Freitag, 6. März 2026

Buchrezension: Rachel Khong - Real Americans

Inhalt:

New York City, Silvester 1999. Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin in einem hippen Medienunternehmen. Als sie Matthew trifft – charmant, privilegiert, Erbe eines Pharmaimperiums –, verliebt sie sich. Zwei Welten prallen aufeinander. Und doch scheint alles möglich.
21 Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt: Etwas fehlt. Als er nach seinem Vater sucht, stößt er auf Geheimnisse, die alles verändern – nicht nur für ihn. 

Rezension: 

Kurz vor dem Jahrtausendwechsel lernt Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer, die als unbezahlte Praktikantin in New York jobbt, den vermögenden Matthew, Erben eines Pharmaunternehmens, kennen. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lilys Bedenken, dass eine Beziehung keine Zukunft hat, verlieben sie sich ineinander und gründen eine Familie.
Jahre später lebt Nick allein mit seiner Mutter Lily auf einer Insel bei Seattle. Es gab immer nur sie beide, da Lily stets behauptete, Nicks Vater wolle nichts von ihm wissen. Heimlich macht Nick, dem man seine chinesischen Wurzeln nicht ansieht, einen Gentest, um mehr über seine Herkunft zu erfahren und kommt dabei seinem Vater auf die Spur.
2030 lebt Lilys Mutter Mei einsam und verarmt in San Francisco. Sie hatte als Bauernmädchen, das in der von Mao Zedong geprägten kommunistischen Volksrepublik China aufgewachsen ist, große Träume und konnte diesen als Wissenschaftlerin in Amerika folgen.

Der Roman ist aus drei Perspektiven, die nicht im Wechsel, sondern hintereinander erzählt werden, aufgebaut. Beginnend mit Lily von 1999 bis 2005, folgt man ihrem Sohn Nick ungefähr weitere fünf Jahre ab 2021, um schließlich mit seiner Großmutter Mei im Jahr 2030 zu enden.

Nach einem nüchternen Einstieg und einer wenig emotionalen Liebesgeschichte endet Lilys Abschnitt unerwartet spannend mit einem Familiengeheimnis und der Frage, was Lilys Eltern und Matthews Vater vor ihren Kindern verbergen.
Nicks Abschnitt gleicht einer Coming-of-Age-Geschichte. Er hat chinesische Wurzeln, die man ihm nicht ansieht und Fragen zu seinem Vater, die ihm seine Mutter nicht gestattet.
Mei blickt 2030 auf ihr Leben zurück, auf ihren steinigen Weg des "American Dream", aber auch auf die Fehler, die sie begangen hat.

"Real Americans" ist eine Familiengeschichte über mehrere Jahrzehnte hinweg, die überwiegend in den USA handelt, wobei die Hauptfiguren chinesische Wurzeln hat, was sich zu einer generationenübergreifenden Geschichte über Zugehörigkeit und Identitätssuche entwickelt.
Der Roman ist durch die drei Hauptfiguren, deren unterschiedliche Lebensalter und die Erfahrungen, die sie prägen, aber auch durch die Themen, die sie bewegen und die Herausforderungen, vor die sie gestellt werden, facettenreich und vielschichtig.
Die unterschiedlichen Erzählstimmen gestalten die Lektüre abwechslungsreich und lassen jede(n) LeserIn eine Identifikationsfigur finden.
Die Trennung der Erzählperspektiven und die Zeitsprünge erwecken allerdings das Gefühl, drei Kurzgeschichten zu lesen. Als Familienroman fehlt eine geschickte Verknüpfung, wobei insbesondere der dritte Abschnitt, in dem Mei ihrem fremden Enkel ihre Lebensgeschichte erzählt, unbeholfen wirkt und zudem die Erzählperspektive nicht konsequent eingehalten wird, um die Geschichte zu Ende zu erzählen. 

Die Fülle der Themen ist ambitioniert, weshalb der Roman ihnen nicht vollumfänglich gerecht werden kann. Während Fragen nach der eigenen Identität und die Suche nach Glück, Klassenunterschiede, Sexismus, Fremdsein und Einsamkeit aus drei Perspektiven mannigfaltig betrachtet werden, geraten andere Aspekte wie Rassismus, Forschung und Ethik, aber auch die entscheidenden innerfamiliären Konflikte, zu sehr in den Hintergrund. 
Die vererbte Gabe des Stopps der Zeit, das in allen drei Erzählsträngen verwendet wird, verleiht der Geschichte einen Hauch Magie, passt damit aber nicht zu dem wissenschaftlichen Komplex, der mit der Frage nach der Beeinflussung des Schicksals durch Veränderung der DNA einen wesentlichen Kern der Handlung ausmacht. 

Mittwoch, 4. März 2026

Buchrezension: Nicci French - Finstere Schatten

Inhalt:

Fernab vom Trubel ihres alten Lebens wollen Nancy und ihr Freund Felix in einer Wohnung in Harlesden noch einmal neu anfangen. Denn mittlerweile geht es Nancy zwar wieder gut, doch das war lange Zeit nicht so. Immer wieder hat sie mit psychischen Problemen gekämpft und litt unter Wahnvorstellungen. Hier will sie nun endlich wieder zur Ruhe kommen. Doch dann wird ihre Nachbarin Kira tot aufgefunden und die Polizei geht sofort von einem Selbstmord aus. Aber Nancy will einfach nicht daran glauben, schließlich hat sie Kira noch am Tag vor ihrem Tod getroffen und sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich die junge Frau das Leben genommen hat. Nancy gerät immer weiter in den Strudel ihrer Zweifel und weiß dabei immer weniger, ob die Stimmen, die sie in jener Nacht gehört hat, die des Mörders waren oder nur in ihrem Kopf existieren. 

Rezension: 

Nach einer psychotischen Episode und einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ziehen Nancy und ihr Freund Felix notgedrungen innerhalb Londons in eine kleinere Wohnung in den Stadtteil Harlesdon. Nancy arbeitet dort remote, um sich zu erholen und mit Hilfe von Medikamenten und therapeutischer Unterstützung neu anzufangen. 
Nancy und Felix haben noch nicht einmal alle Umzugskisten ausgepackt, als eine Nachbarin in dem Mehrparteienhaus tot aufgefunden wird. Die Polizei stuft die Tat als Suizid ein und ermittelt nicht weiter. Nancy hatte Kira jedoch am Tag zuvor kurz gesprochen und kann sich nicht vorstellen, dass die junge Frau, die von allen als nett und fröhlich beschrieben wird, Selbstmord begangen haben soll. Da Felix die neuen Nachbarn und auch die Polizei über Nancys Krankheitszustand informiert hatte, glaubt Nancy niemand, dass sich ein Verbrechen in der Wohnung ereignet haben könnte - bis die Polizistin Maud O'Connor auf den Fall aufmerksam wird, den ein unliebsamer Kollege (voreilig) zu den Akten legen möchte. 

"Finstere Schatten" ist Band 2 einer Buchreihe um Detective Maud O’Connor, wobei es auch ohne Vorwissen aus Band 1 keine Verständnisprobleme gibt. Anders als in klassischen Ermittler-Krimis hat DI O'Connor in diesem Thriller nicht die Hauptrolle. Bevor ihr Einsatz beginnt, liegt der Fokus klar auf Nancy, die "finstere Schatten" sieht. 
Kann Nancy ihrer Wahrnehmung glauben? Kann der/ die LeserIn Nancy trauen? Ist sie von den Stimmen in ihrem Kopf gesteuert, noch nicht genesen und leidet unter Wahnvorstellungen? Kann sich die Polizei bei ihrer Einschätzung den Suizid betreffend derart getäuscht haben?

Unabhängig davon, ob sich Nancy in Verschwörungstheorien verliert, ist es grausam, was ihr im weiteren Verlauf der Handlung widerfährt. Als psychisch kranke Frau wird sie stigmatisiert und als unzurechnungsfähig und unmündig eingestuft. Schnell befindet sie sich einer Spirale, in der sie vollkommen hilflos ist und der Fürsorge ihres Freundes und des Gesundheitssystems unterworfen wird. 

Obschon die Frage im Raum steht, was sich hinter dem (inszenierten) Selbstmord verbirgt, steht Nancy als Hauptfigur im Vordergrund, deren Leben ihr entgleitet. Die Aufklärung des möglichen Mordfalls schreitet erst im letzten Drittel voran, als Maud, die sich auf dem Polizeirevier mit Misogynie konfrontiert sieht und als Alleinkämpferin auftritt, Nancy Gehör schenkt. Maud folgt selbstbewusst ihrem Instinkt und versucht durch geschickte Fragen den Täter unter all den undurchsichtigen Hausbewohnern und Nachbarn zu enttarnen. 

"Finstere Schatten" ist ein unblutiger Thriller, der sich von einem psychologischen Spannungsroman zu einem spannenden Krimi mit einer smarten Ermittlerin entwickelt, die in ihrem Umfeld völlig zu unrecht unterschätzt wird. Das Tatmotiv ist am Ende nachvollziehbar, jedoch enttäuscht die Präsentation des Täters, die vor Auswertung von Beweisen auf einem reinen Bauchgefühl basiert. Auch fällt die einseitig negative Darstellung der männlichen Figuren unangenehm auf.   

Montag, 2. März 2026

Buchrezension: Nadine Schneider - Das gute Leben

Inhalt:

Es ist Spätsommer, und im Garten sind die Trauben reif, als Christina das Haus ihrer Großmutter Anni erbt. Hier, in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, ist sie bei Anni aufgewachsen: Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus Rumänien nach Deutschland flieht. Anni, die ganz allein ihr Kind und ihr Enkelkind aufzieht und beim Quelle-Versand Pakete packt, die ins Wirtschaftswunderland verschickt werden. Die gegen Einsamkeit, Armut und Fremdsein kämpft, mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. War das das Leben, von dem sie geträumt hat? Oder hat sie beim Leben das Leben verpasst? 
Zögernd verabschiedet sich Christina von Anni und ihrem Haus. In der stillen Wärme der letzten Sommertage versinkt sie immer tiefer in ihren Erinnerungen, stößt auf überraschende Fundstücke und fährt auch zu dem inzwischen verlassenen Gelände des Quelle-Versandzentrums. Ihren eigentlich geplanten Urlaub hat sie abgesagt, und von ihrer Arbeit dringen nur gelegentliche Mails zu ihr. Und allmählich erkennt sie, was sie ihrer Großmutter wirklich verdankt: die Freiheit, loszulassen und selbst den Ort zu finden, wo das gute Leben zu Hause ist. 

Rezension: 

Christina hat das Haus ihrer verstorbenen Großmutter Anni in einem Dorf bei Nürnberg geerbt. Zögerlich kehrt sie von Berlin an den Ort zurück, wo sie aufgewachsen ist. Sie schwelgt in Erinnerungen und versucht Abschied zu nehmen. 
Anni war ungewollt schwanger in den 1960er-Jahren aus Rumänien nach Deutschland geflüchtet, wo ihr Bruder lebte. In einem fremden Land versucht sie sich durchzukämpfen, arbeitet bei Quelle und kümmert sich um ihre Tochter Helene. Sie sollte es einmal besser haben, als sie selbst, die in einem rumänischen Dorf unter einfachen Verhältnissen aufgewachsen war und auch ihre Mutter immer zu sich holen wollte. 
Das Verhältnis zu ihrer Tochter ist dennoch nicht das beste und als diese nach Amerika auswandert, lässt sie ihre eigene Tochter bei Anni zurück. 

Der Roman wechselt zwischen den Perspektiven von Christina und Anni - Christina, die versucht ihr Erbe abzuwickeln und zum letzten Mal Orte aufsucht, die sie mit ihrer Großmutter verbindet sowie Anni, die in Deutschland als schwangere junge Frau ein neues Leben anfängt. 
Während Christina melancholisch an ihre Kindheit und Jugend bei Anni und ihre entfremdete Mutter Helene zurückdenkt, geben einzelne Episoden aus Annis Sicht Einblicke in ihr Leben, wobei die Arbeit bei Quelle sie mit Stolz erfüllte und einen wesentlichen Kern ihres Daseins bildete. 

Es geht um komplizierte Mutter-Tochter-Verhältnisse, um eine Tochter, die ihre Mutter verlässt und eine Mutter, die ihre Tochter verlässt. Die hinterlassenen Narben wirken sich auf die folgenden Jahre aus und verhindern enge, liebevolle Beziehungen. Besonders deutlich wird die innere Zerrissenheit Annis zwischen ihrer Heimat Rumänien und dem neuen Zuhause Deutschland, zwischen ihrer Rolle als Mutter und ihrer Arbeit, die sowohl Notwendigkeit als auch Leidenschaft war. 

Der Schreibstil ist nüchtern und distanziert, was jedoch zu den vier Generationen von Frauen passt, die es nicht vermögen, über ihre Gefühle zu sprechen und eigensinnig und stur ihre Probleme mit sich selbst ausmachen.
Die Geschichte mutet nostalgisch und wehmütig an und wird ruhig und insbesondere in der Gegenwart weitgehend ereignislos erzählt. Wichtiger als eine äußere Rahmenhandlung sind die Innenansichten der Charaktere, ihre Träume, Wünsche und Erinnerungen. 
Der Roman lässt sich unaufgeregt lesen, bleibt in Bezug auf die Schwierigkeiten der Figuren jedoch nur an der Oberfläche und hinsichtlich der Frage, was einen gutes Leben ausmacht, völlig offen.