Montag, 21. September 2026

Buchrezension: Tom Saller - Und Hedi springt

Inhalt:

Im Hungerwinter 1946/47 begegnet Hedi, hochschwanger und junge Flüchtlingsfrau aus Pommern, Alfons Müller-Wipperfürth, einer der schillerndsten Gestalten im Deutschland der Nachkriegszeit. Die Welt des zukünftigen Hosenkönigs sind Stoffe, Schnittmuster und Nähmaschinen. Hedi avanciert zu Müllers persönlicher Assistentin, und eine Geschichte von Aufstieg und Fall in der noch jungen Bundesrepublik nimmt ihren Lauf. 
Als alleinerziehende Mutter kämpft Hedi gegen Vorurteile und Misstrauen. Aber ihre beharrliche Suche nach Freundschaft und Liebe wird belohnt – bis vollkommen unerwartet der Vater ihres Kindes vor der Tür steht. 
Es ist eine Geschichte des Nichtaufgebens und einer Wiederauferstehung. Persönlich, wirtschaftlich und letztlich die eines ganzen Landes und seiner Menschen. 

Rezension:

Hedi Wetzlaff musste während des Zweiten Weltkriegs aus Pommern fliehen und gelangt über ein Flüchtlingslager in Dänemark im Hungerwinter 1946/47 ins Bergische Land. Sie ist schwanger, hat aber das Glück aufgrund ihrer ehrlichen Art eine Anstellung bei dem späteren "Hosenkönig" Alfons Müller zu erhalten. Von einer Näherin wird sie schon bald zu seiner persönlichen Assistentin und erhält auch darüber hinaus Unterstützung für sich und ihren Sohn. Gerade deshalb sieht sich Hedi Neid und Missgunst in Wipperfürth ausgesetzt, findet aber in Anna und Georg Freunde, die zu ihr halten, bis Georg mehr Anspruch auf sie erhebt.

Der Roman basiert auf der Lebensgeschichte von Hedi, der Großmutter des Autors. Auch der charismatische Herrenmodenfabrikant Alfons Müller ist eine reale historische Figur, die mit ihrem Unternehmen ein Beispiel für den Wiederaufbau und den Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit ist.

Die Geschichte ist aus wechselnden Perspektiven lebendig geschrieben. Hedi ist eine zurückhaltende, sensible junge Frau, die jedoch zum richtigen Moment mit ihrer Meinung nicht zurückhält, für sich selbst einsteht und selbst den innovativen Fabrikanten inspirieren kann. Alfons Müller ist ein Visionär, der trotz eines leichten Größenwahns die Marke Müller-Wipperfürth zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut hat.
Der Autor beschreibt Hedis Leben von 1946 bis in die 1960er-Jahre, die Schwierigkeiten als unwillkommene Fremde und als alleinerziehende Mutter, die auch noch Vollzeit arbeitete. Darüber hinaus gibt er sehr persönliche Einblicke bei seinem Versuch, die Lücken in seiner Familiengeschichte zu schließen.

"Und Hedi springt" ist ein interessantes Zeitzeugnis einer Ära, die von Aufschwung geprägt war, wobei Verluste, Entbehrungen und alte Nazi-Seilschaften nicht außer Acht gelassen werden. Das Buch lebt dabei von seinen besonderen Charakteren und einer lakonischen Erzählweise. 

Freitag, 18. September 2026

Buchrezension: Sophie Czerny - Totensee

Inhalt:

Ada Sabel ist am absoluten Tiefpunkt: Niemand glaubt der suspendierten Kommissarin vom LKA Wien, dass ihre 14-jährige Tochter entführt wurde. Seit fünf Monaten muss sie die Ungewissheit ertragen, ob Mara noch am Leben ist. Und mit jedem Tag, an dem sie keinen Hinweis auf Maras Verbleib findet, wächst die Strichliste aus Schnitten an ihren Armen. Bis zu Tag 145, als am Ufer des Donaukanals eine kopflose Leiche auftaucht, auf deren Rücken Adas Name in blutigen Buchstaben eingeritzt ist.
Ada ist sich sicher: Die Botschaft stammt von Maras Entführer. Fieberhaft folgt Ada der Spur auf eigene Faust – nicht ahnend, dass sie mit jedem Schritt auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit näherkommt. 

Rezension:

Ada Sabel ist mit den Nerven am Ende und inzwischen als Ermittlerin beim LKA Wien suspendiert, seitdem ihre 14-jährige Tochter Mara spurlos verschwunden ist.
Als nach fünf Monaten im Donaukanal ein Frauenleiche gefunden wird, in deren Rücken die Buchstaben ADA geritzt sind, ist sich Ada sicher, dass dies eine Botschaft des Entführers ihrer Tochter an sie ist. Ausgehend von der Identifizierung der Frau beginnt Ada auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Spurensuche führt sie zu einem Kinderheim in Bayern, was verdrängte, düstere Erinnerungen in Ada weckt.

Der Thriller handelt auf mehreren Zeitebenen und wird aus der Perspektive verschiedener Personen geschildert. Die Wechsel zwischen den unterschiedlichen Orten, gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen erfolgen sprunghaft und zu Beginn willkürlich. Es wird in Teilen auf die Bezeichnung der Personen verzichtet, so dass sich erst allmählich die einzelne Puzzleteile zusammenfügen, die recht willkürlich zerpflückt worden sind. Dazu kommt, dass die Kapitel mit durchschnittlich drei bis vier Seiten extrem kurz sind, was eher für Unruhe und mangelnde Nähe zu den Charakteren sorgt, als für Spannung und Dynamik.

Der Hintergrund der Entführung von Adas Tochter in Wien und den Mord an der älteren Frau in Berlin, die nicht das einzige Opfer bleibt, ist brutal und ergreifend. Auch ohne dass die Grausamkeiten im Detail erzählt werden, gerät ein Kopfkino in Gang. 

Obschon sich die einzelnen Szenen in Berlin, Österreich und dem süddeutschen Raum im weiter ergänzen und Erklärungen für den Täter liefern, erscheint der Plot in einigen Aspekten wie der mangelhaften Polizeiarbeit, erfolgreicher Vertuschung und Manipulationen in der Vergangenheit und der platzierten Erinnerungslücken Adas konstruiert. Zudem bleiben in Detailfragen der Handlung aufgrund der sprunghaften Erzählweise zu viele Lücken. So stellt sich kein richtiger Lesesog ein, der an den Seiten kleben lässt. 



Mittwoch, 16. September 2026

Buchrezension: Francesca Reece - Die Unmöglichkeit von Liebe

Inhalt:

Auf dem abgeschiedenen Anwesen in den Wäldern von Nordwales gibt es nur sie beide, Olwen und Geth. Hier verlieben sie sich als Jugendliche, küssen sich zum ersten Mal, malen sich aus, die verlassene Villa gehöre ihnen. 
Sie sind jung, verliebt, bis das Leben ihre Wege trennt. Als Olwen und ihr Mann viele Jahre später in die Gegend ihrer Kindheit zurückkommen und das alte Anwesen kaufen, ahnt Olwen nicht, mit welcher unkontrollierbaren Gewalt sich sich immer noch zu Geth hingezogen fühlt. Doch reicht das aus, um ihren Mann James und ihr Leben als Dokumentarfilmerin in London zurückzulassen?

Rezension: 

Geth und Ol wachsen in einer Kleinstadt in Nordwales auf. Während Ol aus einer privilegierten englischen Familie stammt, ist Geth der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich um ein Haus kümmert, das ein englischer Architekt im Wald am See errichtet hat, aber tatsächlich nie darin wohnt. Geth ist fasziniert von dem Anwesen und zieht sich schon als Kind gern dorthin zurück. Dort trifft er sich auch mit Ol, in die er sich verliebt. Ihre Wege trennen sich, als Ol in Oxford studiert und Geth in seiner Heimat bleibt, um Holzfäller zu werden.
Jahre später kehrt Ol, die inzwischen preisgekrönte Filmregisseurin ist, an den Ort ihrer Jugend zurück. Ihr Ehemann James hat das Anwesen mit dem Glashaus am See gekauft, das ihr als Inspiration für neue Projekte dienen soll. Als Ol und Geth sich wieder begegnen, ist die Anziehung zwischen ihnen noch immer vorhanden. Während James in London weilt, beginnt Ol ein Spiel mit dem Feuer.

Der Roman wird zunächst aus der Perspektive von Geth geschildert, wobei ein Schwerpunkt auf die Vergangenheit und das Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen gelegt wird, die den gesellschaftlichen Unterschied von Geth und Ol aufzeigt. Daneben geht es um den Konflikt zwischen Walisern und Engländern und die Protestbewegungen in den 1980er-Jahren.
Mit Ols Rückkehr wechselt auch die Perspektive uns der Fokus richtet sich auf die beiden Erwachsenen im Jahr 2017. Die beiden verleben einen leidenschaftlichen, verbotenen Sommer, der von bedrohlichen Nachrichten überschattet wird, die Ol erhält. 

Auch wenn der deutsche Titel des Romans eine komplexe und dramatische Liebesgeschichte erwarten lässt, wird die Beziehung von Geth und Ol im Wesentlichen auf eine starke körperliche Anziehung reduziert.
Ausgehend von ihren gesellschaftlichen Unterschieden handelt der Roman von sozialer Herkunft, Identität und walisischem Nationalismus. Dabei wird der erzählerische Bogen durch Rückblenden von der aufgeheizten Thatcher-Ära bis zu den aktuellen Problem von Gentrifizierung und Brexit gespannt. 

Die Geschichte ist wehmütig und nostalgisch, geht es doch einerseits um die Bewahrung kultureller Identität, den Kampf um Unabhängigkeit und Gleichberechtigung sowie andererseits um persönliche Entscheidungen und zweite Chancen. 
So sprunghaft die Geschichte zu Beginn durch den willkürlichen Wechsel zwischen einzelnen Episoden in Gegenwart und Vergangenheit erzählt wird, so verwirrend ist auch der Schluss des Romans. Er endet abrupt, lässt Fragen offen und Probleme ungeklärt.