Freitag, 8. Mai 2020

Buchrezension: Armando Lucas Correa - Die verlorene Tochter der Sternbergs

Inhalt: 

Berlin, 1939. Für die jüdische Bevölkerung wird das Leben immer schwieriger. Wer kann, bringt sich in Sicherheit. Auch Amanda Sternberg beschließt, ihre Töchter mit der MS St. Louis nach Kuba zu schicken. Am Hafen kann sie sich jedoch nicht von der kleinen Lina trennen. So vertraut sie nur die sechsjährige Viera einem allein reisenden Ehepaar an und flieht mit Lina zu Freunden nach Frankreich. Im kleinen Ort Oradour-sur-Glane finden sie eine neue Heimat. Doch es dauert nicht lange, bis die Gräueltaten der Nationalsozialisten auch diese Zuflucht erreichen. 

Rezension: 

Die jüdische Familie Sternberg wird 1939 in Berlin getrennt, als Julius von der Gestapo nach Sachsenhausen verschleppt wird. Für seine Frau Amanda und die beiden kleinen Töchter Viera und Lina im Alter von sechs und vier Jahren hat er die Flucht aus Deutschland vorbereitet. Für die beiden Mädchen konnte die Flucht nach Kuba zu Amandas in Havanna lebendem Bruder vorbereitet werden, während es für Amanda keine Landeerlaubnis mehr gab und sie zunächst nach Frankreich zu einer Bekannten von Amandas verstorbenen Vater fliehen sollte. Am Hamburger Hafen kann sich Amanda nicht von ihrer jüngsten Tochter trennen und verschifft nur Viera. Sie selbst flieht mit Lina nach Haute-Vienne, was Amanda bitter bereut, als Frankreich von den Deutschen besetzt wird. Mit der unerträglichen Schuld, ihren Mann verraten zu haben, der beide Mädchen in Sicherheit bringen wollte, hat Amanda nur noch ein Ziel: das Leben von Lina zu retten. 

"Die verlorene Tochter der Sternbergs" ist ein historischer Roman, der insbesondere zwei reale Ereignisse im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg mit einer fiktionalen Geschichte verknüpft. Es handelt von dem Transatlantik-Passagierschiff MS St. Louis, das am 13. Mai 1939 mit 900 Passagieren an Bord, darunter mehrheitlich jüdische Flüchtlinge, nach Kuba übergesetzt ist, das jedoch nur die wenigsten Passagiere verlassen durfte. Das Schiff musste zurück nach Europa, wo die Flüchtlinge von Großbritannien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden aufgenommen wurden, von denen die allermeisten aber aufgrund der Kriegsereignisse ihr Leben lassen mussten. 
Weiterhin erzählt der Roman von einem Massaker deutscher Soldaten in einem französischen Dorf am 10. Juni 1944, bei dem nahezu alle Einwohner ermordet worden sind. 

Erzählt wird eine tragische Familiengeschichte, die insbesondere aufgrund der Tatsache, dass zwei kleine Mädchen von ihrer Familie getrennt werden, herzzerreißend ist. Die Geschichte handelt von Mutterliebe und der damit verbundenen Verzweiflung, von Gewissensbissen, aber auch vom Mut, Entscheidungen zu treffen und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. 
Amandas Entscheidungen waren dabei für mich - selbst unter Berücksichtigung der Ausnahmesituation, in der sie sich befand - nicht wirklich nachvollziehbar. An ihrer Stelle hätte ich an so manchem Punkt anders gehandelt. Dennoch leidet man mit ihr, ihrer empfundenen Schuld und den Opfern, die sie brachte, mit.

Schade fand ich, dass der Roman insgesamt sehr kurz gefasst ist. Die Jahre 1933 bis 1939 werden geradezu im Schweinsgalopp erzählt, während die kurze Zeit in der Baracke in Frankreich, in der sich nicht wirklich viel ereignete, im Vergleich dazu sehr lang gefasst ist. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Aufenthalt in Frankreich während der deutschen Besatzung und erzählte aus Kindersicht von den Nazigräueltaten. Wie zu Beginn fehlten mir auch da Details wie Aktivitäten der Résistance oder die Rolle von Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, die den Roman ausgeschmückt und auch die persönliche Geschichte der Familie Sternberg etwas besser in den historischen Kontext eingebettet hätten. 
Die ältere Tochter Viera kommt wie auch die Gegenwart im Jahr 2015, in der Lina überraschend Besuch von Verwandten erhält, viel zu kurz. Der kurze Abschnitt in der Gegenwart am Anfang und Ende des Buches hat gar so wenig Mehrwert, dass man die Passagen getrost hätte weglassen können. Bessere wäre es jedoch gewesen, mehr über die ältere Dame im Heute zu erfahren und wie sie die Kriegserlebnisse mit dem Verlust ihrer Familie verarbeitet hat. 

Die unbedingte Verknüpfung von realen Ereignissen mit einer fiktiven, tragischen Familiengeschichte ist in diesem Roman nur unzureichend gelungen. Ich hatte das Gefühl, dass der Autor um die beiden historischen Ereignisse herum geschrieben hat und dabei den Zweiten Weltkrieg viel zu sehr in den Hintergrund hat treten lassen. Zudem blieben mir zu viele Fragen offen, so dass der Roman am Ende trotz aller Tragik geradezu lieblos auf mich wirkte, was auf keinen Fall die Intention des Autors gewesen sein kann. 
An "Das Erbe der Rosenthals" reicht "Die verlorene Tochter" bei Weitem nicht heran. 



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