1959: Die Welt liegt über den Wolken - und die Deutsche Lufthansa verspricht jungen Menschen ein Leben voller Freiheit. Ursula, Jutta und Rosemarie greifen nach diesem Traum. Doch beim Auswahlverfahren in Hamburg sucht die strenge Chefstewardess nur eines: Fliegende Fräuleinwunder! Und sicher nicht das bayerische Landmädel, die schüchterne Ost-Berlinerin und das burschikose Kohlenkind. Doch jede von ihnen trägt etwas in sich, das ihnen überraschend Flügel verleiht.
2018: Ursula ist fast achtzig und verlässt das Haus nicht mehr. Als Telefonseelsorgerin schmiedet sie einen letzten Plan. Da ruft eine Frau an, deren Stimme ihr seltsam vertraut ist. Und schildert Ängste und Erinnerungen, die niemand außer Ursula kennen kann. Auch die kleine Tochter der Anruferin leidet unter Albträumen und Ursula versteht, dass die Vergangenheit nicht mit dem eigenen Tod stirbt. Doch um zu helfen, muss sie sich dem stellen, wovor sie siebzig Jahr lang floh.
Rezension:
1959 sucht die Deutsche Lufthansa Bordpersonal. Unter den zahlreichen Bewerberinnen und Bewerbern schaffen es unter anderem Ursula, Jutta und Rosemarie sich in dem anspruchsvollen Verfahren durchzusetzen. Ursula stammt aus der Nähe von München, wo ihre Eltern eine Gastwirtschaft betreiben. Für ihren Traum von Freiheit und um ihr Fernweh zu stillen, fühlte sich Ursula gezwungen mit ihren Eltern zu brechen.
Noch während des Auswahlverfahrens freundet sie sich mit Jutta, der zarten Ost-Berlinerin, der technikaffinen Rosemarie aus dem Ruhrpott und dem galanten norddeutschen Gert an.
Jahrzehnte später arbeitet Ursula bei der Telefonseelsorge. Den Tod vor Augen erhält sie einen anonymen Anruf einer alleinerziehenden Mutter, die ihr von ihren Nöten berichtet. Ihre Schilderungen bewirken, dass sich Ursula ihrer Vergangenheit stellt, vor der sie seit 70 Jahren auf der Flucht ist.
Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, wobei die Vergangenheit mit dem Traum vom Fliegen, der Entwicklung der zivilen Luftfahrt und die Freundschaft im Kolleginnenkreis klar im Vordergrund stehen.
Der Zeitgeist ist bildhaft und eindrücklich geschildert. Man erhält nicht nur einen umfangreichen Blick auf das Berufsbild der Stewardess, sondern auch auf die gesellschaftlichen Konventionen der 1960er-Jahre. Die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs sind spürbar, aber insbesondere auch die Verhaftung in traditionellen Rollenbildern. Die fiktiven Schicksale berühren und werden unangestrengt mit den historischen Begebenheiten verknüpft.
Es ist eine lebendige Zeitreise mit authentischen Figuren, die während ihres beruflichen Werdegangs gut zehn Jahre begleitet werden und an für damalige Verhältnisse exotische Orte führt und Kontakt zu unterschiedlichen Kulturen ermöglicht. Ursulas Fernweh wird gestillt, nicht aber die Sehnsucht nach Liebe. Darüber hinaus ist sie von einem Trauma gezeichnet, dass sie selbst so viele Jahre später in der Gegenwart des Jahres 2018 belastet. Auch diese Erzählebene berührt, mutet jedoch aufgrund der zahlreichen Zufälle wie ein Märchen an.
"Über uns der Himmel" ist eine vielschichtige, herrlich nostalgische Geschichte über die Anfänge der zivilen Luftfahrt, über Freundschaft, Selbstbestimmung und die Suche nach Glück. Und so steht die Fliegerei auch symbolisch für den Wunsch nach Freiheit der vier Hauptfiguren, die jeweils mit eigenen Sorgen und Nöten zu kämpfen hat.

