Montag, 3. August 2026

Buchrezension: Vera Buck - Keine Angst, Darling

Inhalt:

In der Luxussiedlung Sancta Familia in Florida hat Lea endlich, wonach sie sich immer gesehnt hat: ein sicheres Zuhause, eine Tochter, die sie über alles liebt, und einen Mann, der sie auf Händen trägt. Für ihr schillerndes Leben wird sie online von Millionen gefeiert - nur ihre Schwester Paula misstraut der makellosen Inszenierung. Als Lea plötzlich verstummt, reist Paula besorgt von Deutschland nach Florida. Doch in der Sancta Familia ist ihre Schwester nicht. Ihr Mann behauptet, sie sei in einem Retreat. Aber warum gibt es kein Lebenszeichen? Je tiefer Paula in die scheinbar heile Welt der Siedlung eindringt, desto sichtbarer werden die Risse: Strenge Regeln erfordern bedingungslosen Gehorsam. Und Frauen, die sich widersetzen, verschwinden. 

Rezension:

Lea führt ein Bilderbuchleben - gemessen an den Vorstellungen der 1950er-Jahre in einer Gated Community in Florida. Als Tradwife, die für Ehemann und Tochter lebt, kocht, backt und den Haushalt auf Hochglanz führt, hat sie sogar mehrere Social Media-Accounts mit Hunderttausenden Followern, auf denen sie regelmäßig Beiträge aus ihrer heilen Welt postet. 
Als ihre Schwester Paula registriert, dass Leas letzter Content schon Monate zurückliegt und sie sie auch persönlich nicht erreichen kann, macht sie sich Sorgen um ihre entfremdete Schwester und reist nach Florida. 
Dort heißt es, Lea sei auf einem Selbstfindungs-Retreat und nicht erreichbar. Doch Paula stößt bei ihrer Ankunft in der "Sancta Familia" auf Ungereimtheiten und misstraut ihrem Schwager Matt. Sie hinterfragt nicht nur das Leben der Frauen und Kinder in der Community, sondern beginnt auch aktiv nach Lea zu suchen. Eine Einmischung in die strengen Regeln, die nicht ungefährlich ist. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart die nervenaufreibende Suche Paulas nach ihrer Schwester, zu der sie seit ihrer Auswanderung nach Amerika keine enge Verbindung mehr hat. Daneben gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, die erklären, wie Lea dazu gekommen ist, Matt zu heiraten und wie sich ihre Ehe und ihr Familienleben in den sechs Jahren entwickelt haben. 

Auszüge aus einem Haushaltsbuch, getarnt als Tagebuch, sowie Transkriptionen von TikTok-Videos, Werbevideos der Gated Community und Interviews mit Lea ergänzen die Handlung und gestalten sie abwechslungsreich und passend zur Rolle von Social Media noch authentischer. 

Die Geschichte ist verstörender Suspense über ein Leben, das rückständig ist und mit den heutigen Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung nicht kompatibel ist. Frauen entscheiden sich scheinbar freiwillig für ein Leben für die Familie, beschützt und behütet durch einen treusorgenden Ehemann und finden sich in einem Leben aus Grenzen, Kontrolle und Gewalt wieder. 

Durch die lebendige Schilderung wird die Situation von Lea leicht vorstellbar und damit auch die Sorgen, die sich Paula um ihre jüngere Schwester macht, die aus diesem Käfig aus eigenem Antrieb verschwunden sein soll. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und Perfektionismus und einer gefährlichen Abhängigkeit und Unterwerfung ist. 
Fesselnd ist nicht nur die Frage, was mit Lea passiert ist, sondern auch was die dreifache Mutter Paula riskiert, indem sie so hartnäckig nach ihr sucht. Dabei nimmt die Spannung und spürbare Bedrohung auf beiden Erzählebenen stetig zu. 

"Keine Angst, Darling" ist ein dramatischer, zeitgemäßer Spannungsroman über toxische Beziehungen, Manipulation, Inszenierung und eine gefährliche Suche vor dem Hintergrund der zurecht umstrittenen Tradwife-Bewegung, die alle für Frauen erreichten Rechte in Frage stellt und Kontrolle und Isolation hinter Sicherheit und Fürsorge versteckt. 

Samstag, 1. August 2026

Buchrezension: Freida McFadden - Die Psychiaterin: Wurde ihr der Job zum Verhängnis?

Inhalt:

Die beiden frisch vermählten Tricia und Ethan sind auf dem Weg zur Besichtigung eines abgelegenen Anwesens, das bald ihr Zuhause sein könnte. Während Ethan voller Begeisterung ist, spürt Tricia, dass etwas nicht stimmt. Bis vor drei Jahren lebte hier noch die Psychiaterin Dr. Adrienne Hale. Ihr plötzliches Verschwinden damals ging durch die Presse. Weil ein Schneesturm die Straßen unbefahrbar macht, muss das junge Paar die Nacht im Haus verbringen. Dabei entdeckt Tricia ein verborgenes Zimmer voller Kassetten – Aufnahmen von Adriennes Patientensitzungen. Mit jeder Kassette, die sie sich anhört, wird ihr klarer, wie es zu Adriennes Verschwinden kam und dass sie selbst in tödlicher Gefahr schwebt. Denn manche Stimmen schweigen nie. 

Rezension: 

Tricia und Ethan sind auf der Suche nach ihrem Traumhaus und möchten ein abgelegenes Herrenhaus besichtigen. Als sie dort ankommen, ist die Maklerin nicht vor Ort, aber wegen eines Schneesturms verschaffen sich die beiden eigenmächtig Zugang in das Haus. Sie finden heraus, dass die letzte Eigentümerin des Hauses Dr. Adrienne Hale war, eine renommierte Psychiaterin, die vor drei Jahren spurlos verschwand. 
Tricia hat ein beklemmendes Gefühl, aber aufgrund der Wetterverhältnisse müssen sie erst einmal in dem Haus bleiben. Auf der Suche nach Ablenkung stößt sie auf ein Geheimzimmer mit Tonaufnahmen von Dr. Hales Therapiesitzungen. Während sie anhand der Aufzeichnungen mehr über die Psychiaterin und ihre bedrohlichen Patienten erfährt, kommt sie immer mehr zu der Überzeugung, dass noch jemand in dem Haus ist. Aber Ethan glaubt ihr nicht... 

"Die Psychiaterin" ist ein kurzweiliger und leicht zu lesender Thriller. Die Spannung baut sich durch den Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit gemächlich, aber stetig auf. Tricia schildert aus der Ich-Perspektive ihr Unbehagen im Haus der Psychiaterin, während man über Rückblenden erfährt, was sich im Leben von Dr. Hale wenige Wochen vor ihrem Verschwinden ereignet hat. Für erzählerische Abwechslung sorgen die Tonbandaufzeichnungen einzelner Therapiesitzungen, wobei die Identität der Patienten nicht immer ganz klar ist und Spielraum für Spekulationen in der Gegenwart lässt. 

Die "Meisterin der Plottwists" überrascht auch in diesem Roman mit einer Wendung, die zwar überrascht, aber wenig raffiniert ist und einzig auf der Unzuverlässigkeit der Erzählerin beruht.  Nahezu alle Details, die in der Gegenwart für Ungereimtheiten sorgen und Ängste ob der Sicherheit Tricias schüren, stellen sich im Nachhinein als fragwürdig, mitunter komplett unlogisch, heraus. 
Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Geschichte im Umfeld einer Psychiaterin handelt, wimmelt es hier nur so von Psychopathen, die die ach so erfolgreiche Dr. Hale mehr schlecht als recht therapiert hat. 

"Die Psychiaterin" ist unterhaltsam und herrlich böse, führt die/ den LeserIn aber einfach nur an der Nase statt mit eine überraschenden Wende zu verblüffen. 

Freitag, 31. Juli 2026

Buchrezension: Brigitte Glaser - Sonnenberg

Inhalt:

Mitte der Siebzigerjahre ist Johanna die erste in ihrer Familie, die an die Uni geht. Mit ihrer Freundin Luzie zieht sie in eine WG nach Freiburg und genießt neue Freiheiten. Als wenig später ihr Vater stirbt, muss sie jedoch zurück nach Hause und den Winzerbetrieb der Eltern übernehmen. Gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter bewirtschaftet sie den Hof am Kaiserstuhl. In einer Welt, in der weibliche Arbeitskräfte nur die Hälfte zählen, müssen die Frauen sich behaupten. Erst recht, als Johanna ein Kind bekommt und sich entschließt, es ohne Vater großzuziehen. Erst recht, als sie sich dem Widerstand der Winzer und Bauern, der Bürger aus Freiburg und der Region gegen ein in der Nähe geplantes Kernkraftwerk anschließt. Auch Luzie, die gerade von einer langen Marokkoreise zurück ist, ist an ihrer Seite. Und plötzlich sieht es so aus, als könne man zusammen etwas erreichen. 

Rezension:

Luzie und Johanna sind beste Freundinnen, bis sich ihre Wege während des Studiums in Freiburg trennen. Abgemacht war, gemeinsam zu reisen, aber Johannas ungeplante Schwangerschaft machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Zudem musste sie den Tod ihres kürzlich verstorbenen Vaters verarbeiten. Als einziges Kind ist es nun Johanna, das die Leitung des Weinguts am Kaiserstuhl übernimmt.
Währenddessen reiste Luzie alleine nach Marokko und kehrt mit belastenden Erinnerungen zurück.
Die Freundschaft hat unter der Trennung und den unterschiedlichen Lebenswegen gelitten. Annäherung schafft das gemeinsame Engagement bei den Protesten gegen den geplanten Bau des Kernkraftwerks in Wyhl. Doch es gibt Dinge, die Luzie verschweigt und Johannas Vertrauen zu erschüttern drohen.

"Sonnenberg" handelt während der ersten vier Monate des Jahres 1975, die im Badischen, aber auch darüber hinaus, vom Widerstand der Bevölkerung gegen die Pläne der Politik zur Nutzung der Kernenergie geprägt war.
Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht von Johanna und Luzie geschildert, wobei die Perspektiven innerhalb der Kapitel ungekennzeichnet wechseln. Der Fokus liegt auf den gegenwärtigen Ereignissen, wobei sich die beiden Hauptfiguren wiederholt in Erinnerungen verlieren, insbesondere Luzie, die in Marokko während der Erforschung des zweiten Rifkabylen-Aufstandes nicht nur positive Erfahrungen sammeln konnte. Das Durcheinander der Erzählweise unterbricht den Lesefluss. 

Durch den Einfluss von Dialekten und den bildhaften Alltagsbeschreibungen erhält man eine klare Vorstellung von der damaligen Zeit und den örtlichen Gegebenheiten.
Im Gegensatz dazu bleiben die Figuren auf Distanz und blutleer. Johanna und Luzie sind nur schwer greifbar, was mitunter an den Geheimnissen liegt, die sie bergen. Der/ dem Leserin wird zu viel vorenthalten, was die Charaktere aber nicht interessanter gestaltet, sondern zu Unverständnis führt. Zudem dreht sich die Geschichte in Bezug auf Luzies unausgesprochene Wahrheiten anstrengend im Kreis. Die Nebencharaktere sind austauschbar, keiner sticht mit einer besonderen Rolle hervor.  

Im Vordergrund stehen die Proteste gegen das KKW Wyhl, in die Luzie und Johanna eingebunden sind, wobei ihr Engagement eher der räumlichen Nähe als echtem Protestwillen geschuldet erscheint. So ist es auch schade, dass die problematische Entwicklung ihrer Freundschaft, Johannas Übernahme des väterlichen Betriebs und ihre persönlichen Probleme als alleinerziehende Mutter und Luzies traumatische Erlebnisse als Randaspekte verbleiben. 

Trotz der interessanten Themen um die Rolle der Frau in den 1970ern, zivilen Ungehorsams, Erpressung und das Auseinanderdriften einer Freundschaft, kommt beim Lesen keine Spannung auf. Die Geschichte wirkt überladen und kann sich jedweder Schwierigkeit nur oberflächlich widmen.