Mittwoch, 18. März 2026

Buchrezension: Anna Schneider - Grenzfall: Ihr Grab in den Fluten (Jahn und Krammer ermitteln, Band 6)

Inhalt:

Bei Oberkommissarin Alexa Jahn steht das Telefon nicht mehr still. In der Grenzregion Karwendel sind in Folge heftiger Unwetter die Flüsse über die Ufer getreten, und die Wassermassen reißen alles mit sich. Zahlreiche Personen gelten bereits als vermisst, und es werden von Minute zu Minute mehr.
Auch auf österreichischer Seite wütet der Sturm, doch Chefinspektor Bernhard Krammer, der nach einer Verletzung im Dienst noch nicht wieder voll im Einsatz ist, versucht einen kühlen Kopf zu bewahren.
Als kurz darauf ein Toter in einer Schlucht gefunden wird, stellen die Einsatzkräfte fest, dass der Mann nicht ertrunken ist. Er wurde ermordet. Wer hat das Chaos ausgenutzt, um ihn zu töten?
Alexa Jahn nimmt trotz der kritischen Lage sofort die Ermittlungen auf. Und gerät dabei mitten in eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes, die vor vielen Jahren ihren Anfang nahm. 


Rezension: 

In der Karwendelregion ist der Katastrophenfall eingetreten. Nach anhaltendem Regen sind Flüsse über die Ufer getreten und haben zu Überflutungen geführt. Zahlreiche Menschen konnten evakuiert werden, aber über Hunderte sind aufgrund der unübersichtlichen Lage vermisst gemeldet. 
Auf deutscher Seite haben Oberkommissarin Alexa Jahn und ihr Kollege Florian Huber die Einsatzleitung übernommen und versuchen den Überblick zu behalten, wobei sie aufgrund ihres unermüdlichen Einsatzes an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gelangen. Als ein Toter in einer Schlucht gefunden wird, stellt sich heraus, dass dieser nicht ertrunken, sondern ermordet wurde. 
Währenddessen beschäftigt Chefinspektor Krammer des LKA Innsbruck auf österreichischer Seite eine Jugendclique, die zu einer Wanderung aufgebrochen ist und ihre Ankunft bei einer Berghütte nicht bestätigt hat. Seine Ermittlungen führen Krammer auf die Spur zu einem Pärchen aus Deutschland, das bei Florian Huber einen Notruf abgesetzt hatte. 

"Ihr Grab in den Fluten" ist nach "Ihre Spur in den Flammen" der sechste Band der "Grenzfall"-Reihe um Alexa Jahn und Bernhard Krammer, die nicht nur kollegial, sondern auch privat miteinander verbunden sind. 

Die in dem Roman beschriebene Flutkatastrophe, die Erinnerungen wachruft an das Hochwasser in Süddeutschland Ende Mai/ Anfang 2024, bildet den Rahmen für Gewalt und Kriminalität und die daran anschließenden spannenden Ermittlungen. 
Zunächst stehen die Maßnahmen von Polizei und Rettungskräften im Zusammenhang mit den Unwettern im Vordergrund, weshalb der Beginn keiner klassischen Krimihandlung gleicht. So dauert es auch, bis der erste Tote aufgefunden wird. 

Neben den Perspektiven von Alexa und Krammer, die, bis sich ihre Wege kreuzen, vorerst unabhängig von einander auf deutscher und österreichischer Seite ihrer Arbeit nachgehen, gibt es Szenen aus der Berghütte, wo sich die Jugendclique aufhält, wobei die Stimmung dort extrem angespannt ist sowie beklemmende Einblicke in die Situation einer Mutter, die sich in Gefangenschaft befindet. 

Die Atmosphäre ist nicht nur aufgrund des Katastrophenszenarios durchgehend bedrohlich. Auch droht eine Eskalation durch zwischenmenschliche Konflikte, einen mysteriösen Stalker und einen kaum vorstellbaren familiären Albtraum, der titelgebend ist.  

Die Geschichte ist temporeich und durch die immer engere Verknüpfung der einzelnen, zunächst losen, Handlungsstränge nimmt die Spannung stetig zu.
Neben der fesselnden und realitätsnah geschilderten Krimihandlung und Fallaufklärung, kann man die Weiterentwicklung der empathischen und engagierten Hauptfiguren verfolgen, weshalb es sinnvoll ist, die Reihe chronologisch zu lesen.  

Montag, 16. März 2026

Buchrezension: Natalie Chandler - Voices. Ich kann euch hören

Inhalt:

Tamsin Shaw liegt seit einem mysteriösen Autounfall im Koma. Was niemand weiß: Während sie nicht einmal einen Finger bewegen, geschweige denn die Augen öffnen kann, ist sie bei vollem Bewusstsein. Auch erinnern kann sich Tamsin nicht. Nicht an den Unfall, der sie ans Bett fesselte, und auch nicht an die Tage zuvor. Als Psychiaterin weiß sie, dass diese Art von Dornröschenschlaf sie vor einer besonders traumatischen Erinnerung schützen soll. 

Rezension: 

Die Kriminalpsychologin Tamsin Shaw liegt nach einem ungeklärten Autounfall seit drei Jahren im Wachkoma. Bis auf eine ihrer Krankenschwestern ahnt niemand, dass Tamsin sich zwar nicht bewegen kann, aber tatsächlich jedes Wort versteht, das an ihrem Bett gesprochen wird. 
Während sie scheinbar schläft, offenbaren ihre Besucher, ihr Ehemann, ihre beste Freundin, ihr Ex-Freund und ihr letzter Patient, ihre Geheimnisse. 
Für Tamsin beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, als sie erfährt, dass ihr Ehemann beabsichtigt, die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen zu lassen, damit Tamsin, aber auch er selbst und die gemeinsame Tochter, Frieden finden können. 
 
Der Roman wird aus den Perspektiven von Tamsin und ihrem Ehemann Jamie erzählt. Während Tamsin versucht, ihre Erinnerungen hervorzurufen, um herauszufinden, was sie blockiert, lebt Jamie sein Leben weiter, wobei er heimlich in einer neuen Beziehung ist. 
Rückblenden in ein "vorher" schildern Beziehungskrisen, finanzielle Schwierigkeiten und die Therapiesitzungen mit Richard Mandeville, einem verurteilen Sexualstraftäter. 

Die Hauptfigur ist gefangen im eigenen Körper, was für eine klaustrophobische Stimmung sorgt. Je näher Tamsins angestrebter Todeszeitpunkt rückt, desto mehr Dynamik entsteht unter den Besuchern, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Streitgespräche und Geständnisse rufen Reaktionen bei Tamsin hervor, die diese nicht bewusst steuern kann. 

"Voices" ist ein unblutiger Thriller mit einer begrenzten Anzahl an Personen, die ihre Geheimnisse haben und sich zwischen Manipulation und Schuldgefühlen bewegen. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit offenbart nur allmählich die Zusammenhänge und sorgt damit für anhaltende Spannung, auch wenn am Ende ein großer Knalleffekt ausbleibt und sich das Konstrukt in Wohlgefallen auflöst. 

Freitag, 13. März 2026

Buchrezension: Hannah Häffner - Die Riesinnen

Inhalt:

"Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier."
Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.

Rezension:

Liese ist eine Riesin in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. In den 1960er-Jahren heiratet die Außenseiterin den Metzgerssohn Bernhard Riessberger und bekommt mit ihm die gemeinsame Tochter Cora. Die Ehe ist von Unterdrückung und Gewalt geprägt und so ist Liese vom überraschend frühen Tod ihres Mannes nicht weiter berührt. Um für ihre Tochter zu sorgen, übernimmt sie die Metzgerei der Schwiegereltern und beweist ungeahnte Durchsetzungskraft.
Cora wird noch schlimmer als ihre Mutter ausgegrenzt, träumt von Freiheit und kehrt dem Dorf unmittelbar nach dem Schulabschluss den Rücken. Nach wenigen Stationen innerhalb Europas kehrt Cora notgedrungen ins Haus ihrer Mutter zurück. Nach anfänglichem Hadern baut sie sich selbst ein Standbein im Dorf auf und ist regelrecht entsetzt, als ihre Tochter ihr Jahre später eröffnet, in ihre Fußstapfen treten zu wollen statt von der großen weiten Welt zu träumen.

"Die Riesinnen" ist das Porträt dreier Generationen von Frauen, die in Wittenmoos, einem fiktiven Ort im Schwarzwald, verwurzelt sind. Während Liese und Cora mit Ausgrenzung zu kämpfen haben, ist Eva schon als kleines Kind im Ort beliebt.

Die Geschichte handelt über mehrere Jahrzehnte hinweg und wechselt dabei chronologisch die Perspektive. Die Frauen sind sich mit ihrer blassen Haut, den roten Haaren und der hageren, langen Statur nicht nur äußerlich ähnlich, sondern haben auch alle drei eine kämpferische, zupackende Art, die sie nach Niederlagen wieder aufstehen lässt.

Die Erzählweise ist nüchtern und distanziert. Auch wenn geweint wird, wird mit Emotionen gespart, was eine tiefere Einsicht in die Charaktere verhindert. Freud und Leid ziehen wie die Lebensjahre unbemerkt hinweg. Die Hauptfiguren werden älter, ohne dass es an wesentlichen Ereignissen festzumachen wäre. Ohne die Erwähnung der Proteste gegen das Kernkraftwerk Wyhl oder des Mauerfalls wäre überhaupt keine zeitliche Einordnung der Handlung möglich.
Die Geschichte wird gleichförmig und ohne Variation der drei Erzählstimmen geschildert. Weder sind der jeweilige Zeitgeist, noch die Besonderheiten der Schwarzwaldregion zu spüren.
Mit dem weitgehenden Verzicht auf Dialoge ist die Geschichte zudem wenig lebendig. Die Nebencharaktere, die die Wege der Hauptfiguren kreuzen, bleiben blutleer.

"Die Riesinnen" - drei Frauen, die fast unbeeindruckt von den äußeren Umständen mühelos Schwierigkeiten umschiffen, ihren Weg gehen und der Enge des Dorfes trotzen. Ohne wesentliche Hoch- und Tiefpunkte ist der Roman unaufgeregt und langatmig. Er bleibt inhaltlich in Bezug auf die Themen Heimat, Mutter-Tochter-Beziehungen und Wildheit hinter den Erwartungen zurück und enttäuscht mit einem unoriginellen Schlusspunkt. Auch sprachlich überzeugte mich die Geschichte nicht.