Freitag, 12. Dezember 2025

Buchrezension: Katherena Vermette - Die Frauen der Familie

Inhalt:

Cedar hat fast vergessen, wie ihre Familie aussieht. Phoenix hat fast vergessen, wie sich Freiheit anfühlt. Und Elsie hat die Hoffnung fast aufgegeben. Beinahe. Das sind die Frauen der Familie Stranger, die jede von ihren eigenen Dämonen geplagt wird.
Nachdem Cedar einige Zeit in Pflegefamilien verbracht hat, zieht sie zu ihrem ihr eigentlich fremden Vater. Sie kämpft mit dem Schmerz der Trennung von ihrer Mutter Elsie und ihrer älteren Schwester Phoenix, hofft aber dennoch auf ein neues Kapitel in ihrem Leben, nur um sich wieder in einem fremden Haus unter Fremden zu finden.
Phoenix bringt in einer Jugendstrafanstalt ein Baby zur Welt, das sie nie großziehen wird, und versucht, sich selbst zu verzeihen, dass sie anderen sehr viel Leid verursacht hat.
Ihre Mutter Elsie kämpft mit ihrer Sucht und ist entschlossen ist, ihr Leben umzukrempeln. Dabei schöpft sie Kraft in dem Gedanken, bald wieder mit ihren Töchtern vereint zu sein. Für die beiden möchte sie – anders als ihre eigene Mutter – ein Mensch sein, auf den sie sich die sie sich verlassen können. 

Rezension: 

Phoenix ist in einer Jugendstrafanstalt untergebracht, wo sie ein Kind zur Welt bringt, das ihr unmittelbar nach der Geburt entzogen wird. Die Wut im Bauch, die übrig bleibt, prägt ihren weiteren Aufenthalt im Strafvollzug und steht einer vorzeitigen Entlassung im Wege. 
Ihre jüngere Schwester Cedar hat diverse Aufenthalte in Pflegefamilien hinter sich und musste dabei einen tragischen Verlust verkraften. Nun wird sie von ihrem Vater und dessen neuer Frau in Obhut genommen - eine neue Familie, die gut zu ihr ist, wo sie sich aber trotzdem nicht Zuhause fühlt. 
Ihre Mutter Elsie kämpft in der Zeit nicht für ihre Töchter, sondern gegen ihre Drogensucht, die sie mit wiederholten Aufenthalten in Entzugskliniken versucht, in den Griff zu bekommen. 
Vor der Trennung von Mutter und Töchtern haben sie alle zusammen im "braunen Haus" bei Elsies Mutter Margaret gelebt, bis diese nach dem Tod ihrer eigenen Mutter beschlossen hat, dass es Schluss ist, sich um andere zu kümmern. 

Die Geschichte der Familie Stranger wird aus rein weiblicher Sicht aus der Perspektive der drei Generationen von Frauen Margaret, Elsie, Phoenix und Cedar erzählt. Die Geschichte erstreckt sich über fünf Jahre, liefert jedoch durch Rückblenden und Erinnerungen noch weit mehr Informationen über das Leben davor. Auf diese Weise erfährt man aus jeder Perspektive einzelne Puzzlestücke aus dem Leben der Familie, die ihr Zusammenleben und ihre Trennung geprägt haben. 
Die Geschichte ist tragisch und schildert ungeschönt, wie Fehler und Traumata an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Der Roman handelt von Kriminalität und Gewalt, von fehlender Mutterliebe und (zu) frühen Schwangerschaften, von Überforderung, Egoismus und Einsamkeit. 
Es ist ein charakterfokussierter Roman, der es nicht leicht macht, sich mit den Figuren zu identifizieren, die bis auf die unschuldigen Kinder fehlerbehaftet sind. Dennoch fühlt man mit den Frauen mit und kann ihren Schmerz und ihre Wut und das Gefühl der Ausweglosigkeit so gut nachempfinden. 

Anders als gedacht, spielt die kulturelle Identität der Stranger-Frauen als Indigene nur eine untergeordnete Rolle. Rassismus und Vorurteile sind nicht eigens Schuld an den Problemen, mit denen die Frauen zu kämpfen haben. Statt von kolonialen Traumata handelt der Roman vielmehr von einer familiären Zerrüttung und den Auswirkungen in Form von Wut, Gewalt und Einsamkeit, die universell auf alle Ethnien übertragbar ist. 

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Buchrezension: Marc Raabe - Schlüssel 17 (Tom-Babylon-Serie, Band 1)

Inhalt:

In der Kuppel des Berliner Doms hängt eine grausam zugerichtete Tote mit schwarzen Flügeln: Es ist die prominente Dompfarrerin Dr. Brigitte Riss. Um den Hals trägt sie einen Schlüssel. In den Griff ist die Zahl 17 geritzt. Tom Babylon vom LKA will diesen Fall um jeden Preis. Denn mit diesem Schlüssel verschwand vor vielen Jahren seine kleine Schwester Viola. Doch Tom bekommt eine unliebsame Partnerin an die Seite gestellt. Die Psychologin Sita Johanns fragt sich schon bald, wer in diesem Fall mehr zu verbergen hat: Tom oder der Mörder, der sie beide erbarmungslos vor sich hertreibt. 

Rezension: 

Im Berliner Dom wird die grauenhaft zugerichtete Leiche der Dompfarrerin Brigitte Riss aufgefunden. Um ihren Hals hängt ein Schlüssel mit der eingeritzten Zahl 17. Tom Babylon ist Kommissar des LKA Berlin und als einer der ersten am Fundort. Brigitte Riss ist die Mutter einer ehemaligen Schulfreundin und der Schlüssel erinnert ihn an einen Leichenfund in Brandenburg vor knapp zwanzig Jahren, bei dem er mit seiner Clinique genau so einen Schlüssel gefunden hatte, mit dem wenig später seine jüngere Schwester verschwand.
Aufgrund seiner persönlichen Involvierung in den Fall darf Tom nicht weiter ermitteln, recherchiert jedoch im Hintergrund weiter. An seiner Seite ist Polizeipsychologin Sita Johanns, die aufgrund seiner bekannten Alleingänge ein Auge auf ihn haben sollte, aber selbst mit den Dämonen ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat.

"Schlüssel 17" ist der erste Band der vierteiligen Thriller-Reihe um den Berliner LKA-Kommissar Tom Babylon.
Zwei Handlungsstränge beschreiben die Geschehnisse in der Gegenwart im September 2017, wobei die Folgen des Leichenfunds im Berliner Dom im Vordergrund stehen. Daneben gibt es Szenen aus einer psychiatrischen Einrichtung in Berlin-Kladow, in der eine Patientin Angst vor der Zahl 17 hat und unter religiösen Wahnvorstellungen zu leiden scheint.
Ergänzt wird die Gegenwart durch Toms Erinnerungen an den Sommer 1998, als seine Schwester verschwand und die Ereignisse darum herum, die sein Handeln bis heute prägen.

Die Handlung ist dynamisch und lässt weder Ermittler noch Leser zu Atem kommen. Nach dem Fund der ersten Leiche mit Schlüssel folgen weitere Schlüssel mit der Aufschrift 17 sowie weitere tote oder verschwundene Menschen. Verschiedene Perspektiven geben dabei umfangreiche Einblicke in die schwierigen Ermittlungen, denn ein Motiv für den symbolträchtigen Mord ist zunächst nicht ersichtlich.
Durch die Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit setzen sich die einzelnen Puzzleteile allmählich zusammen, wobei Erschütterndes zu Tage tritt.

Der Thriller ist von unberechenbaren Charakteren und unkonventionellen Ermittlungen geprägt. Hier scheinen nicht nur die Verbrecher Vergangenes vertuschen zu wollen, auch innerhalb des Polizeiapparats scheint fast jeder ein Geheimnis zu haben, das ihn kompromittieren könnte. Eine andauernde Gefahr für die handelnden Personen ist spürbar, was die Spannung erhöht.

"Schlüssel 17" ist der fesselnde Auftakt einer Thrillerreihe mit Hauptfiguren, die stark von persönlichen Motiven und traumatischen Erlebnissen geprägt sind und sich beruflich im Graubereich bewegen. Auch wenn der Kriminalfall zu einem befriedigenden Abschluss kommt, werden am Ende nicht alle Fragen geklärt, was die Neugier auf den zweiten Band "Zimmer 19" weckt. 

Montag, 8. Dezember 2025

Buchrezension: Janna Solinger - Zoe und die Liebe

Inhalt:

Zoe London ist ein glücklicher Mensch. Sie liebt Polkadot-Kleider, ihr altes Radio, das Verzieren von Torten, mit Freunden tanzen zu gehen und ihren Job: Ihre Radiosendung „London Calling“ ist ein Mix aus Musik und Talk - kein oberflächlicher, hier geht es um Sinnsuche und Alltagsoptimismus. Mit ihrer fröhlichen Art und ihrer stets positiven Sicht auf die Dinge begeistert Zoe die Fans.
Eines Tages jedoch wirft eine Zuhörerin ihr vor, alle Probleme mit Harmonie zu verdecken, das wahre Leben auszuschließen – und erschüttert Zoes Selbstverständnis in seinen Grundfesten. Noch dazu ist Zoe zum ersten Mal schwer verliebt. Ausgerechnet sie, die an alles glaubt, nur nicht an die große Liebe. 

Rezension:

Zoe London ist gelernte Konditorin, backt aber nur nebenberuflich im Auftrag aufwändige Torten. Hauptberuflich ist sie Moderatorin bei einem lokalen Radiosender in Köln und hat dort ihre eigene Sendung "London Calling". Als ihr Chef ungefragt das Konzept ihrer Sendung ändert und in den Nachmittag verlegt, um noch mehr Zuhörer zu erreichen, ist die sonst so fröhliche und optimistische Zoe vor den Kopf gestoßen. In der Livesendung soll sie nun Anrufe von Zuhörern entgegennehmen und gleich die erste Anruferin wirft Zoe vor, eine Maske zu tragen und nur vordergründig glücklich zu sein, was Zoe zum Nachdenken bringt. Zudem ist Zoe erstmals verliebt, was gar nicht zu ihrer Annahme passen mag, beziehungsunfähig zu sein. 

Die Hauptfigur Zoe ist eine Frohnatur, die der Liebe bisher aus Angst, sich ins Unglück zu stürzen, bewusst aus dem Weg gegangen ist. 
Sie scheint in ihrer Radiosendung "London Calling" aufzugehen, wo sie in einer Mischung aus Talk und Musik aus ihrem Leben berichtet und Ratschläge erteilt, damit auch ihre Hörer ein Bewusstsein für Positive im Leben entwickeln. Zoe pflegt innige Freundschaften, auch zu deutlich älteren Personen, die ihr die fehlende Familie ersetzen. 

Die gegenwärtige Handlung wird durch Ausschnitte aus ihrer Sendung ergänzt, die unterhaltsam sind und authentisch wirken. Daneben gibt es einzelne Rückblenden in Zoes Kindheit, dir erklären, warum sie nicht bereit ist, eine feste emotionale Beziehungen einzugehen. Dass sie sich immer mehr in ihren Chef Tobias verliebt, stellt sie vor eine große Herausforderung. 

Die Geschichte ist lebendig und abwechslungsreich und mit viel Kölner Lokalkolorit erzählt. Zoe ist eine liebenswerte Figur und auch die Nebencharaktere sind individuell und mit Liebe gezeichnet. 
Der Roman ist unerwartet tiefgründig, denn er handelt nicht nur von einer romantischen Liebe, sondern auch von einem verlässlichen Netz aus guten Freunden, den Tücken des Single-Daseins, Selbstoptimierung, Konfrontation mit Ängsten und dem Mut zur Veränderung. Es geht um die Suche nach Glück und um die Angst, dieses wieder zu verlieren. Zoe muss erst lernen, dass es erforderlich ist, Risiken einzugehen und sich aus der eigenen Komfortzone herauszubewegen, um überhaupt die Chance zu haben, das Glück zu empfangen. 
Mit viel Charme und Witz begleitet man Zoe mehrere Monate auf ihrem Weg zu einem Neuanfang und dem Mut, Träume zu leben, selbst wenn diese nicht von Dauer sein sollten.