Montag, 2. Februar 2026

Buchrezension: Liz Moore - Der andere Arthur

Inhalt:

Arthur Opp, einst Literaturprofessor, wiegt mittlerweile 250 Kilo und hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht mehr verlassen. Die wenigen Schritte zur Haustür, um Lieferungen entgegenzunehmen, sind seine tägliche Herausforderung. Nur 30 Kilometer entfernt kämpft der siebzehnjährige Kel um seinen Schulabschluss und die Chance auf ein besseres Leben: ein Sportstipendium. Doch während er um seine Zukunft ringt, hält ihn die Sorge um seine kranke Mutter in Atem. Arthur und Kel sind zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten - und doch etwas Entscheidendes teilen: ihre Einsamkeit. Als sich Kels Mutter, einst Arthurs Studentin, nach Jahren der Funkstille mit einem verzweifelten Hilferuf an ihn wendet, nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die alte Wunden aufreißt, aber auch neue Wege freilegt und eindrücklich zeigt, wie in der Fürsorge für andere die eigene Rettung liegen kann. 

Rezension:

Der ehemalige Literaturprofessor Dr. Arthur Opp führt ein zurückgezogenes Leben in seinem Haus in Brooklyn. Er verlässt es nur noch, um den Müll hinauszubringen, denn er ist stark übergewichtig und ist durch Lieferdienste gut versorgt. Als ihn eine frühere Studentin kontaktiert, mit der er noch vor Jahren in einem engen Briefkontakt gestanden hat, erfährt er überraschend, dass sie einen Sohn hat. Charlene bittet Arthur um Unterstützung, da der sportbegeisterte 18-jährige Kel aufs College gehen soll. Arthur möchte helfen, schämt sich jedoch für die Lügen, die er Charlene aus Schaum erzählt hat. Doch auch sie hat Geheimnisse, die für ihren Sohn zunehmend zu einer Belastung werden. 

"Der andere Arthur" ist nach "Long Bride River" und "Der Gott des Waldes" ein älteres Buch der Autorin, das ins Deutsche übersetzt wurde und als eines ihrer Erstlingswerke nicht so stark wie die beiden Bestseller.
Der Roman wird abwechselnd, zunächst in längeren Abschnitten, dann in kürzeren Kapiteln aus den Perspektiven von Arthur und Kel erzählt. Beide befinden sich in unterschiedlichen Lebenssituationen, sind jedoch beide auf ihre Art Außenseiter und allein. 
Arthur ist gut situiert, versteckt sich aufgrund seines Übergewichts jedoch in seinem Haus. Die Reinigungskraft Yolanda ist die erste, die er nach einem Jahrzehnt wieder hineinlässt, um sein Haus vorzeigbar zu machen, als er mit einem Besuch von Charlene rechnet. 
Kel ist ein mittelmäßiger Schüler, aber ein talentierter Baseballspieler und hofft, dass er eine Profi-Karriere einschlagen kann. Freunde kann er nicht zu sich nach Hause lassen, denn er schämt sich für seine Lebensverhältnisse und das Verhalten seiner Mutter. Wie schlimm es tatsächlich um sie steht, wird Kel erst bewusst, als Charlene ins Krankenhaus kommt und er ganz auf sich gestellt ist. 

Die Geschichte wird warmherzig und lebendig erzählt und es ist bildhaft vorstellbar, wie Arthur und Kel leben. Es sind tragische Situationen, die realitätsnah erscheinen und deshalb so schmerzhaft sind. Arthur und Kel haben beide Verluste erlitten und sind gesellschaftlich isoliert. Beide verstecken sich und kommen zurecht, solange nichts Unerwartetes passiert. Charlenes Hilflosigkeit bringt beide dazu zu handeln. 

Der Roman ist mit seiner Zielrichtung vorhersehbar, entwickelt sich aber dennoch etwas anders als erwartet. Beide Erzählstränge bleiben trotz der Verbindung über Charlene überraschend isoliert, was beide Charaktere unabhängig voneinander in Szene setzt. 

"Der andere Arthur" schildert auf empathische Art und Weise Wege aus der sozialen Isolation zurück in die Gesellschaft und zeigt gleichzeitig, wie leicht es ist, aus ihr herauszufallen und abgeschottet in einer Großstadt verloren zu sein. Neben vielen Widrigkeiten und Rückschlägen ist die Geschichte dennoch niemals deprimierend, denn Fürsorge und Hilfsangebote bleiben nicht aus, müssen nur angenommen werden. Sie endet deshalb hoffnungsvoll, auch wenn Fragen offen bleiben. 

Freitag, 30. Januar 2026

Buchrezension: Judith Hoersch - Niemands Töchter

Inhalt:

Alma ist Niemands Tochter. Sie wächst in den Achtzigerjahren in der Eifel auf, doch das kluge und neugierige Mädchen fühlt sich fremd in seiner Familie. Denn um seine Herkunft wird geschwiegen.
Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort vermisst noch eine Frau ihre Mutter schmerzlich – Isabell, die 2019 in Berlin lebt. Diese Leerstelle hat ihre Vergangenheit geprägt, und beeinflusst noch immer ihre Gegenwart, ihr Fühlen und Denken und ihr eigenes Familienleben.
Als sich Almas und Isabells Wege auf schicksalshafte Weise. 

Rezension:

Gabriele kehrt mit der neugeborenen Alma Anfang der 1980er-Jahre zu ihren Eltern in die Eifel zurück, denn in Berlin kann sie als Alleinerziehende nicht mehr bleiben. Alma entwickelt sich zu einem aufgeweckten Kind, aber der Vater bleibt eine Leerstelle in ihrem Leben. Doch da ist noch mehr, was Gabriele verschweigt.
Marie möchte mit ihrer zweiten Tochter alles besser machen und setzt sie sehr zum Missfallen ihres Mannes an erste Stelle. Sie schwört Isabell, sie vor allem zu beschützen, kann ihr aber Versprechen nicht halten.
Isabell ist Mutter der dreijährigen Ruby und im Umgang mit ihr gehemmt, denn ihre Ängste lähmen sie. Sie vermisst ihre eigene Mutter und versucht anhand der von ihr hinterlassenen Polaroidbilder mehr über sie zu erfahren.

"Niemands Töchter" wird aus wechselnden Perspektiven der vier Hauptfiguren geschildert, wobei die Erzählung nicht chronologisch erfolgt. Im Wechsel zwischen Vergangenheit ab 1981 und der Gegenwart im Jahr 2020 geht es um komplexe Mutter-Tochter-Beziehungen, um überforderte, verzweifelte, abwesende, einsame und trauernde Mütter sowie die Suche nach Identität, Heimat und Geborgenheit. 

Für einen Roman allein sind vier Frauen mit schwierigen Verhältnissen im Umgang mit ihrer Mutter und/ oder Tochter viel, so dass die Ergründung ihrer Probleme nicht tief geht. Dennoch berühren die Schicksale und es fällt nicht schwer, sich in die Frauen hineinzuversetzen, die fehlerbehaftet sind und Geheimnisse bergen. 
Im Verlauf der Geschichte wird immer besser nachvollziehbar, welche Wunden vorhanden sind und wie sich Traumata der Vergangenheit auf die Gegenwart und die nachfolgende Generation auswirken. Die Verbindung der einzelnen Handlungsstränge ist weniger geheimnisvoll als gedacht, was die Spannung und Dramatik jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt. 

Mittwoch, 28. Januar 2026

Buchrezension: Kira Mohn - Alle glücklich

Inhalt:

Nina: Mutter, Ehefrau, MTA. Erfüllt alle Rollen, doch daneben gibt es eine, von der niemand etwas weiß.
Alexander: Oberarzt, Ehemann, Vater. Tut alles für seine Familie, opfert sich auf als Arzt – und wer dankt es ihm?
Emilia: Gymnasiastin. Zum ersten Mal richtig verliebt. Sucht ihren eigenen Weg, geht aber den des Freundes.
Ben: Student. Es geht ihm gut. Es geht ihm wirklich gut. Verdammt noch mal, es geht ihm gut!
Nina, Alexander, Emilia und Ben. Eine liebevolle Mutter, ein beruflich erfolgreicher Vater, zwei wohlgeratene Kinder. Doch wenn der Druck steigt, reißt die Fassade auf. 

Rezension:

Die vier Holtsteins sind eine Bilderbuchfamilie: Vater, Mutter und zwei Teenager ohne Geldsorgen in München.
Alexander ist Arzt im Krankenhaus und sieht sich als Ernährer der Familie. In seinem Beruf geht er auf, Zeit für seine Frau und die Kinder bleibt wenig. Nina arbeitet, seitdem die Kinder größer sind, halbtags als Arzthelferin, ihr Medizinstudium konnte sie als zweifache Mutter nicht beenden. Heimlich hat sie einen Job als Kassiererin in einem Supermarkt angenommen, um nicht jeden Friseurbesuch vor ihrem Mann rechtfertigen zu müssen.
Die 16- jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten richtigen Freund, aber verunsichert, weil so viel souveräner und erfahrener ist als sie. Ihr älterer Bruder hat hingegen keine Erfahrungen in Liebesdingen. Ben studiert, zieht sich aber darüber hinaus in sein Zimmer vor den Computer zurück. Er würde gerne raus aus der Passivität und findet im Internet einen Mentor, der ihn motiviert.

Die vier Holtsteins sind grundsätzlich glücklich, aber ein Blick hinter die Fassade zeigt, dass es in jedem von ihnen brodelt.

Der Roman wird abwechselnd aus allen vier Perspektiven geschildert, wobei der Alltag in einer Familie mit Teenagern realitätsnah abgebildet wird. Die Ehe ist von einer fehlenden Romantik geprägt und zunehmende Streits und unterschiedliche Erwartungen gefährden die Harmonie. Die Teenager führen ihr eigenes Leben und ziehen sich aus der Fürsorge der Eltern zurück.

Im Vordergrund stehen die Emotionen und das, was jedes Familienmitglied innerlich bewegt. Es ist spürbar, dass die Familie sich auseinandergelebt hat und nicht so glücklich ist wie sie sein möchte. Die Emotionen - egal ob Wut, Enttäuschung, Verzweiflung oder Liebe - führen auch dazu, dass sich in jedem Leben etwas bewegt. Jeder bringt für sich einen Stein ins Rollen, das nicht nur das fragile Familiengefüge weiter erschüttern, sondern auch zu einer persönlichen Katastrophe führen könnte.
Drastisch wird aufgezeigt, was sich aus andauernder Unzufriedenheit, fehlendem Verständnis und mangelnder Kommunikation entwickeln kann. Dies sorgt für Spannung und Dramatik, wobei in einer Familie innerhalb kurzer Zeit wirklich viel ins Wanken gerät, was trotz der alltagsnahen Darstellung in Summe überspitzt ist. Dass die Geschichte abgewürgt mit einem einzigen Scherbenhaufen endet, wirkt unentschlossen und unglücklich unfertig.