Freitag, 31. Juli 2026

Buchrezension: Brigitte Glaser - Sonnenberg

Inhalt:

Mitte der Siebzigerjahre ist Johanna die erste in ihrer Familie, die an die Uni geht. Mit ihrer Freundin Luzie zieht sie in eine WG nach Freiburg und genießt neue Freiheiten. Als wenig später ihr Vater stirbt, muss sie jedoch zurück nach Hause und den Winzerbetrieb der Eltern übernehmen. Gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter bewirtschaftet sie den Hof am Kaiserstuhl. In einer Welt, in der weibliche Arbeitskräfte nur die Hälfte zählen, müssen die Frauen sich behaupten. Erst recht, als Johanna ein Kind bekommt und sich entschließt, es ohne Vater großzuziehen. Erst recht, als sie sich dem Widerstand der Winzer und Bauern, der Bürger aus Freiburg und der Region gegen ein in der Nähe geplantes Kernkraftwerk anschließt. Auch Luzie, die gerade von einer langen Marokkoreise zurück ist, ist an ihrer Seite. Und plötzlich sieht es so aus, als könne man zusammen etwas erreichen. 

Rezension:

Luzie und Johanna sind beste Freundinnen, bis sich ihre Wege während des Studiums in Freiburg trennen. Abgemacht war, gemeinsam zu reisen, aber Johannas ungeplante Schwangerschaft machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Zudem musste sie den Tod ihres kürzlich verstorbenen Vaters verarbeiten. Als einziges Kind ist es nun Johanna, das die Leitung des Weinguts am Kaiserstuhl übernimmt.
Währenddessen reiste Luzie alleine nach Marokko und kehrt mit belastenden Erinnerungen zurück.
Die Freundschaft hat unter der Trennung und den unterschiedlichen Lebenswegen gelitten. Annäherung schafft das gemeinsame Engagement bei den Protesten gegen den geplanten Bau des Kernkraftwerks in Wyhl. Doch es gibt Dinge, die Luzie verschweigt und Johannas Vertrauen zu erschüttern drohen.

"Sonnenberg" handelt während der ersten vier Monate des Jahres 1975, die im Badischen, aber auch darüber hinaus, vom Widerstand der Bevölkerung gegen die Pläne der Politik zur Nutzung der Kernenergie geprägt war.
Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht von Johanna und Luzie geschildert, wobei die Perspektiven innerhalb der Kapitel ungekennzeichnet wechseln. Der Fokus liegt auf den gegenwärtigen Ereignissen, wobei sich die beiden Hauptfiguren wiederholt in Erinnerungen verlieren, insbesondere Luzie, die in Marokko während der Erforschung des zweiten Rifkabylen-Aufstandes nicht nur positive Erfahrungen sammeln konnte. Das Durcheinander der Erzählweise unterbricht den Lesefluss. 

Durch den Einfluss von Dialekten und den bildhaften Alltagsbeschreibungen erhält man eine klare Vorstellung von der damaligen Zeit und den örtlichen Gegebenheiten.
Im Gegensatz dazu bleiben die Figuren auf Distanz und blutleer. Johanna und Luzie sind nur schwer greifbar, was mitunter an den Geheimnissen liegt, die sie bergen. Der/ dem Leserin wird zu viel vorenthalten, was die Charaktere aber nicht interessanter gestaltet, sondern zu Unverständnis führt. Zudem dreht sich die Geschichte in Bezug auf Luzies unausgesprochene Wahrheiten anstrengend im Kreis. Die Nebencharaktere sind austauschbar, keiner sticht mit einer besonderen Rolle hervor.  

Im Vordergrund stehen die Proteste gegen das KKW Wyhl, in die Luzie und Johanna eingebunden sind, wobei ihr Engagement eher der räumlichen Nähe als echtem Protestwillen geschuldet erscheint. So ist es auch schade, dass die problematische Entwicklung ihrer Freundschaft, Johannas Übernahme des väterlichen Betriebs und ihre persönlichen Probleme als alleinerziehende Mutter und Luzies traumatische Erlebnisse als Randaspekte verbleiben. 

Trotz der interessanten Themen um die Rolle der Frau in den 1970ern, zivilen Ungehorsams, Erpressung und das Auseinanderdriften einer Freundschaft, kommt beim Lesen keine Spannung auf. Die Geschichte wirkt überladen und kann sich jedweder Schwierigkeit nur oberflächlich widmen. 

Mittwoch, 29. Juli 2026

Buchrezension: Evann Normandin - Genug für ein halbes Leben

Inhalt:

Es ist der Beginn einer großen Liebe: Auf eine zufällige Verwechslung folgt der erste Kuss, ein gefühlvolles Liebesgeständnis, die langersehnte Hochzeit. Die gemeinsame Zukunft von Rose und Landon scheint vorherbestimmt – bis ein tragisches Unglück Rose zu einer folgenschweren Entscheidung drängt: Für die Chance auf einen echten Neuanfang lässt sie mithilfe einer neuartigen Behandlung ihr bisheriges Leben und alle Erinnerungen daran hinter sich.
Doch Landon kann Rose nicht vergessen. Er macht sich auf die Suche nach ihr und lernt sie als Fremder ein zweites Mal kennen. Es dauert nicht lange, bis die alten Gefühle wieder zum Vorschein kommen. Nur ahnt Rose nicht, dass ihr Gegenüber die Last all ihrer gemeinsamen Erinnerungen mit sich trägt. 

Rezension: 

Rose und Landon haben sich als Studenten in New York kennen und lieben gelernt. Sie heiraten und träumen von einer gemeinsamen Familie, auch wenn Rose aufgrund ihrer Erfahrungen mit einem an Alzheimer erkrankten Vater und einer depressiven, abweisenden Mutter Bedenken hatte. Doch ihr Glück hält nicht ewig an, was Rose eine radikale Entscheidung treffen lässt. Sie nimmt ein neues Medikament, das alle Erinnerungen löscht. Während sie damit auch Landon aus ihrem Leben streicht und einen Neuanfang in Edinburgh wagt, kann Landon seine große Liebe nicht loslassen. Er folgt ihr nach Schottland, in der Hoffnung, sie erneut für sich zu gewinnen. Tatsächlich freundet sich Rose mit "Jamie" an, ohne zu wissen, dass sie in ihrem früheren Leben mit ihm verheiratet war.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen, in der Vergangenheit aus Roses Perspektive und in der Gegenwart aus Landons Sicht, erzählt.
Die Vergangenheit zeigt die Entwicklung ihrer Beziehung über ein gutes Jahrzehnt, Gegenwart handelt über einen Zeitraum von mehreren Wochen.
Die Geschichte mutet auf beiden Erzählebenen melancholisch an, wobei die Vergangenheit auf ein tragisches Ereignis hinsteuert, das man durch die fortschreitende Verbindung beider Handlungsstränge erahnen kann und den Grund für Roses Entscheidung offenbart, ihr bisheriges Leben vergessen zu wollen. Der emotionale Ballast, die Verzweiflung und der Wunsch, unbelastet neu anzufangen, sind nachvollziehbar. Genauso gut kann man sich in Landons Lage hineinversetzen, der seine Rose nicht aufgeben möchte.
Beide verhalten sich egoistisch und haben doch nur den Wunsch, glücklich zu sein.

Der Plot baut mit der "Vergessenspille" auf einer originellen Idee auf und auch wenn diese nur der Fantasie der Autorin entspringt, handelt es sich nicht um einen Fantasyroman, denn die Gefühle der Hauptfiguren fühlen sich authentisch an. Traurigkeit, Schmerz, Verzweiflung und Sehnsucht sind vordergründig, was den Roman nicht zu einer einfachen, aber emotionalen Lektüre macht.

Trotz eines spannenden - utopischen - Szenarios bleibt der Roman hinter seinen Erwartungen zurück. Die Geschichte ist auf beiden Erzählebenen monoton. In der Vergangenheit wird auf ein tragisches Ereignis hingesteuert, das jedoch aufgrund der Gegebenheiten in der Gegenwart früh erahnt werden kann, was ihr die Spannung nimmt. 
Die emotionalen Auswirkungen des Ereignisses werden hingegen kaum beleuchtet, obwohl gerade sie zu der lebensverändernden Entscheidung für die Pille führen. 
Die Gegenwart hat insbesondere in Bezug auf die Pille inhaltliche Schwächen und lässt Fragen zur Herkunft, Verbreitung, Wirkweise, Nebenwirkungen und Ausgestaltung eines alltagstauglichen Neustarts offen. 

Die beiden Hauptfiguren haben wenig Substanz. Rose ist allein von ihrer Trauer bestimmt, wahrend Landons Handeln nur von der Liebe zu Rose getrieben ist. Trotz des Mitgefühls, das man für sie entwickelt, bleiben sie auf Distanz. 

Das Ende der Geschichte ist hingegen konsequent und zeigt, wie tief Trauer gehen kann, wie schwierig Trauerbewältigung ist und mit welchen einsamen Entscheidungen sie einhergehen kann. Die Flucht in ein neues Leben und der Wunsch nach einem unbeschwerten Neuanfang unter der Euphorie eines Medikaments hinterlassen allerdings einen bitteren Beigeschmack. 

Montag, 27. Juli 2026

Buchrezension: Meike Werkmeister - Über dem Meer tanzt das Licht

Inhalt:

Maria hat die halbe Welt bereist und nie ein Abenteuer ausgelassen. Dass sie ausgerechnet auf einer kleinen Nordseeinsel ihr Glück finden würde, wäre ihr im Traum nicht eingefallen. Doch sie liebt ihr Leben auf Norderney, ihr kleines Strandcafé und vor allem ihre Familie: ihren Freund Simon und die Töchter Morlen und Hannah. Ihr Leben ist randvoll, für Probleme bleibt da keine Zeit. Bis Simon aus dem gemeinsamen Alltag ausbricht und mit Hannah verreist. Plötzlich hat Maria wieder Zeit für sich selbst. Und mit der Zeit kommen die Fragen. Steckt in ihr noch die alte Abenteurerin? Ist sie eine andere geworden? Und wo gehört sie wirklich hin? 

Rezension: 

Maria ist als junge Frau durch die Welt gereist und hätte sich nie vorstellen können, dass sie einmal sesshaft wird. Durch die Erkrankung ihrer Mutter kam sie zurück nach Norderney, wo sie sich mit einem kleinen Café am Strand selbstständig gemacht hat und Mutter zweier Töchter ist. Von Morlens Vater lebt sie getrennt und ist seit drei Jahren mit dem Surflehrer Simon zusammen, mit dem sie die gemeinsame Tochter Hannah hat. Maria ist glücklich und liebt ihre Patchworkfamilie.
Doch im Sommer häufen sich die Probleme, als die ältere Tochter immer schwieriger wird, kostspielige Reparaturen an ihrem Café notwendig sind und Maria entscheiden müsste, was sie mit dem Haus ihrer inzwischen verstorbenen Mutter machen soll. Ausgerechnet dann eröffnet ihr Simon, dass er eine Auszeit braucht und vier Wochen Elternzeit zusammen mit Hannah unterwegs im Camper verbringen möchte.
Während Maria die freie Zeit nutzt, um das Haus ihrer Mutter zu entrümpeln, vermisst sie nicht nur Simon und Hannah schmerzhaft, sondern findet auch noch Aufzeichnungen ihrer Mutter, wodurch sie mehr über ihren Vater erfährt, über den Iris so beharrlich geschwiegen hatte.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Maria geschildert, die als Nebenfigur aus "Sterne sieht man nur im Dunkeln" bekannt ist und nun in den Mittelpunkt rückt. 

In dem Sommer hat Maria mit großen Herausforderungen zu kämpfen, mit dem Alltagschaos, den Sorgen um die Existenzgrundlage, aber auch mit den Geistern der Vergangenheit. Trotz der vielfältigen Probleme ist die Geschichte ein schwereloser Sommerroman mit rauem Inselfeeling, bei dem man den Wind in den Haaren und den Sand unter den Füßen spüren kann. Gerade das Leben auf einer überschaubaren Insel vermittelt ein enges Gemeinschaftsgefühl. Familie, Freundschaft und Nachbarschaft sorgen für gegenseitige Unterstützung und Verlässlichkeit. 

Die Geschichte ist vielseitig und unterhaltsam, voller Lebensfreude und weckt Abenteuerlust. Maria hat ein sonniges Gemüt und ein einnehmendes Wesen, mit dem sie die Menschen für sich gewinnt. Sie ist jedoch auch unkonventionell, impulsiv und wählt nicht immer den einfachsten Weg. 

Der Roman handelt vom Wunsch nach Freiheit, von Sehnsucht nach Weite und Meer und der Herausforderung, diesen Drang nach Freiheit mit dem Alltag aus Familie und Arbeit in Einklang zu bringen. Es geht um Lebensträume, Loslassen können, Liebe und Vertrauen - emotionale und ernste Themen, die realitätsnah und empathisch dargestellt werden und mit dem Inselsetting auf Norderney einen passenden atmosphärischen, sommerlichen Rahmen erhalten. 

"Über dem Meer tanzt das Licht" ist kein Teil einer klassischen Buchreihe, denn bei allen Romanen von Meike Werkmeister handelt es sich um eigenständige Geschichten. Mit den Querverbindungen können jedoch die Entwicklungen der Protagonisten nachvollzogen werden. So gibt es  in "Über den Wolken wohnen die Träume" ein Wiedersehen mit Morlen, die inzwischen 17 Jahre alt ist und als Au-pair nach Kalifornien geht.