Montag, 12. Oktober 2026

Buchrezension: Jana Crämer - Jede Seite an dir

Inhalt:

Romy liebt die Stille ihrer Buchhandlung – und die Sicherheit, die sie hinter hohen Regalen findet. Doch als ihr Mietvertrag gekündigt wird, bricht ihre Welt zusammen. Die einzige Rettung ist ein Deal, der gegen alles geht, wofür Romy steht: Max, ein charismatischer Social-Media-Star, braucht ihren Laden als Kulisse für seine neueste, groß inszenierte Kampagne.
Für Max sind Bücher nur hübsche Requisiten für das perfekte Video; für Romy sind sie das Leben. Während die Kamera läuft, prallen Welten aufeinander: sein glitzerndes Rampenlicht gegen ihre vertraute Gemütlichkeit. Doch zwischen dem Geruch von Papier und dem Blitzlichtgewitter spüren beide, dass die Funken zwischen ihnen alles andere als inszeniert sind.
Als die Schatten von Romys Vergangenheit sie einholen, muss sie sich entscheiden: Versteckt sie sich weiterhin zwischen den Seiten ihrer Bücher oder wagt sie mit Max den Schritt in ein Leben, das schöner ist als jeder Liebesroman? 

Rezension: 

Romy führt gemeinsam mit ihrem Großvater Fritz eine Buchhandlung in einer Kleinstadt. Doch als selbst in der Vorweihnachtszeit die Umsätze hinter den Erwartungen bleiben, stehen die beiden vor dem finanziellen Aus. Als fast zeitgleich ein erfolgreicher Social-Media-Star, der gerade dabei ist, seinen ersten Roman zu veröffentlichen, ihren Laden betritt und ihn als Kulisse für seinen Content nutzen möchte, geht Romy, die im echten Leben lieber unsichtbar bleiben möchte, einen Deal mit Max ein. Sie begleitet Max auf seiner Promotionstour, wo er sich mit seinem persönlichen Charme inszeniert, während Romy ihm mit ihrer Expertise als Buchhändlerin zur Seite steht.
Bei einer rein geschäftlichen Vereinbarung bleibt es nicht.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Romy geschildert, die ihre Buchhandlung, ihren Opa und geordnete Strukturen liebt. Sie ist von einer traumatischen Vergangenheit geprägt, was schon allein aus dem Prolog hervorgeht, und bleibt deshalb lieber im Hintergrund. Max steht hingegen in der Öffentlichkeit und muss sich jeden Tag aufs Neue produzieren.

Der Plot verspricht eine zeitgemäße Liebesgeschichte in gemütlicher Atmosphäre einer Buchhandlung, wirkt jedoch von Beginn an konstruiert und lückenhaft. Es ist unklar, wofür Max eigentlich bekannt ist oder ob er als Nachwuchs vom Promistatus seiner Mutter profitiert. Darüber hinaus kann nicht nachvollzogen werden, warum sich Max ausgerechnet die unsichere Romy als Begleitung für seine Tour auswählt, noch wofür sie überhaupt benötigt wird. Geradezu absurd, dass Romy in fremden Buchhandlungen für Max' Content Buchempfehlungen gibt und nicht die Inhaberinnen selbst. Geschickt bringt die Autorin dabei Werbung für eines ihrer eigenen Bücher unter. 

Gemeinsam unterwegs, kommen sich Romy und Max rasant näher und werden intim. Vor dem Hintergrund von Romys Persönlichkeit erscheint dies übereilt. Dazu kommt die Diskrepanz aus "Fuckboy" und Jungfrau, was so manche Szene äußerst fragwürdig aussehen lässt.
Die ruinöse Buchhandlung tritt mit der Verlagerung auf das Private in den Hintergrund und lässt eine Strategie zur Rettung vermissen.

Romys Vergangenheit beweist, dass die Autorin sehr persönliche Erfahrungen in die Geschichte integriert, die an ihr Sachbuch "Jana, 39, ungeküsst" erinnern lassen. 
Neben dem Sterben von lokalen Buchhandlung handelt der Roman von (Cyber-)mobbing, Essstörung, den Schattenseiten von Social Media und Präsenz, aber auch Selbstfürsorge und Selbstliebe. 
Der Roman enthält damit gewichtige Themen, schöpft das Potential für eine berührende, romantische Geschichte jedoch nicht aus. Die Probleme der Buchhandlung wirkten am Ende als leere Kulisse für den Start einer sehr körperlichen Liebesbeziehung von Romy und Max, die sich plump und zu schnell entwickelte. Der Plot um Max als Social Media-Helden war unausgereift und in Bezug auf sein Buch sehr weit hergeholt, auch wenn dieses Detail der Geschichte einen runden, optimistischen Abschluss gab.


Freitag, 9. Oktober 2026

Buchrezension: John Lanchester - Das habe ich wegen dir getan

Inhalt:

Kate lebt mit ihrem Ehemann Jack seit Jahrzehnten den Traum gut situierter Großstädter. Doch als eine Serie zum Megahit wird, verwandelt sich ihr Leben in einen Albtraum. Denn „Betrug“ verhandelt intime Details ihrer eigenen Ehe. Kate will herausfinden, wer versucht, ihr Leben zu zerstören. Und warum. Phoebe ist die begehrteste junge Autorin der Stadt. Ihre Streaming-Serie bricht mit Tabus, ist amoral und voyeuristisch und trifft damit den Nerv der Zeit. Doch auf dem Höhepunkt ihres Erfolges scheint ihr privates Glück mit einem Mal zu kippen. 

Rezension: 

Kate ist drei Jahrzehnte mit ihrem Ehemann Jack glücklich verheiratet, bis sie eine Netflix-Serie dazu bringt, ihre Ehe in Frage zu stellen. In der Serie werden Details ihrer Beziehung zu Jack verarbeitet, die nur sie beide kennen können. Kate ist wie vor den Kopf gestoßen und muss herausfinden, wer hier wen verraten hat.
Phoebe ist eine scharfzüngige Drehbuchautorin, deren prickelnde Serie zu einem Streaming-Hit avanciert ist. Privat versucht sie sich endlich gegen ihre narzisstische Mutter durchzusetzen, die sie verbittert vom eigenen Schicksal drangsaliert.

Der Roman wird aus den Perspektiven von Kate und Phoebe geschildert und gibt damit Einblicke in das Leben gut situierter Babyboomer sowie einer Millennial aus einer dysfunktionalen Familie. Daneben gibt es Szenen aus der Serie und den intimen Gesprächen des Ehepaares.

Die Geschichte ist bitterböse und durch Offenbarungen über die Charaktere wendungsreich. Beide Frauen verfolgen in dieser Geschichte einen perfiden Plan, was für anhaltende Spannung sorgt. Rückblenden in die Vergangenheit geben Aufschluss über die Ursachen des Konflikts, wobei sich die Zusammenhänge erst allmählich erschließen. 
Als diese jedoch klar sind, zieht sich der Roman im letzten Drittel arg in die Länge, führt Detail aus, die nicht zwingend notwendig sind und lässt andere Aspekte weg, die die Strategien der beiden Frauen mit moralisch fragwürdigen Motiven offen lassen. 

Auch wenn sich die Spannung nicht bis zum Ende halten kann und ein offenes Duell der beiden Kontrahentinnen fehlt, ist "Das habe ich wegen dir getan" ein Roman, der von Skrupellosigkeit, Rachegelüsten und Selbstgerechtigkeit zeugt und eine zeitlose Thematik mit modernen Elementen verknüpft. 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Buchrezension: Julie Orringer - Ein guter Charakter

Inhalt:

Als Barr, Professor für Kreatives Schreiben, unter seinem eigenen Namen das Manuskript seiner Frau veröffentlicht, ahnt er noch nicht, welche Lawine er damit lostritt. Seine Frau Dava ist von ihrem gemeinsamen Leben als beliebte Professoren an einer Universität im Mittleren Westen schon lange unerfüllt. Unglücklich in ihrer Ehe mit Barr, arbeitet sie bis spät in die Nacht an ihrem Roman, angetrieben von einer Affäre mit der Kollegin Svetlana. Doch es wird für Dava immer schwieriger zu schreiben, sie verliert sich an eine Krankheit, die ihr das Gedächtnis raubt. Bis sie sich nicht mehr wehren kann, als Barr ihre Geschichte stiehlt und umdeutet.
Ein Roman über das Erinnern und Vergessen, über Liebe gegen alle Widerstände und das Schreiben als Kampf gegen den Selbstverlust – und eine Hündin, die das Leben der Hauptfiguren auf ungeahnte Weise miteinander verbindet. 

Rezension:

Dava und Barr Pennington, beide Professoren an einer amerikanischen Universität, sind verheiratet und Eltern von zwei erwachsenen Söhnen und hüten schwerwiegende Geheimnisse. Dava ist heimlich in eine Kollegin verliebt, mit der sie seit Jahren eine Affäre hat. Inspiriert vom Leben ihrer verstorbenen Mutter schreibt sie an einem Roman, obwohl Barr der Literat in ihrer Ehe ist. Doch Davas Gedächtnis lässt nach und bevor sie das Buch beenden kann, wird eine vorzeitige Alzheimer-Erkrankung bei ihr diagnostiziert. Sie muss schon bald in eine Pflegeeinrichtung ziehen und wenig später entdeckt ihr Mann das Manuskript, das sie vor ihm verheimlicht hatte. Barr erkennt die Kunst ihres Schaffens, gibt dem Roman den letzten Feinschliff und veröffentlicht ihn mit großem Erfolg unter seinem eigenen Namen.

Der Roman wird aus vielfältigen Perspektiven geschildert - neben Barr und Dava von Personen aus ihrem engen Umfeld. Auf diese Weise erhält man einen unverstellten Blick auf die beiden Hauptfiguren, aber auch die Lebensentwürfe und Schicksale der anderen Personen

Berührend sind die Szenen, die von der verheerenden Alzheimer-Erkrankung zeugen und wie schnell ein Leben eine unerwartete Wende nehmen kann.
Für Spannung sorgen die wohlgehüteten Geheimnisse, die ans Licht kommen müssen und welche Auswirkungen die Lügen und jahrelangen Verletzungen haben werden.

Verbunden werden die Erzählstimmen nicht nur durch die Beziehung untereinander, sondern auch durch einen Hund aus dem Tierheim, der schwer gezeichnet ist und eine magische Gabe für Empathie hat.

"Ein guter Charakter" ist ein charaktergesteuerter Roman, der moralische Fragen aufwirft. Er handelt von Untreue, Verrat, Verlust und Abschied und wird einfühlsam erzählt. Im Mittelpunkt stehen Barr und Dava, die unvollkommen sind. Ausgerechnet Barr, ein Professor für Kreatives Schreiben, erweist sich als Dieb geistigen Eigentums. Aber auch Dava ist aufgrund ihres Betrugs kein guter Charakter. Vielleicht ist dies nur der Hund, der allein durch seine Anwesenheit Wärme spendet und eine heilende Kraft entfaltet.