Freitag, 18. September 2026

Buchrezension: Sophie Czerny - Totensee

Inhalt:

Ada Sabel ist am absoluten Tiefpunkt: Niemand glaubt der suspendierten Kommissarin vom LKA Wien, dass ihre 14-jährige Tochter entführt wurde. Seit fünf Monaten muss sie die Ungewissheit ertragen, ob Mara noch am Leben ist. Und mit jedem Tag, an dem sie keinen Hinweis auf Maras Verbleib findet, wächst die Strichliste aus Schnitten an ihren Armen. Bis zu Tag 145, als am Ufer des Donaukanals eine kopflose Leiche auftaucht, auf deren Rücken Adas Name in blutigen Buchstaben eingeritzt ist.
Ada ist sich sicher: Die Botschaft stammt von Maras Entführer. Fieberhaft folgt Ada der Spur auf eigene Faust – nicht ahnend, dass sie mit jedem Schritt auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit näherkommt. 

Rezension:

Ada Sabel ist mit den Nerven am Ende und inzwischen als Ermittlerin beim LKA Wien suspendiert, seitdem ihre 14-jährige Tochter Mara spurlos verschwunden ist.
Als nach fünf Monaten im Donaukanal ein Frauenleiche gefunden wird, in deren Rücken die Buchstaben ADA geritzt sind, ist sich Ada sicher, dass dies eine Botschaft des Entführers ihrer Tochter an sie ist. Ausgehend von der Identifizierung der Frau beginnt Ada auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Spurensuche führt sie zu einem Kinderheim in Bayern, was verdrängte, düstere Erinnerungen in Ada weckt.

Der Thriller handelt auf mehreren Zeitebenen und wird aus der Perspektive verschiedener Personen geschildert. Die Wechsel zwischen den unterschiedlichen Orten, gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen erfolgen sprunghaft und zu Beginn willkürlich. Es wird in Teilen auf die Bezeichnung der Personen verzichtet, so dass sich erst allmählich die einzelne Puzzleteile zusammenfügen, die recht willkürlich zerpflückt worden sind. Dazu kommt, dass die Kapitel mit durchschnittlich drei bis vier Seiten extrem kurz sind, was eher für Unruhe und mangelnde Nähe zu den Charakteren sorgt, als für Spannung und Dynamik.

Der Hintergrund der Entführung von Adas Tochter in Wien und den Mord an der älteren Frau in Berlin, die nicht das einzige Opfer bleibt, ist brutal und ergreifend. Auch ohne dass die Grausamkeiten im Detail erzählt werden, gerät ein Kopfkino in Gang. 

Obschon sich die einzelnen Szenen in Berlin, Österreich und dem süddeutschen Raum im weiter ergänzen und Erklärungen für den Täter liefern, erscheint der Plot in einigen Aspekten wie der mangelhaften Polizeiarbeit, erfolgreicher Vertuschung und Manipulationen in der Vergangenheit und der platzierten Erinnerungslücken Adas konstruiert. Zudem bleiben in Detailfragen der Handlung aufgrund der sprunghaften Erzählweise zu viele Lücken. So stellt sich kein richtiger Lesesog ein, der an den Seiten kleben lässt. 



Mittwoch, 16. September 2026

Buchrezension: Francesca Reece - Die Unmöglichkeit von Liebe

Inhalt:

Auf dem abgeschiedenen Anwesen in den Wäldern von Nordwales gibt es nur sie beide, Olwen und Geth. Hier verlieben sie sich als Jugendliche, küssen sich zum ersten Mal, malen sich aus, die verlassene Villa gehöre ihnen. 
Sie sind jung, verliebt, bis das Leben ihre Wege trennt. Als Olwen und ihr Mann viele Jahre später in die Gegend ihrer Kindheit zurückkommen und das alte Anwesen kaufen, ahnt Olwen nicht, mit welcher unkontrollierbaren Gewalt sich sich immer noch zu Geth hingezogen fühlt. Doch reicht das aus, um ihren Mann James und ihr Leben als Dokumentarfilmerin in London zurückzulassen?

Rezension: 

Geth und Ol wachsen in einer Kleinstadt in Nordwales auf. Während Ol aus einer privilegierten englischen Familie stammt, ist Geth der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich um ein Haus kümmert, das ein englischer Architekt im Wald am See errichtet hat, aber tatsächlich nie darin wohnt. Geth ist fasziniert von dem Anwesen und zieht sich schon als Kind gern dorthin zurück. Dort trifft er sich auch mit Ol, in die er sich verliebt. Ihre Wege trennen sich, als Ol in Oxford studiert und Geth in seiner Heimat bleibt, um Holzfäller zu werden.
Jahre später kehrt Ol, die inzwischen preisgekrönte Filmregisseurin ist, an den Ort ihrer Jugend zurück. Ihr Ehemann James hat das Anwesen mit dem Glashaus am See gekauft, das ihr als Inspiration für neue Projekte dienen soll. Als Ol und Geth sich wieder begegnen, ist die Anziehung zwischen ihnen noch immer vorhanden. Während James in London weilt, beginnt Ol ein Spiel mit dem Feuer.

Der Roman wird zunächst aus der Perspektive von Geth geschildert, wobei ein Schwerpunkt auf die Vergangenheit und das Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen gelegt wird, die den gesellschaftlichen Unterschied von Geth und Ol aufzeigt. Daneben geht es um den Konflikt zwischen Walisern und Engländern und die Protestbewegungen in den 1980er-Jahren.
Mit Ols Rückkehr wechselt auch die Perspektive uns der Fokus richtet sich auf die beiden Erwachsenen im Jahr 2017. Die beiden verleben einen leidenschaftlichen, verbotenen Sommer, der von bedrohlichen Nachrichten überschattet wird, die Ol erhält. 

Auch wenn der deutsche Titel des Romans eine komplexe und dramatische Liebesgeschichte erwarten lässt, wird die Beziehung von Geth und Ol im Wesentlichen auf eine starke körperliche Anziehung reduziert.
Ausgehend von ihren gesellschaftlichen Unterschieden handelt der Roman von sozialer Herkunft, Identität und walisischem Nationalismus. Dabei wird der erzählerische Bogen durch Rückblenden von der aufgeheizten Thatcher-Ära bis zu den aktuellen Problem von Gentrifizierung und Brexit gespannt. 

Die Geschichte ist wehmütig und nostalgisch, geht es doch einerseits um die Bewahrung kultureller Identität, den Kampf um Unabhängigkeit und Gleichberechtigung sowie andererseits um persönliche Entscheidungen und zweite Chancen. 
So sprunghaft die Geschichte zu Beginn durch den willkürlichen Wechsel zwischen einzelnen Episoden in Gegenwart und Vergangenheit erzählt wird, so verwirrend ist auch der Schluss des Romans. Er endet abrupt, lässt Fragen offen und Probleme ungeklärt. 

Montag, 14. September 2026

Buchrezension: John Marrs - The Marriage Act: Bis der Tod euch scheidet

Inhalt:

Verheiratete Menschen sind glücklicher, gesünder und produktiver. Um den Bürgern des Vereinten Königreiches den Hafen der Ehe schmackhaft zu machen, erlässt die Regierung ein Gesetz, das Verheirateten Privilegien verschafft: bessere Schulen für die Kinder, bessere Kredite, bessere Gehälter, Häuser in besseren Wohngegenden. Alles, was man für das schöne Leben tun muss, ist einen Smart-Marriage-Vertrag zu unterschreiben. Doch was bedeutet es, wenn man seine Beziehung einem Algorithmus anvertraut? Ein Witwer versucht verzweifelt, den Tod seiner Frau zu vertuschen, weil er nicht zwangsverheiratet werden will. Eine Hausfrau und Mutter macht Karriere als Vloggerin, bringt dabei aber ihre Familie an den Rand des Ruins. Ein Serienmörder wird zum Paartherapeuten, und ein queeres Paar gerät wegen seiner smarten Ehe in tödliche Gefahr. 

Rezension: 

Studien belegen, dass verheiratete Menschen gesünder, glücklicher und produktiver sind. Um Eheschließungen zu fördern, hat die britische Regierung deshalb das Gesetz für die Unantastbarkeit der Ehe erlassen. Wer den Vertrag über eine Smart-Ehe abschließt, kommt in Genuss zahlreicher (finanzieller) Privilegien, verpflichtet sich jedoch auch, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte es in der Ehe kriseln. Um dies zu garantieren, werden Gespräche der Ehepartner aufgezeichnet und ausgewertet.
Das Gesetz hat zahlreiche Befürworter, aber auch immer mehr Gegner, die zum Widerstand aufrufen, den Tod einer bekannten Influencerin zur Folge hat.

"The Marriage Act" ist die lose Fortsetzung 
von "The ONE. Finde dein perfektes Match", als mittels eines Gentests der perfekte Partner gefunden werden sollte. Nunmehr ist es KI, die den Menschen überwacht, um dafür Sorge zu tragen, dass die Ehen stabil sind oder im Zweifel ein neue Verbindung eingegangen werden muss.

Der Roman wird in kurzen Kapiteln aus fünf verschiedenen Perspektiven geschildert, wodurch ein Einblick in den Alltag von Gegnern und Befürwortern des Gesetzes in verschiedenen Lebenssituationen ermöglicht wird.

Jeffrey ist einer der staatlichen Beziehungsbegleiter, der die Ehe eines homosexuellen Paares optimieren soll, allerdings eine persönliche Agenda verfolgt.
Arthur versucht seiner Beziehungsbegleiterin auszuweichen, um zu verhindern, dass er von seiner an Demenz erkrankten Frau getrennt und zwangsweise neu verpartnert wird.
Corrine steht kurz vor der Scheidung ihrer herkömmlichen Ehe, die jedoch von ihrem Ehemann hinausgezögert wird.
Roxi ist eine krasse Befürworterin von Überwachung durch KI, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Sie propagiert ihre Meinung online und gibt alles dafür, berühmt zu werden.
Anthony arbeitet für die Regierung, wobei er im Verborgenen tätig ist und nicht einmal seine Frau weiß, wozu er fähig ist.

"The Marriage Act" ist ein fesselnder Near-Future-Roman mit einem Szenario, dass sich erschreckend realistisch anfühlt. Die Smart-Ehe, die von der britischen Regierung als Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme propagiert wird, bedeutet eine Zweiteilung der Gesellschaft, in diejenigen, die eine Smart-Ehe eingehen und diejenigen, die diese ablehnen sowie eine Überwachung durch den Staat und KI. Freiheit und Gleichheit gibt es in einem solchen System nicht mehr, was ein Großteil der Bevölkerung jedoch zu spät erkennt.
Aus den unterschiedlichen Perspektiven geschildert, zeigt sich schon bald, dass nur mit Repression und Gewalt an dem neuen Ehegesetz festgehalten werden kann. Gleichzeitig scheinen sich auch die Gegner zu radikalisieren. Was dies für die einzelnen Figuren bedeutet, ist grausam und beängstigend, insbesondere wenn sie versuchen, aus dem System zu entkommen.

Das Worldbuilding ist originell und kombiniert gelungen Dystopie und Thriller mit Gesellschaftskritik. Der Roman handelt vom Zwiespalt aus Freiheit und Kontrolle, Autonomie und Sicherheit und wie leichtsinnig Menschenrechte für Versprechungen von höchster Stelle aufgegeben werden. Es geht um Manipulation, Erpressung, Hass bis hin zum Mord, was die gefährlichen Folgen der Gesetzgebung auf eindringliche Weise zeigt, die Geschichte aber auch etwas einseitig werden lässt.