Montag, 2. März 2026

Buchrezension: Nadine Schneider - Das gute Leben

Inhalt:

Es ist Spätsommer, und im Garten sind die Trauben reif, als Christina das Haus ihrer Großmutter Anni erbt. Hier, in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, ist sie bei Anni aufgewachsen: Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus Rumänien nach Deutschland flieht. Anni, die ganz allein ihr Kind und ihr Enkelkind aufzieht und beim Quelle-Versand Pakete packt, die ins Wirtschaftswunderland verschickt werden. Die gegen Einsamkeit, Armut und Fremdsein kämpft, mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. War das das Leben, von dem sie geträumt hat? Oder hat sie beim Leben das Leben verpasst? 
Zögernd verabschiedet sich Christina von Anni und ihrem Haus. In der stillen Wärme der letzten Sommertage versinkt sie immer tiefer in ihren Erinnerungen, stößt auf überraschende Fundstücke und fährt auch zu dem inzwischen verlassenen Gelände des Quelle-Versandzentrums. Ihren eigentlich geplanten Urlaub hat sie abgesagt, und von ihrer Arbeit dringen nur gelegentliche Mails zu ihr. Und allmählich erkennt sie, was sie ihrer Großmutter wirklich verdankt: die Freiheit, loszulassen und selbst den Ort zu finden, wo das gute Leben zu Hause ist. 

Rezension: 

Christina hat das Haus ihrer verstorbenen Großmutter Anni in einem Dorf bei Nürnberg geerbt. Zögerlich kehrt sie von Berlin an den Ort zurück, wo sie aufgewachsen ist. Sie schwelgt in Erinnerungen und versucht Abschied zu nehmen. 
Anni war ungewollt schwanger in den 1960er-Jahren aus Rumänien nach Deutschland geflüchtet, wo ihr Bruder lebte. In einem fremden Land versucht sie sich durchzukämpfen, arbeitet bei Quelle und kümmert sich um ihre Tochter Helene. Sie sollte es einmal besser haben, als sie selbst, die in einem rumänischen Dorf unter einfachen Verhältnissen aufgewachsen war und auch ihre Mutter immer zu sich holen wollte. 
Das Verhältnis zu ihrer Tochter ist dennoch nicht das beste und als diese nach Amerika auswandert, lässt sie ihre eigene Tochter bei Anni zurück. 

Der Roman wechselt zwischen den Perspektiven von Christina und Anni - Christina, die versucht ihr Erbe abzuwickeln und zum letzten Mal Orte aufsucht, die sie mit ihrer Großmutter verbindet sowie Anni, die in Deutschland als schwangere junge Frau ein neues Leben anfängt. 
Während Christina melancholisch an ihre Kindheit und Jugend bei Anni und ihre entfremdete Mutter Helene zurückdenkt, geben einzelne Episoden aus Annis Sicht Einblicke in ihr Leben, wobei die Arbeit bei Quelle sie mit Stolz erfüllte und einen wesentlichen Kern ihres Daseins bildete. 

Es geht um komplizierte Mutter-Tochter-Verhältnisse, um eine Tochter, die ihre Mutter verlässt und eine Mutter, die ihre Tochter verlässt. Die hinterlassenen Narben wirken sich auf die folgenden Jahre aus und verhindern enge, liebevolle Beziehungen. Besonders deutlich wird die innere Zerrissenheit Annis zwischen ihrer Heimat Rumänien und dem neuen Zuhause Deutschland, zwischen ihrer Rolle als Mutter und ihrer Arbeit, die sowohl Notwendigkeit als auch Leidenschaft war. 

Der Schreibstil ist nüchtern und distanziert, was jedoch zu den vier Generationen von Frauen passt, die es nicht vermögen, über ihre Gefühle zu sprechen und eigensinnig und stur ihre Probleme mit sich selbst ausmachen.
Die Geschichte mutet nostalgisch und wehmütig an und wird ruhig und insbesondere in der Gegenwart weitgehend ereignislos erzählt. Wichtiger als eine äußere Rahmenhandlung sind die Innenansichten der Charaktere, ihre Träume, Wünsche und Erinnerungen
Der Roman lässt sich unaufgeregt lesen, bleibt in Bezug auf die Schwierigkeiten der Figuren jedoch nur an der Oberfläche und hinsichtlich der Frage, was einen gutes Leben ausmacht, völlig offen. 


 

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