Freitag, 7. November 2025

Buchrezension: Etaf Rum - Evil Eye

Inhalt:

Nach außen hin führt Yara ein perfektes Leben: Sie hat ein abgeschlossenes Studium, einen guten Job, erzieht parallel die beiden Töchter und bereitet das Abendessen vor, wenn ihr Mann nach langen Arbeitstagen nach Hause kommt. Doch wieso fühlt es sich nicht richtig an? Woher kommen ihre Unzufriedenheit, ihre Wutausbrüche, ihre zunehmende Verzweiflung? Als Yara nach einem Zwischenfall auf der Arbeit gezwungen wird, eine Auszeit und psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, kommt ein Stein ins Rollen und sie beginnt, sich ihren Gefühlen zu stellen. Evil Eye erzählt von der Bedeutung eines erfüllten Lebens und wie unsere unbewältigte Vergangenheit unsere Gegenwart beeinflusst. 

Rezension:

Yara stammt aus einer palästinensischen Familie und ist in New York aufgewachsen. Als sie 19 Jahre alt ist, arrangiert Ihr Vater eine Hochzeit mit dem Sohn eines guten Freundes, der in den Südstaaten lebt. Yara ist froh, ihrem Elternhaus mit einem dominanten Vater und einer unglücklichen Mutter entfliehen zu können.
Knapp zehn Jahre später unterrichtet Yara Kunst an der örtlichen Hochschule, kümmert sich um den Haushalt und die beiden Töchter und stellt ihrem Ehemann pünktlich das Abendessen auf den Tisch.
Offensichtlich geht es ihr so viel besser als ihrer Mutter, die sich um sechs Kinder kümmern musste und nie einen Beruf ergriffen hat und trotzdem ist Yara unzufrieden. Von ihrem Mann erntet sie nur Unverständnis und an ihrem Arbeitsplatz wird sie nach einer impulsiven Reaktion auf eine rassistische Beleidigung zu psychotherapeutischen Sitzungen verpflichtet. Nach anfänglicher Skepsis beginnt sich Yara zu öffnen und in sich hineinzuhören. Mit Hilfe eines Tagebuchs lässt sie die Erinnerungen an ihre Kindheit zu und setzt sich mit der Vergangenheit auseinander, um nicht in das gleiche Fahrwasser wie ihre Eltern zu geraten.

Yara ist arabische Amerikanerin und fühlt sich nirgendwo zugehörig. Das Land ihrer Eltern existiert nicht und in Amerika gilt sie auf ewig als Einwanderin. Selbst in der arabischen Gemeinde fühlt sie sich nicht wohl. Yara ist einsam und statt Dankbarkeit gegenüber ihrem Mann zu zeigen, der für die Familie sorgt und sie dennoch arbeiten lässt, kocht in Yara eine Wut, die ihr Leben immer mehr bestimmt und ihr intaktes Familienleben bedroht.

Yara erwartet mehr vom Leben. Sie hat Träume und wünscht sich, frei zu sein. Ihre Gefühle sind eindringlich geschildert. Es fällt leicht, sich in ihre Situation hineinzuversetzen und ihre Hoffnungen und Wünsche, aber auch ihre Hilflosigkeit und Wut nachzuvollziehen.
Erschütternd sind die Tagebucheinträge, die nicht nur Einblicke in die toxische Ehe ihrer Eltern liefern, sondern auch zeigen, welchem Druck Yara als kleines Mädchen ausgesetzt war und wie ein Geheimnis ihrer Mutter sie überforderte.

Der Roman handelt von Alltagsrassismus, patriarchalen Strukturen, kulturellem Druck und Traumata, die über Generationen weitergegeben werden. Es ist eine Geschichte über Selbstfindung, Vergangenheitsbewältigung und die Notwendigkeit, sich von den Erwartungen anderer zu befreien, um ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Es ist kein ereignisreiches Buch, aber ein Buch, das sich intensiv mit der Psyche und der Gefühlswelt einer innerlich zerrissenen Frau auseinandersetzt. Vieles was Yara erleidet, kann einer Frau jeder Ethnie passieren. Hier kommt allerdings verschärfend hinzu, dass Yara und ihr Umfeld von einer Kultur geprägt ist, in der Männer die alleinige Macht und Kontrolle ausüben. Das Ende gleicht einem Befreiungsschlag, zieht sich über das letzte Drittel allerdings sehr in die Länge.

Mittwoch, 5. November 2025

Buchrezension: Sophie Edenberg - Das Schweigen der Geliebten

Inhalt:

Karolin steht vor den Trümmern ihrer Ehe. Dass Rolf jetzt in einem idyllisch gelegenen Haus im Wald mit ihren Kindern und seiner neuen Freundin Mischa Urlaub macht, besiegelt ihre persönliche Katastrophe. Als sie selbst durch eine unheilvolle Fügung ebenfalls in dem Ferienhaus landet, ist die Stimmung der Frauen zum Zerreißen gespannt.
Mischa ist überglücklich mit Rolf. Sie will alles dafür tun, damit diese Beziehung funktioniert, sich selbst mit Karolin arrangieren – bloß eines will sie nicht: Rolf eine alte Schuld beichten, die sie zunehmend mit dunklen Vorahnungen erfüllt. Ihre Angst bewahrheitet sich, als sie erkennt, dass die Dämonen ihrer Vergangenheit lebendiger sind als je zuvor und nicht nur ihr eigenes Leben bedrohen. 

Rezension:

In der Ehe von Karolin und Rolf hat es schon länger gekriselt und nach einem Fehltritt hat sich Rolf von seiner Frau getrennt. Karolin bereut, was sie getan hat und möchte ihren Mann am liebsten zurück. Auch ihre gemeinsame Tochter Elly leidet unter der Trennung, während sich der jüngere Sohn Matteo bereits mit der neuen Freundin seines Vaters arrangiert hat. In den Osterferien möchte Rolf mit Mischa und seinen beiden Kindern eine Auszeit im einem Ferienhaus im Wald in der Steiermark verbringen. Er selbst kommt verspätet an und Karolin, die zeitgleich einen Wellnessurlaub mit ihrer besten Freundin Nina verbringen wollte, muss aufgrund einer Panne selbst in dem Waldhaus übernachten. Die Stimmung zwischen den Frauen ist angespannt, die Teenager machen Ärger und Geheimnisse belasten die noch junge Beziehung von Karolin und Rolf.

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven von Karolin, Mischa und Elly geschildert. Daneben gibt es Szenen aus einem, in dem eine junge Frau von einem Mann festgehalten wird. Wie diese Entführung mit den Ferien im Wald zusammenhängt, erklärt sich erst später. So lange kann auch spekuliert werden, was Mischa zu verbergen und warum Rolf gelogen hat. Daneben geben auch die Dinge, die Elly und Matteo ihren Eltern verschweigen, der Handlung neue Impulse. 

Geschildert wird ein Familiendrama um eine unglückliche Trennung, das durch die erzwungene Nähe von Ehefrau und Geliebten noch verschärft wird. Thrillerelemente gibt es durch den weiteren Handlungsstrang, der allerdings hintergründig bleibt. Ab der zweiten Hälfte erreicht jedoch auch der Aufenthalt in dem Waldhaus eine neue Dynamik und so dann erschließen sich auch die Zusammenhänge mit der Entführung.

"Das Schweigen der Geliebten" ist ein unblutiger Spannungsroman, der durch die Geheimnisse der Hauptfiguren fesselt. Es ist kein Thriller, der Nervenkitzel verursacht, denn sehr lange steht das Familiendrama und die unguten Beziehungen untereinander im Vordergrund. Die recht gewöhnliche Trennungsgeschichte macht das Buch authentisch und auch die Hintergründe des Verbrechens sind nachvollziehbar dargestellt. Auch wenn sich die Geschichte am Ende mit der Wiederaufnahme des Ehedramas in die Länge zieht, überrascht sie mit einer perfiden Wende, die dem Roman noch etwas Würze verleiht.   

Montag, 3. November 2025

Buchrezension: Jasmin Schreiber - Da, wo ich dich sehen kann

Inhalt:

Die neunjährige Maja wächst in einer zerrütteten Familie auf - ein tyrannischer Vater, eine liebevolle, aber unterdrückte Mutter, dazwischen viel Schweigen und Dinge, die ihr keiner erklärt. Als Frank, Majas Vater, ihre Mutter tötet, reißt er ein Loch in die Welt - für Maja, aber auch für alle anderen, die zurückbleiben.
Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr, wie es war: Zwischen Trauer, Sorgerechtsstreit und Bürokratie wird Maja zum Spielball und verliert inmitten von Anträgen und Zuständigkeiten ihre Familie, ihr Zuhause, das Gefühl von Sicherheit und die Gewissheit, zu wem sie gehört.
Ihre Patentante Liv wird Majas einziger Lichtblick: Liv arbeitet als Astrophysikerin und begeistert Maja für die Wunder des Universums. Gleichzeitig ringt sie mit eigenen Unsicherheiten, alten Ängsten und der Überforderung, plötzlich Verantwortung übernehmen zu müssen. Und doch wachsen Liv und Maja zusammen: beim Blick durchs Teleskop und beim Versuch, im endlosen Weltraum Antworten zu finden, die ihnen niemand sonst geben kann. 

Rezension: 

Emma Kopmann wurde in Hamburg von ihrem Ehemann Frank getötet. Die neunjährige Tochter Maja hatte ihre Mutter leblos aufgefunden und den Notruf verständigt. Doch für Emma kam jede Hilfe zu spät. Frank Wolf wurde wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. 
Maja wohnt nun bei ihren Großeltern mütterlicherseits, die sich liebevoll um ihre Enkelin kümmern. Noch Monate später sitzt der Schmerz tief. Trauer und Wut sind bei den Hinterbliebenen allgegenwärtig. Auch Emmas beste Freundin Liv leidet schwer unter dem Verlust. Alle, selbst die kleine Maja, machen sich Vorwürfe und haben mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Jeder denkt darüber nach, ob der sinnlose Tod nicht hatte vermieden werden können, wenn sie mehr hingesehen oder mehr zugehört hatten. 

"Da wo ich dich sehen kann” ist ein persönlich motivierter Roman und das ist auf jeder Seite zu spüren. Der Autorin ist es ein Anliegen, auf häusliche Gewalt und Femizide aufmerksam zu machen und stellt eindrücklich die Folgen für alle Beteiligten dar. 

Der Roman ist in kurzen Kapiteln aus der Sicht von Emmas Hinterbliebenen, aber rückblickend in kurzen Abschnitten auch aus Emmas Sicht geschrieben. Die Gefühle aller Beteiligten sind nachvollziehbar und der Schmerz über den Verlust sowie die Wut auf den Mörder und die damit einhergehenden Schuldgefühle und Versagensgedanken spürbar. Originell sind die alternativen Realitäten, wenn die Figuren sich Gedanken machen, was passiert wäre, wenn sie an einem Punkt anders reagiert hatten. 

Jeder von ihnen trauert anders, macht den Schmerz mit sich selbst aus oder Sucht sich Hilfe. Neben den seelischen Auswirkungen werden auch die körperlichen Folgen des Traumas beschrieben. Der Roman berührt, integriert aber auch Fakten und Sachinformationen zur Thematik. Zeitungsartikel zu häuslicher Gewalt und Tötung von Frauen sowie juristische Schreiben im Zusammenhang mit der Aushandlung des Sorgerechts über Maja unterstreichen die Authentizität des Romans. 

Es ist eine fiktive Geschichte mit fiktiven Personen, die jedoch stark faktenbasiert ist. Der Roman entwickelt sich dabei wenig überraschend und verzichtet auf Dramatik, denn der Ausgangspunkt mit dem Mord an einer Ehefrau und Mutter durch den eigenen Mann ist bereits schlimm genug. 
Spannung darf man insofern nicht erwarten. Auch kann die Geschichte aufgrund der Vielzahl an Perspektiven und darüberhinausgehenden Problemen, die angesprochen werden, nicht in die Tiefe gehen. 

Der Roman muss vielmehr als Aufschrei verstanden werden, nicht wegzusehen und (sich) Hilfe zu holen. Es ist ein Appell an Politik und Gesellschaft mehr zu tun, um Frauen vor Unterdrückung, Erniedrigung und Gewalt zu schützen. Diesbezüglich werden am Ende des Romans zahlreiche Anlaufstellen und Ansprechpartner für Hilfe im deutschsprachigen Raum genannt.