Freitag, 6. November 2026

Buchrezension: Bonnie Garmus - Peck & Peck

Inhalt:

New York, 1982. Verbrechen sind an der Tagesordnung, und Batter Gray, frischgebackener College-Absolvent mit einem "feinen Ohr" für Poesie, blickt sorgenvoll in die Zukunft. Doch als Batter einen Traumjob bei Peck & Peck ergattert, der geheimnisvollsten, dysfunktionalsten und doch renommiertesten Lyrikzeitschrift der Welt, scheint sich das Blatt zu wenden. Schon bald steckt er mitten in dem heimlichen Krieg zwischen den beiden Herausgebern, den berühmten Peck-Brüdern, und ist eingeweiht in die Privatangelegenheiten der 39 Lektoren, die nur ein einziges Ziel vereint: Originalität finden. Kreativität fördern. Den Rest verbrennen. 

Rezension: 

Batter Gray, benannt nach dem heldenhaften Hund seiner Mutter, ist alles andere als ein Held. Schon als Kind träumte er davon, Dichter zu werden, auch wenn Eltern, Lehrer und Berufsberatung ihn vor einer brotlosen Kunst warnten. Er navigiert sich durchs College und landet nach dem Abschluss als T-Shirt-Falter bei Gap und Kellner bei "Just Okay" in New York. 
Doch Batter gibt die Poesie nicht auf und bewirbt sich als Lektor bei dem renommierten Lyrik-Verlag Peck & Peck - und erhält eine Zusage. Anders als gedacht, landet er jedoch als Kopierer in den Katakomben des Verlagshauses, was Batter jedoch nicht davon abhält, sich gegen Narzissmus und Obrigkeitsdenken und für Kreativität und Originalität einzusetzen. 

"Peck & Peck" handelt nach der Kindheit und Jugend Batters, der 1957 geboren ist, überwiegend in den 1980er-Jahren in New York City. Ausgehend von der Hauptfigur, ist es ein Roman über die Liebe zur Poesie, wobei Batter als Erwachsener erkennt, dass er kein begabter Dichter ist und Gedichte als solche im Roman nicht abgedruckt sind. Man muss insofern kein Lyrik-Faible haben, um sich auf die Geschichte einzulassen. 

Batters Faszination für die Poesie ist vielmehr ein Symbol dafür, an sich selbst zu glauben und für seine Träume einzustehen, auch wenn Ratgeber oder Vernunft etwas anderes empfehlen. 
Mit Herz und Humor und allerlei originellen Figuren ist die Geschichte abwechslungsreich und kreativ gestaltet. Es wird ein fiktiver Verlag zum Leben erweckt, der seit Gründung von Zwillingen geleitet wurde und nach einem Konkurs nur noch von einem Peck angeführt wird, der keinen Respekt vor Lyrik hat und für den Gewinnmaximierung mit allen Mitteln im Vordergrund steht. 
Batter, der zunächst unterschätzt wird, lernt über seine Kopiertätigkeit, die auch Persönliches über die Mitarbeitenden verrät, seine Kolleginnen und Kollegen kennen und kann sich das Wissen über sie zunutze machen. Auch wenn er Rückschläge erlebt, kann Batter sich, motiviert von Familie und Freunden, hocharbeiten und im stillen Kämmerlein gegen die eigenartigen Regeln im Verlag rebellieren. Er ist das kleinste Licht und wird gleichzeitig zur einzigen Person, die im Vergleich zu den langjährigen Lektoren Gegenwehr leistet. 

"Peck & Peck" handelt von einem liebenswerten Verlierer und unglücklichen Hochstapler, der nicht aufgibt. Sein Vorname Batter ist dabei Belastung und Ansporn zugleich, ist doch Promenadenmischung Batter für so einige abenteuerliche Heldentaten bekannt. Die Anekdoten über ihn muten fantastisch an und sind eine kreative Abwechslung zu der zunächst recht perspektivlosen Arbeit Batters.
 
Der Roman ist umfangreich und kommt nicht ohne Längen aus. Im Gegensatz dazu ist das Ende wie in einem Zeitraffer unglücklich gehetzt und überfrachtet mit erklärenden Informationen. Zudem ist insbesondere der cholerische Herausgeber des Lyrik-Magazins gnadenlos überzeichnet und die daraus resultierende Entwicklung mit Intrigen, Machtspielen, Manipulation und Sabotage im Verlag grotesk. 
Dennoch ist es ein herzerwärmendes, unterhaltsames und geistreiches Buch über die Wertschätzung von Kunst, Poesie und überhaupt geistigen Eigentums, aber auch ein Plädoyer für Menschlichkeit, Freundschaft, Selbstvertrauen und den Mut seine Träume zu leben.       

Mittwoch, 4. November 2026

Buchrezension: Andreas Schmidt - Tod ist mein Geschenk (Kommissarin Mia Sommer ermittelt, Band 2)

Inhalt:

Eine Reihe von unerklärlichen Todesfällen erschüttert Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in Wuppertal. Als sich herausstellt, dass die verstorbenen Patienten alle mit demselben Medikament behandelt wurden, führt eine erste Spur zum Palliativ-Netzwerk, für das Dr. Markus Berger regelmäßig arbeitet. 
Ist der hochangesehene Arzt in Wahrheit ein Todesengel, der glaubt, seinen Patienten Erlösung zu schenken? Die Kommissare Mia Sommer und Björn Lassner müssen bald tief in die finstersten menschlichen Abgründe eintauchen. Denn während Dr. Berger bereits in Untersuchungshaft sitzt, geht die Mordserie an Palliativ-Patienten weiter. 

Rezension: 

In Wuppertal mehrt sich die Zahl von verdächtigen Todesfällen in Pflegeeinrichtungen. Bei den Toten handelt sich um Patienten, die palliativ versorgt wurden und unerwartet frühzeitig starben. Nach einer Anzeige beginnt das KK 11 zu ermitteln. Als fast zeitgleich auf der Intensivstation einer Wuppertaler Klinik eine junge Frau stirbt, untersuchen Mia Sommer und ihr Kollege Björn Lassner den Fall und prüfen einen möglichen Zusammenhang.
Während schon bald ein angesehener Arzt des Palliativ-Netzwerks in den Fokus rückt und als dringend tatverdächtig verhaftet wird, bezweifelt Mia seine Schuld und fürchtet, dass die Polizei bewusst auf eine falsche Fährte geführt wurde.

"Tod ist mein Geschenk" ist nach "Hass ist meine Liebe" der zweite Band der Reihe "Mia Sommer ermittelt".
Während in Band 1 das Privatleben der Ermittler einen nicht unerheblichen Raum eingenommen hat, liegt in dieser Fortsetzung das Hauptaugenmerk ganz klar auf den polizeilichen Ermittlungen. Mia Sommer, die empathisch und instinktgesteuert agiert und Björn Lassner, der streng nach Vorschrift agiert, bilden erneut ein eingespieltes Team.

Aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert, ist der Lesende den Ermittlern ein Stück voraus, ohne die Zusammenhänge der Todesfälle und mutmaßlichen Morde frühzeitig erkennen zu können. 
Die Geschichte ist sehr dynamisch geschildert, spielt sie sich doch in einem kurzen Zeitraum von wenigen Tagen ab. Die Polizei steht unter Druck, weitere Tötungen zu verhindern. Präzise Orts- und Zeitangaben nehmen den Lesenden mit auf eine rasante Fahrt durch die Wuppertaler Stadtteile im windig-kalten Herbst.

Durchgängig spannend und vor dem Hintergrund des Pflegenotstands gesellschaftskritisch und aktuell relevant, fesselt der Krimi mit einem undurchschaubaren Kriminalfall. Obgleich die Polizei zumal überzogen mit roher Gewalt agiert und das ein oder andere Mal voreilige Schlüsse gezogen werden, sind die Figuren grundsätzlich authentisch und die Ermittlungen zwischen falschen Verdächtigungen, einem sogenannten Todesengel und Organisierter Kriminalität, nachvollziehbar. Die Motive der Verdächtigen und Täter sind genauso schlüssig dargelegt wie auch das Zusammenspiel der Ermittlungsgruppe und die Zusammenarbeit von Staatsanwaltschaft und Polizei und lassen mit Vorfreude einen dritten Band der bodenständigen Reihe erwarten. 

Montag, 2. November 2026

Buchrezension: Annette Lies - Über uns der Himmel

Inhalt:

1959: Die Welt liegt über den Wolken - und die Deutsche Lufthansa verspricht jungen Menschen ein Leben voller Freiheit. Ursula, Jutta und Rosemarie greifen nach diesem Traum. Doch beim Auswahlverfahren in Hamburg sucht die strenge Chefstewardess nur eines: Fliegende Fräuleinwunder! Und sicher nicht das bayerische Landmädel, die schüchterne Ost-Berlinerin und das burschikose Kohlenkind. Doch jede von ihnen trägt etwas in sich, das ihnen überraschend Flügel verleiht. 
2018: Ursula ist fast achtzig und verlässt das Haus nicht mehr. Als Telefonseelsorgerin schmiedet sie einen letzten Plan. Da ruft eine Frau an, deren Stimme ihr seltsam vertraut ist. Und schildert Ängste und Erinnerungen, die niemand außer Ursula kennen kann. Auch die kleine Tochter der Anruferin leidet unter Albträumen und Ursula versteht, dass die Vergangenheit nicht mit dem eigenen Tod stirbt. Doch um zu helfen, muss sie sich dem stellen, wovor sie siebzig Jahr lang floh. 

Rezension: 

1959 sucht die Deutsche Lufthansa Bordpersonal. Unter den zahlreichen Bewerberinnen und Bewerbern schaffen es unter anderem Ursula, Jutta und Rosemarie sich in dem anspruchsvollen Verfahren durchzusetzen. Ursula stammt aus der Nähe von München, wo ihre Eltern eine Gastwirtschaft betreiben. Für ihren Traum von Freiheit und um ihr Fernweh zu stillen, fühlte sich Ursula gezwungen mit ihren Eltern zu brechen.
Noch während des Auswahlverfahrens freundet sie sich mit Jutta, der zarten Ost-Berlinerin, der technikaffinen Rosemarie aus dem Ruhrpott und dem galanten norddeutschen Gert an.
Jahrzehnte später arbeitet Ursula bei der Telefonseelsorge. Den Tod vor Augen erhält sie einen anonymen Anruf einer alleinerziehenden Mutter, die ihr von ihren Nöten berichtet. Ihre Schilderungen bewirken, dass sich Ursula ihrer Vergangenheit stellt, vor der sie seit 70 Jahren auf der Flucht ist.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, wobei die Vergangenheit mit dem Traum vom Fliegen, der Entwicklung der zivilen Luftfahrt und die Freundschaft im Kolleginnenkreis klar im Vordergrund stehen.
Der Zeitgeist ist bildhaft und eindrücklich geschildert. Man erhält nicht nur einen umfangreichen Blick auf das Berufsbild der Stewardess, sondern auch auf die gesellschaftlichen Konventionen der 1960er-Jahre. Die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs sind spürbar, aber insbesondere auch die Verhaftung in traditionellen Rollenbildern. 
Die fiktiven Schicksale berühren und werden unangestrengt mit den historischen Begebenheiten verknüpft. 

Es ist eine lebendige Zeitreise mit authentischen Figuren, die während ihres beruflichen Werdegangs gut zehn Jahre begleitet werden und an für damalige Verhältnisse exotische Orte führt und Kontakt zu unterschiedlichen Kulturen ermöglicht. Ursulas Fernweh wird gestillt, nicht aber die Sehnsucht nach Liebe. Darüber hinaus ist sie von einem Trauma gezeichnet, dass sie selbst so viele Jahre später in der Gegenwart des Jahres 2018 belastet. Auch diese Erzählebene berührt, mutet jedoch aufgrund der zahlreichen Zufälle wie ein Märchen an.  

"Über uns der Himmel" ist eine vielschichtige, herrlich nostalgische Geschichte über die Anfänge der zivilen Luftfahrt, über Freundschaft, Selbstbestimmung und die Suche nach Glück. Und so steht die Fliegerei auch symbolisch für den Wunsch nach Freiheit der vier Hauptfiguren, die jeweils mit eigenen Sorgen und Nöten zu kämpfen hat.