Mittwoch, 19. August 2026

Buchrezension: S. K. Tremayne - Die Klippe: Ort ohne Wiederkehr (The Roseland, Band 1)

Inhalt:

Chamäleon Otto hilft ihr bei Entscheidungen und ihre Oma ist ihr Tor zur Welt: Die forensische Psychologin Karenza Bray lebt zurückgezogen an der einsamen Küste Cornwalls, seit ihre kleine Tochter auf tragische Weise ums Leben kam.
Als ihr Ex-Mann, Staatsanwalt in Truro, sie um Unterstützung bei einem Fall bittet, will Karenza erst ablehnen. Doch es geht um traumatisierte Kinder, die ihre Hilfe brauchen. Die Mutter der beiden wurde tot an der Steilküste gefunden – jetzt beschuldigen sich der fünfjährige Solomon und die zehnjährige Grace gegenseitig des Mordes.
Bald zieht der rätselhafte Fall Karenza immer tiefer in seinen Bann. Im prächtigen Gutshaus der Familie haben die Schatten Geheimnisse, Solomon spricht mit Geistern und Grace führt eindeutig irgendetwas im Schilde. Karenza vertraut fest auf die Wissenschaft. Ein haunted house, nicht euer Ernst?! Doch dann sieht und hört sie Dinge, die nicht da sein können. 

Rezension:

Karenza Bray lebt nach dem Tod ihrer kleinen Tochter und der Scheidung von ihrem Ehemann zurückgezogen mit Chamäleon und Katze in Cornwall. Sie ist forensische Psychologin und hat früher mit schweren Straftätern gearbeitet. Nun betreut sie ambulant Patienten, aber die Aufträge sind rar, weshalb sie den Fall zweier traumatisierter Kinder annimmt. Deren Mutter ist vor einem Jahr unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen und der Vater ist mit der Situation zu Hause überfordert. Die Kinder leiden unter Halluzinationen und beschuldigen sich gegenseitig, Schuld am Tod ihrer Mutter zu sein. 
Vor Ort in einem jahrhundertealten Gutshaus mit dunklen Geheimnissen fällt es selbst Karenza schwer, die Lage einzuschätzen. Sind die Bewohner dem Wahn verfallen oder spukt es tatsächlich in dem Haus? 

"Die Klippe" ist der erste Band einer neuen Thrillerreihe von S.K. Tremayne, die in Cornwall angesiedelt ist.
Im Mittelpunkt steht die forensische, neurodivergente Psychologin Karenza Bray, die selbst unter einem Verlust leidet und sich auch gerade deshalb mit großem Engagement und Einfühlungsvermögen ihrem neuen Fall widmet, der sie an den Rand des Verstands führt.

Im trüben Novemberregen wirkt das alte Gutshaus mit den teilweise unbewohnten Zimmern, dem verschlossenen Keller und den unerklärlichen Geräuschen noch schauriger. Dazu kommen die Visionen und Halluzinationen, die Karenza nicht nur beobachtet, sondern schon bald am eigenen Leib spürt. Als Wissenschaftlerin sucht sie nach einer logischen Erklärung für den Spuk und die Geister, die die Familie heimsuchen.

Aus der Ich-Perspektive von Karenza geschildert, taucht man tief in die Szenerie und Geschichte ein und möchte das Rätsel um den Klippensturz der Mutter von Karenzas Patienten lösen als auch eine Erklärung für die unheimlichen Vorgänge auf dem Anwesen der alteingesessenen Familie Cornwalls finden.

Die Geschichte entwickelt mit ihrer düsteren Atmosphäre einen Sog und ist mit seinem feinen Grusel spannend bis zum Schluss. Es ist ein Mysterythriller, der trotz paranormaler Elemente nie ins Abstruse abrutscht und mit authentischen Figuren überzeugt. Die Mischung aus detektivischen Gespür, feinfühliger Psychologie und wissenschaftlichen Erklärungsansätzen gestaltet die Geschichte vielschichtig und komplex und die besonderen Eigenheiten der Hauptfigur geben ihr einen einzigartigen Charme, die neugierig auf weitere Teile der Reihe macht. 


Montag, 17. August 2026

Buchrezension: Rebekka Eder - Der geheime Apfelgarten: Getrennte Welten (Die Elbinsel-Saga, Band 1)

Inhalt:

Finkenwerder 1892: Seit dem Tod ihrer Mutter findet die junge Kea Loop nur Trost in deren altem Apfelgarten. Dort will sie den perfekten Apfel züchten. Als endlich ein vielversprechender Sämling keimt, gibt es allerdings ein Problem: Er wächst hinter der Landesgrenze, die ihre Elbinsel Finkenwerder in Hamburg und Preußen teilt – schlimmer noch: hinter der Grenze zu den Rentfelds, ihren verfeindeten Nachbarn. Als Kea dennoch hinüberschleicht, wird sie von Kristen, dem Knecht der Rentfelds, erwischt. Was Keas Apfelprojekt ein jähes Ende bereiten könnte, ist der Beginn einer großen Liebesgeschichte. Ihr Vater indessen hat andere Pläne: Er möchte den alten Streit der Familien beilegen und verlobt Kea mit Tamme Rentfeld. Gleichzeitig bricht in Hamburg die Cholera aus, und die Grenze zwischen Hamburg und Preußen wird unpassierbar. Doch Kea kann Kristen nicht vergessen. Um ihn wiederzusehen, muss sie sich selbst in Gefahr bringen, Klassen- und Landesgrenzen überwinden und ihre alte Welt in Trümmer legen. 

Rezension: 

Kea Loop lebt Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Vater Jakob auf einem Gestüt auf der Elbinsel Finkenwerder. Ihre Mutter ist jung verstorben und den Verlust haben beide nur schwer verwunden. Keas Traum ist es, den verwilderten Apfelgarten wieder aufblühen zu lassen und den Lieblingsapfel ihrer Mutter zu züchten. Doch der Sämling dafür befindet sich hinter der Landesgrenze in Hamburg auf dem benachbarten Anwesen des Obstbauern Rentfeld, mit dem ihr Vater zerstritten ist. Kea wagt sich dennoch heimlich auf das Nachbargrundstück und begegnet dort dem Knecht Kirsten Focke, der ihr seine Unterstützung anbietet.
Nach Jahren der Sehnsucht, als Kirsten sich als Seemann verdingt, treffen sich die beiden wieder an der Grundstücksgrenze und entwickeln zarte Gefühle für einander, während sie an der Fortsetzung von Keas Herzensprojekt arbeiten.
Zeitgleich bricht die Cholera aus und macht einen Grenzübertritt zwischen Hamburg und Preußen unmöglich.

"Der geheime Apfelgarten - Getrennte Welten" ist der Auftaktband der "Elbinsel-Saga", ein historischer Roman um die unangepasste Kea Loop, die lieber auf Bäume klettert und sich die Finger im Garten schmutzig macht, statt sich wie ein Fräulein zu benehmen und sich in die feine Gesellschaft zu integrieren.

Der Roman handelt von Liebe, Freundschaft und großen Träumen und schildert bildhaft die Erschwernisse des Alltags, die Klassenunterschiede und gesellschaftlichen Hemmnisse der damaligen Zeit.
Kea ist eine liebenswerte Hauptfigur, die mit ihrem Eigensinn, ihrem Mut und ihrer Empathie authentisch wirkt. Aber auch das Verhalten der weiteren Personen, die in gesellschaftlichen Zwängen gefangen sind, können sehr gut nachvollzogen werden.

Die Geschichte fesselt durch die Dramatik der Ereignisse mit denen Kea, Kristen und Rosa konfrontiert werden und die Geheimnisse, die zwischen den verfeindeten Familien Loop und Rentfeld stehen.

Die fiktive Geschichte ist anschaulich in den historischen Kontext eingebettet, was insbesondere mit dem Ausbruch der Cholera, aber auch mit den politischen und gesellschaftlichen Grenzen und patriarchalen Strukturen zum Ausdruck gebracht wird.

Wie schon von anderen historischen Dilogien gewohnt, endet der erste Band mit einem Cliffhanger und ungewissen Schicksalen, die ungeduldig Band 2 "Der geheime Apfelgarten - Geteilte Träume" erwarten lassen, der voraussichtlich im April 2027 erscheinen wird.


Samstag, 15. August 2026

Buchrezension: Markus Heitz - Die Villa

Inhalt:

Doreeen und Marina Markert sind Mutter und pubertierende Tochter, die sich bislang eher glücklos durchs Leben schlagen. Doch dann ziehen sie bei einer Zwangsversteigerung endlich einmal das ganz große Los: Zum Schnäppchenpreis kommen sie in den Besitz einer alten Villa im Leipziger Stadtteil Gohlis. Dort scheint sich das Leben der beiden erst einmal in jeder Hinsicht zum Guten zu wenden: Plötzlich laufen die Geschäfte der Mutter, die Teenager-Tochter startet mit ihrer Musik als YouTube-Star durch. Beide finden die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die sie suchen. Aber alles hat seinen Preis: Als Doreen schließlich erkennt, auf welchen Pakt sie und ihre Tochter sich unbewusst eingelassen haben, könnte es bereits zu spät sein.
Währenddessen geht Musiker Ethan in London auf die verzweifelte Suche, wer den brutalen Mord an seiner Mutter begangen hat, und kommt einer unheilvollen Verbindung auf die Spur. Und mit jedem Tag, der vergeht, steigt die Anzahl der Toten. 

Rezension: 

Doreen Markert hat bei einer Zwangsversteigerung für ein Gebot in Höhe von 100 € eine renovierungsbedürftige Villa in Leipzig-Gohlis ergattern können. Dort möchte sie den Traum eines Kunstcafés verwirklichen, während ihre Teenagertochter zunächst wenig begeistert über den Umzug ist. Doch noch während der Renovierung kommt Marina die Idee für einen neuen Song, der ihrer Musikkarriere Schwung verleiht.
Derweil verschwinden Personen aus dem Umfeld von Mutter und Tochter und es mehren sich Todesfälle in der näheren Umgebung der Villa, wobei die Täterschaft rätselhaft bleibt.
In London ist Ethan Ryce erschüttert über den Tod seiner betagten Mutter. Sie und ihre beste Freundin sollen während eines brutalen Streits miteinander einen Herzinfarkt erlitten haben. Ethan stellt Nachforschungen an und kommt okkulten Kreisen auf die Spur, die ihn bis zu der Villa nach Leipzig führen.

Die Geschichte verspricht mit einem Horrorhaus, das ein tödliches Eigenleben entwickelt einen spannenden Gruselfaktor. Die Atmosphäre ist jedoch weniger düster und beängstigend als vielmehr obskur und kryptisch.
Auch wenn offensichtlich ist, dass Ethans Wege ihn irgendwann in den Poetenweg nach Leipzig führen werden, sind die Erklärungen dafür eher dünn und Ethans Suche mehr von Glück und Zufällen geprägt.

In beiden Erzählsträngen werden Personen abgeschlachtet - in der Villa und anderswo, durch die Villa und durch andere Menschen, wobei sich Zusammenhang erst allmählich ergibt und nicht immer nachvollziehbar oder gar logisch erscheint. 
Die Charaktere bleiben blass und austauschbar und auch die im Roman so zentrale Villa hat man nicht bildhaft vor Augen. 

Blutige Szenen und wahnhafte Mörder allein reichen für ein Horrorgefühl nicht aus. Die Geschichte der Villa und die ihrer Bewohner, der Fluch und Okkultismus, bleiben im Vergleich zu den detailliert geschilderten Gemetzeln zu vage und oberflächlich, als dass man gefesselt in die Geschichte hineingezogen würde. 
Die Auflösung am Ende ist passend zur flachen Geschichte eher simpel, auch wenn sie mit dem Fokus auf Macht, Gier und Unersättlichkeit der Menschen zumindest glaubhaft ist. 

Freitag, 14. August 2026

Buchrezension: Tayari Jones - Goodbye, Honeysuckle

Inhalt:

Tür an Tür im ländlichen Louisiana aufgewachsen, verbindet Niecy und Annie mehr als nur Freundschaft: Beide haben sie ihre Mütter nie kennengelernt, und beide sind sie fest entschlossen, diese klaffende Lücke in ihrem Leben zu füllen. Niecy geht nach Atlanta, um am berühmten Spelman College zu studieren. Dort schließt sie sich einem Kreis von selbstbewussten Schwarzen Frauen an und erlebt ihre erste Liebe, muss sich aber auch in einer gnadenlosen Welt des Reichtums behaupten. Annie verschlägt es nach Memphis und mitten hinein in Armut, Sex und Jazz. Abend für Abend mixt sie Cocktails in einem Nachtclub und hofft, dass ihre verschollene Mutter am Tresen auftaucht. Während all der Zeit schreiben Annie und Niecy einander wunderschöne Briefe – bis eine Tragödie ihre Leben wieder zusammenführt und das Band zwischen ihnen auf die Probe stellt. 

Rezension: 

Vernice und Annie wachsen in den 1960er-Jahren in der Kleinstadt Honeysuckle in Louisiana auf und sind seit Kindertagen beste Freundinnen. Beide sind mutterlos - Annie wurde von ihrer Mutter als Baby verlassen und von ihrer Großmutter großgezogen, während Vernices Mutter von ihrem eigenen Ehemann und Vernices Vater erschossen wurde. Sie leiden unter dem Verlust ihrer Mütter, wobei Annie die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgibt. Mit 18 Jahren verlässt sie deshalb Honeysuckle, um ihre Mutter, die sich in Memphis aufhalten soll, zu suchen. Vernice, geprägt von der Erziehung ihrer resoluten Tante, geht nach Atlanta, um am Spelman College zu studieren.
Ihre Wege trennen sich, aber mittels Briefe bleiben die Freundinnen verbunden. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Annie und Vernice geschildert, deren Lebenswege sich nach der Schulzeit nicht nur räumlich trennen. Beide Erzählstränge lesen sich deshalb wie eigenständige Geschichten, denn bis auf wenige Briefe gibt es nur vereinzelte gemeinsame Szenen. Der Aspekt der Freundschaft rückt damit lange in den Hintergrund, während sie neue Bekanntschaften schließen und ihren Alltag leben. 

Derweil Vernice passiv agiert und der Verlauf ihrer Geschichte weitgehend ereignislos ist, dreht sich Annies Leben wie besessen darum, ihre Mutter zu finden, die sie verlassen hat. In Bezug auf beide Teilgeschichten ist es nicht einfach, die Verhaltensweisen der naiven Kleinstadtmädchen nachzuvollziehen. Annies Suche nach ihrer Mutter ist verzweifelt und gerade deshalb ist das Ende mit ihrer Reaktion völlig absurd. Vernice studiert, nur um sich dann in die Sicherheit einer Ehe zu flüchten und ihre Gefühle zu verraten. Eine Entwicklung der Charaktere ist nicht ersichtlich und überdies wirkt der Roman episodenartig, lückenhaft und die einzelnen Kapitel zu lose zusammengestückelt. 

Obschon die Segregation Teil der Geschichte ist und mehr oder weniger stark in einzelnen Details in Erscheinung tritt, fehlt dem Roman darüber hinaus eine zeitgenössische Atmosphäre. Er handelt über so viele Jahre, während Vernice und Annie älter werden, aber ein Gefühl für die Zeit wird damit nicht vermittelt. 

Der Roman hat einen vielversprechenden Beginn, aber das Erzähltempo ist im weiteren Verlauf langsam und die Geschichte ermüdend retardierend. Leider sind auch die beiden Hauptfiguren nicht so vielschichtig und interessant, dass sie der Geschichte mehr Spannung oder Emotionen hätten verleihen können. Die erwarteten Themen Mutterlosigkeit, Freundschaft und Rassismus bleiben nur an der Oberfläche und letztlich ist völlig unverständlich, warum Vernice und Annie genau die Wege gehen, die sich ihre Ersatzmütter nie für sie gewünscht hätten. 

Mittwoch, 12. August 2026

Buchrezension: Ilona Bannister - FIVE: Das Ticken der Zeit

Inhalt:

Noch fünf Minuten, bis jemand stirbt: Ist es Emma, die unter der Last des Mutterseins fast zerbricht? Ihr Sohn Gideon, dessen kindliche Unbezähmbarkeit zur gefährlichen Falle wird? Der Geschäftsmann Liam, der in einen Streit mit Emma gerät? Die störrische Wissenschaftlerin Mrs Worth, die endlich ihre Enkel wiedersehen will? Oder der hilfsbereite junge Sonny, der kurz davor ist, sein Leben zu verspielen?
Sie alle warten an einem Londoner Bahnsteig auf den Zug. Einer von ihnen wird dessen Ankunft nicht überleben. Sie alle haben Schicksale. Manche von ihnen haben Geheimnisse. Wir werden alles über sie erfahren, während wir mit ihnen auf den Zug warten. Während der Streit eskaliert. Während Panik ausbricht. Während die Uhr gnadenlos heruntertickt. 

Rezension: 

Fünf Personen treffen morgens auf einem Bahnsteig in London auf einander. Es sind noch fünf Minuten bis der nächste Zug Richtung Victoria-Station eintrifft - und einen von ihnen töten wird.
Als LeserIn wird man von einem allwissenden Erzähler geleitet, der das tödliche Ende ankündigt und spekulieren lässt, um wen es sich bei dem Opfer handelt und ob diese Person den Tod verdient hat. Nahezu alle Personen werden als unsympathische Charaktere eingeführt. Durch Rückblenden lernt man jeden von ihnen besser kennen und beginnt zu begreifen, wie sie zu diesen Menschen geworden sind. 

Beide Erzählebenen sind gleichermaßen spannend. Während sich dramatische Szenen auf dem Bahnsteig abspielen, die Zeit abläuft und der Zug immer näher kommt, werden in längeren Kapiteln die Schicksale der fünf potentiellen Opfer enthüllt. Dabei geht es um traumatische Kindheiten, Verlust und Trauer, um ADHS, Spielsucht, Überforderung und Kränkungen.

Die Charaktere sind vielschichtig, so dass man die vorgefasste Meinung über sie revidiert. Sie alle sind fehlerbehaftet, aber oftmals Opfer der Umstände, die sie geprägt haben. Hat deshalb einer von ihnen den Tod verdient? Oder hat jemand gar die Absicht zu sterben?

Die Geschichte ist stark charakterorientiert und auch wenn das Buch als Roman deklariert ist, fühlt es sich wie ein Thriller an, der die/ den LeserIn durch die direkte Ansprache eng involviert und als Richter oder explizit Gott benutzen möchte. Diese Art der Erzählweise ist raffiniert und erfrischend anders. Es wird an das Gewissen und die Moral appelliert, denn unwillkürlich trifft man eine Entscheidung, wer es am wenigsten verdient hat, weiterzuleben.


Montag, 10. August 2026

Buchrezension: Nova Winter - Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus.

Inhalt:

Ein gellender Schrei. Smilla springt in den eiskalten See und zieht den kleinen Jungen aus der Tiefe. Als er die Augen aufschlägt, trifft es sie wie ein Blitzschlag: Das ist mein Sohn. Unmöglich – sie war nie schwanger.
Die Mutter des Jungen reagiert aggressiv und ist mit ihrem Sohn schnell verschwunden. Doch schon am nächsten Tag trifft Smilla die Frau wieder – sie wohnt im Haus nebenan.
Der Vater Quentin bedankt sich überschwänglich für die Rettung, aber seine Augen bleiben kalt. Und Smillas Mann wird ihr plötzlich fremd. Je mehr Smilla zu verstehen versucht, desto klarer wird: Die Menschen um sie herum lügen. Alle. 

Rezension: 

Smilla ist vor Kurzem mit ihrem Mann Jonas umgezogen, um in der Idylle des Schwarzwalds neu anzufangen. Bei einer morgendlichen Joggingrunde rettet sie einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken und wird von der herbeieilenden Mutter undankbar abgekanzelt. Noch mehr irritiert sie jedoch, dass sie zu dem Jungen eine so vertraute Verbindung verspürt, als wäre er ihr eigener Sohn.
Es stellt sich heraus, dass es sich bei den beiden um ihre Nachbarn handelt. Vater Quentin lädt Smilla und Jonas aus Dankbarkeit zum Abendessen ein, während dem die Stimmung unnatürlich angespannt ist.
Ihre Wege kreuzen sich fortan immer wieder, wobei sich Lou und Quentin in Widersprüche verstricken und offenbar ihre Geheimnisse haben. Doch auch Jonas verbirgt etwas vor Smilla. Plötzlich kann sie niemandem trauen - nicht einmal ihrer eigenen Wahrnehmung.

Der Domestic Thriller ist durch die kurzen Kapitel und schnellen Perspektivwechsel dynamisch geschildert. Die verschiedenen Sichtweisen offenbaren Geheimnisse und lassen vor allem die männlichen Hauptfiguren verdächtig erscheinen, während die beiden Frauen psychisch und/ oder physisch labil wirken, was die Undurchsichtigkeit der Handlung fördert und für anhaltende Spannung sorgt.
Einzelne Rückblenden in die Vergangenheit offenbaren mehr Details über die Hauptfiguren und ihre Geschichte, ohne dass die Zusammenhänge in der Gegenwart unmittelbar klar werden.

Die Geschichte ist von einem andauernden Unbehagen gekennzeichnet und lässt eine Tragödie hinter den mysteriösen Verhaltensweisen erahnen. In dem Thriller geht es nicht um Blutvergießen, sondern um Manipulation und Misstrauen, die die Handlung prägen. Während Wahnvorstellungen die Wirklichkeit verwässern, fesselt die Geschichte bis zur Auflösung der Motive der handelnden Personen, die zwar wahnsinnig, aber dennoch schlüssig erscheinen. 


Samstag, 8. August 2026

Buchrezension: Mhairi McFarlane - Cover Story. Sie haben eine Abmachung – Küssen gehört nicht dazu

Inhalt:

Bel hat aufgrund ihres preisgekrönten Podcasts einen Job als Journalistin bei einer von Englands größten Tageszeitungen gelandet. Im kleinen und wenig glamourösen Zweigbüro in Manchester, in das es sie verschlagen hat, sind sie jedoch nur zu dritt: Bel, ihr gnadenlos ehrgeiziger, aber unterhaltsamer Kollege Aaron, und der neue Praktikant. Als sich herausstellt, dass es sich bei Letzterem um einen über dreißigjährigen Mann namens Connor handelt, nimmt der Beginn ihrer Zusammenarbeit eine ungute Wendung. Bel ist herablassend, Connor feindselig. Der neueste Office-Klatsch: Die beiden hassen sich.
Während Bel an einer richtig großen Story dran ist, gerät Connor ihr in die Quere, und ehe sie sichs versehen, müssen sie alle überzeugen, dass sie ein Paar sind – noch dazu ein bis über beide Ohren verliebtes. Wenn sie es versauen, fliegt Bels Deckung auf und die größte Story, die sie jemals landen wird, löst sich in Luft auf. Und mit ihr jede Chance auf Gerechtigkeit für Bels Informant*innen. 

Rezension: 

Bel ist mit einem erfolgreichen Podcast bekannt geworden und arbeitet nun als Journalistin bei einer Tageszeitung, wobei sie sich das Büro in der kleinen Zweigstelle in Manchester mit ihrem Kollegen Aaron teilt, der sie anhimmelt. Als das eingespielte Team einen neuen Praktikanten erhält, wird die Stimmung frostig. Bel und der Neue, Connor, können sich nicht ausstehen. 
Connor hat sein Leben komplett umgekrempelt, um mit über 30 noch einmal umzuschulen und als Journalist zu arbeiten. Mit dem unglücklichen Start in dem kleinen Büro fühlt sich der Neustart wie die Fortsetzung seiner Pechsträhne an. 
Das Verhältnis zu Bel ändert sich, als ihr Connor ungewollt bei einer Undercover-Story in die Quere kommt. Damit Bels Tarnung nicht auffliegt, müssen sie fortan ein frisch verliebtes Pärchen mimen. Denn Bel ist an einer Enthüllungsgeschichte dran, mit der sie nicht nur ihre Karriere vorantreiben, sondern auch vielen Frauen zu Gerechtigkeit verhelfen möchte. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren Bel und Connor erzählt, wobei der weibliche Part den größeren Anteil hat. Als Charaktere sind sie individuell gezeichnet und haben ihre Ecken und Kanten.
Der Schreibstil der Autorin ist gewohnt voll Wortwitz, was sich vor allem in den spritzigen Dialogen zeigt.

Die Geschichte hat zwei Komponenten, die sich optimal ergänzen. Es handelt sich einerseits um eine Enemies-to-Lovers-Romanze mit Fake-Dating-Anteilen und andererseits um die Offenbarung von Gaslighting und Machtmissbrauch, um Täter zu stellen und Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen. Bel hat ihr eigenen Erfahrungen mit Stalking gesammelt, weshalb ihr ehrgeiziges Handeln aufgrund ihrer Betroffenheit glaubwürdig und nachvollziehbar ist. Connor ist eine typische Green Flag und unterstützt sie bei ihren Recherchen. Aus unbegründet feindseligen Kollegen werden schon bald Verbündete, zwischen denen es anfängt im positiven Sinne zu knistern.

Die Roman handelt von zeitgemäßen Themen im Zusammenhang mit #metoo, die der RomCom Tiefgang verleihen. Allerdings tritt die Undercover-Story nach einem spannenden Start lange auf der Stelle und hat mit investigativem Journalismus nur wenig gemeinsam, bis es zu einer heiklen Situation kommt, die der Geschichte neuen Drive gibt. 
Die Liebesgeschichte ist in ihren Grundzügen inklusive frostigem Schlagabtausch, verwirrenden Gefühlen und Missverständnissen vorhersehbar, verliert aber trotz ihrer langsamen Entwicklung nicht ihren Reiz. Je mehr Zeit die beiden Hauptfiguren miteinander verbringen, desto mehr Funken beginnen zu sprühen. 

Freitag, 7. August 2026

Buchrezension: Lisa Sarah Brandstäter - Tod in heller Sommernacht (Leena Victor ermittelt, Band 2)

Inhalt:

Eine schöne Sommernacht in der Kleinstadt Porvoo bei Helsinki endet für die junge Studentin Lina tödlich. Ein Auto drängt sie von dem sandigen Waldweg ab und überfährt sie brutal. Die Polizei in dem idyllischen Küstenort nahe Helsinki bittet Kommissarin Leena Victor um Hilfe. Bei ihren Ermittlungen stößt sie auf ein Geflecht aus Widersprüchen, heimlichen Affären und perfekt platzierten Lügen. Als ein zweiter Mord den kleinen Ferienort erschüttert und eine junge Frau spurlos verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, und Leena Victor versucht, das Mosaik Stück für Stück zusammenzusetzen. Denn unter der gleißenden finnischen Mitternachtssonne lauert ein Täter, dessen Rachedurst noch lange nicht gestillt ist. 

Rezension: 

Anfang Juli kommt die Studentin Lina, die über die Semesterferien zu Hause bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter ist, bei einem Verkehrsunfall in dem Ferienort Porvoo ums Leben. Die Spuren lassen darauf schließen, dass Lina absichtlich brutal von einem SUV überfahren wurde. Leena Victor und ihr Partner Sebastian Nyberg von der Mordkommission Helsinki übernehmen den Fall.
Bei ihren Ermittlungen vor Ort stoßen sie auf eine Mauer aus Schweigen und lüften prekäre Geheimnisse. Als ein zweiter Toter aufgefunden wird und der Fall um die getötete junge Studentin gelöst scheint, sind für Leena die Ermittlungen noch lange nicht beendet und ihr Instinkt gibt ihr recht...

"Tod in heller Sommernacht" ist nach "Mord in eiskalter Nacht" der zweite Band um die finnische Kriminaloberkommissarin Leena Victor. Es ist ein klassischer Kriminalroman mit einem abgeschlossenen Fall, weshalb Vorwissen aus Band 1 nicht zwingend notwendig ist, jedoch im Hinblick auf die private Entwicklung Leenas von Vorteil ist.

Der Mordfall wird in kurzen Kapiteln aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Neben den Ermittlern, allen voran Leena, gibt es Szenen aus Täter- und Opfersicht, ohne zu viel zu verraten.
Obgleich Leena und Sebastian früh auf Lügen und Affären in dem idyllischen Küstenstädtchen stoßen, bleibt der Fall um die getötete Studentin lange undurchsichtig. Dies sorgt für anhaltende Spannung und Raum für eigene Spekulationen, wie die einzelnen Puzzleteile zusammengehören. Als LeserIn fühlt man sich unmittelbar in die Ermittlungen einbezogen und kann jeden Schritt nachvollziehen.

Neben der authentisch geschilderten Polizeiarbeit besticht der Roman mit finnischem Lokalkolorit in den Schären, falunroten Holzhäusern und der besonderen Atmosphäre der hellen Sommernächte, die die Ermittler um den Schlaf bringen.
Leena agiert instinktgesteuert und kann wie schon im ersten Band ihr Fachwissen in Bezug auf Sexualdelikte anbringen, denn erneut spielen übergriffiges Verhalten von Männern, häusliche Gewalt und Gaslighting eine Rolle.

Leena und Sebastian sind glaubwürdige Hauptfiguren, die sympathisch sind und für ihren Beruf brennen. Mit den Einblicken in ihre Privatleben wirken sie noch menschlicher und bieten Potenzial für weitere Fortsetzungen. Band 3 „Tod im kalten Abendlicht“ wird voraussichtlich im Herbst 2027 erscheinen. 

Mittwoch, 5. August 2026

Buchrezension: Ubin Eoh - Honey & Blondie

Inhalt:

Honey und Blondie wachsen in den 90er Jahren in Berlin Kreuzberg auf, zwischen Fructis-Shampoo, Cola-Krachern, Diddlmäusen und Prinzenbad. Seit frühen Kindheitstagen verbindet sie eine geheime Superpower: Wenn eine von beiden extreme Angst hat – Zittern, Schwitzen, Herzklopfen bis zum Hals – dann spürt die andere plötzlich dieselben Symptome, egal, wo sie gerade ist. Eine Freundschaft, die magisch ist, weil die beiden durch die radikalste Stufe der Empathie buchstäblich in die Haut der anderen schlüpfen können. Als Blondie schwer erkrankt, ist Honey entschlossen, ihre Freundin zu retten – egal zu welchem Preis. 

Rezension: 

Hyunjeong und Bianca - Honey und Blondie - wachsen in Berlin-Kreuzberg auf, lernen sich im Kindergarten kennen und werden zu besten Freundinnen. In den peinlichsten und schwierigsten Momenten sind sie die Rettung für die jeweils andere. Sie sind sich so nah, dass sie in den Körper der anderen schlüpfen und die Rollen tauschen können. Blondie erfährt damit die Geborgenheit eines trubeligen Familienlebens, aber auch den Alltagsrassismus gegen "Schlitzaugen". Honey genießt die Freiheit und ruhigen Stunden bei einer alleinerziehenden Mutter, aber auch die Last der Verantwortung, wenn eine Familie nur aus zwei Personen besteht.
Zwischen Honey und Blondie passt kein Blatt Papier, sie fühlen sich wie eine Person und werden unzertrennlich gemeinsam erwachsen. Sie sind Freundinnen, Schwestern, Soulmates und immer für einander - insbesondere dann, wenn das Leben kaum aushaltbar ist und ihre Superkraft erfordert. 

Der Roman wird in kurzen Kapiteln im Wechsel aus der Sicht von Honey und Blondie erzählt. Nach dem Einstieg und der bedrückenden Offenbarung, dass Blondie schwer krank ist, erfolgt ein Rückblick in die Vergangenheit und die chronologische Schilderung ihrer Freundschaft mit Freibadpommes, Barbie spielen, Capri-Sonne, Diddl-Maus und MSN, von Kinder-, über Teenager- bis hin zu Erwachsenenproblemen.

Mit seinen 90er- und 2000er-Vibes stimmt der Roman herrlich nostalgisch und bietet für alle LeserInnen im Alter der Autorin viele Déjà-Vu-Momente und Identifikationspotenzial.
Kern des Romans ist das Erwachsenwerden und die unverbrüchliche Freundschaft der beiden Hauptfiguren, die mit Rassismus und Sexismus konfrontiert werden, Kulturunterschiede und Fremdheit verspüren und viele gemeinsame erste Male erleben.

Die Dialoge sind lebensecht und dem Alter der Charaktere angepasst, die mit ihrer offenen Art unheimlich nahbar sind. Ihre Verbundenheit, ihre Freundschaft gegen den Rest der Welt, ist spürbar, selbst ohne den Hauch von Magie, den die Geschichte enthält. Die so bezeichneten Schleckmuschelmomente geben der Geschichte noch etwas Besonderes und machen sie unverwechselbar.

Die Entwicklung von Honey und Blondie von vierjährigen Außenseiterinnen hinzu selbstbewussten Frauen kann lebendig nachvollzogen werden. Die Geschichte ist abwechslungsreich und humorvoll, wobei die Kenntnis über Blondies Erkrankung unterschwellig für Beklemmung, Spannung und die unbedingte Hoffnung sorgt, dass dieses Band nie getrennt werden sollte. 

Montag, 3. August 2026

Buchrezension: Vera Buck - Keine Angst, Darling

Inhalt:

In der Luxussiedlung Sancta Familia in Florida hat Lea endlich, wonach sie sich immer gesehnt hat: ein sicheres Zuhause, eine Tochter, die sie über alles liebt, und einen Mann, der sie auf Händen trägt. Für ihr schillerndes Leben wird sie online von Millionen gefeiert - nur ihre Schwester Paula misstraut der makellosen Inszenierung. Als Lea plötzlich verstummt, reist Paula besorgt von Deutschland nach Florida. Doch in der Sancta Familia ist ihre Schwester nicht. Ihr Mann behauptet, sie sei in einem Retreat. Aber warum gibt es kein Lebenszeichen? Je tiefer Paula in die scheinbar heile Welt der Siedlung eindringt, desto sichtbarer werden die Risse: Strenge Regeln erfordern bedingungslosen Gehorsam. Und Frauen, die sich widersetzen, verschwinden. 

Rezension:

Lea führt ein Bilderbuchleben - gemessen an den Vorstellungen der 1950er-Jahre in einer Gated Community in Florida. Als Tradwife, die für Ehemann und Tochter lebt, kocht, backt und den Haushalt auf Hochglanz führt, hat sie sogar mehrere Social Media-Accounts mit Hunderttausenden Followern, auf denen sie regelmäßig Beiträge aus ihrer heilen Welt postet. 
Als ihre Schwester Paula registriert, dass Leas letzter Content schon Monate zurückliegt und sie sie auch persönlich nicht erreichen kann, macht sie sich Sorgen um ihre entfremdete Schwester und reist nach Florida. 
Dort heißt es, Lea sei auf einem Selbstfindungs-Retreat und nicht erreichbar. Doch Paula stößt bei ihrer Ankunft in der "Sancta Familia" auf Ungereimtheiten und misstraut ihrem Schwager Matt. Sie hinterfragt nicht nur das Leben der Frauen und Kinder in der Community, sondern beginnt auch aktiv nach Lea zu suchen. Eine Einmischung in die strengen Regeln, die nicht ungefährlich ist. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart die nervenaufreibende Suche Paulas nach ihrer Schwester, zu der sie seit ihrer Auswanderung nach Amerika keine enge Verbindung mehr hat. Daneben gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, die erklären, wie Lea dazu gekommen ist, Matt zu heiraten und wie sich ihre Ehe und ihr Familienleben in den sechs Jahren entwickelt haben. 

Auszüge aus einem Haushaltsbuch, getarnt als Tagebuch, sowie Transkriptionen von TikTok-Videos, Werbevideos der Gated Community und Interviews mit Lea ergänzen die Handlung und gestalten sie abwechslungsreich und passend zur Rolle von Social Media noch authentischer. 

Die Geschichte ist verstörender Suspense über ein Leben, das rückständig ist und mit den heutigen Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung nicht kompatibel ist. Frauen entscheiden sich scheinbar freiwillig für ein Leben für die Familie, beschützt und behütet durch einen treusorgenden Ehemann und finden sich in einem Leben aus Grenzen, Kontrolle und Gewalt wieder. 

Durch die lebendige Schilderung wird die Situation von Lea leicht vorstellbar und damit auch die Sorgen, die sich Paula um ihre jüngere Schwester macht, die aus diesem Käfig aus eigenem Antrieb verschwunden sein soll. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und Perfektionismus und einer gefährlichen Abhängigkeit und Unterwerfung ist. 
Fesselnd ist nicht nur die Frage, was mit Lea passiert ist, sondern auch was die dreifache Mutter Paula riskiert, indem sie so hartnäckig nach ihr sucht. Dabei nimmt die Spannung und spürbare Bedrohung auf beiden Erzählebenen stetig zu. 

"Keine Angst, Darling" ist ein dramatischer, zeitgemäßer Spannungsroman über toxische Beziehungen, Manipulation, Inszenierung und eine gefährliche Suche vor dem Hintergrund der zurecht umstrittenen Tradwife-Bewegung, die alle für Frauen erreichten Rechte in Frage stellt und Kontrolle und Isolation hinter Sicherheit und Fürsorge versteckt. 

Samstag, 1. August 2026

Buchrezension: Freida McFadden - Die Psychiaterin: Wurde ihr der Job zum Verhängnis?

Inhalt:

Die beiden frisch vermählten Tricia und Ethan sind auf dem Weg zur Besichtigung eines abgelegenen Anwesens, das bald ihr Zuhause sein könnte. Während Ethan voller Begeisterung ist, spürt Tricia, dass etwas nicht stimmt. Bis vor drei Jahren lebte hier noch die Psychiaterin Dr. Adrienne Hale. Ihr plötzliches Verschwinden damals ging durch die Presse. Weil ein Schneesturm die Straßen unbefahrbar macht, muss das junge Paar die Nacht im Haus verbringen. Dabei entdeckt Tricia ein verborgenes Zimmer voller Kassetten – Aufnahmen von Adriennes Patientensitzungen. Mit jeder Kassette, die sie sich anhört, wird ihr klarer, wie es zu Adriennes Verschwinden kam und dass sie selbst in tödlicher Gefahr schwebt. Denn manche Stimmen schweigen nie. 

Rezension: 

Tricia und Ethan sind auf der Suche nach ihrem Traumhaus und möchten ein abgelegenes Herrenhaus besichtigen. Als sie dort ankommen, ist die Maklerin nicht vor Ort, aber wegen eines Schneesturms verschaffen sich die beiden eigenmächtig Zugang in das Haus. Sie finden heraus, dass die letzte Eigentümerin des Hauses Dr. Adrienne Hale war, eine renommierte Psychiaterin, die vor drei Jahren spurlos verschwand. 
Tricia hat ein beklemmendes Gefühl, aber aufgrund der Wetterverhältnisse müssen sie erst einmal in dem Haus bleiben. Auf der Suche nach Ablenkung stößt sie auf ein Geheimzimmer mit Tonaufnahmen von Dr. Hales Therapiesitzungen. Während sie anhand der Aufzeichnungen mehr über die Psychiaterin und ihre bedrohlichen Patienten erfährt, kommt sie immer mehr zu der Überzeugung, dass noch jemand in dem Haus ist. Aber Ethan glaubt ihr nicht... 

"Die Psychiaterin" ist ein kurzweiliger und leicht zu lesender Thriller. Die Spannung baut sich durch den Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit gemächlich, aber stetig auf. Tricia schildert aus der Ich-Perspektive ihr Unbehagen im Haus der Psychiaterin, während man über Rückblenden erfährt, was sich im Leben von Dr. Hale wenige Wochen vor ihrem Verschwinden ereignet hat. Für erzählerische Abwechslung sorgen die Tonbandaufzeichnungen einzelner Therapiesitzungen, wobei die Identität der Patienten nicht immer ganz klar ist und Spielraum für Spekulationen in der Gegenwart lässt. 

Die "Meisterin der Plottwists" überrascht auch in diesem Roman mit einer Wendung, die zwar überrascht, aber wenig raffiniert ist und einzig auf der Unzuverlässigkeit der Erzählerin beruht.  Nahezu alle Details, die in der Gegenwart für Ungereimtheiten sorgen und Ängste ob der Sicherheit Tricias schüren, stellen sich im Nachhinein als fragwürdig, mitunter komplett unlogisch, heraus. 
Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Geschichte im Umfeld einer Psychiaterin handelt, wimmelt es hier nur so von Psychopathen, die die ach so erfolgreiche Dr. Hale mehr schlecht als recht therapiert hat. 

"Die Psychiaterin" ist unterhaltsam und herrlich böse, führt die/ den LeserIn aber einfach nur an der Nase statt mit eine überraschenden Wende zu verblüffen. 

Freitag, 31. Juli 2026

Buchrezension: Brigitte Glaser - Sonnenberg

Inhalt:

Mitte der Siebzigerjahre ist Johanna die erste in ihrer Familie, die an die Uni geht. Mit ihrer Freundin Luzie zieht sie in eine WG nach Freiburg und genießt neue Freiheiten. Als wenig später ihr Vater stirbt, muss sie jedoch zurück nach Hause und den Winzerbetrieb der Eltern übernehmen. Gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter bewirtschaftet sie den Hof am Kaiserstuhl. In einer Welt, in der weibliche Arbeitskräfte nur die Hälfte zählen, müssen die Frauen sich behaupten. Erst recht, als Johanna ein Kind bekommt und sich entschließt, es ohne Vater großzuziehen. Erst recht, als sie sich dem Widerstand der Winzer und Bauern, der Bürger aus Freiburg und der Region gegen ein in der Nähe geplantes Kernkraftwerk anschließt. Auch Luzie, die gerade von einer langen Marokkoreise zurück ist, ist an ihrer Seite. Und plötzlich sieht es so aus, als könne man zusammen etwas erreichen. 

Rezension:

Luzie und Johanna sind beste Freundinnen, bis sich ihre Wege während des Studiums in Freiburg trennen. Abgemacht war, gemeinsam zu reisen, aber Johannas ungeplante Schwangerschaft machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Zudem musste sie den Tod ihres kürzlich verstorbenen Vaters verarbeiten. Als einziges Kind ist es nun Johanna, das die Leitung des Weinguts am Kaiserstuhl übernimmt.
Währenddessen reiste Luzie alleine nach Marokko und kehrt mit belastenden Erinnerungen zurück.
Die Freundschaft hat unter der Trennung und den unterschiedlichen Lebenswegen gelitten. Annäherung schafft das gemeinsame Engagement bei den Protesten gegen den geplanten Bau des Kernkraftwerks in Wyhl. Doch es gibt Dinge, die Luzie verschweigt und Johannas Vertrauen zu erschüttern drohen.

"Sonnenberg" handelt während der ersten vier Monate des Jahres 1975, die im Badischen, aber auch darüber hinaus, vom Widerstand der Bevölkerung gegen die Pläne der Politik zur Nutzung der Kernenergie geprägt war.
Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht von Johanna und Luzie geschildert, wobei die Perspektiven innerhalb der Kapitel ungekennzeichnet wechseln. Der Fokus liegt auf den gegenwärtigen Ereignissen, wobei sich die beiden Hauptfiguren wiederholt in Erinnerungen verlieren, insbesondere Luzie, die in Marokko während der Erforschung des zweiten Rifkabylen-Aufstandes nicht nur positive Erfahrungen sammeln konnte. Das Durcheinander der Erzählweise unterbricht den Lesefluss. 

Durch den Einfluss von Dialekten und den bildhaften Alltagsbeschreibungen erhält man eine klare Vorstellung von der damaligen Zeit und den örtlichen Gegebenheiten.
Im Gegensatz dazu bleiben die Figuren auf Distanz und blutleer. Johanna und Luzie sind nur schwer greifbar, was mitunter an den Geheimnissen liegt, die sie bergen. Der/ dem Leserin wird zu viel vorenthalten, was die Charaktere aber nicht interessanter gestaltet, sondern zu Unverständnis führt. Zudem dreht sich die Geschichte in Bezug auf Luzies unausgesprochene Wahrheiten anstrengend im Kreis. Die Nebencharaktere sind austauschbar, keiner sticht mit einer besonderen Rolle hervor.  

Im Vordergrund stehen die Proteste gegen das KKW Wyhl, in die Luzie und Johanna eingebunden sind, wobei ihr Engagement eher der räumlichen Nähe als echtem Protestwillen geschuldet erscheint. So ist es auch schade, dass die problematische Entwicklung ihrer Freundschaft, Johannas Übernahme des väterlichen Betriebs und ihre persönlichen Probleme als alleinerziehende Mutter und Luzies traumatische Erlebnisse als Randaspekte verbleiben. 

Trotz der interessanten Themen um die Rolle der Frau in den 1970ern, zivilen Ungehorsams, Erpressung und das Auseinanderdriften einer Freundschaft, kommt beim Lesen keine Spannung auf. Die Geschichte wirkt überladen und kann sich jedweder Schwierigkeit nur oberflächlich widmen. 

Mittwoch, 29. Juli 2026

Buchrezension: Evann Normandin - Genug für ein halbes Leben

Inhalt:

Es ist der Beginn einer großen Liebe: Auf eine zufällige Verwechslung folgt der erste Kuss, ein gefühlvolles Liebesgeständnis, die langersehnte Hochzeit. Die gemeinsame Zukunft von Rose und Landon scheint vorherbestimmt – bis ein tragisches Unglück Rose zu einer folgenschweren Entscheidung drängt: Für die Chance auf einen echten Neuanfang lässt sie mithilfe einer neuartigen Behandlung ihr bisheriges Leben und alle Erinnerungen daran hinter sich.
Doch Landon kann Rose nicht vergessen. Er macht sich auf die Suche nach ihr und lernt sie als Fremder ein zweites Mal kennen. Es dauert nicht lange, bis die alten Gefühle wieder zum Vorschein kommen. Nur ahnt Rose nicht, dass ihr Gegenüber die Last all ihrer gemeinsamen Erinnerungen mit sich trägt. 

Rezension: 

Rose und Landon haben sich als Studenten in New York kennen und lieben gelernt. Sie heiraten und träumen von einer gemeinsamen Familie, auch wenn Rose aufgrund ihrer Erfahrungen mit einem an Alzheimer erkrankten Vater und einer depressiven, abweisenden Mutter Bedenken hatte. Doch ihr Glück hält nicht ewig an, was Rose eine radikale Entscheidung treffen lässt. Sie nimmt ein neues Medikament, das alle Erinnerungen löscht. Während sie damit auch Landon aus ihrem Leben streicht und einen Neuanfang in Edinburgh wagt, kann Landon seine große Liebe nicht loslassen. Er folgt ihr nach Schottland, in der Hoffnung, sie erneut für sich zu gewinnen. Tatsächlich freundet sich Rose mit "Jamie" an, ohne zu wissen, dass sie in ihrem früheren Leben mit ihm verheiratet war.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen, in der Vergangenheit aus Roses Perspektive und in der Gegenwart aus Landons Sicht, erzählt.
Die Vergangenheit zeigt die Entwicklung ihrer Beziehung über ein gutes Jahrzehnt, Gegenwart handelt über einen Zeitraum von mehreren Wochen.
Die Geschichte mutet auf beiden Erzählebenen melancholisch an, wobei die Vergangenheit auf ein tragisches Ereignis hinsteuert, das man durch die fortschreitende Verbindung beider Handlungsstränge erahnen kann und den Grund für Roses Entscheidung offenbart, ihr bisheriges Leben vergessen zu wollen. Der emotionale Ballast, die Verzweiflung und der Wunsch, unbelastet neu anzufangen, sind nachvollziehbar. Genauso gut kann man sich in Landons Lage hineinversetzen, der seine Rose nicht aufgeben möchte.
Beide verhalten sich egoistisch und haben doch nur den Wunsch, glücklich zu sein.

Der Plot baut mit der "Vergessenspille" auf einer originellen Idee auf und auch wenn diese nur der Fantasie der Autorin entspringt, handelt es sich nicht um einen Fantasyroman, denn die Gefühle der Hauptfiguren fühlen sich authentisch an. Traurigkeit, Schmerz, Verzweiflung und Sehnsucht sind vordergründig, was den Roman nicht zu einer einfachen, aber emotionalen Lektüre macht.

Trotz eines spannenden - utopischen - Szenarios bleibt der Roman hinter seinen Erwartungen zurück. Die Geschichte ist auf beiden Erzählebenen monoton. In der Vergangenheit wird auf ein tragisches Ereignis hingesteuert, das jedoch aufgrund der Gegebenheiten in der Gegenwart früh erahnt werden kann, was ihr die Spannung nimmt. 
Die emotionalen Auswirkungen des Ereignisses werden hingegen kaum beleuchtet, obwohl gerade sie zu der lebensverändernden Entscheidung für die Pille führen. 
Die Gegenwart hat insbesondere in Bezug auf die Pille inhaltliche Schwächen und lässt Fragen zur Herkunft, Verbreitung, Wirkweise, Nebenwirkungen und Ausgestaltung eines alltagstauglichen Neustarts offen. 

Die beiden Hauptfiguren haben wenig Substanz. Rose ist allein von ihrer Trauer bestimmt, wahrend Landons Handeln nur von der Liebe zu Rose getrieben ist. Trotz des Mitgefühls, das man für sie entwickelt, bleiben sie auf Distanz. 

Das Ende der Geschichte ist hingegen konsequent und zeigt, wie tief Trauer gehen kann, wie schwierig Trauerbewältigung ist und mit welchen einsamen Entscheidungen sie einhergehen kann. Die Flucht in ein neues Leben und der Wunsch nach einem unbeschwerten Neuanfang unter der Euphorie eines Medikaments hinterlassen allerdings einen bitteren Beigeschmack. 

Montag, 27. Juli 2026

Buchrezension: Meike Werkmeister - Über dem Meer tanzt das Licht

Inhalt:

Maria hat die halbe Welt bereist und nie ein Abenteuer ausgelassen. Dass sie ausgerechnet auf einer kleinen Nordseeinsel ihr Glück finden würde, wäre ihr im Traum nicht eingefallen. Doch sie liebt ihr Leben auf Norderney, ihr kleines Strandcafé und vor allem ihre Familie: ihren Freund Simon und die Töchter Morlen und Hannah. Ihr Leben ist randvoll, für Probleme bleibt da keine Zeit. Bis Simon aus dem gemeinsamen Alltag ausbricht und mit Hannah verreist. Plötzlich hat Maria wieder Zeit für sich selbst. Und mit der Zeit kommen die Fragen. Steckt in ihr noch die alte Abenteurerin? Ist sie eine andere geworden? Und wo gehört sie wirklich hin? 

Rezension: 

Maria ist als junge Frau durch die Welt gereist und hätte sich nie vorstellen können, dass sie einmal sesshaft wird. Durch die Erkrankung ihrer Mutter kam sie zurück nach Norderney, wo sie sich mit einem kleinen Café am Strand selbstständig gemacht hat und Mutter zweier Töchter ist. Von Morlens Vater lebt sie getrennt und ist seit drei Jahren mit dem Surflehrer Simon zusammen, mit dem sie die gemeinsame Tochter Hannah hat. Maria ist glücklich und liebt ihre Patchworkfamilie.
Doch im Sommer häufen sich die Probleme, als die ältere Tochter immer schwieriger wird, kostspielige Reparaturen an ihrem Café notwendig sind und Maria entscheiden müsste, was sie mit dem Haus ihrer inzwischen verstorbenen Mutter machen soll. Ausgerechnet dann eröffnet ihr Simon, dass er eine Auszeit braucht und vier Wochen Elternzeit zusammen mit Hannah unterwegs im Camper verbringen möchte.
Während Maria die freie Zeit nutzt, um das Haus ihrer Mutter zu entrümpeln, vermisst sie nicht nur Simon und Hannah schmerzhaft, sondern findet auch noch Aufzeichnungen ihrer Mutter, wodurch sie mehr über ihren Vater erfährt, über den Iris so beharrlich geschwiegen hatte.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Maria geschildert, die als Nebenfigur aus "Sterne sieht man nur im Dunkeln" bekannt ist und nun in den Mittelpunkt rückt. 

In dem Sommer hat Maria mit großen Herausforderungen zu kämpfen, mit dem Alltagschaos, den Sorgen um die Existenzgrundlage, aber auch mit den Geistern der Vergangenheit. Trotz der vielfältigen Probleme ist die Geschichte ein schwereloser Sommerroman mit rauem Inselfeeling, bei dem man den Wind in den Haaren und den Sand unter den Füßen spüren kann. Gerade das Leben auf einer überschaubaren Insel vermittelt ein enges Gemeinschaftsgefühl. Familie, Freundschaft und Nachbarschaft sorgen für gegenseitige Unterstützung und Verlässlichkeit. 

Die Geschichte ist vielseitig und unterhaltsam, voller Lebensfreude und weckt Abenteuerlust. Maria hat ein sonniges Gemüt und ein einnehmendes Wesen, mit dem sie die Menschen für sich gewinnt. Sie ist jedoch auch unkonventionell, impulsiv und wählt nicht immer den einfachsten Weg. 

Der Roman handelt vom Wunsch nach Freiheit, von Sehnsucht nach Weite und Meer und der Herausforderung, diesen Drang nach Freiheit mit dem Alltag aus Familie und Arbeit in Einklang zu bringen. Es geht um Lebensträume, Loslassen können, Liebe und Vertrauen - emotionale und ernste Themen, die realitätsnah und empathisch dargestellt werden und mit dem Inselsetting auf Norderney einen passenden atmosphärischen, sommerlichen Rahmen erhalten. 

"Über dem Meer tanzt das Licht" ist kein Teil einer klassischen Buchreihe, denn bei allen Romanen von Meike Werkmeister handelt es sich um eigenständige Geschichten. Mit den Querverbindungen können jedoch die Entwicklungen der Protagonisten nachvollzogen werden. So gibt es  in "Über den Wolken wohnen die Träume" ein Wiedersehen mit Morlen, die inzwischen 17 Jahre alt ist und als Au-pair nach Kalifornien geht. 

Freitag, 24. Juli 2026

Buchrezension: Camilla Sten - Bachelorette Party

Inhalt:

Laue Sommerabende, Yoga am Strand und Quality Time mit den besten Freundinnen: Annelieses Junggesellinnenabschied auf einer abgelegenen schwedischen Schäreninsel verspricht ein traumhaftes Wochenende. Nur Journalistin Tessa läuft schon bei der Ankunft eine Gänsehaut über den Rücken, denn die Insel erinnert sie an einen Cold Case: Vier Frauen verschwanden dort vor zehn Jahren spurlos. Als das zuvor sicher vertäute Boot im offenen Meer treibt und die Gruppe somit auf der Insel gefangen ist, suchen sich lang verborgene Geheimnisse und Feindseligkeiten ihren gefährlichen Weg ans Licht. Dann wird eine der Teilnehmerinnen tot aufgefunden, und Tessa weiß: Jemand ist hier, um Rache zu üben. 

Rezension: 

Vier Freundinnen, die sich seit ihrer Kindheit kennen, treffen sich seit elf Jahren im Mai auf der "Isle Blind" vor der schwedischen Küste um ihre Freundschaft zu feiern und die Last des Alltags hinter sich zu lassen. 2012 kommen sie von ihrem Ausflug nicht zurück. Die Polizei geht von einem Unfall auf dem Meer aus, aber ihre Leichen werden nicht gefunden. 
Der Cold Case lässt die True-Crime-Podcasterin Tessa nicht los. Zehn Jahre nach dem Unglück ist sie zu einem Junggesellinnenabschied in ein Yoga-Retreat auf einer abgelegenen Insel eingeladen, wobei es sich bei der Inhaberin um die ältere Schwester eines der vermissten Mädchen handelt. Tessa möchte die Chance nutzen, den Fall endlich zu lösen, obwohl sie mit ihrem Podcast gescheitert ist und den Shitstorm noch lange nicht verarbeitet hat.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, wobei der Prolog vorwegnimmt, was sich im Mai 2012 auf Isle Blind ereignet hat und damit Ängste schürt, was dort zehn Jahre später passieren könnte. Der Fokus liegt jedoch auf der Gegenwart und die kurzen Kapitel tragen zur entsprechenden Dynamik bei.

Die einzelnen Charaktere bleiben blass und übernehmen lediglich Rollen als Freundin, Trauzeugin, Schwester, Gastgeberin. Nur Tessa, aus deren Ich-Perspektive die Geschehnisse in der Gegenwart erzählt werden, scheint nahbarer. Weshalb ihr Podcast negativ viral gegangen ist, bleibt hingegen lange im Dunkeln, belastet jedoch sie und die Beziehungen zu ihren Freundinnen. Von einem entspannten Junggesellinnenabschied kann keine Rede sein, auch da sich Tessa vorgenommen hat, den Fall um die verschwundenen Frauen zu lösen und Morde dahinter vermutet - eine Erklärung dafür gibt es jedoch nicht. 

Als eine Freundin der Braut in der Gegenwart verschwindet und ihr Rettungsboot auf dem offenen Meer treibt, scheint das ungute Gefühl, das Tessa seit der Ankunft in dem Retreat verspürt, nicht unbegründet. Die anschließende Handlung ist mehr von Dramatik und Hysterie als echter Spannung geprägt. 

Die Ausgangslage der "Bachelorette Party" ist wenig originell: Ein Locked-Room-Szenario, eine abgelegene Insel, eine übersichtliche Anzahl von Personen, keine Möglichkeit, Hilfe zu holen und unter ihnen ein Mörder... Dennoch fiebert man einer Erklärung für die Ereignisse in der Vergangenheit und eine mögliche Wiederholung in der Gegenwart entgegen. 
Die Auflösung kann allerdings auf beiden Zeitebenen aufgrund des unnötigen Gewaltexzesses nicht überzeugen. Die Motive und Verdächtigungen kommen im Vergleich zur Beschreibung von verletzten Körperteilen zu kurz. Zudem wirkt der Plot nicht ganz rund, wenn am Ende grundsätzliche Fragen übrig bleiben, wie warum die Polizei 2012 so stümperhaft ermittelt hat und was sich Tessa zehn Jahre später erhofft hat für Beweise zu finden. 

Mittwoch, 22. Juli 2026

Buchrezension: Katie Bernet - Beth is dead

Inhalt:

Als Beth March tot aufgefunden wird, ist für die Polizei sofort klar: Es war Mord. Schnell geraten ihre Schwestern unter Verdacht: Jo ist eine aufstrebende Autorin mit vielen Followern. Hat sie ihre Schwester für eine reißerische Geschichte umgebracht? Amy möchte unbedingt in Europa Kunst studieren, aber sie braucht Geld von ihrer Tante – Geld, das für Beth bestimmt war. Und Meg würde nicht im Traum daran denken, ihre Schwester zu verletzen, aber ihr Freund könnte es getan haben, und ihn würde sie um jeden Preis schützen.
Und der Kreis der Verdächtigen ist noch größer, denn vor Monaten wurden die Schwestern unfreiwillig ins Rampenlicht gezerrt, als ihr Vater einen umstrittenen Bestseller über seine Töchter veröffentlichte. 

Rezension: 

Am Neujahrsmorgen wird die zweitjüngste der March-Schwestern, Beth, tot aufgefunden. Ihre Verletzungen lassen auf keinen natürlichen Tod schließen.
Während die Polizei ermittelt, versuchen die drei verbliebenen Schwestern Meg, Jo und Amy selbst den Mörder oder die Mörderin zu entlarven. Dabei kommt auf, dass jede von ihnen Geheimnisse vor den anderen hatte, die sie oder ihre engsten Freunde verdächtig erscheinen lassen.
Zeitgleich ist ihr Vater nicht erreichbar, der sich angeblich in die Wildnis nach Kanada zurückgezogen hat, um seine Familie zu schützen. Er hatte eine Neuinterpretation des Romans "Little Women" geschrieben, der zu einem Bestseller lancierte, mit seinem tragischen Ende allerdings die Kritik auf sich zog und seine Töchter, insbesondere Beth, der Öffentlichkeit preisgegeben hatte.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wird aus den Perspektiven der vier Schwestern erzählt. Die älteste Meg ist die Kluge, studiert in Harvard Medizin und wirkt mit ihrer Orientierung an die Reichen etwas oberflächlich. Jo möchte ich Schriftstellerin werden und schreibt bereits an einem Roman. Sie ist impulsiv und steht ihrem Vater am nächsten. Beth gilt als unsicher und schüchtern. Sie hat von den Schwestern das größte Herz und möchte Pianistin werden. Die jüngste Amy ist die Rebellin und bringt sich gerne in Schwierigkeiten. Sie kämpft ehrgeizig für ihren Traum, Künstlerin zu werden. 

Die Rollen der Schwestern mit ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten und Talenten sind eng an den Klassiker "Little Women" angelehnt, ist aber keine Nacherzählung der Geschichte.
Beth ist tot und aus den verschiedenen Blickwinkeln ergeben sich im Wechsel zwischen "Vorher" und "Heute" unterschiedliche Verdächtige. Geschickt werden Vergangenheit und Gegenwart inhaltlich eng miteinander verknüpft. Neue Erkenntnisse im Mordfall erklären sich häufig aus den Rückblenden in die Vergangenheit. Durch die Aufdeckung von Lügen und Geheimnissen wird stetig Misstrauen gegen Personen aus Beths Umfeld geschürt.

Es geht um Neid und Eifersucht, um die erste Liebe und Schwestern, die sich lieben, aber auch in Konkurrenz zueinander stehen. Trotz des jugendlichen Alters der Hauptfiguren hat man nicht das Gefühl einen Young Adult-Roman zu lesen. Es vielmehr ein All-Age-Roman mit Whodunit- und Thrillerelementen, der als Familiendrama berührt. 

Montag, 20. Juli 2026

Buchrezension: Sophie White - Breakup Season

Inhalt:

Maggies Leben wirkt perfekt: ein Superstar als Ehemann, eine Villa in Hollywood, ein Stylist auf Abruf. Doch dafür hat sie ihre eigenen Träume aufgegeben. Annie versucht, schwanger zu werden - und hofft, dass ihre Beziehung dem Druck standhält. Clara glaubt, sie und Ollie seien glücklich, bis eine SMS ihr Vertrauen in ihn erschüttert. Sie alle hoffen, bei einem gemeinsam Urlaub in Cape Cod Abstand zu gewinnen: Strand, Drinks, lange Abende. Bis die Gespräche kippen, Geheimnisse ans Licht kommen und jemand sagt: "Es ist vorbei." 
Drei Paare glauben, ihr Leben im Griff zu haben - doch dann zeigt sich, wie brüchig Zukunftspläne wirklich sind.

Rezension: 

Maggie lebt ein Leben, von dem viele träumen. Ihr Mann ist ein begehrter Filmstar, sie wohnen in einer Villa in Hollywood, haben zwei gesunde Kinder und Personal, das sie umsorgt. Doch Maggie ist nicht glücklich und hat zunehmend Probleme, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Sie hofft, dass der gemeinsame Urlaub mit zwei befreundeten Paaren auch wieder mehr Nähe zu Fionn schafft.
Annie und Connor sind seit zwei Jahrzehnten zusammen, aber nicht verheiratet. Mit Anfang vierzig versuchen sie bisher vergeblich schwanger zu werden - ein Druck, dem beide nicht mehr gewachsen sind.
Clara und Ollie haben drei Kinder, die sie lieben, doch der Alltag mit ihnen ist chaotisch. Clara fühlt sich von Ollie häufig allein gelassen und hegt den Verdacht, dass er sie betrügen könnte.
Der gemeinsame Urlaub in Provincetown, der mit einer Luxusyacht, Champagner und Promiparty für Entspannung und Ablenkung sorgen sollte, wird für alle drei Paare zu einer Zerreißprobe.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen geschildert und konzentriert sich damit auf die weibliche Sicht auf Beziehungsfragen und die Entwicklung langjähriger Freundschaften.
Alle drei Paare haben ihre eigenen Probleme, die sie im Alltag verdrängt haben und die unter der Sonne Cape Cods förmlich explodieren. Die Stimmung ist aufgeladen, es fallen hässliche Worte, Beziehungen gelangen an einen Scheidepunkt und selbst die jahrzehntelange Freundschaft der Clique droht an Neid und sich verschiebenden Loyalitäten zu zerbrechen.

Die Charaktere sind mitunter herrlich schräg, haben aber dennoch viel Identifikationspotenzial und sind nicht so überzeichnet, als dass man ihre Probleme nicht ernst nehmen könnte.
Ihre Leben sind in Schieflage geraten und sie reagieren entsprechend emotional darauf. Gerade ihre Fehler, ihr verletzendes und unfaires Verhalten, wirken ungeschönt und lebensecht.
Dazu kommt, dass es alltägliche Probleme sind, mit denen sich Frauen und Paare mit Anfang 40 konfrontiert sehen. Es geht um den aufreibenden Familienalltag, die Organisation der Kinderbetreuung, Unzufriedenheit im Job, mangelnden Selbstwert, Bodyshaming, die Aufgabe von Träumen und unterschiedliche Erwartungen.

Fesselnd und emotional erschütternd zeigt "Breakup Season" wie Beziehungen an der Last des Alltags zerbrechen können. Die Dialoge und Szenen zeugen von einer scharfsinnigen Beobachtungsgabe, sind geistreich und modern und halten dabei die Balance aus Witz und Traurigkeit. 
Zudem schafft es die Autorin durch die vielschichtigen Figuren und ihre feinfühlig geschilderten inneren Konflikte trotz der Themenvielfalt den Problemen empathisch gerecht zu werden. Insbesondere der Umgang mit mentaler Gesundheit und verzerrter Körperwahrnehmung, verbunden mit dem Druck, gefallen zu wollen, ist sensibel, aber drastisch und ungeschönt dargestellt. 

"Breakup Season" ist ein dramatisches Buch mit schwarzhumorigen Zwischentönen, das ein schonungslos ehrliches Bild moderner Beziehungen zeichnet, dabei aufwühlt und zutiefst bewegt. 

Freitag, 17. Juli 2026

Buchrezension: Andrea Mara - Alles ihre Schuld

Inhalt:

"Die Adresse ist Tudor Grove 14 – sollte ich noch nicht zu Hause sein, wenn du Milo abholst, passt unsere Nanny auf ihn und Jacob auf." Doch als Marissa Irvine zur vereinbarten Adresse kommt, wo ihr kleiner Sohn zum Playdate eingeladen war, erwartet sie ein Schock: Ihr öffnet nicht Jenny, die Mutter von Jacob. Auch kein Kindermädchen. Und von Milo hat die Frau, die dort wohnt, noch nie gehört. Eine fieberhafte Suche beginnt, doch der vierjährige Junge bleibt spurlos verschwunden. Wer hat Marissa und ihrem Mann diese Falle gestellt? Bald machen böse Gerüchte in der Idylle des Dubliner Vororts die Runde, und eine junge Frau gerät ins Visier der Polizei. Die Wahrheit verbirgt sich hinter abgründigen Geheimnissen, die nun Schicht um Schicht freigelegt werden. 

Rezension:

Der vierjährige Milo ist zum ersten Mal zum Spielen mit einem anderen Jungen verabredet. Als seine Mutter Marissa ihn an der vereinbarten Adresse abholen möchte, öffnet ihr jedoch eine fremde Frau, die Milo gar nicht kennt. Denk Marissa zunächst noch, dass es sich um ein Missverständnis handelt und seine Nanny ihn abgeholt haben könnte, stellt sich auch das als Irrtum heraus. Marissa und ihr Mann Peter müssen sich eingestehen, dass ihr Sohn entführt wurde.
Hilfe bei der Suche erhält Marissa ausgerechnet von Jenny Kennedy, deren Kindermädchen Milo offenbar in ihrer Gewalt hat. Jenny hat Schuldgefühle und die hämischen Kommentare der Nachbarn in dem Vorort von Dublin machen ihr zusätzlich das Leben schwer.

Der Thriller wird in kurzen Kapiteln aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei Marissa und Jenny die beiden Hauptfiguren sind. Neben den Kapiteln in der Gegenwart gibt es Rückblenden in die Vergangenheit wenige Wochen zuvor, die im Wesentlichen schildern, wie sich die handelnden Personen kennengelernt haben.

Die Geschichte handelt von einem Albtraum, der mit der Familie Irvine bangen lässt. Die Suche nach Milo ist spannend, auch wenn die Entführerin frühzeitig durch eine Zeugenaussage entlarvt wird. Die Ungewissheit, was hinter der Entführung steckt, die trotz des Vermögens der Irvines ohne Lösegeldforderung bleibt, sowie die Frage, wer alles daran beteiligt ist, schürt weitere Ängste. Insbesondere als es mehrere Tote gibt, erscheint die Entführung noch rätselhafter.

Durch die Einblicke in den Familienalltag, Zufallsfunde und die Ermittlungen der Polizei ergeben sich Verdachtsmomente gegen verschiedene Personen aus dem engen Umfeld der Irvines.
Gehässige Kommentare von Nachbarn sowie Social Media-Posts zeugen von Neid und Sensationslust und gestalten die Geschichte lebendig und abwechslungsreich. Für Ablenkung sorgen auch die Eheprobleme der Kennedys, die nervende Schwiegermutter, die schwierige Integration in bestehende Strukturen und die Fragen nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. die Kritik an arbeitenden jungen Müttern. 

Der Thriller ist kurzweilig und spannend und überrascht mit einer Auflösung, die man nicht hat kommen sehen, die aber dennoch schlüssig ist und mit ihrer Tragik überzeugt.