Mittwoch, 6. August 2025

Buchrezension: Ella Berman - Das Comeback

Inhalt:

Teenie-Star Grace Turner war auf der Höhe ihrer Karriere. Aber ausgerechnet am Vorabend ihrer ersten Golden Globe-Nominierung verschwand sie. Jetzt, ein Jahr später, ist sie wieder da. Und sie will ihr Leben zurück. Doch dann bittet man sie, dem Mann, der acht Jahre lang jeden ihrer Schritte kontrollierte, den Preis für sein Lebenswerk zu überreichen. Sie begreift, dass sie nicht länger vor dem Geheimnis, das sie damals zerstörte, davonlaufen kann. Und sie ist die Einzige, die nichts zu verlieren hat. 

Rezension: 

Grace Turner wurde als 13-Jährige entdeckt und für einen Film gecastet. Mehrere Jahre war sie der Star der Filmbranche Hollywoods, bis sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ohne eine Erklärung zurückzog.
Ein Jahr später ist sie zurück in Los Angeles, wo sich die Presse gierig auf die junge Frau stürzt, die verwirrt erscheint und ungepflegt auf die Straße tritt.
Die Öffentlichkeit weiß nicht, dass Grace einen Suizidversuch hinter sich hat und was die Gründe dafür sind. Traumatisiert kämpft Grace sich allmählich ins Leben zurück und beschließt Rache an ihrem Peiniger, Hollywood-Produzent Able zu nehmen, der sie groß hat werden lassen, aber gleichzeitig erniedrigt hat. Ausgerechnet seine Ehefrau hilft ihr dabei, wieder auf die Beine zu kommen und schlägt sie für die Laudatio für das Lebenswerk Ables vor.

Der Roman beginnt mit einer psychisch gebrochenen Frau, die wieder bei ihren Eltern eingezogen ist, sich über die Jahre jedoch von ihnen entfremdet hat und weder Halt noch Verständnis dort findet. Grace ist innerlich leer und spürt die Folgen ihrer jungen Karriere. Geblieben sind Geld und Ruhm, aber keine Freunde und eine zerrüttete Ehe.

Im Rückblenden erfährt man das Offensichtliche, was Grace kaputt gemacht hat und was ihr Mentor ihr angetan hat. Grace war viel zu jung und unerfahren, konnte am Filmset nicht für sich einstehen und sich schon gar nicht gegen einen manipulativen, übergriffigen Filmemacher zur Wehr setzen, von dem sie abhängig war. Sie flüchtete sich in den Konsum von Alkohol, Opiaten und Drogen, um sich zu betäuben.

Die Darstellung aus Graces Sicht ist eindringlich und authentisch. Durch die öffentliche Berichterstattung über Machtmissbrauch in Hollywood und #metoo-Debatten ist auch ohne dass zu sehr ins Detail gegangen wird nachvollziehbar, was Grace erlebt haben muss. Der Roman erscheint deshalb als ein beispielhaftes Schicksal, das sich tatsächlich so zugetragen haben könnte.
Gerade deshalb fehlt es aber auch an Spannung und vor allem in der ersten Hälfte ist das Buch langatmig, bis Grace auf ihre Art die Nähe zu ihrem Peiniger sucht und sich abzeichnet, dass sie ihr Schweigen brechen wird. Am Ende fällt ihr Befreiungsschlag allerdings besonnener und weniger leidenschaftlich aus, als erhofft. 


Montag, 4. August 2025

Buchrezension: Hattie Williams - Bittersüß

Inhalt:

Charlie lebt ein Leben, von dem sie nach dem Tod ihrer Mutter nie zu träumen gewagt hätte. Sie arbeitet in London in dem Verlag, der bald das neue Buch des preisgekrönten Richard Aveling herausbringt. Als Charlie bei einer Zigarette im Regen mit dem dreißig Jahre älteren Richard zusammenstößt, ist sie überwältigt. Zum ersten Mal fühlt sie sich gesehen und ernst genommen. Was als filmreife Begegnung im Regen beginnt, entfaltet sich zu einer Affäre, die auf Macht, Kontrolle und Schweigen beruht. Charlie wird verzehrt von der Liebe, dem Unverständnis ihrer Freunde, den Anforderungen von allen Seiten. Bis es sie zerreißt. 

Rezension:

Vor sieben Jahren ist Charlies Mutter an einem Schlaganfall verstorben bis heute leidet sie unter dem Verlust. Ihre Mutter war es auch, die ihr die Romane des Autors Richard Aveling nahegebracht hat.
Charlie ist inzwischen 23 Jahre alt und arbeitet als Presseassistentin in einem renommierten Londoner Verlag. Dort wird das neue Buch von Richard Aveling verlegt. Charlie lernt ihn persönlich kennen und geht eine Affäre mit dem verheirateten Mann ein. Er trifft sich mit ihr, wenn er Zeit hat, verspricht ihr nichts und verlangt im Gegenzug von ihr absolutes Stillschweigen - auch in ihrem eigenen Interesse. 
Mit ihren beiden besten Freunden Ophelia und Eddy, die gleichzeitig Kollegen und Mitbewohner sind, kann sie nicht über ihre Gefühle sprechen. Doch je länger die Liebesgeschichte andauert, desto schwieriger wird die Verheimlichung und die Last der ungleichen, aber alles verzehrenden Beziehung.

Der Roman gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt. Charlie verliebt sich unsterblich in den über 30 Jahre älteren Schriftsteller, der für sie seit ihrer Jugend ein literarisches Idol ist. Gleichzeitig sind er und sein Werk eine Verbindung zu ihrer verstorbenen Mutter, die sie schmerzhaft vermisst. Der weltgewandte und charmante Bestsellerautor zieht sie magisch an und schon bald kann sich Charlie ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Aus Angst vor Ablehnung oder verlassen zu werden, tut sie alles, um ihm zu gefallen und ist auf Abruf für ihn bereit. Sie nimmt sogar in Kauf, dass ihre Freundschaft zu Ophelia und Eddy leidet, die die ungleiche Beziehung nicht gutheißen.

Die Auswirkungen der heimlichen Affäre auf ihr Leben sind massiv, was Charlie so gut es geht, ignoriert. Sie sehnt sich nach Liebe, ist in der Beziehung jedoch einsam. Ihre Freunde, bei denen sie erstmals nach dem Tod ihrer Mutter ein Zuhause und einen Familienersatz gefunden hatte, stößt sie vor den Kopf und manövriert sich selbst in die Isolation.

Charlie ist eine unsichere, verletzliche Frau, die keine hohe Meinung von sich hat. Es berührt und macht wütend, wie sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt und sich dominieren lässt. Es ist völlig unklar, wo die Beziehung zu Richard hinführt, denn eine gemeinsame Zukunft scheint unmöglich. Ihre trübsinnigen Gedanken nehmen stetig zu und erfüllen mit Sorge. Keimt kurzfristig Hoffnung auf, dass sich Charlie aufgrund erneuter Verletzungen endlich von Richard lösen kann, schafft er es, ihre Verletzlichkeit auszunutzen und sie wieder fester an sich zu binden.

"Bittersüß" schildert empathisch und realistisch das Machtgefälle innerhalb einer Beziehung und die Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte über die Suche nach einem Platz im Leben, in der Unsicherheit, mangelnder Selbstwert, Trauer und psychische Gesundheit einen wesentlichen Teil ausmachen, in der es jedoch durch die verlässliche Freundschaft auch hoffnungsvolle Momente gibt. 

Freitag, 1. August 2025

Buchrezension: Federico Axat - Eine vorbildliche Tochter

Inhalt:

Die prominente Investigativjournalistin Camila Jones genießt ihren vorzeitigen Ruhestand. Auf der spärlich besiedelten Insel vor der Küste von North Carolina kehrt endlich die Ruhe in ihr Leben ein, die sie sich gewünscht hat. Eines Mittags aber steht ein Reporter der Lokalzeitung vor ihrer Haustür und bittet sie um Hilfe. In einer Kleinstadt auf dem Festland ist vor einigen Monaten die 14-jährige Sophia verschwunden. Selbstmord, vermutete die Polizei damals. Doch ihre Leiche wurde nie gefunden. Camilas Instinkt ist geweckt: Kann es sein, dass das Mädchen noch lebt? 

Rezension:

Die aus dem Fernsehen bekannte Investigativjournalistin Camila Jones hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und versucht sich gerade mit ihrem Vorruhestand anzufreunden, als der Lokaljournalist Tim Doherty sie bittet, sich einem in seinen Augen ungeklärten Kriminalfall zu widmen. Vor zehn Monaten soll sich die 14-jährige Schülerin Sophia von einer Brücke gestürzt haben. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus, wohingegen ihre Eltern und Freunde sich einen Suizid der hochintelligenten Schülerin nicht vorstellen können.
Tim und Camila vermuten einen Zusammenhang ihres Verschwindens mit einem Video, das ihre Freundin Janice in einer beschämenden Situation zeigt und in der Schule viral gegangen ist. Der Junge, der das Video aufgenommen hat, wurde zwei Monate nach ihrem Verschwinden tot aufgefunden und Janices Bruder als Tatverdächtiger verhaftet.

Erst verschwindet die Tochter spurlos oder soll Suizid begangen haben und Monate später stürzt ihre Mutter vom Balkon und liegt im Koma. Für die beiden Journalisten kann dies kein Zufall sein und der Arbeitseifer der bekannten Fernsehjournalistin ist wieder geweckt.

Der Thriller handelt auf mehreren Zeitebenen, wobei der Fokus in der Gegenwart auf den Recherchen von Camila Jones liegt, die den Ermittlungen der Polizei nicht traut und die Wahrheit hinter den Ereignissen der letzten Monate in Hawkmoon herausfinden möchte.
Die Vergangenheit geht mehrere Monate zurück und erzählt, was sich vor Sophias Verschwinden in einer Clique von Jugendlichen ereignet hatte, ohne zu offenbaren, was tatsächlich ursächlich für Sophias Verschwinden ist und die Frage zu klären, ob sie noch am Leben ist. Es geht um die erste Liebe und die Dynamik, die sich unter den Freunden entwickelt.
Beide Erzählebenen ergänzen sich und geben mehr Details über eine Kette von Handlungen preis, die bis zu einem Mord geführt haben.
Ab der Hälfte des Romans wird die Geschichte um eine weitere Perspektive ergänzt, die neue Fragen aufwirft.

Als Leser(in) hat man gegenüber den Journalisten einen Wissensvorsprung, was die Spannung jedoch nicht mindert. Geht man anfangs noch von der Eskalation von Streitigkeiten unter Jugendlichen aus, wird das Ausmaß der Machenschaften in der Kleinstadt, wer die Strippen dort zieht und welche Verbrechen sich dort ereignen, erst allmählich offensichtlich.

Der Psychothriller ist originell aufgebaut und sorgt durch den Wechsel aus gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen für zahlreiche Mini-Cliffhanger, die "Eine vorbildliche Tochter" zu einem Pageturner machen.
Die Journalisten stehen in eine Wespennest unvorstellbaren Ausmaßes. Camila lässt sich weder leichtfertig mit Aussagen abspeisen noch sich von den Strippenziehern im Ort einschüchtern.
Die Geschichte ist durch immer neue Enthüllungen wendungsreich und spannend, wobei es immer komplexer wird, am Ende alle Puzzleteile zusammenzufügen. Es geht um die Herstellung von Gerechtigkeit, wobei die Helden zumal unkonventionelle Wege gehen.