Montag, 17. August 2026

Buchrezension: Rebekka Eder - Der geheime Apfelgarten: Getrennte Welten (Die Elbinsel-Saga, Band 1)

Inhalt:

Finkenwerder 1892: Seit dem Tod ihrer Mutter findet die junge Kea Loop nur Trost in deren altem Apfelgarten. Dort will sie den perfekten Apfel züchten. Als endlich ein vielversprechender Sämling keimt, gibt es allerdings ein Problem: Er wächst hinter der Landesgrenze, die ihre Elbinsel Finkenwerder in Hamburg und Preußen teilt – schlimmer noch: hinter der Grenze zu den Rentfelds, ihren verfeindeten Nachbarn. Als Kea dennoch hinüberschleicht, wird sie von Kristen, dem Knecht der Rentfelds, erwischt. Was Keas Apfelprojekt ein jähes Ende bereiten könnte, ist der Beginn einer großen Liebesgeschichte. Ihr Vater indessen hat andere Pläne: Er möchte den alten Streit der Familien beilegen und verlobt Kea mit Tamme Rentfeld. Gleichzeitig bricht in Hamburg die Cholera aus, und die Grenze zwischen Hamburg und Preußen wird unpassierbar. Doch Kea kann Kristen nicht vergessen. Um ihn wiederzusehen, muss sie sich selbst in Gefahr bringen, Klassen- und Landesgrenzen überwinden und ihre alte Welt in Trümmer legen. 

Rezension: 

Kea Loop lebt Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Vater Jakob auf einem Gestüt auf der Elbinsel Finkenwerder. Ihre Mutter ist jung verstorben und den Verlust haben beide nur schwer verwunden. Keas Traum ist es, den verwilderten Apfelgarten wieder aufblühen zu lassen und den Lieblingsapfel ihrer Mutter zu züchten. Doch der Sämling dafür befindet sich hinter der Landesgrenze in Hamburg auf dem benachbarten Anwesen des Obstbauern Rentfeld, mit dem ihr Vater zerstritten ist. Kea wagt sich dennoch heimlich auf das Nachbargrundstück und begegnet dort dem Knecht Kirsten Focke, der ihr seine Unterstützung anbietet.
Nach Jahren der Sehnsucht, als Kirsten sich als Seemann verdingt, treffen sich die beiden wieder an der Grundstücksgrenze und entwickeln zarte Gefühle für einander, während sie an der Fortsetzung von Keas Herzensprojekt arbeiten.
Zeitgleich bricht die Cholera aus und macht einen Grenzübertritt zwischen Hamburg und Preußen unmöglich.

"Der geheime Apfelgarten - Getrennte Welten" ist der Auftaktband der "Elbinsel-Saga", ein historischer Roman um die unangepasste Kea Loop, die lieber auf Bäume klettert und sich die Finger im Garten schmutzig macht, statt sich wie ein Fräulein zu benehmen und sich in die feine Gesellschaft zu integrieren.

Der Roman handelt von Liebe, Freundschaft und großen Träumen und schildert bildhaft die Erschwernisse des Alltags, die Klassenunterschiede und gesellschaftlichen Hemmnisse der damaligen Zeit.
Kea ist eine liebenswerte Hauptfigur, die mit ihrem Eigensinn, ihrem Mut und ihrer Empathie authentisch wirkt. Aber auch das Verhalten der weiteren Personen, die in gesellschaftlichen Zwängen gefangen sind, können sehr gut nachvollzogen werden.

Die Geschichte fesselt durch die Dramatik der Ereignisse mit denen Kea, Kristen und Rosa konfrontiert werden und die Geheimnisse, die zwischen den verfeindeten Familien Loop und Rentfeld stehen.

Die fiktive Geschichte ist anschaulich in den historischen Kontext eingebettet, was insbesondere mit dem Ausbruch der Cholera, aber auch mit den politischen und gesellschaftlichen Grenzen und patriarchalen Strukturen zum Ausdruck gebracht wird.

Wie schon von anderen historischen Dilogien gewohnt, endet der erste Band mit einem Cliffhanger und ungewissen Schicksalen, die ungeduldig Band 2 "Der geheime Apfelgarten - Geteilte Träume" erwarten lassen, der voraussichtlich im April 2027 erscheinen wird.


Samstag, 15. August 2026

Buchrezension: Markus Heitz - Die Villa

Inhalt:

Doreeen und Marina Markert sind Mutter und pubertierende Tochter, die sich bislang eher glücklos durchs Leben schlagen. Doch dann ziehen sie bei einer Zwangsversteigerung endlich einmal das ganz große Los: Zum Schnäppchenpreis kommen sie in den Besitz einer alten Villa im Leipziger Stadtteil Gohlis. Dort scheint sich das Leben der beiden erst einmal in jeder Hinsicht zum Guten zu wenden: Plötzlich laufen die Geschäfte der Mutter, die Teenager-Tochter startet mit ihrer Musik als YouTube-Star durch. Beide finden die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die sie suchen. Aber alles hat seinen Preis: Als Doreen schließlich erkennt, auf welchen Pakt sie und ihre Tochter sich unbewusst eingelassen haben, könnte es bereits zu spät sein.
Währenddessen geht Musiker Ethan in London auf die verzweifelte Suche, wer den brutalen Mord an seiner Mutter begangen hat, und kommt einer unheilvollen Verbindung auf die Spur. Und mit jedem Tag, der vergeht, steigt die Anzahl der Toten. 

Rezension: 

Doreen Markert hat bei einer Zwangsversteigerung für ein Gebot in Höhe von 100 € eine renovierungsbedürftige Villa in Leipzig-Gohlis ergattern können. Dort möchte sie den Traum eines Kunstcafés verwirklichen, während ihre Teenagertochter zunächst wenig begeistert über den Umzug ist. Doch noch während der Renovierung kommt Marina die Idee für einen neuen Song, der ihrer Musikkarriere Schwung verleiht.
Derweil verschwinden Personen aus dem Umfeld von Mutter und Tochter und es mehren sich Todesfälle in der näheren Umgebung der Villa, wobei die Täterschaft rätselhaft bleibt.
In London ist Ethan Ryce erschüttert über den Tod seiner betagten Mutter. Sie und ihre beste Freundin sollen während eines brutalen Streits miteinander einen Herzinfarkt erlitten haben. Ethan stellt Nachforschungen an und kommt okkulten Kreisen auf die Spur, die ihn bis zu der Villa nach Leipzig führen.

Die Geschichte verspricht mit einem Horrorhaus, das ein tödliches Eigenleben entwickelt einen spannenden Gruselfaktor. Die Atmosphäre ist jedoch weniger düster und beängstigend als vielmehr obskur und kryptisch.
Auch wenn offensichtlich ist, dass Ethans Wege ihn irgendwann in den Poetenweg nach Leipzig führen werden, sind die Erklärungen dafür eher dünn und Ethans Suche mehr von Glück und Zufällen geprägt.

In beiden Erzählsträngen werden Personen abgeschlachtet - in der Villa und anderswo, durch die Villa und durch andere Menschen, wobei sich Zusammenhang erst allmählich ergibt und nicht immer nachvollziehbar oder gar logisch erscheint. 
Die Charaktere bleiben blass und austauschbar und auch die im Roman so zentrale Villa hat man nicht bildhaft vor Augen. 

Blutige Szenen und wahnhafte Mörder allein reichen für ein Horrorgefühl nicht aus. Die Geschichte der Villa und die ihrer Bewohner, der Fluch und Okkultismus, bleiben im Vergleich zu den detailliert geschilderten Gemetzeln zu vage und oberflächlich, als dass man gefesselt in die Geschichte hineingezogen würde. 
Die Auflösung am Ende ist passend zur flachen Geschichte eher simpel, auch wenn sie mit dem Fokus auf Macht, Gier und Unersättlichkeit der Menschen zumindest glaubhaft ist. 

Freitag, 14. August 2026

Buchrezension: Tayari Jones - Goodbye, Honeysuckle

Inhalt:

Tür an Tür im ländlichen Louisiana aufgewachsen, verbindet Niecy und Annie mehr als nur Freundschaft: Beide haben sie ihre Mütter nie kennengelernt, und beide sind sie fest entschlossen, diese klaffende Lücke in ihrem Leben zu füllen. Niecy geht nach Atlanta, um am berühmten Spelman College zu studieren. Dort schließt sie sich einem Kreis von selbstbewussten Schwarzen Frauen an und erlebt ihre erste Liebe, muss sich aber auch in einer gnadenlosen Welt des Reichtums behaupten. Annie verschlägt es nach Memphis und mitten hinein in Armut, Sex und Jazz. Abend für Abend mixt sie Cocktails in einem Nachtclub und hofft, dass ihre verschollene Mutter am Tresen auftaucht. Während all der Zeit schreiben Annie und Niecy einander wunderschöne Briefe – bis eine Tragödie ihre Leben wieder zusammenführt und das Band zwischen ihnen auf die Probe stellt. 

Rezension: 

Vernice und Annie wachsen in den 1960er-Jahren in der Kleinstadt Honeysuckle in Louisiana auf und sind seit Kindertagen beste Freundinnen. Beide sind mutterlos - Annie wurde von ihrer Mutter als Baby verlassen und von ihrer Großmutter großgezogen, während Vernices Mutter von ihrem eigenen Ehemann und Vernices Vater erschossen wurde. Sie leiden unter dem Verlust ihrer Mütter, wobei Annie die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgibt. Mit 18 Jahren verlässt sie deshalb Honeysuckle, um ihre Mutter, die sich in Memphis aufhalten soll, zu suchen. Vernice, geprägt von der Erziehung ihrer resoluten Tante, geht nach Atlanta, um am Spelman College zu studieren.
Ihre Wege trennen sich, aber mittels Briefe bleiben die Freundinnen verbunden. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Annie und Vernice geschildert, deren Lebenswege sich nach der Schulzeit nicht nur räumlich trennen. Beide Erzählstränge lesen sich deshalb wie eigenständige Geschichten, denn bis auf wenige Briefe gibt es nur vereinzelte gemeinsame Szenen. Der Aspekt der Freundschaft rückt damit lange in den Hintergrund, während sie neue Bekanntschaften schließen und ihren Alltag leben. 

Derweil Vernice passiv agiert und der Verlauf ihrer Geschichte weitgehend ereignislos ist, dreht sich Annies Leben wie besessen darum, ihre Mutter zu finden, die sie verlassen hat. In Bezug auf beide Teilgeschichten ist es nicht einfach, die Verhaltensweisen der naiven Kleinstadtmädchen nachzuvollziehen. Annies Suche nach ihrer Mutter ist verzweifelt und gerade deshalb ist das Ende mit ihrer Reaktion völlig absurd. Vernice studiert, nur um sich dann in die Sicherheit einer Ehe zu flüchten und ihre Gefühle zu verraten. Eine Entwicklung der Charaktere ist nicht ersichtlich und überdies wirkt der Roman episodenartig, lückenhaft und die einzelnen Kapitel zu lose zusammengestückelt. 

Obschon die Segregation Teil der Geschichte ist und mehr oder weniger stark in einzelnen Details in Erscheinung tritt, fehlt dem Roman darüber hinaus eine zeitgenössische Atmosphäre. Er handelt über so viele Jahre, während Vernice und Annie älter werden, aber ein Gefühl für die Zeit wird damit nicht vermittelt. 

Der Roman hat einen vielversprechenden Beginn, aber das Erzähltempo ist im weiteren Verlauf langsam und die Geschichte ermüdend retardierend. Leider sind auch die beiden Hauptfiguren nicht so vielschichtig und interessant, dass sie der Geschichte mehr Spannung oder Emotionen hätten verleihen können. Die erwarteten Themen Mutterlosigkeit, Freundschaft und Rassismus bleiben nur an der Oberfläche und letztlich ist völlig unverständlich, warum Vernice und Annie genau die Wege gehen, die sich ihre Ersatzmütter nie für sie gewünscht hätten.