Freitag, 28. November 2025

Buchrezension: Sarah Bestgen - Safe Space

Inhalt:

Sadisten, Psychopathen, Serienmörder - die forensische Psychologin Anna Salomon weiß um die dunklen Abgründe der menschlichen Natur. Sie gilt als Ausnahmetalent in der Behandlung von Straftätern und ist bekannt dafür, die undurchdringlichsten Fassaden zu durchschauen. Doch niemand ahnt, was sich hinter ihrer eigenen verbirgt. Denn ausgerechnet in den Mauern eines Hochsicherheitsgefängnisses jagt Anna ihrer ganz persönlichen Heilung hinterher. Auf der Suche nach der Wahrheit ist sie bereit, alles zu riskieren. Nur: Sie ist nicht die Einzige, die ein gefährliches Spiel spielt. Jemand spielt mit - der Einsatz ist Annas Leben. 

Rezension: 

Anna Salomon hat ihre Stelle als Anstaltspsychologin in der JVA Weyer angetreten. Dort wird sie Straftäter, die in dem Hochsicherheitsgefängnis einsitzen, behandeln, um ihnen bestenfalls zu einer Resozialisierung zu verhelfen. Annas Motivation geht jedoch weit über ihren eigentlichen Beruf hinaus. Sie möchte Gewissheit haben, was mit ihrer Schwester Sina passiert ist und hofft, in Weyer Antworten darauf zu finden. In der irrigen Annahme, dass dort niemand ihren Hintergrund kennt, begibt sie sich unweigerlich in Gefahr, denn mit Mördern spielt man nicht...

Der Thriller handelt auf zwei Erzählebenen, wobei die Gegenwart aus der Perspektive von Anna erzählt wird, die einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen möchte und sich dafür erfolgreich Zugang in eine Justizvollzugsanstalt verschafft hat. Die Vergangenheit wird aus den Perspektiven von Annas Schwester Sina und Leon geschildert, der diese vor ihrem aggressiven Freund schützen möchte. Sinas Tagebuch sowie Leons Erinnerungen an seine Kindheit ergänzen die Handlung und geben Raum für Spekulation.

Viele der handelnden Personen haben schlimme Erfahrungen hinter sich, sind traumatisiert und verhalten sich doppeldeutig. Es ist deshalb schwierig, die Protagonisten einzuschätzen, was für anhaltende Spannung sorgt. Folgerichtig wird man mit einem Täter überrascht, den man nicht im Visier hatte.

Die Geschichte ist wendungsreich und lässt in das Dunkle der menschlichen Seelen blicken. Interessant sind die Einblicke in die Abläufe einer JVA und die Therapie von Intensivstraftätern, deren Sinnhaftigkeit man unweigerlich hinterfragt.

"Safe Space" baut auf Verrat und Manipulation und handelt von den Auswirkungen von Gewalt, Erniedrigungen und Traumata. Nach der finalen Auflösung zieht sich das Ende etwas in die Länge und in Bezug auf den Aufbau der Geschichte spielte der Zufall für mich eine etwas zu große Rolle. 

Mittwoch, 26. November 2025

Buchrezension: Kevin Kwan - Crazy Rich Asians

Inhalt:

Als Rachels Freund Nick sie endlich seiner Familie vorstellen will, ahnt sie noch nicht, was auf sie zukommt. Bald stellt sie fest: Diese Leute sind nicht nur reich, sondern crazy rich. Plötzlich sieht sie sich konfrontiert mit schrillen Verwandten, glamourösen Nebenbuhlerinnen und Privatjets mit ayurvedischen Yogastudios. Doch welchen Wert hat Liebe in dieser maßlosen Welt? 

Rezension: 

Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin chinesischer Herkunft Rachel Chu und Nick Young sind knapp zwei Jahren liiert und wohnen gemeinsam in New York, aber Nick hat Rachel bislang seiner Familie nicht vorgestellt. Das ändert sich, als sein bester Freund Colin Khoo heiratet und Nick als sein Trauzeuge eingeladen wird. Nick nimmt Rachel mit nach Singapur, wo sie überrascht feststellt, dass Nick aus einer Familie von Superreichen stammt und einer der begehrtesten Junggesellen Asiens ist. Nick hatte sich über die Beziehung bedeckt gehalten, weshalb Rachel von Freunden und Verwandten argwöhnisch betrachtet wird. Insbesondere Nicks Mutter, die Rachel nicht als passende Partie empfindet, nimmt Rachel heimlich unter die Lupe, ohne ihr eine Chance zu geben und intrigiert aus der Entfernung.

"Crazy Rich Asians" ist der erste Band einer Trilogie über einen Familienclan unvorstellbar reicher Asiaten, der bereits erfolgreich verfilmt wurde. 

Der Roman ist aus verschiedenen Perspektiven geschildert, die Einblicke in die High Society in Singapur geben. Ein Stammbaum am Anfang des Buches informiert über die diversen Verzweigungen dreier Familien, überfordert auf den ersten Blick jedoch aufgrund der Vielzahl an Personen. Die Handlung beschränkt sich im Kern jedoch auf weit weniger Hauptfiguren, so dass die Verwandtschaftsgrade klar erkennbar oder im Detail zum Verständnis nicht relevant sind. 

Die bodenständige Rachel, deren Mutter sich aus armen Verhältnissen empor gearbeitet hat, trifft bei der Reise nach Singapur unerwartet auf eine ihr fremde Welt, in der sie sich zurecht nicht willkommen fühlt. Neben Kapiteln aus ihrer Sicht lernt man ihren Lebensgefährten Nick kennen, der sie erschreckend unbedarft ins kalte Wasser wirft sowie viele weitere weit verzweigte Verwandte von Nick wie seine Cousine Astrid, die ihrem Ehemann eine Affäre unterstellt. 

Im Fokus stehen die privilegierten Anfang 30-Jährigen sowie deren Eltern- und Großeltern-Generation. Neben einzelnen sympathischen Multimillionären und Milliardären ist die Vielzahl der Personen arrogant und überheblich und duldet keine Fremden in ihren Reihen. Tradition und Moderne treffen aufeinander und eröffnen Konflikte zwischen den Generationen. 

Der Schreibstil ist satirisch und erzählt eine amüsante, vereinzelt unwirklich-absurde Geschichte, wenn auf einem mehreren Hektar großen Anwesen in einem Palast gefeiert wird, das so geheim ist, dass es auf keiner Karte verzeichnet ist oder wenn kurzerhand Millionen für Designer-Outfits ausgegeben werden und Privatjets für Wochenendausflüge gechartert werden. Glanzvolles Highlight ist die prunkvolle, dekadente Hochzeit, zu der Aristokratie und Geldadel geladen sind und von den Wiener Sängerknaben und dem Cirque du Soleil unterhalten werden.  

Durch die wechselnden und bildhaft beschriebenen Orte sowie die Einblicke in verschiedene Leben, die man in der Art nur aus der Klatschpresse kennt, ist der Roman lebendig und abwechslungsreich. Die Geschichte ist frech und herrlich absurd, wirkt aber trotz aller Maßlosigkeit authentisch und erweckt das Gefühl, dass der Autor aus dem Nähkästchen plaudert und über Insiderwissen verfügt. Während man wiederholt fassungslos den Kopf über so viel Luxus, Oberflächlichkeit und Arroganz schüttelt, wird schamlos Geld ausgegeben, munter gelästert und intrigiert, was für Unterhaltung und spannungsvolle Momente sorgt. Überraschend vielschichtig wird der Roman, wenn ernste Töne anklingen, die zeigen, dass Geld allein nicht glücklich macht und dass Liebe nicht käuflich ist.  

Montag, 24. November 2025

Buchrezension: Alice Winn - Durch das große Feuer

Inhalt:

Für die englischen Eliteschüler Henry Gaunt und Sidney Ellwood ist der Krieg noch sehr weit weg. Nur über die wöchentlichen Meldungen in ihrer Schülerzeitung erfahren sie von den jungen Männern, die im Kampf an der Front ihr Leben lassen, und feiern sie als Helden. Doch Gaunt ist viel mehr beschäftigt mit der heimlichen Anziehung, die er für seinen charmanten Freund Ellwood empfindet, ohne zu ahnen, dass auch dieser Gefühle für ihn hegt. Als sich die beiden schließlich nacheinander bei der britischen Armee melden, holt die Realität sie schnell ein – und verändert das Leben und die Freundschaft der beiden Männer auf unvorhersehbare Weise. 

Rezension:

Henry Gaunt und Sidney Ellwood gehen auf ein Internat, als England Deutschland 1914 aufgrund der Verletzung belgischer Neutralität den Krieg erklärt. Für die Jungs ist der Krieg zunächst weit weg, aber schon bald lesen sie von den Verlusten und Verletzten und erkennen in den Opfern Mitschüler oder Verwandte von ihnen wieder. Gaunt, der deutsche Wurzeln hat, wird von seiner Familie gedrängt, sich freiwillig zu melden, um ihren guten Ruf zu bewahren, als er gerade 18 Jahre alt ist.
Ellwood und Gaunt, die mehr für einander empfinden, als nur Freundschaft, ihre wahren Gefühle dem anderen aber nie offenbart haben, schreiben sich Briefe. Als deutlich wird, dass der Krieg so schnell nicht beendet sein wird und die Verluste im Umfeld der Internatsschüler sich mehren, entscheidet auch Ellwood für die Front, um nicht als Feigling zu gelten. Durch Beziehungen gelangt er in das selbe Regiment wie Gaunt. Während der Tod in einem grausamen Stellungskrieg oft nur wenige Zentimeter entfernt ist, lenken sich Gaunt und Ellwood ab und kommen sich körperlich näher. 

"Durch das große Feuer" handelt von der Grausamkeit des Krieges und einer verbotenen Liebe zweier Jungen, die darin hineingezogen werden.
Der Roman legt den Fokus gleichermaßen auf beide Hauptfiguren, den zurückhaltenden Gaunt mit deutschen Wurzeln, und den romantischen Poeten Ellwood.
Die Situation in dem Internat im Süden Englands erscheint dabei nicht immer authentisch. Es hat den Anschein, als habe nahezu jeder der Schüler homosexuelle Neigungen, die diese in unterschiedlicher Ausprägung ausleben. Häufig ist die Grenze zwischen Zuneigung und Gewalt durchlässig. Irritierend ist jedoch vielmehr, dass schwule Mitschüler toleriert werden, obwohl Homosexualität zu der Zeit strafbar war. Gleiches zeigt sich auch an der Front unter den Soldaten. Die gefährliche Offenheit erscheint wirklichkeitsfremd und inkonsequent, da beide Hauptfiguren hinsichtlich des Eingeständnisses ihrer sexuellen Orientierung wankelmütig sind.

Die Liebesgeschichte tritt schon bald für die Brutalität des Krieges, die ungeschönt und bildhaft geschildert wird, in den Hintergrund. Leichen, Eingeweide, Hirnmasse und Blut begegnen dem Leser mannigfaltig. Dennoch erhält man oftmals den Eindruck, als würden Gaunt und Ellwood nur Krieg spielen. Gerade die Episoden im Kriegsgefangenenlager, wenn alltäglich mit dem Feind kooperiert wird, wirken fragwürdig.

Während es schon schwierig ist, sich in Gaunt oder Ellwood hineinzuversetzen und zu begreifen, was sie empfinden, bleiben die Nebencharaktere austauschbar. Es gibt eine große Anzahl von Schülern und Soldaten, die Erwähnung finden, aber letztlich nicht mehr sind als Kanonenfutter. 

Neben der fortlaufenden Erzählung mit einzelnen wenigen Rückblenden in die Zeit vor dem Krieg werden verschiedene Dokumente wie Briefe, Kondolenzschreiben, Gedichte und Zeitungsausschnitte eingebunden. Das sorgt für Abwechslung, gerade weil der Roman in Bezug auf die Kriegshandlung recht langatmig ist. 

Der Roman zeigt eindrücklich die Grausamkeit und Sinnlosigkeit eines Krieges, in dem bereits Kinder zu Soldaten rekrutiert werden und den glorifizierten Heldentod sterben. Die Geschichte wirkt in der Veranschaulichung der Folgen der Gewalt mitunter reißerisch und bleibt in Bezug auf die Darstellung der verbotenen Liebe hinter den Erwartungen zurück. 

Freitag, 21. November 2025

Buchrezension: Alice Hunter - Die Schwester des Serienkillers

Inhalt:

Nachdem sie viele Jahre mit ihrem Bruder Henry in einem Kinderheim verbracht hat, geht es Anna Price jetzt gut im Leben. Sie ist eine geachtete Lehrerin und führt ein perfektes Leben mit einem schönen Haus am Meer und einem treuen Ehemann, den sie liebt. Bis eines Tages DI Walker ihr mitteilt, dass ihr Bruder ein Serienmörder ist. Seine letzten Morde hat er an ganz bestimmten Tagen begangen, einer davon ist Annas Geburtstag. Keine zwei Tage entfernt. Die Polizei braucht Annas Hilfe, um Henry rechtzeitig zu fassen. Denn er spielt ein altes »Katz-und-Maus-Spiel« aus Kindertagen, das nur Anna kennt. Doch warum? Will er, dass sie ihn findet? Oder ist sie sein nächstes Opfer? 

Rezension:

Anna Price hat sich trotz ihrer traumatischen Kindheit, die sie nach dem Missbrauch durch ihre Eltern in einem Kinderheim verbracht hat, ein intaktes Leben mit einem liebenden Ehemann an ihrer Seite, ihrem Traumberuf als Lehrerin und einem Haus am Meer aufgebaut.
Doch als ein Polizist vor ihrer Tür steht, wird Anna von ihrer Vergangenheit, die sie erfolgreich zurückgedrängt hatte, eingeholt. Ihr Bruder Henry, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, soll ein gesuchter Serienmörder sein. Fünf Frauen habe er bereits auf dem Gewissen und aufgrund der Todesdaten, die er innerhalb der letzten drei Jahre für seine ausschließlich weiblichen Opfer gewählt hatte, scheint der nächste Mord unmittelbar bevorzustehen. Die Polizei hofft, dass Anna helfen kann, die nächste Tat zu verhindern und kann nicht ausschließen, dass Anna sein nächstes Opfer ist. Schon wenig später erhält Anna einen Umschlag mit einem Rätsel, das sich offensichtlich auf das Spiel bezieht, das Anna und Henry in ihrer Kindheit gespielt haben und außer Kontrolle geriet. Anna muss mitspielen, um zu verhindern, dass Henry ihr Geheimnis lüftet, das ihr Leben zerstören könnte.

"Die Schwester des Serienkillers" ist der dritte Band der Serienkiller-Reihe, der unabhängig von den zuvor erschienenen Büchern gelesen werden kann, da es sich um abgeschlossene Geschichten mit eigenen Charakteren handelt.

Der Roman handelt in der Gegenwart an nur vier Tagen im Mai, die den Countdown bis zum mutmaßlich letzten Mord des Serienkillers bilden. Daneben gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, als Anna zusammen mit ihrem Bruder im Kinderheim Finley Hall untergebracht war und Henry immer unberechenbarer wurde. Ergänzend erhält man Einblicke in die Denkweise des Killers und die Durchführung seiner Taten, mit denen er auf makabre Weise die Nähe zu seiner Schwester herstellen möchte.

Obschon der Vergangenheitsstrang knapp gehalten ist, erhält man einen Eindruck davon, wie die Kinder von ihren eigenen Eltern vernachlässigt wurden und auch keine glücklichen Erfahrungen im Kinderheim gesammelt haben. Verunsicherung, Angst und Wut sind nachvollziehbar und geben eine Erklärung für Henrys krankes Spiel, mit dem er sich an seine Schwester klammert und sie gleichzeitig zurückweist. 

Die Gegenwart ist abwechslungsreich geschildert, auch wenn gar nicht viel passieren muss, um Annas Leben in ihren Grundfesten zu erschüttern. Beruflich und privat steht sie schon bald vor einem Scherbenhaufen, wobei fraglich ist, wie viel Einfluss ihr Bruder ausübt und was er letztlich bezwecken möchte. Das Geheimnis, das er und seine Schwester teilen, kann hingegen frühzeitig erahnt werden. 
In Bezug auf die Mordserie und die Ermittlungen von DI Walker bleiben viele Fragen offen und lassen die Geschichte konstruiert erscheinen. Auch gibt es nur in den letzten Kapiteln wirklich spannende Momente, wobei die lange Vorgeschichte für den Showdown nur bedingt nötig gewesen wäre. Der Clou im Epilog kommt wahrlich überraschend, lässt aber auch die gesamte Logik der Geschichte in Frage stellen.

Mittwoch, 19. November 2025

Buchrezension: Miriam Georg - Im Nordwind (Die Nordwind-Saga, Band 1)

Inhalt:

Hamburg, 1913. Es muss einen Ausweg geben! Alice wohnt im rauen Arbeiterviertel auf der Uhlenhorst, und ihr Ehemann Henk macht ihr das Leben zur Hölle. Der einzige Lichtblick: ihre Tochter Rosa. Als sie das Kind kaum noch vor Henk beschützen kann, wagt Alice das Unmögliche. Sie will diese Ehe beenden!
Nicht weit entfernt vom Elendsviertel lebt der Rechtsanwalt John Reeven in der Villa seiner alteingesessenen Familie. Die Geschäfte florieren, John ist standesgemäß verlobt. Aus guter hanseatischer Tradition berät er auch mittellose Hamburger in rechtlichen Fragen. Das Ansinnen dieser jungen Frau allerdings ist aussichtslos: Sie will sich von ihrem Ehemann trennen.
Wider jede Vernunft willigt er ein, sie zu vertreten. Aber das Wagnis birgt ein hohes Risiko. Für Alice steht alles auf dem Spiel. Und John ahnt nicht, wie sehr seine sichere Welt ins Wanken geraten wird. 

Rezension: 

Alice Bloom wohnt im Hamburger Arbeiterviertel Uhlenhorst und ist in einer Ehe mit einem gewalttätigen Ehemann gefangen. Als die Sorge um ihre Tochter Rosa zunimmt, gibt es für sie nur einen Ausweg: die Trennung von Henk. Doch eine Scheidung ist für eine Frau im Jahr 1913 fast unmöglich. Hilfe sucht sich Alice bei dem Anwalt John Reeven, der eine Sozialsprechstunde anbietet.
John entstammt einer angesehenen Hamburger Familie, die Inhaber einer Privatbank und der Holsten Brauerei ist. Als sein Vater erkrankt, muss er sich nicht nur um seine Kanzlei, sondern auch noch um die Brauerei kümmern, die sein Bruder Julius am liebsten verkaufen möchte. Zeit für seine Verlobte Evelyn bleibt dabei kaum. Pro bono übernimmt er das Mandat für Alice und kann dabei schon bald keine professionelle Distanz zu der mutigen Frau wahren, die ihm jedoch nicht die ganze Wahrheit über sich zu offenbaren scheint.

Nach den beiden Dilogien "Die hanseatische Familiensaga" und "Die Hamburger Auswandererstadt" ist "Die Nordwind-Saga" die dritte historische Hamburg-Buchreihe von Miriam Georg.
Ähnlich wie in den Romanen zuvor handelt auch diese Dilogie von der Lebenssituation von Frauen, sozialer Ungleichheit, dem Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit und einer verbotenen Liebe Anfang des 20. Jahrhunderts.

"Im Nordwind" wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Im Jahr 1913 geht es um Alice, die Mutter der fünfjährigen Rosa ist und sich aus den Fängen einer gewalttätigen Ehe befreien möchte, um ihre Tochter zu schützen. Ihre Wege kreuzen sich mit dem Anwalt John Reeven aus einer gut bürgerlichen Unternehmerfamilie.
Alice kämpft für ihre Freiheit und läuft dabei Gefahr, ihr eigenes Leben zu gefährden und das Sorgerecht für ihre Tochter zu verlieren. John, der einem Jurist entsprechend
sachlich und akkurat agiert, lässt sich unkontrolliert von seinen Gefühlen leiten.
Rückblenden in die Jahre ab 1896 zeigen das Schicksal von Christina, einem Mädchen aus einer Schaustellerfamilie, das an ein Pastorenpaar verkauft wird.

Aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, erhält man einen umfassenden Einblick in die Lebenswirklichkeit von Frauen und Männern, Arm und Reich, Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts und ein lebendiges Abbild der damaligen Zeit. Die Orte, ob einfache Wohnungen im schmutzigen Arbeiterviertel, die prunkvolle Villa am Feenteich oder die gesundheitsgefährdenden Fabriken in Hamburg, werden leicht vorstellbar und sorgen für eine zum Zeitgeist passende Atmosphäre. Der Kontrast aus Arm und Reich und den unterschiedlichen Erwartungen ans Leben sind eindrücklich dargestellt.

Die Geschichte ist dramatisch und spannend. Die Schicksale sind berührend, der ungewisse Verlauf ihrer Lebenswege, die sich gerade an einem Scheideweg befinden, sorgen für einen anhaltenden Lesesog.
Dabei werden die fiktiven persönlichen Geschichten gelungen mit den vorherrschenden tatsächlichen gesellschaftlichen Problemen verbunden. Es geht um Lügen und Geheimnisse innerhalb der Familien, um Arbeitskampf und Frauenrechte sowie den Kampf um Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben.

Inhaltlich vielschichtig und mit viel Empathie für die handelnden Personen steht dieser Auftaktband den vorigen Bestseller-Reihen in nichts nach - und endet wiederum gemein offen. Um zu erfahren, wie es mit Alice und John, Rosa, Theodor, Blanche und allen anderen (lieb gewonnen) Figuren weitergeht,
 lässt am liebsten gleich zu Band 2 "Im Nordlicht" greifen, der bereits erschienen ist. 

Montag, 17. November 2025

Buchrezension: Ellen Sandberg - Rauhnächte

Inhalt:

„Sie darf das nie erfahren. Du hast es mir versprochen!“ Wie ein Faustschlag trifft dieser Satz die 22-jährige Pia an Heiligabend, als sie ein Streitgespräch ihrer Eltern belauscht. Als sie kurz darauf herausfindet, dass sie mit vier Jahren adoptiert wurde, bricht ihre bis dahin gekannte Welt vollends zusammen. Schon ihr Leben lang fühlte sie sich anders, seltsam fremd, als ob ein Tabu sie umgibt. Nun scheint all das bestätigt. Auf der Suche nach Antworten fährt Pia nach Wasserburg am Inn, dem Heimatort ihrer leiblichen Mutter. Der Raureif hängt tief in den winterlichen Inn Auen und durch das mittelalterliche Städtchen tanzen schauerliche Gestalten, die nach altem Brauch die Geister vertreiben sollen. In den Rauhnächten, so sagt man, drängen alte, gut gehütete Geheimnisse wieder an die Oberfläche. Und je näher Pia der Wahrheit über ihre Mutter kommt, desto enger ziehen die Geister der Vergangenheit ihre Kreise um sie. Bis Pia in tödlicher Gefahr schwebt. 

Rezension: 

Ausgerechnet an Weihnachten erfährt Pia, dass sie nicht die Tochter ihrer Eltern ist. Schon immer hat ihr Warmherzigkeit und Liebe in der Beziehung zu ihnen gefehlt und nun hat sie den Beweis dafür, warum sie sich stets fremd und nicht zugehörig gefühlt hat. Da ihre Adoptiveltern das Schweigen über die Vergangenheit nicht brechen wollen, wird Pia immer neugieriger darauf, was es zu verbergen gibt. Auf der Suche nach der Wahrheit fährt sie in das Dorf Galsterried bei Wasserburg am Inn, wo sie als Kleinkind gelebt hat. Bis auf den Studenten Ansgar reagieren die Bewohner des Ortes feindselig auf die junge Rothaarige. Doch Pia bleibt hartnäckig. Sie möchte nicht nur wissen, wer ihr Vater ist, sondern auch was es mit dem Unfall auf sich hat, bei dem ihre Mutter vor 18 Jahren ums Leben gekommen ist. Ihre Träume und Erinnerungen passen nicht zu dem, was ihr erzählt wird. Pia weiß nicht, wem sie trauen kann und fühlt sich einer unheimlichen Bedrohung ausgesetzt. 

Die Geschichte ist bereits vor über zehn Jahren als Jugendbuch mit dem Titel "Die Flammen flüstern dein Lied" unter dem Klarnamen der Autorin Inge Löhnig erschienen und wurde nun als Roman für Erwachsene neu erzählt und verlegt. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen mit Bezug zu den Rauhnächten. In der Gegenwart liegt der Fokus auf der knapp 22-jährigen Pia, die nach Weihnachten beginnt, das Rätsel ihrer Herkunft zu erschließen und dabei in ein Wespennest sticht, das sie in tödliche Gefahr bringt. Die Vergangenheit handelt 18 Jahre zuvor im Januar 2002 und offenbart, was Pia all die Jahre verschwiegen wurde. 

Die Mystik der Rauhnächte, Aberglaube und Hexenverfolgung verbreiten eine düstere, beängstigende Atmosphäre, die zu der frostigen Jahreszeit passt. Geht man zunächst davon aus, dass zum Schutz von Pia ein Familiengeheimnis aufrecht erhalten werden soll, zeigt sich bald, dass noch viel mehr vertuscht werden soll, für das jemand bereit ist, zu töten.
Je mehr Pia über die Vergangenheit und ihre leibliche Mutter in Erfahrung bringen kann, desto wahrscheinlicher scheint, dass diese nicht in der Folge eines Unfalls gestorben ist. Zudem gibt es gleich mehrere Verdächtige, die ein Interesse an ihrem Tod gehabt haben könnten. Dass nun auch Pia auf der Suche nach der Wahrheit in größter Gefahr schwebt, steigert die Spannung. 

Rauhnächte ist ein spannendes Familiendrama um Eifersucht, Verrat und Intrigen, indem sich Verletzungen bis zu blindem Hass steigern. Der Bezug zu Mystik und Schauermärchen vermittelt eine ganz eigene winterliche und gruselige Stimmung, während die Hauptfigur durch die fühlbare Verbindung zu ihren Ahninnen mehr Selbstvertrauen und innere Stärke erlangt. Die Konflikte innerhalb der Familie bleiben jedoch oberflächlich, woran man dem Roman trotz Überarbeitung das Jugendbuch anmerkt. Die Liebesgeschichte ist hintergründig, hätte es aber in einem Erwachsenenroman nicht benötigt. 

Freitag, 14. November 2025

Buchrezension: Walter Tevis - Das Damengambit

Inhalt:

Mit acht entdeckt Beth Harmon im Waisenhaus zwei Möglichkeiten, der harten Realität zu entfliehen: die grünen Beruhigungspillen, die den Kindern täglich verabreicht werden. Und Schach. Das Mädchen ist ein Ausnahmetalent und gewinnt Turnier um Turnier, mit 16 spielt sie gegen lauter erwachsene Männer um die US-Meisterschaft. Ihr Weg führt steil nach oben, doch bei jedem Schritt droht der Abgrund von Sucht und Selbstzerstörung. Denn für Beth steht viel mehr auf dem Spiel als Sieg und Niederlage. 

Rezension: 

Beth Harmon wächst nach dem Tod ihrer Eltern in den 1950er-Jahren in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Sie ist ein intelligentes, in sich gekehrtes Mädchen, das sich zu sehr an die Beruhigungspillen gewöhnt, die ihr mit acht Jahren verabreicht werden. Bevor sie mit zwölf Jahren von einem kinderlosen Paar adoptiert wird, wird sie durch den Hausmeister im Keller auf Schach aufmerksam und entwickelt eine Faszination für das Spiel, das sie sich in schlaflosen Nächten aneignet.
Mit der Unterstützung ihrer Adoptivmutter gewinnt sie in Amerika Schachturniere, wird finanziell unabhängig und ist bald auch international erfolgreich. Als Mädchen in einem männerdominierten Sport ist Beth trotz einiger Förderer einsam und droht sich in einem gefährlichen Mix aus Pillen und Alkohol zu verlieren und damit auch ihr Talent und ihre aussichtsreiche Karriere aufs Spiel zu setzen.

Nachdem ich die gleichnamige Netflix-Serie mit Begeisterung angesehen habe, bin ich neugierig auf die Romanvorlage geworden, die bereits 1983 in den USA erschienen ist und erst sehr viel später ins Deutsche übersetzt wurde. Die Serie bleibt sehr nah am Buch und auch wenn ich die Entwicklung von Beth schon kannte, fesselt der Roman mit einem noch tieferen Verständnis für die Gemütslage der Hauptfigur.

Der Roman handelt von Schach, was ich selbst noch nie gespielt habe, aber es ist auch nicht nötig, die exakten Regeln zu kennen und Spielzüge nachvollziehen zu können. Die Schilderungen der Spiele, der Turniere und der Vorbereitungen darauf nehmen viel Raum ein. Daneben geht es jedoch um ganz universelle, zeitlose Themen wie Einsamkeit, Suchtverhalten, 
Rassismus und patriarchale Strukturen.

Beth entwickelt sich von einem Wunderkind zum gefeierten Star der Schachszene. Sie ist intelligent und ehrgeizig, fleißig und zielgerichtet und kann sich deshalb schon in jungen Jahren gegen Großmeister durchsetzen. Lebendig und eindrücklich ist geschildert, wie viel Arbeit und Durchhaltevermögen es erfordert, in so einer Disziplin bestehen zu können.
Beth muss nicht nur lernen mit Niederlagen, sondern auch mit Verlusten umzugehen. Von früher Kindheit an geprägt, greift Beth routiniert zu Beruhigungspillen, um sich zu entspannen und greift wenig später unkontrolliert zum Alkohol. Der Drogenmix lässt sie die Einsamkeit vergessen.
Mit ihrem Hang zur Selbstzerstörung droht Beth ihren Erfolg zu sabotieren, hat jedoch in den schwersten Stunden Menschen an ihrer Seite, die sie wieder auffangen.

"Das Damengambit" ist mehr als nur ein Buch über Schachspielen. Es ist ein vielschichtiger Roman über ein großes Talent, das mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat und sich mit Alkohol und Medikamenten betäubt und antreibt. Angesiedelt in den 1950er- und 1960er-Jahren kommt neben dem Ost-West-Konflikt und Kaltem Krieg auch das Leben und der Wunsch nach Selbstbestimmung in patriarchalen Strukturen zum Tragen. Selbst wenn man kein großes Interesse für Schach haben sollte, bewegt das persönliche Schicksal der besonderen Hauptfigur, wobei man mit Spannung verfolgt, ob sie ihr großes Ziel, den amtierenden Schachweltmeister zu schlagen, mit nur 18 Jahren erreichen kann, ohne an ihren eigenen Ambitionen zugrunde zu gehen. 


Mittwoch, 12. November 2025

Buchrezension: Eliza Knight - Bernadette Swifts Gespür für Bücher

Inhalt:

Bernadette Swift, junge Lektorin bei Lenox & Park Publishing, will hoch hinaus: Sie träumt davon, als erste Frau an die Spitze eines Verlags zu gelangen. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht. Auf der Suche nach Verbündeten schließt sich Bernadette einem Buchclub für Frauen an. Entschlossen kämpft sie für ihre Karriere und für Gleichberechtigung – gegen ihren herablassenden Chef und eine intrigante Kollegin, die ihr Steine in den Weg legt. Zum Glück gibt es nicht nur ihren Buchclub, sondern auch einen charmanten Kollegen, der mehr als nur berufliches Interesse an ihr hat. Vielleicht, nur vielleicht, kann Bernadette den Durchbruch schaffen – für sich und alle Frauen, die nach ihr kommen. 

Rezension: 

Bernadette Swift arbeitet 1963 als Lektorin bei dem Verlag Lenox & Park in New York, wo sie als Frau schon immer mehr leisten musste, als ihre männlichen Kollegen, um sich zu beweisen. Trotz Probleme mit ihrem direkten Vorgesetzten bewirbt sie sich für eine Beförderung und bekomm daraufhin noch mehr Gegenwind zu spüren. Unterstützung erhält sie von ihren Freundinnen aus dem Buchclub und ihrem Kollegen Graham, die hinter ihr stehen und Halt geben. Während sich die Beziehung zu Graham intensiviert und er bald schon mehr als nur ein verlässlicher Kollege ist, muss sich Bernadette entschieden gegen Ungerechtigkeiten und Anfeindungen am Arbeitsplatz zur Wehr setzen und scheut auch nicht davor zurück, ihren Kampf für mehr Gleichberechtigung für Frauen öffentlich zu machen. 

Der Titel "Bernadettes Gespür für Bücher" ist ein wenig irreführend, denn tatsächlich geht es inhaltlich nicht um den Beruf der Hauptfigur als Lektorin oder das gemeinsame Lesen von Büchern in einem Buchclub, sondern um die misogynen Verhältnisse in ihrem Büro. 
Bernadette bekommt von der Abwertung ihrer Arbeit bis hin zu sexuellen Übergriffen alles zu spüren, was frau sich an negativen Einflüssen im Beruf vorstellen kann. Doch die junge Frau setzt sich zur Wehr und organisiert sogar einen öffentlichen Protest, um auf die Ungleichbehandlung von Frauen am Arbeitsplatz hinzuweisen. Auch in ihrem Buchclub sind die alltäglichen Probleme der Frauen im Zusammenhang mit dem anderen Geschlecht, ein wichtiges Thema. 
Neben den Problemen im Büro sorgt sie sich um ihren Bruder, der als Soldat in Vietnam ist und versucht sich nach früheren negativen Erfahrungen für eine Beziehung zu Graham zu öffnen, der ihr stets mit Rand und Tat zur Seite steht und ein offensichtliches Interesse an ihr zeigt. 
Festen Halt gibt ihr auch ihre Riesendogge Frank, die in der Geschichte sogar eine eigene Perspektive erhält - für Hundefreude nett, aber ohne Mehrwert für die Handlung. 

Die Geschichte prangert mit Mobbing am Arbeitsplatz, sexueller Belästigung, Diskriminierung von Frauen und Sabotierung ihrer Karrieren wichtige und ernsthafte Themen an, die schon im Jahr 1963 virulent waren, aber in Teilen (leider) nichts an ihrer Aktualität verloren haben. 
Der Roman bleibt dabei jedoch oberflächlich und entwickelt sich nach der dramatischen Schilderung der verschiedenen Hürden, mit denen sich Bernadette konfrontiert sieht, am Ende rasend schnell. Nach einem kleinen Anstoß lösen sich alle Probleme wie ganz von allein und Bernadettes steiler Karriere steht plötzlich nichts mehr im Wege. 

Die Geschichte ist zum Schluss unheimlich seicht und süßlich und stellt damit die Ernsthaftigkeit der vorangegangenen Probleme in Frage. Auch fehlt bis auf den Equal Pay Act ein konkreter Bezug zur damaligen Zeit und die Einflüsse einer etwaigen Frauenbewegung. Dass der Bruder der Hauptfigur in Vietnam stationiert ist, darüber hinaus der Vietnam-Krieg und die Proteste dagegen aber keinerlei Erwähnung finden, hinterlässt zusätzlich einen faden Beigeschmack und lässt die Geschichte etwas unwirklich und mangelhaft recherchiert wirken. 

Montag, 10. November 2025

Buchrezension: Lisa Graf - Lindt & Sprüngli: Zwei Rivalen, ein Traum (Lindt & Sprüngli-Saga, Band 2)

Inhalt:

Bern 1863: Kurz bevor die Räder einer vorbeifahrenden Kutsche den kleinen Tagträumer Rudolphe Lindt auf dem Marktplatz erfassen, wird er von einem bildhübschen Blumenmädchen gerettet. Von diesem Augenblick an ist klar: Der junge Lindt hat überlebt, um Großes zu vollbringen! Doch nicht etwa so, wie es sich seine Familie wünscht. Der Sohn eines Apothekers wird zum Schulabbrecher und stürzt sich in das Abenteuer. In Bern eröffnet er schließlich eine Schokoladenfabrik und schafft etwas Einzigartiges, das ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern sichert: Der Junge, der einst eine herbe Enttäuschung für seine Familie war, revolutioniert die Schokoladenherstellung. Während Rudolphe Lindt das Conchieren erfindet, richten sich die Blicke der Welt auf ihn. Vor allem Chocolatier Sprüngli kann nicht glauben, was er vollbracht hat. 

Rezension: 

Nach einem schweren Schicksalsschlag wird Rudolf Lindt als Jugendlicher von seinen Eltern nach Lausanne geschickt, wo er bei seinem Großonkel Charles Amédée Kohler, Inhaber einer Schokoladenfabrik und Erfinder der Noisette, körperlich harte Arbeit lernt. Zurück in Bern beschließt er, in die Fußstapfen der Kohler-Chocolatiers zu treten und 1879 als Rodolphe Lindt fils seine eigene Schokoladenfabrik zu eröffnen. Von vielen belächelt, möchte Rodolphe die Schokoladenproduktion revolutionieren und die Schokolade noch feiner machen. 
Währenddessen haben sich die Sprünglis auf dem Markt der Chocolatiers etabliert und führen ihren Betrieb in Zürich schon in der zweiten Generation. 

"Lindt & Sprüngli - Zwei Rivalen, ein Traum" ist der zweite Band der "Lindt & Sprüngli"-Trilogie und setzt die Geschichte chronologisch dort fort, wo Band 1 endete, im Jahr 1863. 
Band 1 handelte ausschließlich von der Entwicklung der Familie Sprüngli, Band 2 verliert diese nicht aus den Augen, legt den Fokus der Erzählung aber auf Rodolphe Lindt und seine Innovation des Conchierens.

Die Geschichte ist wieder aus vielen kurzen Kapiteln aufgebaut, die manchmal nicht mehr als drei bis vier Seiten umfassen. Gerade zu Beginn ist die Erzählweise damit sehr sprunghaft. Drei Familien (Sprüngli, Lindt, Kohler) an drei Orten (Zürich, Bern, Lausanne) sowie an die zehn verschiedene Perspektiven der handelnden Personen verhindern ein flüssiges Lesen und gestalten die Geschichte zunächst oberflächlich. Dazu kommt eine leichte Verwirrung aufgrund der Dopplung von Vornamen, da über Generationen hinweg in den Familien gleiche männliche Vornamen vererbt wurden.

Es wird zwar das ein oder andere Rippchen Schokolade genascht, die eigentlich interessante Handlung über Rodolphes Ehrgeiz, die Herstellung von Schokolade zu optimieren, um den Geschmack zu verfeinern, setzt aber erst nach 200 Seiten ein. Die Geschichte wird in der Folge nicht nur fokussierter, sondern auch fesselnder und schokoladiger.

Der Roman zeugt von einer aufwändigen Recherche und bringt der Leserin/ dem Leser durch eine geschickte Mischung aus Fakten und Fiktion das Conchieren und damit den Anfang des Siegeszugs der Lindt-Schokolade nahe. Die Autorin schafft es, ein Gefühl für die damalige Zeit zu vermitteln und beschreibt anschaulich die damals vorherrschenden patriarchalen Strukturen, die unterschiedlichen Rollen von Mann und Frau, die Arbeitsverhältnisse und die Ungleichheit zwischen Unter- und Oberschicht.

Wie schon Band 1 ist auch Band 2 eine Geschichte über große Träume, über den Glauben an sich selbst und seine Ideen sowie den Mut zur Selbstbestimmung, für Kreativität und Erfindungsreichtum. Die Rivalität zwischen Lindt und Sprüngli, die der Titel ankündigt, bleibt jedoch sehr verhalten und ist eher ein Teaser für den abschließenden dritten Band 
"Lindt & Sprüngli - Zwei Dynastien, ein Vermächtnis", der voraussichtlich im Herbst 2026 erscheinen wird.

Freitag, 7. November 2025

Buchrezension: Etaf Rum - Evil Eye

Inhalt:

Nach außen hin führt Yara ein perfektes Leben: Sie hat ein abgeschlossenes Studium, einen guten Job, erzieht parallel die beiden Töchter und bereitet das Abendessen vor, wenn ihr Mann nach langen Arbeitstagen nach Hause kommt. Doch wieso fühlt es sich nicht richtig an? Woher kommen ihre Unzufriedenheit, ihre Wutausbrüche, ihre zunehmende Verzweiflung? Als Yara nach einem Zwischenfall auf der Arbeit gezwungen wird, eine Auszeit und psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, kommt ein Stein ins Rollen und sie beginnt, sich ihren Gefühlen zu stellen. Evil Eye erzählt von der Bedeutung eines erfüllten Lebens und wie unsere unbewältigte Vergangenheit unsere Gegenwart beeinflusst. 

Rezension:

Yara stammt aus einer palästinensischen Familie und ist in New York aufgewachsen. Als sie 19 Jahre alt ist, arrangiert Ihr Vater eine Hochzeit mit dem Sohn eines guten Freundes, der in den Südstaaten lebt. Yara ist froh, ihrem Elternhaus mit einem dominanten Vater und einer unglücklichen Mutter entfliehen zu können.
Knapp zehn Jahre später unterrichtet Yara Kunst an der örtlichen Hochschule, kümmert sich um den Haushalt und die beiden Töchter und stellt ihrem Ehemann pünktlich das Abendessen auf den Tisch.
Offensichtlich geht es ihr so viel besser als ihrer Mutter, die sich um sechs Kinder kümmern musste und nie einen Beruf ergriffen hat und trotzdem ist Yara unzufrieden. Von ihrem Mann erntet sie nur Unverständnis und an ihrem Arbeitsplatz wird sie nach einer impulsiven Reaktion auf eine rassistische Beleidigung zu psychotherapeutischen Sitzungen verpflichtet. Nach anfänglicher Skepsis beginnt sich Yara zu öffnen und in sich hineinzuhören. Mit Hilfe eines Tagebuchs lässt sie die Erinnerungen an ihre Kindheit zu und setzt sich mit der Vergangenheit auseinander, um nicht in das gleiche Fahrwasser wie ihre Eltern zu geraten.

Yara ist arabische Amerikanerin und fühlt sich nirgendwo zugehörig. Das Land ihrer Eltern existiert nicht und in Amerika gilt sie auf ewig als Einwanderin. Selbst in der arabischen Gemeinde fühlt sie sich nicht wohl. Yara ist einsam und statt Dankbarkeit gegenüber ihrem Mann zu zeigen, der für die Familie sorgt und sie dennoch arbeiten lässt, kocht in Yara eine Wut, die ihr Leben immer mehr bestimmt und ihr intaktes Familienleben bedroht.

Yara erwartet mehr vom Leben. Sie hat Träume und wünscht sich, frei zu sein. Ihre Gefühle sind eindringlich geschildert. Es fällt leicht, sich in ihre Situation hineinzuversetzen und ihre Hoffnungen und Wünsche, aber auch ihre Hilflosigkeit und Wut nachzuvollziehen.
Erschütternd sind die Tagebucheinträge, die nicht nur Einblicke in die toxische Ehe ihrer Eltern liefern, sondern auch zeigen, welchem Druck Yara als kleines Mädchen ausgesetzt war und wie ein Geheimnis ihrer Mutter sie überforderte.

Der Roman handelt von Alltagsrassismus, patriarchalen Strukturen, kulturellem Druck und Traumata, die über Generationen weitergegeben werden. Es ist eine Geschichte über Selbstfindung, Vergangenheitsbewältigung und die Notwendigkeit, sich von den Erwartungen anderer zu befreien, um ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Es ist kein ereignisreiches Buch, aber ein Buch, das sich intensiv mit der Psyche und der Gefühlswelt einer innerlich zerrissenen Frau auseinandersetzt. Vieles was Yara erleidet, kann einer Frau jeder Ethnie passieren. Hier kommt allerdings verschärfend hinzu, dass Yara und ihr Umfeld von einer Kultur geprägt ist, in der Männer die alleinige Macht und Kontrolle ausüben. Das Ende gleicht einem Befreiungsschlag, zieht sich über das letzte Drittel allerdings sehr in die Länge.

Mittwoch, 5. November 2025

Buchrezension: Sophie Edenberg - Das Schweigen der Geliebten

Inhalt:

Karolin steht vor den Trümmern ihrer Ehe. Dass Rolf jetzt in einem idyllisch gelegenen Haus im Wald mit ihren Kindern und seiner neuen Freundin Mischa Urlaub macht, besiegelt ihre persönliche Katastrophe. Als sie selbst durch eine unheilvolle Fügung ebenfalls in dem Ferienhaus landet, ist die Stimmung der Frauen zum Zerreißen gespannt.
Mischa ist überglücklich mit Rolf. Sie will alles dafür tun, damit diese Beziehung funktioniert, sich selbst mit Karolin arrangieren – bloß eines will sie nicht: Rolf eine alte Schuld beichten, die sie zunehmend mit dunklen Vorahnungen erfüllt. Ihre Angst bewahrheitet sich, als sie erkennt, dass die Dämonen ihrer Vergangenheit lebendiger sind als je zuvor und nicht nur ihr eigenes Leben bedrohen. 

Rezension:

In der Ehe von Karolin und Rolf hat es schon länger gekriselt und nach einem Fehltritt hat sich Rolf von seiner Frau getrennt. Karolin bereut, was sie getan hat und möchte ihren Mann am liebsten zurück. Auch ihre gemeinsame Tochter Elly leidet unter der Trennung, während sich der jüngere Sohn Matteo bereits mit der neuen Freundin seines Vaters arrangiert hat. In den Osterferien möchte Rolf mit Mischa und seinen beiden Kindern eine Auszeit im einem Ferienhaus im Wald in der Steiermark verbringen. Er selbst kommt verspätet an und Karolin, die zeitgleich einen Wellnessurlaub mit ihrer besten Freundin Nina verbringen wollte, muss aufgrund einer Panne selbst in dem Waldhaus übernachten. Die Stimmung zwischen den Frauen ist angespannt, die Teenager machen Ärger und Geheimnisse belasten die noch junge Beziehung von Karolin und Rolf.

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven von Karolin, Mischa und Elly geschildert. Daneben gibt es Szenen aus einem, in dem eine junge Frau von einem Mann festgehalten wird. Wie diese Entführung mit den Ferien im Wald zusammenhängt, erklärt sich erst später. So lange kann auch spekuliert werden, was Mischa zu verbergen und warum Rolf gelogen hat. Daneben geben auch die Dinge, die Elly und Matteo ihren Eltern verschweigen, der Handlung neue Impulse. 

Geschildert wird ein Familiendrama um eine unglückliche Trennung, das durch die erzwungene Nähe von Ehefrau und Geliebten noch verschärft wird. Thrillerelemente gibt es durch den weiteren Handlungsstrang, der allerdings hintergründig bleibt. Ab der zweiten Hälfte erreicht jedoch auch der Aufenthalt in dem Waldhaus eine neue Dynamik und so dann erschließen sich auch die Zusammenhänge mit der Entführung.

"Das Schweigen der Geliebten" ist ein unblutiger Spannungsroman, der durch die Geheimnisse der Hauptfiguren fesselt. Es ist kein Thriller, der Nervenkitzel verursacht, denn sehr lange steht das Familiendrama und die unguten Beziehungen untereinander im Vordergrund. Die recht gewöhnliche Trennungsgeschichte macht das Buch authentisch und auch die Hintergründe des Verbrechens sind nachvollziehbar dargestellt. Auch wenn sich die Geschichte am Ende mit der Wiederaufnahme des Ehedramas in die Länge zieht, überrascht sie mit einer perfiden Wende, die dem Roman noch etwas Würze verleiht.   

Montag, 3. November 2025

Buchrezension: Jasmin Schreiber - Da, wo ich dich sehen kann

Inhalt:

Die neunjährige Maja wächst in einer zerrütteten Familie auf - ein tyrannischer Vater, eine liebevolle, aber unterdrückte Mutter, dazwischen viel Schweigen und Dinge, die ihr keiner erklärt. Als Frank, Majas Vater, ihre Mutter tötet, reißt er ein Loch in die Welt - für Maja, aber auch für alle anderen, die zurückbleiben.
Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr, wie es war: Zwischen Trauer, Sorgerechtsstreit und Bürokratie wird Maja zum Spielball und verliert inmitten von Anträgen und Zuständigkeiten ihre Familie, ihr Zuhause, das Gefühl von Sicherheit und die Gewissheit, zu wem sie gehört.
Ihre Patentante Liv wird Majas einziger Lichtblick: Liv arbeitet als Astrophysikerin und begeistert Maja für die Wunder des Universums. Gleichzeitig ringt sie mit eigenen Unsicherheiten, alten Ängsten und der Überforderung, plötzlich Verantwortung übernehmen zu müssen. Und doch wachsen Liv und Maja zusammen: beim Blick durchs Teleskop und beim Versuch, im endlosen Weltraum Antworten zu finden, die ihnen niemand sonst geben kann. 

Rezension: 

Emma Kopmann wurde in Hamburg von ihrem Ehemann Frank getötet. Die neunjährige Tochter Maja hatte ihre Mutter leblos aufgefunden und den Notruf verständigt. Doch für Emma kam jede Hilfe zu spät. Frank Wolf wurde wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. 
Maja wohnt nun bei ihren Großeltern mütterlicherseits, die sich liebevoll um ihre Enkelin kümmern. Noch Monate später sitzt der Schmerz tief. Trauer und Wut sind bei den Hinterbliebenen allgegenwärtig. Auch Emmas beste Freundin Liv leidet schwer unter dem Verlust. Alle, selbst die kleine Maja, machen sich Vorwürfe und haben mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Jeder denkt darüber nach, ob der sinnlose Tod nicht hatte vermieden werden können, wenn sie mehr hingesehen oder mehr zugehört hatten. 

"Da wo ich dich sehen kann” ist ein persönlich motivierter Roman und das ist auf jeder Seite zu spüren. Der Autorin ist es ein Anliegen, auf häusliche Gewalt und Femizide aufmerksam zu machen und stellt eindrücklich die Folgen für alle Beteiligten dar. 

Der Roman ist in kurzen Kapiteln aus der Sicht von Emmas Hinterbliebenen, aber rückblickend in kurzen Abschnitten auch aus Emmas Sicht geschrieben. Die Gefühle aller Beteiligten sind nachvollziehbar und der Schmerz über den Verlust sowie die Wut auf den Mörder und die damit einhergehenden Schuldgefühle und Versagensgedanken spürbar. Originell sind die alternativen Realitäten, wenn die Figuren sich Gedanken machen, was passiert wäre, wenn sie an einem Punkt anders reagiert hatten. 

Jeder von ihnen trauert anders, macht den Schmerz mit sich selbst aus oder Sucht sich Hilfe. Neben den seelischen Auswirkungen werden auch die körperlichen Folgen des Traumas beschrieben. Der Roman berührt, integriert aber auch Fakten und Sachinformationen zur Thematik. Zeitungsartikel zu häuslicher Gewalt und Tötung von Frauen sowie juristische Schreiben im Zusammenhang mit der Aushandlung des Sorgerechts über Maja unterstreichen die Authentizität des Romans. 

Es ist eine fiktive Geschichte mit fiktiven Personen, die jedoch stark faktenbasiert ist. Der Roman entwickelt sich dabei wenig überraschend und verzichtet auf Dramatik, denn der Ausgangspunkt mit dem Mord an einer Ehefrau und Mutter durch den eigenen Mann ist bereits schlimm genug. 
Spannung darf man insofern nicht erwarten. Auch kann die Geschichte aufgrund der Vielzahl an Perspektiven und darüberhinausgehenden Problemen, die angesprochen werden, nicht in die Tiefe gehen. 

Der Roman muss vielmehr als Aufschrei verstanden werden, nicht wegzusehen und (sich) Hilfe zu holen. Es ist ein Appell an Politik und Gesellschaft mehr zu tun, um Frauen vor Unterdrückung, Erniedrigung und Gewalt zu schützen. Diesbezüglich werden am Ende des Romans zahlreiche Anlaufstellen und Ansprechpartner für Hilfe im deutschsprachigen Raum genannt. 



Freitag, 31. Oktober 2025

Buchrezension: Ruth Ware - Hinter diesen Türen

Inhalt:

Rowan Caine nimmt eine Stelle als Kindermädchen in einem einsam gelegenen Haus in Schottland an, bei einer scheinbar perfekten Familie mit vier Töchtern. Doch ihr Traumjob wird für Rowan zum Albtraum. Die Atmosphäre im Haus ist extrem unheimlich. Sie fühlt sich ständig beobachtet – nicht nur von den Überwachungskameras, die in jedem Zimmer hängen. Dann findet sie die ominöse Warnung eines früheren Kindermädchens an die unbekannte Nachfolgerin Und es geschehen immer mehr beängstigende, unerklärliche Dinge. Auch das Verhalten der Kinder wird immer seltsamer – bis es schließlich einen tragischen Todesfall gibt. Und Rowan gerät unter Mordverdacht. Um ihre Unschuld zu beweisen, greift sie zu einem verzweifelten Mittel. 

Rezension: 

Rowan Caine ergattert einen Traumjob als Kindermädchen in einem viktorianischen Haus in den schottischen Highlands einer Familie mit vier Kindern. Während die älteste Tochter auf ein Internat geht, ist Rowan für zwei Mädchen im Grundschulalter und ein Baby verantwortlich.  Schon an ihrem zweiten Arbeitstag ist Rowan auf sich allein gestellt, da die Eltern kurzfristig auf Geschäftsreise müssen. Ganz allein ist jedoch nicht, denn alle Räumen in dem Smart Home werden von Kameras überwacht, auf die die Eltern Zugriff haben und der hilfsbereite Gärtner Jack wohnt gleich nebenan. 
Rowan hat sowohl mit der Technik des Hauses als auch mit den aufmüpfigen Kindern zu kämpfen, die sie offensichtlich ablehnen. Schon vier Nannys zuvor hatten Heatherbrae House schnell wieder verlassen. Rowan lockte die lukrative Bezahlung und so hatte sie alle Warnungen ignoriert. Nun fürchtet sie sich nachts von den Geräuschen im Haus und ist verängstigt von den Schauermärchen, die über das Haus erzählt werden, in dem bereits ein Kind gestorben ist. 

Das Ende des Romans wird gleich zu Beginn vorweggenommen. Das Kindermädchen ist inhaftiert, da sie für den Tod eines der Töchter der Elincourts verantwortlich gemacht wird. Sie erzählt rückblickend in einem Brief an einen Strafverteidiger, von dem sie sich Hilfe erhofft, ihre Geschichte. Sie beteuert darin ihre Unschuld, auch wenn sie zugibt, Fehler gemacht zu haben. 

Die Atmosphäre in dem Haus, das aufgrund seines Alters eine eigene Geschichte mit düsterer Vergangenheit hat und gleichzeitig ein hochmodernes Smarthome ist, in dem nahezu alles technisch gesteuert ist, ist beklemmend. Dazu kommen des Nachts schlürfende Geräusche, die vermuten lassen, dass sich noch jemand im Haus aufhält, Gegenstände, die verschwinden und woanders wieder auftauchen, und die Erzählungen über ein Kind, das in dem Haus vergiftet wurde. 

Auch wenn die Geschichte einem bekannten Konzept aus Horrorhaus und locked-room-Szenario folgt und im Wesentlichen nur Alltagsszenen eines überforderten Kindermädchens geschildert werden, ist die Geschichte spannend und abwechslungsreich, durch die Geheimnisse, die allmählich offenbart werden - über das Haus, über die Familie und über Rowan selbst. 

"Hinter diesen Türen" ist ein atmosphärischer Psychothriller, der in ruhigem Tempo erzählt wird und durch den subtilen Grusel und interessante Wendungen fesselt. Am Ende geht es allerdings ein wenig schnell und auch wenn alle Fragen geklärt werden ist die Auflösung in Form eines Briefes enttäuschend profan.   

Mittwoch, 29. Oktober 2025

Buchrezension: Jojo Moyes - Das Haus der Wiederkehr

Inhalt:

Lottie und Celia sind in dem Küstenstädtchen Merham wie Schwestern aufgewachsen. Während Celia gegen die Enge der Kleinstadt aufbegehrt, liebt Lottie den idyllischen Ort und vor allem das Meer. Besonders fasziniert sie ein prächtiges Art-déco-Haus direkt am Strand, in dem eine bunte Gruppe von Künstlern lebt. Gemeinsam tauchen Celia und Lottie ein in eine aufregende, unkonventionelle Welt. Bis Celia eines Tages ihren Verlobten Guy mit nach Hause bringt – und vom ersten Augenblick an weiß Lottie, dass er ihre große Liebe ist …
Ein halbes Jahrhundert später erwacht das Haus am Strand wieder zum Leben - und mit ihm seine Geheimnisse. Den damaligen und heutigen Bewohnern stellt sich die Frage: Kann man die Vergangenheit je hinter sich lassen? 

Rezension: 


Lottie und Celia sind in der englischen Küstenstadt Merham wie Schwestern aufgewachsen, nachdem Lottie während des Zweiten Weltkrieges aus London zur Familie Holden gekommen war. Gerade erwachsen, fühlen sie sich von dem modernen Haus Arcadia am Meer angezogen, das von Künstlern bewohnt wird, die so ganz anders sind, als die engstirnigen Menschen in dem verschlafenen Ort.
Als Celia ihrer Familie ihren Verlobten vorstellt, den sie in London kennengelernt hat, ist es für Lottie Liebe auf den ersten Blick. Sie kann Guy nicht widerstehen, auch wenn sie gegenüber der Familie Skrupel hat, die über zehn Jahre für sie gesorgt hat.
50 Jahre später wird Innenarchitektin Daisy beauftragt, das alte Haus am Meer zu einem Hotel umzubauen. Mrs. Bernard, die sich um das Haus gekümmert hat, soll sie dabei unterstützen, sein ursprüngliches Wesen zu erhalten. Privat steht Daisy als junge, vom Vater ihres Kindes verlassene Mutter, vor einem Scherbenhaufen und auch in Merham stößt sie wegen der geplanten Eröffnung des Hotels, das für mehr Leben in dem Ort sorgen wird, auf Ablehnung einiger Bewohner.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, die nicht kapitelweise abwechselnd dargestellt werden. Nach einem Drittel erfolgt der Wechsel von der Vergangenheit in die Gegenwart, die wiederum aus wechselnden Perspektiven der handelnden Personen erzählt wird. 
Roter Faden ist dabei das Haus Arcadia, das in beiden Zeitebenen eine Rolle spielt sowie Trennungen und unglückliche Liebesgeschichten. Die Stimmung ist deshalb vor allem in Bezug auf die dramatische Vergangenheit gedrückt und von Bitterkeit und Frustration geprägt. 

Während der Erzählstrang der Gegenwart zugänglicher ist, fällt es schwer, sich in der Vergangenheit in die Charaktere hineinzuversetzen. Weder ist eine Freundschaft zwischen Lottie und Celia zu spüren, noch ist die Liebe, die Lottie bei der ersten Begegnung mit Guy empfindet und sie alles vergessen lässt, nachzuvollziehen. Auch ihre Annäherung im weiteren Verlauf ist gefühllos und das Ende der Romanze klischeebeladen.
Die Gegenwart fühlt sich authentisch an, und auch wenn die Hauptfiguren darin mit Problemen zu kämpfen haben, ist der Teil der Geschichte nicht so sehr mit negativen Schwingungen besetzt. Allerdings entwickelt sich die Handlung kaum weiter und kann nicht mit Überraschungen oder Aufdeckung von Geheimnissen aufwarten. Wie sich die Schicksale zwischen Vergangenheit und Gegenwart verbinden, ist eher belanglos.  

"Das Haus der Wiederkehr" ist einer der ersten Romane von Jojo Moyes, der neu erschienen ist. Hierbei stand offenbar der kommerzielle Faktor im Vordergrund, die Geschichte erreicht nicht die Qualität ihrer späteren Romane. In zwei Erzählsträngen aufgeteilt, fehlt es insbesondere der Vergangenheit an dem typischen Charme und Witz der Autorin, liebenswerten Charakteren und echten Emotionen. Die plausiblere Gegenwart hat nahbare Figuren, e
ntwickelt sich zu ereignislos und hätte dementsprechend gestrafft werden können, klärt aber zumindest alle noch offenen Fragen im Hinblick auf den Verbleib der Personen aus dem Jahr 1955.   

Montag, 27. Oktober 2025

Buchrezension: Ella Berman - Before we were innocent

Inhalt:

Bess ist überrascht, als ihre Freundin Joni plötzlich vor ihrer Tür steht. Seit sie vor zehn Jahren von jeglicher Mittäterschaft am Tod ihrer Freundin Evangeline freigesprochen wurden, haben sie sich nicht mehr gesehen. Nun bitte Joni Bess um einen Gefallen. Sie braucht ein Alibi. Bess hat keine andere Wahl, als Ja zu sagen. Denn sie ist Joni noch etwas schuldig. Und sie beginnt sich zu fragen, ob damals wirklich alles so war, wie sie immer glaubte. 

Rezension: 

Vor zehn Jahren haben die drei Freundinnen Bess, Joni und Evangeline nach dem Highschool-Abschluss einen Sommer auf dem Anwesen von Evangelines Familie auf der griechischen Insel Tinos verbracht, der tragisch endete. Nur Bess und Joni kehrten wieder nach Kalifornien zurück. Auch wenn sie von einer Schuld am Tod Evs freigesprochen worden waren, haftete den Teenagern das durch die Medienberichterstattung verursachte negative Image an, die sich auf die privilegierten Mädchen stürzten und sie als gefühlskalt, rücksichtslos und verdorben darstellten.  
Während Joni als Motivationsrednerin Berühmtheit erlangt und ein Buch geschrieben hat, hat sich Bess zurückgezogen und ein Leben in der Öffentlichkeit vermieden. Als Joni unerwartet vor ihrer Tür steht und sie um ein Alibi bittet, als ihre Lebensgefährtin spurlos verschwunden ist, kommen Erinnerungen in Bess hoch, die Joni noch etwas schuldet. Auch die Medien sehen Parallelen in dem Fall um die vermisste junge Frau. 
 
Der Roman wird aus der Perspektive von Bess erzählt, wobei zwischen der Vergangenheit im Jahr 2008 und der Gegenwart im Jahr 2018 gewechselt wird. Aufgrund der eingeschränkten Sicht ist ungewiss, ob es sich bei Bess um eine unzuverlässige Erzählerin handeln könnte. 
Die Geschichte wird spannend aufgebaut, denn die Umstände des Todes der dritten Freundin Ev werden erst im weiteren Verlauf der Handlung offenbart. Zudem ist unklar, ob Joni etwas mit dem Verschwinden ihrer Lebensgefährtin zu tun hat, denn sie ist die einzige, die sich nicht um sie sorgt. Auf beiden Zeitebenen droht die Situation zu eskalieren, was die Spannung und Dramatik steigert. Unterstützt wird dies durch die andauernden Schuldgefühle und Gewissensbisse von Bess. 
 
Eifersucht, Misstrauen und der Hang zu gegenteiligen Verletzungen prägen den Sommerurlaub auf Tinos, der eigentlich ein unbeschwerter letzter Girlstrip vor dem Collegebeginn werden sollte. Die Allianzen der drei wechseln mehrfach, während zwischen Langeweile und Trinkgelagen häufig gestritten wird. 
Der vermeintliche Unfalltod verändert alles, macht alle Zukunftspläne zunichte und belastet Bess auch noch zehn Jahre später. Im Glauben, immer noch in Jonis Schuld zu stehen, lässt sie sich überreden, ihr ein falsches Alibi zum Zeitpunkt des Verschwindens ihrer Freundin zu geben. 
 
Der Roman handelt von fragilen, toxischen Freundschaften, von Manipulation und verhängnisvollen Entscheidungen. Offensichtlich ist, dass die Mädchen sich nach Wochen der Langeweile an einem entlegenen Urlaubsort nicht gut getan haben, weshalb man sich die Frage stellen muss, wie viel Schuld sie am Tod von Ev haben - direkt oder indirekt. Spannend ist die Parallele in der Gegenwart, als sich die Geschichte in Teilen zu wiederholen scheint und sich eine Schuldfrage erneut stellt. Eindrücklich ist dabei die Rolle der Medien dargestellt, die eine Hetzjagd eröffnen und Unsicherheit schüren. Auch wenn der Roman etwas langatmig beginnt, entwickelt er sich zunehmend zu einer fesselnden Mischung aus True Crime, Drama und Thriller über die Dynamik und Vertrauensbasis von Freundschaften sowie die Konsequenzen unserer Handlungen.

Freitag, 24. Oktober 2025

Buchrezension: Emily Stone - Mein Dezember mit dir

Inhalt:

Schon eine halbe Ewigkeit begleitet Lexie ihr Glas der Wünsche, das ihre tief verborgenen Sehnsüchte enthält. Und fast genauso lange hat sie ihren Vater weder gesehen noch gesprochen. Als sie unerwartet die Nachricht seines plötzlichen Todes erreicht, ist sie zunächst am Boden zerstört. Doch Lexies Vater hat ihr ein Vermächtnis hinterlassen: Ein Jahr lang soll sie gemeinsam mit Theo sein florierendes Reiseunternehmen in Bath leiten. Theo, der nicht nur unfassbar gutaussehend, sondern auch unwiderstehlich ist … Er könnte Lexies Herz aus Eis zum Schmelzen bringen. Was sie jedoch nicht weiß: Ihr Vater hat nicht nur sein Erbe, sondern auch ein großes Geheimnis vor ihr verborgen. 

Rezension:

Nach einer herben Enttäuschung hat Lexie in den letzten zehn Jahren den Kontakt zu ihrem Vater, der die Familie verlassen hatte, als Lexie noch ein kleines Mädchen war, gemieden. Auch seine letzten Annäherungsversuche hat sie zurückgewiesen, ohne zu wissen, dass Richard schwer krank ist. Umso überraschter ist sie, als sie nach seinem Tod die Hälfte seines Reiseunternehmens in Bath erbt. Die andere Hälfte erhält Theo, Richards Geschäftsführer, mit dem ihn auch eine Freundschaft verband. Lexie, die am liebsten auf Reisen ist, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und bislang nicht daran gedacht hat, sesshaft zu werden, möchte die Firma am liebsten verkaufen. Das Testament sieht jedoch vor, dass Lexie und Theo das Reiseunternehmen ein Jahr gewinnbringend weiterführen müssen, bis sie eine Entscheidung treffen dürfen.

"Mein Dezember mit dir" ist kein klassischer Winter-/ Weihnachtsroman, denn man verfolgt die Entwicklung Lexies im Verlauf eines Jahres, wobei Ende und Anfang zeitlich im Dezember angesiedelt sind. Der Titel im englischen Original "A Winter Wish" trifft die Handlung deshalb besser, denn Lexies Wunschglas, das sie seit ihrer Kindheit überallhin mit sich führt, spielt eine nicht unerhebliche Rolle.

Lexie, die selbst am liebsten unterwegs ist und ein ungebundenes Leben führt, erbt ein Reiseunternehmen, das sie an einen Ort bindet. Reisen ist in dem Roman nicht nur im wörtlichen Sinn gemeint, sondern auch als Symbol für Lexies persönliche Reise. Lexie wurde von ihrem Vater als junges Mädchen verlassen und auch später vor den Kopf gestoßen, was Narben hinterlassen hat. Aus Angst vor Schmerz und Enttäuschungen kann sich Lexie nicht fest binden und führt deshalb lieber ein Nomadenleben. Durch das Erbe erhält sie allerdings die Chance, auch eine andere Seite ihres Vaters kennenzulernen, was ihr den Weg eröffnet, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen.

Der Roman handelt von Trauer, Abschiednehmen, zweiten Chancen und einem Neuanfang. Lexies widerstreitende Gefühle hinsichtlich ihres Vaters sind dabei authentisch und nachvollziehbar geschildert. Ihre Rolle als vermeintlich zweite Geige hinter Richards neuer Familie ist nur allzu verständlich. Romantische Gefühle bleiben hingegen aus, denn die Funken zwischen Lexie und Theo wollten schon nach der anfänglich eher aufgesetzten Rivalität nicht wirklich überspringen.
"Mein Dezember mit dir" ist der dünnste der bisher vier erschienenen Romane von Emily Stone und gleichzeitig der einfallsloseste. Die Geschichte ist sowohl in Bezug auf den Fortgang des Reiseunternehmens als auch die Liebesgeschichte zwischen Lexie und Theo vorhersehbar. Es gibt die erwartbaren Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge sowie Missverständnisse bis zum Happy End. Das erfolgt dann geballt für alle handelnden Charaktere, was jedoch gerade in Bezug auf Weihnachten und einen friedlichen Jahresabschluss ein anheimelndes Gefühl hinterlässt. 

Mittwoch, 22. Oktober 2025

Buchrezension: Hannah Sloane - The Freedom Clause

Inhalt:

Daphne und Dominic sind seit drei Jahren verheiratet. Der Alltag hat sie bequem gemacht, und ihr Sexleben ist alles andere als aufregend. Im Rausch einer Silvesterparty macht Dominic Daphne den Vorschlag, die Ehe zu öffnen. Daphne stimmt zu, unter drei Bedingungen: nur eine Nacht im Jahr, nicht zweimal mit derselben Person und Stillschweigen gegenüber dem anderen. Es dauert nicht lange, da merken sie: Dies ist keine kleine Veränderung, sondern eine gewaltige... Daphne lernt endlich, zu sagen, was sie will, und teilt ihre Erlebnisse auf einem anonymen Blog. Bis die Zweifel kommen, an ihrer Liebe, an der Ehe... Werden sie einen Weg finden, ihre Beziehung zu retten? Und wollen sie das überhaupt? 

Rezension:

Daphne und Dominic haben jung geheiratet und, stellen nach drei Jahren Ehe fest, dass ihr Sexualleben nicht befriedigend ist. Dominic schlägt deshalb nach einer Silvesterfeier vor, ihre Ehe zu öffnen. Auch wenn Daphne von der Idee wenig angetan ist, stimmt sie unter der Einhaltung von Regeln zu. Sie dürfen nur eine Nacht im Jahr mit einer Person verbringen und nicht darüber sprechen. Die Freiheitsklausel soll zudem auf fünf Jahre befristet sein.
Daphne nutzt die Chance, ihre eigenen Wünsche in den Vordergrund zu stellen und baut zusehends mehr Selbstbewusstsein auf. Daphne und Dominic haben auch wieder zusammen mehr Spaß im Bett, aber das ist nicht die einzige Veränderung in ihrer Ehe.

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht beider Ehepartner geschildert, so dass man Einblicke erhält, wie sie jeweils die Freiheitsklausel interpretieren und wie der emotionale Umgang damit ist. Die Erzählweise ist dynamisch, denn oft erfolgt der Wechsel schon nach einem kurzen Abschnitt.

Die Entwicklung beider Charaktere ist authentisch und nachvollziehbar dargestellt. Die Folgen der Abkehr von einer rein monogamen Ehe führen nicht nur zu einer Veränderung der Sexualität, sondern sind schon bald in allen Bereichen des Lebens zu spüren. Das eigene Freizeitverhalten ändert sich, neue Freundschaften werden geknüpft und berufliche Ziele überdacht. Sie probieren sich aus, gehen Risiken ein, ernten Erfolge, müssen aber auch mit Rückschlägen umgehen. 

Anders als das etwas frivole Cover vermuten lässt, stehen explizite Sexszenen in dem Roman nicht im Vordergrund. Er handelt vielmehr von den Folgen des Sexperiments für die Personen selbst und die Beziehung zueinander. 
Der Roman schildert die fünf Jahre, für die diese besondere Freiheit in der Ehe gelten soll. Nach einem ausgeglichenen Beginn, bei dem beide Charaktere gleichermaßen positive und negative Aspekte feststellen, entwickelt sich die Geschichte im weiteren Verlauf recht einseitig und zugunsten der weiblichen Sicht. Daphne, die anfangs skeptisch war, kann mit der gewonnen Freiheit viel besser umgehen und Vorteile daraus ziehen, während Dominic sich zunehmend als Verlierer entpuppt.  

Der Roman beschreibt ein mutiges Experiment mit weitreichenden und überraschenden Auswirkungen. Kann mehr Freiheit eine Ehe retten oder wird sie sie zerstören? Ist Exklusivität nicht der Sinn einer Ehe? Läutet der Gedanke eines Aufbrechens nicht schon das Ende ein?
"The Freedom Clause" ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt und zeigt, wie wichtig Vertrauen, Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung in einer Beziehung sind. Darüber hinaus handelt der Roman von einer persönlichen Weiterentwicklung und davon, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu kennen und für sie einzustehen.