Samstag, 29. August 2026

Buchrezension: Anne Keßel - Die Lüge in ihrem Gesicht

Inhalt:

Eine Frau schweigt. Seit Stunden sitzt sie auf der Polizeiwache, nachdem ein junger Mann durch ihre Hand starb. Notwehr, sagen die Zeugen. Doch Verhaltenspsychologin Marlene Nielsen, Koryphäe für Mikroexpressionen, spürt: Hier stimmt etwas nicht. Ihr Gegenüber hat sich jede verräterische Regung abtrainiert – bis sie erfährt, wer Marlene ist. Da huscht Furcht über ihr Gesicht. Zwei Frauen, deren eiserner Wille sich in nichts nachsteht, treffen hier aufeinander. Doch die Zeit tickt, denn ohne konkrete Beweise gegen die Unbekannte kann die Polizei sie nicht festhalten. Als Marlene auf eigene Faust ermittelt, wird sie in ein monströses Lügenkonstrukt gezerrt – und muss erkennen: Die Grenze zwischen Täterin und Opfer ist schmaler als gedacht. 

Rezension: 

Eine Frau wird sexuell belästigt und mit einem Messer bedroht. Sie wehrt sich und tötet ihren Angreifer mit einem Handkantenschlag. Videoaufzeichnungen und Zeugen bestätigen die Tötung aus Notwehr. Die Betroffene selbst schweigt bei ihrer Vernehmung. Die hinzugezogene Verhaltens- und Emotionspsychologin Marlene Nielsen, die sich auf die Entschlüsselung von Mimik spezialisiert hat, versucht erfolglos mit der Frau zu sprechen, will jedoch an ihrer Reaktion erkannt haben, dass die Frau nicht in Notwehr handelte. Ohne konkrete Beweise und Ermittlungsansätze kann die Unbekannte auch nicht zur Identitätsfeststellung länger festgehalten werden. 
Marlene, der Lügen zuwider sind, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. 

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven geschildert, wobei Marlene und ihre hartnäckige Suche nach der Wahrheit klar im Vordergrund stehen. Die unterschiedlichen Blickwinkel sorgen allerdings dafür, dass das Motiv der Tat der unbekannten Frau frühzeitig zu erkennen ist. Darunter leidet die Spannung, auch wenn der Fall sich tatsächlich komplexer entwickelt und erst am Ende alle verstörenden Details ans Licht kommen. 

Marlenes Nachforschungen sind neben ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit persönlich motiviert, wobei erst allmählich deutlich wird, was sie in ihrer Vergangenheit geprägt hat. Ihre Fähigkeit, Mimik und Emotionen zu lesen, geht dabei unter und prägt die Handlung weniger als erwartet. 
Neben Marlenes kopflosen, obsessiven Verhalten ist auch die im weiteren Verlauf zu auffällige Vorgehensweise der unbekannten Frau nicht ganz nachvollziehbar. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Frauen sich wiederholt in die Quere kommen und Marlene im Vergleich zur Polizei, die die Ungereimtheiten in dem Fall hinnimmt, so schnell nicht aufgibt und selbst Drohungen stoisch ignoriert.  

Selbst wenn man berücksichtigt, dass die handelnden Personen von ihren Emotionen geleitet werden, muss man Abstriche in Bezug auf eine realitätsnahe Handlung machen. 
Marlenes eigenwillige, schon fast selbstzerstörerische Art mag dabei unprofessionell und enervierend wirken, die Schuldigen bringen sich nach anfänglicher Gerissenheit selbst in Verruf und die Polizei handelt erst spät, aber dann mit Karacho. Der Plot entwickelt sich dennoch zu einem raffinierten Konstrukt aus Lügen, Rache und Trauma. 

Trotz einigen Kritikpunkten ist vorstellbar, dass "Die Lüge in ihrem Gesicht" der Auftakt einer Buchreihe um Marlene Nielsen könnte, die als Expertin für Mikroexpressionen Strafverfolgungsbehörden offiziell bei ihren Ermittlungen unterstützt.

Freitag, 28. August 2026

Buchrezension: Samantha Hayes - Eine zu viel

Inhalt:

Nach dem Tod des Familienvaters Ray lädt Mutter Connie ihre drei Töchter samt Partnern und Kindern in eine abgelegene schottische Lodge ein. Zehn Tage sollen sie dort verbringen: nachtrauern, zusammenrücken, vielleicht neu beginnen. Doch Connie hütet ein brisantes Geheimnis: Rays Testament – und die Wahrheit, die es an die Oberfläche bringen wird. Während Connie den richtigen Moment für ihre Offenbarung sucht, kippt die Stimmung wie das Wetter in den Highlands. Wer steht zu wem? Und was geschieht, wenn die größte Gefahr nicht draußen lauert, sondern mit am Tisch sitzt? 

Rezension: 

Connie Hunter versammelt nach dem Tod ihres Ehemanns ihre Familie in der Ferienlodge in den schottischen Highlands. Sie möchte ihren Töchtern das Testament ihres Vaters eröffnen, mit dem er ein jahrzehntealtes Geheimnis enthüllt, das alle erschüttern wird.
Doch nicht nur Connie hat Probleme, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen. Darby und ihr Schwager Adrian haben ein Geheimnis, das sie verbindet und über das sie schweigen um Darbys Schwester Kate zu schützen. Kate hingegen vermutet, dass Darby und Adrian eine Affäre haben. Die jüngste Schwester Bea ist schwanger und schweigt sich über die wahre Identität des Vater des Kindes aus. Währenddessen ist Darbys Stiefsohn Theo voller Wut und hegt Mordgedanken.
In der aufgeladenen, misstrauischen Stimmung droht die Lage zu eskalieren.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert. Der erste Teil handelt in der Gegenwart und wird aus den Perspektiven von Connie, ihren drei Töchtern und Theo geschildert. Er dient der Vorstellung der Charaktere und demonstriert die Familiendynamik. In den Vordergrund rücken jedoch die kleinen und großen Geheimnisse, die (fast) jeder von ihnen hat und die die vorgebliche Familienidylle nach dem Tod des Patriarchen zu zerstören droht.
Teil zwei handelt 40 Jahre zuvor aus wechselnden Perspektiven von Connie und ihrem Mann Ray. Connies angedeutetes Geheimnis wird darin enthüllt, wirkt aber mit der Offenbarung des Charakters Rays noch einmal erschütternder.
Im dritten und letzten Teil zeigt sich die Tragik der ganzen Familiengeschichte. Es werden nicht nur düstere Geheimnisse offenbart, die zu erahnen waren, es kommt auch noch zu weiteren Enthüllungen, die überraschen und so manchen Charakter in einem anderen Licht stehen lassen.

"Eine zu viel" ist ein spannendes Familiendrama, das vor allem durch die Abgeschiedenheit der Lodge, der Tatsache, dass es bei dem Familientreffen kein einfaches Entkommen gibt und den Verletzungen und Enttäuschungen, denen sich die Protagonisten stellen müssen, Nervenkitzel entwickelt. Gerade am Ende, wenn Sturm und Regen zunehmen und die Figuren sich unberechenbar verhalten, zeigt sich die bedrohliche Lage, die bisher nur unterschwellig zu spüren war.

Nach einem gemächlichen Beginn und sehr plakativ angedeuteten Geheimnissen entwickelt die Geschichte erst am Ende einen regelrechten Sog. Resümierend ist die Familie allerdings mit so vielen Lügen und bösem Blut belastet, dass die Geschichte überkonstruiert wirkt und auch die letzte Wende etwas weit hergeholt erscheint. 




Mittwoch, 26. August 2026

Buchrezension: Sasa Hanten - Talent zum Glück

Inhalt:

Charlotte Maybach und Eby Tusch kennen sich seit der Kindheit. Gemeinsam sind sie im Internat am Bodensee aufgewachsen – eine Freundschaft, die auch Jahre der Distanz überdauert hat. Mit Anfang dreißig lebt Charlotte als Notarin ein funktionierendes, angesehenes Leben, das sie nicht satt macht. Eby, der letzte Spross einer Kölner-Wiener Schaustellerfamilie, hat den Vater durch die Demenz begleitet, das Familienunternehmen übernommen und eine große Liebe verloren. Beide stehen an einem Punkt, an dem nichts mehr selbstverständlich scheint. Als sie sich wieder begegnen, geht es nicht um verpasste Chancen, sondern um offene Fragen: Wie will man leben, wenn man herausgefunden hat, wer man wirklich ist? 

Rezension: 

Eberhard "Eby" Tusch ist Nachkomme einer Kölner Schaustellerfamilie und hat die Leitung des Betriebs mit Sitz in Wien von seinem an Demenz erkrankten Vater übernommen. Gerade hat er ihn am Friedhof Melaten beerdigt und trauert um den charismatischen Playboy. Gleichzeitig leidet er unter der Trennung von Georg, der ihm zwar nie viel versprochen, aber doch überraschend die Beziehung beendet hat. Eby sehnt sich nun nach seiner besten Freundin Charlotte und lädt sie spontan nach Zürich zu einer Kur ein.
Charlotte Maybach und er sind gemeinsam in einem Internat am Bodensee aufgewachsen. Charlotte ist Tochter einer Bäckerei- und Feinkostdynastie und als Notarin mit eigener Kanzlei tätig. Im Gegensatz zu Eby hatte sie nie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrer Mutter, die sie als kaltherzig empfunden hat. Nach einer längeren Zeit ohne Kontakt freut auch sie sich auf ihren Gefährten aus dem Internat. 


Zunächst steht die Freundschaft gar nicht so sehr im Vordergrund des Romans, denn der jeweils andere spielt im eigenen Leben zu dem Zeitpunkt mit Mitte Dreißig keine wesentliche Rolle. Erzählt wird in längeren Abschnitten abwechselnd aus beiden Perspektiven, wodurch man die Persönlichkeiten, ihre gegenwärtig Lebenssituation, aber auch ihre (gemeinsame) Vergangenheit kennenlernt. Dabei wird deutlich, wie viel sie schon als Kinder von einander gehalten haben und wie eng ihr Verhältnis und ihre zumal experimentelle Freundschaft im Internat wurde. 

Beide stammen aus privilegierten Verhältnissen und sind ohne Geldsorgen groß geworden. Im Internat teilten sie denselben Humor und wurden von anderen aufgrund ihrer Ironie und Wortgewandtheit oftmals für arrogant gehalten. Sie haben Verluste erlitten und sind trotz ihres beruflichen Erfolgs und einem guten Standing in der Gesellschaft einsam. Die Voraussetzungen für Glück sind da, aber greifen oder festhalten können sie es nicht. Ihr Wiedersehen in Zürich wirkt auf beide belebend, während sie in ihrer Kommunikation in alte, bewährte Muster zurückfallen. 

Der Roman lebt weder von großer Dramatik noch von einschneidenden Ereignissen, sondern vielmehr von einer geistreichen Fabulierkunst und einem bunten Reigen aus charmanten Haupt- und Nebenfiguren, die die Geschichte bereichern. Es geht um Freundschaft und Zusammenhalt, den Mut anzuecken und die Freiheit, eigene Wege zu gehen. 

Die Geschichte wechselt zwischen Gegenwart und Erinnerungen an die Vergangenheit. Oftmals wird weit ausschweifend erzählt, was zu Längen führt und sich zumal etwas sprunghaft anfühlt. Trotz vieler witziger Momente voller lebenskluger Aussagen, lebendiger Anekdoten und kölscher Mentalität hat mich die Geschichte am Ende verloren. Die Dialoge von Eby und Charlotte mit einer Aneinanderreihung von Zitaten empfand ich als zunehmend ermüdend - wie ein Außenstehender, der Insiderwitze nicht versteht. Zudem schien mir die "Hungerklinik" als Schauplatz des Wiedersehens mit Charlottes Essstörung als unglücklich gewählt. Wurde nicht auch gewarnt, während einer Fastenkur keine wesentlichen Entscheidungen zu treffen? So unpassend ist dann auch der Schluss, insbesondere da ich den Stimmungswechsel der beiden nicht nachvollziehen und noch weniger fühlen konnte.