Montag, 6. April 2026

Buchrezension: Amy Tintera - All your pretty lies. Glaubst du deinen Lügen?

Inhalt:

Vor fünf Jahren wurde Lucy nachts auf einer einsamen Landstraße in Texas aufgegriffen – ohne jede Erinnerung an die letzten Stunden und mit dem Blut ihrer besten Freundin Savvy an ihrem Sommerkleid. Fünf Jahre, in denen sie verzweifelt versucht hat, sich daran zu erinnern, ob sie Savvy umgebracht hat. Fünf Jahre, in denen alle sie für die Mörderin halten, auch wenn es keinerlei Beweise dafür gibt. Als ein erfolgreicher True-Crime-Podcast den Fall jetzt wieder aufnimmt, wird Lucy, die sich weit weg von ihrer kleinen Heimatstadt ein neues Leben aufgebaut hat, ins grelle Licht der Öffentlichkeit gezerrt – und mit ihr die Wahrheit darüber, was in jener verhängnisvollen Nacht geschehen ist. Kann Lucy die Wahrheit wirklich ertragen? Und was, wenn die Wahrheit noch gefährlicher ist, als sie es sich je vorgestellt hat? 

Rezension:

Vor fünf Jahren wurde Lucy verwirrt und blutverschmiert am Straßenrand aufgefunden - und ihre beste Freundin Savvy unweit entfernt tödlich verletzt. Ohne Erinnerungen an den Abend wurde Lucy in dem Mordfall zur Hauptverdächtigen und selbst ihre Eltern dachten, dass Lucy Savvy getötet hat. Ein Tatnachweis war allerdings nicht möglich und das Verbrechen blieb unaufgeklärt. Lucy kehrte der Kleinstadt in Texas den Rücken und fing in Los Angeles ein neues Leben an.
Anlässlich des 80. Geburtstags ihrer Großmutter kehrt sie nach Plumpton zurück, wo bereits der bekannte True-Crime-Podcaster Ben Owens wartet, der sich zum Ziel gesetzt, den Mord an Savvy aufzuklären. Lucy ist gezwungen, sich mit ihrer unbequemen Vergangenheit auseinanderzusetzen, auch wenn das bedeuten sollte, sie als Täterin zu entlarven.

Lucy kehrt in ihren Heimatort zurück, wo sie jeder für eine Mörderin hält. Statt gegen Feindseligkeit und Misstrauen anzukämpfen und sich zu verteidigen, sucht Lucy die Konfrontation und reagiert mit Provokation und Sarkasmus. Nur ihre Großmutter scheint an ihre Unschuld zu glauben und hofft, dass der Podcast die Wahrheit ans Licht bringen kann.

Der Roman wird aus Lucys Perspektive geschildert, die keine Erinnerungen an den Abend hat, als ihre beste Freundin ums Leben gekommen ist. Während böse Zungen die Amnesie als Ausrede oder Lüge interpretieren, kann es sich auch um die Folge eines schweren Traumas handeln, was die Schuldfrage offen lässt.

Neben Lucys gegenwärtiger Sicht und Szenen des Abends vor fünf Jahren, wird die Handlung mit Ausschnitten der Podcast-Folgen ergänzt, in denen Ben Interviews mit den Bewohnern Plumptons führt, die den Abend rekonstruieren sollen, aber auch Lucy und Savvy charakterisieren und Einblicke in das Beziehungsgeflecht der Kleinstadt geben.

Die unterschiedlichen Blickwinkel sorgen für anhaltende Spannung. Lucys sarkastische Art und die Stimme in ihrem Kopf, die sie wiederholt auffordert, zu töten, haben einen hohen Unterhaltungswert und schüren Zweifel, ob Lucy vertrauensvoll ist. Gleichzeitig offenbart Bens Hartnäckigkeit mehr als eine schmutzige Wahrheit über die Kleinstadtbewohner.

"All your pretty lies" ist ein Thriller über trügerische Erinnerungen und toxische Beziehungen, der voll bitterer Ironie und einer Hauptfigur, die es liebt, zu schockieren, einen Blick hinter die Fassade einer Kleinstadt wirft. Der True-Crime-Podcast, der von der Sensationsgier der Zuhörer lebt, setzt den Impuls für die Aufklärung des Cold Cases und verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf spannende und unterhaltsame Weise. Zu hinterfragen ist am Ende jedoch, ob die Polizei nicht schon allein durch die Überprüfung von Alibis den Fall fünf Jahre zuvor hätte aufklären können. 

Samstag, 4. April 2026

Buchrezension: Sven Jacobs - Letzte Stunde Tod

Inhalt:

Eine harmlose Verabredung endet für den jungen Lehrer Max Schilling in einem Albtraum. Sein Date liegt blutüberströmt in seinem Bett, und der Killer ist noch in der Wohnung. Er schreibt bedrohliche Nachrichten und lockt Max damit in eine Falle. Als Max im Krankenhaus aufwacht, verdächtigt ihn die Polizei. Eine tödliche Spirale aus unerklärlichen Unfällen und brutalen Morden beginnt. Im Schatten lauert jemand, der Max vernichten will. Ein erbarmungsloser Wettlauf gegen einen unsichtbaren Gegner beginnt. 

Rezension:

Max ist Lehrer an einer Bonner Schule. Bei seinen Schülern ist er beliebt und im Kollegenkreis hat er enge Freunde. Max ist ungebunden und hat unverbindliche Affären mit Partnern, die er über eine Dating-App kennenlernt. Als er seinen letzten One-Night-Stand erneut aufsucht, um seine vergessene Armbanduhr abzuholen, findet er diesen in seiner Wohnung ermordet vor. Max selbst wird angegriffen, aber nicht lebensbedrohlich verletzt.
In der Folge ereignen sich weitere tödliche Angriffe und Attacken in seinem Umfeld. Max wird vom Opfer selbst zum Verdächtigen und muss sich gegen absurde Unterstellungen behaupten. Jemand scheint ein perfides Spiel mit Max zu spielen, aber er hat keine Ahnung, wer ihm aus welchem Grund das Leben zur Hölle machen sollte.

Max hat einen unbekannten Schatten, der ihn beobachtet und sich offenbar bewusst Kontakte von Max aussucht, um diese zu töten, zu verletzen oder zu erpressen. Denkt man zunächst, dass es sich um einen homophoben Täter handelt, der Max' amouröse Abenteuer unterbinden möchte, ziehen die indirekten Attacken bald so weite Kreise, dass Motiv und Täter überall lauern könnten.

Die Ereignisse überschlagen sich und lassen Max nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Polizei tappt im Dunkeln und die Spurensuche, egal ob digital oder analog, gestaltet sich schwierig.
Der Thriller ist spannend, denn eine andauernde Bedrohung ist spürbar und sorgt für Gänsehaut. Der Täter scheint aus Max' engstem Umkreis zu stammen und ist im Hinblick auf sein Ziel unberechenbar.

Trotz des originellen Plots hat der Roman ein paar Schwächen. So sind die Dialoge oft hölzern und das Geplänkel von Max und seine Freunden, das Rumalbern und Flirten, zu plump und nicht zur angespannten Lage passend. Dazu kommt, dass die Handlung Anfang Januar spielt, wenn Weihnachtsf
erien sind und damit das falsche Timing für Unterrichtsszenen sind. Auch eine Taxifahrt im T-Shirt passt da nicht. 

Die Auflösung mit blutigem Showdown kommt nicht ganz überraschend, setzt aber am Ende - bis auf offensichtlich falsch Fährten, die ins Leere führen - alle Puzzleteile schlüssig zusammen. Zu einem Thriller passend, bleibt ein Happy End aus. 

Freitag, 3. April 2026

Buchrezension: Florian Scheibe - Die Verluste

Inhalt:

Braunschweig, Berlin, Bodensee – die Geschichte einer Familie zwischen Zusammenhalt und Lebenslügen, erzählt aus der Sicht ihrer fünf Mitglieder. Klaus Werner, ein wackliger Patriarch, liebäugelt mit der Idee, sich angesichts der Krisen der Welt einen privaten Luxus-Bunker bauen zu lassen; seine Frau Kaja plant lieber die perfekte Familienfeier zum 80. Geburtstag ihres Mannes; die drei Kinder führen ihre eigenen Kämpfe: ein blockierter Schriftsteller, ein wütender Augenarzt und eine verzweifelte Umweltaktivistin. Und über allem thront Großmutter Ruth, die zwei Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Schonungslos und mit entlarvendem Humor erzählt Florian Scheibe in seinem großen Familienroman von den Brüchen unserer Gegenwart.

Rezension: 

Klaus Werner, millionenschwerer Unternehmer im Ruhestand, lebt seit über zwanzig Jahren mit seiner jung gebliebenen Ehefrau Kaja in der Schweiz am Bodensee. Kurz vor seinem 80. Geburtstag befällt ihn eine diffuse Angst, weshalb er den Bau eines Bunkers auf seinem Grundstück beabsichtigt. Dies lässt die Erben aufhorchen, die eher selten den Weg von Deutschland in die Schweiz finden. 
Der älteste Sohn Stefan ist Augenarzt mit eigener Praxis in München und schafft es kaum mehr, seine Aggressionen im Zaum zu halten. Sein jüngerer Bruder Jonas schreibt seit sieben Jahren ideen- und inzwischen mittellos in Berlin an seinem zweiten Roman und Nesthäkchen Anna hat sich der Rettung der Meere verschrieben und den Kontakt mit ihrer Familie weitgehend abgebrochen. 
Jedes Familienmitglied versucht verzweifelt die Fassade aufrechtzuerhalten, während die jeweils anderen das ganze Ausmaß ihrer Probleme nur erahnen können. 

Der Roman wird aus der Perspektive jedes Familienmitglieds geschildert, so dass man jeweils Einblick in die eigene Sicht, Gedanken und Gefühle und die Reaktion der anderen darauf erhält. Während jeder von ihnen um sich selbst kreist und Probleme mit sich allein ausmacht, wird die Fassade immer brüchiger und immer schwieriger, das eigene Fehlverhalten zu verbergen. 

Die Geschichte, die abwechselnd in Berlin, München und Landschlacht am Bodensee handelt, wird lebendig, abwechslungsreich und unterhaltsam erzählt. Jeder Protagonist erhält eine eigene Erzählstimme und ist facettenreich dargestellt. Es sind originelle, feinfühlig gezeichnete Figuren, die zwar völlig unterschiedlich sind, sich in ihrem Problemverhalten aber ähneln, was neben der familiären Verbindung der rote Faden der Geschichte ist. 

Scharfsinnig und mit feiner Ironie wird das Verhalten der Walters seziert. Trotz der ernsthaften Probleme macht es unheimlich Spaß hinter die Fassade der Charaktere zu blicken und zu beobachten, wie sie sich ihren Problemen widmen, sie ignorieren, verdrängen, prokrastinieren oder ein wackliges, wenn auch kreatives, Lügengebilde aufbauen.  

"Die Verluste" ist das Porträt einer wohlhabenden Familie, die droht, an ihren ungelösten Konflikten und Unzulänglichkeiten zu zerbrechen. Die Geschichte handelt von Generationenkonflikten, Enttäuschungen, Zukunftsängsten, mentaler Gesundheit und dem Wunsch, den eigenen Erwartungen zu entsprechen, die Erwartungen anderer zu erfüllen und dennoch oder trotzdem kläglich zu scheitern.