Mittwoch, 30. Dezember 2015

Buchrezension: Karen Swan - Ein Geschenk zum Verlieben

Inhalt:

Die Welt der Schmuckdesignerin Laura ist klein und überschaubar. Nach einem Schicksalsschlag sind ihr Freund Jack, ihre beste Freundin Fee und ihr Hund Arthur ihre Familie. Bis an einem Wintertag der attraktive Rob Blake im Atelier auftaucht, mit einem ungewöhnlichen Anliegen: Er möchte seiner Frau eine Kette mit sieben Anhängern schenken, von denen jeder für einen besonderen Menschen stehen soll. Dafür soll Laura die sieben wichtigsten Personen in deren Leben interviewen. Laura willigt ein und lernt ein ganz neues Leben kennen voller Luxus und Extravaganz. Doch bald muss sie erkennen, dass nicht alles so glanzvoll ist, wie es auf den ersten Blick scheint...

Rezension:

Das Buch beginnt mit einem traurigen Brief einer sterbenden Mutter, die sich von ihren sechsjährigen Zwillingen Laura und Lilly verabschiedet. Anschließend lernt der Leser Laura Cunningham, die inzwischen erwachsene Schmuckdesignerin kennen. Sie hat sich selbstständig gemacht und arbeitet zurückgezogen in einem Cottage an Meer. Sie lebt mit ihrem Freund Jack und Hund Arthur zusammen und ist eng mit der jüngeren Fee befreundet. Lauras Radius ist sehr eingeschränkt und sie gibt nur wenig von sich preis. Der Leser spürt, dass Laura aufgrund eines Schicksalsschlags traumatisiert sein muss, erfährt aber lange nicht, was es damit auf sich hat.

Kurz vor Weihnachten erhält Laura von dem reichen Rob Blake den Auftrag für seine Frau eine Kette mit sieben Charms zu ihrem Geburtstag am 23. Dezember anzufertigen. Laura lehnt zunächst ab, da ihr die Zeit zu knapp erscheint, neben den weiteren Aufträgen sieben individuelle Anhänger zu fertigen, die das Leben von Robs Ehefrau Cat darstellen sollen. Die Bezahlung ist allerdings mehr als vielversprechend und da Laura ihrem Freund den langjährigen Traum einer Strandhütte zu Weihnachten erfüllen möchte, willigt sie doch ein.

Um die sieben Charms anfertigen zu können, muss Laura sieben Personen, die Cat nahe stehen u.a. ihren Ehemann Rob, Schwester Olive, ihre Schulfreundin Kitty, Fitnesstrainer Orlando, Exfreund Alex, Freundin Sam und ihre Arbeitgeberin Min, interviewen. Auf einer Reise in den Winterort Verbier lernt sie die Clique um die als herzensgut, sympathisch und sehr attraktiv beschriebene Cat kennen. Auch Laura ist zunächst überwältigt von Cats Erscheinung. Nach und nach lernt sie Cat besser kennen, freundet sich sogar mir deren alten Schulfreundin Kitty an und wird in die Welt der Schönen und Reichen aufgenommen.

Verbunden mit dieser Annäherung entfremdet sich Laura mehr von ihren Bezugspersonen Jack und Fee, die ihr Halt gaben und sie lernt nicht nur Cat und deren Schattenseiten sondern auch sich selbst besser kennen.
Gegen Ende des Romans wird auch endlich auf den Beginn des Buches Bezug genommen und der Leser erfährt mehr aus Lauras Vergangenheit, wie und warum sie so eng mit Jack und Fee verbunden ist und was es mit ihrer Schwester Lilly auf sich hat.

"Ein Geschenk zum Verlieben" ist schöner, ruhiger, trauriger Roman, den man in den Wintermonaten lesen sollte. Titel und Cover deuten zwar eine Liebesgeschichte in der Vorweihnachtszeit an, der Roman ist aber keinesfalls trivial oder vorhersehbar.
Laura ist eine sehr sympathische Protagonistin, die Geheimnisse hat, die der Leser in Gänze erst am Ende des Romans erfährt. Laura fällt aus ihrer Rolle heraus, die sie über lange Zeit gespielt hat und findet wieder zu sich selbst, auch wenn das mit Abschiednehmen zu tun hat. Der Roman ist sehr emotional und eindringlich beschrieben, gibt jedoch Hoffnung auf einen Neuanfang.


Mittwoch, 16. Dezember 2015

Buchrezension: Hera Lind - Die Frau, die zu sehr liebte

Inhalt:

Wie vom Blitz getroffen verliebt sich die dreifache Mutter und Arztfrau Linda in den äußerst charmanten Bankdirektor Frank. Nach heißen Liebesnächten und einem gemeinsamen Urlaub trifft sie den waghalsigen Entschluss, ihrem bisher eintönigen Leben noch einmal den entscheidenden Kick zu verleihen. Sie gibt alles auf, verliert Freunde, Familie und ihre finanzielle Sicherheit. Aber sie glaubt an die große Liebe. Doch was als perfektes Glück mit Patchworkfamilie im neuen Haus beginnt, wird mehr und mehr zu einem Albtraum, aus dem es kein Zurück mehr gibt...

Rezension:


Linda Albrecht, 47 Jahre alt, lebt mit ihrem Ehemann Jochen und ihren beiden gemeinsamen Kindern Patti und Simon im Taunus. Jochen ist Dermatologe mit eigener Praxis und beruflich entsprechend eingebunden. Zu Hause ist er eher passiv, hat keinen Blick mehr für seine Ehefrau und beschäftigt sich mit seinem Computer, an dem er abends überwiegend Berichte schreibt. Linda ist gelangweilt und frustriert und froh, den attraktiven und ein paar Jahre jüngeren Nachbarn ihrer Freundin kennenzulernen. Frank ist erfolgreicher Bankdirektor in Frankfurt/ Main, selbst verheiratet und Vater zweier Töchter. Aus einem prickelnden Flirt im Garten wird eine leidenschaftliche Affäre. Linda genießt es, von ihm die Beachtung zu erhalten, die ihr von Jochen gefehlt hat. Frank trägt sie auf Händen, macht ihr Komplimente und teure Geschenke. Bald können und möchten die beiden ihre Affäre vor ihren Ehepartnern und Kindern nicht mehr verheimlichen und ziehen zusammen in ihr Liebesnest nach Frankfurt. Später ist eine Traumvilla gefunden, in die sie mit den vier Kindern einziehen. Frank verbringt bis zu 14 Stunden täglich im Büro, um den luxuriösen Lebensstandard halten zu können. Linda managt das Familienleben, fährt allein die Kinder täglich 40 km zu ihren vier Schulen, kümmert sich um Hunde, Schildkröten und Kaninchen und versucht dabei, Frank alles Recht zu machen. Mit dem Alltag bröckelt die Fassade des Gentleman Frank. Er zeigt ein Bild von sich, das Linda nicht kennt und anfangs auch nicht wahrhaben möchte...

Ich hatte seit meiner Jugend keinen Hera Lind-Roman à la "Das Superweib" gelesen. Bei "Die Frau, die zu sehr liebte" handelt es sich allerdings um einen Tatsachenroman, der auf der realen Geschichte von Linda Albrecht basiert.

Hera Lind besitzt nach wie vor ihren flüssigen Schreibstil, weshalb sich das Buch fließend und durchaus unterhaltsam bis spannend lesen lässt. Als Leser ist man neugierig, wie die Geschichte von Linda Albrecht ausgehen wird und ob es ein Happy End für sie und zwei zerstörte Familien geben wird.

Richtig mitfühlen konnte ich aber nicht mit Linda. Von Anbeginn war sie mir aufgrund ihres affektierten Verhaltens, ihrer Ich-Bezogenheit und Überheblichkeit schlichtweg unsympathisch. Zudem war sie - blind durch die Verliebtheit eines Teenagers - naiv und lebte in ihrer eigenen Traumwelt.
Ich fragte mich bis zur annähernd 300. Seite, warum ihre Geschichte hatte niedergeschrieben werden müssen. Dann nahm der Roman aber an Fahrt auf und wurde richtig brisant und auch Linda wachte auf und nahm ihr Leben wieder in ihre eigenen Hände. Schockierend, dass sich diese Geschichte tatsächlich (abgesehen von der künstlerischen Freiheit der Autorin natürlich) ereignet hat.



Freitag, 11. Dezember 2015

Buchrezension: Muriel Zagha - Der Wunschzettelzauber

Inhalt:

Die Engländerin Chloe ist zufrieden mit ihrem Job in einem kleinen Londoner Feinkostladen, stolze Mutter des aufgeweckten Nicolas – und Witwe. Chloes große Liebe, der Franzose Antoine, starb noch vor der Geburt seines Sohnes. Fünf Jahre sind seitdem vergangen, und Chloe trauert immer noch. Doch als Nicolas seine Mutter mit dem Wunsch nach einem Vater konfrontiert, bringt er die Dinge in Bewegung. Denn auch Chloes Freundinnen und ihre Mutter meinen, es sei allmählich Zeit für einen neuen Mann an ihrer Seite. Aber Chloe ist noch gar nicht bereit für die Liebe – oder vielleicht doch?

Rezension:

Chloe, eine junge Engländerin, verliert auf tragische Weise ihre große Liebe Antoine, den sie in Paris kennenlernte und bereits kurze Zeit später während ihrer Schwangerschaft heiratete.

Der Roman spielt fünf Jahre später. Chloe lebt nun als alleinerziehende Mutter zusammen mit ihrem Sohn Nicolas, der seinen Vater nie kennenlernen konnte, in London. Sie arbeitet bei Bruno in dem französischen Feinkostgeschäft "Bon Vivant".

Anfangs wird in kurzen Rückblenden erzählt, wie Chloe nach dem Tod ihres Ehemanns von Frankreich nach England zurückkehrte und wie schlecht es ihr vor Trauer ging, bis sie - auch ihrem Sohn zuliebe - sich aufraffte und Kontakt zu anderen Müttern schloss. Mit ihren drei Freundinnen Sally, Megan und Kaja, die alle sehr unterschiedlich sind, trifft sie sich regelmäßig und ist so weit mit ihrem Leben zufrieden. Vor Weihnachten eröffnet ihr Nicolas einen seiner größten Weihnachtswünsche: Er wünscht sich einen Vater.
Für Nicolas selbst ist dies keine große Sache, Chloe hängt aber immer noch an Antoine und hatte bisher keinen Blick für andere Männer.

Ihre Freundinnen versuchen sie auf liebevolle Weise zu verkuppeln, arrangieren Dates oder melden sie bei einer Online-Partnerbörse an. Chloe lernst selbst bei einer Hochzeit in Frankreich, zu der sie eingeladen war, Guillaume kennen, einen Freund Antoines aus Kindertage und Winzer im Burgund. Chloe ist von seinem Charme ganz hingerissen und kann ihn sich auch gut als Vater für Nicolas vorstellen. Für ihn müsste sie allerdings ihr gesamtes Leben in London aufgeben. In London selbst trifft sie auf den geschiedenen Charlie, der dort offensichtlich nichts anbrennen lässt, von dem sie sich dennoch hingezogen fühlt.

Auch wenn der Roman "Der Wunschzettelzauber" heißt, spielt Weihnachten eine untergeordnete Rolle. Seitdem aber Nicolas den Wunsch nach einem Vater geäußert hat, öffnet sich Chloe wieder für die Männerwelt. Das Buch dreht sich insofern um einen Neuanfang und die Freundschaft zwischen den Frauen.

Alle Charaktere sind sehr unterschiedlich, aber jeder auf seine Art sympathisch. Durch die gute Beschreibung der Autorin und den Rückblick lernt man sie alle gut kennen, bevor die eigentliche Erzählung um das Suchen und Finden der Liebe beginnt.

Als Leser begleitet man Chloe gerne auf ihrem Weg aus der Trauer und durch zum Teil sehr witzige Situationen mit ihren Freundinnen, die alle ihre eigenen Probleme haben, oder beim Kennenlernen von Männern.

Zur Vorweihnachtszeit ein schöner und neben aller Emotionalität ein durchweg positiver Roman, der trotz des maßgeblichen Handlungsorts in London französisches Flair versprüht und sehr unterhaltsam zu lesen ist.

"Köstliche Unterhaltung, die so zart schmelzend daherkommt wie die beste Schokolade."
literaturmarkt.info


Mittwoch, 2. Dezember 2015

Buchrezension: Lucy Hepburn - Vom ersten Tag an und für immer

Inhalt:

Nell mag ihr Leben. Wie könnte es auch anders sein, wo sie seit zehn Jahren nichts daran verändert hat. Sie führt den Blumenladen, der schon ihrer Mutter gehörte, und hat seit dem ersten Tag ihrer Studienzeit dieselben Freunde - Alex, Maria und Jason. Ihre Angestellte Olive sagt, sie ist in der Vergangenheit hängen geblieben, doch Nell meint, sie ist glücklich. So lange, bis Alex verkündet, Maria heiraten zu wollen – und Nells Herz zerbricht. Sie war doch schon so lange in ihn verliebt...

Rezension:

Nell Marnie ist 28 Jahre alt und hat nach dem Tod ihrer Mutter deren Blumenladen übernommen. Nell hatte eigentlich Fotografie studiert und nicht geplant, Floristin zu werden. Zusammen mit ihrer Angestellten Olive, die wie eine Schwester für sie ist, betreibt sie das Geschäft, das kaum Gewinne erzielt.

Als ihr bester Freund Alex, den sie seit Kindertagen kennt, verkündet, dass er ihre beste Freundin Maria heiraten wird, ist Nell am Boden zerstört. Sie liebt ihn seit ihrer gemeinsamen Studienzeit und hatte sich nie getraut, sich ihm zu offenbaren. Jetzt scheint alles zu spät. Zu allem Überfluss muss sie auch die freudige Trauzeugin von Maria mimen und sich um Junggesellinnenabschied und Blumendeko der Hochzeit kümmern.

Olive findet, dass Nell langsam genug ihrer unerfüllten Liebe nachgetrauert hat und beschließt, dass es Zeit für einen anderen Mann in Nells Leben ist. Mehr oder weniger erfolgreich arrangiert sie zufällig verschiedenste Dates für Nell und gibt sogar ohne deren Wissen eine Anzeige bei einer Partnerbörse auf.
Nell dagegen beschließt nicht nur Alex endgültig aufzugeben, sondern auch das Blumengeschäft ihrer Mutter und um die Welt zu reisen, bis sie weiß, was sie mit ihrer Zukunft anstellen soll. Da kommt das Angebot von dem Geschäftsmann Stanley Stalks wie gelegen, der den Laden zu einem mehr als guten Preis erwerben möchte.


Der Handlung ist leicht zu folgen, das Buch einfach geschrieben und durch die einzelnen Fettnäpfchen, in die Nell während ihrer Dates tritt, auch unterhaltsam.
Trotzdem bin ich mit der naiven Protagonisten und auch der schon fast intriganten Olive nicht wirklich warm geworden. Bei ihrer verlorenen Liebe zu Alex konnte ich nicht wirklich mitfühlen, da der Charakter Alex in dem Roman für mich viel zu kurz gekommen ist. Er tauchte immer nur dann "als Retter in der Not" auf, wenn Nell dringend Hilfe wegen ihres Geschäfts brauchte. Die unfähigen Männer, die Nell datete, waren dagegen unreif und nervig.
Ab der Hälfte des Buches war dann auch klar, wie sich der Roman letztendlich noch entwickeln würde, auch wenn ich zumindest von Maria noch überrascht worden bin, die nicht ganz so integer war, wie es zunächst schien.

Aufgrund des Klappentextes konnte man sich als Leser bereits vorstellen, dass die Handlung des Buches nicht wirklich neu sein würde. Als romantische Lektüre mit ein paar chaotischen, humorigen Situationen, bei der man nicht viel nachdenken muss, ist "Vom ersten Tag an und für immer" einfach für Zwischendurch durchaus zu empfehlen. Allzu viel Anspruch oder überraschende Wendungen sollte man allerdings nicht erwarten.


Mittwoch, 25. November 2015

Buchrezension: Volker Surmann - Mami, warum sind hier nur Männer?

Inhalt:

Verkehrte Welt im Gay-Resort auf Sardinien: Hotelier Helmer Klotz, selbst schwul, verachtet seine homosexuelle Klientel aus tiefstem Herzen. Dann gewährt er in einer Notsituation Ilka, einer frisch verlassenen Mutter mit ihren zwei Kindern, Unterkunft. Damit treffen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein können. Denn auf eine Konfrontation mit so viel Heterosexualität sind Helmers Hotelgäste nicht vorbereitet, die aufgeweckte Kleinfamilie stiftet ordentlich Unruhe und Chaos. Und doch sind es am Ende ausgerechnet die von der Liebe enttäuschte Heterofrau und ihre Kinder, die dem bärbeißigen Hotelchef vor Augen führen, dass es unter Homosexuellen durchaus auch liebenswerte Exemplare gibt.

Rezension:

Ilka trennt sich von ihrem Ehemann Dennis, den sie während des Urlaubs auf Sardinien in flagranti mit einer Engländerin im Ferienhaus erwischt hat. Mit ihren beiden Kindern Felix, 5, und Thea, 10, strandet sie nach einer Autopanne in einem Schwulenhotel.

Hotelier Helmer Klotz, homosexuell, aber selbst ernannter Schwulenhasser, lässt die Kleinfamilie entgegen der Grundsätze des Gayresorts unterkommen. Die homosexuellen Hotelgäste, die von Kindern angewidert sind und vor Frauen Angst zu haben scheinen, sind alles andere als amused von Ilka und ihren Kindern. Einzig Transvestit Olga DiValdfee nimmt sich der Familie an und auch Einsiedler Helmer freundet sich zunehmend mit der ungewohnten Situation an und findet offenbar Gefallen daran, seine übrigen zimperlichen Hotelgäste zu irritieren.

Ilka beschließt während des Aufenthalts und des Konsums der ein oder anderen Flasche Wein, die endgültige Trennung von ihrem treulosen Ehemann. Die Kinder versuchen, in der Zwischenzeit Brummbär Helmer und Transe Olga miteinander zu verkuppeln.

Aufgrund des Klappentextes und der ausschließlich positiven Rezensionen hatte ich einen unterhaltsamen und humorvollen Roman erwartet. Leider traf der Humor des Autors weniger meinen Geschmack.
Der Roman ist wechselweise aus Sicht verschiedenster auftretender Protagonisten geschrieben, so dass man sich aufgrund der Vielzahl der Akteure auf keinen wirklich einlassen konnte.
Einzelne Situationen, in welchen vor allem die Kinder auf die Schwulen treffen, waren zum Schmunzeln, aber dennoch zog sich mir der kurze Roman aufgrund der an und für sich spannungslosen Handlung in die Länge. Verschiedenste Schwulenklischees werden penetrant aneinander gereiht, mit denen Volker Surmann Schwule und Schwulenhasser auf die Schippe zu nehmen versucht, um für Unterhaltung zu sorgen.

Daneben wird der Beschluss der Trennung Ilkas von ihrem Ehemann geschildert, der am Ende des Romans auch selbst auftritt und damit für den unterhaltsamsten Höhepunkt des Romans sorgt.

Fazit: Man muss den satirischen Schreibstil von Surmann mögen. Wer dann noch in Form eines locker geschriebenen Romans etwas über die Schwulenszene lernen möchte, und den Sarkasmus des Autors richtig einzuordnen weiß, mag Gefallen an dem Buch empfinden. Für mich war es zu vorhersehbar und belanglos. Darüber hinaus empfand ich das offene Ende als unpassend, das eigentlich eine Fortsetzung verlangt.


Freitag, 13. November 2015

Buchrezension: Åsa Hellberg - Sommerfreundinnen

Inhalt:

Mehr als dreißig Jahre lang waren die vier beste Freundinnen. Dann stirbt Sonja ganz überraschend. Ein letztes Mal verblüfft sie ihre Freundinnen Susanne, Maggan und Rebecka: Mit dem Wunsch »Ich will, dass ihr glücklich werdet« schickt sie die drei auf eine abenteuerliche Reise zu ihren ganz privaten Orten des Glücks. Zunächst zögern die drei. Sollen sie ihr bequemes Leben wirklich so einfach für einen mutigen Neuanfang hinter sich lassen? Doch Sonja hat nichts dem Zufall überlassen und zeigt den Freundinnen, wie viel das Leben an Freundschaft, Glück und Liebe noch zu bieten hat.

Rezension:

Die Idee des Romans hatte mir eigentlich ganz gut gefallen: Eine von vier Freundinnen stirbt und hinterlässt den drei Verbliebenen ein Vermächtnis, dass sie glücklich machen soll. Sonja hat offensichtlich schon zu Lebzeiten gewusst, was für ihre Freundinnen das Beste ist und vor ihrem Tod zusammen mit einer Anwaltskanzlei geplant, wer was erben soll und was sie dafür tun muss. Die Freundinnen ahnten bisher nichts von dem milliardenschweren Vermögen, was die kinderlose Sonja hinterließ und dass sich nach ihrem Tod das Leben von allen dreien verändern würde.

Die Karrierefrau Rebecka gibt ihren Beruf als erfolgreiche Geschäftsführerin einer Firma auf, Stewardess Susanne muss ihren Beruf und damit verbundene amouröse Abenteuer mit Piloten an den Nagel hängen und Meggan, die liebevolle Vollzeit-Omi und Glucke muss ihrer Tochter ihr eigenes Leben lassen. Die Pummelige soll abnehmen, die Dünnen zunehmen. Zudem wird jede noch die Liebe ihres Lebens finden.

Vielleicht hätte ich den Roman in 20 Jahren lesen sollen? Das Buch ist meiner Ansicht nach für die Generation 50+ geschrieben, die von einer Sexualität jenseits der Wechseljahre träumt. Zu Beginn war der Roman um die drei Freundinnen in Schweden und das unverhoffte Erbe wirklich nett, aber von Seite zu Seite wurden die Dialoge platter und die Handlung vorhersehbarer, unrealistischer und trivial. Von mir erhält "Sommerfreundinnen" deshalb keine Leseempfehlung.


Freitag, 6. November 2015

Buchrezension: Kyra Groh - Halb drei bei den Elefanten

Inhalt:

Die Zwillingsschwestern Max und Jo sind sich gar nicht ähnlich. Max hat nur die Gene abbekommen, die keinen interessieren... Sie ist rothaarig, klein – und ihre BHs sind von der Marke Zauberflöte: Zieht man sie aus, geht der ganze Zauber flöten. Sie ist auch klug und musikalisch – aber wen interessiert's? Auch Moritz hat sein Päckchen zu tragen. Er ist klug, aber ohne Ausbildung, wäre gerne Fotograf, versauert aber als Fahrradkurier. Und er ist für jemanden verantwortlich – seinen vierjährigen Sohn... Doch als sich Max und Moritz um halb drei bei den Elefanten im Opel Zoo treffen, ändert sich ihr Leben für immer...

Rezension:

Max ist seit ihrer Pubertät in ihren besten Freund Jonas verliebt. Gerade er ist allerdings der einzige, der davon nichts mitbekommt und Max wie einen seiner Kumpels behandelt. Max(ime) ist im Gegensatz zu ihrer Schwester Jo weniger ladylike und klischeehaft frauentypisch. Neben ihrem Geschichtsstudium verbringt sie ihre Zeit am liebsten mit Jonas, seinen Bandproben und der Bier trinkenden Clique oder trifft sich mit ihrer besten Freundin Kim. Max und Jo stammen aus reichem Elternhaus, weshalb sie ohne finanzielle Sorgen gemeinsam in einem großzügigen Loft wohnen.

Als Max Liebeskummer geplagt und traurig vor einem Elefantengehege im Zoo sitzt, lernt sie den Hobbyfotografen Moritz kennen, der sich auf den ersten Blick zu ihr hingezogen fühlt und auch nach einer ersten holprigen Kontaktaufnahme nicht locker lässt.

Wie es das Schicksal so will, finden die beiden zueinander und plötzlich ist Jonas schnell vergessen. Moritz ist auf den ersten Anschein DER Traumtyp schlechthin - er sagt, was er fühlt, ist witzig, liebevoll, verständnisvoll,... Max schwebt zum ersten Mal auf Wolke sieben und wird von Jo und Kim um ihren Freund beneidet, bis sie Moritz' ganze Biographie kennt, die nicht ganz so makellos und perfekt ist. Max, die die Scheidung ihrer Eltern nicht wirklich überwunden hat und unter Bindungsängsten leidet, beginnt daraufhin zu zweifeln und fragt sich, ob sie für diese Beziehung schon reif ist.

"Halb drei bei den Elefanten" bietet keinen wesentlich neuen Plot unter den Liebesromanen. Der Roman besticht nicht durch die eigentliche Geschichte vom Suchen und Finden der Liebe und den ersten Schwierigkeiten und dem Auf und Ab in einer Beziehung, sondern durch einen erfrischenden Schreibstil, der das Buch durch witzige Situationen und humorvolle Dialoge zu einem sehr unterhaltsamen Lesevergnügen macht. Schon die einzelnen Überschriften der Kapitel, die den Inhalt in einem knackigen Satz zusammenfassen, sind originell.

Das Buch ist aus Sicht der unsicheren, aber sehr sympathischen Max geschrieben, wodurch man ihre Gefühlswelt gut nachvollziehen kann und nach und nach auch Moritz besser kennenlernt. Jeder einzelne weitere Charakter ist bis in die Nebenfiguren mit Liebe zum Detail herausgearbeitet - von Max' bester Freundin Kim, über die biestige Exfreundin oder den herrlich bekloppten Mitbewohner Kai von Moritz.

Wer Romane wie "Lieblingsmomente" oder "Lieblingsgefühle" von Adriana Popescu mag, wird auch seine Freude an den Büchern von Kyra Groh haben.



Freitag, 30. Oktober 2015

Buchrezension: Lisa Unger - Wer Böses in sich trägt

Inhalt:

Lana führt ein ruhiges und sorgenfreies Leben in der idyllischen Kleinstadt The Hollows, New York. Niemand ahnt, dass die junge Studentin hinter einem sorgfältig geknüpften Netz aus Lügen und Halbwahrheiten ein dunkles Geheimnis verbirgt. Bis plötzlich Lanas Freundin Beck spurlos verschwindet. Um ihr Geheimnis zu schützen, behält Lana die Wahrheit über die Nacht, in der sie Beck das letzte Mal sah, für sich. Damit gerät sie jedoch nicht nur in den Fokus der Ermittlungen. Jemand weiß um Lanas Lügen, verwickelt sie in ein gefährliches Spiel und lockt sie in eine tödliche Falle.

Rezension:

Lana ist Studentin am College und wohnt in einer Wohngemeinschaft zusammen mit Rebecka und Ainsley auf dem Campus. Lana pflegt keine innigen Freundschaften, ist eine verschlossene Persönlichkeit und gibt nur wenig von sich Preis. Im Verlauf der Geschichte, die aus ihrer Ich-Perspektive erzählt wird, lernt man sie näher kennen und erfährt, dass sie in psychotherapeutischer Behandlung ist und seit ihrer Kindheit Medikamente einnehmen muss. Ihr Vater wird beschuldigt, seine Ehefrau und Lanas Mutter ermordet zu haben und befindet sich in der Todeszelle, um seine Hinrichtung zu warten. Ihre Herkunft versuchte Lana stets zu verschleiern. Auf Anraten ihres Professors und Mentors Langdon übernimmt sie nachmittags die Betreuung des Schülers Luke, der verhaltensauffällig ist und vor dem sogar seine eigene Mutter Angst zu haben scheint. Lana ist die erste "Babysitterin", die es länger als eine Woche mit dem schwierigen Jungen aushält. Sie ist weniger verängstigt, als viel mehr fasziniert und lässt sich auf eine Schnitzeljagd mit ihm ein, wodurch sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Zeitgleich verschwindet ihre Mitbewohnerin Beck, zu der sie ein zwiespältiges Verhältnis zwischen Liebe und Abneigung pflegte.

Die Kapitel sind immer wieder durch erschütternde Tagebucheinträge einer Mutter unterbrochen, die mit der Erziehung ihres zu Gewalt neigenden und fast schon psychopathischen Sohnes überfordert ist.

Wie alle Personen letztendlich miteinander verknüpft sind, erfährt der Leser erst gegen Ende des packenden Thrillers, der unblutig und nicht vorhersehbar ist. Die Autorin schafft es, eine kalte und düstere Stimmung herzustellen und die Spannung bis zum bitteren Ende aufrecht zu erhalten, wenn sich alle Rätsel und Andeutungen für den Leser nachvollziehbar auflösen. Gepackt von Entsetzen und Faszination, ist man gebannt zu erfahren, wie sich die Geheimnisse und Abgründe um Lana, Luke und der Tagebucheinträge auflösen werden. Selbst nach dem eigentlichen Showdown bietet das Ende (die letzten beiden Seiten!) ein überraschendes Highlight.

"Wer Böses in sich trägt" zeigt, wie böse und manipulativ Menschen sein können, hinterfragt die Wirkung von Psychopharmaka und wie viel Persönlichkeit letztendlich bereits in den Genen festgelegt ist.


Montag, 26. Oktober 2015

Buchrezension: Kirsty Greenwood - Der Vintage-Guide für einsame Herzen

Inhalt:

Ohne Job kann man sich die Miete nicht mehr leisten. Jessica Beam bleibt nichts anderes übrig, als ihre wohlhabende Großmutter um Obdach zu bitten. Doch auch die elegante Dame steckt in Schwierigkeiten. Die Bestsellerautorin des Ratgebers „Good Woman“ aus den 50er-Jahren hat schon lange kein Buch mehr verkauft. Und eine Enkelin, die neonfarbene Unterwäsche trägt, ist für sie ein Albtraum. Doch dann erhalten die Beam-Frauen eine letzte Chance: ein neuer Buchvertrag, wenn sie beweisen können, dass Matildas Vintage-Guide auch heute noch funktioniert. Kann Jess zur Lady werden? Und kann sie so das Herz des begehrtesten Junggesellen Londons erobern, das Herz des unnahbaren Leo Frost?

Rezension:

Jessica Beam ist 28 Jahre alt, ihrem Alter entsprechend erwachsen verhält sie sich jedoch nicht. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Summer, bei der sie auch wohnt, betreibt sie den Lifestyle-Blog "Summer in the City". Summer ist dabei das Aushängeschild, die sich und Kater Belding gerne in Szene setzt, und Jess der kreative Kopf im Hintergrund.

Als Summer Jess aus heiterem Himmel abserviert, weil sie eine Karriere im Fernsehen anstrebt, steht Jess plötzlich ohne Wohnung und ohne Job da. Da Jess' Kosmos sich immer nur um sie selbst drehte und sie nicht mehr als kurze Bettgeschichten zum anderen Geschlecht pflegte, hat sie weder Freunde noch eine Familie, an die sie sich wenden könnte. Bei einem Kneipenbesuch erinnert sie sich an ihre Großmutter Matilda Beam, die Mutter ihrer verstorbenen Mutter Rose, die sie nie kennengelernt hat und über das Internet ausfindig macht.

Matilda selbst wohnt in einem herrschaftlichen Haus in London, das sie von ihrem Ehemann zusammen mit einem Berg Schulden geerbt hat. Nun steht auch noch eine Räumungsklage ins Haus. Matilda ist beim Eintreffen ihrer Enkelin entsetzt über deren Auftreten und nimmt sie fast mitleidig bei sich auf.
Matilda Beam war in den 50er Jahren Autorin der "Handbücher für die gute Frau" und möchte den Bestseller wieder auflegen, was vom Verlag abgelehnt wird. Matilda kommt daraufhin auf die Idee eines Buchprojekts mit ihrer Enkelin. Sie möchte beweisen, dass ihre Ratschläge von damals auch heute noch nützlich sind. Jess soll mit deren Hilfe den arroganten ewigen Junggesellen Leo Frost für sich gewinnen. Nebenbei möchte die Großmutter Jess auch noch auf den "richtigen Weg" bringen...

Jess ist auf den ersten Eindruck wahrlich keine Sympathieträgerin: oberflächlich, schamlos, vulgär, unverantwortlich und eine Spur naiv. Durch ihre unkonventionelle schräge Art und die irrwitzigen Situationen, in die sie sich manövriert, ist das Buch aber von Beginn an sehr unterhaltsam und amüsant zu lesen.
Vor allem durch den Unterschied der Generationen und der Erwartungshaltung der Großmutter prallen zwischen ihr und Jess Welten aufeinander, die für Konfliktpotenzial sorgen. Auf der anderen Seite sind sie jedoch aufeinander angewiesen, um sich durch das geplante gemeinsame Buch aus der finanziellen Misere zu ziehen. Auf diese Weise lernt auch Jess endlich, Verantwortung zu übernehmen, anderen zu helfen und Gefühle zuzulassen. Von den Erfahrungen ihrer Mutter geprägt, hat sie die nämlich stes außen vorgelassen.

Die Kapitel beginnen jeweils mit einem Zitat eines Ratschlages ihrer alten Handbücher, die passend zum nachfolgenden Inhalt gewählt sind. Dazwischen gibt es kurze Einträge aus dem Tagebuch der Mutter Rose aus 1985.

"Der Vintage-Guide für einsame Herzen" ist bei Weitem kein seichter Liebesroman. Der Schreibstil der Autorin ist abwechslungsreich und flüssig, die Dialoge witzig. Die weiter auftretenden unterschiedlichen und sehr eigenwilligen Charaktere sowie die unterhaltsame, turbulente Geschichte sorgen für ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen.


Mittwoch, 14. Oktober 2015

Buchrezension: Ellen Sussmann - Die vergessenen Träume

Inhalt:

Als das Flugzeug durch die Wolken bricht und unter ihr der dichte Dschungel, die Reisfelder und die traumhaften Strände Balis sichtbar werden, fühlt Jamie Hyde ihr Herz sinken. Erst ein Jahr ist es her, seit sie die Insel zuletzt besucht hat. Ein Jahr, seit sie ihren Freund beim Terroranschlag auf einen Nachtclub verlor. Ein Jahr, seit der Amerikaner Gabe sie aus der Flammenhölle rettete. Nun kehrt Jamie nach Bali zurück, um mit der schrecklichsten Nacht ihres Lebens Frieden zu schließen. Heimlich hofft sie auch, Gabe wiederzutreffen. Doch was wird sie ihm sagen, wenn sie vor ihm steht? Ist sie bereit, sich selbst zu vergeben – und wird sie lernen, wieder zu träumen?

Rezension:

Der Roman "Die vergessenen Träume" ist in drei Abschnitte aufgeteilt. Er beginnt im Jahr 2003, als Jamie, ein Jahr nach den Terroranschlägen auf Bali, zur Insel des Geschehens zurückreist, um an einer Gedenkfeier für die Opfer teilzunehmen. Jamie selbst zählt zu den Überlebenden, die sich in unmittelbarer Nähe des Tatorts aufgehalten hat und ihren Freund, der ihr Minuten zuvor einen Heiratsantrag gemacht hat, nicht aus den Trümmern des Clubs retten konnte. Noch immer macht sie sich schwere Vorwürfe, weil sie den Antrag damals abgelehnt und er nur ihretwegen das Restaurant verlassen hat.

Die Gedenkfeier ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb Jamie nach Kuta zurückkehren musste. Gabe, der Amerikaner, der nach Bali ausgewandert ist und sich an den schweren Tagen nach den Anschlägen liebevoll um sie gekümmert hat, will ihr nicht aus dem Kopf gehen. Diese Geschehnisse werden im zweiten Teil des Buches geschildert, der insofern einen Rückblick auf den 12. Oktober 2002 und die Tage danach ist und aus der Sicht Gabes dargestellt wird. Der dritte Abschnitt beschreibt die Gegenwart, in welcher Jamie Gabe wiedersieht und sich erneut mit den Ereignissen, die sie noch nicht verarbeitet hat, auseinandersetzen muss.

"Die vergessenen Träume" beschreibt eine Liebesgeschichte, wobei die Terroranschläge, mit denen zu diesem Zeitpunkt niemand auf Bali gerechnet hatte, im Zentrum des Romans stehen. Intensiv und emotional werden die Schicksale der Urlauber anhand der Geschichte Jamies als auch die Schicksale der Inselbewohner Balis durch Nyoman, bei dem Jamie bei ihrem zweiten Aufenthalt wohnt und der seine schwangere Ehefrau verloren hat, sowie die negativen Konsequenzen auf den Tourismus erzählt.

Das Buch liest sich flüssig und ist sehr eingängig geschrieben. Als Leser fühlt man sich direkt an den Ort des Geschehens versetzt, kann sich gut in die Charaktere Jamie als auch Gabe hineinversetzen und mit ihnen mitfühlen und lernt vor allem auch die Insel, die nicht nur von malerischer Natur, Kultur und Tourismus, sondern auch von Armut, Kriminalität und Korruption geprägt ist, kennen.

Ein Roman, der weitaus mehr als nur eine Urlaubslektüre ist. und den ich wärmstens empfehlen kann.


Freitag, 9. Oktober 2015

Buchrezension: Nicolas Barreau - Eines Abends in Paris

Inhalt:

Jeden Mittwoch kommt eine junge Frau im roten Mantel in Alain Bonnards kleines Pariser Programmkino, und immer sitzt sie auf demselben Platz in Reihe 17. Eines Abends fasst sich Alain ein Herz und spricht sie an. Sie verbringen den Abend miteinander, doch in der Woche darauf taucht sie nicht mehr auf. Obwohl er von ihr kaum mehr als ihren Vornamen weiß, begibt sich Alain auf die Suche nach ihr und erlebt eine Geschichte, wie sie kein Film schöner erzählen könnte...

Rezension:

Vor einiger Zeit hatte ich bereits "Das Lächeln der Frauen" von Nicolas Barreau gelesen, bei dem es sich um eine leicht vorhersehbare Liebesgeschichte handelt, die in Paris spielt. "Eines Abends in Paris" ist dem Buch sehr ähnlich. Wer einen Roman des Autors mag, mag sie wahrscheinlich alle.

Protagonist dieses Romans ist Allain Bonnard, der Inhaber eines kleinen nostalgischen Programmkinos in Paris ist. Jeden Mittwoch spielt er in der Spätvorstellung einen klassischen Liebesfilm. Für die Reihe hat er ein paar Stammbesucher, so unter anderem die hübsche junge Frau im roten Mantel, die stets in Reihe 17 sitzt. Allain schwärmt für sie, auch wenn er sie nur vom Sehen kennt, und traut sich eines abends, sie anzusprechen und in ein Bistro einzuladen. Die beiden verbringen einen romantischen Abend miteinander und als Allain Mélanie nachts nach Hause bringt, küssen sie sich noch unter einer Kastanie. Sie verabschiedet sich für eine Woche zu ihrer Tante und verspricht, nächsten Mittwoch wieder ins Kino zu kommen.
Einen Tag später wird Allain von einem Regisseur und einer berühmten Schauspielerin vor seinem Kino angesprochen, die das Cinéma Paradis" als Kulisse für ihren neuen Film nutzen möchten. Allain kann zusätzliche Einnahmen für sein kleines Kino gut gebrauchen und willigt ein. Das Glück ist ihm jedoch nicht länger hold, am nächsten Mittwoch erscheint Mélanie nicht wie gewohnt zur Spätvorstellung und bleibt wie vom Erdboden verschwunden. Allain begibt sich auf die Suche...

Das Buch ist schnell gelesen und für Freunde von französischem Flair, Paris und leichten Liebesgeschichten inklusive aller Irrungen und Wirrungen. Die Suche Allains nach Mélanie erstreckt sich über zwei Drittel des Buches und ist teilweise realitätsfremd - was aber zum allgemeinen Stil des Autors und der verträumten Atmosphäre passt. Dennoch möchte man wissen, was mit Mélanie ist, den Hintergrund ihres Verschwindens erfahren und erleben, wie Allain sie wiederfindet.

Mittwoch, 30. September 2015

Buchrezension: Karin Slaughter - Entsetzen

Inhalt:

Sie glaubt, den Mörder ihrer Tochter vor sich zu haben. Stürzt sich auf ihn und tötet ihn in einem erbitterten Kampf. Nur – das Opfer ist gar nicht ihre Tochter. Emma lebt, doch sie wurde entführt. Special Agent Will Trent weiß: Die Chance, das Mädchen lebend zu finden, wird von Stunde zu Stunde geringer. Doch noch entsetzlicher ist die Vorstellung, dass der sadistische Täter ungeschoren davonkommen könnte...

Rezension:

Abigail Campano kommt nach einer Tennisstunde nach Hause und sieht während eines Telefonats mit ihrem treulosen Ehemann Paul Blutspuren im Haus. Sie folgt ihnen und findet ihre Tochter bis zur Unkenntlichkeit entstellt und ermordet in ihrem Zimmer vor. Über ihr steht ein junger Mann mit einem Messer in der Hand. In einer Mischung aus Angst und Wut schafft sie es, den vermeintlichen Mörder ihrer Tochter im Kampf zu erwürgen.

Noch am Tatort stellt sich heraus, dass das tote Mädchen nicht Emma, sondern deren Freundin Kalya ist. Der junge Mann wird als Student Adam identifiziert, bei dem es sich vermutlich um Emmas Freund handelte, der selbst schwer verletzt war und den Mädchen vermutlich nur helfen wollte. Abigail ist bestürzt. Sie hat offensichtlich den einzigen Menschen, der den Mörder von Kayla und mutmaßlichen Entführer von Emma gesehen hat, getötet.

Die Beschreibung des Thrillers hört sich spannend an, die Handlung in dem Buch bewegt sich aber nur sehr zäh, vor allem weil nicht viel passiert. Schon die Beschreibungen des Tatorts am Beginn von "Entsetzen" ziehen sich in die Länge und auch in der Ermittlungsphase selbst kommt durch kleinteilige Beschreibungen und Einschübe zum Privatleben der Ermittler Will Trent und Faith , die aber immer nur angerissen und nicht weiter ausgeführt werden, wenig Spannung auf. Das Thema Legasthenie/ Analphabetismus nimmt einen großen Raum ein, das aber nicht wirklich zur Aufklärung des Falls beiträgt.

Mir fehlt auf der Suche nach dem Mörder und den Ermittlungen zur Rettung von Emma ein roter Faden und mehr Enthusiasmus bei den Kommissaren.

Der Beginn des Thrillers war ganz spektakulär und gegen Ende wurde er bei der Suche nach Emma auch wieder spannend. Die Passagen dazwischen zogen sich aber zu sehr in die Länge, so dass "Entsetzen" insgesamt ein Krimi ist, in dem zu wenig passiert, um die Spannung aufrecht zu erhalten.

Samstag, 26. September 2015

Buchrezension: Alexa Henning von Lange - Je länger je lieber

Inhalt:

Wie findet uns das Glück? Danach fragt Alexa Hennig von Lange in ihrem neuen großen Roman. Als Mimi eines Nachts zu ihrer geliebten Großmutter gerufen wird, glaubt sie schon an Abschied. Clara liegt im Sterben, aber eine unstillbare Sehnsucht lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Ein geheimnisvoller Kompass führt Mimi schließlich zum Ursprung einer einzigartigen Liebe, die die halbe Welt und ein ganzes Jahrhundert umspannt. Beim Versuch, ihre Großmutter mit dem Schicksal zu versöhnen, erkennt Mimi, dass sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen muss.

Alexa Hennig von Lange erzählt zwei mitreißende Liebesgeschichten und nimmt ihre Leser mit auf eine Reise, die sich über Deutschland und Kanada bis nach Südfrankreich erstreckt, aus der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück – um sie am Ende bei sich selbst ankommen zu lassen.

Rezension:

"Je länger je lieber" handelt vom Schicksal zweier Frauen unterschiedlicher Generation, die beide auf der Suche nach dem Glück und der Liebe sind. Mimi ist Mitte 30 und seit einigen Jahren mit René verheiratet. Nichtsahnend sieht sie ihn eines Tages in der Öffentlichkeit mit einer anderen Frau. Auch wenn René so tut, als hätte sich Mimi die Intimität der Szene nur eingebildet, packt sie ihre Koffer und zieht vorübergehend zu ihrer geliebten Großmutter Clara. Diese ist fast 100 Jahre alt und muss fast zeitgleich mit Mimis Aubruch ins Krankenhaus. Diagnose:gebrochenes Herz.

Mimi möchte ihrer Großmutter helfen und macht sich auf die Suche nach der Ursache der Herzkrankheit, die medizinisch nicht einfach zu erklären ist. Bei ihren Recherchen findet sie liebevolle Briefwechsel zwischen Clara und einem Jaques und versucht diesen ausfindig zu machen. Ihre Reisen führen sie nach Frankreich, Kanada und Spanien, wo sie zwischenzeitlich ihre Jugendliebe Bruno trifft, die Pilot geworden ist.

Das Buch wechselt zwischen der Vergangenheit im Jahr 1928, als die Liebesgeschichte zwischen Clara und Jaques begann, und der Gegenwart 2013 ab, in welcher die Galeristin Mimi mit den Scherben ihrer Ehe konfrontiert wird.

"Je länger je lieber"zieht sich buchstäblich in der ersten Hälfte des Romans in die Länge. Schilderungen aus der Vergangenheit wechseln sich mit kurzen Kapiteln der Gegenwart ab, aber es passiert nicht wirklich viel. Der Charakter der Mimi ist eher nichtssagend und langweilig, die Großmutter Clara spielt keine aktive Rolle. IM letzten Drittel, als Mimi Fortschritte bei der Suche nach Jaques macht und sie damit auch ihre eigene Vergangenheit und Herkunft aufklärt, wird das Buch interessanter.

Der Schreibstil der Autorin, insbesondere in Bezug auf die über Jahrzehnte andauernde Liebesgeschichte zweier uralter Menschen, war mir persönlich zu naiv-verträumt. Der Roman ist insofern eher etwas für Romantikerinnen.

Freitag, 18. September 2015

Buchrezension: Zoë Beck - Schwarzblende

Inhalt: 

London. Der Kameramann Niall Stuart wird unfreiwillig Zeuge, als zwei junge Männer einen Soldaten in zivil grundlos angreifen und töten. Niall nimmt die Szene mit seinem Handy auf. Einer der Täter kommt zu ihm, das blutige Messer noch in der Hand, und bekennt, dass er den Mord im Namen Allahs begangen hat. Sein Komplize schwenkt die Flagge des Islamischen Staats. Als Niall wenig später den Auftrag erhält, eine Dokumentation über den Fall zu drehen, ahnt er nicht, dass er mit grausamer Absicht für diese besondere Aufgabe ausgewählt wurde.

Rezension:

Niall wird Zeuge wie zwei Terroristen des Islamischen Staats in einem Park in London einen jungen Mann mit einer Machete bestialisch ermorden und enthaupten. Niall ist von Beruf Kameramann und filmt die Szene mit seinem Handy.
Zusammen mit den beiden Jihadisten wird Niall zunächst verhaftet und lernt die Willkür der Polizei kennen. Nach seiner Freilassung und einem Auftritt im Frühstücksfernsehen erhält Niall den Auftrag eine Dokumentation über die beiden Mörder zu drehen. Einen Tag nach einem kurzen Interview mit einem der Inhaftierten und noch bevor seine eigentlichen Recherchen zu den Hintergründen und Lebensläufen der beiden britischen Staatsbürger Farooq und Cemal beginnen, werden sie tot in ihren Zellen aufgefunden. 
Für Niall bietet sich die Chance durch den Dokumentarfilm zu zeigen, dass er mehr kann, als nur Landschaftsaufnahmen zu filmen. Zudem tritt er damit in die Fußstapfen seines Vaters, den er nie wirklich kennengelernt hat, der selbst ein berühmter Fotograf ist und sich mit Aufnahmen von Kriegsschauplätzen einen Namen gemacht hat. 
Zusammen mit einem kleinen Fernsehteam beginnt Niall mit der Reportage und führt Interviews mit den Angehörigen der toten Jihadisten und mit denen des Opfers. Dabei werden er und seine Kollegin Beth noch tiefer in den Nahost-Konflikt verwickelt als ihnen lieb ist...

Zoë Beck behandelt ein sehr aktuelles und spannendes Thema. In "Schwarzblende" problematisiert die Autorin einerseits den islamistischen Terrorismus und auf der anderen Seite den Umgang der westlichen Welt mit dem Phänomen. Sie kritisiert dabei aber auch den Staat und insbesondere die scheinbare Willkür der Polizei und die Aufhebung der Menschen- und Bürgerrechte durch die Terrorgesetzgebung. 

Die Aufklärung der Tat und die Biographie der beiden Mörder, die beide in London aufgewachsen sind, aber einen palästinensischen bzw. türkischen Migrationshintergrund haben, kam mir zu kurz. In Bezug auf den Nahost-Konflikt war die Autorin sehr einseitig und beschrieb allein die Brutalität auf Seiten der Araber bzw. Palästinenser. Daneben werden Verschwörungstheorien um skrupellose Politiker und die Macht der gesetzlosen Geheimdienste in den Mittelpunkt gerückt. 

Stellenweise fand ich die Handlung des Buch leider etwas überzogen dargestellt bis unrealistisch. Niall kriegt während der Woche, in der der Thriller spielt, von der Enthauptung über eine Entführung, einem verhinderten Selbstmordattentat bis zum Brandanschlag so ziemlich alle Arten von Terroranschlägen zu spüren. Aufgrund der Thematik, über die man noch nicht so viele Bücher gelesen hat, fand ich "Schwarzblende" dennoch interessant zu lesen, auch wenn die Handlung weniger übertrieben realitätsnäher gewesen wäre.

Freitag, 11. September 2015

Buchrezension: David Gilmour - Unser allerbestes Jahr

Inhalt:

Eltern sind auch nur Menschen. Und was macht man mit einem Sohn, der nicht mehr in die Schule gehen möchte? David, der Vater, schlägt Jesse einen ungewöhnlichen Handel vor: freie Kost und Logis, aber drei Filme pro Woche. Von Truffaut über Hitchcock bis hin zu "Basic Instinct". Nachmittage und Abende gemeinsam auf dem Sofa. Kein Kurs in Filmgeschichte, sondern viel Zeit zum Reden über falsche Freundinnen, die richtigen Drogen, verlorene und gefundene Liebe. Und darüber, wie lebenswichtig Leidenschaft ist.
Ein wahres und weises, zärtliches und urkomisches Buch über gebrochene Herzen im Film und im wirklichen Leben und darüber, dass Erwachsenwerden nichts mit dem Alter zu tun hat.

Rezension:

David Gilmours Sohn Jesse ist 16 Jahre alt und hat offensichtlich "null Bock auf Schule". Er schreibt schlechte Noten, wenn er nicht ohnehin unentschuldigt fehlt. David hat Angst, dass sein Sohn "abrutscht" und macht ihm und seiner Exfrau den Vorschlag, dass Jesse sich ein Jahr Auszeit nehmen darf und mit seinem Vater im Haus der Exfrau zusammenzieht. Die einzigen Bedingungen sind, dass Jesse pro Woche drei Filme mit seinem Vater angucken muss und keine Drogen nehmen darf. Klingt seltsam, ist aber tatsächlich so gewesen. David beschreibt in diesem Roman die Zeit, die er mit seinem Sohn verbracht hat, als er selbst als Filmkritiker ohne Job war. Die beiden sehen sich gemeinsam Filme an und David versucht sie mit Jesse zu besprechen. Die weiteren beherrschenden Themen in dem Roman sind Frauen und Jesses erste Erfahrungen mit der Liebe.

Persönlich halte ich nicht so viel vom erzieherischen Laissez-faire-Stil und hätte es als sinnvoller erachtet, wenn ein Schulabbrecher statt bis nachmittags im Bett zu liegen und anschließend Filme zu gucken, eine sinnvolle Tätigkeit als Alternative zur Schule hätte ergreifen müssen und so gelernt hätte, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Andererseits ist es aber beneidenswert, mit wie viel Geduld und Empathie David versucht, seinen Sohn auf den richtigen Weg zu bringen. Er bringt sogar so viel Verständnis auf, dass er auch entgegen der Abmachung bei dem Gebrauch von Kokain ein Auge zudrückte.

Das Buch beschreibt einen interessanten, wenn auch verrückten Erziehungsansatz, den man aber nicht gut heißen muss. Abgesehen davon ist "Unser allerbestes Jahr" aber meiner Meinung nach nur für Leser interessant, die sich mit einer Bandbreite an (alten) Filmen auskennen. So werden doch über 100 Filme im Schnelldurchlauf abgehandelt. Da ich viele Filme davon aber nur vom Hörensagen kannte und nur einen kleinen Bruchteil selbst gesehen habe, fehlte mir häufig das Verständnis, warum der Film geguckt wurde und was David seinem Sohn mit ihm vermitteln wollte. In seiner Gesamtheit war der autobiographische Roman für mich insofern langweilig.

Mittwoch, 9. September 2015

Buchrezension: Toni Jordan - Tausend kleine Schritte

Inhalt:

Grace Lisa Vandenburg zählt alles, was sie umgibt, jede Kleinigkeit: die Schritte bis zu ihrem Lieblingscafé (920), die Streusel auf ihrem Orangenkuchen (12 – 92) und die Buchstaben ihres Namens (19). Erst Seamus O’Reilly und sein unwiderstehlicher Wunsch, hinter das Geheimnis ihres Lebens zu kommen, lässt sie die Kontrolle verlieren.

Rezension:

Grace ist 35 Jahre alt, lebt in Melbourne und führt ein bis ins kleinste Detail strukturiertes und geplantes Leben. Bis zu ihrer Arbeitsunfähigkeit hat sie als Lehrerin gearbeitet. Seitdem sind ihre Tagesabläufe nahezu identisch, auch ihre Mahlzeiten sind tagein, tagaus die gleichen. Ihr Zuhause verlässt sie für den Gang in den Supermarkt, wo sie stets dieselben Artikel kauft, und für Besuche in ihrem Stammcafé, wo sie immer ein Stück Orangenkuchen, zwei Marshmallows und eine Tasse Heiße Schokolade bestellt. Sonntags telefoniert sie immer um 20 Uhr mit ihrer Mutter, anschließend mit ihrer Schwester Jill.

Bei ihren täglichen Verrichtungen spielen Zahlen bzw. das Zählen eine entscheidende Rolle. So muss sie im Supermarkt stets zehn Sachen eines Artikel kaufen - fünf Doppelpackungen Joghurt, zehn Bananen oder zehn Flaschen Shampoo. Auf dem Orangenkuchen im Café zählt sie die Mohnstreusel, wobei anhand der Anzahl entscheidend ist, in wie viele Stücke sie den Kuchen teilt.

Die genauen Vorgaben geben Grace Sicherheit. Dann lernt sie Seamus kennen, dem sie im Supermarkt eine Banane klauen musste, da in ihrem Einkaufswagen nur neun lagen, und neben Tage später der einzige Platz im Café frei war.

Seamus ist fasziniert von der intelligenten Frau, andererseits ist er auch von ihren seltsamen Verhaltensweisen irritiert. In ihrer Wohnung entdeckt er Inventarslisten in den Schränken, ein Lineal neben ihrer Zahnseide, Striche an Gläsern, Messbecher in der Dusche,...
Er unterstützt Grace darin, eine Verhaltenstherapie zu beginnen und einen Psychologen aufzusuchen. Benebelt von Psychopharmaka denken von nun an Gehirn 1 und Gehirn 2 in ihrem Kopf, die miteinander kommunizieren. Auch wenn Grace durch die Medikamente mit dem Zählen aufhört, und sie augenscheinlich ein befreiteres Leben führt, hat sie ihre eigene Persönlichkeit verloren.

In "Tausend kleine Schritte" erhält man einen anschaulichen Eindruck vom Leben einer Zwangsneurotikerin. Als Außenstehender ist es schwer nachvollziehbar, warum sich ein Mensch scheinbar freiwillig selbst geißelt und in ein derartiges Korsett aus Regeln steckt.
Grace ist eine erwachsene, intelligente Frau, die gefangen in ihren Zwängen das eigentliche Leben vergisst. Auch wird deutlich, dass sie aus ihrem eigens geschaffenen Gefängnis ohne fremde Hilfe nicht heraus kommt. Seamus schafft es, sie zu einer Therapie zu bewegen, was in diesem Roman aber sehr einfach erscheint.
Dem Leser stellt sich zudem bald die Frage, ob Graces Leben ohne Neurosen, aber voll gepumpt mit Psychopharmaka eine lebenswerte Alternative ist.

Das ernste Thema einer psychischen Erkrankung wird durch die witzigen Situationen, in die Grace durch ihre Zwänge gerät, in dem Roman unterhaltsam umgesetzt, ohne die Krankheit ins Lächerliche zu ziehen oder zu verharmlosen. Es ist eine Tragikomödie mit einer zarten Liebesgeschichte um eine sympathische Protagonistin, der man wünscht, den Teufelskreis aus Zwängen und Zählen zu bekämpfen, um frei leben zu können.
Auch wenn ich mir ein anderes Ende für Grace gewünscht hätte, ist "Tausend kleine Schritte" ein sehr lesenswerter Roman!


Freitag, 4. September 2015

Buchrezension: Katinka Buddenkotte - Fortpflanzung nach Tagesform

Inhalt:

Maike und Matthias, genannt Hummel, sind zwei durchschnittliche Mittdreissiger an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Er arbeitet als Informatiker, sie schwankt zwischen Dissertation und Jobben. Da wäre es doch durchaus an der Zeit, die Reproduktionsphase einzuläuten. Aber die Wochen des Spaßvögelns verstreichen schnell und ergebnislos. Und auch nach Monaten wächst zwar kein neues Leben in Maike heran, dafür jedoch Zweifel und Panik.

Rezension:

Maike und Hummel sind beide Mitte Dreißig und schon seit ein paar Jahren ein Paar. Hummel ist fest im Berufsleben eingespannt und Maike hat sich nun doch noch entschlossen, zu promovieren. Beide sind relativ unkonventionell und chaotisch, meinen aber - auch dem gesellschaftlichen Druck geschuldet - bereit für ein Kind zu sein. Als sich nach Wochen und Monaten nicht die erhoffte Schwangerschaft einstellt, obwohl körperlich mit beiden alles in bester Ordnung ist, ist Maike stark verunsichert. Genervt und gestresst von Doktorarbeit, bester Freundin Jenny, Schwester Leonie und Mutter, leidet auch die Beziehung zu Hummel. Zu allem Überfluss zieht dann auch noch "Siantichrist" und seine Bitch, Bruder von Hummel und dessen Schoßhündchen bei ihnen ein. Das Thema "Kinderwunsch" rückt in den Hintergrund und als Hummel seinen Job schmeißt und im Streit aus der gemeinsamen Wohnung auszieht, steht die Beziehung vor dem Aus.

"Fortpflanzung nach Tagesform" ist ein unterhaltsamer Roman voller Sarkasmus, der aus der Perspektive von Maike erzählt wird. Die Generation Ü30 mit allen Stereotypen wird herrlich amüsant durch den Kakao gezogen. Zu Beginn steht zwar die Problematik rund um das Kinderkriegen im Vordergrund, ab der Hälfte handelt das Buch jedoch eher von der Unentschlossenheit, Unsicherheit und Unreife der Protagonisten.

Charaktere und Handlung sind aktuell und stellen ein realistisches Bild der Menschen dar, die ihre akademische Ausbildung abgeschlossen haben und sich fragen, was danach kommt. Der Roman ist frech geschrieben und verlangt nach einer Fortsetzung!

Montag, 24. August 2015

Buchrezension: Madeleine Reiss - Ich lass dich nicht los

Inhalt:

„Ich hab dich lieb, jeden und jeden Tag.“

Unzählige Male hat Carrie diesen Satz zu ihrem fünfjährigen Sohn Charlie gesagt, so auch an jenem Sommertag an der Küste von Norfolk, als ein langer Schatten auf ihr Leben fiel: Sie hatte nur für einen Moment die Augen geschlossen, und als sie sie wieder aufschlug, war Charlie fort. Auch drei Jahre später bestimmt dieses traumatische Ereignis noch Carries Leben, als sie zufällig die alleinerziehende Mutter Molly kennenlernt. Doch noch können die beiden Frauen nicht ahnen, dass an jenem Tag am Strand eine Verbindung entstanden ist, die ihrer beider Schicksal bestimmen wird...

Rezension:

"Ich lass dich nicht los" handelt vom Schicksal zweier Frauen. Der Roman beginnt mit Carrie, die mit Damian verheiratet ist, mit dem sie den gemeinsamen fünfjährigen Sohn Charlie hat. Die kleine Familie ist glücklich bis zum Tag als Carrie am Strand einnickt und ihren Sohn ihren Sohn Charlie aus den Augen lässt. Charlie ist spurlos verschwunden und auch eine Leiche wurde nie gefunden. Nach drei Jahren kreisen Carries Gedanken immer noch um ihren Sohn und den Tag des Verschwindens. Ihr Mann Damian hat sich inzwischen von ihr getrennt, da er ihr die Unaufmerksamkeit nicht verzeihen konnte. Carrie eröffnete mir ihrer Freundin Jen einen kleinen Geschenkeladen und versucht sich auf diese Weise von ihren Schuldgefühlen abzulenken.

Parallel dazu wird die Geschichte von Molly, einer alleinerziehenden Mutter erzählt, die sich von ihrem gewalttätigen Mann Rupert getrennt hat. Ihr Sohn Max war der letzte, der Charlie am Strand gesehen hat. In seiner Fantasiewelt unterhält er sich immer noch mit seinem imaginären Freund.

Carrie kann sich mit dem Verschwinden ihres Sohnes nicht abfinden und nimmt an einer Sitzung eines Mediums teil, das Stimmen von Toten empfangen kann. Als Simon tatsächlich die Stimme von Charie hört, ist Carrie skeptisch und erschüttert und möchte es nicht glauben. Dies würde bedeuten, dass sie nun endgültig die Hoffnung aufgeben müsste, dass Charlie doch noch lebt. Charlie verrät Simon jedoch Einzelheiten, die nur die Familie wissen konnte, weshalb für Carrie endlich die Trauerbewältigung beginnen kann.

Dann wird sie von Simon selbst kontaktiert, der dringliche Botschaften von Charlie empfängt, die ihn nicht loslassen. Jemand sei in Gefahr, ein Junge werde ertrinken...

Das Buch ist eine spannende Geschichte um das Verschwinden eines kleinen Kindes, das nicht aufgeklärt werden konnte. Zwei Handlungen werden zunächst nebeneinander unter der Verwendung von Rückblenden erzählt, die im Verlauf des Romans zusammengeführt werden.
Die Mysteryelemente um das Medium Simon und die Botschaften von Toten waren mir zu realitätsfern, so dass mich der Roman nicht wirklich fesseln konnte. Auch wurden die Vorgeschichten von Carrie und Molly sehr detailliert beschrieben, dass sich der Spannungsbogen nur langsam aufbaute und der Roman erst im zweiten Drittel an Fahrt aufnahm. Die Gefühle und Ängste beider Frauen und auch die von Max sind so eindringlich geschildert, dass man mit allen dreien mitzittert und ihre Verzweiflung und Machtlosigkeit in jedem Satz spürt. Auch wenn Mollys Geschichte den kleineren Anteil des Romans einnimmt, fand ich auch diese erschütternd und sie als Frau unheimlich verantwortungsbewusst und tapfer.

Das Buch ist eine Mischung aus Drama und Thriller, das unter die Haut geht, aber gerade zu Beginn seine Längen hat bis sich die neiden Handlungsstränge vereinen. Der Showdown am Ende ist krimi- bzw. thrillertypisch und dann wenig überraschend. Der Thriller lebt mehr von den Einzelschicksalen und den emotionalen Qualen und der Verzweiflung beider Frauen, die sehr eindringlich und realistisch geschildert werden.

Donnerstag, 20. August 2015

Buchrezension: Thomas Sünder - Wer ja sagt, darf auch Tante Inge ausladen

Inhalt:

Weinende Bräute, endlose Reden, peinliche Spiele und zu Tode gelangweilte Gäste?

Kein Hochzeitsfest muss so enden.

Thomas Sünder, langjähriger und erfahrener Hochzeits-DJ, berichtet anschaulich und pointiert von den schlimmsten Hochzeitskatastrophen. Er benennt die folgenschwersten Planungsfehler und gibt zahlreiche wertvolle Tipps, wie sich jede Panne vermeiden lässt. So wird das wichtigste Fest Eures Lebens garantiert zu einer unvergesslichen Party!

Rezension:

Da wir gerade mitten in den Vorbereitungen für unsere kleine, aber feine Hochzeitsfeier stecken, habe ich mir den Ratgeber "Wer ja sagt, darf auch Tante Inge ausladen" besorgt. Auch wenn wir nicht unter dem Druck stehen aus Pflichtgefühl unliebsame Verwandte einladen zu müssen, hat mich der Titel sofort angesprochen.

Der Ratgeber wurde von einem professionellen Hochzeits-DJ verfasst, der von den Erfahrungen berichtet, die er auf seinen zahlreichen Veranstaltungen gesammelt hat. Das Buch ist kein klassischer, trockener Ratgeber, sondern eher eine unterhaltsame Lektüre. Humorvoll berichtet der DJ von Pleiten, Pech und Pannen, die durch das Brautpaar selbst oder die Gäste verursacht werden und gibt Tipps wie man Fehler vermeidet (sofern es in der eigenen Macht steht), um eine schöne und gelungene Feier für alle zu veranstalten.

Auch wenn wir unsere Hochzeit nicht über mehrere Monate im Voraus planten und bestimmte Dinge wie Location, Speise- und Getränkeauswahl für uns bereits feststanden, konnte ich dem Buch einige Anregungen oder eine bestätigende Meinung entnehmen.

Das Buch hat ein Inhaltsverzeichnis und ist in sechs Abschnitte gegliedert:
  • Eure Gäste, die Grundlage der Feier
  • Der Ablaufplan, das Rückgrat der Feier
  • Der Zeremonienmeister, die gute Seele der Feier
  • Die Musik, der Motor der Feier
  • Die Location, der Schauplatz der Feier
  • Ihr beiden, das Herz der Feier
Die Abschnitte gliedern sich wiederum in insgesamt 30 "Sünden", die in einer TOP 5 zusammengefasst werden. So erhält man einen guten Überblick, wenn man zu einem bestimmten Thema auf die schnelle etwas nachlesen möchte.

Thomas Sünder berichtet ausschließlich aus Sicht eines DJs, weshalb das Hauptaugenmerk auf Party, Tanz und Musik gelegt wird und der Ratgeber ein bisschen einseitig ist. Wir werden beispielsweise aus finanziellen Gründen keinen DJ für 1.400 € beschäftigen und uns und die Gäste mit Musik vom Band unterhalten, legen auch weniger Wert auf eine volle Tanzfläche und erhoffen uns trotzdem ein rauschendes Fest.

Da man seine Hochzeit bestenfalls nur einmal im Leben plant, kann ich das Buch als unterhaltsamen Ratgeber jedem angehenden Brautpaar und auch Trauzeugen oder sonstigen helfenden Händen empfehlen. Auch für eingeladene Gäste ist das Buch durchaus lesenswert. So ließen sich gegebenenfalls peinliche Situationen für Brautpaar, Zeremonienmeister und Gäste durch alberne Spiele und Traditionen wie Baumstammsägen oder Brautentführung vermeiden.


Sonntag, 16. August 2015

Buchrezension: Wiebke Lorenz - Bald ruhest du auch

Inhalt: 

Nach dem Unfalltod ihres Mannes fühlt Lena sich wie in einem Albtraum. Aber sie weiß, dass sie leben muss – für ihr Kind, denn Lena ist im achten Monat schwanger. Dabei ahnt sie nicht, dass ihr der wahre Horror erst noch bevorsteht. Vier Wochen nach der Geburt ist die kleine Emma plötzlich spurlos verschwunden. Entführt aus ihrer Wiege. Schon bald wird Lena klar: Sie soll büßen. Doch wofür? Ein perfider und grausamer Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Rezension:

Lena ist Hebamme und lernt in der Psychiatrie Daniel kennen, der eine Alkoholentziehungskur macht.
Daniel ist selbst noch mit Rebecca verheiratet, mit der er die gemeinsame Tochter Josy hat. Die Ehe ist zerrüttet und nach dem Klinikaufenthalt trennt er sich von ihr. Lena und Daniel ziehen zusammen und bald geht auch Lenas Wunsch nach Nachwuchs in Erfüllung. Als Lena im achten Monat schwanger ist, kommt es im Auto von Daniel zu einem heftigen Streit zwischen den beiden. Daniel möchte Lena seinen Traum vom Haus auf dem Land zeigen, während Lena lieber in Hamburg wohnen bleiben möchte. Daniel reagiert so heftig, dass er die hochschwangere Lena mit 100 € auf der Landstraße aussetzt. Er selbst rast weiter und stirbt bei einem Autounfall als er in einen anderen Wagen kracht. 

Lena ist am Boden zerstört und macht sich heftige Vorwürfe. Bei der Beerdigung kommt es zum Eklat als Josy sie als Mörderin beschimpft und auf sie eintritt. Die Wehen setzen vorzeitig ein, aber Lena bringt eine gesunde Tochter zur Welt. Mit Hilfe ihrer Schwiegermutter Esther kann sie den Alltag gut bewältigen. Als diese im Urlaub in Bayern weilt, wird die kleine Emma entführt. Lena erhält mehrere Drohbriefe des Entführers. Aus Angst um das Leben ihrer Tochter spricht Lena mit niemanden darüber und versucht die Bedingungen zu erfüllen. 
Niklas, der Bruder des Unfallgegners ahnt zwar nichts von dem Verschwinden Emmas, ist Lena aber dennoch eine moralische Stütze. 

Bei der Entführung handelt es sich offensichtlich um einen Rachefeldzug gegen Lena. Aber wer tut ihr und vor allem der unschuldigen Emma so etwas an?

Lena verdächtigt zunächst die eifersüchtige Josy, dann ein Ehepaar, für das Lena als Hebamme gearbeitet hatteund sie für den Tod ihres Sohnes verantwortlich machte. Alle Spuren führen ins Leere und die Forderungen des Entführers werden immer grausamer. Josy ist verschwunden und auch das Ehepaar hat die Stadt verlassen. Lena findet später Rebecca tot auf und auch deren neuer Ehemann Martin ist bald tot. Beide sollen Selbstmord begangen haben. 

Sind die Toten nur unglückliche Zufälle? Stehen sie in einem Zusammenhang mit der Entführung? Wo ist Josy? Und kann Lena Niklas wirklich vertrauen?

Der Roman wird zum Teil in Rückblenden erzählt, baut von Beginn an Spannung auf und ist mitunter sehr blutig. Die Auflösung um den toten Daniel und auch der Hintergrund der Entführung von Emma sind etwas konstruiert, aber bis dahin leidet und fühlt man als Leser mit Lena mit. "Bald ruhest du auch" ist ein packender Psychothriller, der nicht vorhersehbar ist und einige überraschende Wendungen enthält.  


Montag, 10. August 2015

Buchrezension: Theresia Graw - Glück ist nichts für schwache Nerven

Inhalt:

Valentina ist zornig. Ihre Scheidung ist drei Tage und siebeneinhalb Stunden alt, ihre neue Kollegin hatte den kürzeren Rock an und hat ihre Beförderung eingesackt, und anstatt ihr beizustehen, ist ihre beste Freundin in den Flitterwochen auf Mauritius, und ihre Hippiemutter kämpft in Brasilien gegen die Abholzung des Urwalds. Doch dann fällt Valentina durch Zufall ein Hinweis auf ihren unbekannten Vater in die Hände. Als sich ihr die Chance bietet, sich inkognito in seinen Haushalt einzuschleichen, ergreift sie diese – und erfährt, dass das Glück manchmal seltsame Wege geht und Venedig immer eine Reise wert ist...

Rezension:

Die 36-jährige Valentina ist gerade frisch geschieden und auch beruflich läuft es gerade nicht optimal für sie. Ihre Alt-Hippie-Mutter Doris ist wie so oft unterwegs, um die Welt zu retten und ihren Vater hat Valentina nie kennengelernt.

Als ihre in Brasilien befindliche Mutte Valentina bittet, in ihrer Wohnung nach der Kopie ihres Reisepasses zu suchen, findet Valentina eine alte Pralinenschachtel mit einer Krawatte, einem Zeitungsartikel aus den 70er-Jahren und einen Brief eines ehemaligen Liebhabers ihrer Mutter. Alles spricht dafür, dass es sich bei dem Verfasser des Briefes um, dem Star-Architekten Werner Enzinger, um ihren leiblichen Vater handelt. Valentina beschließt, diesen nun endlich kennenzulernen. Aufgrund seines Prominentenstatus ist es einfach, seine Adresse am Starnberger See zu eruieren. Durch die dreiwöchige Krankschreibung wegen Tinnitus hat Valentina zudem die Zeit, sich als Pflegerin in den Haushalt der Enzingers einzuschleichen. Dort trifft sie neben dem Ehepaar Enzinger auch auf ihre beiden Halbgeschwister Cora und Felix, den sie zunächst für den Gärtner gehalten und einen Blick auf ihn geworfen hat.

Aufgrund begeisterten Kritiken vieler Leser hatte ich mir "Glück ist nichts für schwache Nerven" ausgesucht. Der Klappentext verspricht eine amüsante Komödie "mit Herz und Augenzwinkern" und da wird der Leser auch nicht enttäuscht.
Valentina ist darin eine chaotische Protagonistin, die kein Fettnäpfchen auslässt und mir für ihr Lebensalter zu unreif und naiv war. Die Geschichte um das Suchen und Finden ihres Vaters, das Hin und Her der Annäherungsversuche zwischen Valentina und Felix sowie die kleinen Intrigen der Haushaltshilfe Nicole waren seeehr vorhersehbar. Auch wenn der Roman durch die Irrungen und Wirrungen sowie mach peinliche Situation, in die Valentina geriet, noch unterhaltsam bleibt, sind diese doch so vorauszusehen, dass der Roman insgesamt leider nicht mit überraschenden Wendungen punkten kann, keine Spannung aufkommen lässt und phasenweise das Niveau einer Vorabendserie erreicht.

Zugute halten möchte ich der Autorin jedoch den flüssigen Schreibstil und die detaillierten Beschreibungen von Schauplätzen und Charakteren, so dass man sich beim Lesen in die Münchner Schickeria bzw. direkt an den Starnberger See versetzt fühlt.

Montag, 3. August 2015

Buchrezension: Marian Keyes - Mittelgroßes Superglück

Inhalt:

Stella Sweeney ist eine ganz durchschnittliche 37-jährige Dublinerin mit einem einigermaßen nervigen Mann, zwei halbwüchsigen Kindern und einem unspektakulären Job im Beautysalon ihrer ehrgeizigen Schwester. Niemand, den man um sein Leben beneiden müsste. Aber dann passiert plötzlich etwas...Vielleicht weil Stella in der Hoffnung auf gutes Karma einem Range Rover im Straßenverkehr den Vortritt gelassen hat? Das Glück zeigt sich zunächst auf sehr merkwürdige Weise: Von einem Tag auf den anderen ist Stella von Kopf bis Fuß gelähmt. Eine seltene Krankheit hat ihre Nervenbahnen angegriffen, sie muss künstlich beatmet werden und ist im eigenen Körper eingesperrt. Die endlosen Tage im Krankenhaus sind grauenhaft. Bis auf die Zeiten, in denen ihr behandelnder Arzt, Dr. Mannix Taylor, bei ihr ist. Der Range-Rover-Fahrer. Der Mann, der das größte Glück in ihrem Leben bedeuten könnte. Ein so großes Glück, dass es andere neidisch macht...

Rezension:

Die 37-jährige Stella Sweeney lässt in der Hoffnung auf gutes Karma einem Rover-Fahrer die Vorfahrt und verursacht dadurch einen Verkehrsunfall.

Wochen später erleidet Stella schwere Lähmungserscheinungen bis hin zum Atemstillstand und wird als Notfall in ein Krankenhaus eingeliefert, wo das Guillain-Barré-Syndrom diagnostiziert wird.

Bis auf ihre Augen kann Stella nichts bewegen. Sie liegt in ihrem Krankenzimmer und kann sich nicht artikulieren. Das Pflegepersonal behandelt sie, als würde sie im Koma liegen. Dabei ist sie hellwach und bekommt alles um sie herum mit. Alle drei Stunden wird sie gedreht, damit sie sich nicht wundliegt - das ist bis auf die Besuche ihrer 14-jährigen Tochter Betsy, dem 15-jährigen Sohn Jeffrey und ihrem Ehemann Ryan, die einzige Abwechslung, die sie hat. Bis der Neurologe Mannix Taylor ihre Therapie übernimmt, der dummerweise der Unfallgegner war...

Die Abneigung ist jedoch nur einseitig und Mannix schafft es, mit ihr zu interagieren. Durch das Zwinkern mit den Augen kann Stella Buchstaben ausdrücken, die mit Hilfe eines Notizbuchs zu Worten und ganzen Sätzen werden. Die "Dialoge" zwischen den beiden werden schnell flüssig, was bei Außenstehenden Bewunderung hervorruft. Weder ihr Mann noch ihre Kinder bringen die Geduld dazu auf, Stellas Sprache zu lernen. Die Familie wird ihr zunehmend fremder, während sie zu Mannix Gefühle entwickelt, die sie nicht einzuordnen weiß.

Stellas Nerven beginnen sich nach einigen Wochen zu erholen und nach wenigen Monaten kann sie geheilt das Krankenhaus verlassen.

Stellas Leben geht weiter, sie arbeitet wieder als Kosmetikerin im gemeinsamen Salon mit ihrer Schwester. Trotz ihrer Heilung ist sie nicht wirklich glücklich und auch in ihrer Ehe ist die Luft raus. Stella trifft Mannix wieder und Ryan und Stella trennen sich daraufhin relativ einvernehmlich. Auch wenn Mannix nicht der unmittelbare Grund für das Eheaus ist, ziehen die Teenager loyal zu ihrem Vater. Stella beginnt daraufhin eine leidenschaftliche Affäre mit Mannix, der sich bereits zu vor von seiner unterkühlten Ehefrau getrennt hatte.

Was Stella nicht weiß, ist, dass Mannix das Notizbuch aus dem Krankenhaus bei einem privaten Verlag verlegt hat. Es enthält ihre "Gezwinkerten Gespräche", Sprüche von Stella und Weisheiten, die Mut machen. Es bleibt nicht bei den von Mannix in Auftrag gegebenen 50 Exemplaren. Stella engagiert eine Agentin, die einen größeren Verlag für Stellas Buch findet, woraufhin sie eine anstrengende Lesereise durch Amerika antritt. Stella ist jedoch keine geborene Schriftstellerin, weshalb ein zweites Buch floppt.

Die erste Hälfte des Schmökers von über 600 Seiten konnte mich komplett begeistern. Die Dialoge im Krankenhaus zwischen Stella und Mannix sind ironisch bis zynisch und sehr unterhaltsam. Da es sich um einen Rückblick handelt und gewiss ist, dass Stella wieder genesen würde, ist die Situation für den Leser ohnehin nicht belastend.

Die Ausschnitte aus der Gegenwart, geprägt vom Zusammenleben mit ihrem Sohn Jeffrey, der eine sehr esoterische, fast schon weibliche Seite entwickelt, sind herrlich skurril.

Auch Ryan ist völlig neben der Spur und möchte den Beweis antreten, dass man rein durch Karma leben kann. Er verschenkt deshalb zum Entsetzen von Stella und den Kindern all seinen Besitz: vom Eigenheim, über die eigene Firma bis zum letzten Hemd...

Betsy dagegen angelt sich einen älteren Lebenspartner, von dem sie sich verwöhnen lässt.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus schwächelt das Buch ein wenig und hat seine Längen, auch wenn vier Jahre aus dem Leben von Stella geschildert werden. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mannix und Stella und auch die einzelnen Stationen ihrer Lesereise durch Amerika hätten nicht so ausführlich beschrieben werden müssen. Dafür fehlte der Witz und die Ironie der ersten Seiten.

Die Charaktere von den Protagonisten bis zu den einzelnen Nebenrollen sind jedoch alle einzigartig und mit ihren unterschiedlichen Charaktereigenschaften interessant und unterhaltsam beschrieben. Gerade am Anfang musste ich bei vielen Situationen oder auch nur einzelnen Gedankengängen von Stella schmunzeln.

Bis auf die erwähnten Längen ist "Mittelgroßes Superglück" ein unterhaltsames Buch über einen Schicksalsschlag, der nicht nur das Leben von Stella komplett umkrempelt.


Mittwoch, 29. Juli 2015

Buchrezension: Samantha Bailly - Das Geschenk der Mademoiselle Alice

Inhalt:

Die ewige Frage, wer wen liebt, ist für die charmante Pariserin Alice neuerdings leicht zu beantworten. Denn seitdem sie unglücklich verliebt ist, kann Alice plötzlich sehen, wessen Herz für wen schlägt. Raffiniert nutzt sie diese außergewöhnliche Gabe, um Freundinnen zu helfen, den Richtigen zu finden. Dumm nur, bei ihr selbst funktioniert das überhaupt nicht. Da lernt Alice ihren Kollegen Raphael kennen, einen Mann, mit einem besonderen Geheimnis...

Rezension:

Aufgrund des Klappentextes habe ich mir vorgestellt, dass der Roman von einer jungen Frau handelt, die "Amor" spielt und die es mit ihrer außerordentlichen Fähigkeit schafft, Menschen in ihrer Umgebung, die für einander bestimmt sind, miteinander zu verkuppeln. Ich dachte auch aufgrund des fröhlichen Covers und dem Zusatz "Eine bezaubernde Liebeskomödie - charmant, ungewöhnlich und zum Träumen schön", dass es sich um leichte Liebeskomödie mit einem Happy End auch für die Protagonistin geht.

Derjenige, der diese Beschreibung verbrochen hat, kann dieses Buch nicht gelesen haben.

Der Roman handelt von Alice, die offensichtlich viele negative Erfahrungen in Liebesdingen gesammelt hat. Als ihre Großmutter stirbt, bekommt sie die Fähigkeit, Verbindungen zwischen den Menschen zu sehen. Je näher sie sich stehen desto dicker und leuchtender sind die Lichtstrahlen, die aus der Brust zu kommen scheinen.

Alice nutzt die Fähigkeit, um untreue Männer aufzuspüren und sie zu entlarven. Den betrogenen Frauen mailt sie anonym Beweisfotos.
Dieser Handlungsstrang wird allerdings nur zusammenfassend angerissen.

Alice beginnt sich auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren. Bei ihrer neuen Arbeitsstelle als Headhunter lernt sie Raphael kennen. Bei ihm kann sie keinerlei Verbindungen feststellen. Nicht einmal mit seiner Verlobten scheint er ein enges Verhältnis zu haben. Er scheint aber in Alice etwas zu sehen, was andere nicht sehen. So nähern sich die beiden zunächst an, ihre Wege trennen sich aber wieder als Raphael mit seiner Verlobten aus Paris wegzieht.

Die deprimierende Geschichte plätschert so weiter. Dabei springt die Autorin hin und her zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, schafft es dabei aber selbst nicht den Überblick zu behalten: So heißt es auch S. 265 "18. Mai 2012 Zukunft" und wenige Seiten später auf S. 274 "30. Mai 2012 Gegenwart". ??? 

Aus der Vergangenheit erfährt man von ihrer unglücklichen ersten Liebe zu einem älteren Mann, der sie offenbar misshandelt hat und von ihrer an Alzheimer erkrankten Großmutter. Aus der Zukunft liest man heraus, dass es kein Happy End mit Raphael gibt, auch wenn er wieder nach Paris zurückkehrt.

Davon abgesehen war das Buch allerdings sehr einfach zu lesen. Es bestand überwiegend aus einer Aneinanderreihung kurzer Hauptsätze:

S. 241 "Die Glastüren öffnen sich vor mir. Sonia sitzt hinter ihrem Tresen und telefoniert. Allein ihr Anblick ärgert mich. Ich grüße nicht und drücke den Knopf für den Aufzug. "Hallo!" ruft Cassandra. [...]"

Die Idee des Romans hatte mir eigentlich gut gefallen, aber die Umsetzung war leider enttäuschend. Bei Schulaufsätzen würde man wahrscheinlich von einer Themaverfehlung sprechen. Auch konnte der Roman sprachlich nicht bei mir punkten.