Sonntag, 3. Mai 2026

Buchrezension: Christoph Peters - Entzug

Inhalt:

„Entzug“ beginnt mit einer Wodkaflasche auf dem Küchentisch einer dreiköpfigen Familie an einem Montagmittag – und der Frage, wie sie da hingekommen ist. Hat der Erzähler sie allen Ernstes dort vergessen, während Frau und Kind auf dem Spielplatz waren? Am Anfang des Romans steht ein Schriftsteller, der trinkt, um schreiben, denken, fühlen zu können. Der irgendwann nur noch trinkt, um zu trinken, bis zu dem Punkt, an dem die Frage lautet: Trinken und sterben oder aufhören und leben? Er beschließt, sich in eine Klinik einweisen zu lassen. „Entzug“ ist ein schonungslos ehrlicher Roman, er handelt von der komplizierten Logistik der Abhängigkeit, vom Betrug an den Menschen, die einem am wichtigsten sind, vom Betrug an sich selbst. Und er erzählt voller Hoffnung vom Weg heraus aus der Hölle der Sucht, zurück in ein Leben, das auch nüchtern wert ist, gelebt zu werden. 

Rezension: 

In seinem autobiografischen Werk beschreibt Peters im ersten Teil eindrucksvoll seinen „Alltag“ als Schriftsteller, der dem Schreiben aber infolge seiner starken Alkoholabhängigkeit nicht mehr nachkommen kann. Als Spiegeltrinker drehen sich seine Gedanken permanent um das Trinken, das „offene“ und gemeinsame Trinken in Gegenwart von Frau und Freunden und das „heimliche“ Trinken von harten Alkoholika. Elementar sind für ihn der nächste Schluck und wo er diesen her bekommt, um mit dem Druck, dem er sich als Schriftsteller ausgesetzt sieht, umgehen zu können. Längst stellt er sich hier schon die Frage, ob er „nüchtern nur einen einzigen Satz zustande bringen würde“ und wie sich „die Leere an meinem Schreibtisch und in meinem Kopf ohne Alkohol überhaupt aushalten lasse.“ Der Autor rechtfertigt seinen Alkoholkonsum mit seiner Tätigkeit, alle Schriftsteller und Künstler seien abhängig gewesen, um kreativ sein und „nie gesehene Verbindungen zwischen Gott und der Welt, Kunst und Leben, Liebe und Tod“ erkennen zu können.

Diese Verknüpfung von Schreiben und Trinken gilt für den Autor aber schon längst nicht mehr; er trinkt, weil er trinken muss. Weil er glaubt, nur noch betrunken funktionieren zu können, als Schriftsteller, als Ehemann und als Vater seiner kleinen Tochter. Eindrucksvoll beschreibt Peters, wie er längst die Kontrolle über sich und das Trinken verloren hat, bis er an den Wendepunkt kommt, an dem er entscheiden muss, ob er so weitermachen will und daran zugrunde gehen wird oder ob er dagegen ankämpft. Er entscheidet sich für das Weiterleben, offen bekennt er sich dazu, Alkoholiker zu sein und Hilfe in Form eines Entzugs zu benötigen, den er dann auch schnell antreten kann.

Ohne den regelmäßigen Konsum von hartem Alkohol ändert sich das Leben des Autors in der Entzugsklinik drastisch. Die Zuflucht, die er im Trinken gesucht und bekommen hat, gibt es nun nicht mehr. Er muss sich der Realität und insbesondere seinem körperlichen, gesundheitlich lebensbedrohlichen Verfall infolge seines jahrzehntelangen Alkoholkonsums stellen. Er zittert, er hat Angst, er wird von anderen als Alkoholiker wahrgenommen. Die Klinik beschreibt er als „Irrenanstalt, die ein Schutzraum ist, hier wundert sich niemand über meinen Zustand, alle sind am Ende, zerrüttete Schatten ihrer Selbst, Wracks, selbst wenn sie Mandalas malen“. Von den anderen Patienten und den Ärzten erfährt er, dass dem ersten Entzug noch weitere folgen, da die Rückfallquote enorm sei. Der Autor erkennt, dass die Entscheidung gegen den Alkohol und für das Leben eine Entscheidung ist, die er nicht nur einmal, sondern jeden Tag aufs Neue zu treffen hat.

Das Buch hat mich sehr bewegt, weil es einen schonungslosen Einblick in die Sichtweise eines Abhängigen gibt und die Abwärtsspirale, in die er durch die Droge Alkohol gerät, beschreibt. Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert und oft muss man sich rechtfertigen, wenn man keinen Alkohol trinken möchte. Auch hier geht Peters darauf ein, wenn er seine Herkunft und die Gepflogenheiten dort beschreibt. Aus gelegentlichem Konsum kann moderater Konsum werden und je nach Veränderung der Lebenssituation auch übermäßiger Konsum. Die Kontrolle zu behalten ist hier schwer, Peters hat sie verloren. 
Das Buch zeigt aber ebenso eindrucksvoll auf, dass man sich diesem Verlust von Kontrolle und der Realität stellen kann, weil man es irgendwann auch muss. Es macht Hoffnung darauf, dass nach einem langen und mühsamen Weg aus der Abhängigkeit wieder ein normales und selbstkontrolliertes Leben möglich ist. 

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