Montag, 13. Juli 2026

Buchrezension: Maria Nikolai - Little Germany: Der Geschmack von Freiheit (Die Bäckerinnen von Manhattan, Band 2)

Inhalt:

Little Germany, Manhattan, 1904: Eine verheerende Katastrophe hat das deutsche Viertel in Schockstarre versetzt. Trotz des schweren Schicksalsschlags, der auch sie getroffen hat, kämpfen Lissi und Julia weiter für ihre Bäckerei und ihr persönliches Glück. Doch bald schon zeichnet sich ab, dass Little Germany nie mehr die Heimat sein wird, zu der es für sie geworden war. Noch einmal müssen die beiden jungen Frauen von vorn beginnen – und eröffnen "Lissi's Kleine Konditorei" auf der 86th Street in Yorkville. Wie ein aufstrebender Stern am German Broadway erobert die schwäbische Confiserie schnell die Herzen aller. Währenddessen müssen sich Julia und Lissi ihrer Vergangenheit stellen, denn zwei Männer aus ihrem alten Leben treiben sie nicht nur in ein Gefühlschaos, sondern stellen auch ihre Zukunft infrage. Zur selben Zeit beginnt der Prozess gegen die Verantwortlichen der Tragödie auf dem East River. 

Rezension: 

Nach dem verheeren Schiffsunglück der "General Slocum", dem Ausflugsdampfer, auf dem viele Bewohner von Little Germany an Bord waren und die Mehrheit von ihnen ums Leben gekommen sind, steht das deutsche Viertel in New York unter Schock und trauert um die Toten. Auch Julia und Lissi sind persönlich betroffen und spüren nicht nur die emotionale Last der Katastrophe, sondern auch die finanziellen Folgen für ihre Bäckerei. Sie entscheiden sich für einen Neuanfang in Yorkville, wo sich viele Deutsche inzwischen niedergelassen haben und verändern den Schwerpunkt ihrer Backerzeugnisse hin zu Konditorware. Schon wie die schwäbischen Brezeln finden auch die süßen Köstlichkeiten zahlreiche Abnehmer in der Neuen Welt.
Während wirtschaftlich alle Zeichen auf Neuanfang stehen, müssen Julia und Lissi auch in Bezug auf ihre Herzensangelegenheiten Entscheidungen treffen.

"Little Germany - Der Geschmack von Freiheit" ist nach "Little Germany - Der Duft der Neuen Welt" der abschließende zweite Band der Dilogie "Die Bäckerinnen von Manhattan". Er schließt nahtlos an die Ereignisse des ersten Bands im Sommer 1904 an und setzt die Geschichte um die beiden mutigen jungen Frauen Julia von Varell und Lissi Steiner fort, die 1901 mutig ein neues Leben fernab ihrer Heimat Deutschland begonnen hatten.

Wie schon Band 1 ist auch die Fortsetzung lebendig geschrieben und stellt ein authentisches Abbild der damaligen Zeit dar. Dafür sorgt die mühelose Verbindung historischer Wahrheit mit fiktiver Geschichte, die von einer akribischen Recherche zeugt. Im Anhang des Romans kann man sich vergegenwärtigen, was sich tatsächlich ereignet hat und welche Charaktere historisch verbürgte Persönlichkeiten sind.

Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei Ort und Zeit jeweils am Kapitelanfang angegeben sind, was die Orientierung erleichtert. Schauplatz ist New York, was als quirliger Ort bildhaft beschrieben ist, aber auch das Rittergut Eckerde, wo es zu spannenden Reibereien kommt.
Die Nebenfiguren, die eine Stimme erhalten, gestalten die Geschichte in Ergänzung zu Julias und Lissis Lebensgeschichten noch facettenreicher.

Der Roman handelt von Freundschaft, Solidarität und Zusammenhalt, von Aufbruch und neuen Chancen, aber auch von Verlust und Abschieden. Über die fünf Jahre hinweg machen Julia und Lissi eine nachvollziehbare Entwicklung durch und sind eindrückliche Rollenvorbilder für moderne, eigenständige Frauen, die mit ihrem Mut, ihren Träumen und Ideen sehr gut in die Neue Welt passen. Umso spannender wird dann auch, ob Julia trotz allem ihrem Herzen folgen wird. 
Auch der zweite Band ist eine lebendige Zeitreise mit Liebe, Abenteuer, Drama und Backkunst, der mit einem Bezug zum ersten Band mit dem Beginn der Reise von Julia und Lissi einen runden Abschluss erhält. 

Freitag, 10. Juli 2026

Buchrezension: Cora Wucherer - All die Farben, all das Licht

Inhalt:

Seit sie denken können, teilen sich Juna und Martha ein Zimmer in ihrer engen Familienwohnung in München-Giesing. Doch das ist auch schon alles, was die beiden Schwestern gemeinsam haben. Juna, außergewöhnlich begabt und bedroht von einer seltenen Krankheit, erfährt, dass ihr wohl nur noch wenige Monate bleiben, bis sie ihr Sehvermögen verliert. Ihr Traum, einmal eine ebenso bedeutende Künstlerin zu werden wie ihr großes Vorbild Lotte Laserstein, scheint zu zerbrechen. Ihre jüngere Schwester Martha hingegen kämpft darum, überhaupt gesehen zu werden. Mit Junas Ausweis in der Tasche ergattert sie sich einen Nebenjob in einem Kino – und damit eine völlig neue Unabhängigkeit. Als Juna unbedingt ihr Lieblingsgemälde von Lotte Laserstein in Malmö sehen will, ergreift Martha ihre Chance und organisiert eine heimliche Reise für die beiden. Was als Abenteuer beginnt, wird zu einer ungeahnten Herausforderung – und die Schwestern geraten an die Grenzen dessen, was sie voneinander zu wissen glaubten. 

Rezension: 

Die beiden Schwestern Juna und Martha leben zusammen mit ihrem Vater in München, während ihre Mutter schon früh gestorben ist. Die beiden müssen sich ein Zimmer teilen, verbringen jedoch trotzdem nur wenig gemeinsame Zeit.
Juna ist dreieinhalb Jahre älter als Martha und leidet an einer Erbkrankheit, die ihr Hör- und Sehvermögen betrifft. Sie ist künstlerisch begabt und träumt davon, Kunst zu studieren und Malerin zu werden, als sie in den Sommerferien die Nachricht erhält, dass sie in den nächsten Monaten erblinden wird.
Die 13-jährige Martha genießt hingegen die schulfreie Zeit und ist stolz auf sich, durch einen Trick einen Ferienjob in einem kleinen Kino ergattert zu haben. 
Als sie von der ärztlichen Prognose erfährt und dass Juna den Wunsch hat, eine Ausstellung ihres großen Vorbilds Lotte Laserstein zu besuchen, verwendet Martha ihre Ersparnisse und fährt mit Juna heimlich nach Malmö.

Der Roman wird abwechselnd aus den Ich-Perspektiven der beiden Schwestern geschildert. Nicht nur der Altersunterschied, auch ihre ungleichen Persönlichkeiten sind durch die Erzählstimmen klar zu unterscheiden. Beide wirken nahbar und authentisch. Junas Wut und Angst über den Verlauf der Krankheit und das Ende ihrer Träume sind nur allzu verständlich. Auch wie eingeschränkt ihr Alltag schon bisher ist, wie gestresst sie von fremden Umgebungen, lauten Geräuschen und zu vielen Menschen ist, kann gut nachvollzogen werden.
Martha wirkt offensichtlich unerschrockener und unbeschwerter, hat aber ihrerseits damit zu kämpfen, dass sie im Schatten ihrer kranken, aber schönen, begabten Schwester steht. Zudem vermisst sie eine Mutter, die sie nie kennenlernen durfte und leidet unter dem Schweigen in ihrer Familie.

Mit der Fahrt nach Malmö machen die Schwestern erstmals wieder etwas gemeinsam, wobei sich neue Spannungen ergeben.

Trotz des jungen Alters der Hauptfiguren ließt sich das Buch nicht wie ein Jugendroman, da weniger Teenager-Probleme, sondern ganz universelle Themen in den Vordergrund rücken. Neben dem Erwachsenwerden und erster Liebe handelt "All die Farben, all das Licht" von Verlust, geplatzten Träumen, Freundschaft, Selbstentfaltung und Mut. Die Geschichte ist lebendig und empathisch geschildert, zeigt die besondere, nicht immer einfache, Verbindung von Geschwistern und dass man die Herausforderungen des Lebens annehmen muss, um neue Perspektiven zu sehen und neue Wege zu gehen. 


Mittwoch, 8. Juli 2026

Buchrezension: Liz Nugent - Seltsame Sally Diamond

Inhalt:

Als ihr verwitweter Adoptivvater kurz vor ihrem 43. Geburtstag stirbt, nimmt Sally Diamond ihn beim Wort: Sie versucht, ihn mit dem Müll zu verbrennen. So wie er es ihr gesagt hat. Ein Fehler, denn nun interessieren sich plötzlich alle für die seltsame Frau, die sich gerne taub stellt, wenn sie unter Menschen geht und am liebsten für sich bleibt: Polizei, Nachbarn, Medien – und eine unheimliche Stimme aus einer Vergangenheit, an die sie sich nicht erinnert. Während sie nach und nach von den schrecklichen Geheimnissen ihrer frühen Kindheit erfährt, nähert sich Sally zum ersten Mal vorsichtig der Welt. Sie übt sich in Vertrauen, schließt Freundschaften, trifft große Entscheidungen und lernt, dass Menschen nicht immer meinen, was sie sagen und nicht immer sind, was sie vorgeben zu sein. Doch wer ist der mysteriöse Fremde, der so viel über sie zu wissen scheint und ihr Nachrichten von der anderen Seite des Globus schickt? Und wieso ist der neue Nachbar so besessen von ihr? 

Rezension: 

Sally Diamond ist weitgehend abgeschottet bei ihren Adoptiveltern in einem Dorf in Irland aufgewachsen. Als mehrere Jahre nach dem Tod ihrer Adoptivmutter ihr Adoptivvater stirbt, ist Sally mit knapp 43 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben auf sich alleingestellt und begeht unbeabsichtigt bereits mit der eigenwilligen Einäscherung ihres Adoptivvaters den ersten Fehler. 
Sally erhält ungewollte Aufmerksamkeit, aber auch Unterstützung und beginnt sich den Menschen in ihrer Umgebung zu öffnen. Mit Hilfe der Hinterlassenschaften ihres Adoptivvaters beginnt sie zudem zu begreifen, warum sie "sozial defizitär" ist und was es mit der Diagnose PBTS auf sich hat...

Der Roman ist in drei Abschnitte untergliedert und wird im ersten Teil ausschließlich aus der Perspektive von Sally geschildert, die wie der Titel verspricht, seltsam ist und autistische Züge aufweist. Sie ist unbeholfen im Umgang mit anderen Menschen, nimmt jede Aussage wörtlich und spricht selbst ungefiltert aus, was sie denkt.
Der zweite und dritte Teil wird um die Perspektive von Peter erweitert, die einen Rückblick in die Vergangenheit darstellen und ab dem Jahr 1974 beginnen. Seine Schilderungen geben Aufschluss über das, was Sally erlebt und zu der Person gemacht hat, die sie heute ist.

Das Buch ist so gehypt, dass es als Hardcover vergriffen ist. Als Taschenbuch, das sehnlichst erwartet Ende Juni erschienen ist, wird es als Psychothriller angekündigt. Auch wenn die Geschichte Grausamkeiten schildert und insbesondere in der Vergangenheit manipulativ und verstörend ist, ist das Buch eher eine Familientragödie, die von einem jahrelangen Martyrium handelt. Gerade die Erzählung der Gegenwart ist weniger fesselnd und im Zusammenhang mit der Verbindung der Vergangenheit ein wenig vorhersehbar. Peters Schilderungen zeugen von direkter Gewalt, sind ereignisreicher und erzeugen deshalb mehr Spannung.

"Seltsame Sally Diamond" bewegt wegen der zerstörten Leben von Sally und Peter, ist tragisch, aber durch Sallys ehrliche Art, mit der sie ihre Mitmenschen mitunter vor den Kopf stößt, situationsabhängig unfreiwillig komisch. Die Geschichte handelt von Isolation, Machtmissbrauch, Manipulation und Gewalt und zeigt eindrücklich die psychischen Auswirkungen erlebter Traumata auf die Opfer, aber auch auf die Angehörigen, selbst wenn Erinnerungen erfolgreich verdrängt wurden.