Montag, 31. August 2026

Buchrezension: Helen Russell - Laura Clark ist dann mal weg

Inhalt:

Der Aufzug klemmt, die Kaffeemaschine tropft, im Büro stapeln sich die Beschwerden, aber niemand tut etwas. Laura Clark ist weg. Einfach so. Ihr Ehemann Mark kämpft mit Handwerkern, die sein Haus überrennen, Tochter Sian sucht verzweifelt in Wäschebergen nach Antworten, und im Büro geht alles drunter und drüber. Niemand, nicht mal ihre beste Freundin, weiß, wo Laura abgeblieben ist. Nur langsam kommt Lauras Umfeld ein unerhörter Gedanke: Könnte ausgerechnet Laura, die sich immer aufopferungsvoll um alles und jeden gekümmert hat, ihr Leben, ihre Familie und ihre Freunde einfach hinter sich gelassen haben? 

Rezension: 

Eine Abwesenheitsnotiz in ihrem beruflichen E-Mail-Account ist alles, was Laura hinterlassen hat. Sie ist weg und niemand aus ihrer näheren Umgebung hat eine Vorstellung, weshalb und wohin. 
Im Büro wurde sie so selbstverständlich gehalten wie die Tapete, die an der Wand klebt und als Personalmanagerin für alle persönlichen Befindlichkeiten zuständig erachtet. Jetzt gibt es keine Snacks und der Fahrstuhl funktioniert auch nicht. 
Ihr Ehemann, der nur Golf im Kopf hat, wähnt Laura bei einer Beerdigung, schafft es weder Essen zuzubereiten, noch den Hund rechtzeitig nach draußen zu bringen, bevor ein Malheur passiert. 
Die erwachsene Tochter Sian ist nicht weniger hilflos und bedient sich an der Kleidung ihrer Mutter, als keine saubere Wäsche mehr da ist und die Waschmaschine sich nicht von selbst befüllt. 
Lauras Mutter Carol hat ihre eigenen Anliegen, um die sich Laura kümmern soll, braucht aber vielmehr jemanden zum Zuhören, weshalb sie unaufhörlich Lauras Mailbox bequatscht. Einen Rückruf erhält sie nicht. 
Lauras Freundin Ruth erhält ebenfalls keine Antwort auf ihre WhatsApp-Nachrichten an Laura und kämpft sich verzweifelt durch den Alltag als alleinerziehende Mutter von neugeborenen Zwillingen. 

Der Roman ist erfrischend originell aufgebaut, denn die Hauptfigur ist nicht präsent. Das Rätsel um ihr Verschwinden erschließt sich aus den Perspektiven der Menschen aus Lauras Umgebung. Die erste Reaktion ihrer Kollegen oder Familienmitglieder ist nicht etwa Sorge wegen ihres untypischen Verhaltens, sondern vielmehr Irritation, dass Laura nicht zur Verfügung steht. 

Es braucht nicht lange, bis offensichtlich ist, was - oder wer - alles dazu beigetragen hat, Laura in die Flucht zu schlagen. Durch die Sicht der anderen Personen wirkt die Szenerie noch erschütternder, als würde Laura selbst ihr Leid klagen. Denn Laura fehlt nicht als Mensch, sondern in ihrer Funktion als Köchin, Putzfrau, Einkäuferin, Wäscherin, Handwerkerin, Gassigeherin, Angestellte - Mädchen für alles. 

Erst als die Menschen im Chaos versinken, merken sie, was Laura alles stillschweigend erledigt hat und spüren, dass sie Laura gar nicht richtig kannten. 

Die Menschen aus Lauras Umfeld sind lebendig, aber hemmungslos überzeichnet dargestellt. Insbesondere ihr Ehemann wirkt komplett idiotisch, weshalb man sich fragen muss, warum Laura nicht schon viel früher die Reißleine gezogen hat. Dennoch steckt in der ganzen Ironie ein wahrer Kern. Auch wenn viele Szenen von einem scharfsinnigen Blick auf die Rolle einer "mittelalten" Frau zeugen und mit Humor inszeniert sind, bleibt einem das Lachen zumal im Hals stecken. 

"Laura Clark ist dann mal weg" um sich eine wohlverdiente Auszeit zu nehmen. Sie hat sich stets um andere gekümmert und keinerlei Wertschätzung erfahren. Der Roman zeigt sehr deutlich, wie sich eine Frau ausnutzen lässt, bis ein Punkt erreicht ist, an dem sie ihrem Leben nur noch den Stinkefinger zeigen kann. Auch wenn am Ende Laura selbst zu Wort kommt, die man bisher nur direkt über Postkarten an ihre beste Freundin Ruth kannte, die über die Jahre immer weniger euphorisch wurden, ist das Ende ohne direkte Konfrontation mit allen Beteiligten etwas abrupt. 


Samstag, 29. August 2026

Buchrezension: Anne Keßel - Die Lüge in ihrem Gesicht

Inhalt:

Eine Frau schweigt. Seit Stunden sitzt sie auf der Polizeiwache, nachdem ein junger Mann durch ihre Hand starb. Notwehr, sagen die Zeugen. Doch Verhaltenspsychologin Marlene Nielsen, Koryphäe für Mikroexpressionen, spürt: Hier stimmt etwas nicht. Ihr Gegenüber hat sich jede verräterische Regung abtrainiert – bis sie erfährt, wer Marlene ist. Da huscht Furcht über ihr Gesicht. Zwei Frauen, deren eiserner Wille sich in nichts nachsteht, treffen hier aufeinander. Doch die Zeit tickt, denn ohne konkrete Beweise gegen die Unbekannte kann die Polizei sie nicht festhalten. Als Marlene auf eigene Faust ermittelt, wird sie in ein monströses Lügenkonstrukt gezerrt – und muss erkennen: Die Grenze zwischen Täterin und Opfer ist schmaler als gedacht. 

Rezension: 

Eine Frau wird sexuell belästigt und mit einem Messer bedroht. Sie wehrt sich und tötet ihren Angreifer mit einem Handkantenschlag. Videoaufzeichnungen und Zeugen bestätigen die Tötung aus Notwehr. Die Betroffene selbst schweigt bei ihrer Vernehmung. Die hinzugezogene Verhaltens- und Emotionspsychologin Marlene Nielsen, die sich auf die Entschlüsselung von Mimik spezialisiert hat, versucht erfolglos mit der Frau zu sprechen, will jedoch an ihrer Reaktion erkannt haben, dass die Frau nicht in Notwehr handelte. Ohne konkrete Beweise und Ermittlungsansätze kann die Unbekannte auch nicht zur Identitätsfeststellung länger festgehalten werden. 
Marlene, der Lügen zuwider sind, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. 

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven geschildert, wobei Marlene und ihre hartnäckige Suche nach der Wahrheit klar im Vordergrund stehen. Die unterschiedlichen Blickwinkel sorgen allerdings dafür, dass das Motiv der Tat der unbekannten Frau frühzeitig zu erkennen ist. Darunter leidet die Spannung, auch wenn der Fall sich tatsächlich komplexer entwickelt und erst am Ende alle verstörenden Details ans Licht kommen. 

Marlenes Nachforschungen sind neben ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit persönlich motiviert, wobei erst allmählich deutlich wird, was sie in ihrer Vergangenheit geprägt hat. Ihre Fähigkeit, Mimik und Emotionen zu lesen, geht dabei unter und prägt die Handlung weniger als erwartet. 
Neben Marlenes kopflosen, obsessiven Verhalten ist auch die im weiteren Verlauf zu auffällige Vorgehensweise der unbekannten Frau nicht ganz nachvollziehbar. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Frauen sich wiederholt in die Quere kommen und Marlene im Vergleich zur Polizei, die die Ungereimtheiten in dem Fall hinnimmt, so schnell nicht aufgibt und selbst Drohungen stoisch ignoriert.  

Selbst wenn man berücksichtigt, dass die handelnden Personen von ihren Emotionen geleitet werden, muss man Abstriche in Bezug auf eine realitätsnahe Handlung machen. 
Marlenes eigenwillige, schon fast selbstzerstörerische Art mag dabei unprofessionell und enervierend wirken, die Schuldigen bringen sich nach anfänglicher Gerissenheit selbst in Verruf und die Polizei handelt erst spät, aber dann mit Karacho. Der Plot entwickelt sich dennoch zu einem raffinierten Konstrukt aus Lügen, Rache und Trauma. 

Trotz einigen Kritikpunkten ist vorstellbar, dass "Die Lüge in ihrem Gesicht" der Auftakt einer Buchreihe um Marlene Nielsen könnte, die als Expertin für Mikroexpressionen Strafverfolgungsbehörden offiziell bei ihren Ermittlungen unterstützt.

Freitag, 28. August 2026

Buchrezension: Samantha Hayes - Eine zu viel

Inhalt:

Nach dem Tod des Familienvaters Ray lädt Mutter Connie ihre drei Töchter samt Partnern und Kindern in eine abgelegene schottische Lodge ein. Zehn Tage sollen sie dort verbringen: nachtrauern, zusammenrücken, vielleicht neu beginnen. Doch Connie hütet ein brisantes Geheimnis: Rays Testament – und die Wahrheit, die es an die Oberfläche bringen wird. Während Connie den richtigen Moment für ihre Offenbarung sucht, kippt die Stimmung wie das Wetter in den Highlands. Wer steht zu wem? Und was geschieht, wenn die größte Gefahr nicht draußen lauert, sondern mit am Tisch sitzt? 

Rezension: 

Connie Hunter versammelt nach dem Tod ihres Ehemanns ihre Familie in der Ferienlodge in den schottischen Highlands. Sie möchte ihren Töchtern das Testament ihres Vaters eröffnen, mit dem er ein jahrzehntealtes Geheimnis enthüllt, das alle erschüttern wird.
Doch nicht nur Connie hat Probleme, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen. Darby und ihr Schwager Adrian haben ein Geheimnis, das sie verbindet und über das sie schweigen um Darbys Schwester Kate zu schützen. Kate hingegen vermutet, dass Darby und Adrian eine Affäre haben. Die jüngste Schwester Bea ist schwanger und schweigt sich über die wahre Identität des Vater des Kindes aus. Währenddessen ist Darbys Stiefsohn Theo voller Wut und hegt Mordgedanken.
In der aufgeladenen, misstrauischen Stimmung droht die Lage zu eskalieren.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert. Der erste Teil handelt in der Gegenwart und wird aus den Perspektiven von Connie, ihren drei Töchtern und Theo geschildert. Er dient der Vorstellung der Charaktere und demonstriert die Familiendynamik. In den Vordergrund rücken jedoch die kleinen und großen Geheimnisse, die (fast) jeder von ihnen hat und die die vorgebliche Familienidylle nach dem Tod des Patriarchen zu zerstören droht.
Teil zwei handelt 40 Jahre zuvor aus wechselnden Perspektiven von Connie und ihrem Mann Ray. Connies angedeutetes Geheimnis wird darin enthüllt, wirkt aber mit der Offenbarung des Charakters Rays noch einmal erschütternder.
Im dritten und letzten Teil zeigt sich die Tragik der ganzen Familiengeschichte. Es werden nicht nur düstere Geheimnisse offenbart, die zu erahnen waren, es kommt auch noch zu weiteren Enthüllungen, die überraschen und so manchen Charakter in einem anderen Licht stehen lassen.

"Eine zu viel" ist ein spannendes Familiendrama, das vor allem durch die Abgeschiedenheit der Lodge, der Tatsache, dass es bei dem Familientreffen kein einfaches Entkommen gibt und den Verletzungen und Enttäuschungen, denen sich die Protagonisten stellen müssen, Nervenkitzel entwickelt. Gerade am Ende, wenn Sturm und Regen zunehmen und die Figuren sich unberechenbar verhalten, zeigt sich die bedrohliche Lage, die bisher nur unterschwellig zu spüren war.

Nach einem gemächlichen Beginn und sehr plakativ angedeuteten Geheimnissen entwickelt die Geschichte erst am Ende einen regelrechten Sog. Resümierend ist die Familie allerdings mit so vielen Lügen und bösem Blut belastet, dass die Geschichte überkonstruiert wirkt und auch die letzte Wende etwas weit hergeholt erscheint. 




Mittwoch, 26. August 2026

Buchrezension: Sasa Hanten - Talent zum Glück

Inhalt:

Charlotte Maybach und Eby Tusch kennen sich seit der Kindheit. Gemeinsam sind sie im Internat am Bodensee aufgewachsen – eine Freundschaft, die auch Jahre der Distanz überdauert hat. Mit Anfang dreißig lebt Charlotte als Notarin ein funktionierendes, angesehenes Leben, das sie nicht satt macht. Eby, der letzte Spross einer Kölner-Wiener Schaustellerfamilie, hat den Vater durch die Demenz begleitet, das Familienunternehmen übernommen und eine große Liebe verloren. Beide stehen an einem Punkt, an dem nichts mehr selbstverständlich scheint. Als sie sich wieder begegnen, geht es nicht um verpasste Chancen, sondern um offene Fragen: Wie will man leben, wenn man herausgefunden hat, wer man wirklich ist? 

Rezension: 

Eberhard "Eby" Tusch ist Nachkomme einer Kölner Schaustellerfamilie und hat die Leitung des Betriebs mit Sitz in Wien von seinem an Demenz erkrankten Vater übernommen. Gerade hat er ihn am Friedhof Melaten beerdigt und trauert um den charismatischen Playboy. Gleichzeitig leidet er unter der Trennung von Georg, der ihm zwar nie viel versprochen, aber doch überraschend die Beziehung beendet hat. Eby sehnt sich nun nach seiner besten Freundin Charlotte und lädt sie spontan nach Zürich zu einer Kur ein.
Charlotte Maybach und er sind gemeinsam in einem Internat am Bodensee aufgewachsen. Charlotte ist Tochter einer Bäckerei- und Feinkostdynastie und als Notarin mit eigener Kanzlei tätig. Im Gegensatz zu Eby hatte sie nie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, insbesondere zu ihrer Mutter, die sie als kaltherzig empfunden hat. Nach einer längeren Zeit ohne Kontakt freut auch sie sich auf ihren Gefährten aus dem Internat. 


Zunächst steht die Freundschaft gar nicht so sehr im Vordergrund des Romans, denn der jeweils andere spielt im eigenen Leben zu dem Zeitpunkt mit Mitte Dreißig keine wesentliche Rolle. Erzählt wird in längeren Abschnitten abwechselnd aus beiden Perspektiven, wodurch man die Persönlichkeiten, ihre gegenwärtig Lebenssituation, aber auch ihre (gemeinsame) Vergangenheit kennenlernt. Dabei wird deutlich, wie viel sie schon als Kinder von einander gehalten haben und wie eng ihr Verhältnis und ihre zumal experimentelle Freundschaft im Internat wurde. 

Beide stammen aus privilegierten Verhältnissen und sind ohne Geldsorgen groß geworden. Im Internat teilten sie denselben Humor und wurden von anderen aufgrund ihrer Ironie und Wortgewandtheit oftmals für arrogant gehalten. Sie haben Verluste erlitten und sind trotz ihres beruflichen Erfolgs und einem guten Standing in der Gesellschaft einsam. Die Voraussetzungen für Glück sind da, aber greifen oder festhalten können sie es nicht. Ihr Wiedersehen in Zürich wirkt auf beide belebend, während sie in ihrer Kommunikation in alte, bewährte Muster zurückfallen. 

Der Roman lebt weder von großer Dramatik noch von einschneidenden Ereignissen, sondern vielmehr von einer geistreichen Fabulierkunst und einem bunten Reigen aus charmanten Haupt- und Nebenfiguren, die die Geschichte bereichern. Es geht um Freundschaft und Zusammenhalt, den Mut anzuecken und die Freiheit, eigene Wege zu gehen. 

Die Geschichte wechselt zwischen Gegenwart und Erinnerungen an die Vergangenheit. Oftmals wird weit ausschweifend erzählt, was zu Längen führt und sich zumal etwas sprunghaft anfühlt. Trotz vieler witziger Momente voller lebenskluger Aussagen, lebendiger Anekdoten und kölscher Mentalität hat mich die Geschichte am Ende verloren. Die Dialoge von Eby und Charlotte mit einer Aneinanderreihung von Zitaten empfand ich als zunehmend ermüdend - wie ein Außenstehender, der Insiderwitze nicht versteht. Zudem schien mir die "Hungerklinik" als Schauplatz des Wiedersehens mit Charlottes Essstörung als unglücklich gewählt. Wurde nicht auch gewarnt, während einer Fastenkur keine wesentlichen Entscheidungen zu treffen? So unpassend ist dann auch der Schluss, insbesondere da ich den Stimmungswechsel der beiden nicht nachvollziehen und noch weniger fühlen konnte. 

Montag, 24. August 2026

Buchrezension: Kirsty Lockwood - Most Hated Girl

Inhalt:

Ein Vorort von Glasgow. Die neunzehnjährige Odette ist nach dem Tod ihrer Mutter allein. Zufällig lernt sie den über achtzigjährigen Amos kennen, und zwischen den beiden entsteht eine unerwartete Freundschaft. Gemeinsam starten sie einen Kanal in den sozialen Medien, ihre Reels gehen viral. Bis Amos eines Tages vor den Augen der ganzen Welt von Odette ermordet wird und die sich seitdem weigert, auch nur ein Wort zu den Geschehnissen zu sagen. Aber wer war dieser Amos wirklich, und ist Odette tatsachlich das Monster, als das sie online dargestellt wird? 

Rezension: 

Nachdem ihre Mutter verstorben ist, ist die 19-jährige Odette auf sich alleingestellt. Soziale Kontakte hat sie beim Arbeitsamt, wenn sie mit ihrer Sachbearbeiterin spricht und diese schon bald als Freundin empfindet. Ihre einsamen Stunden verbringt Odette in einem Museum, wo sie den älteren Herren Amos Michaels kennenlernt. Amos, der geschieden ist und keinen Kontakt zu seinen Kindern hat, freut sich, dass sich ein Mädchen für ihn interessiert und bietet ihr als väterlicher Ratgeber seine Unterstützung an. Ihre ungewöhnliche Freundschaft geht viral und schon bald haben sie mit simplen Videos aus ihrem Leben Zehntausende Follower auf TikTok.
Ihr letzter Livestream zeigt, wie Odette blutüberströmt auf den wehrlosen Amos einschlägt. Sie wird wegen Mordverdachts verhaftet und schweigt beharrlich. Unter den Augen der Öffentlichkeit ist der Druck auf die Polizei enorm, die Tat aufzuklären. Wie konnte Freundschaft in Hass umschlagen?

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert das "Zuvor" aus der Sicht von Odette, die naiv und im Alltag unbeholfen wirkt. Mit Amos findet sie einen höflichen und souveränen Mann, der ihr in der Not unter die Arme greift. Selbstlos?
Das "Jetzt" beginnt mit der Ingewahrsamnahme der blutverschmierten Odette und wird aus der Perspektive des ermittelnden Polizisten Roger erzählt.  

Obschon man ausgehend vom Mord und dem reißerischen Klappentext einen Thriller erwarten könnte, ist das Buch vielmehr ein verstörendes Drama über soziale Isolation, Manipulation und (Macht-)missbrauch. Sehr früh ist offensichtlich, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird, weshalb sie weniger spannend als gedacht ist. Auch der Aspekt von "Social Media als Gerichtssaal" ist weit weniger relevant.

"Most hated girl" (Im Original "We know what you did" - Warum ein neuer englischsprachiger Titel?) wird unglücklicherweise als Thriller vermarktet und weckt damit Erwartungen, die der Roman nicht erfüllen kann. Die kurzen Kapitel und schnellen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart sorgen für Dynamik und lassen immer noch ein weiteres Kapitel lesen. So wie ganz Schottland eine Erklärung verlangt, blickt man auch als LeserIn gebannt darauf, wie die Situation derart eskalieren konnte. 
Die Geschichte ist mit dem Bezug auf Social Media zeitgemäß und relevant, aber längst nicht alles fühlt sich realistisch an - angefangen vom großen Online-Interesse an Amos und Odette, über die Angestellte im Arbeitsamt, die sich als Sozialarbeiterin entpuppt, die Verwandte, die sogar in Australien auf die Videos aufmerksam wird oder die Großmutter, die in unmittelbarer Nähe erscheint. 

Der Plot ist grundsätzlich originell, aber mehr mitleiderregend als spannend und leidet in der Umsetzung unter zu vielen weit hergeholten Elementen. 

Samstag, 22. August 2026

Buchrezension: Jenny Jackson - Liebe unter Freunden

Inhalt:

Caroline Lash wagt einen Neuanfang: Für ein renommiertes Schreibstipendium zieht die 28-Jährige New Yorkerin in den idyllischen Küstenort Greenhead, Massachusetts. Kaum ist sie angekommen, wird aus dem Plan, sich ganz dem Schreiben zu widmen, etwas völlig anderes – denn Caroline verliebt sich Hals über Kopf in Van Whittaker. 
Van ist ruhig, aufmerksam und ungekünstelt – ein Kajakfahrer in Fleecejacke, der Caroline mit seiner Wärme sofort für sich gewinnt. Doch zu Van gehört mehr als nur seine Zuneigung: Er ist Teil einer eingeschworenen Clique, deren Bande tief reichen. Bailey, charismatisch und beliebt. Augusta, traditionsbewusst, kontrolliert und geprägt von dem Wunsch nach Stabilität um jeden Preis. Und Fran, direkt, klug und von einem Leben zwischen Verantwortung und Eigenständigkeit geformt. In ihre Welt einzutreten, bedeutet für Caroline mehr als nur Akzeptanz – es bedeutet, sich selbst neu zu verorten.
Was als überwältigende Liebesgeschichte beginnt, wird bald auf die Probe gestellt. Als Van Caroline ein unerwartetes Geständnis macht, gerät nicht nur ihre Beziehung ins Wanken, sondern das fragile Gleichgewicht der ganzen Gruppe. Plötzlich steht Caroline am Rand – und trifft aus Verletztheit eine Entscheidung, die alles verändern wird. 

Rezension: 

Nach Jahren in der New Yorker Verlagsbranche wagt Caroline den mutigen Schritt und zieht für ein Schreibstipendium nach Greenhead, einen Küstenort in Massachusetts. Schon auf der Fahrt dorthin lernt sie Van kennen und verliebt sich Hals über Kopf in den unkomplizierten Umweltwissenschaftler und Naturburschen.
Van ist Teil einer Clique, einer verschworenen Gemeinschaft, die sich seit ihrer Kindheit kennt und inzwischen Familien gegründet haben. Caroline muss sich notgedrungen darin einfinden, fühlt sich jedoch wenig willkommen. Problematisch ist das Verhältnis zu Bailey, Vans On-Off-Freundin, aber auch zu Augusta, die lieber Bailey und Van als Paar sehen würde.
Während sie Stunden am Strand, beim Sport oder auf Sommerpartys verbringen, sehen sie sich mit unterschiedlichen Schwierigkeiten konfrontiert, die das Erwachsenenleben als Ehefrauen, Mütter, Töchter und Freundinnen mit sich bringen. Bailey muss ihre Gefühle zu Van neu sortieren, Augusta hat den Verdacht, dass ihr Ehemann sie betrügt und Fran hat es satt, immer für alle verantwortlich zu sein, ohne selbst einmal an ihre eigenen Bedürfnisse zu denken. Und dann ist es ausgerechnet Caroline, die als Ausgeschlossene die Leben der anderen ins Wanken bringt.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der vier weiblichen Hauptfiguren geschildert. Während Caroline mit ihrem Umzug nach Greenhead vor einem beruflichen und privaten Neuanfang steht und auch für Bailey ein neuer Lebensabschnitt beginnt, sind Augusta und Fran in festen Beziehungen, haben Kinder und stellen sich den Herausforderungen des Familienalltags.

Durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lebenserfahrungen entwickelt sich die Geschichte kurzweilig und interessant, auch wenn es zunächst Alltagsszenen über Liebe, Freundschaft, Beziehungen und Familie sind. Doch je tiefer man in die Geschichte eintaucht und je mehr die Charaktere selbst über sich preisgeben, desto stärker ist zu spüren, dass in allen Leben etwas im Argen liegt und dass in der Freundesclique versucht wird, den Schein zu wahren, dass nach außen hin alles in Ordnung ist.

Die Charaktere wirken häufig jünger als Mittdreißiger und scheinen krampfhaft an einem sorgenlosen, chaotischem Leben von Jugendlichen festhalten zu wollen. Trotz der Verantwortung für Kinder kommt es zu Alkoholexzessen und zu einer Verharmlosung des Konsums pflanzlicher Drogen. Mit ihrer Überforderung und ihren Fehlern wirken die Charaktere jedoch menschlich und nahbar.

Was als Sommerroman beginnt, entwickelt sich zu keinem leichten Beachread. Es werden Entscheidungen getroffen, die verheerende Auswirkungen haben und über Jahrzehnte gepflegte Freundschaften und Beziehungen in Frage stellen lassen.

Die Geschichte ist stark charaktergesteuert, bis ein Ereignis für Spannung und Dramatik sorgt, indem jede Beziehung auf den Prüfstand gestellt wird. Es ist eine Dynamik, die für Unordnung sorgt, aber letztlich reinigend wirkt.

"Liebe unter Freunden" handelt von Geheimnissen, Verrat und Demütigung, aber auch von Vertrauen, Loyalität und Versöhnung. In den knapp zwei Jahren, in denen die Geschichte mit scharfsinniger Beobachtungsgabe und trockenem Humor erzählt wird, macht jedes Mitglied der Clique eine sichtbare und glaubwürdige Entwicklung durch. Trotz ihrer Sehnsucht nach dem Lebensgefühl der Zwanziger erscheinen sie nun endlich bereit, erwachsen werden zu wollen. 


Freitag, 21. August 2026

Buchrezension: Sara Goodman Confino - Mrs. Diamond träumt von morgen

Inhalt:

Als Beverly Diamond ihren Mann Larry in einer kompromittierenden Situation mit seiner Sekretärin erwischt, bricht ihre Welt zusammen. Was soll eine Vorstadtfrau aus Washington D.C. mit zwei kleinen Kindern und ohne Abschluss oder finanzielle Unterstützung im Jahr 1962 tun? Den Mistkerl mit seinen eigenen Waffen schlagen, natürlich. Bev schließt sich dem Wahlkampteam von Larrys Gegner an. Sie und Wahlkampfleiter Michael bilden ein gutes Gespann. Vielleicht in mehr als einer Hinsicht. Wenn Bev Michael nur davon überzeugen könnte, sich mehr um Frauenfragen zu kümmern. Dann könnte sie Larry zeigen, wie sehr er sie während ihrer gesamten Ehe unterschätzt hat – und dabei ihre eigenen Träume verwirklichen. 

Rezension:

Beverly Diamond hat ihren Ehemann Larry als Hausfrau und Mutter der beiden gemeinsamen Kinder stets unterstützt und den Rücken frei gehalten. Zum Dank betrügt er sie mit seiner Sekretärin und zeigt keine Spur von Reue. Beverly lässt sich davon nicht unterkriegen, setzt ihren Mann vor die Tür und nimmt ihr Leben selbst in die Hand, selbst wenn sie befürchten muss, als geschiedene Ehefrau im Jahr 1962 an den Rand der Gesellschaft zu rücken.
Beverly sucht sich Arbeit und überzeugt Michael Landau, den Gegenkandidaten und Außenseiter im Wahlkampf für den Senatorposten in Maryland, sie in sein Team aufzunehmen. Als Tochter eines ehemaligen Kongressabgeordneten kennt sie sich mit Politik aus und ist sich sicher, die richtigen Akzente zu setzen. Beverly möchte damit nicht nur Michael unterstützen. Für sie wird der Wahlkampf auch zu ihrem persönlichen Rachefeldzug gegen Larry, den Wahlkampfleiter des amtierenden Senators.

"Hinter jedem guten Mann steht eine noch bessere Frau". Der Meinung ist nicht nur Beverlys resolute Mutter, die Aussage dominiert die Geschichte über schlagfertige Frauen, die nicht mehr nur im Hintergrund die Strippen ziehen möchten.

Der Roman ist eine lebendige und unterhaltsame Zeitreise in die 1960er-Jahre. Vor dem Hintergrund des Wahlkampfes um den Sitz im Senat im Jahr 1962 entspannt sich eine Geschichte über Politik und Gesellschaft zur damaligen Zeit, die Rolle der Frau und ihrem Wunsch nach Respekt und Unabhängigkeit. Die Geschichte wirft einen Blick hinter die Kulissen der Politik, wo Geld im Machtkampf regiert und auch mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Sie demonstriert die Dominanz der Upper Class in ihren Country Clubs und das Wirken von Vitamin B, wobei gerade Beverly Fingerspitzengefühl beweist. Daneben zeigt sie das traditionelle Familienleben in einer von Männern dominierten Gesellschaft.

Beverly ist eine starke und authentische Figur, die als Mutter alles für ihre Kinder gibt und aus der Not eine Tugend macht und sich im Scheidungskampf Arbeit sucht, die sie aufblühen lässt.

Die Geschichte bedient so einige Klischees, verliert damit aber nicht ihre Glaubwürdigkeit, sondern ist humorvoll und charmant. Und auch wenn man vermutlich nicht überrascht sein wird, wer der nächste Senator wird und wer im Rosenkrieg den kürzeren ziehen wird, ist die Geschichte spannend und wendungsreich, denn hier ist der Weg das Ziel und der ist sowohl für Michael als auch für Beverly steinig und mit schmutzigen Intrigen gepflastert.

Nach "Sommer fängt mit Freiheit an" ist "Mrs. Diamond träumt von morgen" erneut ein historischer, humorvoller Roman über die Kämpfe, die Frauen ausfechten, wenn sie sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzen und mutig ihren Weg gehen. Neben all dem politischen Spektakel ist es auch eine Geschichte über Frauensolidarität, das starke Band der Familie und die Liebe. 

Mittwoch, 19. August 2026

Buchrezension: S. K. Tremayne - Die Klippe: Ort ohne Wiederkehr (The Roseland, Band 1)

Inhalt:

Chamäleon Otto hilft ihr bei Entscheidungen und ihre Oma ist ihr Tor zur Welt: Die forensische Psychologin Karenza Bray lebt zurückgezogen an der einsamen Küste Cornwalls, seit ihre kleine Tochter auf tragische Weise ums Leben kam.
Als ihr Ex-Mann, Staatsanwalt in Truro, sie um Unterstützung bei einem Fall bittet, will Karenza erst ablehnen. Doch es geht um traumatisierte Kinder, die ihre Hilfe brauchen. Die Mutter der beiden wurde tot an der Steilküste gefunden – jetzt beschuldigen sich der fünfjährige Solomon und die zehnjährige Grace gegenseitig des Mordes.
Bald zieht der rätselhafte Fall Karenza immer tiefer in seinen Bann. Im prächtigen Gutshaus der Familie haben die Schatten Geheimnisse, Solomon spricht mit Geistern und Grace führt eindeutig irgendetwas im Schilde. Karenza vertraut fest auf die Wissenschaft. Ein haunted house, nicht euer Ernst?! Doch dann sieht und hört sie Dinge, die nicht da sein können. 

Rezension:

Karenza Bray lebt nach dem Tod ihrer kleinen Tochter und der Scheidung von ihrem Ehemann zurückgezogen mit Chamäleon und Katze in Cornwall. Sie ist forensische Psychologin und hat früher mit schweren Straftätern gearbeitet. Nun betreut sie ambulant Patienten, aber die Aufträge sind rar, weshalb sie den Fall zweier traumatisierter Kinder annimmt. Deren Mutter ist vor einem Jahr unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen und der Vater ist mit der Situation zu Hause überfordert. Die Kinder leiden unter Halluzinationen und beschuldigen sich gegenseitig, Schuld am Tod ihrer Mutter zu sein. 
Vor Ort in einem jahrhundertealten Gutshaus mit dunklen Geheimnissen fällt es selbst Karenza schwer, die Lage einzuschätzen. Sind die Bewohner dem Wahn verfallen oder spukt es tatsächlich in dem Haus? 

"Die Klippe" ist der erste Band einer neuen Thrillerreihe von S.K. Tremayne, die in Cornwall angesiedelt ist.
Im Mittelpunkt steht die forensische, neurodivergente Psychologin Karenza Bray, die selbst unter einem Verlust leidet und sich auch gerade deshalb mit großem Engagement und Einfühlungsvermögen ihrem neuen Fall widmet, der sie an den Rand des Verstands führt.

Im trüben Novemberregen wirkt das alte Gutshaus mit den teilweise unbewohnten Zimmern, dem verschlossenen Keller und den unerklärlichen Geräuschen noch schauriger. Dazu kommen die Visionen und Halluzinationen, die Karenza nicht nur beobachtet, sondern schon bald am eigenen Leib spürt. Als Wissenschaftlerin sucht sie nach einer logischen Erklärung für den Spuk und die Geister, die die Familie heimsuchen.

Aus der Ich-Perspektive von Karenza geschildert, taucht man tief in die Szenerie und Geschichte ein und möchte das Rätsel um den Klippensturz der Mutter von Karenzas Patienten lösen als auch eine Erklärung für die unheimlichen Vorgänge auf dem Anwesen der alteingesessenen Familie Cornwalls finden.

Die Geschichte entwickelt mit ihrer düsteren Atmosphäre einen Sog und ist mit seinem feinen Grusel spannend bis zum Schluss. Es ist ein Mysterythriller, der trotz paranormaler Elemente nie ins Abstruse abrutscht und mit authentischen Figuren überzeugt. Die Mischung aus detektivischen Gespür, feinfühliger Psychologie und wissenschaftlichen Erklärungsansätzen gestaltet die Geschichte vielschichtig und komplex und die besonderen Eigenheiten der Hauptfigur geben ihr einen einzigartigen Charme, die neugierig auf weitere Teile der Reihe macht. 


Montag, 17. August 2026

Buchrezension: Rebekka Eder - Der geheime Apfelgarten: Getrennte Welten (Die Elbinsel-Saga, Band 1)

Inhalt:

Finkenwerder 1892: Seit dem Tod ihrer Mutter findet die junge Kea Loop nur Trost in deren altem Apfelgarten. Dort will sie den perfekten Apfel züchten. Als endlich ein vielversprechender Sämling keimt, gibt es allerdings ein Problem: Er wächst hinter der Landesgrenze, die ihre Elbinsel Finkenwerder in Hamburg und Preußen teilt – schlimmer noch: hinter der Grenze zu den Rentfelds, ihren verfeindeten Nachbarn. Als Kea dennoch hinüberschleicht, wird sie von Kristen, dem Knecht der Rentfelds, erwischt. Was Keas Apfelprojekt ein jähes Ende bereiten könnte, ist der Beginn einer großen Liebesgeschichte. Ihr Vater indessen hat andere Pläne: Er möchte den alten Streit der Familien beilegen und verlobt Kea mit Tamme Rentfeld. Gleichzeitig bricht in Hamburg die Cholera aus, und die Grenze zwischen Hamburg und Preußen wird unpassierbar. Doch Kea kann Kristen nicht vergessen. Um ihn wiederzusehen, muss sie sich selbst in Gefahr bringen, Klassen- und Landesgrenzen überwinden und ihre alte Welt in Trümmer legen. 

Rezension: 

Kea Loop lebt Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Vater Jakob auf einem Gestüt auf der Elbinsel Finkenwerder. Ihre Mutter ist jung verstorben und den Verlust haben beide nur schwer verwunden. Keas Traum ist es, den verwilderten Apfelgarten wieder aufblühen zu lassen und den Lieblingsapfel ihrer Mutter zu züchten. Doch der Sämling dafür befindet sich hinter der Landesgrenze in Hamburg auf dem benachbarten Anwesen des Obstbauern Rentfeld, mit dem ihr Vater zerstritten ist. Kea wagt sich dennoch heimlich auf das Nachbargrundstück und begegnet dort dem Knecht Kirsten Focke, der ihr seine Unterstützung anbietet.
Nach Jahren der Sehnsucht, als Kirsten sich als Seemann verdingt, treffen sich die beiden wieder an der Grundstücksgrenze und entwickeln zarte Gefühle für einander, während sie an der Fortsetzung von Keas Herzensprojekt arbeiten.
Zeitgleich bricht die Cholera aus und macht einen Grenzübertritt zwischen Hamburg und Preußen unmöglich.

"Der geheime Apfelgarten - Getrennte Welten" ist der Auftaktband der "Elbinsel-Saga", ein historischer Roman um die unangepasste Kea Loop, die lieber auf Bäume klettert und sich die Finger im Garten schmutzig macht, statt sich wie ein Fräulein zu benehmen und sich in die feine Gesellschaft zu integrieren.

Der Roman handelt von Liebe, Freundschaft und großen Träumen und schildert bildhaft die Erschwernisse des Alltags, die Klassenunterschiede und gesellschaftlichen Hemmnisse der damaligen Zeit.
Kea ist eine liebenswerte Hauptfigur, die mit ihrem Eigensinn, ihrem Mut und ihrer Empathie authentisch wirkt. Aber auch das Verhalten der weiteren Personen, die in gesellschaftlichen Zwängen gefangen sind, können sehr gut nachvollzogen werden.

Die Geschichte fesselt durch die Dramatik der Ereignisse mit denen Kea, Kristen und Rosa konfrontiert werden und die Geheimnisse, die zwischen den verfeindeten Familien Loop und Rentfeld stehen.

Die fiktive Geschichte ist anschaulich in den historischen Kontext eingebettet, was insbesondere mit dem Ausbruch der Cholera, aber auch mit den politischen und gesellschaftlichen Grenzen und patriarchalen Strukturen zum Ausdruck gebracht wird.

Wie schon von anderen historischen Dilogien gewohnt, endet der erste Band mit einem Cliffhanger und ungewissen Schicksalen, die ungeduldig Band 2 "Der geheime Apfelgarten - Geteilte Träume" erwarten lassen, der voraussichtlich im April 2027 erscheinen wird.


Samstag, 15. August 2026

Buchrezension: Markus Heitz - Die Villa

Inhalt:

Doreeen und Marina Markert sind Mutter und pubertierende Tochter, die sich bislang eher glücklos durchs Leben schlagen. Doch dann ziehen sie bei einer Zwangsversteigerung endlich einmal das ganz große Los: Zum Schnäppchenpreis kommen sie in den Besitz einer alten Villa im Leipziger Stadtteil Gohlis. Dort scheint sich das Leben der beiden erst einmal in jeder Hinsicht zum Guten zu wenden: Plötzlich laufen die Geschäfte der Mutter, die Teenager-Tochter startet mit ihrer Musik als YouTube-Star durch. Beide finden die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die sie suchen. Aber alles hat seinen Preis: Als Doreen schließlich erkennt, auf welchen Pakt sie und ihre Tochter sich unbewusst eingelassen haben, könnte es bereits zu spät sein.
Währenddessen geht Musiker Ethan in London auf die verzweifelte Suche, wer den brutalen Mord an seiner Mutter begangen hat, und kommt einer unheilvollen Verbindung auf die Spur. Und mit jedem Tag, der vergeht, steigt die Anzahl der Toten. 

Rezension: 

Doreen Markert hat bei einer Zwangsversteigerung für ein Gebot in Höhe von 100 € eine renovierungsbedürftige Villa in Leipzig-Gohlis ergattern können. Dort möchte sie den Traum eines Kunstcafés verwirklichen, während ihre Teenagertochter zunächst wenig begeistert über den Umzug ist. Doch noch während der Renovierung kommt Marina die Idee für einen neuen Song, der ihrer Musikkarriere Schwung verleiht.
Derweil verschwinden Personen aus dem Umfeld von Mutter und Tochter und es mehren sich Todesfälle in der näheren Umgebung der Villa, wobei die Täterschaft rätselhaft bleibt.
In London ist Ethan Ryce erschüttert über den Tod seiner betagten Mutter. Sie und ihre beste Freundin sollen während eines brutalen Streits miteinander einen Herzinfarkt erlitten haben. Ethan stellt Nachforschungen an und kommt okkulten Kreisen auf die Spur, die ihn bis zu der Villa nach Leipzig führen.

Die Geschichte verspricht mit einem Horrorhaus, das ein tödliches Eigenleben entwickelt einen spannenden Gruselfaktor. Die Atmosphäre ist jedoch weniger düster und beängstigend als vielmehr obskur und kryptisch.
Auch wenn offensichtlich ist, dass Ethans Wege ihn irgendwann in den Poetenweg nach Leipzig führen werden, sind die Erklärungen dafür eher dünn und Ethans Suche mehr von Glück und Zufällen geprägt.

In beiden Erzählsträngen werden Personen abgeschlachtet - in der Villa und anderswo, durch die Villa und durch andere Menschen, wobei sich Zusammenhang erst allmählich ergibt und nicht immer nachvollziehbar oder gar logisch erscheint. 
Die Charaktere bleiben blass und austauschbar und auch die im Roman so zentrale Villa hat man nicht bildhaft vor Augen. 

Blutige Szenen und wahnhafte Mörder allein reichen für ein Horrorgefühl nicht aus. Die Geschichte der Villa und die ihrer Bewohner, der Fluch und Okkultismus, bleiben im Vergleich zu den detailliert geschilderten Gemetzeln zu vage und oberflächlich, als dass man gefesselt in die Geschichte hineingezogen würde. 
Die Auflösung am Ende ist passend zur flachen Geschichte eher simpel, auch wenn sie mit dem Fokus auf Macht, Gier und Unersättlichkeit der Menschen zumindest glaubhaft ist. 

Freitag, 14. August 2026

Buchrezension: Tayari Jones - Goodbye, Honeysuckle

Inhalt:

Tür an Tür im ländlichen Louisiana aufgewachsen, verbindet Niecy und Annie mehr als nur Freundschaft: Beide haben sie ihre Mütter nie kennengelernt, und beide sind sie fest entschlossen, diese klaffende Lücke in ihrem Leben zu füllen. Niecy geht nach Atlanta, um am berühmten Spelman College zu studieren. Dort schließt sie sich einem Kreis von selbstbewussten Schwarzen Frauen an und erlebt ihre erste Liebe, muss sich aber auch in einer gnadenlosen Welt des Reichtums behaupten. Annie verschlägt es nach Memphis und mitten hinein in Armut, Sex und Jazz. Abend für Abend mixt sie Cocktails in einem Nachtclub und hofft, dass ihre verschollene Mutter am Tresen auftaucht. Während all der Zeit schreiben Annie und Niecy einander wunderschöne Briefe – bis eine Tragödie ihre Leben wieder zusammenführt und das Band zwischen ihnen auf die Probe stellt. 

Rezension: 

Vernice und Annie wachsen in den 1960er-Jahren in der Kleinstadt Honeysuckle in Louisiana auf und sind seit Kindertagen beste Freundinnen. Beide sind mutterlos - Annie wurde von ihrer Mutter als Baby verlassen und von ihrer Großmutter großgezogen, während Vernices Mutter von ihrem eigenen Ehemann und Vernices Vater erschossen wurde. Sie leiden unter dem Verlust ihrer Mütter, wobei Annie die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgibt. Mit 18 Jahren verlässt sie deshalb Honeysuckle, um ihre Mutter, die sich in Memphis aufhalten soll, zu suchen. Vernice, geprägt von der Erziehung ihrer resoluten Tante, geht nach Atlanta, um am Spelman College zu studieren.
Ihre Wege trennen sich, aber mittels Briefe bleiben die Freundinnen verbunden. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven von Annie und Vernice geschildert, deren Lebenswege sich nach der Schulzeit nicht nur räumlich trennen. Beide Erzählstränge lesen sich deshalb wie eigenständige Geschichten, denn bis auf wenige Briefe gibt es nur vereinzelte gemeinsame Szenen. Der Aspekt der Freundschaft rückt damit lange in den Hintergrund, während sie neue Bekanntschaften schließen und ihren Alltag leben. 

Derweil Vernice passiv agiert und der Verlauf ihrer Geschichte weitgehend ereignislos ist, dreht sich Annies Leben wie besessen darum, ihre Mutter zu finden, die sie verlassen hat. In Bezug auf beide Teilgeschichten ist es nicht einfach, die Verhaltensweisen der naiven Kleinstadtmädchen nachzuvollziehen. Annies Suche nach ihrer Mutter ist verzweifelt und gerade deshalb ist das Ende mit ihrer Reaktion völlig absurd. Vernice studiert, nur um sich dann in die Sicherheit einer Ehe zu flüchten und ihre Gefühle zu verraten. Eine Entwicklung der Charaktere ist nicht ersichtlich und überdies wirkt der Roman episodenartig, lückenhaft und die einzelnen Kapitel zu lose zusammengestückelt. 

Obschon die Segregation Teil der Geschichte ist und mehr oder weniger stark in einzelnen Details in Erscheinung tritt, fehlt dem Roman darüber hinaus eine zeitgenössische Atmosphäre. Er handelt über so viele Jahre, während Vernice und Annie älter werden, aber ein Gefühl für die Zeit wird damit nicht vermittelt. 

Der Roman hat einen vielversprechenden Beginn, aber das Erzähltempo ist im weiteren Verlauf langsam und die Geschichte ermüdend retardierend. Leider sind auch die beiden Hauptfiguren nicht so vielschichtig und interessant, dass sie der Geschichte mehr Spannung oder Emotionen hätten verleihen können. Die erwarteten Themen Mutterlosigkeit, Freundschaft und Rassismus bleiben nur an der Oberfläche und letztlich ist völlig unverständlich, warum Vernice und Annie genau die Wege gehen, die sich ihre Ersatzmütter nie für sie gewünscht hätten. 

Mittwoch, 12. August 2026

Buchrezension: Ilona Bannister - FIVE: Das Ticken der Zeit

Inhalt:

Noch fünf Minuten, bis jemand stirbt: Ist es Emma, die unter der Last des Mutterseins fast zerbricht? Ihr Sohn Gideon, dessen kindliche Unbezähmbarkeit zur gefährlichen Falle wird? Der Geschäftsmann Liam, der in einen Streit mit Emma gerät? Die störrische Wissenschaftlerin Mrs Worth, die endlich ihre Enkel wiedersehen will? Oder der hilfsbereite junge Sonny, der kurz davor ist, sein Leben zu verspielen?
Sie alle warten an einem Londoner Bahnsteig auf den Zug. Einer von ihnen wird dessen Ankunft nicht überleben. Sie alle haben Schicksale. Manche von ihnen haben Geheimnisse. Wir werden alles über sie erfahren, während wir mit ihnen auf den Zug warten. Während der Streit eskaliert. Während Panik ausbricht. Während die Uhr gnadenlos heruntertickt. 

Rezension: 

Fünf Personen treffen morgens auf einem Bahnsteig in London auf einander. Es sind noch fünf Minuten bis der nächste Zug Richtung Victoria-Station eintrifft - und einen von ihnen töten wird.
Als LeserIn wird man von einem allwissenden Erzähler geleitet, der das tödliche Ende ankündigt und spekulieren lässt, um wen es sich bei dem Opfer handelt und ob diese Person den Tod verdient hat. Nahezu alle Personen werden als unsympathische Charaktere eingeführt. Durch Rückblenden lernt man jeden von ihnen besser kennen und beginnt zu begreifen, wie sie zu diesen Menschen geworden sind. 

Beide Erzählebenen sind gleichermaßen spannend. Während sich dramatische Szenen auf dem Bahnsteig abspielen, die Zeit abläuft und der Zug immer näher kommt, werden in längeren Kapiteln die Schicksale der fünf potentiellen Opfer enthüllt. Dabei geht es um traumatische Kindheiten, Verlust und Trauer, um ADHS, Spielsucht, Überforderung und Kränkungen.

Die Charaktere sind vielschichtig, so dass man die vorgefasste Meinung über sie revidiert. Sie alle sind fehlerbehaftet, aber oftmals Opfer der Umstände, die sie geprägt haben. Hat deshalb einer von ihnen den Tod verdient? Oder hat jemand gar die Absicht zu sterben?

Die Geschichte ist stark charakterorientiert und auch wenn das Buch als Roman deklariert ist, fühlt es sich wie ein Thriller an, der die/ den LeserIn durch die direkte Ansprache eng involviert und als Richter oder explizit Gott benutzen möchte. Diese Art der Erzählweise ist raffiniert und erfrischend anders. Es wird an das Gewissen und die Moral appelliert, denn unwillkürlich trifft man eine Entscheidung, wer es am wenigsten verdient hat, weiterzuleben.


Montag, 10. August 2026

Buchrezension: Nova Winter - Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus.

Inhalt:

Ein gellender Schrei. Smilla springt in den eiskalten See und zieht den kleinen Jungen aus der Tiefe. Als er die Augen aufschlägt, trifft es sie wie ein Blitzschlag: Das ist mein Sohn. Unmöglich – sie war nie schwanger.
Die Mutter des Jungen reagiert aggressiv und ist mit ihrem Sohn schnell verschwunden. Doch schon am nächsten Tag trifft Smilla die Frau wieder – sie wohnt im Haus nebenan.
Der Vater Quentin bedankt sich überschwänglich für die Rettung, aber seine Augen bleiben kalt. Und Smillas Mann wird ihr plötzlich fremd. Je mehr Smilla zu verstehen versucht, desto klarer wird: Die Menschen um sie herum lügen. Alle. 

Rezension: 

Smilla ist vor Kurzem mit ihrem Mann Jonas umgezogen, um in der Idylle des Schwarzwalds neu anzufangen. Bei einer morgendlichen Joggingrunde rettet sie einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken und wird von der herbeieilenden Mutter undankbar abgekanzelt. Noch mehr irritiert sie jedoch, dass sie zu dem Jungen eine so vertraute Verbindung verspürt, als wäre er ihr eigener Sohn.
Es stellt sich heraus, dass es sich bei den beiden um ihre Nachbarn handelt. Vater Quentin lädt Smilla und Jonas aus Dankbarkeit zum Abendessen ein, während dem die Stimmung unnatürlich angespannt ist.
Ihre Wege kreuzen sich fortan immer wieder, wobei sich Lou und Quentin in Widersprüche verstricken und offenbar ihre Geheimnisse haben. Doch auch Jonas verbirgt etwas vor Smilla. Plötzlich kann sie niemandem trauen - nicht einmal ihrer eigenen Wahrnehmung.

Der Domestic Thriller ist durch die kurzen Kapitel und schnellen Perspektivwechsel dynamisch geschildert. Die verschiedenen Sichtweisen offenbaren Geheimnisse und lassen vor allem die männlichen Hauptfiguren verdächtig erscheinen, während die beiden Frauen psychisch und/ oder physisch labil wirken, was die Undurchsichtigkeit der Handlung fördert und für anhaltende Spannung sorgt.
Einzelne Rückblenden in die Vergangenheit offenbaren mehr Details über die Hauptfiguren und ihre Geschichte, ohne dass die Zusammenhänge in der Gegenwart unmittelbar klar werden.

Die Geschichte ist von einem andauernden Unbehagen gekennzeichnet und lässt eine Tragödie hinter den mysteriösen Verhaltensweisen erahnen. In dem Thriller geht es nicht um Blutvergießen, sondern um Manipulation und Misstrauen, die die Handlung prägen. Während Wahnvorstellungen die Wirklichkeit verwässern, fesselt die Geschichte bis zur Auflösung der Motive der handelnden Personen, die zwar wahnsinnig, aber dennoch schlüssig erscheinen. 


Samstag, 8. August 2026

Buchrezension: Mhairi McFarlane - Cover Story. Sie haben eine Abmachung – Küssen gehört nicht dazu

Inhalt:

Bel hat aufgrund ihres preisgekrönten Podcasts einen Job als Journalistin bei einer von Englands größten Tageszeitungen gelandet. Im kleinen und wenig glamourösen Zweigbüro in Manchester, in das es sie verschlagen hat, sind sie jedoch nur zu dritt: Bel, ihr gnadenlos ehrgeiziger, aber unterhaltsamer Kollege Aaron, und der neue Praktikant. Als sich herausstellt, dass es sich bei Letzterem um einen über dreißigjährigen Mann namens Connor handelt, nimmt der Beginn ihrer Zusammenarbeit eine ungute Wendung. Bel ist herablassend, Connor feindselig. Der neueste Office-Klatsch: Die beiden hassen sich.
Während Bel an einer richtig großen Story dran ist, gerät Connor ihr in die Quere, und ehe sie sichs versehen, müssen sie alle überzeugen, dass sie ein Paar sind – noch dazu ein bis über beide Ohren verliebtes. Wenn sie es versauen, fliegt Bels Deckung auf und die größte Story, die sie jemals landen wird, löst sich in Luft auf. Und mit ihr jede Chance auf Gerechtigkeit für Bels Informant*innen. 

Rezension: 

Bel ist mit einem erfolgreichen Podcast bekannt geworden und arbeitet nun als Journalistin bei einer Tageszeitung, wobei sie sich das Büro in der kleinen Zweigstelle in Manchester mit ihrem Kollegen Aaron teilt, der sie anhimmelt. Als das eingespielte Team einen neuen Praktikanten erhält, wird die Stimmung frostig. Bel und der Neue, Connor, können sich nicht ausstehen. 
Connor hat sein Leben komplett umgekrempelt, um mit über 30 noch einmal umzuschulen und als Journalist zu arbeiten. Mit dem unglücklichen Start in dem kleinen Büro fühlt sich der Neustart wie die Fortsetzung seiner Pechsträhne an. 
Das Verhältnis zu Bel ändert sich, als ihr Connor ungewollt bei einer Undercover-Story in die Quere kommt. Damit Bels Tarnung nicht auffliegt, müssen sie fortan ein frisch verliebtes Pärchen mimen. Denn Bel ist an einer Enthüllungsgeschichte dran, mit der sie nicht nur ihre Karriere vorantreiben, sondern auch vielen Frauen zu Gerechtigkeit verhelfen möchte. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren Bel und Connor erzählt, wobei der weibliche Part den größeren Anteil hat. Als Charaktere sind sie individuell gezeichnet und haben ihre Ecken und Kanten.
Der Schreibstil der Autorin ist gewohnt voll Wortwitz, was sich vor allem in den spritzigen Dialogen zeigt.

Die Geschichte hat zwei Komponenten, die sich optimal ergänzen. Es handelt sich einerseits um eine Enemies-to-Lovers-Romanze mit Fake-Dating-Anteilen und andererseits um die Offenbarung von Gaslighting und Machtmissbrauch, um Täter zu stellen und Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen. Bel hat ihr eigenen Erfahrungen mit Stalking gesammelt, weshalb ihr ehrgeiziges Handeln aufgrund ihrer Betroffenheit glaubwürdig und nachvollziehbar ist. Connor ist eine typische Green Flag und unterstützt sie bei ihren Recherchen. Aus unbegründet feindseligen Kollegen werden schon bald Verbündete, zwischen denen es anfängt im positiven Sinne zu knistern.

Die Roman handelt von zeitgemäßen Themen im Zusammenhang mit #metoo, die der RomCom Tiefgang verleihen. Allerdings tritt die Undercover-Story nach einem spannenden Start lange auf der Stelle und hat mit investigativem Journalismus nur wenig gemeinsam, bis es zu einer heiklen Situation kommt, die der Geschichte neuen Drive gibt. 
Die Liebesgeschichte ist in ihren Grundzügen inklusive frostigem Schlagabtausch, verwirrenden Gefühlen und Missverständnissen vorhersehbar, verliert aber trotz ihrer langsamen Entwicklung nicht ihren Reiz. Je mehr Zeit die beiden Hauptfiguren miteinander verbringen, desto mehr Funken beginnen zu sprühen. 

Freitag, 7. August 2026

Buchrezension: Lisa Sarah Brandstäter - Tod in heller Sommernacht (Leena Victor ermittelt, Band 2)

Inhalt:

Eine schöne Sommernacht in der Kleinstadt Porvoo bei Helsinki endet für die junge Studentin Lina tödlich. Ein Auto drängt sie von dem sandigen Waldweg ab und überfährt sie brutal. Die Polizei in dem idyllischen Küstenort nahe Helsinki bittet Kommissarin Leena Victor um Hilfe. Bei ihren Ermittlungen stößt sie auf ein Geflecht aus Widersprüchen, heimlichen Affären und perfekt platzierten Lügen. Als ein zweiter Mord den kleinen Ferienort erschüttert und eine junge Frau spurlos verschwindet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, und Leena Victor versucht, das Mosaik Stück für Stück zusammenzusetzen. Denn unter der gleißenden finnischen Mitternachtssonne lauert ein Täter, dessen Rachedurst noch lange nicht gestillt ist. 

Rezension: 

Anfang Juli kommt die Studentin Lina, die über die Semesterferien zu Hause bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter ist, bei einem Verkehrsunfall in dem Ferienort Porvoo ums Leben. Die Spuren lassen darauf schließen, dass Lina absichtlich brutal von einem SUV überfahren wurde. Leena Victor und ihr Partner Sebastian Nyberg von der Mordkommission Helsinki übernehmen den Fall.
Bei ihren Ermittlungen vor Ort stoßen sie auf eine Mauer aus Schweigen und lüften prekäre Geheimnisse. Als ein zweiter Toter aufgefunden wird und der Fall um die getötete junge Studentin gelöst scheint, sind für Leena die Ermittlungen noch lange nicht beendet und ihr Instinkt gibt ihr recht...

"Tod in heller Sommernacht" ist nach "Mord in eiskalter Nacht" der zweite Band um die finnische Kriminaloberkommissarin Leena Victor. Es ist ein klassischer Kriminalroman mit einem abgeschlossenen Fall, weshalb Vorwissen aus Band 1 nicht zwingend notwendig ist, jedoch im Hinblick auf die private Entwicklung Leenas von Vorteil ist.

Der Mordfall wird in kurzen Kapiteln aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Neben den Ermittlern, allen voran Leena, gibt es Szenen aus Täter- und Opfersicht, ohne zu viel zu verraten.
Obgleich Leena und Sebastian früh auf Lügen und Affären in dem idyllischen Küstenstädtchen stoßen, bleibt der Fall um die getötete Studentin lange undurchsichtig. Dies sorgt für anhaltende Spannung und Raum für eigene Spekulationen, wie die einzelnen Puzzleteile zusammengehören. Als LeserIn fühlt man sich unmittelbar in die Ermittlungen einbezogen und kann jeden Schritt nachvollziehen.

Neben der authentisch geschilderten Polizeiarbeit besticht der Roman mit finnischem Lokalkolorit in den Schären, falunroten Holzhäusern und der besonderen Atmosphäre der hellen Sommernächte, die die Ermittler um den Schlaf bringen.
Leena agiert instinktgesteuert und kann wie schon im ersten Band ihr Fachwissen in Bezug auf Sexualdelikte anbringen, denn erneut spielen übergriffiges Verhalten von Männern, häusliche Gewalt und Gaslighting eine Rolle.

Leena und Sebastian sind glaubwürdige Hauptfiguren, die sympathisch sind und für ihren Beruf brennen. Mit den Einblicken in ihre Privatleben wirken sie noch menschlicher und bieten Potenzial für weitere Fortsetzungen. Band 3 „Tod im kalten Abendlicht“ wird voraussichtlich im Herbst 2027 erscheinen. 

Mittwoch, 5. August 2026

Buchrezension: Ubin Eoh - Honey & Blondie

Inhalt:

Honey und Blondie wachsen in den 90er Jahren in Berlin Kreuzberg auf, zwischen Fructis-Shampoo, Cola-Krachern, Diddlmäusen und Prinzenbad. Seit frühen Kindheitstagen verbindet sie eine geheime Superpower: Wenn eine von beiden extreme Angst hat – Zittern, Schwitzen, Herzklopfen bis zum Hals – dann spürt die andere plötzlich dieselben Symptome, egal, wo sie gerade ist. Eine Freundschaft, die magisch ist, weil die beiden durch die radikalste Stufe der Empathie buchstäblich in die Haut der anderen schlüpfen können. Als Blondie schwer erkrankt, ist Honey entschlossen, ihre Freundin zu retten – egal zu welchem Preis. 

Rezension: 

Hyunjeong und Bianca - Honey und Blondie - wachsen in Berlin-Kreuzberg auf, lernen sich im Kindergarten kennen und werden zu besten Freundinnen. In den peinlichsten und schwierigsten Momenten sind sie die Rettung für die jeweils andere. Sie sind sich so nah, dass sie in den Körper der anderen schlüpfen und die Rollen tauschen können. Blondie erfährt damit die Geborgenheit eines trubeligen Familienlebens, aber auch den Alltagsrassismus gegen "Schlitzaugen". Honey genießt die Freiheit und ruhigen Stunden bei einer alleinerziehenden Mutter, aber auch die Last der Verantwortung, wenn eine Familie nur aus zwei Personen besteht.
Zwischen Honey und Blondie passt kein Blatt Papier, sie fühlen sich wie eine Person und werden unzertrennlich gemeinsam erwachsen. Sie sind Freundinnen, Schwestern, Soulmates und immer für einander - insbesondere dann, wenn das Leben kaum aushaltbar ist und ihre Superkraft erfordert. 

Der Roman wird in kurzen Kapiteln im Wechsel aus der Sicht von Honey und Blondie erzählt. Nach dem Einstieg und der bedrückenden Offenbarung, dass Blondie schwer krank ist, erfolgt ein Rückblick in die Vergangenheit und die chronologische Schilderung ihrer Freundschaft mit Freibadpommes, Barbie spielen, Capri-Sonne, Diddl-Maus und MSN, von Kinder-, über Teenager- bis hin zu Erwachsenenproblemen.

Mit seinen 90er- und 2000er-Vibes stimmt der Roman herrlich nostalgisch und bietet für alle LeserInnen im Alter der Autorin viele Déjà-Vu-Momente und Identifikationspotenzial.
Kern des Romans ist das Erwachsenwerden und die unverbrüchliche Freundschaft der beiden Hauptfiguren, die mit Rassismus und Sexismus konfrontiert werden, Kulturunterschiede und Fremdheit verspüren und viele gemeinsame erste Male erleben.

Die Dialoge sind lebensecht und dem Alter der Charaktere angepasst, die mit ihrer offenen Art unheimlich nahbar sind. Ihre Verbundenheit, ihre Freundschaft gegen den Rest der Welt, ist spürbar, selbst ohne den Hauch von Magie, den die Geschichte enthält. Die so bezeichneten Schleckmuschelmomente geben der Geschichte noch etwas Besonderes und machen sie unverwechselbar.

Die Entwicklung von Honey und Blondie von vierjährigen Außenseiterinnen hinzu selbstbewussten Frauen kann lebendig nachvollzogen werden. Die Geschichte ist abwechslungsreich und humorvoll, wobei die Kenntnis über Blondies Erkrankung unterschwellig für Beklemmung, Spannung und die unbedingte Hoffnung sorgt, dass dieses Band nie getrennt werden sollte. 

Montag, 3. August 2026

Buchrezension: Vera Buck - Keine Angst, Darling

Inhalt:

In der Luxussiedlung Sancta Familia in Florida hat Lea endlich, wonach sie sich immer gesehnt hat: ein sicheres Zuhause, eine Tochter, die sie über alles liebt, und einen Mann, der sie auf Händen trägt. Für ihr schillerndes Leben wird sie online von Millionen gefeiert - nur ihre Schwester Paula misstraut der makellosen Inszenierung. Als Lea plötzlich verstummt, reist Paula besorgt von Deutschland nach Florida. Doch in der Sancta Familia ist ihre Schwester nicht. Ihr Mann behauptet, sie sei in einem Retreat. Aber warum gibt es kein Lebenszeichen? Je tiefer Paula in die scheinbar heile Welt der Siedlung eindringt, desto sichtbarer werden die Risse: Strenge Regeln erfordern bedingungslosen Gehorsam. Und Frauen, die sich widersetzen, verschwinden. 

Rezension:

Lea führt ein Bilderbuchleben - gemessen an den Vorstellungen der 1950er-Jahre in einer Gated Community in Florida. Als Tradwife, die für Ehemann und Tochter lebt, kocht, backt und den Haushalt auf Hochglanz führt, hat sie sogar mehrere Social Media-Accounts mit Hunderttausenden Followern, auf denen sie regelmäßig Beiträge aus ihrer heilen Welt postet. 
Als ihre Schwester Paula registriert, dass Leas letzter Content schon Monate zurückliegt und sie sie auch persönlich nicht erreichen kann, macht sie sich Sorgen um ihre entfremdete Schwester und reist nach Florida. 
Dort heißt es, Lea sei auf einem Selbstfindungs-Retreat und nicht erreichbar. Doch Paula stößt bei ihrer Ankunft in der "Sancta Familia" auf Ungereimtheiten und misstraut ihrem Schwager Matt. Sie hinterfragt nicht nur das Leben der Frauen und Kinder in der Community, sondern beginnt auch aktiv nach Lea zu suchen. Eine Einmischung in die strengen Regeln, die nicht ungefährlich ist. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart die nervenaufreibende Suche Paulas nach ihrer Schwester, zu der sie seit ihrer Auswanderung nach Amerika keine enge Verbindung mehr hat. Daneben gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, die erklären, wie Lea dazu gekommen ist, Matt zu heiraten und wie sich ihre Ehe und ihr Familienleben in den sechs Jahren entwickelt haben. 

Auszüge aus einem Haushaltsbuch, getarnt als Tagebuch, sowie Transkriptionen von TikTok-Videos, Werbevideos der Gated Community und Interviews mit Lea ergänzen die Handlung und gestalten sie abwechslungsreich und passend zur Rolle von Social Media noch authentischer. 

Die Geschichte ist verstörender Suspense über ein Leben, das rückständig ist und mit den heutigen Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung nicht kompatibel ist. Frauen entscheiden sich scheinbar freiwillig für ein Leben für die Familie, beschützt und behütet durch einen treusorgenden Ehemann und finden sich in einem Leben aus Grenzen, Kontrolle und Gewalt wieder. 

Durch die lebendige Schilderung wird die Situation von Lea leicht vorstellbar und damit auch die Sorgen, die sich Paula um ihre jüngere Schwester macht, die aus diesem Käfig aus eigenem Antrieb verschwunden sein soll. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und Perfektionismus und einer gefährlichen Abhängigkeit und Unterwerfung ist. 
Fesselnd ist nicht nur die Frage, was mit Lea passiert ist, sondern auch was die dreifache Mutter Paula riskiert, indem sie so hartnäckig nach ihr sucht. Dabei nimmt die Spannung und spürbare Bedrohung auf beiden Erzählebenen stetig zu. 

"Keine Angst, Darling" ist ein dramatischer, zeitgemäßer Spannungsroman über toxische Beziehungen, Manipulation, Inszenierung und eine gefährliche Suche vor dem Hintergrund der zurecht umstrittenen Tradwife-Bewegung, die alle für Frauen erreichten Rechte in Frage stellt und Kontrolle und Isolation hinter Sicherheit und Fürsorge versteckt. 

Samstag, 1. August 2026

Buchrezension: Freida McFadden - Die Psychiaterin: Wurde ihr der Job zum Verhängnis?

Inhalt:

Die beiden frisch vermählten Tricia und Ethan sind auf dem Weg zur Besichtigung eines abgelegenen Anwesens, das bald ihr Zuhause sein könnte. Während Ethan voller Begeisterung ist, spürt Tricia, dass etwas nicht stimmt. Bis vor drei Jahren lebte hier noch die Psychiaterin Dr. Adrienne Hale. Ihr plötzliches Verschwinden damals ging durch die Presse. Weil ein Schneesturm die Straßen unbefahrbar macht, muss das junge Paar die Nacht im Haus verbringen. Dabei entdeckt Tricia ein verborgenes Zimmer voller Kassetten – Aufnahmen von Adriennes Patientensitzungen. Mit jeder Kassette, die sie sich anhört, wird ihr klarer, wie es zu Adriennes Verschwinden kam und dass sie selbst in tödlicher Gefahr schwebt. Denn manche Stimmen schweigen nie. 

Rezension: 

Tricia und Ethan sind auf der Suche nach ihrem Traumhaus und möchten ein abgelegenes Herrenhaus besichtigen. Als sie dort ankommen, ist die Maklerin nicht vor Ort, aber wegen eines Schneesturms verschaffen sich die beiden eigenmächtig Zugang in das Haus. Sie finden heraus, dass die letzte Eigentümerin des Hauses Dr. Adrienne Hale war, eine renommierte Psychiaterin, die vor drei Jahren spurlos verschwand. 
Tricia hat ein beklemmendes Gefühl, aber aufgrund der Wetterverhältnisse müssen sie erst einmal in dem Haus bleiben. Auf der Suche nach Ablenkung stößt sie auf ein Geheimzimmer mit Tonaufnahmen von Dr. Hales Therapiesitzungen. Während sie anhand der Aufzeichnungen mehr über die Psychiaterin und ihre bedrohlichen Patienten erfährt, kommt sie immer mehr zu der Überzeugung, dass noch jemand in dem Haus ist. Aber Ethan glaubt ihr nicht... 

"Die Psychiaterin" ist ein kurzweiliger und leicht zu lesender Thriller. Die Spannung baut sich durch den Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit gemächlich, aber stetig auf. Tricia schildert aus der Ich-Perspektive ihr Unbehagen im Haus der Psychiaterin, während man über Rückblenden erfährt, was sich im Leben von Dr. Hale wenige Wochen vor ihrem Verschwinden ereignet hat. Für erzählerische Abwechslung sorgen die Tonbandaufzeichnungen einzelner Therapiesitzungen, wobei die Identität der Patienten nicht immer ganz klar ist und Spielraum für Spekulationen in der Gegenwart lässt. 

Die "Meisterin der Plottwists" überrascht auch in diesem Roman mit einer Wendung, die zwar überrascht, aber wenig raffiniert ist und einzig auf der Unzuverlässigkeit der Erzählerin beruht.  Nahezu alle Details, die in der Gegenwart für Ungereimtheiten sorgen und Ängste ob der Sicherheit Tricias schüren, stellen sich im Nachhinein als fragwürdig, mitunter komplett unlogisch, heraus. 
Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Geschichte im Umfeld einer Psychiaterin handelt, wimmelt es hier nur so von Psychopathen, die die ach so erfolgreiche Dr. Hale mehr schlecht als recht therapiert hat. 

"Die Psychiaterin" ist unterhaltsam und herrlich böse, führt die/ den LeserIn aber einfach nur an der Nase statt mit eine überraschenden Wende zu verblüffen.