Freitag, 4. April 2025

Buchrezension: Clare Leslie Hall - Wie Risse in der Erde

Inhalt:

Als Siebzehnjährige verliebt sich Beth in den schönen und klugen Gabriel. Am Ende eines leidenschaftlichen, flirrenden Sommers jedoch zerbricht ihr Glück. 13 Jahre später lebt Beth glücklich mit ihrem Mann auf einer Farm. Sie kümmern sich aufopferungsvoll um Land und Tiere und genießen ihre noch immer große Liebe. Doch dann kehrt Gabriel mit seinem Sohn Leo in das Dorf zurück und reißt alte Wunden auf. Beth hat einen Sohn verloren – damals war er so alt, wie Leo jetzt. Ihre Gefühle brechen mit Wucht über sie herein, und sie trifft eine Entscheidung, die verheerende Folgen hat. Ein Mensch wird sterben, und ein anderer wird dafür büßen. Doch wer wirklich die Schuld trägt, bleibt bis zum Schluss das große Geheimnis dieses herausragenden Romans. 

Rezension: 

1955 verliebt sich die 17-jährige Schülerin Beth in den reichen Gabriel Wolfe, mit dem sie die Leidenschaft für Literatur verbindet. Einen Sommer lang sind die beiden glücklich, bis Gabriel zum Studieren nach Oxford geht und ihre Beziehung zerbricht.
Beth entscheidet sich, nicht wie geplant in Oxford zu studieren, und wird von dem zuverlässigen, liebevollen Farmer Frank aufgefangen, mit dem sie zur Schule gegangen ist und der sie schon immer von Weitem angehimmelt hat. Nach einer frühen Heirat ist ihr Glück bald mit Sohn Bobby komplett. Sein Unfalltod im Alter von neun Jahren wird zu einer Belastungsprobe für die Ehe, doch zwei Jahre später haben sie ihr Leben wieder in geordnete Bahnen gebracht und freuen sich auf die Hochzeit von Franks Bruder Jimmy.
Im selben Sommer kehrt der inzwischen gefeierte Autor Gabriel mit seinem Sohn Leo zurück in das zur Farm benachbarte Herrenhaus. Beth fühlt sich durch Leo unweigerlich an ihren eigenen Sohn erinnert und hilft ihm, sich in der für ihn neuen Umgebung einzuleben. Beth spielt mit dem Feuer, denn sie hat nach wie vor leidenschaftliche Gefühle für Gabriel. Frank spürt, dass das Feuer zwischen den beiden längst nicht erloschen ist und auch im Dorf machen sich Gerüchte über eine Affäre breit.

Der Roman handelt auf mehreren Zeitebenen und wird aus der Perspektive von Beth erzählt. Sie blickt zurück auf ein "früher", beginnend mit dem Sommer 1955 und schildert die gegenwärtigen Ereignisse im Sommer 1968, dessen Folgen in einem Mordprozess im September 1969 gipfeln.

"Wie Risse in der Erde" ist eine Liebesgeschichte voller Leidenschaft und widerstreitender Gefühle und ein Familiendrama, das sich so spannend und wendungsreich wie ein Thriller entwickelt. Der Roman ist raffiniert konstruiert und mit nahbaren, liebenswerten, aber gleichzeitig fehlerhaften Charakteren versehen, deren Handeln einen fatalen Ausgang erahnen lassen.
Von Anbeginn entsteht ein beklemmendes Gefühl, denn in Bezug auf beide Zeitebenen ist offensichtlich, dass die Ereignisse jeweils auf eine Katastrophe zusteuern.

Die Darstellung ist zeitgemäß zum Leben in den 1950er- und 1960er-Jahren und vermittelt anschaulich das Leben auf einer Farm. Auch die Gefühle der Charaktere sind jederzeit nachvollziehbar. Verlangen, Sehnsucht und Leidenschaft, Liebe und Schmerz, aber auch eine niederdrückende Schuld durchziehen den gesamten Roman. Die Erzählung ist facettenreich und beschränkt sich nicht auf die romantische Liebe. Es geht auch um die Liebe zur Familie, insbesondere zu seinen Kindern und Geschwistern. 

Die Geschichte ist mitreißend und temporeich und zeigt eindrucksvoll, was Menschen aus Liebe tun. Die Protagonisten machen Fehler und das wissen sie auch, rechnen jedoch nicht mit einem tödlichen Ende. Trotz mehrerer Tragödien, die die Leben verändern, ist der durchgängig fesselnde Roman hoffnungsvoll und versöhnlich. Liebe kann zerstörerisch sein und Menschen verletzen, kann aber auch heilsam sein und Vergebung ermöglichen und damit der Schlüssel zu einem Neuanfang sein.

Mittwoch, 2. April 2025

Buchrezension: Marc Raabe - Die Nacht (Art Mayer-Serie 3)

Inhalt:

Ein kleiner Junge verschwindet. Doch der Fall taucht in keiner Akte auf. Fünfzehn Jahre später verschwindet Dana Karasch, seine ältere Schwester. Doch auch für sie scheint sich niemand zu interessieren. Bis auf Art Mayer. Denn der ruppige BKA-Ermittler hat Danas kleine Tochter Milla, die in der Etage unter ihm wohnt, ins Herz geschlossen. Als
Art einen mächtigen Freund um Hilfe bittet, stößt er in ein Wespennest. Ein anonymer Hinweis führt ihn und Nele Tschaikowski zu einer verlassenen Wohnwagensiedlung im Wald, fernab der Zivilisation. Dort finden sie mehrere namenlose Tote – und den aufgeschlitzten Körper eines angesehenen Berliner Richters. 

Rezension: 

Die Nachbarin Dana Karasch von Kriminalkommissar Art Mayer ist seit anderthalb Jahren spurlos verschwunden und hat ihre demente Mutter und ihre achtjährige Tochter zurückgelassen. Art ist die kleine Milla, die er vor seinem Schicksal als Heimkind bewahren möchte, ans Herz gewachsen und ermittelt beurlaubt auf eigene Faust in dem Vermisstenfall. An seiner Seite ist seine junge Kollegin Nele Tschaikowski, die unglücklich in Elternzeit ist und sich wie Art über das Verbot ihres Vorgesetzten, zu ermitteln, hinwegsetzt.
Nach einem anonymen Hinweis finden sie auf einem Campingplatz die Leiche eines Richters des Berliner Kammergerichts sowie Knochen noch älterer Toter. Es stellt sich heraus, dass Dana früher dort mit ihrer Mutter in einem Wohnwagen gelebt hat. Für Art und Nele kann das Verschwinden Danas und der Tatort kein Zufall sein. Während sie versuchen einen Zusammenhang zu ermitteln, stoßen sie auf zahlreiche Ungereimtheiten um Dana und ihre Familie.

"Die Nacht" ist nach "Der Morgen" und "Die Dämmerung" der dritte Band der Reihe um den gebrochenen 
BKA-Ermittler Art Mayer und seine engagiere junge Kollegin Nele Tschaikowski. Allein um die persönliche Entwicklung der Hauptfiguren nachvollziehen zu können, aber auch weil sich der Fall der vermissten Nachbarin bereits durch die Vorgängerbände zieht, ist es empfehlenswert, die Reihe chronologisch zu verfolgen.

Der Thriller handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart die persönlich motivierte Suche des eigenwilligen Ermittlerduos nach Dana Karasch, während Ereignisse aus dem Sommer 2010 mehr über Dana und eine Familientragödie offenbaren.
Sowohl in Gegenwart als auch Vergangenheit stehen Kriminalfälle im Fokus der Handlung, jedoch sind auch die Schicksale der Protagonisten relevant. Art und Nele setzen sich über alle Vorschriften hinweg, wirken aber in ihrem Handeln aufgrund ihres persönlichen Hintergrunds authentisch. In der Vergangenheit tun sich menschliche Abgründe auf, deren Auswirkungen auf die gegenwärtigen Ereignisse in ihrem ganzen Ausmaß lange nicht zu durchschauen sind.

Der Roman ist von Beginn an fesselnd und je mehr sich Gegenwart und Vergangenheit vermischen und die Handlungsstränge enger verknüpfen, desto dynamischer entwickelt sich die Geschichte.

Der Thriller ist schon wie die Bände zuvor ein Pageturner mit einem undurchsichtigen Kriminalfall und spannenden Figuren. Er handelt von Trauma, dysfunktionalen Familien, Lügen und Geheimnissen, von einem Spiel mit der Angst und Selbstjustiz. Die einzelnen Puzzleteile fügen sich dabei nur allmählich zusammen, so dass die Spannung auf einem permanent hohen Niveau ist, was durch die ein oder andere Wendung in dem Fall noch verstärkt wird.

Die Ermittlungen sind durch das eigenmächtige Vorgehen unkonventionell, machen jedoch auch den Charme der Reihe aus und führen letztlich zu einem logischen Ende. Dennoch ist der Cold Case nicht ganz gelöst. Erfreulicherweise bleibt es auch nicht, wie zunächst angenommen, bei einer Trilogie. Mit "Im Morgengrauen“ erscheint im März 2026 ein vierter Band der Thrillerreihe, den ich schon ungeduldig erwarte.
 

Montag, 31. März 2025

Buchrezension: Lucy Gilmore - Die Bibliothek der geborgten Herzen

Inhalt:

Die Bibliothekarin Chloe hat auf dem Flohmarkt einen kleinen Schatz gefunden: eine alte, seltene Ausgabe eines Buches von Henry Miller. Als sie nach Hause kommt, trifft sie zufällig auf ihren seltsamen Nachbarn Jaspar, der das Buch entdeckt und ihr einen astronomischen Preis dafür anbietet. Chloe lehnt ab, nun umso neugieriger auf den Inhalt. Sie fängt an zu lesen und entdeckt auf den Seiten handschriftliche Notizen zweier Personen, die sich offenbar sehr geliebt haben. Ihre Neugier ist geweckt: Chloe begibt sich auf eine literarische Schatz- und Spurensuche in ihrer Bibliothek und findet bald ein zweites Buch mit Notizen... Wer waren die Liebenden, und was hat ihr Nachbar Jasper damit zu tun? 

Rezension: 

Chloe Sampson arbeitet in der Bibliothek in der Kleinstadt Colville und hat dort im Keller eine seltene Ausgabe des Romans "Wendekreis des Krebses" aus den 1960er-Jahren gefunden, in welche Anmerkungen von offenbar zwei Liebenden geschrieben wurden. Sie sucht nach weiteren Exemplaren mit ähnlichen Notizen, um die Kommunikation der beiden weiter zu verfolgen. Als ihr mürrischer alter Nachbar Jasper Holmes ihr einen Scheck in Höhe von mehreren tausend Dollar für das Buch ausstellt, wird ihr klar, dass Jasper ein sehr persönliches Interesse daran hat. 
Trotz ihrer Geldsorgen, die Chloe als Verantwortliche für ihre drei Geschwister hat, löst sie den Scheck nicht ein und versucht herauszufinden, was mit den beiden tragischen Liebenden geschehen ist, für die es offenbar kein romantisches Happy End gab. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wird aus mehreren Perspektiven der handelnden Personen erzählt. 
In der Gegenwart hat es die 24-jährige Chloe nicht einfach, die ihr Studium aufgegeben hat, um sich um ihre drei Halbgeschwister zu kümmern, die ihre Mutter im Stich gelassen hatte. Chloe kommt finanziell kaum um die Runden und wird von der Verantwortung erdrückt, die es ihr nicht erlaubt, ein unabhängiges Leben zu führen. Zudem hat sie noch regelmäßig Ärger mit ihrem griesgrämigen Nachbarn, der keine Menschenseele näher an sich heranlässt. 
Das ändert sich mit dem Fund mehrere Bücher und den Liebesbotschaften, die darin enthalten sind und eine geheimnisvolle Affäre enthüllen. Jasper zeigt sich untypisch hilfsbereit, als er seine Tür für Chloes Geschwister öffnet und sie begibt sich neugierig geworden auf eine literarische Schnitzeljagd. 

Rückblenden in die Vergangenheit in das Jahr 1960 zeigen, wie es zu den Randnotizen in den Büchern gekommen ist und wie sich die Liebe zwischen Jasper und Catherine entwickelte, die keine Zukunft hatte. 

Die Geschichte ist durch die Perspektivenwechsel und Erinnerungen an vergangene Zeiten abwechslungsreich geschildert. Durch die etwas verschrobenen Charaktere, die witzigen Dialoge und die feine Ironie, die das Buch durchzieht, ist der Roman humorvoll geschrieben. Trotz vieler amüsanter Szenen entwickelt das Buch aber auch eine Tragik und hat ernsthafte Untertöne auf beiden Zeitebenen. 
Es handelt von einer Liebesgeschichte, die - anders als in den romantischen Romanen, die Jasper gerne liest - nicht mit einem Happy End endete. Es geht um einsame Seelen und um eine unerwartete Freundschaft, um schmerzhafte Erfahrungen, Verbitterung, geplatzte Träume und schwere Entscheidungen, aber auch um Zusammenhalt, Hoffnung, Versöhnung und den individuellen Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. 
Die Charaktere sind liebevoll und individuell gezeichnet und auch wenn man wahrlich nicht jede Entscheidung nachvollziehen kann, macht genau das den Reiz der Geschichte aus, die damit weniger vorhersehbar wird, als man in dem Genre annehmen möchte. 

"Die Bibliothek der geborgten Herzen" ist ein äußerst charmanter, tragikomischer Roman, der zeigt, wie Bücher Menschen zusammenbringen können und dass man die Hoffnung auf ein glückliches Ende - wie es in so vielen Romanen vorgelebt wird - nicht aufgeben sollte. Bezug genommen wird dabei auf verschiedene Klassiker der Literatur, wobei es nicht notwendig ist, die Geschichten im Detail zu kennen. Die Botschaften erschließen sich beim Lesen ganz von selbst. Eine Übersicht über die erwähnten Romane findet sich als Literaturliste im Anhang.