Freitag, 30. Januar 2026

Buchrezension: Judith Hoersch - Niemands Töchter

Inhalt:

Alma ist Niemands Tochter. Sie wächst in den Achtzigerjahren in der Eifel auf, doch das kluge und neugierige Mädchen fühlt sich fremd in seiner Familie. Denn um seine Herkunft wird geschwiegen.
Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort vermisst noch eine Frau ihre Mutter schmerzlich – Isabell, die 2019 in Berlin lebt. Diese Leerstelle hat ihre Vergangenheit geprägt, und beeinflusst noch immer ihre Gegenwart, ihr Fühlen und Denken und ihr eigenes Familienleben.
Als sich Almas und Isabells Wege auf schicksalshafte Weise. 

Rezension:

Gabriele kehrt mit der neugeborenen Alma Anfang der 1980er-Jahre zu ihren Eltern in die Eifel zurück, denn in Berlin kann sie als Alleinerziehende nicht mehr bleiben. Alma entwickelt sich zu einem aufgeweckten Kind, aber der Vater bleibt eine Leerstelle in ihrem Leben. Doch da ist noch mehr, was Gabriele verschweigt.
Marie möchte mit ihrer zweiten Tochter alles besser machen und setzt sie sehr zum Missfallen ihres Mannes an erste Stelle. Sie schwört Isabell, sie vor allem zu beschützen, kann ihr aber Versprechen nicht halten.
Isabell ist Mutter der dreijährigen Ruby und im Umgang mit ihr gehemmt, denn ihre Ängste lähmen sie. Sie vermisst ihre eigene Mutter und versucht anhand der von ihr hinterlassenen Polaroidbilder mehr über sie zu erfahren.

"Niemands Töchter" wird aus wechselnden Perspektiven der vier Hauptfiguren geschildert, wobei die Erzählung nicht chronologisch erfolgt. Im Wechsel zwischen Vergangenheit ab 1981 und der Gegenwart im Jahr 2020 geht es um komplexe Mutter-Tochter-Beziehungen, um überforderte, verzweifelte, abwesende, einsame und trauernde Mütter sowie die Suche nach Identität, Heimat und Geborgenheit. 

Für einen Roman allein sind vier Frauen mit schwierigen Verhältnissen im Umgang mit ihrer Mutter und/ oder Tochter viel, so dass die Ergründung ihrer Probleme nicht tief geht. Dennoch berühren die Schicksale und es fällt nicht schwer, sich in die Frauen hineinzuversetzen, die fehlerbehaftet sind und Geheimnisse bergen. 
Im Verlauf der Geschichte wird immer besser nachvollziehbar, welche Wunden vorhanden sind und wie sich Traumata der Vergangenheit auf die Gegenwart und die nachfolgende Generation auswirken. Die Verbindung der einzelnen Handlungsstränge ist weniger geheimnisvoll als gedacht, was die Spannung und Dramatik jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt. 

Mittwoch, 28. Januar 2026

Buchrezension: Kira Mohn - Alle glücklich

Inhalt:

Nina: Mutter, Ehefrau, MTA. Erfüllt alle Rollen, doch daneben gibt es eine, von der niemand etwas weiß.
Alexander: Oberarzt, Ehemann, Vater. Tut alles für seine Familie, opfert sich auf als Arzt – und wer dankt es ihm?
Emilia: Gymnasiastin. Zum ersten Mal richtig verliebt. Sucht ihren eigenen Weg, geht aber den des Freundes.
Ben: Student. Es geht ihm gut. Es geht ihm wirklich gut. Verdammt noch mal, es geht ihm gut!
Nina, Alexander, Emilia und Ben. Eine liebevolle Mutter, ein beruflich erfolgreicher Vater, zwei wohlgeratene Kinder. Doch wenn der Druck steigt, reißt die Fassade auf. 

Rezension:

Die vier Holtsteins sind eine Bilderbuchfamilie: Vater, Mutter und zwei Teenager ohne Geldsorgen in München.
Alexander ist Arzt im Krankenhaus und sieht sich als Ernährer der Familie. In seinem Beruf geht er auf, Zeit für seine Frau und die Kinder bleibt wenig. Nina arbeitet, seitdem die Kinder größer sind, halbtags als Arzthelferin, ihr Medizinstudium konnte sie als zweifache Mutter nicht beenden. Heimlich hat sie einen Job als Kassiererin in einem Supermarkt angenommen, um nicht jeden Friseurbesuch vor ihrem Mann rechtfertigen zu müssen.
Die 16- jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten richtigen Freund, aber verunsichert, weil so viel souveräner und erfahrener ist als sie. Ihr älterer Bruder hat hingegen keine Erfahrungen in Liebesdingen. Ben studiert, zieht sich aber darüber hinaus in sein Zimmer vor den Computer zurück. Er würde gerne raus aus der Passivität und findet im Internet einen Mentor, der ihn motiviert.

Die vier Holtsteins sind grundsätzlich glücklich, aber ein Blick hinter die Fassade zeigt, dass es in jedem von ihnen brodelt.

Der Roman wird abwechselnd aus allen vier Perspektiven geschildert, wobei der Alltag in einer Familie mit Teenagern realitätsnah abgebildet wird. Die Ehe ist von einer fehlenden Romantik geprägt und zunehmende Streits und unterschiedliche Erwartungen gefährden die Harmonie. Die Teenager führen ihr eigenes Leben und ziehen sich aus der Fürsorge der Eltern zurück.

Im Vordergrund stehen die Emotionen und das, was jedes Familienmitglied innerlich bewegt. Es ist spürbar, dass die Familie sich auseinandergelebt hat und nicht so glücklich ist wie sie sein möchte. Die Emotionen - egal ob Wut, Enttäuschung, Verzweiflung oder Liebe - führen auch dazu, dass sich in jedem Leben etwas bewegt. Jeder bringt für sich einen Stein ins Rollen, das nicht nur das fragile Familiengefüge weiter erschüttern, sondern auch zu einer persönlichen Katastrophe führen könnte.
Drastisch wird aufgezeigt, was sich aus andauernder Unzufriedenheit, fehlendem Verständnis und mangelnder Kommunikation entwickeln kann. Dies sorgt für Spannung und Dramatik, wobei in einer Familie innerhalb kurzer Zeit wirklich viel ins Wanken gerät, was trotz der alltagsnahen Darstellung in Summe überspitzt ist. Dass die Geschichte abgewürgt mit einem einzigen Scherbenhaufen endet, wirkt unentschlossen und unglücklich unfertig.

Montag, 26. Januar 2026

Buchrezension: Arne Jensen - Eine vergessene Schuld

Inhalt:

Der pensionierte Verfassungsrichter Rudolf Heppner sorgt durch rechtsradikale Äußerungen zum Thema Deserteure und NS-Justiz für Aufsehen. Es drohen strafrechtliche Konsequenzen. Da die Ermittlungen von Verfassungsschutz und BKA jedoch feststecken, wird die junge Kriminalpsychologin Jasina Behrens mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt. Das Thema bewegt die Psychologin selbst: Sie ist mit ihren Eltern aus Syrien geflohen, ihr jüngerer Bruder blieb zurück, verweigerte den Wehrdienst in der syrischen Armee. Seitdem ist er spurlos verschwunden. In vielen Gesprächen finden Jasina und der ehemalige Richter einen Zugang zueinander, der nicht nur Heppners eigene Familiengeschichte offenbart, sondern auch den Bogen zu dem "Halbjuden" Raimund Bach schlägt, der im Spätsommer 1944 seinen Versetzungsbefehl verweigert und sich über Monate in Amsterdam versteckt. 

Rezension: 

Kurz vor seinem TV-Auftritt in einer politischen Talksendung wird der ehemalige Verfassungsrichter Dr. Rudolf Heppner Opfer eines Angriff
s, wobei sich der unbekannte Täter auf eine linksextremistische Organisation beruft. Heppner hatte sich zuvor durch umstrittene Aussagen zur Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung in der Öffentlichkeit unbeliebt gemacht.
LKA und BKA nehmen die Ermittlungen auf, wobei die Polizeipsychologin Jasina Behrens ein Gutachten über Heppner erstellen soll.
Knapp 80 Jahre zuvor versteckt sich Raimund Bach in Amsterdam, nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter, die jüdischer Abstimmung ist, in Deutschland deportiert worden ist. Er gilt damit als fahnenflüchtig, worauf die Todesstrafe steht. Doch wenige Monate später ist der Krieg beendet. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart im Sommer 2023 den Angriff auf Verfassungsrichter Heppner und die anschließendes polizeiliche Untersuchung. Schwerpunkt ist dabei die Analyse Heppners, um die Gründe für seine vorher getätigten Aussagen zu verstehen, die ihn in eine rechtspopulistische Ecke gedrängt haben. Die gebürtige Syrerin Jasina Behrens erstellt das Opferprofil, fühlt sich durch Heppners Erklärungen jedoch getriggert und verlässt die professionelle Ebene ihrer Arbeit. 

Die Suche nach dem Täter gerät beim Blick auf das Opfer weitgehend in den Hintergrund. Hier fehlt das Verständnis, warum die Polizei so viel Zeit darauf verwendet, Heppner zu analysieren, statt alle Ressourcen darauf zu verwenden, einen potentiellen Gewalttäter zu fassen. Wichtig werden dabei Rückblenden in die späten 1960er-Jahre, die Hinweise auf Heppners Motivation geben.  

Authentischer als die Schilderung der Polizeiarbeit in der Gegenwart ist der Handlungsstrang im Jahr 1945, der auf wahren Begebenheiten beruht. Die Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Gerichtsprozess gegen zwei Deserteure nach der Kapitulation Deutschlands machen fassungslos. 

Der Roman handelt auf mehreren Zeitebenen von vielen verschiedenen Themen, die bunt durchmischt werden und einen klaren roten Faden vermissen lassen. Es geht um Fahnenflucht, alte Nazi-Seilschaften der Nachkriegszeit, unmenschliche Behandlung in psychiatrischen Einrichtungen, Leben in der Kommune, Rebellion gegen die Eltern, Schuld und die Auswirkungen auf die nachfolgende Generation, Fluchttraumata und öffentliche Meinungsmache. 
Während die Vergangenheit faktenbasiert und dennoch sehr emotional ist, ist die Handlung in der Gegenwart von Spekulationen und retardierenden Frage- Antwort-Spielchen geprägt, die nur sehr vage Aussagen liefern. Die Motivation von Opfer und Täter gleicht einem andauernden Rätselraten, das unbefriedigend ist. Am Ende kann weder die Ermittlungsarbeit der Polizei und noch viel weniger die Rolle Jasinas überzeugen. Die Suche nach ihrem vermissten Bruder in Syrien sprengte den Handlungsrahmen.