Mittwoch, 20. Mai 2026

Buchrezension: Felicitas Fuchs - Rosen im Asphalt

Inhalt:

Linda kommt 1956 in einem Hamburger Krankenhaus zur Welt. Ihre Mutter lässt sie dort schon kurz nach der Geburt zurück. Das Mädchen wächst bei den Großeltern und in Heimen auf, in Armut und ohne Sicherheit, bis sie ein Zuhause findet, in dem sie gefördert wird. Im selben Jahr wird Irmi in Köln in geboren. Ihre Familie ist wohlhabend, aber ihre Mutter ist krank und überfordert. Daher kommt sie zunächst zu Verwandten ins Ausland. Als der Vater sie sechs Jahre später zurückholt, spricht Irmi kein Deutsch und fühlt sich in der eigenen Familie fremd. Zwei Mädchen aus Welten, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Doch als Irmi Linda in einem dramatischen Moment das Leben rettet, werden sie unzertrennlich. Ihre Freundschaft trägt sie durch fünf Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte – geprägt von Verlusten, Hoffnungen und Neubeginnen. 

Rezension:

Linda hatte nie ein beständiges Zuhause. Nachdem ihre alkoholkranke Mutter sie bereits nach der Geburt im Stich gelassen hatte, wuchs sie in Kinderheimen, Pflegefamilien und zeitweise bei ihren Großeltern auf. Als sie aufs Gymnasium kommt, freundet sie sich mit der gleichaltrigen Irmi an, die zwar aus einer wohlhabenden Familie stammt, aber wie sie keine Mutter hat. Diese kam bei einem Autounfall ums Leben, konnte sich aber schon in früheren Jahren nicht um ihre Kinder kümmern, weshalb Irmi bis zu ihrem sechsten Lebensjahr bei ihrer Tante in Amsterdam lebte und Schwierigkeiten hatte, sich in Köln wieder einzuleben. Trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft und Persönlichkeiten, Umzügen und räumlichen Distanzen geben sie sich Halt und sind verlässlich über die Jahrzehnte für einander da und begleiten die andere durch Höhen und Tiefen.

Die Geschichte wird wie im Zeitraffer beginnend ab Januar 1956 erzählt und endet 60 Jahre später. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Kindheit von Linda und Irmi, die prägend für ihr ganzes Leben ist. Auch wenn Irmi privilegiert aufwächst und es ihr materiell an nichts fehlt, ist ihre Mutter nicht in der Lage sich zu kümmern, weshalb Irmi auch keine gemeinsame Kindheit mit ihren drei Geschwistern hat. Linda wird als Kind mehrfach weitergereicht und sieht sich mit Ablehnung und Einsamkeit konfrontiert.
Als erwachsene Frauen trennen sich ihre Wege durch unterschiedliche Berufe und Partnerschaften, sehen sich zeitweise über Monate gar nicht mehr, sind aber insbesondere bei Schicksalsschlägen für einander da und stehen sich bei lebensverändernden Entscheidungen zur Seite. So wechselhaft ihr Leben sein mag, so beständig ist ihre Freundschaft.

Der Roman ist inspiriert von echten Biografien von Linda und ihrem späteren Ehemann. Ihre Leben mit einem schwierigen Start werden mit fiktiven Episoden, Erlebnisse und Personen ausgeschmückt und in die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland eingebettet. Das macht die Geschichte durch wechselnde Ort und bekannte historische Ereignisse vielseitig und authentisch. Die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs sind spürbar, die Probleme eines geteilten Deutschlands, Linksterrorismus, Angst vor Aids und Mauerfall finden selbstverständlich Eingang in die persönlichen Lebenswege von Linda und Irmi.

"Rosen im Asphalt" vermittelt ein lebendiges Bild der damaligen Zeit und zeigt die gesellschaftlichen Veränderungen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart auf. In Bezug auf die beiden Hauptfiguren und ihre Freundschaft bleibt die Geschichte allerdings hinter den Erwartungen zurück, denn aufgrund der vielen Jahre wirkt die Erzählung fragmentarisch und überspringt zwischen den Kapiteln mitunter Jahre und skizziert nur die prägendsten Ereignisse, wobei es sogar zu unnötigen Wiederholungen kommt.
Obschon Freundschaft einen Rahmen des Romans bildet, geht es vor allem um zwei Lebensgeschichten mit abwesenden Müttern, Abschieden und Verlusten. Es geht um Selbstzweifel, um Trennungen und den Wunsch nach Geborgenheit, Sicherheit und Liebe sowie die Suche nach der eigenen Identität. 

Montag, 18. Mai 2026

Buchrezension: Lucy Steeds - The Artist

Inhalt: 

Provence, um 1920. Venez. Kommen Sie. Mehr steht nicht in dem Brief. Und doch sieht sich Joseph Adelaide am Ziel seiner Träume: Er, ein noch völlig unbekannter Journalist, darf den weltberühmten Maler Édouard Tartuffe interviewen, der sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzieht.
In dem abgelegenen Landhaus in der französischen Provinz erwartet Joseph dann allerdings eine Überraschung. Nur wenn er Tartuffe Modell sitzt, darf er über ihn schreiben.
In der flirrenden Sommerhitze erkennt Joseph bald, dass das größte Rätsel jedoch nicht der "Meister des Lichts" ist, sondern Tartuffes Nichte. Ettie kocht, putzt, wäscht Pinsel und erträgt Tartuffes Launen mit unergründlicher Hingabe. Doch etwas brodelt in ihr. Joseph fühlt sich immer mehr zu ihr hingezogen. Und langsam, Schicht für Schicht wie in einem Gemälde, kommt ihr Geheimnis ans Licht. 

Rezension: 

Joseph Adelaide arbeitet für eine Londoner Zeitschrift und erhält im Sommer 1920 die Gelegenheit, ein Interview mit dem zurückgezogen lebenden Künstler Édouard Tartuffe zu führen. In Saint-Auguste s gekommen, trifft er auf einen wortkargen Egozentriker, der keinerlei Bedürfnis verspürt über seine Kunst oder sich zu sprechen. Joseph darf jedoch bleiben, um ihm Modell zu sitzen.
In dem Bauernhaus in der Provence lebt auch Tartuffes Nichte Sylvette, die ihren Onkel scheinbar ergeben bei seiner Arbeit unterstützt. Doch sie hat dunkle Gedanken und verbirgt ein Geheimnis. Mit der Anwesenheit von Joseph verstärkt sich ihre Sehnsucht nach Leben und dem Ende eines Schattendaseins. 

Der Roman beginnt explosiv mit einem Prolog, der neugierig auf den Verlauf der Geschichte macht, aber auch den Kern der Geschichte früh vorwegnimmt. Etties Geheimnis offenbart sich der/ dem LeserIn weit früher als Joseph es wahrhaben kann. Dennoch bleibt eine unterschwellige Spannung um die Frage enthalten, wie diese sich letztlich entladen wird. 

Der Roman konzentriert sich auf die drei Hauptfiguren Tartuffe, Ettie und Joseph, wobei anders als gedacht, der "Meister des Lichts", der gottgleiche Künstler, der auch von Joseph verehrt wird, nur eine untergeordnete Rolle erhält. Er verbleibt weitgehend als Klischee des exzentrischen, schwer umgänglichen Künstlers. 

Die Auswirkungen des Großen Krieges sind im Sommer 1920 noch gegenwärtig. Sowohl Ettie als auch Joseph leiden unter den Erfahrungen, die sie machen mussten. 
Während für Ettie sich das Bauernhaus wie ein Gefängnis anfühlt, ist es für Joseph ein willkommener Fluchtort aus seinem Leben in London. 
Joseph und Ettie teilen, geprägt von Verlusten, Zurückweisung und mangelnder Anerkennung, eine Verletzlichkeit, die sie verbindet. Unweigerlich fühlen sie sich schon bald zu einander hingezogen - ein Verlangen, das unter der strengen Kontrolle Tartuffes nicht sein darf. 

Die Geschichte um Selbstbehauptung und die Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft zur damaligen Zeit ist nicht neu, wird aber bildgewaltig zu einem sinnlichen Leseerlebnis. Eindrucksvoll beschreibt die Autorin das Schaffen eines Künstlers, die bunten Farben im Sommer in der Provence, die Haptik der Lebensmittel, die Arbeit mit Licht und Gemälde mit keinen klassisch schönen Motiven. Die Erzählung, die fiktiv ist, als historischer Roman aber viele Wahrheiten enthält findet jedoch in Bezug auf die Personenentwicklung und Etties Entscheidung ein abruptes Ende. 

Freitag, 15. Mai 2026

Buchrezension: Lena Kupke - Pause

Inhalt:

Nach einem einschneidenden Erlebnis zieht Hanna Hals über Kopf von Berlin in ihre alte Heimat Lüneburg zurück – zu ihren Eltern, in ihr altes Kinderzimmer, das mittlerweile das Büro ihres Vaters ist, samt Drucker, elektrischen Rollos und 90-cm-Gästebett. Doch wie soll das funktionieren: ein Familienalltag von null auf hundert mit drei erwachsenen Menschen, die seit jeher Konflikte lieber unter den Teppich kehren, als sie zu klären? Zwischen alten und frischen Wunden muss Hanna lernen, sich selbst zu heilen und ihre Familie mit anderen Augen zu sehen. Und sie entdeckt, dass einen die Liebe auch in den hilflosesten Momenten findet. 

Rezension: 

Hanna kommt nach einem Zusammenbruch während eines beruflichen Termins ins Krankenhaus und muss sich dort von ihren Eltern abholen lassen, da keiner ihrer Freunde sich die Zeit für sie nehmen kann. Bei ihren Eltern fühlt sich Hanna geborgen, aber mit der Diagnose Panikattacke können die beiden wenig anfangen. Aus einer Nacht werden ungewollt mehr, wobei Hanna sich nur schwer damit abfinden kann, als 36-jährige Frau im ehemaligen Kinderzimmer zu wohnen und sich an die Routinen ihrer Eltern anzupassen. 

Der Grund für Hannas Zusammenbruch wird nicht explizit genannt. Selbst Hanna kann nicht den Gedanken zulassen, der sie so schmerzt. Durch Aussagen und Begegnungen, die sie triggern und für Heulkrämpfe, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sorgen, wird der Auslöser für ihr Trauma die/ dem LeserIn auf schmerzhafte Weise bewusst.  

Die Tabuisierung des "Themas" zeigt die heillose Überforderung von Eltern und Freunden. Hanna erhält zwar mit der Rückkehr nach Lüneburg die Geborgenheit eines Zuhauses, ist aber dennoch auf sich allein gestellt. Zudem ist das Gefühl des Versagens virulent, wenn nichts mehr anderes übrig bleibt, als von Berlin zu den alternden Eltern zu ziehen, die sich durch die Anwesenheit ihres Kindes in ihren gewohnten Abläufen gestört fühlen. 

Die Erzählung wirkt lebensecht und trotz der Trauer, die in Hanna steckt, unfreiwillig komisch, wenn Hanna hinsichtlich ihrer körperlichen Befindlichkeiten oder den nüchternen Blick auf ihre biedere Heimatstadt kein Blatt vor den Mund nimmt. Ihr neuer Alltag, so ereignislos er auch sein mag, wird lebendig und unterhaltsam geschildert. Hanna ist eine nahbare Person, in die man sich sehr gut hineinversetzen kann, insbesondere als sie im weiteren Verlauf der Handlung ihre Gefühle zulässt. Traurigkeit, Scham und Frust bis hin zu Zerstörungswut ringen in Hanna, die sich nicht wahrgenommen fühlt, aber auch niemandem zur Last fallen möchte. 

Eine Pause ist das, was Hanna braucht und was sie erst lernen muss, sich einzugestehen. Die Geschichte ist ehrlich, zeitgemäß und hat ein hohes Identifikationspotenzial, schließlich kann jede an einen Punkt gelangen, an dem sie nicht mehr weiter weiß. 
Der Roman handelt eindrücklich und ungeschönt ehrlich von Trauer, Einsamkeit und mentaler Gesundheit und zeigt, wie schwer der Umgang damit Betroffenen selbst, aber auch den Angehörigen, fällt. 

Mittwoch, 13. Mai 2026

Buchrezension: Meredith Lavender & Kendall Shores - Happy Wife

Inhalt:

Nora passt nicht nach Winter Park, Florida, wo sich alte Küsten-Elite mit neureichen Influencern mischt. Mit 28 Jahren jobbt sie im Country Club und fragt sich, warum alle anderen auf der Überholspur des Lebens an ihr vorbeiziehen. Ihr Schicksal wendet sich, als sie den deutlich älteren Will trifft: Er ist gutaussehend, reich und frisch geschieden. Hals über Kopf verlieben sich die beiden ineinander und feiern kurze Zeit später eine Hollywood-reife Hochzeit.
Doch dann verschwindet Will nach einer Party spurlos. Der Skandal ist perfekt. Hat er seine junge Frau genauso schnell verlassen, wie er sie geheiratet hat? Ist er schon mit der Nächsten durchgebrannt? Oder ist ihm etwas zugestoßen … Hinter vorgehaltener Hand wird viel getuschelt, und Nora gerät unter Verdacht. Um ihre Unschuld zu beweisen, hat sie nur eine Chance: Sie muss Will finden. 

Rezension:

Nora arbeitet mit Mitte 20 als Schwimmlehrerin in einem Country Club, wo die reiche Elite Floridas Zuhause ist. Dort lernt sie den 18 Jahre älteren Will kennen, einen charismatischen Anwalt, der frisch geschieden ist. Sie verlieben sich ineinander und heiraten wenig später spontan im Urlaub in der Karibik. 
Nora fühlt sich in dem elitären Viertel Winter Park nicht wohl und wird von den allermeisten Bewohnern abgelehnt oder argwöhnisch als unpassend für Will betrachtet. Doch Nora macht gute Miene zum bösen Spiel und richtet die Party für Wills 46. Geburtstag aus. In der Nacht darauf verschwindet er spurlos und gilt seitdem als vermisst. Nora gerät in das Visier von Medien und Polizei und stellt Nachforschungen an, um Will zu finden und ihre Unschuld zu beweisen. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wechselt dabei zwischen dem "Davor", der Entwicklung der Liebesgeschichte von Nora und Will und dem "Danach", der fieberhaften Suche nach Wills mysteriösem Verschwinden. 

Nach einer stürmischen Liebeshochzeit gelangt Nora schnell auf den Boden der Tatsachen, als sie in der elitären Gemeinschaft von Winter Park im Vergleich zu Wills Exfrau wie eine Aussätzige behandelt wird und auch Wills Charakter seine Schattenseiten zeigt. Der Reichtum kann ihre emotionale Einsamkeit nicht kompensieren.
Nach Wills Verschwinden wittert Winter Park einen Skandal und würde nur zu gern sehen, dass Nora für das mysteriöse Verschwinden ihres Ehemanns verantwortlich ist.
Nora bewegt sich zwischen Unglaube, Verzweiflung und Wut. Ihre Emotionen sowie der Wunsch, selbst herausfinden, was mit Will passiert ist, sind nachvollziehbar.

Auch wenn es einzelne Hinweise auf Probleme in seiner Kanzlei und insbesondere mit seinem Partner Fritz gibt, kann über den tatsächlichen Grund nur spekuliert werden, insbesondere da es nur wenig Einblicke in die Ermittlungen der Polizei gibt, die erst einmal die neue Ehefrau als Hauptverdächtige führen.
Ohne neuen Input zieht sich die Geschichte ein wenig in die Länge und bleibt hinsichtlich der Bewohner Winter Parks so oberflächlich wie die Menschen selbst. 

"Happy Wife" ist eine solide Mischung aus Krimi, Sozialstudie und Drama, die nicht mörderisch spannend ist, aber bis zum Schluss gut unterhält und zeigt, dass nicht alles Gold ist, das glänzt. 

Montag, 11. Mai 2026

Buchrezension: Ingar Johnsrud - Blendfeuer (Ein Fall für Benjamin & Tong, Band 2)

Inhalt:

Während des norwegischen Nationalfeiertags wird in Oslo ein Mann in einer Tiefgarage regelrecht hingerichtet. Gleichzeitig explodiert über der Ostsee ein Militärflugzeug, das acht ukrainische Soldaten einer Spezialeinheit an Bord hatte - ein Anschlag? Und hängen die beiden Vorfälle womöglich zusammen?
Liselott Benjamin und Martin Tong vom Polizeilichen Sicherheitsdienst sollen die Flugzeugexplosion aufklären – sich aber von dem Mordfall fernhalten. Vor allem aber sollen sie keine Theorien über eine mögliche Beteiligung Russlands in Umlauf bringen. Denn: In Oslo finden geheime Friedensverhandlungen statt. Und diese dürfen unter keinen Umständen gefährdet werden.
Der Druck auf Benjamin und Tong wächst, vor allem, als neben Russland auch norwegische Behörden ins Visier geraten. Welche Rolle spielt Jens Meidell, der Shootingstar der Arbeiterpartei, der sich als Parteivorsitzender in Stellung bringt? Welchen Preis ist er bereit, für den Weg an die Macht zu zahlen? Oder ist auch er nur eine Marionette in einem größeren Spiel? 

Rezension: 

Am 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, fahndet die Polizei nach einem Mann, der wenig später liquidiert in einer Tiefgarage in Oslo aufgefunden wird. Nicht nur der PST ist in den Fall involviert, auch der norwegische Nachrichtendienst zeigt sein Interesse.
Fast zeitgleich explodiert ein norwegisches Militärflugzeug mit acht ukrainischen Soldaten an Bord. Der Verdacht für einen Anschlag fällt auf Russland, aber in diese Richtung soll aus politischen Gründen nicht ermittelt werden, schließlich finden in Norwegen Friedensgespräche mit Russland zur Lösung des Russland-Ukraine-Konflikts statt.
Jens Meidell, ehemaliger Polizeijurist, ist frisch ernannter Justizminister des Landes und gelangt in einen Machtkampf zwischen Politik, Sicherheitsbehörden, Terroristen und fremden Mächten.

"Blendfeuer" ist nach "Echokammer" der zweite Band der Politthriller-Reihe um die beiden Anti-Terror-Ermittler Liselott Benjamin und Martin Tong.
Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven geschildert und zu Beginn fordert es Aufmerksamkeit die verschiedenen Personen und ihre Funktionen zu sortieren, die als bekannt vorausgesetzt werden. Zudem gibt es wiederholt Bezüge auf Band 1, weshalb es empfehlenswert ist, die Reihe chronologisch zu lesen.

Die Handlung ist temporeich und erstreckt sich über vier Wochen, in der sich eine nicht absehbarere Katastrophe anbahnt.
Es geht um Intrigen, Affären, Erpressung, Manipulation,
Spionage und schmutzige Politik, in der Moral nur wenig zählt. Das Szenario ist vor dem Hintergrund des Konflikts in der Ukraine brandaktuell und beängstigend realistisch dargestellt. Es demonstriert anschaulich das schwierige Zusammenspiel von Politik und Sicherheitsbehörden aufgrund unterschiedlicher Interessen.
Die Verbindung von Krieg und Terror stellt die norwegischen Behörden vor Herausforderungen, die keine klare Lösung aufzeigen. Jede Partei erfolgt eine eigene Agenda und möchte ihre Ziele um jeden Preis erlangen. Die Motive sind mitunter zutiefst menschlich und nachvollziehbar, die Strategie jedoch inakzeptabel.
Die Spannung steigt im Kampf um Frieden und Gerechtigkeit, der unerreichbar erscheint. Er erfordert Opfer und mündet in einer Gewaltspirale mit dramatischem Ende.

"Blendfeuer" ist ein raffiniert konstruierter Politthriller, der politische Realität mit packender Fiktion verknüpft. Politische Ränkespiele, Kompetenzgerangel der Behörden und der Kampf gegen Terrorismus ergeben ein realistisches Szenario und skizzieren eine Bedrohung, mit der unbemerkt ein Konflikt auf neutralen Boden gelangen kann.
Das Ende beweist, dass die Geschichte noch längst nicht auserzählt ist und macht Hoffnung auf einen weiteren Band der Reihe. 


Freitag, 8. Mai 2026

Buchrezension: Christine Brand - Vermisst: Der Fall Lucas (Malou Löwenberg, Band 3)

Inhalt:

Privatdetektivin Malou Löwenberg ahnt sofort, dass dieser Auftrag anders ist. Ihre Klientin Lana ist todkrank und hat nur noch einen Wunsch, bevor sie stirbt: Sie möchte ihren Bruder Lucas wiedersehen, der seit sechsundzwanzig Jahren als vermisst gilt. Doch der Auftrag hat einen Haken: Lucas will nicht gefunden werden – er verschwand, nachdem er zwei Mädchen ermordet hatte. Je länger Malou recherchiert, desto sicherer ist sie, dass Lucas noch weitere Frauen getötet hat. Eine Reise in eine zutiefst verstörende Vergangenheit beginnt – bis Malou plötzlich selbst zur Zielscheibe wird. 

Rezension: 

Malou Löwenberg ist nach ihrer Kündigung bei der Polizei als private Ermittlerin mit eigenem Büro in Bern tätig. Die Auftragslage ist dünn und so freut sie sich über den neuen Auftrag einer Kundin, bis sie erkennt, wie heikel dieser ist. Lana Boban liegt im Sterben und hat nur noch einen Wunsch. Sie möchte ihren Bruder Lucas wiedersehen, der vor 26 Jahren Selbstmord begangen haben soll. In einem Abschiedsbrief hatte er den Mord an zwei Mädchen gestanden. Nach einer Nachricht ist Lana jedoch überzeugt davon, dass Lucas noch lebt. 
Malou beginnt zu recherchieren und verdächtigt Lucas schon bald, nicht nur die beiden Mädchen im Jahr 2000 getötet, sondern weiter gemordet zu haben. Sie steht vor einem moralischen Konflikt, den Auftrag ihrer Klientin zu erfüllen und gleichzeitig einen Mörder zu decken. Je tiefer sie sich mit der Vergangenheit beschäftigt, desto gefährlicher wird es für Malou, denn ein Mörder möchte nicht gefunden werden. 

Nach "Der Fall Anna" und "Der Fall Emily" ist "Der Fall Lucas" der dritte Band der "Vermisst"-Reihe um die ehemalige Polizistin Malou Löwenberg, die sich als Privatdetektivin selbstständig gemacht hat. Auch wenn jeder Band von einem eigenen Kriminalfall handelt, ist es empfehlenswert die Chronologie einzuhalten, um Malous persönliche Entwicklung und Beziehungen nachzuvollziehen. Roter Faden der Reihe ist neben der Erledigung ihrer Aufträge die Suche nach ihren leiblichen Eltern.

Der Roman wird überwiegend aus der Perspektive von Malou geschildert, die sich ehrgeizig in ihre Fälle verbeißt und die Gefahr nicht scheut. Daneben gibt es Rückblenden in das Jahr 2000, die Aufschluss über die Geschehnisse von damals geben und Malous gegenwärtige Ermittlungen ergänzen.
Schon bald wird deutlich, dass ein Mörder auf freiem Fuß ist und alles dafür bereit ist zu tun, dass dies so bleibt. Je näher Malou der Wahrheit kommt, desto gefährlicher wird die Lage für sie.

Auch in Band 3 entwickelt sich ein Vermisstenfall zu einen ungelösten Kriminalfall. Als Privatermittlerin hat Malou keine polizeilichen Befugnisse, kann sich jedoch erneut auf die Unterstützung ehemaliger Kollegen und Freunde verlassen.
Die Kapitel sind kurz, was für Dynamik sorgt. Zudem ergeben sich stetig neue Puzzleteile, die für Spekulationen sorgen und die Spannung erhöhen. Auch wenn sich eine Wende in dem Fall frühzeitig abzeichnet, ist die Geschichte aufgrund der noch zu klärenden Ungereimtheiten und der Gefahrenlage für Malou bis zur endgültigen Auflösung durchgängig fesselnd und letztlich doch überraschender als geahnt. 

Dass Malous private Suche noch kein befriedigendes Ende gefunden hat, macht zudem Hoffnung, dass auch die Buchreihe mit einem neuen Vermisstenfall für die Privatdetektivin fortgesetzt werden wird.



Mittwoch, 6. Mai 2026

Buchrezension: Tiffany Crum - This Story Might Save Your Life

Inhalt:

Was dich nicht umbringt, lässt dich überleben. Das ist das Motto des beliebten Podcasts von Joy und Benny mit Geschichten über Leben und Tod. Sie sind ein eingespieltes Team und als beste Freunde unzertrennlich. Doch eines Morgens ist Joy verschwunden, ihr Ehemann auch. Freiwillig ist sie nicht gegangen. Die Scherben im Badezimmer sprechen eine klare Sprache. Die Polizei nimmt Benny ins Visier, der selbst verzweifelt nach Joy sucht. Und obwohl er verdächtigt wird, sagt er den Ermittlern nichts, als er ein Manuskript findet. Denn Joys Memoiren offenbaren eine Wahrheit, die alles infrage stellt, was er zu wissen glaubte. Sie erzählen von gefährlichen Geheimnissen und einer großen Liebe – und enden abrupt.
Viele dachten, die beiden wären füreinander bestimmt.
Endet ihr gemeinsamer Weg hier?
Ist Benny unschuldig oder nur ein gefährlicher Schauspieler?
Und wie gut kennst du den Menschen, der dir am nächsten steht? 

Rezension:

Benny Abbott und Joy Moore sind beste Freunde und moderieren gemeinsam einen populären Podcast. Wöchentlich begeistern sie ihre Hörer mit einer Mischung aus Comedy und Spannung, wenn sie sich die skurrilsten Survivalgeschichten ausdenken.
Joys Ehemann Xander produziert die Sendung und hat zum finanziellen Erfolg beigetragen.
Doch eines morgens sind Joy und Xander spurlos verschwunden, als Benny zur geplanten Aufnahme kommt und ein zerbrochenes Fenster vorfindet.
Während Benny versucht herauszufinden, was passiert ist, stellt er fest, dass seine beste Freundin Geheimnisse vor ihm hatte und gerät selbst ins Visier der Polizei.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Benny und Joy erzählt. Während Benny sieben Tage unter der Ungewissheit leidet, was mit Joy passiert ist, erfährt man durch Joys unveröffentlichte Memoiren mehr über die gemeinsame Vergangenheit von Joy, Benny und ihrem Ehemann Xander.

Die Geschichte erscheint dabei arg konstruiert, angefangen vom Erfolg des eigenartigen Podcasts, über die wahren Gefühle von Joy und Benny, bis hin zu dem Plan, der hinter dem Verschwinden von Joy steckt.
Es entwickelt sich ein zähes Drama statt ein fesselnder Thriller. Sobald Joys "Geheimnis" durch ihr Manuskript gelüftet ist, verpufft die anfängliche Spannung angesichts eines möglichen Verbrechens. Wendungen ergeben sich letztlich nur durch das realitätsferne Verhalten der Haupt- und Nebenfiguren. 

Die Handlung beruht einzig darauf, dass Dinge verschwiegen und verheimlicht werden, gegenüber den eigenen Freunden, Verwandten und am Ende auch der Polizei. Zu keinem Zeitpunkt wird nachvollziehbar, warum die Situation derart eskalieren musste.
Auch die Art der Erzählweise überzeugt nicht, wenn im letzten Kapitel die Wahrheit anhand von Audio- und Videobotschaften plump präsentiert wird, statt sich aus einer schlüssigen Handlung zu ergeben. Mehr Show than tell hätte der Geschichte gut getan. 



Montag, 4. Mai 2026

Buchrezension: Annabel Monaghan - Summer Romance

Inhalt:

Ali Morris ist ein wahres Organisationstalent - nur mit dem eigenen Leben kommt sie seit dem Tod ihrer Mutter und dem Ende ihrer Ehe nicht mehr klar. Drei Kinder, die Herausforderungen des Alltags und ein kaputtes Herz lassen kaum Raum für Leichtigkeit. Doch dann begegnet ihr Ethan. Charmant, aufmerksam, witzig - und auch noch ziemlich gut im Umgang mit ihrem chaotischen Hund. Zwischen Herzklopfen und kleinen Rückschlägen spürt Ali, dass es manchmal gar nicht darum geht, perfekt zu sein. Sondern mutig. Und wer sagt, dass eine Sommerliebe nicht mehr sein kann als nur ein kurzer Flirt? 

Rezension:

Ali arbeitet als Ordnungscoach und liebt es, das Chaos ihrer Kunden zu beseitigen. In ihrem eigenen Leben sieht es nach dem Tod ihrer Mutter und der Trennung von ihrem Ehemann aber alles andere als aufgeräumt aus. Am Tag, als ihren Ehering abnimmt und endlich wieder eine ordentliche Hose anzieht, trifft sie im Hundepark auf Ethan, dem es nicht ausmacht, von ihrem Hund Ferris markiert zu werden. Was Ali zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist dass Ethan der jüngere Bruder ihrer Freundin Frannie ist, der über den Sommer in Beechwood ist und schon als Teenager ein Auge auf Ali geworfen hatte. 
Ethan ist der erste Mann, von dem sich Ali seit Langem wahrgenommen fühlt und genießt die gemeinsame heimliche Zeit mit ihm. Es soll eine leichte Sommerliebe sein, aber das Vorhaben ist nicht so einfach mit ihren Gefühlen zu vereinbaren. 

"Summer Romance" ist ein Roman voller Herz und Humor, der so lebensecht und ehrlich geschrieben ist. Es fällt leicht, sich in Ali und ihre Lebenssituation hineinzuversetzen, die noch voller Trauer um ihre Mutter ist und die Trennung von Ehemann Pete verarbeiten muss, die sich weit weniger schmerzhaft anfühlt. Als sie versucht, ihr Leben als Mutter dreier Kinder wieder auf die Reihe zu kriegen, begegnet sie Ethan, der für Chaos in ihrem Herzen sorgt. 

Die Geschichte vereinbart mühelos leichte und ernste Themen. Die Dialoge und Charaktere sind so lebendig gestaltet, dass man die Chemie zwischen den Figuren spüren kann. Die Geschichte ist voller Summervibes, Empathie und Herzenswärme, aber auch von einer schmerzlichen Tiefe geprägt. Sowohl Ali als auch Ethan haben Schwierigkeiten, die nachvollziehbar sind, was die Charaktere nahbar macht. Ali muss lernen, mehr für sich selbst einzustehen und das unliebsame Hausfrauen-Image abzulegen, das sie sich übergestülpt hat und Ethan muss sich von seinem Image als unzuverlässiger Junggeselle befreien, das er in Devon zwar abgestreift hat, ihm in seiner Heimat Beechwood aber immer noch nachhängt. 

Die Liebesgeschichte entwickelt sich zart und respektvoll. Es ist keine stürmische Sommerliebe, auch wenn die Funken sprühen. Sie ist emotional und berührend, weshalb man unweigerlich mitfiebert, ob und wie Ali und Ethan ihre Liebe in ihren Alltag integrieren und eine gemeinsame Basis schaffen können. 
Neben der romantischen Liebe ist "Summer Romance" ein Roman über Selbstliebe und Selfcare, der, wie es das Cover verspricht, voller "Herz, Witz und Sehnsucht" ist. Die Entwicklung der Charaktere ist authentisch, die die Notwendigkeit erkennen, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen und dass es nie zu spät für einen Neuanfang ist. 


Sonntag, 3. Mai 2026

Buchrezension: Christoph Peters - Entzug

Inhalt:

„Entzug“ beginnt mit einer Wodkaflasche auf dem Küchentisch einer dreiköpfigen Familie an einem Montagmittag – und der Frage, wie sie da hingekommen ist. Hat der Erzähler sie allen Ernstes dort vergessen, während Frau und Kind auf dem Spielplatz waren? Am Anfang des Romans steht ein Schriftsteller, der trinkt, um schreiben, denken, fühlen zu können. Der irgendwann nur noch trinkt, um zu trinken, bis zu dem Punkt, an dem die Frage lautet: Trinken und sterben oder aufhören und leben? Er beschließt, sich in eine Klinik einweisen zu lassen. „Entzug“ ist ein schonungslos ehrlicher Roman, er handelt von der komplizierten Logistik der Abhängigkeit, vom Betrug an den Menschen, die einem am wichtigsten sind, vom Betrug an sich selbst. Und er erzählt voller Hoffnung vom Weg heraus aus der Hölle der Sucht, zurück in ein Leben, das auch nüchtern wert ist, gelebt zu werden. 

Rezension: 

In seinem autobiografischen Werk beschreibt Peters im ersten Teil eindrucksvoll seinen „Alltag“ als Schriftsteller, der dem Schreiben aber infolge seiner starken Alkoholabhängigkeit nicht mehr nachkommen kann. Als Spiegeltrinker drehen sich seine Gedanken permanent um das Trinken, das „offene“ und gemeinsame Trinken in Gegenwart von Frau und Freunden und das „heimliche“ Trinken von harten Alkoholika. Elementar sind für ihn der nächste Schluck und wo er diesen her bekommt, um mit dem Druck, dem er sich als Schriftsteller ausgesetzt sieht, umgehen zu können. Längst stellt er sich hier schon die Frage, ob er „nüchtern nur einen einzigen Satz zustande bringen würde“ und wie sich „die Leere an meinem Schreibtisch und in meinem Kopf ohne Alkohol überhaupt aushalten lasse.“ Der Autor rechtfertigt seinen Alkoholkonsum mit seiner Tätigkeit, alle Schriftsteller und Künstler seien abhängig gewesen, um kreativ sein und „nie gesehene Verbindungen zwischen Gott und der Welt, Kunst und Leben, Liebe und Tod“ erkennen zu können.

Diese Verknüpfung von Schreiben und Trinken gilt für den Autor aber schon längst nicht mehr; er trinkt, weil er trinken muss. Weil er glaubt, nur noch betrunken funktionieren zu können, als Schriftsteller, als Ehemann und als Vater seiner kleinen Tochter. Eindrucksvoll beschreibt Peters, wie er längst die Kontrolle über sich und das Trinken verloren hat, bis er an den Wendepunkt kommt, an dem er entscheiden muss, ob er so weitermachen will und daran zugrunde gehen wird oder ob er dagegen ankämpft. Er entscheidet sich für das Weiterleben, offen bekennt er sich dazu, Alkoholiker zu sein und Hilfe in Form eines Entzugs zu benötigen, den er dann auch schnell antreten kann.

Ohne den regelmäßigen Konsum von hartem Alkohol ändert sich das Leben des Autors in der Entzugsklinik drastisch. Die Zuflucht, die er im Trinken gesucht und bekommen hat, gibt es nun nicht mehr. Er muss sich der Realität und insbesondere seinem körperlichen, gesundheitlich lebensbedrohlichen Verfall infolge seines jahrzehntelangen Alkoholkonsums stellen. Er zittert, er hat Angst, er wird von anderen als Alkoholiker wahrgenommen. Die Klinik beschreibt er als „Irrenanstalt, die ein Schutzraum ist, hier wundert sich niemand über meinen Zustand, alle sind am Ende, zerrüttete Schatten ihrer Selbst, Wracks, selbst wenn sie Mandalas malen“. Von den anderen Patienten und den Ärzten erfährt er, dass dem ersten Entzug noch weitere folgen, da die Rückfallquote enorm sei. Der Autor erkennt, dass die Entscheidung gegen den Alkohol und für das Leben eine Entscheidung ist, die er nicht nur einmal, sondern jeden Tag aufs Neue zu treffen hat.

Das Buch hat mich sehr bewegt, weil es einen schonungslosen Einblick in die Sichtweise eines Abhängigen gibt und die Abwärtsspirale, in die er durch die Droge Alkohol gerät, beschreibt. Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert und oft muss man sich rechtfertigen, wenn man keinen Alkohol trinken möchte. Auch hier geht Peters darauf ein, wenn er seine Herkunft und die Gepflogenheiten dort beschreibt. Aus gelegentlichem Konsum kann moderater Konsum werden und je nach Veränderung der Lebenssituation auch übermäßiger Konsum. Die Kontrolle zu behalten ist hier schwer, Peters hat sie verloren. 
Das Buch zeigt aber ebenso eindrucksvoll auf, dass man sich diesem Verlust von Kontrolle und der Realität stellen kann, weil man es irgendwann auch muss. Es macht Hoffnung darauf, dass nach einem langen und mühsamen Weg aus der Abhängigkeit wieder ein normales und selbstkontrolliertes Leben möglich ist. 

Freitag, 1. Mai 2026

Buchrezension: J. P. Pomare - Seventeen Years Later

Inhalt:

Die gewaltsame Ermordung der Familie Primrose vor 17 Jahren schockierte die Nation. Damals wurde der junge Maori Bill Kareama wegen des Mordes verurteilt. Podcasterin Sloan Abbott will für ihre Sendung den Fall noch einmal aufrollen. Gemeinsam mit dem Gefängnispsychologen TK, der sich vehement für eine Berufung einsetzte, findet Sloane Beweise, die ein neues Licht auf die Primroses werfen, und es gibt neue Verdächtige. Bills Unschuld ist damit noch lange nicht bewiesen. Können Sloane und TK die Wahrheit ans Licht bringen? Oder sind sie vielleicht schon längst selbst im Visier des Killers? 

Rezension: 

Vor 17 Jahren wurde eine wohlhabende Familie in der Kleinstadt Cambridge in Neuseeland brutal ermordet. Blutverschmiert und am Tatort gesehen, war Bill Kareama, der Privatkoch der Primroses, der prädestinierte Tatverdächtige, der wenige Stunden nach der Tat verhaftet und angeklagt wurde.
Die erfolgreiche True-Crime-Podcasterin Sloan Abbott ist überzeugt, dass Bill kein faires Ermittlungsverfahren gewährt wurde und versucht nun, die Wahrheit herauszufinden. Schon am ersten Tag vor Ort deckt sie Ungereimtheiten in dem Kriminalfall auf, die weitere Zweifel schüren, dass damals sorgfältig ermittelt wurde.

Der Roman wird in der Gegenwart aus den Perspektiven von Sloan und dem Polizeipsychologen Te Kuru geschildert, während die Vergangenheit anhand des von Bill verfassten Manuskripts "Seventeen Years Later" erzählt wird.

Sloan sieht sich einem Justizirrtum auf der Spur und befragt Zeugen und in den Kriminalfall involvierte Personen. Dabei offenbart sie Hinweise, die die Polizei übersehen hat und findet sowohl entlastende als belastende Indizien für die Täterschaft von Bill Kareama, der im Gefängnis sitzt und seine Unschuld beteuert. TK, der Bill für schuldig hält, rollt nach Sloans Kontaktaufnahme den Fall ebenfalls auf.

Für anhaltende Spannung sorgt, dass man sich zu keinem Zeitpunkt sicher sein kann, ob es sich bei Bill Kareama um den wahren Täter oder einen unschuldig Verurteilten handelt. Als Maori könnte er rassistisch vorverurteilt worden sein oder tatsächlich eine unkontrollierte Wut auf seine ehemaligen Arbeitgeber gehabt haben, die ihn falsch verdächtigt hatten, ihrer Tochter zu nahe gekommen zu sein.

Die Suche nach der Wahrheit ist durch zahlreiche falsche Fährten wendungsreich gestaltet. Glaubt man den Tathergang durchschaut zu haben, wird man wiederholt von einer neuen Enthüllung erwischt, die alles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Der Roman entwickelt sich damit von einem Cold Case-Krimi von Hobbydetektiven zu einem wendungsreichen Thriller, wobei es am Ende schon fast zu viele potentielle Täter hagelt. 
Je näher Sloan und TK der Wahrheit kommen, desto bedrohlicher wird das Szenario. Gibt es am Ende Gerechtigkeit für einen Unschuldigen oder den letzten Beweis, dass es sich bei Bill um ein Monster handelt? 

Mittwoch, 29. April 2026

Buchrezension: Miriam Covi - Firefly Island: Gegen die Vernunft (Die Firefly-Island-Reihe, Band 1)

Inhalt:

Die New Yorker Hochzeitsplanerin Holly Parker ist entsetzt: Ihre Großmutter muss ihre Insel Firefly Island vor der Küste Nova Scotias verkaufen. Ausgerechnet die Insel, auf der Holly und ihre beiden Schwestern die schönsten Sommer ihrer Kindheit verbracht haben, bis das Leben sie in völlig unterschiedliche Bahnen lenkte. Als die Schwestern nach Firefly Island reisen, bietet sich unverhofft eine Lösung: Eines von Hollys Brautpaaren sucht kurzfristig eine neue Hochzeitslocation, und Firefly Island eignet sich bestens für romantische Trauungen! Doch der Bräutigam – ein bekannter Schauspieler – sieht offenbar mehr in Holly als nur die Hochzeitsplanerin. Kann Holly ihren verwirrenden Gefühlen auf der Insel aus dem Weg gehen und verhindern, dass die Trauung platzt? 

Rezension:

Holly ist Hochzeitsplanerin in New York City und gerade dabei, die Hochzeit der reichen Influencerin Cassidy und des Netflix-Seriendarstellers Jaxon zu organisieren, als sie erfährt, dass ihre Großmutter auf Firefly Island einen Unfall hatte. Kurzerhand reisen Holly sowie ihre beiden Schwestern, die vor eigenen Herausforderungen stehen und eine Auszeit nötig haben, nach Nova Scotia, wo sie in ihrer Kindheit unbeschwerte Sommer verbringen durften. Doch nun steht die marode Firefly Island Lodge vor dem Verkauf und damit ihre Herzensheimat auf dem Spiel.
Als die Promihochzeit unerwartet vorverlegt werden muss, bringt Holly Firefly Island als Veranstaltungsort ins Spiel. Der Bräutigam ist direkt angetan, hat er doch selbst einen familiären Bezug nach Nova Scotia. Jaxon hat jedoch Gefühle für Holly entwickelt - die Holly klammheimlich erwidert - was die kurzfristigen Planungen nicht einfacher macht. 

"Firefly Island - Gegen die Vernunft" ist der erste Band um drei deutsch-kanadische Schwestern, deren Herzen auf der fiktiven Insel in Nova Scotia höher schlagen.
 
Während auf Firefly Island im Juni die Lupinen blühen und die morsche Lodge der Großmutter repariert werden muss, kommen drei Schwestern aus unterschiedlichen Kontinenten zusammen, um eine lukrative Hochzeit zu organisieren und damit ihren Ort der Kindheit zu wahren. Jede Schwester reist mit emotionalem Gepäck an, aber in Band 1 steht zunächst die jüngste Holly im Vordergrund, die gegen ihre Gefühle für den Bräutigam ankämpft, dessen Hochzeit sie plant. 

Die Geschichte ist lebendig, empathisch und bildhaft beschrieben. Die fiktive Insel im Atlantik wird leicht vorstellbar und weckt nostalgische Gefühle. Die Charaktere sind mit all ihren Eigenheiten liebenswert dargestellt und in Teilen vielschichtiger als gedacht. 

Obschon die organisatorischen Probleme mit der Hochzeit (zu) leicht gelöst werden, wenn in Kürze alte Bekannte gefunden werden, die sich für Infrastruktur, Reparaturarbeiten, Musik, Blumen und Kulinarik verantwortlich zeigen, überwiegen die charmanten Kleinstadtvibes und letztlich soll es vielmehr um den nicht so leicht zu Iösenden emotionalen Konflikt der beiden Hauptfiguren gehen. 

Vor dem Hintergrund vergangener Erfahrungen von Holly und Jack, deren frühere Jahre von Verlusten und Enttäuschungen geprägt waren, ist es nachvollziehbar, dass es ihnen so schwerfallt, zu ihren Gefühlen zu stehen und an einer Hochzeit festzuhalten, die unter keinem guten Stern steht. Neben vielen unterhaltsamen, humorvollen und familiären Szenen rund um das Wiedersehen der Schwestern, der betagten Grandma und ihrer patenten besten Freundin Phyllis, die nicht mit gut gemeinten Ratschlägen hinter dem Berg halten, bleibt die Geschichte bis zum Schluss spannend, wie die vernunftbegabte Holly und der bodenständige Leinwandstar ohne Gesichtsverlust zueinander finden können — denn dass sie das eigentliche Traumpaar sind, steht außer Frage. 

Der Auftaktband "Gegen die Vernunft” ist eine warmherzige Liebesgeschichte ohne übertriebene Dramatik, die an einem Sehnsuchtsort handelt und alle Zeichen auf Neuanfang setzt. Mit ziemlich offensichtlichen Hinweisen macht er bereits neugierig auf die beiden nachfolgenden Bände um die Schwestern Ivy und Rosalie, die "Second Chance” und "Enemys to Lovers” mit Glühwürmchen im Bauch versprechen. Weiter geht es mit Band 2 "Zurück zu dir" am 15. Juli 2026. 


Montag, 27. April 2026

Buchrezension: Claire Douglas - Geliebte Schwester

Inhalt:

Tasha und ihre Schwester Alice ähneln sich wie Zwillinge, dabei könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Tasha ist verheiratet, hat Kinder und lebt in der Nähe ihrer Heimatstadt Bristol. Alice hingegen führt ein luxuriöses Leben, macht Karriere und reist mit ihrem Mann um die Welt. Und doch würden sie einander ihr Leben anvertrauen. Als Tasha dringend Urlaub braucht, schlägt Alice ihr einen Haustausch vor. Aber der Wechsel hat fatale Konsequenzen – Alice wird in der Nacht angegriffen und schwebt in größter Lebensgefahr. Und während Tasha um ihre Schwester bangt, fühlt sie sich in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher. Denn sie ahnt bereits, dass es die falsche Schwester getroffen hat. 

Rezension: 

Tasha und ihre ältere Schwester Alice ähneln sich äußerlich, vertrauen einander blind, führen aber ganz unterschiedliche Leben. Während Tasha in ihrer Heimat in Chew Norton geblieben ist, verheiratet und Mutter von Zwillingen ist, ist Alice als Biochemikerin erfolgreich und lebt mit ihrem wohlhabenden Mann in London.
Als Tasha und ihr Mann Aaron eine Auszeit brauchen, bietet Alice an, mit ihrem Mann Kyle auf die Kinder aufzupassen, damit Tasha und Aaron einen Kurzurlaub in ihrer Wohnung in Venedig verbringen können. Der Aufenthalt endet abrupt, nachdem Alice und Kyle in Tashas Haus überfallen wurden. Zurück in England findet Tasha eine Botschaft: "Du solltest es sein".

Der Roman wird aus mehreren Perspektiven geschildert, wobei der Schwerpunkt auf der Ich-Erzählerin Tasha in der Gegenwart im Oktober 2019 liegt. Daneben gibt es Rückblenden beginnend sechs Monate zuvor und einzelne kursiv gedruckte Abschnitte mit einer hasserfüllten Beobachtung Tashas.

Im Verlauf der Handlung wird bekannt, welches tragische Familienunglück sich im Oktober 1989 in Tashas Kindheit ereignet hat und alle Beteiligten gezeichnet hat. Spuren am Tatort des mutmaßlichen Einbruchs stellen eine Verbindung zur Vergangenheit her, wirken verstörend und mysteriös.

Der Psychothriller hält die Spannung auf einem konstant hohen Niveau. Tasha und Aaron werden in Venedig bedroht, Alice und Kyle in Chew Norton überfallen. Dazu kommt Tage später eine Frauenleiche im Weiher hinter Tashas und Aarons Haus. Wie die einzelnen Ereignisse zusammenhängen, ist kaum zu erahnen. Die Charaktere haben ihre Geheimnisse, die erst allmählich enthüllt werden. Dabei kommt es zu zahlreichen Wendungen, die jedoch am Ende etwas verworren sind.  

"Geliebte Schwester" ist ein diffizil aufgebauter Psychothriller um Neid, Misstrauen und dunkle Familiengeheimnisse, der auf falsche Fährten führt und auf schändliche Art und Weise beweist, dass Blut dicker ist als Wasser.  


Freitag, 24. April 2026

Buchrezension: Quentin Peck - 39 Grad (Die Johannsen-Reihe, Band 2)

Inhalt:

Sie trägt ein weißes Kleid, auf ihrem Gesicht liegt ein unnatürliches Lächeln: So wird eine ermordete Frau in einem Abrisshaus entdeckt. Auf ihrer Haut hat der Täter drei Zahlen hinterlassen. Ein Rätsel – und der Beginn einer Mordserie. Kriminalkommissar Lukas Johannsen und Profilerin Berit Pernstein folgen der Spur des Serienkillers durch die sommerlichen Felder. Der Psychopath spielt mit ihnen, er schickt seine mörderischen Botschaften direkt an Johannsen. Ein gefährliches Duell beginnt, das unter der brütend heißen Augustsonne unausweichlich auf den fatalen Höhepunkt zutreibt. 

Rezension:

Die Augusthitze ist mörderisch. In kurzer Abfolge werden mehrere Frauen im Raum Erfurt getötet. Der Täter inszeniert seine Opfer grausam in der Öffentlichkeit und hinterlässt jeweils dreistellige Zahlen als Botschaft. Dabei scheint er Kriminalkommissar Lukas Johannsen persönlich anzusprechen. Das Opfer mit der Nummer 131 wird an seinem Geburtstag aufgefunden, dann erhält er einen Brief mit der Zahl 137 und die 139 platziert der Täter direkt vor seinem Zuhause. Lukas wird von dem Fall abgezogen und ermittelt privat mit Unterstützung der Profilern Berit Pernstein weiter. Noch bevor sie die Zahlen entschlüsseln können, ist sich Lukas sicher, dass sie es nach fünf Jahren wieder mit dem Puppenmörder zu tun haben. 

"39 Grad" ist nach "Minus 22 Grad" der zweite Band der Reihe um den LKA-Ermittler Lukas Johannsen. Der Roman handelt ein halbes Jahr später und baut auf der Handlung des ersten Bands auf, weshalb eine chronologische Lesefolge empfehlenswert ist. 

Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven geschildert, die neben der Sicht der Ermittler auch die Perspektiven der Opfer und des Täters umfassen. Daneben gibt es Rückblenden in die Jahre 1991/ 1992, die von einer traumatisierten Familie und einem schikanierten Kind erzählen. 

Auf Grundlage der einzelnen Erzählstränge kann frühzeitig über den Täter spekuliert werden. Dabei ist man den Ermittlern mehrere Schritte voraus, die unter Druck stehen, einen wahnsinnigen Serienmörder zu fassen. Die Hinweise aus der Vergangenheit sind dabei fast zu offensichtlich, die eine gequälte Seele präsentieren und auf ein bestimmtes Motiv schließen lassen. 

Beängstigend sind die Szenen, wie der Täter seine Opfer jagt, die er sich nicht willkürlich ausgesucht hat. Für Spannung sorgt zudem, dass er auch Lukas im Visier hat, der trotz seiner Zwangsbeurlaubung weiter ermittelt. Schlüssig setzen sich nach und nach alle Puzzleteilte zusammen, die den Täter enttarnen. Vor dem Zugriff hat er jedoch schon ein neues Opfer ausgesucht, was für ein fesselndes Finale sorgt. 

"39 Grad" ist wie schon "Minus 22 Grad" ein durchdachter Psychothriller, der tief in die Seelen der handelnden Personen blicken lässt, die alle eine bewegte Vergangenheit hinter sich haben. Im Vergleich zu Band 1 sorgt er jedoch nicht für ganz so viel Nervenkitzel und beschließt die Reihe mit einem etwas weichem Thriller-Ende. 

Mittwoch, 22. April 2026

Buchrezension: Rosie Walsh - Du musst mich vergessen

Inhalt:

Zwölf Jahre ist es her, dass sich Carrie und Johan in einer Sommernacht in Thailand das Jawort gaben. Und dass Männer den Strand stürmten und Johan verhafteten. Carrie hat ihn nie wiedergesehen: ihre große Liebe, mit der sie nur einen Abend verheiratet war. Heute führt Carrie mit ihrem Mann Robin und ihren sechsjährigen Zwillingen ein unaufgeregtes, behütetes Leben auf dem englischen Land. Doch dann stolpert sie über einen Internetbeitrag, der ihr klar macht, dass Johan auf freiem Fuß ist und in Schweden lebt. Sofort sind sie wieder da, die Erinnerungen an ihre intensive, leidenschaftliche Beziehung. Und die Erinnerungen an den Schmerz. Carrie muss herausfinden, was damals geschah, selbst wenn das bedeutet, alles aufs Spiel zu setzen, was ihr lieb ist. 

Rezension: 

Im September 2010 heiratet Carrie nach nur wenigen Wochen einer stürmischen Romanze entgegen jeder Vernunft den Schweden Johan am Strand von Thailand. Noch im Glückstaumel der Hochzeitsfeierlichkeiten wird Johan von einem Sondereinsatzkommando der Polizei verhaftet. Die Vorwürfe sind fatal, Johan muss ins Gefängnis und Carrie hört nie wieder von ihm.
Zwölf Jahre später lebt Carrie mit ihrem Mann Robin und ihren Zwillingen im ländlichen Devon in England. Nach jahrelangen Sorgen um die Gesundheit der Kinder möchte sie ihre Karriere als Ärztin fortsetzen. Während der Vorbereitungen auf ihren beruflichen Neustart stößt Carrie auf eine Anzeige im Internet, die ihr bewusst macht, dass Johan seit mehreren Jahren frei in Schweden wohnt. Vor den Kopf gestoßen, dass sich ihre große Liebe nie bei ihr gemeldet hat, nutzt sie die Chance, nach Schweden zu reisen, um Antworten auf ihre drängenden Fragen zu erhalten.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und erzählt abwechselnd aus Carries Sicht, wie sie sich unsterblich in Johan verliebte, wie abrupt sie ihre große Liebe verloren hat und wie sie ein neues Leben ohne ihn anfangen musste und inzwischen eine eigene Familie hat.

Die Geschichte ist bildhaft und emotional geschrieben, wobei der Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart deutlich und Carries Entwicklung von einer frisch verliebten und aufstrebenden Chirurgin zu einer gefestigten Ehefrau und verantwortungsvollen Mutter nachvollziehbar wird.
Der Aufenthalt in Thailand in bunten Farben bis zum grauen Gefängnis lässt Bilder im Kopf entstehen, wobei Ungewissheit herrscht, was Johan getan hat. Umso nachvollziehbarer ist, wie Carrie sich in den nachfolgenden Jahren auf dem Land in England eingeigelt hat, zufrieden mit ihrem treuen und verlässlichen Ehemann ist und den turbulenten Familienalltag mit zwei hyperaktiven Kindern managt. Doch die Frage, was der Mann verheimlicht, zu dem sie so leidenschaftliche Gefühle hatte, lässt ihr keine Ruhe und in der Folge wird Carries Leben zum zweiten Mal auf den Kopf gestellt. 

"Du musst mich vergessen" handelt von einer leidenschaftlichen Liebe, die euphorisch beginnt und sich zu einem wendungsreichen Drama entwickelt. Die Mischung aus Romantik und Thrill, aus einem Feuerwerk an Gefühlen und dem Wunsch nach Beständigkeit entwickelt einen anhaltenden Lesesog. Carries Suche nach Wahrheit ist fesselnd, wobei die weiteren Schwierigkeiten um den beruflichen Wiedereinstig, die Sorge um den an Alzheimer erkrankten Vater und das angespannte Verhältnis zur Mutter die Geschichte noch facettenreicher gestalten und der Entwicklung der Haupt- und Nebenfiguren Glaubwürdigkeit verleihen. 
Obschon am Ende bezweifelt werden kann, ob nicht zu viele abenteuerliche Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart geknüpft werden, ist "Du musst mich vergessen" eine eindrückliche Geschichte über die Frage, wie gut wir diejenigen kennen, die wir lieben.

Montag, 20. April 2026

Buchrezension: Carley Fortune - Der Sommer unseres Lebens (Die Barry’s-Bay-Reihe, Band 2)

Inhalt:

Frische Luft. Endloser Himmel. Glitzerndes Wasser. Fünfzehn Jahre liegt Alice’ erster Sommer in Barry’s Bay zurück. Als ihre Grandma einen Unfall hat, weiß sie sofort, dass die malerische Landschaft am See der perfekte Ort für eine Auszeit ist. Kaum sind sie angekommen, trifft Alice auf ihren Nachbarn – und traut ihren Augen nicht: Vor ihr steht Charlie Florek. Sie waren Jugendliche, als sie zufällig das Foto von ihm machte, mit dem ihre Karriere als Fotografin begann. Heute versteckt sich Alice die meiste Zeit hinter der Kamera und hält das Leben auf Abstand. Charlie hingegen ist unbeschwert, selbstbewusst und charmant. Nach und nach reißt er Alice‘ Mauern ein, und schnell ist er mehr als nur ein Sommerflirt. Doch immer, wenn es um die Zukunft geht, blockt er ab. Und Alice muss sich fragen, ob ihre Grandma recht hatte und am See wirklich immer nur gute Dinge geschehen. 

Rezension: 

Mit siebzehn Jahren hat Alice zusammen mit ihrer Großmutter Nan und ihren jüngeren Geschwistern einen Sommer am See in Barry's Bay verbracht. Dort hat sie ein Foto von einem Schnellboot mit Teenagern geschossen und beschlossen, Fotografin zu werden.
Als Nan nach einem Unfall Unterstützung benötigt und deprimiert ist, nimmt Alice sie mit dem nostalgischen Wunsch mit nach Barry's Bay, dort fünfzehn Jahre später wieder einen magischen Sommer zu erleben.
Am See trifft sie auf Charlie, einen der Teenager von damals, der heftig mit ihr flirtet und ihre Großmutter wieder zum Lächeln bringt. Auch Alice wird es nach einer schlimmen Trennung wieder leichter ums Herz, aber Charlie, der als Frauenheld gilt, hält sie auf Abstand. Sie einigen sich auf eine Sommerromanze, bis Gefühle dazwischenfunken.

"Der Sommer unseres Lebens” ist der Nachfolgeroman von "Fünf Sommer mit dir”, kann jedoch unabhängig davon gelesen werden, denn das immer noch frisch verliebte Pärchen Percy und Sam hat lediglich einen Gastauftritt und spielt für die Handlung keine wesentliche Rolle. Im Vordergrund stehen Alice Everly und Sams älterer Bruder Charlie, die sich als Teenager in Barry’s Bay begegnet sind und nun als Erwachsene auf einander treffen.

Das Setting in den Sommermonaten am See verbreitet erneut stimmungsvolle Summervibes, die Geschichte selbst plätschert wie der See aber nur dahin. Zwischen Alice und Charlie sprühen zwar sofort die Funken, wobei Charlies anfängliches sehr eifriges Flirten nicht im Einklang mit seiner späteren Abwehrhaltung gegenüber Alice ist. Im Folgenden wirkt auch die Betonung auf eine "Friends with Benefits"-Beziehung anstrengend aufgesetzt.
Ihr Geplänkel wird deshalb auf die Dauer langweilig und auch Alices Hadern mit ihrer Karriere oder die Sorge um ihre Großmutter sind inhaltlich wenig ergiebig. Charlies Grund, um Alice von sich fernzuhalten, erscheint einfach nur konstruiert, um überhaupt für ein bisschen Dramatik zu sorgen. Sein verletzendes Verhalten passt dabei so gar nicht zu dem Traum-Schwiegerenkel, der die Oma zum See trägt, Gurken einlegt, ein Baumhaus für die ungeborene Nichte baut und so viel Fürsorge und Empathie zeigt. Seine Selbstsabotage ist haarsträubend und lassen die männliche Hauptfigur ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

"Der Sommer unseres Lebens" klingt euphorisch, die Geschichte ist es allerdings nicht. Die Slow Burn-Romanze ist vorhersehbar, die Handlung darüber hinaus sehr dünn. Die Charaktere sind ohne wesentliche Kenntnisse über ihre Vergangenheit nur oberflächlich beschrieben. Zudem fehlen echte Konflikte, die der Geschichte Spannung und Dynamik hätten verleihen können.

Freitag, 17. April 2026

Buchrezension: Ken Jaworowski - What about the bodies

Inhalt:

In einer amerikanischen Kleinstadt kreuzen sich die Wege von drei Menschen mit ungewöhnlichen Problemen. Carla steht kurz davor, ein eigenes Restaurant zu eröffnen, als ihr Sohn etwas gesteht, das alles auf den Kopf stellt. Reed, ein junger Mann mit Autismus, begibt sich auf eine nervenaufreibende Reise, um den letzten Wunsch seiner verstorbenen Mutter zu erfüllen. Und die erfolglose Musikerin Liz sucht nach einem Weg, ihre Schulden bei einem brutalen Kriminellen zurückzuzahlen. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie wollen die Kontrolle über ihr Leben zurück. 

Rezension: 

Carla steht kurz vor der Eröffnung ihres Restaurants, als ihr Sohn ihr ein Geständnis macht, das ihren Lebenstraum gefährden könnte. Auch um ihren Sohn vor den Konsequenzen seiner Tat zu schützen, beschließt sie alles zu tun, um sein Geheimnis zu bewahren.
Nach dem Tod seiner Mutter fällt Reed ein Versprechen ein, das er ihr einst gegeben hat. Da der autistische Reed alles wortwörtlich nimmt, ist er fest entschlossen es einzulösen, auch wenn das Ärger mit seinem älteren Bruder bedeutet.
Liz hat endlich den ersehnten Anruf einer Musikproduzentin erhalten und steht kurz vor ihrem Karrieredurchbruch, als ihr kaputtes Auto ihr einen Strich durch die Rechnung macht. Um doch noch nach Nashville zu gelangen, sieht sie sich gezwungen, die Hilfe eines dubiosen Ex-Häftlings in Anspruch zu nehmen, was ihre Schulden nur noch weiter erhöht.
Während bei jedem von ihnen die Situation zu eskalieren droht, kreuzen sich die Wege der Bewohner der trostlosen Kleinstadt Locksburg, die sich bisher nur flüchtig kannten. 


"What about the bodies" ist kein klassischer Kriminalroman, da er nicht von der Aufklärung eines Verbrechens handelt und auch kein Kommissar eine wesentliche Rolle spielt. Im Fokus stehen drei Charaktere, die vom Pech verfolgt erscheinen und Entscheidungen treffen, die sie nur noch mehr in Schwierigkeiten bringen. Sie erhoffen sich eine bessere Zukunft, werden jedoch in kriminelle Machenschaften verwickelt, die ihre Träume gefährden. 

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Carla, Reed und Liz erzählt. Es sind kurze Kapitel mit schnellen Szenenwechseln, die für Dynamik sorgen. Zudem ereignet sich ein wesentlicher Teil der Handlung innerhalb von wenigen Stunden. 
Man wird förmlich in die Geschichte hineingezogen, die sich abenteuerlich entwickelt und schmerzhaft über das Verhalten einzelner Figuren wundern lässt. Man spürt, dass die Situation zu eskalieren droht und am Ende alles nur noch schlimmer aussehen könnte. 

Die drei Handlungsstränge entwickeln sich zunächst unabhängig von einander und haben nur den Wohnort, die unglückliche ehemalige Bergbaustadt Locksburg, gemein - sowie das Problem mit drei Leichen. 
Die Geschichte besticht durch ihren schwarzen Humor und anhaltende Spannung. Trotz aller Eigenheiten und Absonderlichkeiten werden alle Handlungsstränge schlüssig zusammengeführt, wobei Wendungen nicht ausbleiben, die die Charaktere in einem anderen Licht dastehen lassen und dem Roman eine unerwartete Tiefe verleihen. 

Mittwoch, 15. April 2026

Buchrezension: Lucy Foley - Sommernacht

Inhalt:

Eine abgelegene Insel vor der wilden Küste Irlands: An einem Sommertag versammeln sich Familie und alte Freunde, um die Hochzeit von Julia und Will zu feiern. Alles ist bis ins kleinste Detail geplant, es soll ein rauschendes Fest werden – doch der Wind dreht, und ein heftiger Sturm schneidet die Insel von der Außenwelt ab. Bald macht das Gerücht die Runde, dass dieser Ort ein schreckliches Geheimnis verbirgt. Und auch unter den Gästen dringen immer unaufhaltsamer alte Feindseligkeiten und lang begrabene Geheimnisse ans Licht. Dann wird einer der Feiernden tot draußen im Moor gefunden. Und die Situation auf der Insel eskaliert. 

Rezension:

Jules und Will sind als Herausgeberin eines Lifestyle-Magazins und Hauptfigur eines Survival-Fernsehformats beruflich erfolgreich und ein glamouröses IT-Pärchen. Für ihre Hochzeit haben sie sich für eine verlassene irische Insel entschieden, auf der ihre Hochzeitsplanerin ein Anwesen hat. Zahlreiche Gäste sind eingeladen, wobei die engsten Freunde und Verwandte bereits einen Tag vorher anreisen. Darunter ist Jules bester Freund und Trauzeuge Charlie, der mit seiner Ehefrau Hannah anreist. Ihr sind seine Freunde unangenehm und sie ist sich unsicher, ob Charlie der Braut nicht zu nahe steht. Jules Schwester Olivia fungiert als Brautjungfer, wirkt aber alles andere als zufrieden mit ihrer Rolle und wird von einem Geheimnis schier erdrückt. Will hat seine Schulfreunde aus Internatszeiten eingeladen, von denen ausgerechnet der unzuverlässige Johnno sein Treuzeuge ist. 
Während der Alkohol in Strömen fließt, zieht ein Sturm auf und nach dem Anschnitt der Hochzeitstorte behauptet eine panische Kellnerin, eine Leiche gesehen zu haben. 

Der Roman handelt in der Gegenwart von der Hochzeitsnacht, die von einer schockierenden Bluttat überschattet wird. Im Vordergrund der Handlung stehen allerdings die Rückblenden in die Stunden zuvor, die aus der Sicht der Braut, der Hochzeitsplanerin und mehrerer Gäste geschildert werden. Dabei zeigen sich nicht nur der Narzissmus und die Verunsicherung einzelner Charaktere, es offenbaren sich allmählich auch die Geheimnisse, die die Personen bergen und welche vergangenen Ereignisse sie untereinander verbinden. 

Die Handlung folgt einem typischen Locked-Room-Szenario auf einer unbewohnten Insel mit widrigem Wetter, Abgeschiedenheit und Stromausfall. Zudem birgt auch die Insel selbst ihre Geheimnisse und wirkt mit ihren Geisterschichten und der gefährlichen Moorlandschaft alles andere als passend für eine sorglose Hochzeitsfeier. 

Von Anbeginn ist bekannt, dass die Feier aus dem Ruder laufen und die Situation eskalieren wird. Für Spannung sorgt deshalb nicht, dass es einen Todesfall geben wird, sondern um wen es sich handelt und welche Abgründe der Anwesenden dazu geführt haben könnten. 

Die kurzen Kapitel, unterschiedlichen Sichtweisen und Wechsel zwischen "Jetzt" und den vorangegangenen Stunden sorgen für Dynamik und anhaltende Spannung. Allmählich offenbaren sich immer mehr Geheimnisse, die einen Wunsch nach Vergeltung erklären und sogar in Bezug auf mehrere Charaktere ein Mordmotiv darstellen könnten. Dabei bleibt bis zum Schluss unklar, wer zur Tat schreiten wird, aber sich so nachvollziehbar erklärt, dass für das Opfer wenig Mitleid übrig bleibt.

Montag, 13. April 2026

Buchreznsion: Catherine Chidgey - Das Buch der Schuld

Inhalt:

England, in einem anderen Jahr 1979. Die Drillinge Vincent, Lawrence und William wachsen in einem Sycamore-Heim für Waisen auf. Das alte Herrenhaus ist abgelegen und weitläufig, die Jungen erhalten Privatunterricht und es fehlt ihnen scheinbar an nichts. Doch warum dürfen sie keinen Kontakt zu Kindern außerhalb der Sycamore-Heime haben? Warum müssen sie täglich eine besondere Pille einnehmen? Und warum träumen alle drei regelmäßig von einem kleinen Mädchen in einem dunklen Wald? Erst als einer der Jungen eines Tages beschließt, die Pille nicht mehr zu schlucken, löst sich ein Geheimnis nach dem anderen auf – und die drei Brüder kommen der finsteren Geschichte auf die Spur, die ihrer Existenz zugrunde liegt. 

Rezension: 

Die 13-jährigen Drillinge Vincent, Lawrence und William leben 1979 in einem Waisenhaus in der ländlichen Gegend von Hampshire, wo sie von drei Müttern betreut werden. Sie müssen von ihren Träumen erzählen, die im Buch der Träume festgehalten werden, lernen ihre Lektionen aus dem Buch des Wissens und ihre Schandtaten werden im Buch der Schuld vermerkt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Arzt, der sie regelmäßig besucht. Er behandelt sie medikamentös gegen den Käfer, an dem sie erkrankt sind.
Als die Regierung beschließt, dass die Sycamore-Heime aus Kostengründen geschlossen werden, werden Familien für die drei Jungen gesucht. Dafür setzt sich die Einsamkeitsministerin ein, während die britische Bevölkerung sich vor den Kindern fürchtet, die bisher gut aufgehoben waren.

Der dystopische Roman, der von einem alternativen Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt, das Auswirkungen auf die Wissenschaft und Forschung hatte, wird aus drei Perspektiven erzählt. Neben Vincent und der Einsamkeitsministerin handelt die Geschichte von der 13-jährigen Nancy, die ihre Eltern von der Gesellschaft fernhalten.

Es ist ein beängstigendes Szenario, das aufgebaut wird. Sowohl die Drillinge, bei denen es sich um die letzten Jungen des Waisenhauses handelt, als auch die gleichaltrige Nancy werden streng von ihren Müttern bzw. Eltern kontrolliert. Als sie älter werden, beginnen sie Fragen zu stellen und die Antworten, die sie erhalten, anzuzweifeln. Die Jungen gewinnen zudem durch die beabsichtigte Schließung des Sycamore-Heims und Sozialisierungstage mehr Freiheiten und können bald den tatsächlichen Grund ihres Aufenthaltes dort und warum so viele Jungen vor ihnen gestorben sind, erahnen.
Als Nancy entdeckt, welches Geheimnis ihre fürsorglichen Eltern verbergen, gerät ihre Identität und ihr ganzes Leben ins Wanken.
Mit der Verbindung von Nancy und den Drillingen steigert sich die bisher unterschwellige Spannung einer Geschichte über Missbrauch und Manipulation.

Obschon der 
Roman auf einer historisch alternativen Realität basiert, ist das Szenario nicht undenkbar. Es geht um die Vereinbarkeit des wissenschaftlichen Fortschritts mit dem Erhalt der Menschenwürde. Solche moralischen Fragen sind zeitlos und machen das Buch bedeutsam - und im weiteren Verlauf der Handlung so erschreckend. Wird die Geschichte zu Beginn sehr detailverliebt erzählt, wirkt das Ende etwas ideenlos kurz gefasst und wird weg von den Emotionen auf eine faktenbasierende Sachebene gehoben.