Freitag, 28. August 2026

Buchrezension: Samantha Hayes - Eine zu viel

Inhalt:

Nach dem Tod des Familienvaters Ray lädt Mutter Connie ihre drei Töchter samt Partnern und Kindern in eine abgelegene schottische Lodge ein. Zehn Tage sollen sie dort verbringen: nachtrauern, zusammenrücken, vielleicht neu beginnen. Doch Connie hütet ein brisantes Geheimnis: Rays Testament – und die Wahrheit, die es an die Oberfläche bringen wird. Während Connie den richtigen Moment für ihre Offenbarung sucht, kippt die Stimmung wie das Wetter in den Highlands. Wer steht zu wem? Und was geschieht, wenn die größte Gefahr nicht draußen lauert, sondern mit am Tisch sitzt? 

Rezension: 

Connie Hunter versammelt nach dem Tod ihres Ehemanns ihre Familie in der Ferienlodge in den schottischen Highlands. Sie möchte ihren Töchtern das Testament ihres Vaters eröffnen, mit dem er ein jahrzehntealtes Geheimnis enthüllt, das alle erschüttern wird.
Doch nicht nur Connie hat Probleme, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen. Darby und ihr Schwager Adrian haben ein Geheimnis, das sie verbindet und über das sie schweigen um Darbys Schwester Kate zu schützen. Kate hingegen vermutet, dass Darby und Adrian eine Affäre haben. Die jüngste Schwester Bea ist schwanger und schweigt sich über die wahre Identität des Vater des Kindes aus. Währenddessen ist Darbys Stiefsohn Theo voller Wut und hegt Mordgedanken.
In der aufgeladenen, misstrauischen Stimmung droht die Lage zu eskalieren.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert. Der erste Teil handelt in der Gegenwart und wird aus den Perspektiven von Connie, ihren drei Töchtern und Theo geschildert. Er dient der Vorstellung der Charaktere und demonstriert die Familiendynamik. In den Vordergrund rücken jedoch die kleinen und großen Geheimnisse, die (fast) jeder von ihnen hat und die die vorgebliche Familienidylle nach dem Tod des Patriarchen zu zerstören droht.
Teil zwei handelt 40 Jahre zuvor aus wechselnden Perspektiven von Connie und ihrem Mann Ray. Connies angedeutetes Geheimnis wird darin enthüllt, wirkt aber mit der Offenbarung des Charakters Rays noch einmal erschütternder.
Im dritten und letzten Teil zeigt sich die Tragik der ganzen Familiengeschichte. Es werden nicht nur düstere Geheimnisse offenbart, die zu erahnen waren, es kommt auch noch zu weiteren Enthüllungen, die überraschen und so manchen Charakter in einem anderen Licht stehen lassen.

"Eine zu viel" ist ein spannendes Familiendrama, das vor allem durch die Abgeschiedenheit der Lodge, der Tatsache, dass es bei dem Familientreffen kein einfaches Entkommen gibt und den Verletzungen und Enttäuschungen, denen sich die Protagonisten stellen müssen, Nervenkitzel entwickelt. Gerade am Ende, wenn Sturm und Regen zunehmen und die Figuren sich unberechenbar verhalten, zeigt sich die bedrohliche Lage, die bisher nur unterschwellig zu spüren war.

Nach einem gemächlichen Beginn und sehr plakativ angedeuteten Geheimnissen entwickelt die Geschichte erst am Ende einen regelrechten Sog. Resümierend ist die Familie allerdings mit so vielen Lügen und bösem Blut belastet, dass die Geschichte überkonstruiert wirkt und auch die letzte Wende etwas weit hergeholt erscheint. 




Mittwoch, 26. August 2026

Buchrezension: Sasa Hanten - Talent zum Glück

Inhalt:

Charlotte Maybach und Eby Tusch kennen sich seit der Kindheit. Gemeinsam sind sie im Internat am Bodensee aufgewachsen – eine Freundschaft, die auch Jahre der Distanz überdauert hat. Mit Anfang dreißig lebt Charlotte als Notarin ein funktionierendes, angesehenes Leben, das sie nicht satt macht. Eby, der letzte Spross einer Kölner-Wiener Schaustellerfamilie, hat den Vater durch die Demenz begleitet, das Familienunternehmen übernommen und eine große Liebe verloren. Beide stehen an einem Punkt, an dem nichts mehr selbstverständlich scheint. Als sie sich wieder begegnen, geht es nicht um verpasste Chancen, sondern um offene Fragen: Wie will man leben, wenn man herausgefunden hat, wer man wirklich ist? 

Rezension: 

Eberhard "Eby" Tusch ist Nachkomme einer Kölner Schaustellerfamilie und hat die Leitung des Betriebs mit Sitz in Wien von seinem an Demenz erkrankten Vater übernommen. Gerade hat er ihn am Friedhof Melaten beerdigt und trauert um den charismatischen Playboy. Gleichzeitig leidet er unter der Trennung von Georg, der ihm zwar nie viel versprochen, aber doch überraschend die Beziehung beendet hat. Eby sehnt sich nun nach seiner besten Freundin Charlotte und lädt sie spontan nach Zürich zu einer Kur ein.
Charlotte Maybach und er sind gemeinsam in einem Internat am Bodensee aufgewachsen. Charlotte ist Tochter einer Bäckerei- und Feinkostdynastie und als Notarin mit eigener Kanzlei tätig. Im Gegensatz zu Eby hatte sie nie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrer Mutter, die sie als kaltherzig empfunden hat. Nach einer längeren Zeit ohne Kontakt freut auch sie sich auf ihren Gefährten aus dem Internat. 


Zunächst steht die Freundschaft gar nicht so sehr im Vordergrund des Romans, denn der jeweils andere spielt im eigenen Leben zu dem Zeitpunkt mit Mitte Dreißig keine wesentliche Rolle. Erzählt wird in längeren Abschnitten abwechselnd aus beiden Perspektiven, wodurch man die Persönlichkeiten, ihre gegenwärtig Lebenssituation, aber auch ihre (gemeinsame) Vergangenheit kennenlernt. Dabei wird deutlich, wie viel sie schon als Kinder von einander gehalten haben und wie eng ihr Verhältnis und ihre zumal experimentelle Freundschaft im Internat wurde. 

Beide stammen aus privilegierten Verhältnissen und sind ohne Geldsorgen groß geworden. Im Internat teilten sie denselben Humor und wurden von anderen aufgrund ihrer Ironie und Wortgewandtheit oftmals für arrogant gehalten. Sie haben Verluste erlitten und sind trotz ihres beruflichen Erfolgs und einem guten Standing in der Gesellschaft einsam. Die Voraussetzungen für Glück sind da, aber greifen oder festhalten können sie es nicht. Ihr Wiedersehen in Zürich wirkt auf beide belebend, während sie in ihrer Kommunikation in alte, bewährte Muster zurückfallen. 

Der Roman lebt weder von großer Dramatik noch von einschneidenden Ereignissen, sondern vielmehr von einer geistreichen Fabulierkunst und einem bunten Reigen aus charmanten Haupt- und Nebenfiguren, die die Geschichte bereichern. Es geht um Freundschaft und Zusammenhalt, den Mut anzuecken und die Freiheit, eigene Wege zu gehen. 

Die Geschichte wechselt zwischen Gegenwart und Erinnerungen an die Vergangenheit. Oftmals wird weit ausschweifend erzählt, was zu Längen führt und sich zumal etwas sprunghaft anfühlt. Trotz vieler witziger Momente voller lebenskluger Aussagen, lebendiger Anekdoten und kölscher Mentalität hat mich die Geschichte am Ende verloren. Die Dialoge von Eby und Charlotte mit einer Aneinanderreihung von Zitaten empfand ich als zunehmend ermüdend - wie ein Außenstehender, der Insiderwitze nicht versteht. Zudem schien mir die "Hungerklinik" als Schauplatz des Wiedersehens mit Charlottes Essstörung als unglücklich gewählt. Wurde nicht auch gewarnt, während einer Fastenkur keine wesentlichen Entscheidungen zu treffen? So unpassend ist dann auch der Schluss, insbesondere da ich den Stimmungswechsel der beiden nicht nachvollziehen und noch weniger fühlen konnte. 

Montag, 24. August 2026

Buchrezension: Kirsty Lockwood - Most Hated Girl

Inhalt:

Ein Vorort von Glasgow. Die neunzehnjährige Odette ist nach dem Tod ihrer Mutter allein. Zufällig lernt sie den über achtzigjährigen Amos kennen, und zwischen den beiden entsteht eine unerwartete Freundschaft. Gemeinsam starten sie einen Kanal in den sozialen Medien, ihre Reels gehen viral. Bis Amos eines Tages vor den Augen der ganzen Welt von Odette ermordet wird und die sich seitdem weigert, auch nur ein Wort zu den Geschehnissen zu sagen. Aber wer war dieser Amos wirklich, und ist Odette tatsachlich das Monster, als das sie online dargestellt wird? 

Rezension: 

Nachdem ihre Mutter verstorben ist, ist die 19-jährige Odette auf sich alleingestellt. Soziale Kontakte hat sie beim Arbeitsamt, wenn sie mit ihrer Sachbearbeiterin spricht und diese schon bald als Freundin empfindet. Ihre einsamen Stunden verbringt Odette in einem Museum, wo sie den älteren Herren Amos Michaels kennenlernt. Amos, der geschieden ist und keinen Kontakt zu seinen Kindern hat, freut sich, dass sich ein Mädchen für ihn interessiert und bietet ihr als väterlicher Ratgeber seine Unterstützung an. Ihre ungewöhnliche Freundschaft geht viral und schon bald haben sie mit simplen Videos aus ihrem Leben Zehntausende Follower auf TikTok.
Ihr letzter Livestream zeigt, wie Odette blutüberströmt auf den wehrlosen Amos einschlägt. Sie wird wegen Mordverdachts verhaftet und schweigt beharrlich. Unter den Augen der Öffentlichkeit ist der Druck auf die Polizei enorm, die Tat aufzuklären. Wie konnte Freundschaft in Hass umschlagen?

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert das "Zuvor" aus der Sicht von Odette, die naiv und im Alltag unbeholfen wirkt. Mit Amos findet sie einen höflichen und souveränen Mann, der ihr in der Not unter die Arme greift. Selbstlos?
Das "Jetzt" beginnt mit der Ingewahrsamnahme der blutverschmierten Odette und wird aus der Perspektive des ermittelnden Polizisten Roger erzählt.  

Obschon man ausgehend vom Mord und dem reißerischen Klappentext einen Thriller erwarten könnte, ist das Buch vielmehr ein verstörendes Drama über soziale Isolation, Manipulation und (Macht-)missbrauch. Sehr früh ist offensichtlich, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird, weshalb sie weniger spannend als gedacht ist. Auch der Aspekt von "Social Media als Gerichtssaal" ist weit weniger relevant.

"Most hated girl" (Im Original "We know what you did" - Warum ein neuer englischsprachiger Titel?) wird unglücklicherweise als Thriller vermarktet und weckt damit Erwartungen, die der Roman nicht erfüllen kann. Die kurzen Kapitel und schnellen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart sorgen für Dynamik und lassen immer noch ein weiteres Kapitel lesen. So wie ganz Schottland eine Erklärung verlangt, blickt man auch als LeserIn gebannt darauf, wie die Situation derart eskalieren konnte. 
Die Geschichte ist mit dem Bezug auf Social Media zeitgemäß und relevant, aber längst nicht alles fühlt sich realistisch an - angefangen vom großen Online-Interesse an Amos und Odette, über die Angestellte im Arbeitsamt, die sich als Sozialarbeiterin entpuppt, die Verwandte, die sogar in Australien auf die Videos aufmerksam wird oder die Großmutter, die in unmittelbarer Nähe erscheint. 

Der Plot ist grundsätzlich originell, aber mehr mitleiderregend als spannend und leidet in der Umsetzung unter zu vielen weit hergeholten Elementen.