Mittwoch, 23. September 2026

Buchrezension: Charlotte Link - Kalte Tage (Die Kate-Linville-Reihe, Band 6)

Inhalt:

In einer verschneiten Winternacht wartet eine Frau auf die Rückkehr ihrer Tochter, die sich mit einer Internetbekanntschaft trifft. Plötzlich steht ein Fremder in ihrem Haus – ein Albtraum beginnt. Am nächsten Morgen geht ein Notruf bei der Polizei in Scarborough ein: Ein Mann wurde erschossen, eine junge Frau ist spurlos verschwunden. Detective Inspector Kate Linville beginnt zu ermitteln. Kurz darauf wird ein Autofahrer als vermisst gemeldet, der auf einer einsamen Landstraße unterwegs war. Fast zu spät erkennt Kate die gestörte Geisteswelt eines Täters, der völlig skrupellos agiert. 

Rezension:

Anfang Januar mit ungewöhnlich kalten Temperaturen und Schneetreiben trifft Gillian, die mit Anfang 20 noch bei ihren Eltern wohnt, sich mit einem Fremden in einem Pub, den sie über eine Dating-App kennengelernt hat. Er gibt vor, sie nach Hause bringen zu wollen und überfällt ihre Eltern. Ihr Vater kommt ums Leben und Gillian ist am nächsten Morgen verschwunden. Detective Inspector Kate Linville, die wegen Depressionen in Behandlung ist, stürzt sich in die Ermittlungen, um sich auch von ihren privaten Problemen abzulenken. Fast zeitgleich meldet eine Frau ihren Mann vermisst, der in einer entlegenen Gegend mit einem Makler verabredet war. Zu dem Termin ist er nicht erschienen. Gemeinsam mit DCI Andrew Seymour, der Parallelen zu einem Fall in seinem Zuständigkeitsbereich festgestellt hat, versucht Kate den Täter zu stoppen, der sich über das Internet gezielt an junge, unerfahrene Frauen heranpirscht. 

"Kalte Tage" ist nach dem erschütternden Ende von "Dunkles Wasser" der sechste Band um DI Kate Linville der North Yorkshire Police. Zwei Jahre sind vergangen, seitdem ihr Ex-Kollege Caleb Hale unter tragischen Umständen ums Leben gekommen ist. Für Kate, die schon immer zu Melancholie neigte und unter einem mangelnden Selbstbewusstsein leidet, war dies ein schwerer Schlag, der zu privater Resignation geführt hat. 
Dennoch ist sie eine geniale Ermittlerin, denn ihr Beruf ist ihr ganzer Lebensinhalt. Auf ihren Instinkt ist Verlass, was sie auch in dem Fall um die entführten Frauen und das vermisste männliche Zufallsopfer, entscheidend voran bringt, denn die Spuren zum Täter sind dürftig und die zeitkritische Suche wird durch Schnee und Kälte erschwert. In ihrem Privatleben erscheint jedoch ein Lichtblick am Horizont.  

Der Roman wird aus wechselnden Sichten chronologisch erzählt. Es entsteht ein Komplex aus vielen Personen, Perspektiven der Opfer und Kate als Ermittlerin. Durch mehrere Handlungsstränge ist der Leser sowohl in die Ermittlungen der Polizei als auch in die Situation der Opfer und die Aktionen des Täters involviert. Daneben spielt auch immer wieder das Privatleben Kates und ihre sozialen Komplexe eine Rolle. 

Der Fall erscheint zunächst ungewohnt durchsichtig aufgebaut und nicht so rätselhaft wie in den fünf Bänden zuvor. Der Täter ist für den Leser bekannt und auch die Ermittler haben bald eine heiße Spur zu dem als wenig intelligent beschriebenen, einsamen Soziopathen. Spannender ist insofern weniger die Ermittlung der Identität und die Frage nach einem Motiv, sondern vielmehr, ob der Täter gestoppt und seine Opfer in eisiger Kälte rechtzeitig gerettet werden können. 

Lange ist man wirklich der Meinung, dass die Fallkonstellation durchsichtig ist. Da der Roman aber recht umfangreich ist, bleibt die Hoffnung auf einen Plottwist und tatsächlich kommt es nach knapp 500 Seiten zu einer Wende, die die Spannung neu entfachte.
"Kalte Tage" ist im Wesentlichen ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Polizei, die akribisch und umsichtig vorgeht, ist auch stets nah am Täter und der Aufklärung, hinkt aber letztlich immer ein Stück hinterher, was Menschenleben fordert und auch Kate erneut in Gefahr bringt. 

Neben der Krimihandlung ist Kates weitere Entwicklung zu verfolgen, die von folgenschweren Ereignissen gezeichnet ist und mit sich selbst zu kämpfen hat. An ihrer Seite ist - beruflich und privat - Andrew, der ein außergewöhnliches Interesse an ihr zeigt, was vor dem Hintergrund des Images von Kate als "graue Maus" und der Kürze der Zeit überstürzt und wenig authentisch wirkt. 

Auch wenn die Bezeichnung als Thriller nicht durchgehend angemessen ist, ist es ein Spannungsroman nach einem typischen Muster von Charlotte Link, der tragische und bedauernswerte Schicksale zeichnet und mit einem ausgereiften und schlüssigen Szenario überzeugen kann. Dazu trägt auch die gefährlich kalte Atmosphäre und die tragischen Lebensumstände einzelner Protagonisten bei. 

Montag, 21. September 2026

Buchrezension: Tom Saller - Und Hedi springt

Inhalt:

Im Hungerwinter 1946/47 begegnet Hedi, hochschwanger und junge Flüchtlingsfrau aus Pommern, Alfons Müller-Wipperfürth, einer der schillerndsten Gestalten im Deutschland der Nachkriegszeit. Die Welt des zukünftigen Hosenkönigs sind Stoffe, Schnittmuster und Nähmaschinen. Hedi avanciert zu Müllers persönlicher Assistentin, und eine Geschichte von Aufstieg und Fall in der noch jungen Bundesrepublik nimmt ihren Lauf. 
Als alleinerziehende Mutter kämpft Hedi gegen Vorurteile und Misstrauen. Aber ihre beharrliche Suche nach Freundschaft und Liebe wird belohnt – bis vollkommen unerwartet der Vater ihres Kindes vor der Tür steht. 
Es ist eine Geschichte des Nichtaufgebens und einer Wiederauferstehung. Persönlich, wirtschaftlich und letztlich die eines ganzen Landes und seiner Menschen. 

Rezension:

Hedi Wetzlaff musste während des Zweiten Weltkriegs aus Pommern fliehen und gelangt über ein Flüchtlingslager in Dänemark im Hungerwinter 1946/47 ins Bergische Land. Sie ist schwanger, hat aber das Glück aufgrund ihrer ehrlichen Art eine Anstellung bei dem späteren "Hosenkönig" Alfons Müller zu erhalten. Von einer Näherin wird sie schon bald zu seiner persönlichen Assistentin und erhält auch darüber hinaus Unterstützung für sich und ihren Sohn. Gerade deshalb sieht sich Hedi Neid und Missgunst in Wipperfürth ausgesetzt, findet aber in Anna und Georg Freunde, die zu ihr halten, bis Georg mehr Anspruch auf sie erhebt.

Der Roman basiert auf der Lebensgeschichte von Hedi, der Großmutter des Autors. Auch der charismatische Herrenmodenfabrikant Alfons Müller ist eine reale historische Figur, die mit ihrem Unternehmen ein Beispiel für den Wiederaufbau und den Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit ist.

Die Geschichte ist aus wechselnden Perspektiven lebendig geschrieben. Hedi ist eine zurückhaltende, sensible junge Frau, die jedoch zum richtigen Moment mit ihrer Meinung nicht zurückhält, für sich selbst einsteht und selbst den innovativen Fabrikanten inspirieren kann. Alfons Müller ist ein Visionär, der trotz eines leichten Größenwahns die Marke Müller-Wipperfürth zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut hat.
Der Autor beschreibt Hedis Leben von 1946 bis in die 1960er-Jahre, die Schwierigkeiten als unwillkommene Fremde und als alleinerziehende Mutter, die auch noch Vollzeit arbeitete. Darüber hinaus gibt er sehr persönliche Einblicke bei seinem Versuch, die Lücken in seiner Familiengeschichte zu schließen.

"Und Hedi springt" ist ein interessantes Zeitzeugnis einer Ära, die von Aufschwung geprägt war, wobei Verluste, Entbehrungen und alte Nazi-Seilschaften nicht außer Acht gelassen werden. Das Buch lebt dabei von seinen besonderen Charakteren und einer lakonischen Erzählweise. 

Freitag, 18. September 2026

Buchrezension: Sophie Czerny - Totensee

Inhalt:

Ada Sabel ist am absoluten Tiefpunkt: Niemand glaubt der suspendierten Kommissarin vom LKA Wien, dass ihre 14-jährige Tochter entführt wurde. Seit fünf Monaten muss sie die Ungewissheit ertragen, ob Mara noch am Leben ist. Und mit jedem Tag, an dem sie keinen Hinweis auf Maras Verbleib findet, wächst die Strichliste aus Schnitten an ihren Armen. Bis zu Tag 145, als am Ufer des Donaukanals eine kopflose Leiche auftaucht, auf deren Rücken Adas Name in blutigen Buchstaben eingeritzt ist.
Ada ist sich sicher: Die Botschaft stammt von Maras Entführer. Fieberhaft folgt Ada der Spur auf eigene Faust – nicht ahnend, dass sie mit jedem Schritt auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit näherkommt. 

Rezension:

Ada Sabel ist mit den Nerven am Ende und inzwischen als Ermittlerin beim LKA Wien suspendiert, seitdem ihre 14-jährige Tochter Mara spurlos verschwunden ist.
Als nach fünf Monaten im Donaukanal ein Frauenleiche gefunden wird, in deren Rücken die Buchstaben ADA geritzt sind, ist sich Ada sicher, dass dies eine Botschaft des Entführers ihrer Tochter an sie ist. Ausgehend von der Identifizierung der Frau beginnt Ada auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Spurensuche führt sie zu einem Kinderheim in Bayern, was verdrängte, düstere Erinnerungen in Ada weckt.

Der Thriller handelt auf mehreren Zeitebenen und wird aus der Perspektive verschiedener Personen geschildert. Die Wechsel zwischen den unterschiedlichen Orten, gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen erfolgen sprunghaft und zu Beginn willkürlich. Es wird in Teilen auf die Bezeichnung der Personen verzichtet, so dass sich erst allmählich die einzelne Puzzleteile zusammenfügen, die recht willkürlich zerpflückt worden sind. Dazu kommt, dass die Kapitel mit durchschnittlich drei bis vier Seiten extrem kurz sind, was eher für Unruhe und mangelnde Nähe zu den Charakteren sorgt, als für Spannung und Dynamik.

Der Hintergrund der Entführung von Adas Tochter in Wien und den Mord an der älteren Frau in Berlin, die nicht das einzige Opfer bleibt, ist brutal und ergreifend. Auch ohne dass die Grausamkeiten im Detail erzählt werden, gerät ein Kopfkino in Gang. 

Obschon sich die einzelnen Szenen in Berlin, Österreich und dem süddeutschen Raum im weiter ergänzen und Erklärungen für den Täter liefern, erscheint der Plot in einigen Aspekten wie der mangelhaften Polizeiarbeit, erfolgreicher Vertuschung und Manipulationen in der Vergangenheit und der platzierten Erinnerungslücken Adas konstruiert. Zudem bleiben in Detailfragen der Handlung aufgrund der sprunghaften Erzählweise zu viele Lücken. So stellt sich kein richtiger Lesesog ein, der an den Seiten kleben lässt.