Samstag, 3. Oktober 2026

Buchrezension: Ragnar Jónasson - STILLE (Hulda-Helgi-Serie, Band 2)

Inhalt:

Helgi Reykdal hat sich als Kommissar bei der Polizei in Reykjavík etabliert, nachdem er die Nachfolge von Hulda übernommen hat. Jetzt wird er mit einem ungewöhnlichen Fall betraut: Die 70jährige gefeierte isländische Krimiautorin Elín S. Jónsdóttir ist spurlos verschwunden. Ist sie freiwillig untergetaucht oder steckt ein Verbrechen dahinter? Während Helgi in Elíns Vergangenheit nachforscht und dabei erstaunliche Ungereimtheiten entdeckt, kämpft er zugleich mit familiären Spannungen. Um sich davon abzulenken, nimmt er immer wieder Krimis seiner Lieblingsautorin Agatha Christie zur Hand und lässt sich davon inspirieren. 

Rezension: 

Helgi Reykdal übernimmt die Ermittlungen in dem Fall um die verschwundene Autorin Elín S. Jónsdóttir, die in Island für ihre zehnteilige Krimireihe bekannt ist und sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt hatte. Sie wurde vermisst gemeldet, nachdem sie eine etablierte regelmäßige Verabredung nicht eingehalten hatte. Nach den ersten Befragungen gibt es keine Hinweise auf ihren Verbleib. Helgi steht unter Druck, herauszufinden, was mit ihr passiert ist, bevor die Presse davon erfährt. Je tiefer Helgi, der selbst ein Faible für Kriminalromane hat, in das Leben der bekannten Schriftstellerin eintaucht, auf desto mehr Ungereimtheiten stößt er. Tatsächlich scheint ihr Leben noch rätselhafter zu sein, als die Geschichten in ihren Büchern. 
Neben den schwierigen Ermittlungen hat Helgi auch mit privaten Problemen zu kämpfen, nachdem seine gewalttätige Ex-Freundin ihn nicht in Ruhe lässt. 

"Stille" ist nach "Frost" Band 2 der isländischen Krimireihe um Kommissar Helgi Reykdal, der den Posten von Hulda Hermannsdóttir übernommen hat und mit der Lösung des Falls um die vermisste Autorin sein Können unter Beweis stellen möchte.

Der Roman handelt auf mehreren Erzählebenen, wobei Helgis Perspektive im November 2012, seine Ermittlungen, aber auch seine private Seite im Vordergrund stehen. Unterbrochen wird seine Sicht durch ein im Jahr 2005 geführtes Interview einer Journalistin mit Elín Jónsdóttir, das Aufschluss über ihre Persönlichkeit und ihr Wirken gibt. Daneben gibt es Rückblenden in die Jahre 1965 und 1976, einen unglücklich verlaufenen Banküberfall und die späteren Ermittlungen von Hulda.

Die Geschichte wird damit unerwartet vielschichtig, ohne den Fokus zu verlieren. Spannend ist, wie die Kriminalfälle aufgeklärt werden, aber auch, wie die einzelnen Handlungsstränge verknüpft werden. Der rätselhafte Aufbau und die kurzen Kapitel sorgen für einen anhaltenden Lesesog.

Die Stimmung ist passend zu einem Island-Krimi melancholisch und kalt. Neben der winterlichen Witterung tragen die tragischen Schicksale, Einsamkeit und Verletzlichkeit der Personen dazu bei. 

Wie von Ragnar Jónasson gewohnt, wird die Geschichte unaufgeregt erzählt, erzeugt aber dennoch ihre Wirkung. Einzelne Aspekte des Plots können erahnt werden, andere werden erst am Ende verknüpft und führen zu einer schlüssigen Lösung, die im Hinblick auf den Vermisstenfall keine Fragen offenlässt, aber in Bezug auf Helgis privates Problem bereits einen dritten Band erwarten lässt.  

Freitag, 2. Oktober 2026

Buchrezension: Judith Merchant - Aprikosenkind

Inhalt:

Die sechsjährige Ruby ist ein besonderes Mädchen: in sich gekehrt, still, langsamer als andere Kinder. Nathalie widmet Ruby ihre ganze Aufmerksamkeit und hat viel für sie aufgegeben. In ihrem neuen Zuhause auf dem Land soll Ruby endlich aufblühen. Doch dort geschehen seltsame Dinge. Fenster und Türen stehen plötzlich offen, die anderen Eltern fangen an, sich komisch zu benehmen. Ihr Mann Gabriel versucht unerschütterlich, Nathalie zu beruhigen, doch sie fühlt sich in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr sicher. Eines Tages malt Ruby ein Bild, das alles verändert. Und Nathalie muss sich fragen, welchen Preis sie für ihr Glück zu zahlen bereit ist. 

Rezension: 

Nathalie und ihr Mann Gabriel sind auf das Land gezogen, damit ihre sensible Tochter Ruby, die oft in ihrer eigenen Welt lebt, dort noch behüteter aufwachsen kann. Nathalie bringt Ruby in den Kindergarten, kümmert sich darüber hinaus aber rund um die Uhr um die Sechsjährige. Ihr Mann kann zudem die meiste Zeit im Homeoffice arbeiten, weshalb die Familie die meiste Zeit unter sich ist und ihr harmonisches Zusammenleben genießt.
Ruby kann sich im Kindergarten nur schlecht integrieren und hinkt gleichaltrigen Kindern in der Entwicklung hinterher. Nathalie fühlt sich von den besorgten Erzieherinnen unter Druck gesetzt und nötigt Ruby geradezu, ein "richtiges" Bild mit Formen und Farben zu malen, bereut sie die Entscheidung sogleich, denn die Zeichnung ist schockierend.
Als Nathalie alarmiert nachforscht, was es mit Rubys Verhalten auf sich hat, macht sie eine Entdeckung, die ihr idyllisches Familienleben zerstören könnte.

Der Roman wird überwiegend aus der Perspektive von Nathalie erzählt. Daneben gibt es einzelne Einblicke in Gabriels Gedankenwelt sowie Rückblenden in die Vergangenheit, die mehr über die Entwicklung der Familie offenbaren.
Eine unterschwellige Spannung ist von Anbeginn vorhanden, denn die Atmosphäre wirkt bedrohlich und das zurückgezogene Familienleben verdächtig. Allmählich zeigt sich, dass die Harmonie aufgesetzt ist und dass Nathalie und Gabriel ein dunkles Geheimnis verbindet.
Mit Nathalies Entdeckung vollzieht sich eine Wende, die belegt, dass nichts ist, wie es scheint. Nathalie muss Handeln, um sich und ihre Tochter zu schützen. Doch wie weit wird sie gehen?

"Aprikosenkind" ist ein Psychothriller über Manipulation, Kontrolle, Missbrauch und Mutterliebe, der durch die lauernde Gefahr und die anhaltende Sorge um das Wohlergehen eines unschuldigen Kindes für anhaltende Spannung sorgt. Gleichzeitig befinden die Figuren sich in so einem Schlamassel, dass Hilfe von außen nur schwer möglich ist. 
Die Motive der Beteiligten bleiben nur oberflächlich und auch die Auflösung ist etwas kurz geraten. Dennoch ergibt sich ein schlüssiges und nachvollziehbares Ende. 

Mittwoch, 30. September 2026

Buchrezension: Matthew Norman - Henry & Grace

Inhalt:

Das Jahr hatte kaum begonnen, als Grace White und Henry Adler ihre Ehepartner verloren. Nun nähert sich das erste Weihnachtsfest seit ihrem Verlust, und um ihnen durch diese schwere Zeit zu helfen, versuchen ihre Mütter, Grace und Henry zu verkuppeln. Zwar finden beide diese Idee absurd, zugleich versteht keiner besser als sie selbst, was sie gerade durchmachen, und so entsteht eine zarte Freundschaft. Als Grace erfährt, dass Henry und seine Frau jeden Advent einen wahren Weihnachtsfilm-Marathon veranstaltet haben, bietet sie ihm für dieses Jahr Gesellschaft an. Auch ihre beiden Kinder, Ian und Bells samt Familienhund Harry Styles sind dabei, sooft es geht. Tatsächlich lässt mit jedem Treffen, ob mit oder ohne Film, die Einsamkeit von Grace und Henry ein wenig nach. Könnte das neue Jahr auch die Chance auf ein neues Glück bieten? 

Rezension: 

Henry und Grace sind seit knapp einem Jahr verwitwet, als die schwerste Zeit des Jahres bevorsteht: das erste Weihnachten ohne den Ehepartner. Während Grace Mutter von zwei Kindern ist und sich einen Hund zugelegt hat, ist Henry allein. Ihre Mütter versuchen sie miteinander zu verkuppeln, woraus sich eine Freundschaft entwickelt. Beide sind noch nicht bereit für einen neuen Partner, aber die Trauer verbindet sie. Gemeinsam setzen sie die Tradition von Henry und seiner Frau Brynn fort, in der Weihnachtszeit einen Weihnachtsfilm-Marathon zu zelebrieren. Trotz unterschiedlicher Meinungen über die bekannten Weihnachtsklassiker verbringen sie entspannte Abende und verlieren ein Stück ihrer Traurigkeit. Sie kommen sich langsam näher, aber die Hürden, sich ohne Schuldgefühle neu zu binden, sind nicht einfach zu überwinden.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Grace und Henry geschildert, so dass man beiden Charakteren nahekommt und ihre Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann. Die zwei sind nach dem Verlust ihrer Ehepartner in Trauer, aber allmählich - wenn auch durch Druck von außen - bereit für die ersten Schritte zurück ins Leben.

Beide Hauptfiguren sind lebendige, liebenswerte Charaktere, die von Beginn an gut miteinander harmonieren. Während Grace als Mutter mehr Verantwortung trägt und schlagfertiger ist, hatte sich Henry über Monate eingeigelt und ist zurückhaltender. Die zarte Annäherung durch verständnisvolle Gespräche über Trauer und die verstorbenen Partner und die gemeinsam verbrachte Zeit beim Filme gucken, ist authentisch erzählt. Als sich aus Freundschaft tiefere Gefühle entwickeln und eine körperliche Anziehung spürbar ist, ist auch die Unsicherheit über den richtigen Zeitpunkt, sich neu zu verlieben, nachvollziehbar.

Trotz der allgegenwärtigen Trauer ist die Geschichte nicht schwermütig. Dafür sorgen die vielen
humorvollen Szenen und die sympathischen Haupt- und Nebenfiguren. Mit der Erwähnung der
modernen Weihnachtsklassiker, die Henry und Grace als Anlass für ihre Treffen nutzen, stellen sich zudem heimelige und nostalgische Gefühle ein.

"Henry & Grace" handelt von Trauer und Verlust, aber auch von Liebe, Hoffnung und Neuanfang. Die Geschichte hat die perfekte Balance aus Traurigkeit und Humor, ist voller belebendem Charme und stimmt optimistisch. Es ist eine herzerwärmende RomCom, die sich zwar nicht überraschend entwickelt, aber dennoch abwechslungsreich und unterhaltsam ist und ohne Kitsch und unnötige Missverständnisse auskommt. Mit dem Weihnachtscountdown bis Heiligabend ist sie als Wohlfühllektüre für die (Vor-)weihnachtszeit perfekt geeignet. 

Montag, 28. September 2026

Buchrezension: Adèle Bréau - Die Stunde der Frauen

Inhalt:

Paris, 1967: Menie Grégoire gibt zum ersten Mal Millionen von Frauen in ihrer Radiosendung eine Stimme. Sie sprechen mit der "Beauvoir der Herzen" über verbotene Sehnsüchte, Verhütung und die patriarchalen Zwänge. Unter ihnen sind die Schwestern Mireille und Suzanne, die durch Menie den Mut finden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Fünfzig Jahre später entdeckt die Journalistin Esther Menies Vermächtnis. Während sie sich durch die berührenden Briefe von damals liest, findet sie den Schlüssel für ihren eigenen Ausbruch aus einer toxischen Beziehung. Eine Hommage an all die Frauen, die sich über Jahrzehnte hinweg die Hand reichten, um einander den Weg der Befreiung zu ebnen. 

Rezension:

Menie Grégorie arbeitete für die Zeitschrift Elle, wo sie sich insbesondere um Leserbriefe kümmert, bevor sie vom Radiosender RTL für eine Livesendung gewonnen werden konnte. Auch dort soll sie sich den Zuschriften der vor allem weiblichen Hörerinnen kümmern. Die Sendung am Nachmittag, wenn Frauen ihre Hausarbeit erledigt haben und Ehemänner noch bei der Arbeit sind, wird ein voller Erfolg. Frauen erhalten eine Stimme und Menie schenkt ihnen nicht nur ihr Gehör, sondern gibt vor allem bei heiklen Themen Ratschläge bis hin zu persönlicher Unterstützung. 
Zu ihren Hörerinnen zählen die Schwestern Suzanne und Mireille, die sich mit Hilfe von Menie in ihren Leben beginnen zu emanzipieren. 
Ein halbes Jahrhundert später beschäftigt sich die Journalistin Esther Kahn, die sich aus einer toxischen Beziehung befreien muss, mit Menies Leben, ihren Aufzeichnungen und den Problemen der Frauen von damals, was ihr neuen Mut verleiht. 

Die Autorin ist die Enkelin von Menie Grégorie, die der starken und klugen Frau, die so vielen anderen Frauen in Fragen zur Sexualität helfen konnte, ein Denkmal setzt. Trotz des persönlichen Bezugs überwiegen die fiktiven Anteile der Geschichte, weshalb "Die Stunde der Frauen" mehr historischer Roman als Romanbiografie ist.  

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert aus der Ich-Perspektive die Gegenwart im Jahr 2021, als sich Journalistin Esther mit dem Wirken Menies beschäftigt und gleichzeitig endgültig die Beziehung zu ihrem gewalttätigen Partner beenden muss. Die Vergangenheit baut auf zwei Erzählsträngen um die Schwestern Suzanne und Mireille sowie Arbeit und Leben von Menie auf, die zusammengeführt werden. 

Der Roman ist das Porträt einer Frau, die dreifache Mutter und Ehefrau ist und Ende der 1960er-Jahre mit über 50 Jahren eine Karriere beim Radio beginnt und den Mut hat, sich in ihrer Sendung "anstößigen" Themen zu widmen, wodurch Frauen den Mut finden, Fragen zu stellen und sich Hilfe zu suchen. 
Dabei geht es vor allem um Themen, die mit Sexualität verbunden werden, um Aufklärung, Verhütung, Abtreibung, weibliche Lust oder sexuelle Gewalt. Menie trägt mit ihrer Sendung dazu bei, dass sich Frauen aus dem gesellschaftlichen Korsett und der Abhängigkeit von (Ehe-)männern befreien. 

Emanzipation, Solidarität und Schwesternschaft rücken in den Fokus, während die einzelnen Figuren eher blass bleiben. Auch wenn Menies großartiges Engagement deutlich wird, wird auch sie als Hauptfigur durch die Schilderung einzelner Episoden nur unzureichend zum Leben erweckt. Der Roman gleicht einem Schweinsgalopp durch ihr Leben, geschildert im Zeitraum von 1932 und 1981, wobei Menie als Person auf Distanz bleibt. Ihr Wirken erscheint zudem zu geradlinig und problemlos, was angesichts des Zeitgeists kaum vorstellbar ist. 

Freitag, 25. September 2026

Buchrezension: Anna Schneider - Blut für Blut

Inhalt: 

Nach der Flucht aus einer manipulativen Beziehung schlägt sich Sophie Roth mit Gelegenheitsjobs als Fotografin durch. Bis sie den Auftrag erhält, analoge Porträts der vermögenden Familie Grafinger anzufertigen. Erleichtert sagt sie zu, doch bald fühlt sie sich verfolgt und belauert. Schwebt sie in Gefahr? Hat jemand herausgefunden, wer sie ist? Als Sophie die ersten Aufnahmen entwickelt, blickt sie in ein Gesicht, das sie nie vergessen konnte. Und begreift, dass die Nacht vor zwanzig Jahren, in der ihr Vater ermordet wurde, sie erbarmungslos wieder einholt. 

Rezension:

Die Fotografin Sophie Roth hat sich aus einer toxischen und manipulativen Beziehung befreit und zieht sich in in einen zufällig entdeckten leer stehenden Bauwagen zurück. Als sie das finanziell lukrative Angebot einer adeligen Familie erhält, kurzfristig Porträts analog anzufertigen, sagt sie zu, auch wenn sie sich fragt, warum die Grafingers ausgerechnet sie ausgewählt haben.
Neben dem ominösen Auftrag ängstigen sie weitere mysteriöse Vorkommnisse, die davon Zeugen, dass sie jemand verfolgt und absichtlich verunsichert. Zeitgleich quälen sie Erinnerungen an die Zeit vor zwanzig Jahren, als ihr Vater ermordet wurde und ihr Bruder seitdem als dringend tatverdächtig auf der Flucht ist.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wechselt in kurzen, dynamischen Kapiteln zwischen den gegenwärtigen Ereignissen im Sommer, als Sophie mühsam für einen Neuanfang kämpft und der Vergangenheit, als ihre Familie zerbrochen ist. Beide Erzählstränge sind gleichermaßen spannend. In der Gegenwart fühlt dich Sophie verfolgt und zunehmend bedroht, wobei unklar ist, ob ihr sadistischer Exfreund hinter den kleinen Grausamkeiten steckt. Die Vergangenheit ist noch undurchsichtiger, da Sophie Erinnerungslücken hat und nur allmählich Details zur Ermordung ihres Vaters ans Licht kommen.

Sophie ist traumatisiert und hat viel durchgemacht, ist unsicher im Umgang mit anderen und erlebt durch ihre Naivität Rückschläge.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto spannender wird die Frage, in welchem Zusammenhang Vergangenheit und Gegenwart stehen. Dazu trägt auch ein Foto bei, das Sophie bei den Grafingers entdeckt und sie verstört.

"Blut für Blut" ist als Roman eingeordnet, liest sich allerdings wie ein Thriller. Der unaufgeklärte Mord, der mutmaßlich flüchtige Täter und die Verfolgung und Verunsicherung Sophies schüren Ängste und sorgen für Nervenkitzel. Die Situation in beiden Handlungssträngen ist undurchsichtig und bedrohlich.

Der Roman handelt von Rache, Schuld und den Dämonen der Vergangenheit. Es geht um die Folgen einer Familientragödie und den steinigen Weg, neu anzufangen.
Die Kapitel haben eine angenehme Länge, so dass die Wechsel der Erzählebenen nicht abrupt erfolgen. Zudem wirkt Sophie vor dem Hintergrund der Ereignisse authentisch. 
Die Auflösung ist dann allerdings etwas holprig und erscheint mit der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart etwas konstruiert, insbesondere wenn man die Reaktion der tatverantwortlichen Person betrachtet. 

Mittwoch, 23. September 2026

Buchrezension: Charlotte Link - Kalte Tage (Die Kate-Linville-Reihe, Band 6)

Inhalt:

In einer verschneiten Winternacht wartet eine Frau auf die Rückkehr ihrer Tochter, die sich mit einer Internetbekanntschaft trifft. Plötzlich steht ein Fremder in ihrem Haus – ein Albtraum beginnt. Am nächsten Morgen geht ein Notruf bei der Polizei in Scarborough ein: Ein Mann wurde erschossen, eine junge Frau ist spurlos verschwunden. Detective Inspector Kate Linville beginnt zu ermitteln. Kurz darauf wird ein Autofahrer als vermisst gemeldet, der auf einer einsamen Landstraße unterwegs war. Fast zu spät erkennt Kate die gestörte Geisteswelt eines Täters, der völlig skrupellos agiert. 

Rezension:

Anfang Januar mit ungewöhnlich kalten Temperaturen und Schneetreiben trifft Gillian, die mit Anfang 20 noch bei ihren Eltern wohnt, sich mit einem Fremden in einem Pub, den sie über eine Dating-App kennengelernt hat. Er gibt vor, sie nach Hause bringen zu wollen und überfällt ihre Eltern. Ihr Vater kommt ums Leben und Gillian ist am nächsten Morgen verschwunden. Detective Inspector Kate Linville, die wegen Depressionen in Behandlung ist, stürzt sich in die Ermittlungen, um sich auch von ihren privaten Problemen abzulenken. Fast zeitgleich meldet eine Frau ihren Mann vermisst, der in einer entlegenen Gegend mit einem Makler verabredet war. Zu dem Termin ist er nicht erschienen. Gemeinsam mit DCI Andrew Seymour, der Parallelen zu einem Fall in seinem Zuständigkeitsbereich festgestellt hat, versucht Kate den Täter zu stoppen, der sich über das Internet gezielt an junge, unerfahrene Frauen heranpirscht. 

"Kalte Tage" ist nach dem erschütternden Ende von "Dunkles Wasser" der sechste Band um DI Kate Linville der North Yorkshire Police. Zwei Jahre sind vergangen, seitdem ihr Ex-Kollege Caleb Hale unter tragischen Umständen ums Leben gekommen ist. Für Kate, die schon immer zu Melancholie neigte und unter einem mangelnden Selbstbewusstsein leidet, war dies ein schwerer Schlag, der zu privater Resignation geführt hat. 
Dennoch ist sie eine geniale Ermittlerin, denn ihr Beruf ist ihr ganzer Lebensinhalt. Auf ihren Instinkt ist Verlass, was sie auch in dem Fall um die entführten Frauen und das vermisste männliche Zufallsopfer, entscheidend voran bringt, denn die Spuren zum Täter sind dürftig und die zeitkritische Suche wird durch Schnee und Kälte erschwert. In ihrem Privatleben erscheint jedoch ein Lichtblick am Horizont.  

Der Roman wird aus wechselnden Sichten chronologisch erzählt. Es entsteht ein Komplex aus vielen Personen, Perspektiven der Opfer und Kate als Ermittlerin. Durch mehrere Handlungsstränge ist der Leser sowohl in die Ermittlungen der Polizei als auch in die Situation der Opfer und die Aktionen des Täters involviert. Daneben spielt auch immer wieder das Privatleben Kates und ihre sozialen Komplexe eine Rolle. 

Der Fall erscheint zunächst ungewohnt durchsichtig aufgebaut und nicht so rätselhaft wie in den fünf Bänden zuvor. Der Täter ist für den Leser bekannt und auch die Ermittler haben bald eine heiße Spur zu dem als wenig intelligent beschriebenen, einsamen Soziopathen. Spannender ist insofern weniger die Ermittlung der Identität und die Frage nach einem Motiv, sondern vielmehr, ob der Täter gestoppt und seine Opfer in eisiger Kälte rechtzeitig gerettet werden können. 

Lange ist man wirklich der Meinung, dass die Fallkonstellation durchsichtig ist. Da der Roman aber recht umfangreich ist, bleibt die Hoffnung auf einen Plottwist und tatsächlich kommt es nach knapp 500 Seiten zu einer Wende, die die Spannung neu entfachte.
"Kalte Tage" ist im Wesentlichen ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Polizei, die akribisch und umsichtig vorgeht, ist auch stets nah am Täter und der Aufklärung, hinkt aber letztlich immer ein Stück hinterher, was Menschenleben fordert und auch Kate erneut in Gefahr bringt. 

Neben der Krimihandlung ist Kates weitere Entwicklung zu verfolgen, die von folgenschweren Ereignissen gezeichnet ist und mit sich selbst zu kämpfen hat. An ihrer Seite ist - beruflich und privat - Andrew, der ein außergewöhnliches Interesse an ihr zeigt, was vor dem Hintergrund des Images von Kate als "graue Maus" und der Kürze der Zeit überstürzt und wenig authentisch wirkt. 

Auch wenn die Bezeichnung als Thriller nicht durchgehend angemessen ist, ist es ein Spannungsroman nach einem typischen Muster von Charlotte Link, der tragische und bedauernswerte Schicksale zeichnet und mit einem ausgereiften und schlüssigen Szenario überzeugen kann. Dazu trägt auch die gefährlich kalte Atmosphäre und die tragischen Lebensumstände einzelner Protagonisten bei. 

Montag, 21. September 2026

Buchrezension: Tom Saller - Und Hedi springt

Inhalt:

Im Hungerwinter 1946/47 begegnet Hedi, hochschwanger und junge Flüchtlingsfrau aus Pommern, Alfons Müller-Wipperfürth, einer der schillerndsten Gestalten im Deutschland der Nachkriegszeit. Die Welt des zukünftigen Hosenkönigs sind Stoffe, Schnittmuster und Nähmaschinen. Hedi avanciert zu Müllers persönlicher Assistentin, und eine Geschichte von Aufstieg und Fall in der noch jungen Bundesrepublik nimmt ihren Lauf. 
Als alleinerziehende Mutter kämpft Hedi gegen Vorurteile und Misstrauen. Aber ihre beharrliche Suche nach Freundschaft und Liebe wird belohnt – bis vollkommen unerwartet der Vater ihres Kindes vor der Tür steht. 
Es ist eine Geschichte des Nichtaufgebens und einer Wiederauferstehung. Persönlich, wirtschaftlich und letztlich die eines ganzen Landes und seiner Menschen. 

Rezension:

Hedi Wetzlaff musste während des Zweiten Weltkriegs aus Pommern fliehen und gelangt über ein Flüchtlingslager in Dänemark im Hungerwinter 1946/47 ins Bergische Land. Sie ist schwanger, hat aber das Glück aufgrund ihrer ehrlichen Art eine Anstellung bei dem späteren "Hosenkönig" Alfons Müller zu erhalten. Von einer Näherin wird sie schon bald zu seiner persönlichen Assistentin und erhält auch darüber hinaus Unterstützung für sich und ihren Sohn. Gerade deshalb sieht sich Hedi Neid und Missgunst in Wipperfürth ausgesetzt, findet aber in Anna und Georg Freunde, die zu ihr halten, bis Georg mehr Anspruch auf sie erhebt.

Der Roman basiert auf der Lebensgeschichte von Hedi, der Großmutter des Autors. Auch der charismatische Herrenmodenfabrikant Alfons Müller ist eine reale historische Figur, die mit ihrem Unternehmen ein Beispiel für den Wiederaufbau und den Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit ist.

Die Geschichte ist aus wechselnden Perspektiven lebendig geschrieben. Hedi ist eine zurückhaltende, sensible junge Frau, die jedoch zum richtigen Moment mit ihrer Meinung nicht zurückhält, für sich selbst einsteht und selbst den innovativen Fabrikanten inspirieren kann. Alfons Müller ist ein Visionär, der trotz eines leichten Größenwahns die Marke Müller-Wipperfürth zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut hat.
Der Autor beschreibt Hedis Leben von 1946 bis in die 1960er-Jahre, die Schwierigkeiten als unwillkommene Fremde und als alleinerziehende Mutter, die auch noch Vollzeit arbeitete. Darüber hinaus gibt er sehr persönliche Einblicke bei seinem Versuch, die Lücken in seiner Familiengeschichte zu schließen.

"Und Hedi springt" ist ein interessantes Zeitzeugnis einer Ära, die von Aufschwung geprägt war, wobei Verluste, Entbehrungen und alte Nazi-Seilschaften nicht außer Acht gelassen werden. Das Buch lebt dabei von seinen besonderen Charakteren und einer lakonischen Erzählweise. 

Freitag, 18. September 2026

Buchrezension: Sophie Czerny - Totensee

Inhalt:

Ada Sabel ist am absoluten Tiefpunkt: Niemand glaubt der suspendierten Kommissarin vom LKA Wien, dass ihre 14-jährige Tochter entführt wurde. Seit fünf Monaten muss sie die Ungewissheit ertragen, ob Mara noch am Leben ist. Und mit jedem Tag, an dem sie keinen Hinweis auf Maras Verbleib findet, wächst die Strichliste aus Schnitten an ihren Armen. Bis zu Tag 145, als am Ufer des Donaukanals eine kopflose Leiche auftaucht, auf deren Rücken Adas Name in blutigen Buchstaben eingeritzt ist.
Ada ist sich sicher: Die Botschaft stammt von Maras Entführer. Fieberhaft folgt Ada der Spur auf eigene Faust – nicht ahnend, dass sie mit jedem Schritt auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit näherkommt. 

Rezension:

Ada Sabel ist mit den Nerven am Ende und inzwischen als Ermittlerin beim LKA Wien suspendiert, seitdem ihre 14-jährige Tochter Mara spurlos verschwunden ist.
Als nach fünf Monaten im Donaukanal ein Frauenleiche gefunden wird, in deren Rücken die Buchstaben ADA geritzt sind, ist sich Ada sicher, dass dies eine Botschaft des Entführers ihrer Tochter an sie ist. Ausgehend von der Identifizierung der Frau beginnt Ada auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Spurensuche führt sie zu einem Kinderheim in Bayern, was verdrängte, düstere Erinnerungen in Ada weckt.

Der Thriller handelt auf mehreren Zeitebenen und wird aus der Perspektive verschiedener Personen geschildert. Die Wechsel zwischen den unterschiedlichen Orten, gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen erfolgen sprunghaft und zu Beginn willkürlich. Es wird in Teilen auf die Bezeichnung der Personen verzichtet, so dass sich erst allmählich die einzelne Puzzleteile zusammenfügen, die recht willkürlich zerpflückt worden sind. Dazu kommt, dass die Kapitel mit durchschnittlich drei bis vier Seiten extrem kurz sind, was eher für Unruhe und mangelnde Nähe zu den Charakteren sorgt, als für Spannung und Dynamik.

Der Hintergrund der Entführung von Adas Tochter in Wien und den Mord an der älteren Frau in Berlin, die nicht das einzige Opfer bleibt, ist brutal und ergreifend. Auch ohne dass die Grausamkeiten im Detail erzählt werden, gerät ein Kopfkino in Gang. 

Obschon sich die einzelnen Szenen in Berlin, Österreich und dem süddeutschen Raum im weiter ergänzen und Erklärungen für den Täter liefern, erscheint der Plot in einigen Aspekten wie der mangelhaften Polizeiarbeit, erfolgreicher Vertuschung und Manipulationen in der Vergangenheit und der platzierten Erinnerungslücken Adas konstruiert. Zudem bleiben in Detailfragen der Handlung aufgrund der sprunghaften Erzählweise zu viele Lücken. So stellt sich kein richtiger Lesesog ein, der an den Seiten kleben lässt. 



Mittwoch, 16. September 2026

Buchrezension: Francesca Reece - Die Unmöglichkeit von Liebe

Inhalt:

Auf dem abgeschiedenen Anwesen in den Wäldern von Nordwales gibt es nur sie beide, Olwen und Geth. Hier verlieben sie sich als Jugendliche, küssen sich zum ersten Mal, malen sich aus, die verlassene Villa gehöre ihnen. 
Sie sind jung, verliebt, bis das Leben ihre Wege trennt. Als Olwen und ihr Mann viele Jahre später in die Gegend ihrer Kindheit zurückkommen und das alte Anwesen kaufen, ahnt Olwen nicht, mit welcher unkontrollierbaren Gewalt sich sich immer noch zu Geth hingezogen fühlt. Doch reicht das aus, um ihren Mann James und ihr Leben als Dokumentarfilmerin in London zurückzulassen?

Rezension: 

Geth und Ol wachsen in einer Kleinstadt in Nordwales auf. Während Ol aus einer privilegierten englischen Familie stammt, ist Geth der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die sich um ein Haus kümmert, das ein englischer Architekt im Wald am See errichtet hat, aber tatsächlich nie darin wohnt. Geth ist fasziniert von dem Anwesen und zieht sich schon als Kind gern dorthin zurück. Dort trifft er sich auch mit Ol, in die er sich verliebt. Ihre Wege trennen sich, als Ol in Oxford studiert und Geth in seiner Heimat bleibt, um Holzfäller zu werden.
Jahre später kehrt Ol, die inzwischen preisgekrönte Filmregisseurin ist, an den Ort ihrer Jugend zurück. Ihr Ehemann James hat das Anwesen mit dem Glashaus am See gekauft, das ihr als Inspiration für neue Projekte dienen soll. Als Ol und Geth sich wieder begegnen, ist die Anziehung zwischen ihnen noch immer vorhanden. Während James in London weilt, beginnt Ol ein Spiel mit dem Feuer.

Der Roman wird zunächst aus der Perspektive von Geth geschildert, wobei ein Schwerpunkt auf die Vergangenheit und das Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen gelegt wird, die den gesellschaftlichen Unterschied von Geth und Ol aufzeigt. Daneben geht es um den Konflikt zwischen Walisern und Engländern und die Protestbewegungen in den 1980er-Jahren.
Mit Ols Rückkehr wechselt auch die Perspektive uns der Fokus richtet sich auf die beiden Erwachsenen im Jahr 2017. Die beiden verleben einen leidenschaftlichen, verbotenen Sommer, der von bedrohlichen Nachrichten überschattet wird, die Ol erhält. 

Auch wenn der deutsche Titel des Romans eine komplexe und dramatische Liebesgeschichte erwarten lässt, wird die Beziehung von Geth und Ol im Wesentlichen auf eine starke körperliche Anziehung reduziert.
Ausgehend von ihren gesellschaftlichen Unterschieden handelt der Roman von sozialer Herkunft, Identität und walisischem Nationalismus. Dabei wird der erzählerische Bogen durch Rückblenden von der aufgeheizten Thatcher-Ära bis zu den aktuellen Problem von Gentrifizierung und Brexit gespannt. 

Die Geschichte ist wehmütig und nostalgisch, geht es doch einerseits um die Bewahrung kultureller Identität, den Kampf um Unabhängigkeit und Gleichberechtigung sowie andererseits um persönliche Entscheidungen und zweite Chancen. 
So sprunghaft die Geschichte zu Beginn durch den willkürlichen Wechsel zwischen einzelnen Episoden in Gegenwart und Vergangenheit erzählt wird, so verwirrend ist auch der Schluss des Romans. Er endet abrupt, lässt Fragen offen und Probleme ungeklärt. 

Montag, 14. September 2026

Buchrezension: John Marrs - The Marriage Act: Bis der Tod euch scheidet

Inhalt:

Verheiratete Menschen sind glücklicher, gesünder und produktiver. Um den Bürgern des Vereinten Königreiches den Hafen der Ehe schmackhaft zu machen, erlässt die Regierung ein Gesetz, das Verheirateten Privilegien verschafft: bessere Schulen für die Kinder, bessere Kredite, bessere Gehälter, Häuser in besseren Wohngegenden. Alles, was man für das schöne Leben tun muss, ist einen Smart-Marriage-Vertrag zu unterschreiben. Doch was bedeutet es, wenn man seine Beziehung einem Algorithmus anvertraut? Ein Witwer versucht verzweifelt, den Tod seiner Frau zu vertuschen, weil er nicht zwangsverheiratet werden will. Eine Hausfrau und Mutter macht Karriere als Vloggerin, bringt dabei aber ihre Familie an den Rand des Ruins. Ein Serienmörder wird zum Paartherapeuten, und ein queeres Paar gerät wegen seiner smarten Ehe in tödliche Gefahr. 

Rezension: 

Studien belegen, dass verheiratete Menschen gesünder, glücklicher und produktiver sind. Um Eheschließungen zu fördern, hat die britische Regierung deshalb das Gesetz für die Unantastbarkeit der Ehe erlassen. Wer den Vertrag über eine Smart-Ehe abschließt, kommt in Genuss zahlreicher (finanzieller) Privilegien, verpflichtet sich jedoch auch, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte es in der Ehe kriseln. Um dies zu garantieren, werden Gespräche der Ehepartner aufgezeichnet und ausgewertet.
Das Gesetz hat zahlreiche Befürworter, aber auch immer mehr Gegner, die zum Widerstand aufrufen, den Tod einer bekannten Influencerin zur Folge hat.

"The Marriage Act" ist die lose Fortsetzung 
von "The ONE. Finde dein perfektes Match", als mittels eines Gentests der perfekte Partner gefunden werden sollte. Nunmehr ist es KI, die den Menschen überwacht, um dafür Sorge zu tragen, dass die Ehen stabil sind oder im Zweifel ein neue Verbindung eingegangen werden muss.

Der Roman wird in kurzen Kapiteln aus fünf verschiedenen Perspektiven geschildert, wodurch ein Einblick in den Alltag von Gegnern und Befürwortern des Gesetzes in verschiedenen Lebenssituationen ermöglicht wird.

Jeffrey ist einer der staatlichen Beziehungsbegleiter, der die Ehe eines homosexuellen Paares optimieren soll, allerdings eine persönliche Agenda verfolgt.
Arthur versucht seiner Beziehungsbegleiterin auszuweichen, um zu verhindern, dass er von seiner an Demenz erkrankten Frau getrennt und zwangsweise neu verpartnert wird.
Corrine steht kurz vor der Scheidung ihrer herkömmlichen Ehe, die jedoch von ihrem Ehemann hinausgezögert wird.
Roxi ist eine krasse Befürworterin von Überwachung durch KI, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Sie propagiert ihre Meinung online und gibt alles dafür, berühmt zu werden.
Anthony arbeitet für die Regierung, wobei er im Verborgenen tätig ist und nicht einmal seine Frau weiß, wozu er fähig ist.

"The Marriage Act" ist ein fesselnder Near-Future-Roman mit einem Szenario, dass sich erschreckend realistisch anfühlt. Die Smart-Ehe, die von der britischen Regierung als Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme propagiert wird, bedeutet eine Zweiteilung der Gesellschaft, in diejenigen, die eine Smart-Ehe eingehen und diejenigen, die diese ablehnen sowie eine Überwachung durch den Staat und KI. Freiheit und Gleichheit gibt es in einem solchen System nicht mehr, was ein Großteil der Bevölkerung jedoch zu spät erkennt.
Aus den unterschiedlichen Perspektiven geschildert, zeigt sich schon bald, dass nur mit Repression und Gewalt an dem neuen Ehegesetz festgehalten werden kann. Gleichzeitig scheinen sich auch die Gegner zu radikalisieren. Was dies für die einzelnen Figuren bedeutet, ist grausam und beängstigend, insbesondere wenn sie versuchen, aus dem System zu entkommen.

Das Worldbuilding ist originell und kombiniert gelungen Dystopie und Thriller mit Gesellschaftskritik. Der Roman handelt vom Zwiespalt aus Freiheit und Kontrolle, Autonomie und Sicherheit und wie leichtsinnig Menschenrechte für Versprechungen von höchster Stelle aufgegeben werden. Es geht um Manipulation, Erpressung, Hass bis hin zum Mord, was die gefährlichen Folgen der Gesetzgebung auf eindringliche Weise zeigt, die Geschichte aber auch etwas einseitig werden lässt. 


Freitag, 11. September 2026

Buchrezension: Melanie Raabe - DAISY: Und all deine Geheimnisse werden mir gehören

Inhalt:

Luca scheint recht unauffällig, aber nur auf den ersten Blick. Dass sie ein gewagtes Doppelleben führt, ahnt keiner. Sie ist 34, chronischer Single und geschätzte Anwältin in einer Berliner Kanzlei. Ihre kleine Wohnung ist vollgestopft mit Büchern, Schallplatten und Akten. Tagsüber gute Freundin und hart arbeitende Juristin, sorgt sie des Nachts jedoch auf ganz andere Art für Gerechtigkeit. Dann nämlich sucht sie still und leise all jene heim, die straflos mit etwas Bösem davongekommen sind. Und hinterlässt dabei ein Markenzeichen – ein Gänseblümchen. 
Doch eines Tages wird sie bei einem ihrer nächtlichen Einsätze fast erwischt. Und plötzlich hängen in der ganzen Stadt rätselhafte Plakate, die sich wie Drohungen für sie lesen: Ich werde dich finden. Und all deine Geheimnisse werden mir gehören. Luca ist sich sicher: Sie wird verfolgt. Und scheint mit einer ihrer Aktionen an den Falschen geraten zu sein. An jemanden, der nun den Spieß umdreht – und viel weniger Skrupel hat als sie selbst. Ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel beginnt. Doch hat Luca überhaupt den richtigen Gegner im Visier? 

Rezension: 

Luca Palmer arbeitet als Rechtsanwältin in einer renommierten Berliner Kanzlei. Nachts geht sie einem ganz eigenen Hobby nach: sie nimmt stellvertretend Rache an Personen, die bisher mit ihrer Bosheit ungeschoren davongekommen sind. Bei einem ihrer Einbrüche, die sie akribisch vorbereitet, wird sie allerdings überrascht und schon am nächsten Tag hängen Plakate in der Stadt, die offensichtlich ihr drohen. Luca kann sich nicht erklären, wer sie als Urheberin der Aktionen enttarnt haben soll. Gemeinsam mit ihrem väterlichen Freund Walther beginnt sie zu recherchieren. 

Luca hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, woraus sich eine unkonventionelle Beschäftigung nach Feierabend entwickelt hat. Hat sie eine Person im Visier, die ungeschoren mit einer böswilligen Tat davon gekommen ist, forscht sie diese aus um ihr gezielt zu drohen und zum Aufhören zu bewegen. Physische Gewalt steht nicht auf ihrem Plan, sie geht feinsinniger vor. Doch plötzlich wird der Spieß umgedreht und sie wird von der Jägerin zur Gejagten, woraus sich ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel entwickelt, denn ihr Gegner zeigt bereits mit dem Einsatz von gefährlichen Giftschlangen, dass er es ernst meint. 

In ihrer Jugend wurde der Grundstein für ihr Handeln gelegt, wobei vereinzelte Rückblenden nur allmählich darauf schließen lassen, was sie so massiv geprägt hat. 
Luca wird damit zu einer authentischen Figur, die einerseits wie ein einsamer Wolf agiert, andererseits aber auch vielfältige Freundschaften pflegt, die ihr wichtig sind. Insbesondere der Senior Walther ist ihr ein Halt und kluger Ratgeber, gerade als ihre Enttarnung bedrohlich wird. 

Luca hat ihr Herz auf dem rechten Fleck, überwindet für ihre Zwecke jedoch moralische Grenzen und stellt sich bewusst über das Gesetz. Sie sieht sich auf der Seite der Guten, gefährdet mit ihren Aktionen aber ihre Zulassung als Anwältin. Die Ambivalenz ihres Charakters und ihre Fähigkeit, Lügenmerkmale zu erkennen, geben der Geschichte, zusammen mit dem unbekannten Feind, der sie bedrängt, den nötigen Drive. 
Die Geschichte fesselt durch die unterschwellige Bedrohung und die Tatsache, dass sich Luca durch ihre Rache-Aktionen so viele Feinde gemacht hat, dass ihr Peiniger, der ihr ebenbürtig ist, nicht zu erahnen ist.

Es ist ein Psychothriller über ein gefährliches Doppelleben, über Schuld und Sühne und den schmalen Grat von Recht und Gerechtigkeit, der weniger auf Tempo und effekthascherische Aktionen setzt, sondern sich durch tiefenpsychologische Raffinesse auszeichnet. 
Im Vergleich zu der spannenden Frage nach der Identität von Lucas' Widersacher löst sich die Gefahrenlage für sie etwas einfach auf und auch das Ende ist für einen Thriller sehr weich gezeichnet.  

Mittwoch, 9. September 2026

Buchrezension: Patrick Ryan - Buckeye

Inhalt:

In Bonhomie, einer Kleinstadt in Ohio, bestimmt wie überall der Zufall das Leben. 1945 sind alle Männer im Krieg – bis auf Cal, der wegen eines um einige Zentimeter verkürzten Beins daheim den Haushaltswarenladen seines Schwiegervaters schmeißt. Als Präsident Truman im Radio die Kapitulation der Deutschen verkündet, ist die schöne Margaret gerade bei ihm im Laden, und die beiden teilen im Freudentaumel einen Kuss. Aus diesem Moment entsteht eine Affäre, die lange abgekühlt ist, als ein kleiner Junge auf die Welt kommt und die Familien von Cal und Margaret für immer miteinander verbindet. Während das Land im Nachkriegsboom floriert, wächst in Bonhomie ein Geheimnis heran. Bis bei der Hundertjahrfeier der Stadt die Wahrheit mit dem Knall der Feuerwerkskörper ans Licht kommt. 

Rezension: 

Als im Mai 1945 das Ende des Krieges in Europa verkündet wird, betritt Margaret zum ersten Mal den Werkzeugladen von Cal und küsst ihn unvermittelt. Beide sind verheiratet, aber Margarets Ehemann Felix ist noch im pazifischen Raum stationiert und Cal liegt mit seiner Ehefrau Becky im Clinch, da er die Séancen in ihrem Haus nicht gutheißt. Die zwei beginnen ein heimliches Verhältnis, das abrupt endet, als Felix verletzt nach Bonhomie zurückkehrt. Doch die Affäre bleibt nicht folgenlos, was Jahre später zu Brüchen führt.

Der Roman setzt die Begegnung von Margaret und Cal in der fiktiven Kleinstadt in Ohio 
an den Anfang, blickt dann zunächst Jahre zurück und erzählt von den glücklosen Kindheiten Margarets und Cals und wie sie ihre jeweiligen Ehepartner kennengelernt haben. Für beide ist es nicht die große Liebe, sondern eine solide Zweckgemeinschaft.

"Buckeye" handelt über mehrere Jahrzehnte hinweg, geprägt vom Krieg und den Folgen sowie von den (Fehl-)entscheidungen der Hauptfiguren. Neben Margaret und Cal gibt es genug Raum für die Geschichten von Becky, dem "Medium" und Felix im Konflikt mit seiner sexuellen Orientierung. Die Charaktere sind vielschichtig, geprägt von ihren Erfahrungen und den Dingen, die sie verbergen müssen.
Durch den Wechsel der Perspektiven wird jede Person mit ihren eigenen Komplexen, Sehnsüchten und Geheimnissen nahbar.
Auch der Zeitgeist ist spürbar, denn die fiktive Geschichte der beiden Familien wird eng mit belegten historischen Ereignissen verknüpft. Die beiden großen Kriege und der Vietnamkrieg prägen die Generationen, aber auch die gesellschaftlichen Verhältnisse im Hinblick auf den Umgang mit Rassentrennung, Homosexualität oder den Kampf gegen den Kommunismus.

Trotz bewegender Themen wie Kriegstrauma, Identitätssuche, unerfüllte Sehnsüchte und Lebenslügen wird die Geschichte unaufgeregt erzählt. Die Emotionen sind verhalten, Konflikte werden nicht überdramatisiert und dennoch entwickelt die Geschichte mit den liebevoll detaillierten Beschreibungen der Figuren, ihren inneren Monologen und Alltagsszenen einen ganz eigenen Charme. Ihre Entwicklung ist über die Jahre so authentisch nachzuvollziehen, dass ihre Schicksale und ihre Menschlichkeit bewegen. 
Auf über 650 Seiten entsteht das Porträt einer amerikanischen Kleinstadt und die Geschichte von drei Generationen zweier Familien mit allen Höhen und Tiefen, wobei die vier Hauptfiguren mit ihrer Suche nach Glück und der Frage nach Vergebung in den Vordergrund rücken und wiederholt Kritik an den Kriegen ihrer Zeit laut wird. 

Dienstag, 8. September 2026

Buchrezension: Lucien Marant - Nächstes Mal für immer

Inhalt:

Paris, 1999. Mona kommt als Studentin für ein Semester in die Stadt ihrer Träume. Noch ehe sie ihr WG-Zimmer beziehen kann, lernt sie Thibauld kennen. Eigentlich kann sie den arroganten Schönling nicht ausstehen. Doch etwas an seinem verträumten Wesen und seinem ganz eigenen Blick auf die Welt lässt Mona nicht los. Und so stürzt sie sich in einen Strudel der Gefühle, voller Kribbeln und Krampfen, Glücksmomente und Enttäuschungen. 
Paris, 2019. Nach zwanzig Jahren kehrt Mona zurück in die Stadt, die einen Sommer lang ihr Zuhause war – und blickt unversehens in ein Paar funkelnder Augen, die nichts von ihrer ansteckenden Freude und Wachheit verloren haben. Thibauld! Ausgerechnet dem Menschen, der für das größte Glück und die tiefste Verletzung in ihrem Leben verantwortlich war, läuft sie gleich nach ihrer Ankunft hier in die Arme. Hält das Schicksal eine zweite Chance für die beiden bereit? 

Rezension:

1999 ist Mona für ein Semester in Paris, wo sie den Franzosen Thibauld kennenlernt hat, der das Leben leicht nimmt. Mona verliebt sich in ihn und wird am Ende ihres Aufenthalts in Paris enttäuscht. Mit gebrochenem Herzen kehrt sie nach Hamburg zurück. 
Zwanzig Jahre später hat Mona eine langjährige Fernbeziehung hinter sich und ist auch mit ihrem Job als Journalistin nicht mehr zufrieden, weshalb sie sich eine Auszeit nimmt. Sie fährt nach Paris, wo sie direkt auf Thibauld trifft. Dieser hat sich kaum verändert und das Kribbeln zwischen den beiden ist sofort wieder da. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen im Jahr 1999 und 2019, wobei die Abschnitte jeweils kurz sind und die Szenenwechsel übergangslos und abrupt erfolgen. Verbindendes Element ist jedoch, dass es Parallelen in der Handlung gibt, was das ein oder andere Déjà-Vu ergibt. Dass zwanzig Jahre vergangen sind, ist kaum zu spüren. Das Protagonisten sind alterslos und ihr Verhalten unverändert, was es schwierig macht, sich zu vergegenwärtigen, ob man aktuell in der Vergangenheit oder Gegenwart steckt. 

Das Setting in Paris ist bildhaft beschrieben. Man spürt das Pariser Flair und fühlt sich mit Mona auf einem Streifzug durch die Stadt, währenddessen Croissants oder Cafés noisettes genossen werden. Auch Thibaulds Mentalität des "bonheur" und dem Wunsch, im Moment zu leben und diesen zu genießen, wird glaubwürdig vermittelt. 
Die Emotionen zwischen Mona und Thibauld sind jedoch auf beiden Erzählebenen zurückhaltend. Die beiden funktionieren als platonische Freunde gut, eine romantische Liebe ist allerdings nicht fühlbar. Zu keinem Zeitpunkt der Handlung hatte ich die beiden als Liebespaar vor Augen. 

Für den Abbruch der Beziehung findet sich am Ende zwar eine Erklärung, aber diese ist recht dünn und typisch für einen Liebesroman von einem Missverständnis geprägt. Der eigentliche Grund für Monas Rückkehr nach Paris bleibt so oberflächlich beschrieben wie alle anderen Konflikte in der Handlung. Ganz wesentliche Elemente und prägende Ereignisse in Monas und Thibaulds Leben werden nur am Rande in einem Satz erwähnt, was mehrfach irritierend ist. 

"Nächstes Mal für immer" ist eine Geschichte mit einem schönen Setting in der Stadt der Liebe und mit Potenzial für eine romantische Second-Chance-Romanze. Die Erzählung ist jedoch enttäuschend emotionslos und in jeder Hinsicht oberflächlich.  

Dienstag, 1. September 2026

Buchrezension: Kelly Anderson - Das Jahr der Wale

Inhalt:

Annie MacLeod hat schon immer gespürt, dass sie anders ist. Ihre Kindheit verbringt sie hauptsächlich auf einem Segelboot vor der Westküste Kanadas, denn ihre Mutter erträgt es nicht, längere Zeit vom Meer getrennt zu sein. Doch in Hale’s Landing wartet Evan auf Annie, und als die beiden erwachsen werden, wird aus der Kindheitsfreundschaft etwas Tieferes. 
Eines Tages bleibt Annie zum ersten Mal allein bei Evan, während ihre Eltern segeln gehen. In dieser Nacht zerstört ein Tsunami ihre ganze Welt. Annie ist an Land gestrandet, ihre Eltern kehren nicht zurück. Am Strand rettet Annie einen jungen Mann aus den Fluten. Walker scheint stumm zu sein, trotzdem spürt sie sofort eine seltsame Verbindung. Als würde etwas in ihm zu etwas in ihr sprechen, das ihr selbst verborgen ist. 
Dann soll Hale’s Landing evakuiert werden, und Annie muss entscheiden, wohin ihr Herz gehört. 

Rezension: 

Annie wächst bei ihren Eltern auf einem Segelboot im Pazifik vor der Westküste Kanadas auf. Ihre Mutter Mara hat eine innige Verbindung zum Meer und seinen Bewohnern, die sie an ihre Tochter weitervererbt hat. Auch Annie schwimmt am liebsten im Meer und fühlt sich an Land fremd. Sie kann deshalb nicht zur Schule gehen, freundet sich aber mit dem gleichaltrigen Evan an, der sich seinem Vater, einem trauernden Witwer, und seinem Unternehmen in Hale`s Landing verpflichtet fühlt. Als sie älter werden, verlieben sie sich ineinander, aber Annies Anziehung zum Meer bleibt ein Hemmnis.
Ausgerechnet ein Tsunami lässt Annies Welt aus den Fugen geraten, denn ihre Eltern kehren von ihrer Fahrt auf See nicht zurück. Annie kann einen fremden Mann, den sie Walker nennt, retten, der ihre Gefühle verwirrt. Als Hale's Landing nach der Zerstörung evakuiert werden soll, ist Annie hin- und hergerissen zwischen der Beständigkeit Evans und der Mystik, die Walker umgibt.

Das Buch vermittelt eine enge, sehnsuchtsvolle Verbindung zum Meer, die übernatürlich wirkt. Schon Mara wurde als Sonderling argwöhnisch betrachtet und Annie musste sich als Kind dem Spott anderer aussetzen. Sie taucht deshalb wortwörtlich am liebsten unter, bis ihr Freund, das Meer, sie bitter enttäuscht und fortan Ängste in ihr auslöst.
Halt findet sie bei ihrem einzigen Freund Evan. Sie liebt ihn, aber als sie Walker begegnet, spürt sie eine ganz eigene Verbindung zu ihm. Walker wirkt selbst wie ein Wesen aus dem Meer und hat deshalb etwas Unwirkliches an sich. Annie steht zwischen zwei Männern und zwei möglichen Leben, bis ihr die Entscheidung vom Meer abgenommen wird.
Sechs Jahre später führt sie ein Leben, das vernünftig ist, aber nicht zu ihr passt. Die Sehnsucht zum Meer bleibt und zieht sie trotz ihrer Erfahrung dorthin zurück. 

"Das Jahr der Wale" ist eine Geschichte der leisen Töne, die sanft, empathisch und ein wenig geheimnisvoll geschrieben ist. Die äußere Rahmenhandlung ist jedoch wenig ereignisreich. Der Roman setzt mehr auf die Atmosphäre, die melancholisch und übersinnlich ist, ohne in die Welt der Mythen und Sagen abzudriften. So wirkt die Geschichte zumal wie ein Fiebertraum mit Raum für eigene Interpretationen. 
Das Buch handelt von der Naturgewalt und der Unberechenbarkeit des Meeres, von Verlust und Liebe, von Hochsensibilität und den Mut, auf die eigene Stimme zu hören und einen Weg abseits von Norm oder Erwartungen zu gehen. 

Montag, 31. August 2026

Buchrezension: Helen Russell - Laura Clark ist dann mal weg

Inhalt:

Der Aufzug klemmt, die Kaffeemaschine tropft, im Büro stapeln sich die Beschwerden, aber niemand tut etwas. Laura Clark ist weg. Einfach so. Ihr Ehemann Mark kämpft mit Handwerkern, die sein Haus überrennen, Tochter Sian sucht verzweifelt in Wäschebergen nach Antworten, und im Büro geht alles drunter und drüber. Niemand, nicht mal ihre beste Freundin, weiß, wo Laura abgeblieben ist. Nur langsam kommt Lauras Umfeld ein unerhörter Gedanke: Könnte ausgerechnet Laura, die sich immer aufopferungsvoll um alles und jeden gekümmert hat, ihr Leben, ihre Familie und ihre Freunde einfach hinter sich gelassen haben? 

Rezension: 

Eine Abwesenheitsnotiz in ihrem beruflichen E-Mail-Account ist alles, was Laura hinterlassen hat. Sie ist weg und niemand aus ihrer näheren Umgebung hat eine Vorstellung, weshalb und wohin. 
Im Büro wurde sie so selbstverständlich gehalten wie die Tapete, die an der Wand klebt und als Personalmanagerin für alle persönlichen Befindlichkeiten zuständig erachtet. Jetzt gibt es keine Snacks und der Fahrstuhl funktioniert auch nicht. 
Ihr Ehemann, der nur Golf im Kopf hat, wähnt Laura bei einer Beerdigung, schafft es weder Essen zuzubereiten, noch den Hund rechtzeitig nach draußen zu bringen, bevor ein Malheur passiert. 
Die erwachsene Tochter Sian ist nicht weniger hilflos und bedient sich an der Kleidung ihrer Mutter, als keine saubere Wäsche mehr da ist und die Waschmaschine sich nicht von selbst befüllt. 
Lauras Mutter Carol hat ihre eigenen Anliegen, um die sich Laura kümmern soll, braucht aber vielmehr jemanden zum Zuhören, weshalb sie unaufhörlich Lauras Mailbox bequatscht. Einen Rückruf erhält sie nicht. 
Lauras Freundin Ruth erhält ebenfalls keine Antwort auf ihre WhatsApp-Nachrichten an Laura und kämpft sich verzweifelt durch den Alltag als alleinerziehende Mutter von neugeborenen Zwillingen. 

Der Roman ist erfrischend originell aufgebaut, denn die Hauptfigur ist nicht präsent. Das Rätsel um ihr Verschwinden erschließt sich aus den Perspektiven der Menschen aus Lauras Umgebung. Die erste Reaktion ihrer Kollegen oder Familienmitglieder ist nicht etwa Sorge wegen ihres untypischen Verhaltens, sondern vielmehr Irritation, dass Laura nicht zur Verfügung steht. 

Es braucht nicht lange, bis offensichtlich ist, was - oder wer - alles dazu beigetragen hat, Laura in die Flucht zu schlagen. Durch die Sicht der anderen Personen wirkt die Szenerie noch erschütternder, als würde Laura selbst ihr Leid klagen. Denn Laura fehlt nicht als Mensch, sondern in ihrer Funktion als Köchin, Putzfrau, Einkäuferin, Wäscherin, Handwerkerin, Gassigeherin, Angestellte - Mädchen für alles. 

Erst als die Menschen im Chaos versinken, merken sie, was Laura alles stillschweigend erledigt hat und spüren, dass sie Laura gar nicht richtig kannten. 

Die Menschen aus Lauras Umfeld sind lebendig, aber hemmungslos überzeichnet dargestellt. Insbesondere ihr Ehemann wirkt komplett idiotisch, weshalb man sich fragen muss, warum Laura nicht schon viel früher die Reißleine gezogen hat. Dennoch steckt in der ganzen Ironie ein wahrer Kern. Auch wenn viele Szenen von einem scharfsinnigen Blick auf die Rolle einer "mittelalten" Frau zeugen und mit Humor inszeniert sind, bleibt einem das Lachen zumal im Hals stecken. 

"Laura Clark ist dann mal weg" um sich eine wohlverdiente Auszeit zu nehmen. Sie hat sich stets um andere gekümmert und keinerlei Wertschätzung erfahren. Der Roman zeigt sehr deutlich, wie sich eine Frau ausnutzen lässt, bis ein Punkt erreicht ist, an dem sie ihrem Leben nur noch den Stinkefinger zeigen kann. Auch wenn am Ende Laura selbst zu Wort kommt, die man bisher nur direkt über Postkarten an ihre beste Freundin Ruth kannte, die über die Jahre immer weniger euphorisch wurden, ist das Ende ohne direkte Konfrontation mit allen Beteiligten etwas abrupt. 


Samstag, 29. August 2026

Buchrezension: Anne Keßel - Die Lüge in ihrem Gesicht

Inhalt:

Eine Frau schweigt. Seit Stunden sitzt sie auf der Polizeiwache, nachdem ein junger Mann durch ihre Hand starb. Notwehr, sagen die Zeugen. Doch Verhaltenspsychologin Marlene Nielsen, Koryphäe für Mikroexpressionen, spürt: Hier stimmt etwas nicht. Ihr Gegenüber hat sich jede verräterische Regung abtrainiert – bis sie erfährt, wer Marlene ist. Da huscht Furcht über ihr Gesicht. Zwei Frauen, deren eiserner Wille sich in nichts nachsteht, treffen hier aufeinander. Doch die Zeit tickt, denn ohne konkrete Beweise gegen die Unbekannte kann die Polizei sie nicht festhalten. Als Marlene auf eigene Faust ermittelt, wird sie in ein monströses Lügenkonstrukt gezerrt – und muss erkennen: Die Grenze zwischen Täterin und Opfer ist schmaler als gedacht. 

Rezension: 

Eine Frau wird sexuell belästigt und mit einem Messer bedroht. Sie wehrt sich und tötet ihren Angreifer mit einem Handkantenschlag. Videoaufzeichnungen und Zeugen bestätigen die Tötung aus Notwehr. Die Betroffene selbst schweigt bei ihrer Vernehmung. Die hinzugezogene Verhaltens- und Emotionspsychologin Marlene Nielsen, die sich auf die Entschlüsselung von Mimik spezialisiert hat, versucht erfolglos mit der Frau zu sprechen, will jedoch an ihrer Reaktion erkannt haben, dass die Frau nicht in Notwehr handelte. Ohne konkrete Beweise und Ermittlungsansätze kann die Unbekannte auch nicht zur Identitätsfeststellung länger festgehalten werden. 
Marlene, der Lügen zuwider sind, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. 

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven geschildert, wobei Marlene und ihre hartnäckige Suche nach der Wahrheit klar im Vordergrund stehen. Die unterschiedlichen Blickwinkel sorgen allerdings dafür, dass das Motiv der Tat der unbekannten Frau frühzeitig zu erkennen ist. Darunter leidet die Spannung, auch wenn der Fall sich tatsächlich komplexer entwickelt und erst am Ende alle verstörenden Details ans Licht kommen. 

Marlenes Nachforschungen sind neben ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit persönlich motiviert, wobei erst allmählich deutlich wird, was sie in ihrer Vergangenheit geprägt hat. Ihre Fähigkeit, Mimik und Emotionen zu lesen, geht dabei unter und prägt die Handlung weniger als erwartet. 
Neben Marlenes kopflosen, obsessiven Verhalten ist auch die im weiteren Verlauf zu auffällige Vorgehensweise der unbekannten Frau nicht ganz nachvollziehbar. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Frauen sich wiederholt in die Quere kommen und Marlene im Vergleich zur Polizei, die die Ungereimtheiten in dem Fall hinnimmt, so schnell nicht aufgibt und selbst Drohungen stoisch ignoriert.  

Selbst wenn man berücksichtigt, dass die handelnden Personen von ihren Emotionen geleitet werden, muss man Abstriche in Bezug auf eine realitätsnahe Handlung machen. 
Marlenes eigenwillige, schon fast selbstzerstörerische Art mag dabei unprofessionell und enervierend wirken, die Schuldigen bringen sich nach anfänglicher Gerissenheit selbst in Verruf und die Polizei handelt erst spät, aber dann mit Karacho. Der Plot entwickelt sich dennoch zu einem raffinierten Konstrukt aus Lügen, Rache und Trauma. 

Trotz einigen Kritikpunkten ist vorstellbar, dass "Die Lüge in ihrem Gesicht" der Auftakt einer Buchreihe um Marlene Nielsen könnte, die als Expertin für Mikroexpressionen Strafverfolgungsbehörden offiziell bei ihren Ermittlungen unterstützt.

Freitag, 28. August 2026

Buchrezension: Samantha Hayes - Eine zu viel

Inhalt:

Nach dem Tod des Familienvaters Ray lädt Mutter Connie ihre drei Töchter samt Partnern und Kindern in eine abgelegene schottische Lodge ein. Zehn Tage sollen sie dort verbringen: nachtrauern, zusammenrücken, vielleicht neu beginnen. Doch Connie hütet ein brisantes Geheimnis: Rays Testament – und die Wahrheit, die es an die Oberfläche bringen wird. Während Connie den richtigen Moment für ihre Offenbarung sucht, kippt die Stimmung wie das Wetter in den Highlands. Wer steht zu wem? Und was geschieht, wenn die größte Gefahr nicht draußen lauert, sondern mit am Tisch sitzt? 

Rezension: 

Connie Hunter versammelt nach dem Tod ihres Ehemanns ihre Familie in der Ferienlodge in den schottischen Highlands. Sie möchte ihren Töchtern das Testament ihres Vaters eröffnen, mit dem er ein jahrzehntealtes Geheimnis enthüllt, das alle erschüttern wird.
Doch nicht nur Connie hat Probleme, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen. Darby und ihr Schwager Adrian haben ein Geheimnis, das sie verbindet und über das sie schweigen um Darbys Schwester Kate zu schützen. Kate hingegen vermutet, dass Darby und Adrian eine Affäre haben. Die jüngste Schwester Bea ist schwanger und schweigt sich über die wahre Identität des Vater des Kindes aus. Währenddessen ist Darbys Stiefsohn Theo voller Wut und hegt Mordgedanken.
In der aufgeladenen, misstrauischen Stimmung droht die Lage zu eskalieren.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert. Der erste Teil handelt in der Gegenwart und wird aus den Perspektiven von Connie, ihren drei Töchtern und Theo geschildert. Er dient der Vorstellung der Charaktere und demonstriert die Familiendynamik. In den Vordergrund rücken jedoch die kleinen und großen Geheimnisse, die (fast) jeder von ihnen hat und die die vorgebliche Familienidylle nach dem Tod des Patriarchen zu zerstören droht.
Teil zwei handelt 40 Jahre zuvor aus wechselnden Perspektiven von Connie und ihrem Mann Ray. Connies angedeutetes Geheimnis wird darin enthüllt, wirkt aber mit der Offenbarung des Charakters Rays noch einmal erschütternder.
Im dritten und letzten Teil zeigt sich die Tragik der ganzen Familiengeschichte. Es werden nicht nur düstere Geheimnisse offenbart, die zu erahnen waren, es kommt auch noch zu weiteren Enthüllungen, die überraschen und so manchen Charakter in einem anderen Licht stehen lassen.

"Eine zu viel" ist ein spannendes Familiendrama, das vor allem durch die Abgeschiedenheit der Lodge, der Tatsache, dass es bei dem Familientreffen kein einfaches Entkommen gibt und den Verletzungen und Enttäuschungen, denen sich die Protagonisten stellen müssen, Nervenkitzel entwickelt. Gerade am Ende, wenn Sturm und Regen zunehmen und die Figuren sich unberechenbar verhalten, zeigt sich die bedrohliche Lage, die bisher nur unterschwellig zu spüren war.

Nach einem gemächlichen Beginn und sehr plakativ angedeuteten Geheimnissen entwickelt die Geschichte erst am Ende einen regelrechten Sog. Resümierend ist die Familie allerdings mit so vielen Lügen und bösem Blut belastet, dass die Geschichte überkonstruiert wirkt und auch die letzte Wende etwas weit hergeholt erscheint. 




Mittwoch, 26. August 2026

Buchrezension: Sasa Hanten - Talent zum Glück

Inhalt:

Charlotte Maybach und Eby Tusch kennen sich seit der Kindheit. Gemeinsam sind sie im Internat am Bodensee aufgewachsen – eine Freundschaft, die auch Jahre der Distanz überdauert hat. Mit Anfang dreißig lebt Charlotte als Notarin ein funktionierendes, angesehenes Leben, das sie nicht satt macht. Eby, der letzte Spross einer Kölner-Wiener Schaustellerfamilie, hat den Vater durch die Demenz begleitet, das Familienunternehmen übernommen und eine große Liebe verloren. Beide stehen an einem Punkt, an dem nichts mehr selbstverständlich scheint. Als sie sich wieder begegnen, geht es nicht um verpasste Chancen, sondern um offene Fragen: Wie will man leben, wenn man herausgefunden hat, wer man wirklich ist? 

Rezension: 

Eberhard "Eby" Tusch ist Nachkomme einer Kölner Schaustellerfamilie und hat die Leitung des Betriebs mit Sitz in Wien von seinem an Demenz erkrankten Vater übernommen. Gerade hat er ihn am Friedhof Melaten beerdigt und trauert um den charismatischen Playboy. Gleichzeitig leidet er unter der Trennung von Georg, der ihm zwar nie viel versprochen, aber doch überraschend die Beziehung beendet hat. Eby sehnt sich nun nach seiner besten Freundin Charlotte und lädt sie spontan nach Zürich zu einer Kur ein.
Charlotte Maybach und er sind gemeinsam in einem Internat am Bodensee aufgewachsen. Charlotte ist Tochter einer Bäckerei- und Feinkostdynastie und als Notarin mit eigener Kanzlei tätig. Im Gegensatz zu Eby hatte sie nie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrer Mutter, die sie als kaltherzig empfunden hat. Nach einer längeren Zeit ohne Kontakt freut auch sie sich auf ihren Gefährten aus dem Internat. 


Zunächst steht die Freundschaft gar nicht so sehr im Vordergrund des Romans, denn der jeweils andere spielt im eigenen Leben zu dem Zeitpunkt mit Mitte Dreißig keine wesentliche Rolle. Erzählt wird in längeren Abschnitten abwechselnd aus beiden Perspektiven, wodurch man die Persönlichkeiten, ihre gegenwärtig Lebenssituation, aber auch ihre (gemeinsame) Vergangenheit kennenlernt. Dabei wird deutlich, wie viel sie schon als Kinder von einander gehalten haben und wie eng ihr Verhältnis und ihre zumal experimentelle Freundschaft im Internat wurde. 

Beide stammen aus privilegierten Verhältnissen und sind ohne Geldsorgen groß geworden. Im Internat teilten sie denselben Humor und wurden von anderen aufgrund ihrer Ironie und Wortgewandtheit oftmals für arrogant gehalten. Sie haben Verluste erlitten und sind trotz ihres beruflichen Erfolgs und einem guten Standing in der Gesellschaft einsam. Die Voraussetzungen für Glück sind da, aber greifen oder festhalten können sie es nicht. Ihr Wiedersehen in Zürich wirkt auf beide belebend, während sie in ihrer Kommunikation in alte, bewährte Muster zurückfallen. 

Der Roman lebt weder von großer Dramatik noch von einschneidenden Ereignissen, sondern vielmehr von einer geistreichen Fabulierkunst und einem bunten Reigen aus charmanten Haupt- und Nebenfiguren, die die Geschichte bereichern. Es geht um Freundschaft und Zusammenhalt, den Mut anzuecken und die Freiheit, eigene Wege zu gehen. 

Die Geschichte wechselt zwischen Gegenwart und Erinnerungen an die Vergangenheit. Oftmals wird weit ausschweifend erzählt, was zu Längen führt und sich zumal etwas sprunghaft anfühlt. Trotz vieler witziger Momente voller lebenskluger Aussagen, lebendiger Anekdoten und kölscher Mentalität hat mich die Geschichte am Ende verloren. Die Dialoge von Eby und Charlotte mit einer Aneinanderreihung von Zitaten empfand ich als zunehmend ermüdend - wie ein Außenstehender, der Insiderwitze nicht versteht. Zudem schien mir die "Hungerklinik" als Schauplatz des Wiedersehens mit Charlottes Essstörung als unglücklich gewählt. Wurde nicht auch gewarnt, während einer Fastenkur keine wesentlichen Entscheidungen zu treffen? So unpassend ist dann auch der Schluss, insbesondere da ich den Stimmungswechsel der beiden nicht nachvollziehen und noch weniger fühlen konnte.