Mittwoch, 31. Dezember 2025

Buchrezension: Linnea Holmström - Weihnachten am Siljansee

Inhalt:

Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, und in den langen Nächten funkeln die Sterne. Wie verzaubert scheint die winterliche Welt am Siljansee mit den festlich geschmückten und hell erleuchteten Häusern. Doch Per aus der hektischen Großstadt hat für all das keinen Sinn. Er will das geerbte Kinderheim so schnell wie möglich wieder loswerden. Allerdings hat er nicht mit der ebenso hübschen wie engagierten Inger gerechnet, die das Kinderheim leitet. 

Rezension: 

Inger und ihre Schwester Malena führen gemeinsam das Kinderheim "Villa Pusteblume" in einem Dorf in der Nähe von Leksand und kümmern sich liebevoll um ihre fünf ganz unterschiedlichen Schützlinge. Nachdem die Inhaberin des Gebäudes gestorben ist, die den beiden jungen Frauen finanziell unter die Arme griffen hat, steht das Kinderheim Ende des Jahres vor dem Aus. Inger und Malena sind im Rückstand mit der Miete und der Neffe Per, der das Haus geerbt hat, zeigt sich bei seiner Ankunft am Siljansee abweisen und unbarmherzig und droht mit der Zwangsräumung. 
Können Inger und die Kinder das Herz des Geschäftsmannes aus der Großstadt in der Vorweihnachtszeit erweichen? 

Der Roman bietet trotz der dramatischen Eingangssituation eine heimelige Atmosphäre. Der kleine Ort, in dem jeder sich kennt, ist winterlich kalt und schneebedeckt. Der erste Advent steht bevor und Inger und Malena sind mit den Vorbereitungen auf Weihnachten beschäftigt. Eine feierliche Stimmung will jedoch nicht aufkommen, denn nach einigen Reparaturen und weiteren laufenden Kosten stehen die beiden Schwestern mit dem Kinderheim vor dem finanziellen Ruin. 

Per ist als Antagonist der klischeehafte Geschäftsmann aus Stockholm, der weder Interesse und Empathie für das Kinderheim zeigt, noch um seine verstorbene Tante trauert. Offensichtlich ist jedoch, dass mehr im Argen liegt und im stillen Kämmerlein zeigt er sein gutes Herz, wenn er sich einem verletzten Hund, eines unterkühlten Kindes oder einer dementen älteren Dame annimmt. 

Dass es zu einem Happy End kommen wird, steht außer Frage, interessant ist vielmehr, wie die harte Schale Pers geknackt werden kann, um das Kinderheim zu retten. Eine Liebesgeschichte darf in einem Weihnachtsroman nicht fehlen, kommt in der Handlung jedoch arg kurz, da selbst 30 Seiten vor Schluss noch reine Abneigung zwischen Inger und Per herrscht. Liebeserklärungen ohne ein wirkliches Kennenlernen der beiden erscheinen dann nur wirklichkeitsfremd. Wenig realistisch ist auch, dass die beiden Schwestern trotz ihrer andauernden Sorgen keine Überlegungen anstellen, wie sie aus der Misere herauskommen möchten. 

Dennoch: Winterliches Flair, Dramatik, Gemeinschaft, Hoffnung und Nächstenliebe machen das Buch zu einer herzerwärmenden Geschichte. Gerade zur Weihnachtszeit darf man noch an Wunder glauben, weshalb nicht jeder Konflikt eine tiefgreifende Lösung erfordert. 

Montag, 29. Dezember 2025

Buchrezension: Daniel Alvarenga - Ruf der Leere

Inhalt:

Seit Wochen fiebert Felix dem Wochenende mit Ben und Laura in der Waldhütte entgegen und ist nicht begeistert, dass seine Freunde ungebeten weitere Gäste mitbringen. Die Stimmung ist spürbar angespannt. Als ein alter Mann vor der Tür steht und die Gruppe auffordert, bis zum Abend eine Person auszuwählen, die es verdient, weiterzuleben, während alle anderen sterben, gerät die Gruppendynamik aus den Fugen und offenbart, wer sich am Ende selbst der Nächste ist. 
Während sich die Situation im Wald immer weiter zuspitzt, beginnt Felix‘ Vater sich um seinen Sohn zu sorgen. Sie haben kein besonders inniges Verhältnis zueinander, doch Felix‘ plötzliches Verschwinden bewegt ihn dazu, sich mit dessen Leben auseinanderzusetzen. Dabei eröffnet sich ihm ein Bild, das ihn zutiefst beunruhigt. 

Rezension: 

Felix hat anlässlich der Rückkehr seines Freundes Ben aus Australien ein gemeinsames Wochenende in der Jagdhütte seines Vaters geplant und dazu auch seine Studienkollegin Laura eingeladen. Da seine Freunde zu seinem Missfallen noch weitere Personen zum Treffpunkt mitbringen, sind sie ungeplant zu siebt im Wald. Als die Stimmung ohnehin angespannt ist, klopft ein weiterer ungebetener Gast an die Tür und behauptet, "der Tod" zu sein. Er fordert sie auf, bis Mitternacht eine(n) von ihnen zu benennen, die/ der weiterleben darf. Obwohl die Freunde den Mann für geisteskrank halten, stellen sie Überlegungen an, wer es von ihnen verdient, am Leben zu bleiben. Die Frage gerät durch untereinander schwelende Konflikte fast in Vergessenheit, bis der alte Mann zurück ist und eine Antwort verlangt.

Neben der gegenwärtigen Handlung in der Hütte, die einem Countdown gleicht und aus verschiedenen Perspektiven der Feiernden geschildert ist, die sich mehr oder minder gut kennen und sich nicht alle wohlgesonnen sind, gibt es Rückblenden in die Monate davor, die primär erzählen, wie sich Felix und Laura bei ihrem Medizinethik-Studium angenähert haben.
Die Rückblenden geben Aufschluss über die Charaktere und offenbaren, wie die Sympathien in der Hütte verteilt sind. Felix' eigentliche Intention der Party bleibt dabei zunächst verborgen, doch auch er weiß nicht alles über seine Freunde - im Gegensatz zu dem alten Mann.

In Erwartung einer Eskalation ist die Atmosphäre des Romans durchweg angespannt. Mit der Aufforderung des Tods, einen Überlebenden zu benennen, wird dieser Erzählstrang eng mit den Rückblenden in die Studieninhalte von Felix und Laura verknüpft, die in einem Seminar Fragen über Ethik und Moral diskutierten.

Der Roman ist anhaltend spannend, denn es ist unvorhersehbar, ob alles nur ein absurdes Spiel oder bitterer Ernst ist und wer tatsächlich die Oberhand hat. Anders als gedacht, gibt es trotz des Dilemmas, vor dem die Gruppe steht, keine tiefgreifende Diskussion, welches Leben lebenswerter als das andere ist. Stattdessen packt die Frage nach Felix' Hintergedanken und seine offenbar von langer Hand geplante Manipulation und was der alte Mann in der Jagdhütte provozieren möchte.

In "Ruf der Leere" geht es um verletzte Gefühle, Eifersucht und Rache, wobei sich die Geschichte durch das Ausmaß am Niederträchtigkeit zu einem regelrechten Psychothriller entwickelt. Das Ende präsentiert nicht für alles eine Erklärung, sondern lässt Raum für eine eigene Interpretation eines Spiels zwischen Macht und Wahn.

Freitag, 26. Dezember 2025

Buchrezension: Alex Lake - Deadline

Inhalt:

In freudiger Erwartung besteigen Jill und ihre Kollegen nach einer Vorstandssitzung den Privatjet ihrer Firma, um nach Hause zu ihren Familien in Portland zu fliegen. Das Wetter ist gut, die Sicht klar, Turbulenzen sind nicht zu erwarten. Doch kurz nach dem Abflug meldet sich die Pilotin über die Lautsprecher. Anstatt Jill und ihre Kollegen zu begrüßen, hat sie den Jet aufs offene Meer hinausgesteuert und stellt den Passagieren ein schockierendes Ultimatum: An Bord befindet sich ein Mörder, und sie wird die Maschine erst wieder auf Kurs bringen, wenn derjenige gesteht. Der Schuldige hat dreißig Minuten Zeit, um die Wahrheit zu sagen – sonst stürzt das Flugzeug in den Atlantik. 

Rezension:

Sechs Mitarbeiter einer Firma für Lebensmittelproduktion fliegen nach einer Vorstandssitzung zusammen mit einer Krankenschwester in einem Privatjet zurück nach Portland, um Weihnachten mit ihren Familien zu verbringen. Nach dem Start fällt das WLAN aus und die Pilotin ändert offensichtlich die Route, denn das Flugzeug befindet sich über dem Meer. In einer Durchsage teilt sie ihnen mit, dass ein Mörder unter ihnen an Bord ist und dass sie ein Geständnis hören möchte, andernfalls werde sie das Flugzeug zum Absturz bringen. Das Ultimatum läuft und angeblich ist sich keiner einer Schuld bewusst...

Der Thriller handelt auf zwei Zeitebenen. Die Gegenwart schildert die Flugzeugentführung und die klaustrophobische Atmosphäre an Bord. Dabei erhält man Einblicke in die einzelnen Mitarbeiter des Lebensmittelkonzerns, wobei diese bis auf den Arbeitgeber wenig gemein haben und jeder von ihnen mit seinen eigenen Geheimnissen oder Problemen beschäftigt ist.
Rückblenden in das Jahr 2018 zeigen, was sich vier Jahre zuvor am Wohnort der Mitarbeitenden ereignet hat. Drei von vier Kindern starben vermutlich an einer Vergiftung, deren Ursache der behandelnde Arzt jedoch nicht aufklären konnte.

Schon bald ist zu ahnen, dass die namenlose Pilotin Rache für die Opfer und eine Aufklärung der Todesfälle erzwingen möchte. Der Hintergrund ist tragisch und nachvollziehbar, dass die Pilotin nichts mehr zu verlieren hat und die Passagiere an Bord in Lebensgefahr schweben.
Beide Teile des Romans sind packend. Was hat 2018 das mysteriöse Leberversagen der Kinder verursacht? Inwiefern ist das Lebensmittelunternehme darin verwickelt? Wird der angebliche Mörder gestehen und kann so der Tod weiterer Unschuldiger verhindert werden?

"Deadline" ist ein Pageturner über Selbstjustiz, Gier und Machterhalt, der nur schwer aus der Hand zu legen ist. Die Mischung aus Drama und Thriller ist perfekt gelungen. Die Angst der Reisenden ist genauso spürbar wie der Wunsch nach Vergeltung der Pilotin. Die schnellen Perspektivwechsel zwischen den Personen sorgen für Dynamik und der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart für Cliffhanger und anhaltende Spannung. Selbst als die Fakten bei der Suche nach Wahrheit geklärt scheinen, überrascht der Thriller mit Wendungen und einem unglaublichen Ausmaß an Niedertracht und Skrupellosigkeit. 

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Buchrezension: Søren Sveistrup - Der Kuckucksjunge

Inhalt:

Hab dich. Das ist die letzte Nachricht auf Silje Thomsens Handy, ehe die geschiedene Mutter an einem verregneten Februartag in Kopenhagen spurlos verschwindet. Kommissarin Naia Thulin ist sofort alarmiert. Denn genau diese Botschaft bekam auch eine 19-jährige Schülerin, kurz bevor sie ermordet wurde. Steckt derselbe Täter dahinter? Naia muss ausgerechnet mit dem verschlossenen Mark Hess zusammenarbeiten, den sie nach ihrem letzten gemeinsamen Fall um den „Kastanienmann“ nicht mehr wiedersehen wollte. Doch bevor sie einer ersten Spur folgen können, wird eine brutal zugerichtete Frauenleiche gefunden – und es gibt einen neuen Vermisstenfall. Die letzte Nachricht auf dem Handy des Verschwundenen: Hab dich...

Rezension:

Im Mai 1992 spielt eine Schulklasse während eines Ausflugs in der Nähe von Roskilde Verstecken, wobei einer der Schüler eine Leiche im Schilf entdeckt.
Über 30 Jahre später erhält Silje Thomson unheimliche Drohungen eines Stalkers in Form eines Kinderreims und wird später ermordet aufgefunden. Naia Thulin, die sich nach dem spektakulären Fall des "Kastanienmannes" in die Abteilung für Cybercrime hat versetzen lassen, um mehr Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen, wird unfreiwillig zusammen mit Mark Hess mit den Ermittlungen betraut. Während ihrer Arbeit stoßen sie auf weitere Opfer von Stalking, bei denen sich die Nachrichten ähneln und auf denselben Täter schließen lassen.
Zeitgleich versucht Marie Holst, deren Tochter vor über zwei Jahren einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, das bisher nicht aufgeklärt werden konnte, alles, damit der Fall nicht in den Akten verschwindet.

Nicht als Buchreihe deklariert, handelt es sich bei "Der Kuckucksjunge" nicht um einen Nachfolgeband von "Der Kastanienmann", baut jedoch auf den Ereignissen auf und involviert die gleiche Mordkommission.

Nach dem Prolog aus Mai 1992, der mit einem Leichenfund endet, setzt die gegenwärtige Handlung an Valentinstag über 30 Jahre später ein. Eine Frau wird seit Wochen von einem Unbekannten verfolgt, der sie mit Fotos und Nachrichten in Angst und Schrecken versetzt. Die Frau kann nur noch tot aufgefunden werden und es folgen weitere Opfer.

Der Thriller wird aus verschiedenen Perspektiven geschildert, was für Dynamik und anhaltende Spannung sorgt. Neben den umfangreichen Einblicken in die schwierigen Ermittlungen, verleihen die bewegenden Sichtweisen der Opfer, die von ihrem Peiniger gedemütigt und auf Schritt und Tritt verfolgt werden, Gänsehaut. Ein weiterer Erzählstrang handelt von Marie, die geblendet von Wut und Trauer nach dem Mörder ihrer Tochter sucht und dabei den Weg von Thulin und Hess kreuzt.

Auch wenn ein Muster erkennbar ist, nach dem sich der Täter seine Opfer aussucht, bleibt seine Identität bedeckt. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, um weitere Opfer zu verhindern und das perfide Versteckspiel zu beenden.

Der Thriller ist skandinavisch düster und beklemmend. Der Täter ist manipulativ und scheint den Ermittlern trotz akribischer Recherchen immer einen Schritt voraus.
Die Geschichte ist nicht explizit brutal, sondern sorgt subtil für Nervenkitzel. Durch den Einfluss des Privatlebens der beiden Hauptfiguren verliert der Roman in Bezug auf die Fallaufklärung zwar an Tempo, macht die Geschichte durch die menschliche Komponente aber authentischer und die Ermittler nahbarer.

"Der Kuckucksjunge" ist ein vielschichtiger, durchweg spannender Psychothriller mit realistischen Ermittlungen, der für Nervenkitzel sorgt und mit einer schlüssigen Auflösung der Zusammenhänge und des Mordmotivs überzeugt. 


Montag, 22. Dezember 2025

Buchrezension: Anne Gesthuysen - Mädelsabend

Inhalt:

In ihrem erfolgreichen Roman kehrt Anne Gesthuysen zurück an den Niederrhein und spannt den Bogen vom Zweiten Weltkrieg über die piefigen Fünfziger- und die wilden Siebzigerjahre bis in die Gegenwart. Humorvoll und feinfühlig erzählt sie von einer jungen Mutter, die um eine Entscheidung ringt, und von den Herausforderungen einer Jahrzehnte währenden Ehe. Von der Liebe, kuriosen Hochzeitsbräuchen und Anti-AKW-Treckerfahrten, von patriarchalen Machtstrukturen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Dabei spürt sie der Frage nach, welche Bedeutung Freiheit und Selbstverwirklichung haben, und zeigt, dass es keine einfachen Antworten gibt, nur individuelle Wege zum Glück. 

Rezension:

Ruth und Walter sind seit knapp 65 Jahren verheiratet und wohnen seit Kurzem in einem Seniorenstift bei Xanten. Während Ruth nach einem Unfall zu Hause dort regelrecht aufblüht und ihre neu gewonnen Freiheit sowie die sozialen Kontakte genießt, möchte Walter wieder zurück in seine gewohnte Umgebung und Ruth wie schon seit jeher bevormunden. 
Sara, die ein enges Verhältnis zu ihren Großeltern hat, sieht sie dort gut aufgehoben. Sie selbst ist Ärztin, derzeit in Elternzeit und glücklich mit Sohn Paul und ihrem Lebensgefährten Lars. Als sie ein Angebot für ein Stipendium in Cambridge erhält, muss sie sich entscheiden, ob sie für ihr berufliches Vorankommen ihre kleine Familie gefährdet. 

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden weiblichen Hauptfiguren Ruth und Sara geschildert. Neben der gegenwärtigen Handlung gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, die Aufschluss über das Eheleben von Ruth und Walter geben, die 1953 geheiratet haben. 

Die Geschichte spielt am Niederrhein und sprüht vor Lokalkolorit und Liebe für die Figuren. Gerade die älteren Charaktere haben ihren ganz eigenen Charme und gestalten die Geschichte lebendig. 
Wie die Autorin in ihrer Danksagung erwähnt, ist die Geschichte aus dem Leben gegriffen und wirkt trotz manch skurriler Einfälle lebensecht und authentisch. 

Neben dem Älterwerden geht es insbesondere um Beziehungen und Partnerschaft, Rollenbilder sowie Selbstverwirklichung, Emanzipation und dem Wunsch nach Freiheit. Dabei wird der Wandel der Gesellschaft und die Stärkung der Frauenrechte plastisch durch die Ehe von Ruth und Walter sowie die Beziehung von Sara und Lars dargestellt. Die unterschiedlichen Generationen stehen auch für die unterschiedlichen Vorstellungen von Ehe. Obschon patriarchale Strukturen oder gar Gewalt in Beziehungen gegenwärtig keinen Platz mehr haben, ist es dennoch für Frauen schwer, für ihre Wünsche einzustehen und Familie und Beruf zu vereinbaren. 

Die Charaktere sind nahbar und ihre inneren Konflikte sehr gut nachzuempfinden. Sara kämpft mit einem schlechten Gewissen, während Ruth gegen ihren Mann aufbegehrt. Trotz aller Fortschritte in Sachen Emanzipation ist es für beide schwer, Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. 

Die Geschichte beschreibt ernste Themen auf humorvolle Weise. Sie ist ein ehrliches und warmherziges Porträt über den Wandel der Ehe im Verlauf der letzten Jahrzehnte, über die Fortschritte, die errungen wurden, aber auch die Notwendigkeit eines alltäglichen Kampfes zum Erhalt dafür. 

Freitag, 19. Dezember 2025

Buchrezension: Ruth Jones - Für immer wir

Inhalt:

Grace genießt das Leben in einem malerischen Fischerdörfchen und nimmt gern ein erfrischendes Bad im Meer. Dass sie bald neunzig Jahre alt werden soll, kann sie kaum glauben. Zu ihrem Geburtstag wünscht sie sich nichts anderes als die Versöhnung mit ihrer Tochter Alys, die vor dreißig Jahren den Kontakt zur Familie abgebrochen hatte. Während Elin, Alys′ Tochter, in den Planungen der Geburtstagsparty steckt, schickt Grace Alys im Geheimen eine Einladung. 

Rezension:

Grace ist für ihre 89 Jahre topfit. Sie lebt alleine in der Pension an der walisischen Küste, die sie lange für Gäste betrieben hat und geht zweimal in der Woche schwimmen. Ihren 90. Geburtstag möchte sie nicht feiern, rechnet jedoch nicht mit den Plänen ihrer Enkelin Elin, die ihrer geliebten Grama eine große Überraschungsfeier mit all ihren Freunden und Bekannten bereiten möchte. 
Graces einziger Wunsch ist die Versöhnung mit ihrer Tochter Alys, zu der sie seit 30 Jahren keinen Kontakt hat. Als sie zufällig ihre Adresse ausmacht, da sie als Künstlerin bekannt geworden ist, schreibt sie Alys einen Brief und lädt sie ein, ohne Elin Bescheid zu geben. Elin wurde von ihrer Mutter Alys bitter im Stich gelassen und wollte bei ihrer Tochter alles besser machen. Ihre inzwischen 16-jährige Tochter Beca ist von den Erwartungen ihrer Mutter überfordert und fühlt sich vor allem hinsichtlich ihrer schulischen Leistungen unter Druck gesetzt. Dass ihr Vater akut in der Midlife Crisis steckt, macht die Situation nicht einfacher.

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht aller vier Frauen erzählt - vier Frauen, die unmittelbar miteinander verwandt, aber doch so unterschiedlich sind. Die Kapitel sind jeweils kurz, die Geschichte abwechslungsreich und vielschichtig, da die Frauen an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben stehen. Jede hat ihre eigenen Probleme und dazu kommen die Konflikte, die zwischen ihnen schwelen.

Die Geschichte ist warmherzig geschrieben und lebendig. Die Charaktere sind individuell gestaltet und wirken durch die tiefen Einblicke in ihre Leben, Gedanken und Gefühle lebensecht und nahbar. Die Rückblenden in die Vergangenheit offenbaren die ganze Familiengeschichte und welche Missverständnisse und Zerwürfnisse zwischen den einzelnen Generationen stehen. 

Es ist ein Familienroman über belastete Mutter-Tochter-Beziehungen, über Enttäuschungen, Verrat und Überforderung, aber auch über unerschütterliche Mutterliebe, das enge Band einer Familie und das Wiederaufstehen nach dem Scheitern. Man fühlt mit den Charakteren und bleibt gespannt bis zum Schluss, wie die Frauen ihre inneren Dämonen bezwingen und ob es noch nicht zu spät für eine Versöhnung mit der abtrünnigen Alys ist. 

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Buchrezension: Katherine Webb - Das Grab von Trueslow Hall (Lockyer & Broad ermitteln, Band 3)

Inhalt:

1999. Eine Gruppe von Archäologen stößt auf dem Gelände von Trueslow Hall, einem kleinen Herrenhaus in Wiltshire, auf eine Grabstätte aus der Bronzezeit. Die Archäologen feiern ihren Erfolg, bis plötzlich ein Mitglied der Gruppe verschwindet: eine junge Frau namens Nazma Kirmani. Die polizeilichen Ermittlungen laufen ins Leere, und der Fall bleibt über zwanzig Jahre lang ungeklärt.
2020. Als ein Zufallsfund neue Beweise zu Nazmas Verschwinden liefert, werden DI Lockyer und DC Gemma Broad auf den Cold Case angesetzt. Wollte Nazma freiwillig verschwinden, oder wurde sie Opfer eines Verbrechens? Und wer ist die fremde Frau, die sich damals als Nazma ausgegeben hat? 

Rezension: 

1999 verschwindet die Archäologin Nazma Kirmani bei Ausgrabungen auf dem Anwesen Trueslow Hall spurlos. Die örtliche Polizei geht der Vermisstenanzeige nach, aber nachdem die Frau in London bei einer Polizeistation vorstellig wird und auch Nachrichten an eine Freundin verschickt hatte, dass es ihr gutgehe, wird von einer freiwilligen Auszeit ausgegangen. Doch Nazma wird nie wiedergesehen und ihre Familie hat nie geglaubt, dass sie ohne ein Wort weggelaufen wäre. 
Über 20 Jahre später wird ein verwitterter Rucksack der jungen Frau gefunden, der Zweifel hegt, ob nicht doch ein Verbrechen stattgefunden haben könnte. DI Lockyer und DC Broad nehmen die Ermittlungen in dem Cold Case-Fall auf, um herauszufinden, was damals wirklich mit Nazma passiert ist. 

"Das Grab von Trueslow Hall" ist nach "Der Tote von Wiltshire" und "Die Morde von Salisbury" der dritte Band der Cold-Case-Krimireihe um den erfahrenen Ermittler DI Matthew Lockyer und seine jüngere Kollegin Gemma Broad. Da das Privatleben beider Hauptfiguren eine nicht unerhebliche Rolle spielt, ist es empfehlenswert, die ersten beiden Bände zu kennen. 

Der Kriminalfall ist in sich abgeschlossen und von einer typisch für einen Cold Case gemächlichen Entwicklung geprägt. Nach über 20 Jahren sind viele Spuren verwischt und Lockyer und Broad sind insbesondere auf die Aussagen von Zeugen und Bekannten des möglichen Opfers angewiesen, die nicht unbedingt vertrauenerweckend sind. Je mehr Details die beiden Ermittler über Nazmas Beziehungen herausfinden, desto mehr Personen wirken verdächtig. Es gilt eine komplexe Kette von Ereignissen zu entwirren, die möglicherweise relevant sein können, wobei die Ermittler Lockyer und Broad wiederholt in Sackgassen landen. 

Auch in diesem Fall wird deutlich, wie schwierig es nach so vielen Jahren ist, kleinste Puzzleteile richtig zusammenzusetzen. Durch die Ungewissheit über Nazmas Verbleib und die Anzahl an verdächtigen Personen, ist es spannend zu rätseln, was 1999 wirklich passiert ist. 
Die Gegenwart handelt im Jahr 2020 und setzt kurz vor dem zweiten Lockdown im November ein. Die Corona-Pandemie drückt auf die Stimmung, birgt aber den Vorteil, dass Zeugen in der Regel einfach zu Hause anzutreffen sind. 

Die klassische Polizeiarbeit ist realitätsnah dargestellt und zeugen von einer guten Intuition des Inspectors. Die persönlichen Geschichten der beiden Hauptfiguren werden fortgesetzt, wobei Lockyers Gedanken über seine erzwungene Vaterschaft phasenweise zu viel Raum einnehmen. Broads Schwierigkeiten im Zusammenleben mit ihrem dominanten Freund bleiben zunächst hintergründig. In beiden Fällen sind die Auswirkungen auf die Ermittlungen zu spüren, denn sowohl Lockyer als auch Broad werden auch emotional in die Fallaufklärung hineingezogen. 
Das Ende kann als Ausblick auf einen vierten Band gewertet werden, indem Lockyer die Chance erhält, seinen persönlichsten Fall lösen zu können - die Aufklärung des Tods seines Bruders. 

Montag, 15. Dezember 2025

Buchrezension: Dani Shapiro - Leuchtfeuer

Inhalt:

Eine Sommernacht 1985: In einem Vorort von New York steigen drei betrunkene Teenager in ein Auto – und nichts ist mehr wie zuvor.
Die Geschwister Sarah und Theo zerbrechen fast an der Last des Geheimnisses, das sie seitdem teilen, und selbst 20 Jahre später bestimmt es ihr Leben. Auch ihr Vater Ben, ein pensionierter Arzt, hadert mit seiner Rolle in jener denkwürdigen Nacht. Doch als Bens Begegnung mit dem zehnjährigen Nachbarsjungen Waldo eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, droht das Geheimnis zu platzen und ihrer aller Leben in ungeahnte Bahnen zu lenken. 

Rezension: 

Am 27. August 1985 versursacht Theo Wilf einen Unfall, bei dem die Freundin Misty Zimmerman ums Leben kommt. Theo ist erst 15 Jahre alt und hat keinen Führerschein, seine 17-jährige Schwester Sarah, die ebenfalls im Auto saß, hatte ihm den Schlüssel gegeben, da sie selbst getrunken und ihn zu einer Mutprobe überreden wollte. Um Theo zu schützen, übernimmt Sarah die Schuld. Ihr Vater Ben Wilf, der Art ist, eilte noch zur Unfallstelle, konnte Misty jedoch nicht retten. Die Familie schweigt über die Unfallnacht und lebt fortan mit der Last der Falschaussage. Die Schuld droht vor allem Theo und Sarah noch Jahre später zu zerbrechen, während Bens Ruf als Arzt schwer beschädigt ist. 

Der Roman handelt auf mehreren Zeitebenen und wird nicht rein chronologisch erzählt. Ausgehend von dem Unfall im Sommer 1985 springt der Roman in die Jahre 1999, 2010, 2014 und 2020 und wird dabei aus wechselnden Perspektiven der handelnden Personen erzählt. 
Im Kern geht es dabei nicht nur um die Familie Wilf und die Folgen ihrer Schuld und des Schweigens, sondern auch um die Familie Shenkman, die in den 1990er in die Nachbarschaft gezogen ist. Ben hilft Silvester 1999 bei der Geburt des kleinen Waldo und begegnet ihm zehn Jahre später wieder. Waldo ist ein hochbegabter, aber einsamer Junge, der unter der Strenge seines Vaters leidet. Ben ist der erste, der Waldo, der sich so leidenschaftlich für die Sterne und das Universum interessiert, wirklich zuhört. 

Der Roman handelt von Schuld, einem unverarbeiteten Trauma und einem lebenslangen schlechten Gewissen. Was im Sommer 1985 passiert ist, wird nach außen ausgeblendet, ist jedoch innerlich weiterhin vorhanden und bestimmt die Lebenswege der Beteiligten. 
Familie Shenkman hat damit gar nichts zu tun, weshalb der Klappentext falsche Erwartungen weckt und irritierend ist. Die Begegnung zwischen Ben Wilf und Waldo Shenkman löst keine Kette von Ereignissen aus und steht mitnichten in einem Zusammenhang mit dem verheerenden Unfall oder den Folgen.

Nur rein oberflächlich kommt zum Tragen, wie Sarah und Theo mit ihrer Schuld umgehen, wie sie selbst blockiert sind oder welche Art selbstzerstörerisches Verhalten sie an den Tag legen. Darüber hinaus handelt der Roman, der sich zeitlich über 50 Jahre erstreckt, von Krankheiten und Todesfällen unabhängig des Unfalls und verliert sich auf den letzten 50 Seiten in den Gedanken der Figuren und ihrem Umgang mit der Corona-Pandemie.

Die Verbindung der beiden Familien Wilf und Shenkman hat sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen und hatte für mich deshalb keinen Mehrwert. Die Geschichte um Schuld und Verantwortung blieb lückenhaft und unrund. Das Potenzial der Ausgangssituation für eine spannende und dramatische Familiengeschichte wurde enttäuschend unzureichend ausgeschöpft und entwickelt nicht das Signal eines Leuchtfeuers.  

Freitag, 12. Dezember 2025

Buchrezension: Katherena Vermette - Die Frauen der Familie

Inhalt:

Cedar hat fast vergessen, wie ihre Familie aussieht. Phoenix hat fast vergessen, wie sich Freiheit anfühlt. Und Elsie hat die Hoffnung fast aufgegeben. Beinahe. Das sind die Frauen der Familie Stranger, die jede von ihren eigenen Dämonen geplagt wird.
Nachdem Cedar einige Zeit in Pflegefamilien verbracht hat, zieht sie zu ihrem ihr eigentlich fremden Vater. Sie kämpft mit dem Schmerz der Trennung von ihrer Mutter Elsie und ihrer älteren Schwester Phoenix, hofft aber dennoch auf ein neues Kapitel in ihrem Leben, nur um sich wieder in einem fremden Haus unter Fremden zu finden.
Phoenix bringt in einer Jugendstrafanstalt ein Baby zur Welt, das sie nie großziehen wird, und versucht, sich selbst zu verzeihen, dass sie anderen sehr viel Leid verursacht hat.
Ihre Mutter Elsie kämpft mit ihrer Sucht und ist entschlossen ist, ihr Leben umzukrempeln. Dabei schöpft sie Kraft in dem Gedanken, bald wieder mit ihren Töchtern vereint zu sein. Für die beiden möchte sie – anders als ihre eigene Mutter – ein Mensch sein, auf den sie sich die sie sich verlassen können. 

Rezension: 

Phoenix ist in einer Jugendstrafanstalt untergebracht, wo sie ein Kind zur Welt bringt, das ihr unmittelbar nach der Geburt entzogen wird. Die Wut im Bauch, die übrig bleibt, prägt ihren weiteren Aufenthalt im Strafvollzug und steht einer vorzeitigen Entlassung im Wege. 
Ihre jüngere Schwester Cedar hat diverse Aufenthalte in Pflegefamilien hinter sich und musste dabei einen tragischen Verlust verkraften. Nun wird sie von ihrem Vater und dessen neuer Frau in Obhut genommen - eine neue Familie, die gut zu ihr ist, wo sie sich aber trotzdem nicht Zuhause fühlt. 
Ihre Mutter Elsie kämpft in der Zeit nicht für ihre Töchter, sondern gegen ihre Drogensucht, die sie mit wiederholten Aufenthalten in Entzugskliniken versucht, in den Griff zu bekommen. 
Vor der Trennung von Mutter und Töchtern haben sie alle zusammen im "braunen Haus" bei Elsies Mutter Margaret gelebt, bis diese nach dem Tod ihrer eigenen Mutter beschlossen hat, dass es Schluss ist, sich um andere zu kümmern. 

Die Geschichte der Familie Stranger wird aus rein weiblicher Sicht aus der Perspektive der drei Generationen von Frauen Margaret, Elsie, Phoenix und Cedar erzählt. Die Geschichte erstreckt sich über fünf Jahre, liefert jedoch durch Rückblenden und Erinnerungen noch weit mehr Informationen über das Leben davor. Auf diese Weise erfährt man aus jeder Perspektive einzelne Puzzlestücke aus dem Leben der Familie, die ihr Zusammenleben und ihre Trennung geprägt haben. 
Die Geschichte ist tragisch und schildert ungeschönt, wie Fehler und Traumata an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Der Roman handelt von Kriminalität und Gewalt, von fehlender Mutterliebe und (zu) frühen Schwangerschaften, von Überforderung, Egoismus und Einsamkeit. 
Es ist ein charakterfokussierter Roman, der es nicht leicht macht, sich mit den Figuren zu identifizieren, die bis auf die unschuldigen Kinder fehlerbehaftet sind. Dennoch fühlt man mit den Frauen mit und kann ihren Schmerz und ihre Wut und das Gefühl der Ausweglosigkeit so gut nachempfinden. 

Anders als gedacht, spielt die kulturelle Identität der Stranger-Frauen als Indigene nur eine untergeordnete Rolle. Rassismus und Vorurteile sind nicht eigens Schuld an den Problemen, mit denen die Frauen zu kämpfen haben. Statt von kolonialen Traumata handelt der Roman vielmehr von einer familiären Zerrüttung und den Auswirkungen in Form von Wut, Gewalt und Einsamkeit, die universell auf alle Ethnien übertragbar ist. 

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Buchrezension: Marc Raabe - Schlüssel 17 (Tom-Babylon-Serie, Band 1)

Inhalt:

In der Kuppel des Berliner Doms hängt eine grausam zugerichtete Tote mit schwarzen Flügeln: Es ist die prominente Dompfarrerin Dr. Brigitte Riss. Um den Hals trägt sie einen Schlüssel. In den Griff ist die Zahl 17 geritzt. Tom Babylon vom LKA will diesen Fall um jeden Preis. Denn mit diesem Schlüssel verschwand vor vielen Jahren seine kleine Schwester Viola. Doch Tom bekommt eine unliebsame Partnerin an die Seite gestellt. Die Psychologin Sita Johanns fragt sich schon bald, wer in diesem Fall mehr zu verbergen hat: Tom oder der Mörder, der sie beide erbarmungslos vor sich hertreibt. 

Rezension: 

Im Berliner Dom wird die grauenhaft zugerichtete Leiche der Dompfarrerin Brigitte Riss aufgefunden. Um ihren Hals hängt ein Schlüssel mit der eingeritzten Zahl 17. Tom Babylon ist Kommissar des LKA Berlin und als einer der ersten am Fundort. Brigitte Riss ist die Mutter einer ehemaligen Schulfreundin und der Schlüssel erinnert ihn an einen Leichenfund in Brandenburg vor knapp zwanzig Jahren, bei dem er mit seiner Clinique genau so einen Schlüssel gefunden hatte, mit dem wenig später seine jüngere Schwester verschwand.
Aufgrund seiner persönlichen Involvierung in den Fall darf Tom nicht weiter ermitteln, recherchiert jedoch im Hintergrund weiter. An seiner Seite ist Polizeipsychologin Sita Johanns, die aufgrund seiner bekannten Alleingänge ein Auge auf ihn haben sollte, aber selbst mit den Dämonen ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat.

"Schlüssel 17" ist der erste Band der vierteiligen Thriller-Reihe um den Berliner LKA-Kommissar Tom Babylon.
Zwei Handlungsstränge beschreiben die Geschehnisse in der Gegenwart im September 2017, wobei die Folgen des Leichenfunds im Berliner Dom im Vordergrund stehen. Daneben gibt es Szenen aus einer psychiatrischen Einrichtung in Berlin-Kladow, in der eine Patientin Angst vor der Zahl 17 hat und unter religiösen Wahnvorstellungen zu leiden scheint.
Ergänzt wird die Gegenwart durch Toms Erinnerungen an den Sommer 1998, als seine Schwester verschwand und die Ereignisse darum herum, die sein Handeln bis heute prägen.

Die Handlung ist dynamisch und lässt weder Ermittler noch Leser zu Atem kommen. Nach dem Fund der ersten Leiche mit Schlüssel folgen weitere Schlüssel mit der Aufschrift 17 sowie weitere tote oder verschwundene Menschen. Verschiedene Perspektiven geben dabei umfangreiche Einblicke in die schwierigen Ermittlungen, denn ein Motiv für den symbolträchtigen Mord ist zunächst nicht ersichtlich.
Durch die Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit setzen sich die einzelnen Puzzleteile allmählich zusammen, wobei Erschütterndes zu Tage tritt.

Der Thriller ist von unberechenbaren Charakteren und unkonventionellen Ermittlungen geprägt. Hier scheinen nicht nur die Verbrecher Vergangenes vertuschen zu wollen, auch innerhalb des Polizeiapparats scheint fast jeder ein Geheimnis zu haben, das ihn kompromittieren könnte. Eine andauernde Gefahr für die handelnden Personen ist spürbar, was die Spannung erhöht.

"Schlüssel 17" ist der fesselnde Auftakt einer Thrillerreihe mit Hauptfiguren, die stark von persönlichen Motiven und traumatischen Erlebnissen geprägt sind und sich beruflich im Graubereich bewegen. Auch wenn der Kriminalfall zu einem befriedigenden Abschluss kommt, werden am Ende nicht alle Fragen geklärt, was die Neugier auf den zweiten Band "Zimmer 19" weckt. 

Montag, 8. Dezember 2025

Buchrezension: Janna Solinger - Zoe und die Liebe

Inhalt:

Zoe London ist ein glücklicher Mensch. Sie liebt Polkadot-Kleider, ihr altes Radio, das Verzieren von Torten, mit Freunden tanzen zu gehen und ihren Job: Ihre Radiosendung „London Calling“ ist ein Mix aus Musik und Talk - kein oberflächlicher, hier geht es um Sinnsuche und Alltagsoptimismus. Mit ihrer fröhlichen Art und ihrer stets positiven Sicht auf die Dinge begeistert Zoe die Fans.
Eines Tages jedoch wirft eine Zuhörerin ihr vor, alle Probleme mit Harmonie zu verdecken, das wahre Leben auszuschließen – und erschüttert Zoes Selbstverständnis in seinen Grundfesten. Noch dazu ist Zoe zum ersten Mal schwer verliebt. Ausgerechnet sie, die an alles glaubt, nur nicht an die große Liebe. 

Rezension:

Zoe London ist gelernte Konditorin, backt aber nur nebenberuflich im Auftrag aufwändige Torten. Hauptberuflich ist sie Moderatorin bei einem lokalen Radiosender in Köln und hat dort ihre eigene Sendung "London Calling". Als ihr Chef ungefragt das Konzept ihrer Sendung ändert und in den Nachmittag verlegt, um noch mehr Zuhörer zu erreichen, ist die sonst so fröhliche und optimistische Zoe vor den Kopf gestoßen. In der Livesendung soll sie nun Anrufe von Zuhörern entgegennehmen und gleich die erste Anruferin wirft Zoe vor, eine Maske zu tragen und nur vordergründig glücklich zu sein, was Zoe zum Nachdenken bringt. Zudem ist Zoe erstmals verliebt, was gar nicht zu ihrer Annahme passen mag, beziehungsunfähig zu sein. 

Die Hauptfigur Zoe ist eine Frohnatur, die der Liebe bisher aus Angst, sich ins Unglück zu stürzen, bewusst aus dem Weg gegangen ist. 
Sie scheint in ihrer Radiosendung "London Calling" aufzugehen, wo sie in einer Mischung aus Talk und Musik aus ihrem Leben berichtet und Ratschläge erteilt, damit auch ihre Hörer ein Bewusstsein für Positive im Leben entwickeln. Zoe pflegt innige Freundschaften, auch zu deutlich älteren Personen, die ihr die fehlende Familie ersetzen. 

Die gegenwärtige Handlung wird durch Ausschnitte aus ihrer Sendung ergänzt, die unterhaltsam sind und authentisch wirken. Daneben gibt es einzelne Rückblenden in Zoes Kindheit, dir erklären, warum sie nicht bereit ist, eine feste emotionale Beziehungen einzugehen. Dass sie sich immer mehr in ihren Chef Tobias verliebt, stellt sie vor eine große Herausforderung. 

Die Geschichte ist lebendig und abwechslungsreich und mit viel Kölner Lokalkolorit erzählt. Zoe ist eine liebenswerte Figur und auch die Nebencharaktere sind individuell und mit Liebe gezeichnet. 
Der Roman ist unerwartet tiefgründig, denn er handelt nicht nur von einer romantischen Liebe, sondern auch von einem verlässlichen Netz aus guten Freunden, den Tücken des Single-Daseins, Selbstoptimierung, Konfrontation mit Ängsten und dem Mut zur Veränderung. Es geht um die Suche nach Glück und um die Angst, dieses wieder zu verlieren. Zoe muss erst lernen, dass es erforderlich ist, Risiken einzugehen und sich aus der eigenen Komfortzone herauszubewegen, um überhaupt die Chance zu haben, das Glück zu empfangen. 
Mit viel Charme und Witz begleitet man Zoe mehrere Monate auf ihrem Weg zu einem Neuanfang und dem Mut, Träume zu leben, selbst wenn diese nicht von Dauer sein sollten.

Freitag, 5. Dezember 2025

Buchrezension: Clare Mackintosh - Die Toten der anderen (Ein Fall für Ffion Morgan, Band 3)

Inhalt:

"The Hill" in Cheshire ist der Ort, an dem jeder leben möchte, der es sich leisten kann: luxuriös, exklusiv – und sicher. Doch neuerdings wird systematisch in eine der protzigen Villen nach der anderen eingebrochen. DS Leo Brady ist überzeugt, dass da jemand etwas oder jemanden ganz Bestimmtes sucht. Nur was oder wen?
Auf der anderen Seite der Grenze in Wales wird auf dem Mirror Lake eine Leiche gefunden: Eine Immobilienmaklerin liegt tot in ihrem umgestürzten Kajak. Ein Unfall? DC Ffion Morgan erkennt schnell, dass sie es mit Mord zu tun hat. Ffion ist selbst kein Fan von Immobilienmaklern – aber womit hat diese Frau sich so unbeliebt gemacht, dass sie dafür sterben musste?
Als ihre Fälle sich unerwartet verzahnen, müssen Ffion und Leo feststellen, dass Menschen einen hohen Preis zahlen, wenn sie ihre Geheimnisse hinter verschlossenen Türen bewahren wollen.

Rezension: 

In der luxuriösen Wohngegend "The Hill" ereignen sich hintereinander mehrere Einbrüche, wobei nicht alle Wertsachen entwendet werden. DS Leo Brady, der die Ermittlungen übernimmt, geht bald davon aus, dass in den Villen gezielt nach etwas gesucht wird und es möglicherweise einen Zusammenhang mit einem ungelösten Mordfall gibt, der sich vor zehn Jahren in dem Viertel ereignet hat und der derzeit durch einen True-Crime-Podcast wieder in aller Munde ist. 
Parallel dazu leitet Leos Lebensgefährtin DC Ffion Morgan die Ermittlungen zum Tod einer Immobilienmaklerin, deren Leiche nach einer feuchtfröhlichen Party mit ihren Kollegen in einem Fluss im walisischen Grenzgebiet aufgefunden wurde. 

"Die Toten der anderen" ist nach "Die letzte Party" und "Spiel der Lügner" Band 3 der Krimireihe "Ein Fall für Ffion Morgan". 
Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven von Ffion, Leo und Leos Exfrau Allie erzählt, wobei neben den beiden Kriminalfällen, in denen Ffion und Leo unabhängig voneinander ermitteln, auch der True-Crime-Podcast "Without Conviction" um das ermordete Ehepaar Carmichael sowie das Privatleben von Ffion und Morgan und Allies Versuche, sich in "The Hill" beliebt zu machen, Teil der Handlung sind. 

Obschon zu ahnen ist, dass die beiden Kriminalfälle in einem Zusammenhang stehen müssen, ist es aufgrund der großen Anzahl an Nebencharakteren und den wenig vertrauenerweckenden Bewohnern in "The Hill" lange nicht zu durchschauen, wer am Ende der oder die Täter sind. 

Die Geschichte ist abwechslungsreich und unterhaltsam, was gerade an den vielfältigen Nebenschauplätzen liegt, die neben den eigentlichen Kriminalfällen eröffnet werden. Die Ermittlungen geraten damit schon einmal in den Hintergrund, insbesondere durch Allies Perspektive, die sich bei den Schönen und Reichen anbiedert und deren Verhalten oftmals zum Fremdschämen ist. 
Für Unterhaltung sorgen zudem Ffions und Leos private Beziehung, in der Ffion vor einer engeren Bindung zurückschreckt, ihre erfolglose Haussuche und Ffions Hund Dave, der nur schwer in die Schranken zu weisen ist. 

Die Verbrechensaufklärung ist am Ende schlüssig und lässt durch gezielte Rückblenden keine Fragen offen. Das Leben von Ffion und Leo scheint sich weiter zu verkomplizieren und lässt gebannt auf weitere Teile der Reihe warten. 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Buchrezension: Karen Swan - Winterträume im Schnee

Inhalt:

Der Snowboarder Kit Foley ist für seine Skandale ebenso bekannt wie für seine spektakulären Siege. Doch über den verheerenden Unfall, in den er und ein Rivale verwickelt waren, spricht er niemals. Die preisgekrönte Regisseurin Clover Phillips ist fest entschlossen, in ihrem neusten Film die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie folgt Kit in die tief verschneiten österreichischen Alpen und quartiert sich kurzerhand in seinem Chalet ein. Clover ist überzeugt, dass Kit etwas zu verbergen hat. Aber je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, desto mehr fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Ist er wirklich so kühl und unnahbar, wie er sich gibt? 

Rezension:

Die Dokumentarfilmerin Clover Philips hat zuletzt einen BAFTA für ihren Film über den Surfer Cory Allbright gewonnen, der vor vier Jahren schwer verunglückt und seitdem psychisch und physisch schwer gezeichnet ist. Sein ehemaliger Freund und Konkurrent Kit Foley wird wegen seines rücksichtlosen Verhaltens für den Unfall verantwortlich gemacht und ist gleichzeitig Clovers neues Projekt. Sie hat sich während der Dreharbeiten mit Corys Familie angefreundet und möchte herausfinden, was bei den Weltmeisterschaften tatsächlich passiert ist. Unterstützt wird der Film von Kits Sponsor, während Kit sich weiterhin weigert, über den Vorfall zu sprechen. Er hat sich inzwischen vom Surfsport abgewandt und möchte seine nächsten Erfolge als Snowboarder feiern. Clover begibt sich deshalb mit ihrem Team in die österreichischen Alpen nach Zell am See, wo Kit trainiert. Untergebracht im selben Chalet ist es selbst durch die erzwungene Nähe schwer für Clover, an Kit heranzukommen, der in der Presse als Monster dargestellt wird.

Das Cover und der Titel suggerieren eine romantische, winterliche (Liebes-)geschichte, die ein heimeliges Gefühl hinterlässt. Die Geschichte ist allerdings frostig, die Stimmung feindselig und die Charaktere von gegenseitigem Misstrauen geprägt.

Nach Clovers Erfolg und einem tragischen Unglück entwickelt sich die Geschichte in Österreich nur schleppend. Clover gibt Kit zu verstehen, dass sie ihn nicht leiden kann, Kit reagiert abweisend und hat keinerlei Interesse an einem klärenden Interview oder einem Film über seine Person. Das Verhalten der beiden Hauptfiguren ist in Bezug auf den Erfolg des Films, den beide aus unterschiedlichen Gründen notwendig haben, kontraproduktiv und deshalb nur schwer nachzuvollziehen. Die ganze Geschichte wirkt damit konstruiert und widersinnig und tritt lange Zeit auf der Stelle.
Die körperliche Anziehung, die zwischen Clover und Kit entsteht, sorgt für Knistern, aber nicht für Romantik oder Emotionen. Interessant wird die Geschichte erst nach 500 Seiten, wenn sich endlich bemüht wird, eine Erklärung für Kits Verhalten zu finden.

Gewalt, Todesfälle, Lügen, zerrüttete Familien, Verrat und böses Blut prägen den Roman und verhindern unbeschwerte Winterträume. Die Geschichte entwickelt sich durch die sturen Hauptfiguren nur schwerfällig und zögert die Aufdeckung von Kits Geheimnis künstlich in die Länge. Seine Märtyrerrolle ist diesbezüglich bis zum Schluss völlig unglaubwürdig. Romantik, Liebe und ein stimmungsvolles Setting zur Vorweihnachtszeit erwartet man vergebens. 

Montag, 1. Dezember 2025

Buchrezension: Anders de la Motte - Rostiges Grab (Leo Asker, Band 3)

Inhalt:

Leo Asker steht eine Beförderung in Aussicht, und damit die Hoffnung, die Abteilung für verlorene Seelen bald hinter sich zu lassen. Doch dann wird ihr ein Cold Case zugespielt, der ihr zum Verhängnis werden könnte.
Zehn Jahre zuvor wurde eine Frau unter mysteriösen Umständen ermordet und in einer verlassenen Torffabrik abgelegt. Das Opfer weist verblüffende Ähnlichkeiten mit dem "Graumädchen" auf, einer zweitausend Jahre alten Moorleiche aus derselben Gegend. Als nun – ähnlich mysteriös und wie aus dem Nichts – der abgetrennte, nie gefundene Finger der ermordeten Frau auftaucht, gerät nicht nur der Fall wieder in den Fokus, sondern auch der Ort: der mythenumwobene und vor Schauergeschichten strotzende Wald "Rostskogen", der seit jeher, so munkelt man, Tod und Unheil über die Menschen bringt.
Erneut bittet Leo Asker den Lost-Place-Experten Martin Hill um Hilfe. Zusammen setzen sie alles daran, das Rätsel um die tote Frau zu lösen und die düsteren Geheimnisse des Waldes und der dort ansässigen Bewohner zu lüften. 

Rezension: 

Kriminalkommissarin Leonore Asker leitet noch immer die Abteilung für verlorene Seelen, steht jedoch vor einer Beförderung, die sie direkt an die Seite des Polizeidirektors versetzen würde. Ihr beruflicher Konkurrent Jonas Hellman vermittelt ihrer Abteilung allerdings einen Kriminalfall, in der Absicht, sie zum Scheitern zu bringen und weiterhin in die Reserveabteilung im Keller zu verdammen.
Zwei Urban Explorer hatten eine still gelegte Torffabrik erkundet, in der vor Jahren eine ermordete Frau aufgefunden wurde. Vor Ort wurden sie von einer Bekannten der Toten überrascht, die ihnen einen Finger der Toten präsentierte, der bei den Ermittlungen zu dem Fall nicht aufgefunden worden war. Als Täter wurde der Ehemann vermutet, der jedoch spurlos verschwinden konnte.
Leo deckt sogleich einige Ungereimtheiten und schlampige Polizeiarbeit in dem Fall auf. Trotz Gefährdung ihrer Karriere nimmt sie sich zusammen mit den "verlorenen Seelen" dem Fall an, um für Gerechtigkeit für das Opfer zu sorgen und den Täter aufzuspüren. An ihrer Seite ist erneut ihr Jugendfreund Martin Hill, denn es gibt mysteriöse Verbindungen zu einer alten Moorleiche und den Gruselgeschichten rund um den Rostskogen.

"Rostiges Grab" ist der dritte Band der Nordic-Noir-Krimireihe um die strafversetzte Leo Asker. Wieder geht es um einen Cold Case und dunkle Machenschaften, die vertuscht werden sollen. Zudem handelt der Kriminalfall erneut an atmosphärischen, abgelegenen und düsteren Schauplätzen, die den Urban Explorer Martin Hill mit ins Boot holen.

Der Roman wird in kurzen Kapiteln abwechselnd aus der Perspektive von Asker und Hill erzählt, wobei es auch Einblicke in ihre gemeinsame Vergangenheit gibt, die Bezug auf die vorherigen Romane und Leos schwierige Kindheit bei Prepper-Per nehmen. Darüber hinaus kommt das Graumädchen zu Wort, was noch mehr Fragen in dem Cold Case aufwirft.

Leo handelt gewohnt unerschrocken und muss sich wieder gegen Intrigen und Manipulation innerhalb des Polizeidezernats in Malmö durchsetzen.
Fraglich ist dabei nicht nur, warum die Tote sterben musste und ob der richtige Täter ermittelt wurde, sondern auch warum ihr abgetrennter Finger so viele Jahre später auftaucht und warum sich die Polizei damals so wenig Mühe mit der Aufklärung des Falls gegeben hat. Eine mystische Komponente erhält der Fall durch die Erzählungen um das Graumädchen, die Moorleiche, die vor 50 Jahren in Rostskogen entdeckt worden war und die Rituale, die Jahre später durchgeführt wurden.

Durch nur wenige Spuren gestalten sich die Ermittlungen schleppend. Zudem scheint kaum jemand gewillt an der Fallaufklärung mitzuwirken, weder Angehörige des Opfers, noch Zeugen oder Kollegen, die früher mit dem Fall betraut waren. Die Mauern, auf die Leo stößt sind ermüdend bis die Fallaufklärung auf den letzten hundert Seiten dynamischer wird und Wendungen für weitere Spannung sorgen. 
Die Buchreihe bleibt ihrem Aufbau treu. Askers unerschütterlicher Kampfgeist, Hills mutige Unterstützung sowie ein actionreicher Showdown ähneln den Teilen davor. Zudem geht es erneut um die Herstellung von Gerechtigkeit und einen Kampf gegen Machtmissbrauch, Bestechlichkeit und Erpressung, wobei sich Leo mit hochrangingen Persönlichkeiten von Polizei und Justiz anlegen muss. 
Der Epilog deutet bereits einen vierten Band an, in dem Prepper-Per wieder in den Fokus rücken und Leo das Leben schwer machen wird...