Montag, 18. Mai 2026

Buchrezension: Lucy Steeds - The Artist

Inhalt: 

Provence, um 1920. Venez. Kommen Sie. Mehr steht nicht in dem Brief. Und doch sieht sich Joseph Adelaide am Ziel seiner Träume: Er, ein noch völlig unbekannter Journalist, darf den weltberühmten Maler Édouard Tartuffe interviewen, der sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzieht.
In dem abgelegenen Landhaus in der französischen Provinz erwartet Joseph dann allerdings eine Überraschung. Nur wenn er Tartuffe Modell sitzt, darf er über ihn schreiben.
In der flirrenden Sommerhitze erkennt Joseph bald, dass das größte Rätsel jedoch nicht der "Meister des Lichts" ist, sondern Tartuffes Nichte. Ettie kocht, putzt, wäscht Pinsel und erträgt Tartuffes Launen mit unergründlicher Hingabe. Doch etwas brodelt in ihr. Joseph fühlt sich immer mehr zu ihr hingezogen. Und langsam, Schicht für Schicht wie in einem Gemälde, kommt ihr Geheimnis ans Licht. 

Rezension: 

Joseph Adelaide arbeitet für eine Londoner Zeitschrift und erhält im Sommer 1920 die Gelegenheit, ein Interview mit dem zurückgezogen lebenden Künstler Édouard Tartuffe zu führen. In Saint-Auguste s gekommen, trifft er auf einen wortkargen Egozentriker, der keinerlei Bedürfnis verspürt über seine Kunst oder sich zu sprechen. Joseph darf jedoch bleiben, um ihm Modell zu sitzen.
In dem Bauernhaus in der Provence lebt auch Tartuffes Nichte Sylvette, die ihren Onkel scheinbar ergeben bei seiner Arbeit unterstützt. Doch sie hat dunkle Gedanken und verbirgt ein Geheimnis. Mit der Anwesenheit von Joseph verstärkt sich ihre Sehnsucht nach Leben und dem Ende eines Schattendaseins. 

Der Roman beginnt explosiv mit einem Prolog, der neugierig auf den Verlauf der Geschichte macht, aber auch den Kern der Geschichte früh vorwegnimmt. Etties Geheimnis offenbart sich der/ dem LeserIn weit früher als Joseph es wahrhaben kann. Dennoch bleibt eine unterschwellige Spannung um die Frage enthalten, wie diese sich letztlich entladen wird. 

Der Roman konzentriert sich auf die drei Hauptfiguren Tartuffe, Ettie und Joseph, wobei anders als gedacht, der "Meister des Lichts", der gottgleiche Künstler, der auch von Joseph verehrt wird, nur eine untergeordnete Rolle erhält. Er verbleibt weitgehend als Klischee des exzentrischen, schwer umgänglichen Künstlers. 

Die Auswirkungen des Großen Krieges sind im Sommer 1920 noch gegenwärtig. Sowohl Ettie als auch Joseph leiden unter den Erfahrungen, die sie machen mussten. 
Während für Ettie sich das Bauernhaus wie ein Gefängnis anfühlt, ist es für Joseph ein willkommener Fluchtort aus seinem Leben in London. 
Joseph und Ettie teilen, geprägt von Verlusten, Zurückweisung und mangelnder Anerkennung, eine Verletzlichkeit, die sie verbindet. Unweigerlich fühlen sie sich schon bald zu einander hingezogen - ein Verlangen, das unter der strengen Kontrolle Tartuffes nicht sein darf. 

Die Geschichte um Selbstbehauptung und die Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft zur damaligen Zeit ist nicht neu, wird aber bildgewaltig zu einem sinnlichen Leseerlebnis. Eindrucksvoll beschreibt die Autorin das Schaffen eines Künstlers, die bunten Farben im Sommer in der Provence, die Haptik der Lebensmittel, die Arbeit mit Licht und Gemälde mit keinen klassisch schönen Motiven. Die Erzählung, die fiktiv ist, als historischer Roman aber viele Wahrheiten enthält findet jedoch in Bezug auf die Personenentwicklung und Etties Entscheidung ein abruptes Ende. 

Freitag, 15. Mai 2026

Buchrezension: Lena Kupke - Pause

Inhalt:

Nach einem einschneidenden Erlebnis zieht Hanna Hals über Kopf von Berlin in ihre alte Heimat Lüneburg zurück – zu ihren Eltern, in ihr altes Kinderzimmer, das mittlerweile das Büro ihres Vaters ist, samt Drucker, elektrischen Rollos und 90-cm-Gästebett. Doch wie soll das funktionieren: ein Familienalltag von null auf hundert mit drei erwachsenen Menschen, die seit jeher Konflikte lieber unter den Teppich kehren, als sie zu klären? Zwischen alten und frischen Wunden muss Hanna lernen, sich selbst zu heilen und ihre Familie mit anderen Augen zu sehen. Und sie entdeckt, dass einen die Liebe auch in den hilflosesten Momenten findet. 

Rezension: 

Hanna kommt nach einem Zusammenbruch während eines beruflichen Termins ins Krankenhaus und muss sich dort von ihren Eltern abholen lassen, da keiner ihrer Freunde sich die Zeit für sie nehmen kann. Bei ihren Eltern fühlt sich Hanna geborgen, aber mit der Diagnose Panikattacke können die beiden wenig anfangen. Aus einer Nacht werden ungewollt mehr, wobei Hanna sich nur schwer damit abfinden kann, als 36-jährige Frau im ehemaligen Kinderzimmer zu wohnen und sich an die Routinen ihrer Eltern anzupassen. 

Der Grund für Hannas Zusammenbruch wird nicht explizit genannt. Selbst Hanna kann nicht den Gedanken zulassen, der sie so schmerzt. Durch Aussagen und Begegnungen, die sie triggern und für Heulkrämpfe, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sorgen, wird der Auslöser für ihr Trauma die/ dem LeserIn auf schmerzhafte Weise bewusst.  

Die Tabuisierung des "Themas" zeigt die heillose Überforderung von Eltern und Freunden. Hanna erhält zwar mit der Rückkehr nach Lüneburg die Geborgenheit eines Zuhauses, ist aber dennoch auf sich allein gestellt. Zudem ist das Gefühl des Versagens virulent, wenn nichts mehr anderes übrig bleibt, als von Berlin zu den alternden Eltern zu ziehen, die sich durch die Anwesenheit ihres Kindes in ihren gewohnten Abläufen gestört fühlen. 

Die Erzählung wirkt lebensecht und trotz der Trauer, die in Hanna steckt, unfreiwillig komisch, wenn Hanna hinsichtlich ihrer körperlichen Befindlichkeiten oder den nüchternen Blick auf ihre biedere Heimatstadt kein Blatt vor den Mund nimmt. Ihr neuer Alltag, so ereignislos er auch sein mag, wird lebendig und unterhaltsam geschildert. Hanna ist eine nahbare Person, in die man sich sehr gut hineinversetzen kann, insbesondere als sie im weiteren Verlauf der Handlung ihre Gefühle zulässt. Traurigkeit, Scham und Frust bis hin zu Zerstörungswut ringen in Hanna, die sich nicht wahrgenommen fühlt, aber auch niemandem zur Last fallen möchte. 

Eine Pause ist das, was Hanna braucht und was sie erst lernen muss, sich einzugestehen. Die Geschichte ist ehrlich, zeitgemäß und hat ein hohes Identifikationspotenzial, schließlich kann jede an einen Punkt gelangen, an dem sie nicht mehr weiter weiß. 
Der Roman handelt eindrücklich und ungeschönt ehrlich von Trauer, Einsamkeit und mentaler Gesundheit und zeigt, wie schwer der Umgang damit Betroffenen selbst, aber auch den Angehörigen, fällt. 

Mittwoch, 13. Mai 2026

Buchrezension: Meredith Lavender & Kendall Shores - Happy Wife

Inhalt:

Nora passt nicht nach Winter Park, Florida, wo sich alte Küsten-Elite mit neureichen Influencern mischt. Mit 28 Jahren jobbt sie im Country Club und fragt sich, warum alle anderen auf der Überholspur des Lebens an ihr vorbeiziehen. Ihr Schicksal wendet sich, als sie den deutlich älteren Will trifft: Er ist gutaussehend, reich und frisch geschieden. Hals über Kopf verlieben sich die beiden ineinander und feiern kurze Zeit später eine Hollywood-reife Hochzeit.
Doch dann verschwindet Will nach einer Party spurlos. Der Skandal ist perfekt. Hat er seine junge Frau genauso schnell verlassen, wie er sie geheiratet hat? Ist er schon mit der Nächsten durchgebrannt? Oder ist ihm etwas zugestoßen … Hinter vorgehaltener Hand wird viel getuschelt, und Nora gerät unter Verdacht. Um ihre Unschuld zu beweisen, hat sie nur eine Chance: Sie muss Will finden. 

Rezension:

Nora arbeitet mit Mitte 20 als Schwimmlehrerin in einem Country Club, wo die reiche Elite Floridas Zuhause ist. Dort lernt sie den 18 Jahre älteren Will kennen, einen charismatischen Anwalt, der frisch geschieden ist. Sie verlieben sich ineinander und heiraten wenig später spontan im Urlaub in der Karibik. 
Nora fühlt sich in dem elitären Viertel Winter Park nicht wohl und wird von den allermeisten Bewohnern abgelehnt oder argwöhnisch als unpassend für Will betrachtet. Doch Nora macht gute Miene zum bösen Spiel und richtet die Party für Wills 46. Geburtstag aus. In der Nacht darauf verschwindet er spurlos und gilt seitdem als vermisst. Nora gerät in das Visier von Medien und Polizei und stellt Nachforschungen an, um Will zu finden und ihre Unschuld zu beweisen. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wechselt dabei zwischen dem "Davor", der Entwicklung der Liebesgeschichte von Nora und Will und dem "Danach", der fieberhaften Suche nach Wills mysteriösem Verschwinden. 

Nach einer stürmischen Liebeshochzeit gelangt Nora schnell auf den Boden der Tatsachen, als sie in der elitären Gemeinschaft von Winter Park im Vergleich zu Wills Exfrau wie eine Aussätzige behandelt wird und auch Wills Charakter seine Schattenseiten zeigt. Der Reichtum kann ihre emotionale Einsamkeit nicht kompensieren.
Nach Wills Verschwinden wittert Winter Park einen Skandal und würde nur zu gern sehen, dass Nora für das mysteriöse Verschwinden ihres Ehemanns verantwortlich ist.
Nora bewegt sich zwischen Unglaube, Verzweiflung und Wut. Ihre Emotionen sowie der Wunsch, selbst herausfinden, was mit Will passiert ist, sind nachvollziehbar.

Auch wenn es einzelne Hinweise auf Probleme in seiner Kanzlei und insbesondere mit seinem Partner Fritz gibt, kann über den tatsächlichen Grund nur spekuliert werden, insbesondere da es nur wenig Einblicke in die Ermittlungen der Polizei gibt, die erst einmal die neue Ehefrau als Hauptverdächtige führen.
Ohne neuen Input zieht sich die Geschichte ein wenig in die Länge und bleibt hinsichtlich der Bewohner Winter Parks so oberflächlich wie die Menschen selbst. 

"Happy Wife" ist eine solide Mischung aus Krimi, Sozialstudie und Drama, die nicht mörderisch spannend ist, aber bis zum Schluss gut unterhält und zeigt, dass nicht alles Gold ist, das glänzt.