehungen mit anderen Partnern eingehen, diese jedoch immer am jeweils anderen messen. 

"Die beste aller Beziehungen" ist ein schwedischer Bestseller aus dem Jahr 1976, der nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. 
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Martina geschildert, die sehr reflektiert ist und sich bewusst ist, dass ihre Einstellung zu Liebe, Partnerschaft und Ehe einer festen Bindung wenig zuträglich ist. Gustav verlieren möchte sie jedoch auch nicht, weshalb sie es hinnimmt, wenn er andere Frauen trifft - und sich das gleiche Recht nimmt. 

Martina ist auch in Bezug auf ihr Studium und ihren Beruf rastlos, ist unstet und ständig auf der Suche nach Veränderung. Ihr Charakter, der immer wieder an sich zweifelt und Dinge in Frage stellt, wirkt glaubwürdig, aber auch Gustav als männlicher Gegenpart, der sich nach körperlicher Nähe sehnt, ist nachvollziehbar dargestellt. 

Martina und Gustav probieren im Verlauf der Jahre Freundschaft und Polygamie, aber optimal ist keine der Lösungen. Fraglich ist, ob beide zusammen als Paar wirklich glücklich werden können. 
Die Geschichte wird mit einer klugen Beobachtungsgabe undramatisch erzählt, was gut zu den Figuren passt. Mit dem jahrelangen Harren auf ihren Standpunkten ist die Erzählung aber auch etwas behäbig und mit wenig neuen Impulsen versetzt, so dass sie insgesamt straffer erzählt werden können, ohne die Länge auf über 600 Seiten auszudehnen. 

Das Buch thematisiert gekonnt die Gegensätze Liebe und Freiheit, Zusammensein und Unabhängigkeit und hat damit nichts an seiner Aktualität eingebüßt. Es ist eine zeitlose Geschichte über die Schwierigkeit, Kompromisse einzugehen und die Angst, sich selbst in einer Beziehung zu verlieren.