Samstag, 7. März 2026

Buchrezension: Thomas Knüwer - Giftiger Grund

Inhalt:

Mitten in der Nacht treffen an einer verlassenen Tankstelle drei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch durch das Schicksal verbunden werden:
Joran: Frisch aus dem Jugendknast, kehrt an den Ort seines Verbrechens zurück, um seine alte Beute zu holen.
Charu: Eine Fotografin, die an diesem "Lost Place" nach dem perfekten morbiden Motiv sucht.
Edda: Ein kleines Mädchen im Schlafanzug, das eigentlich im Bett liegen sollte.
Doch statt der Beute findet Joran im Kanalschacht die Leiche seines ehemaligen Komplizen.
Die verfallene Tankstelle wird zur Bühne für einen hochspannenden, psychologischen Thriller über Schuld, Sühne und die Frage: Wohin flieht man, wenn man kein Zuhause mehr hat? 

Rezension:

Joran ist nach knapp sieben Jahren Haft wegen eines bewaffneten Raubüberfalls wieder auf freiem Fuß kehrt an den Tatort zurück, um nach dem dort versteckten Diebesgut zu suchen. Doch mitten in der Nacht findet er die Leiche seines ehemaligen besten Freundes und ist zudem nicht allein an der stillgelegten Tankstelle. Charu dreht an dem lost place Aufnahmen für ihren Social Media-Kanal und wird selbst von einem jungen Mädchen im Schlafanzug überrascht, das dort Zuflucht sucht.
Während Charu herauszufinden versucht, was es mit dem Mädchen auf sich hat, bekommt Joran zu spüren, wie schwer es ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich als ehemaliger Häftling zu resozialisieren.

"Giftiger Grund" ist kein Kriminalroman im klassischen Sinn, denn trotz des Funds einer Leiche zu Beginn des Romans handelt er nicht von den Ermittlungen zur Aufklärung der Tat. Im Vordergrund stehen stattdessen die Schicksale von drei ganz unterschiedlichen Personen, die auf ihre Art verloren erscheinen und an einem "lost place" zufällig auf einander treffen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den drei Perspektiven der Hauptfiguren geschildert, wobei ihre schwierigen, gar ausweglosen Situationen, die sie verzweifeln lassen und wütend machen, realitätsnah wirken. Geprägt von ihren Erfahrungen begegnen sie einander misstrauisch, bis sie zu einer Schicksalsgemeinschaft werden.

Die Handlung ist aufreibend und entwickelt durch den Druck, der auf den Figuren lastet, einen Lesesog. Alle drei sehen sich ihrem jeweiligen Peiniger ausgesetzt und werden erpresst. Die Gewalt eskaliert und es entwickelt sich ein Kampf ums Überleben, der in einer Täter-Opfer-Umkehr mündet.
Die Stimmung ist durchgehend düster und die derbe Sprache ist passend zur Situation und dem Milieu, in dem sich die Charaktere befinden.
Es geht um Schuld und Sühne, Vorurteile und zweite Chancen. Die Geschichte ist kurzweilig und dynamisch, berührt durch menschliche Abgründe und Ungerechtigkeit, entfaltet aber mit dem Fokus auf den dramatischen Schicksalen nicht die Spannung, die man von einem Kriminalroman erwartet. 

Freitag, 6. März 2026

Buchrezension: Rachel Khong - Real Americans

Inhalt:

New York City, Silvester 1999. Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin in einem hippen Medienunternehmen. Als sie Matthew trifft – charmant, privilegiert, Erbe eines Pharmaimperiums –, verliebt sie sich. Zwei Welten prallen aufeinander. Und doch scheint alles möglich.
21 Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt: Etwas fehlt. Als er nach seinem Vater sucht, stößt er auf Geheimnisse, die alles verändern – nicht nur für ihn. 

Rezension: 

Kurz vor dem Jahrtausendwechsel lernt Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer, die als unbezahlte Praktikantin in New York jobbt, den vermögenden Matthew, Erben eines Pharmaunternehmens, kennen. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lilys Bedenken, dass eine Beziehung keine Zukunft hat, verlieben sie sich ineinander und gründen eine Familie.
Jahre später lebt Nick allein mit seiner Mutter Lily auf einer Insel bei Seattle. Es gab immer nur sie beide, da Lily stets behauptete, Nicks Vater wolle nichts von ihm wissen. Heimlich macht Nick, dem man seine chinesischen Wurzeln nicht ansieht, einen Gentest, um mehr über seine Herkunft zu erfahren und kommt dabei seinem Vater auf die Spur.
2030 lebt Lilys Mutter Mei einsam und verarmt in San Francisco. Sie hatte als Bauernmädchen, das in der von Mao Zedong geprägten kommunistischen Volksrepublik China aufgewachsen ist, große Träume und konnte diesen als Wissenschaftlerin in Amerika folgen.

Der Roman ist aus drei Perspektiven, die nicht im Wechsel, sondern hintereinander erzählt werden, aufgebaut. Beginnend mit Lily von 1999 bis 2005, folgt man ihrem Sohn Nick ungefähr weitere fünf Jahre ab 2021, um schließlich mit seiner Großmutter Mei im Jahr 2030 zu enden.

Nach einem nüchternen Einstieg und einer wenig emotionalen Liebesgeschichte endet Lilys Abschnitt unerwartet spannend mit einem Familiengeheimnis und der Frage, was Lilys Eltern und Matthews Vater vor ihren Kindern verbergen.
Nicks Abschnitt gleicht einer Coming-of-Age-Geschichte. Er hat chinesische Wurzeln, die man ihm nicht ansieht und Fragen zu seinem Vater, die ihm seine Mutter nicht gestattet.
Mei blickt 2030 auf ihr Leben zurück, auf ihren steinigen Weg des "American Dream", aber auch auf die Fehler, die sie begangen hat.

"Real Americans" ist eine Familiengeschichte über mehrere Jahrzehnte hinweg, die überwiegend in den USA handelt, wobei die Hauptfiguren chinesische Wurzeln hat, was sich zu einer generationenübergreifenden Geschichte über Zugehörigkeit und Identitätssuche entwickelt.
Der Roman ist durch die drei Hauptfiguren, deren unterschiedliche Lebensalter und die Erfahrungen, die sie prägen, aber auch durch die Themen, die sie bewegen und die Herausforderungen, vor die sie gestellt werden, facettenreich und vielschichtig.
Die unterschiedlichen Erzählstimmen gestalten die Lektüre abwechslungsreich und lassen jede(n) LeserIn eine Identifikationsfigur finden.
Die Trennung der Erzählperspektiven und die Zeitsprünge erwecken allerdings das Gefühl, drei Kurzgeschichten zu lesen. Als Familienroman fehlt eine geschickte Verknüpfung, wobei insbesondere der dritte Abschnitt, in dem Mei ihrem fremden Enkel ihre Lebensgeschichte erzählt, unbeholfen wirkt und zudem die Erzählperspektive nicht konsequent eingehalten wird, um die Geschichte zu Ende zu erzählen. 

Die Fülle der Themen ist ambitioniert, weshalb der Roman ihnen nicht vollumfänglich gerecht werden kann. Während Fragen nach der eigenen Identität und die Suche nach Glück, Klassenunterschiede, Sexismus, Fremdsein und Einsamkeit aus drei Perspektiven mannigfaltig betrachtet werden, geraten andere Aspekte wie Rassismus, Forschung und Ethik, aber auch die entscheidenden innerfamiliären Konflikte, zu sehr in den Hintergrund. 
Die vererbte Gabe des Stopps der Zeit, das in allen drei Erzählsträngen verwendet wird, verleiht der Geschichte einen Hauch Magie, passt damit aber nicht zu dem wissenschaftlichen Komplex, der mit der Frage nach der Beeinflussung des Schicksals durch Veränderung der DNA einen wesentlichen Kern der Handlung ausmacht. 

Mittwoch, 4. März 2026

Buchrezension: Nicci French - Finstere Schatten

Inhalt:

Fernab vom Trubel ihres alten Lebens wollen Nancy und ihr Freund Felix in einer Wohnung in Harlesden noch einmal neu anfangen. Denn mittlerweile geht es Nancy zwar wieder gut, doch das war lange Zeit nicht so. Immer wieder hat sie mit psychischen Problemen gekämpft und litt unter Wahnvorstellungen. Hier will sie nun endlich wieder zur Ruhe kommen. Doch dann wird ihre Nachbarin Kira tot aufgefunden und die Polizei geht sofort von einem Selbstmord aus. Aber Nancy will einfach nicht daran glauben, schließlich hat sie Kira noch am Tag vor ihrem Tod getroffen und sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich die junge Frau das Leben genommen hat. Nancy gerät immer weiter in den Strudel ihrer Zweifel und weiß dabei immer weniger, ob die Stimmen, die sie in jener Nacht gehört hat, die des Mörders waren oder nur in ihrem Kopf existieren. 

Rezension: 

Nach einer psychotischen Episode und einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ziehen Nancy und ihr Freund Felix notgedrungen innerhalb Londons in eine kleinere Wohnung in den Stadtteil Harlesdon. Nancy arbeitet dort remote, um sich zu erholen und mit Hilfe von Medikamenten und therapeutischer Unterstützung neu anzufangen. 
Nancy und Felix haben noch nicht einmal alle Umzugskisten ausgepackt, als eine Nachbarin in dem Mehrparteienhaus tot aufgefunden wird. Die Polizei stuft die Tat als Suizid ein und ermittelt nicht weiter. Nancy hatte Kira jedoch am Tag zuvor kurz gesprochen und kann sich nicht vorstellen, dass die junge Frau, die von allen als nett und fröhlich beschrieben wird, Selbstmord begangen haben soll. Da Felix die neuen Nachbarn und auch die Polizei über Nancys Krankheitszustand informiert hatte, glaubt Nancy niemand, dass sich ein Verbrechen in der Wohnung ereignet haben könnte - bis die Polizistin Maud O'Connor auf den Fall aufmerksam wird, den ein unliebsamer Kollege (voreilig) zu den Akten legen möchte. 

"Finstere Schatten" ist Band 2 einer Buchreihe um Detective Maud O’Connor, wobei es auch ohne Vorwissen aus Band 1 keine Verständnisprobleme gibt. Anders als in klassischen Ermittler-Krimis hat DI O'Connor in diesem Thriller nicht die Hauptrolle. Bevor ihr Einsatz beginnt, liegt der Fokus klar auf Nancy, die "finstere Schatten" sieht. 
Kann Nancy ihrer Wahrnehmung glauben? Kann der/ die LeserIn Nancy trauen? Ist sie von den Stimmen in ihrem Kopf gesteuert, noch nicht genesen und leidet unter Wahnvorstellungen? Kann sich die Polizei bei ihrer Einschätzung den Suizid betreffend derart getäuscht haben?

Unabhängig davon, ob sich Nancy in Verschwörungstheorien verliert, ist es grausam, was ihr im weiteren Verlauf der Handlung widerfährt. Als psychisch kranke Frau wird sie stigmatisiert und als unzurechnungsfähig und unmündig eingestuft. Schnell befindet sie sich einer Spirale, in der sie vollkommen hilflos ist und der Fürsorge ihres Freundes und des Gesundheitssystems unterworfen wird. 

Obschon die Frage im Raum steht, was sich hinter dem (inszenierten) Selbstmord verbirgt, steht Nancy als Hauptfigur im Vordergrund, deren Leben ihr entgleitet. Die Aufklärung des möglichen Mordfalls schreitet erst im letzten Drittel voran, als Maud, die sich auf dem Polizeirevier mit Misogynie konfrontiert sieht und als Alleinkämpferin auftritt, Nancy Gehör schenkt. Maud folgt selbstbewusst ihrem Instinkt und versucht durch geschickte Fragen den Täter unter all den undurchsichtigen Hausbewohnern und Nachbarn zu enttarnen. 

"Finstere Schatten" ist ein unblutiger Thriller, der sich von einem psychologischen Spannungsroman zu einem spannenden Krimi mit einer smarten Ermittlerin entwickelt, die in ihrem Umfeld völlig zu unrecht unterschätzt wird. Das Tatmotiv ist am Ende nachvollziehbar, jedoch enttäuscht die Präsentation des Täters, die vor Auswertung von Beweisen auf einem reinen Bauchgefühl basiert. Auch fällt die einseitig negative Darstellung der männlichen Figuren unangenehm auf.