Montag, 23. Mai 2022

Buchrezension: Kate Spencer - Zwei Herzen unter acht Millionen

Inhalt:

Es ist nur einer dieser New Yorker Momente: Die verrücktesten Dinge geschehen, aber wenige Minuten später ist es, als wären sie nie passiert. So redet sich Einrichtungsdesignerin Fran die peinlichste Szene am schrecklichsten Tag ihres Lebens schön. Dabei sieht sie den Moment noch genau vor sich: Wie sie frisch gefeuert und schwitzend in die überfüllte U-Bahn sprintet, ihr Kleid in der Tür einklemmt, es am Rücken aufreißt, und ihr ein attraktiver Fremder sein rettendes Gucci-Sakko um die Schultern legt – um zu verhindern, dass sie ganz New York ihre Unterwäsche präsentiert. Als Fran wenig später online ein Video von der Begegnung mit ihrem geheimnisvollen Retter entdeckt, das angeblich den Beginn einer echten Lovestory zeigt, möchte sie noch weiter im Erdboden versinken. Zum Glück ist das Schöne am Leben in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, dass man sich sowieso nie wiedersehen wird. Oder? 

Rezension: 

Nachdem Franny Doyle wegen Rationalisierungsmaßnahmen überraschend gekündigt wurde, verklemmt sich auch noch ihr Kleid in der U-Bahn auf der Rückfahrt nach Hause und reißt. Als ihr Retter entpuppt sich Hayes Montgomery der Dritte, der ihre großzügig sein Gucci-Jackett anbietet, um sich zu bedecken. Während der Bremsung des Zuges stolpern sie gegeneinander und in einem magischen Moment fühlen sie sic durch die Berührung miteinander verbunden. Der "U-Bahn-Crush" geht viral und wird als "Liebe auf den ersten Blick" in den sozialen Medien gefeiert. 
Die zweite Begegnung von Franny und Hayes findet im Rahmen eines Fernseh-Interviews statt, zu dem sie sich haben überreden lassen und das vor Aufregung in einem Desaster endet. 
Wie das Schicksal es so will, wird der Fernsehauftritt nicht das letzte Treffen der beiden sein. Nicht nur Frannys Freundin Lola und Hayes Cousine Perrine, die sich näher gekommen sind, auch berufsbedingt werden die beiden sich wieder sehen und können sich gegen die Anziehung bald nicht mehr wehren. 

"Zwei Herzen unter acht Millionen" ist eine unterhaltsame Liebesgeschichte über zwei Menschen, die sich in einem peinlichen Moment begegnen, aber gar nicht vorgehabt haben, sich zu verlieben. Beide haben Angst vor ihren Gefühlen und wehren sich sogar dagegen. Doch das Schicksal meint es anders mit ihnen und sorgt dafür, dass sich Franny und Hayes in der Millionen-Metropole nicht aus den Augen verlieren. 

Neben der eher langsamen Entwicklung der Liebesgeschichte stehen die Leben und der Alltag mit all seinen Tücken von Franny und Hayes im Fokus der Handlung. Durch die häufigen Wechsel der Perspektiven erhält man einen Einblick in beide Leben und auch in die Gefühlswelt der Protagonisten. Aufgrund ihrer Lebensumstände und ihren Erfahrungen aus der Vergangenheit erscheint verständlich, dass sie sich nur zögerlich auf eine neue Liebe einlassen können und von Freunden diesbezüglich nachgeholfen werden muss. Der Plot tritt deshalb phasenweise etwas auf der Stelle und erscheint mitunter zäh. 
Nichtdestotrotz sind Franny und Hayes sympathische Charaktere, die man gerne in ihrem Alltag begleitet. Auf ihren Wegen - gemeinsam oder getrennt - erhält man durch die anschaulichen und liebevollen Beschreibungen der Autorin einen bildhaften Eindruck von der Stadt New York. Der Roman ist deshalb gleichzeitig eine Liebeserklärung an NYC. 

Durch die erfolgreiche Marketingstrategie und die Ankündigung des Romans als "Die schönste New York Love Story des Jahres" hatte ich hohe Erwartungen an den Roman. Zwischen Franny und Hayes sprühen eingangs zwar die Funken und es ist spürbar, dass sie für einander bestimmt sind, aber dennoch hatte ich mir mehr Romantik und mehr Emotionen vorgestellt. Durch die zahlreichen Nebenhandlungen gerät die Annäherung der beiden immer wieder in den Hintergrund und wird von beruflichen Problemen, Zukunftsängsten, Suche nach den eigenen Wurzeln und der intensiven Freundschaft von Franny, Cleo und Lola überlagert. Der Zauber der Stadt ist letztlich mehr zu spüren, als der Wunsch nach einem Happy End. 

"Zwei Herzen unter acht Millionen" ist eine lebendige und humorvolle Geschichte mit liebenswerten Charakteren, hebt sich durch die Entwicklung nach Schema F jedoch nicht wesentlich von anderen Geschichten dieser Art ab. 

Samstag, 21. Mai 2022

Buchrezension: J. Ryan Stradal - Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens

Inhalt:

Eva Thorvald hat keine Mutter. Die ist mit dem Sommelier durchgebrannt, als Eva gerade drei Monate alt war. Eva hat auch keinen Vater, denn der ist gestorben, als er ein olfaktorisch und geschmacklich mehr als fragwürdiges norwegisches Nationalgericht die Treppen hinauftragen wollte. Da war Eva ein halbes Jahr alt. Als Eva elf ist, zieht sie Chili in ihrem Kleiderschrank, besonnt von den Lampen, mit denen ihr Cousin Randy einst Cannabis züchtete. Und sie hat noch etwas viel Besseres: den absoluten Geschmackssinn. So wird aus dem schüchternen Mädchen die gefragteste Köchin Nordamerikas. Mit ihren Kochkünsten verführt Eva die Menschen, labt ihre Gaumen und gibt manchmal ihren Leben erst einen Sinn. Eine Geschichte über die Familie, die man verliert, Freunde, die man findet, und Zufallsbekanntschaften, die über ein ganzes Leben bestimmen.

Rezension: 

Eva Thorwald hat noch als Säugling ihre Eltern verloren, die sich in der Gastronomie kennen und lieben lernten. Während ihr Vater Lars leidenschaftlicher Koch war, hatte Cynthia als Sommelière ein Faible für Wein. Guter Geschmack liegt Eva in den Genen und so experimentiert sie schon als Kind bei der Aufzucht von Chili mit Schärfe. Sie hilft in Restaurants aus, lernt schnell und entwickelt sich mit ihrem absoluten Geschmackssinn zu einer erfolgreichen Köchin. Sie hat kein eigenes Restaurant, sondern veranstaltet begehrte Pop-up-Dinner, deren Zugang beschränkt und kostenintensiv ist. Im Laufe ihres Lebens begegnen ihr Menschen, denen sie durch kleine Gesten hilft, unabhängig davon ob es sich um Verwandte, Freunde oder gar Fremde handelt. 

Während zu Beginn des Romans Eva und ihre Familie im Mittelpunkt der Handlung stehen,  wird Evas weitere Lebenslauf aus der Perspektive anderer Personen erzählt, die Eva kennen oder auch nur flüchtig begegnen. Bei dem Buch handelt es sich insofern eher um eine Sammlung von Kurzgeschichten um Eva herum, als um einen Roman über eine berühmte, verwaiste Köchin aus armer Herkunft. 

Durch die ganz unterschiedlichen Protagonisten, denen jeweils ein Kapitel gewidmet wird, ist der Roman abwechslungsreich und unterhaltsam. Es sind interessante Geschichten, bei denen die Kulinarik, die Leidenschaft für Lebensmittel und die Zubereitung von Speisen ein roter Faden ist. Die Figuren sind überwiegend warmherzig und müssen sich den Herausforderungen des Lebens stellen. Eva kommt dabei häufig nur am Rande vor. Die einzelnen Kapitel sind dabei nicht voneinander losgelöst, einzelne Charaktere treten mehrfach auf und auf irgendeine Art und Weise sind sie mit einander verbunden, so dass sich am Ende ein aufschlussreiches Geflecht um Eva ergibt. 
 
Auch wenn ich aufgrund des Klappentextes andere Erwartungen an den Roman hatte, konnten mich die mal humorvollen, mal traurigen Einzelschicksale, die einen indirekten Blick auf Eva werfen, gut unterhalten. Die kurzweiligen Geschichten sind die Zutaten, die am Ende ein stimmiges Gericht ergeben. 
In den Kapiteln finden sich immer wieder Rezepte, die zum Nachkochen anregen und die eine Hommage an die traditionelle Küche sind. Neue Entwicklungen, Verzicht auf "Ungesundes" und Rücksicht auf Unverträglichkeiten werden mit einem Augenzwinkern betrachtet. 

Freitag, 20. Mai 2022

Buchrezension: Lost You - Ich werde dich finden

Inhalt:

Die alleinerziehende Libby und ihr dreijähriger Sohn Ethan machen zum ersten Mal Urlaub in einem Luxus-Resort, um sich für die vergangenen schwierigen Jahre zu belohnen. Doch Libby kann sich nur schlecht entspannen: Sobald Ethan aus ihrem Blickfeld verschwindet, gerät sie in Panik. Ihre Sorge ist berechtigt – denn sie hat ein Geheimnis, das sie mit niemandem teilen kann. Als Ethan eines Abends in einem Fahrstuhl spielt und sich die Türen zu Libbys Entsetzen plötzlich schließen, beginnt der Kampf einer Mutter um das geliebte Kind. Ethan verschwindet spurlos. Und die Gespenster der Vergangenheit tauchen wieder auf. 

Rezension: 

Die alleinerziehende Libby Reese verbringt zum ersten Mal einen Urlaub mit ihrem dreijährigen Sohn Ethan und hat sich dazu einen Aufenthalt in einem Luxushotel in Florida gegönnt. Eines Abends verschwindet Ethan, nachdem er allein in einen Fahrstuhl gestiegen war. Libby ist außer sich vor Sorge, denn sie birgt ein Geheimnis und ahnt, was mit Ethan passiert sein mag. Wie befürchtet, scheint die Vergangenheit sie nun einzuholen, verschweigt dies jedoch gegenüber dem Sicherheitspersonal des Hotels und gegenüber der Polizei. 

"Lost you - Ich werde dich finden" beginnt spannend mit einem unguten Gefühl, dass der unbeschwerte Urlaub Libby mit ihrem Sohn in dem Luxusresort bald ein Ende haben wird. Ethan verschwindet und ist mutmaßlich entführt worden. Sodann erfolgt ein Rückblick vier Jahre in die Vergangenheit, als Libby und ihr Mann sich noch sehnlichst ein Kind wünschten. Durch den Zeitsprung und Perspektivwechsel entwickelt sich der Thriller hin zu einem Drama um verzweifelte Mütter. Der Erzählstrang in der Gegenwart wird damit zur Nebensache und verliert durch die Vorgeschichte seine Spannung. 
Der Schwerpunkt der Geschichte rückt weit weg vom zunächst mysteriösen Verschwinden Ethans und einer aufgeregten Suche und widmet sich stattdessen zwei Frauenschicksalen und einem sensiblen Thema. Kinderwunsch und Mutterschaft werden intensiv beleuchtet, wodurch der Roman auch in der Vergangenheit seine Spannungsmomente erhält. 

Der Roman entwickelt sich anders, als ich aufgrund des Klappentextes und der ersten Kapitel erwartet hatte. Der Rückblick in die Vergangenheit setzt einen anderen Schwerpunkt, der für meinen Geschmack zu ausschweifend erzählt wird. Zudem fand ich den Erzählstrang in der Vergangenheit reißerisch und in Teilen unglaubwürdig beschrieben. Statt eines spannenden Thrillers um eine Kindesentführung erhält man als Leser*in eine tragische Familiengeschichte mit zwei traurigen Figuren, wobei der zunächst spannende Einstieg durch die lange Rückblende etwas simpel erklärt wird. Die raffinierte Wende im letzten Viertel konnte die Spannung dann jedoch steigern und mit Thrillerelementen punkten. 
"Lost you - Ich werde dich finden" ist zwar keine langweilige, oberflächliche Geschichte, aber von einem raffinierten, tiefenpsychologischen Thriller mit Nervenkitzel durch übertriebene Dramatik und Hau-drauf-Aktionen im Mittelteil weit entfernt, während dagegen Anfang und Ende des Romans mit Spannung, Tragik und Verzweiflungstaten überzeugen können.