Montag, 31. August 2026

Buchrezension: Helen Russell - Laura Clark ist dann mal weg

Inhalt:

Der Aufzug klemmt, die Kaffeemaschine tropft, im Büro stapeln sich die Beschwerden, aber niemand tut etwas. Laura Clark ist weg. Einfach so. Ihr Ehemann Mark kämpft mit Handwerkern, die sein Haus überrennen, Tochter Sian sucht verzweifelt in Wäschebergen nach Antworten, und im Büro geht alles drunter und drüber. Niemand, nicht mal ihre beste Freundin, weiß, wo Laura abgeblieben ist. Nur langsam kommt Lauras Umfeld ein unerhörter Gedanke: Könnte ausgerechnet Laura, die sich immer aufopferungsvoll um alles und jeden gekümmert hat, ihr Leben, ihre Familie und ihre Freunde einfach hinter sich gelassen haben? 

Rezension: 

Eine Abwesenheitsnotiz in ihrem beruflichen E-Mail-Account ist alles, was Laura hinterlassen hat. Sie ist weg und niemand aus ihrer näheren Umgebung hat eine Vorstellung, weshalb und wohin. 
Im Büro wurde sie so selbstverständlich gehalten wie die Tapete, die an der Wand klebt und als Personalmanagerin für alle persönlichen Befindlichkeiten zuständig erachtet. Jetzt gibt es keine Snacks und der Fahrstuhl funktioniert auch nicht. 
Ihr Ehemann, der nur Golf im Kopf hat, wähnt Laura bei einer Beerdigung, schafft es weder Essen zuzubereiten, noch den Hund rechtzeitig nach draußen zu bringen, bevor ein Malheur passiert. 
Die erwachsene Tochter Sian ist nicht weniger hilflos und bedient sich an der Kleidung ihrer Mutter, als keine saubere Wäsche mehr da ist und die Waschmaschine sich nicht von selbst befüllt. 
Lauras Mutter Carol hat ihre eigenen Anliegen, um die sich Laura kümmern soll, braucht aber vielmehr jemanden zum Zuhören, weshalb sie unaufhörlich Lauras Mailbox bequatscht. Einen Rückruf erhält sie nicht. 
Lauras Freundin Ruth erhält ebenfalls keine Antwort auf ihre WhatsApp-Nachrichten an Laura und kämpft sich verzweifelt durch den Alltag als alleinerziehende Mutter von neugeborenen Zwillingen. 

Der Roman ist erfrischend originell aufgebaut, denn die Hauptfigur ist nicht präsent. Das Rätsel um ihr Verschwinden erschließt sich aus den Perspektiven der Menschen aus Lauras Umgebung. Die erste Reaktion ihrer Kollegen oder Familienmitglieder ist nicht etwa Sorge wegen ihres untypischen Verhaltens, sondern vielmehr Irritation, dass Laura nicht zur Verfügung steht. 

Es braucht nicht lange, bis offensichtlich ist, was - oder wer - alles dazu beigetragen hat, Laura in die Flucht zu schlagen. Durch die Sicht der anderen Personen wirkt die Szenerie noch erschütternder, als würde Laura selbst ihr Leid klagen. Denn Laura fehlt nicht als Mensch, sondern in ihrer Funktion als Köchin, Putzfrau, Einkäuferin, Wäscherin, Handwerkerin, Gassigeherin, Angestellte - Mädchen für alles. 

Erst als die Menschen im Chaos versinken, merken sie, was Laura alles stillschweigend erledigt hat und spüren, dass sie Laura gar nicht richtig kannten. 

Die Menschen aus Lauras Umfeld sind lebendig, aber hemmungslos überzeichnet dargestellt. Insbesondere ihr Ehemann wirkt komplett idiotisch, weshalb man sich fragen muss, warum Laura nicht schon viel früher die Reißleine gezogen hat. Dennoch steckt in der ganzen Ironie ein wahrer Kern. Auch wenn viele Szenen von einem scharfsinnigen Blick auf die Rolle einer "mittelalten" Frau zeugen und mit Humor inszeniert sind, bleibt einem das Lachen zumal im Hals stecken. 

"Laura Clark ist dann mal weg" um sich eine wohlverdiente Auszeit zu nehmen. Sie hat sich stets um andere gekümmert und keinerlei Wertschätzung erfahren. Der Roman zeigt sehr deutlich, wie sich eine Frau ausnutzen lässt, bis ein Punkt erreicht ist, an dem sie ihrem Leben nur noch den Stinkefinger zeigen kann. Auch wenn am Ende Laura selbst zu Wort kommt, die man bisher nur direkt über Postkarten an ihre beste Freundin Ruth kannte, die über die Jahre immer weniger euphorisch wurden, ist das Ende ohne direkte Konfrontation mit allen Beteiligten etwas abrupt. 


Samstag, 29. August 2026

Buchrezension: Anne Keßel - Die Lüge in ihrem Gesicht

Inhalt:

Eine Frau schweigt. Seit Stunden sitzt sie auf der Polizeiwache, nachdem ein junger Mann durch ihre Hand starb. Notwehr, sagen die Zeugen. Doch Verhaltenspsychologin Marlene Nielsen, Koryphäe für Mikroexpressionen, spürt: Hier stimmt etwas nicht. Ihr Gegenüber hat sich jede verräterische Regung abtrainiert – bis sie erfährt, wer Marlene ist. Da huscht Furcht über ihr Gesicht. Zwei Frauen, deren eiserner Wille sich in nichts nachsteht, treffen hier aufeinander. Doch die Zeit tickt, denn ohne konkrete Beweise gegen die Unbekannte kann die Polizei sie nicht festhalten. Als Marlene auf eigene Faust ermittelt, wird sie in ein monströses Lügenkonstrukt gezerrt – und muss erkennen: Die Grenze zwischen Täterin und Opfer ist schmaler als gedacht. 

Rezension: 

Eine Frau wird sexuell belästigt und mit einem Messer bedroht. Sie wehrt sich und tötet ihren Angreifer mit einem Handkantenschlag. Videoaufzeichnungen und Zeugen bestätigen die Tötung aus Notwehr. Die Betroffene selbst schweigt bei ihrer Vernehmung. Die hinzugezogene Verhaltens- und Emotionspsychologin Marlene Nielsen, die sich auf die Entschlüsselung von Mimik spezialisiert hat, versucht erfolglos mit der Frau zu sprechen, will jedoch an ihrer Reaktion erkannt haben, dass die Frau nicht in Notwehr handelte. Ohne konkrete Beweise und Ermittlungsansätze kann die Unbekannte auch nicht zur Identitätsfeststellung länger festgehalten werden. 
Marlene, der Lügen zuwider sind, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. 

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven geschildert, wobei Marlene und ihre hartnäckige Suche nach der Wahrheit klar im Vordergrund stehen. Die unterschiedlichen Blickwinkel sorgen allerdings dafür, dass das Motiv der Tat der unbekannten Frau frühzeitig zu erkennen ist. Darunter leidet die Spannung, auch wenn der Fall sich tatsächlich komplexer entwickelt und erst am Ende alle verstörenden Details ans Licht kommen. 

Marlenes Nachforschungen sind neben ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit persönlich motiviert, wobei erst allmählich deutlich wird, was sie in ihrer Vergangenheit geprägt hat. Ihre Fähigkeit, Mimik und Emotionen zu lesen, geht dabei unter und prägt die Handlung weniger als erwartet. 
Neben Marlenes kopflosen, obsessiven Verhalten ist auch die im weiteren Verlauf zu auffällige Vorgehensweise der unbekannten Frau nicht ganz nachvollziehbar. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Frauen sich wiederholt in die Quere kommen und Marlene im Vergleich zur Polizei, die die Ungereimtheiten in dem Fall hinnimmt, so schnell nicht aufgibt und selbst Drohungen stoisch ignoriert.  

Selbst wenn man berücksichtigt, dass die handelnden Personen von ihren Emotionen geleitet werden, muss man Abstriche in Bezug auf eine realitätsnahe Handlung machen. 
Marlenes eigenwillige, schon fast selbstzerstörerische Art mag dabei unprofessionell und enervierend wirken, die Schuldigen bringen sich nach anfänglicher Gerissenheit selbst in Verruf und die Polizei handelt erst spät, aber dann mit Karacho. Der Plot entwickelt sich dennoch zu einem raffinierten Konstrukt aus Lügen, Rache und Trauma. 

Trotz einigen Kritikpunkten ist vorstellbar, dass "Die Lüge in ihrem Gesicht" der Auftakt einer Buchreihe um Marlene Nielsen könnte, die als Expertin für Mikroexpressionen Strafverfolgungsbehörden offiziell bei ihren Ermittlungen unterstützt.

Freitag, 28. August 2026

Buchrezension: Samantha Hayes - Eine zu viel

Inhalt:

Nach dem Tod des Familienvaters Ray lädt Mutter Connie ihre drei Töchter samt Partnern und Kindern in eine abgelegene schottische Lodge ein. Zehn Tage sollen sie dort verbringen: nachtrauern, zusammenrücken, vielleicht neu beginnen. Doch Connie hütet ein brisantes Geheimnis: Rays Testament – und die Wahrheit, die es an die Oberfläche bringen wird. Während Connie den richtigen Moment für ihre Offenbarung sucht, kippt die Stimmung wie das Wetter in den Highlands. Wer steht zu wem? Und was geschieht, wenn die größte Gefahr nicht draußen lauert, sondern mit am Tisch sitzt? 

Rezension: 

Connie Hunter versammelt nach dem Tod ihres Ehemanns ihre Familie in der Ferienlodge in den schottischen Highlands. Sie möchte ihren Töchtern das Testament ihres Vaters eröffnen, mit dem er ein jahrzehntealtes Geheimnis enthüllt, das alle erschüttern wird.
Doch nicht nur Connie hat Probleme, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen. Darby und ihr Schwager Adrian haben ein Geheimnis, das sie verbindet und über das sie schweigen um Darbys Schwester Kate zu schützen. Kate hingegen vermutet, dass Darby und Adrian eine Affäre haben. Die jüngste Schwester Bea ist schwanger und schweigt sich über die wahre Identität des Vater des Kindes aus. Währenddessen ist Darbys Stiefsohn Theo voller Wut und hegt Mordgedanken.
In der aufgeladenen, misstrauischen Stimmung droht die Lage zu eskalieren.

Der Roman ist in drei Teile untergliedert. Der erste Teil handelt in der Gegenwart und wird aus den Perspektiven von Connie, ihren drei Töchtern und Theo geschildert. Er dient der Vorstellung der Charaktere und demonstriert die Familiendynamik. In den Vordergrund rücken jedoch die kleinen und großen Geheimnisse, die (fast) jeder von ihnen hat und die die vorgebliche Familienidylle nach dem Tod des Patriarchen zu zerstören droht.
Teil zwei handelt 40 Jahre zuvor aus wechselnden Perspektiven von Connie und ihrem Mann Ray. Connies angedeutetes Geheimnis wird darin enthüllt, wirkt aber mit der Offenbarung des Charakters Rays noch einmal erschütternder.
Im dritten und letzten Teil zeigt sich die Tragik der ganzen Familiengeschichte. Es werden nicht nur düstere Geheimnisse offenbart, die zu erahnen waren, es kommt auch noch zu weiteren Enthüllungen, die überraschen und so manchen Charakter in einem anderen Licht stehen lassen.

"Eine zu viel" ist ein spannendes Familiendrama, das vor allem durch die Abgeschiedenheit der Lodge, der Tatsache, dass es bei dem Familientreffen kein einfaches Entkommen gibt und den Verletzungen und Enttäuschungen, denen sich die Protagonisten stellen müssen, Nervenkitzel entwickelt. Gerade am Ende, wenn Sturm und Regen zunehmen und die Figuren sich unberechenbar verhalten, zeigt sich die bedrohliche Lage, die bisher nur unterschwellig zu spüren war.

Nach einem gemächlichen Beginn und sehr plakativ angedeuteten Geheimnissen entwickelt die Geschichte erst am Ende einen regelrechten Sog. Resümierend ist die Familie allerdings mit so vielen Lügen und bösem Blut belastet, dass die Geschichte überkonstruiert wirkt und auch die letzte Wende etwas weit hergeholt erscheint.