Mittwoch, 11. Februar 2026

Buchrezension: Stina Westerkamp - Sturmmeer

Inhalt:

Ella schwebt im siebten Himmel. Seit Kurzen ist sie mit Jan zusammen, mit ihm kann sie sich sogar ein gemeinsames Leben vorstellen. Als er sie zu einem romantischen Ausflug auf einem Segelboot einlädt, ist sie sich sicher, dass ihre Beziehung nun das nächste Level erreichen wird. 
Doch kurz nach einem gemeinsamen Picknick an Deck verschwindet Jan spurlos. 
Ella bangt um sein Leben, während das Boot immer weiter aufs stürmische Meer hinaustreibt. Dann bekommt sie eine Drohnachricht. Offensichtlich wurde sie entführt. Aber warum? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn mit Jan sind auch Ellas lebenswichtige Medikamente über Bord gegangen. Wie soll sie sich retten mitten auf dem Ozean? 

Rezension: 

Die 22-jährige Ella ist frisch verliebt und wird von ihrem Freund Jan zu einem Segelausflug auf der Nordsee eingeladen. Nach einem weinseligen Picknick an Bord ist Jan verschwunden und Ella allein auf dem Meer. Sie wird von Kameras überwacht und darüber informiert, dass sie entführt wurde. Ein Sturm zieht auf und Ella weiß sich nicht zu helfen, da alle Geräte an Bord ausgefallen sind. 
Währenddessen wird ihr Vater, der sich ohnehin schon immer Sorgen um seine älteste Tochter gemacht hat, die als junges Mädchen an Diabetes erkrankt ist, um eine halbe Million Euro erpresst. 
 
Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive der beiden Schwestern Ella und Vicky, ihrem Vater Gregor und seinem ehemaligen Studenten Leander geschildert. Leander möchte sich an dem angesehenen Universitätsprofessor rächen und ist offenbar bestens über dessen Vermögenswerte informiert. Gregor selbst hat Angst um ein Geheimnis, das der Grund der Entführung seiner Tochter sein könnte und auch Vicky plagt nach dem Tod ihrer Mutter ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Familie. 
 
Für Spannung sorgen Ellas lebensgefährliche Situation auf hoher See, aber noch viel mehr die Geheimnisse, die es innerhalb der Familie Weber schwelen und was der Entführer Ellas darüber weiß.    
 
Die Kapitel sind kurz, die Wechsel der Perspektiven entsprechend zügig, so dass sich allmählich die einzelnen Puzzleteile zusammensetzen. Die Protagonisten sind in einem Albtraum gefangen und bangen um Ellas Leben. Während sie kaum wissen, wie ihnen geschieht, offenbaren sich schrittweise die Geheimnisse, die sie bergen. 

Es ist ein unblutiger Thriller mit einem Fokus auf den Inneneinsichten der Figuren, der kurzweilig geschrieben ist. Geprägt von Angst und Schuldgefühlen gilt es, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen. Die Motive der Charaktere sind nachvollziehbar und das Szenario authentisch. 
"Sturmmeer" zeigt, dass die Vergangenheit niemals ruht, Schuld nicht verjährt und selbst in vertrauten Personen ein Hauch Böses steckt.  

Montag, 9. Februar 2026

Buchrezension: Sara B. Elfgren - Die Insel meiner Schwester

Inhalt:

Mirjam leidet noch unter der Trennung von ihrem langjährigen Freund, als ihre Schwester Nia sie zum ersten Mal nach langer Zeit kontaktiert. Sie lädt sie zu ihrem vierzigsten Geburtstag auf die Schäreninsel ein, auf der die beiden die Sommer ihrer Kindheit verbracht haben. Auf Tallholmen waren sie unzertrennlich. Aber das ist lange her. Mirjam entscheidet sich, der Einladung zu folgen und zurückzukehren – an den Ort, der einst ihr gemeinsames Paradies war. Doch sie ahnt nicht, was hier vor sich geht. Als die Nacht hereinbricht und ein Sturm aufzieht, muss Mirjam eine Entscheidung treffen: Ist sie bereit, bedingungslos an der Seite ihrer Schwester zu stehen? 

Rezension: 

Mirjam hat ihre Halbschwester Nia erst im Alter von 14 Jahren kennengelernt und trotz der schwierigen familiären Konstellation sofort Freundschaft mit ihr geschlossen. Unstimmigkeiten ergaben sich nur, wenn sich Nia wiederholt in die falschen Männer verliebte. Inzwischen ist Nia mit Konrad verheiratet und hat bereits mehrfach versucht, ihren Ehemann zu verlassen. Als Nia das letzte Mal zu ihm zurückgekehrt ist, kam es zum Zerwürfnis zwischen den beiden Schwestern.
Ein Jahr später meldet sich Nia bei Mirjam, die gerade frisch von ihrem langjährigen Partner getrennt ist, um sie zu ihrem 40. Geburtstag einzuladen. Sie möchte auf der Schäreninsel feiern, wo sie in ihrer Kindheit und Jugend die Sommer verbracht haben. Nia verspricht einen reinen Mädelsabend, doch Mirjam ist schon vor der Anreise skeptisch und ahnt nicht, was sie tatsächlich vor Ort erwarten wird.

Der Roman wird aus der Perspektive von Mirjam geschildert, die überraschend nach zehn Jahren Beziehung von ihrem Freund für eine andere Frau verlassen wurde. Sie ist zutiefst verletzt und deshalb froh, als sich ihr langjährige Vertraute Nia bei ihr meldet, zu der der Kontakt nach einem Streit über ihren Mann abgebrochen war. Nia steckt in einer toxischen Ehe fest und schafft es nicht, Hilfe anzunehmen.

Neben der gegenwärtigen Handlung gibt es innerhalb der Kapitel zahlreiche Rückblenden in die Jugend Mirjams mit einem Schwerpunkt auf dem Verhältnis zu Nia.
Nia hat Mirjam zu mehr Selbstvertrauen verholfen, die sich selbst als unscheinbar empfunden hatte, hat sich selbst hingegen in ihren Liebesbeziehungen ausnutzen und unterdrücken lassen.

Das Szenario auf der Insel, wenn der Sturm aufzieht, gleicht einem Psychothriller. Eine bedrohliche Atmosphäre ist von Anbeginn vorhanden und spürbar, dass die Situation jederzeit eskalieren könnte. Schon bei der Ankunft auf der Insel wird Mirjam vor den Kopf gestoßen und nach einer Wende läuft die Situation komplett aus dem Ruder.
Spannung wird dabei sukzessive aufgebaut, wobei es am Tag der Geburtstagsfeier bis auf die Rückblenden keine neuen Impulse gibt und der gewaltsame Showdown arg in die Länge gezogen wird.

Es ist eine dramatische Geschichte über zwei "Frestern", die innig verbunden sind, durch ungute Beziehungen aber Distanz zu einander schaffen. Das Thema häusliche Gewalt prägt die Handlung, auch wenn es durch die einseitige Perspektive hintergründig bleibt.
Im Kern geht es um Schwesternschaft, bedingungslose Liebe und welche Opfer diese fordert. Dass das Ende dann keinen Neuanfang bedeutet, ist tragisch und nach all den Anstrengungen nur bedingt nachvollziehbar. 



Freitag, 6. Februar 2026

Buchrezension: Marisa Kashino - Tödliches Angebot

Inhalt:

"Ich werde dieses Haus bekommen, egal, was ich dafür tun muss."
Margo braucht für ihre Familie eine größere Wohnung, koste es, was es wolle. Nach monatelanger frustrierender Suche sieht sie den Inbegriff eines perfekten Lebens vor sich. Getrieben von ihrer Verzweiflung will Margo das Haus kaufen, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Ein bisschen Stalking? Harmlos. Etwas Hausfriedensbruch? Notwendig. Zunehmend skrupellos dringt Margo in das Leben der Hausbesitzer ein, sie umgarnt sie bis zur Erpressung. Bis sie auf Gegenwehr stößt. Die räumt sie so zielstrebig aus dem Weg wie die Geliebte ihres Mannes. Das Verstörende an der Geschichte? Sie werden Margo lieben, selbst wenn das Buch Sie fassungslos nach Luft schnappen lässt. Kann Margo ihr perfektes Leben in ihrem Traumhaus antreten? Natürlich nicht! Dieser Psychothrill kennt keine moralische Grenzen. 

Rezension: 

Seit über einem Jahr suchen Margo und ihr Ehemann Ian nach einem Eigenheim in Washington. Bereits elf Mal sind mit ihren Geboten gescheitert und Margo, die ihre Zwei-Zimmer-Wohnung leid ist und eine Familie gründen möchte, ist zunehmend frustriert. Als sie von einem Haus in ihrer bevorzugten Wohngegend erfährt, das verkauft werden soll, aber noch nicht auf dem Markt ist, beschließt sie zu handeln. Margo macht die Eigentümer ausfindig und versucht sie mit unorthodoxen Methoden davon zu überzeugen, dass sie die optimalen Käufer für das Traumhaus sind. Doch ein dummer Fehler macht Margos schöne Pläne zunichte. Besessen von dem Haus vernachlässigt Margo ihren Job, streitet mit ihrem Mann und ist bereit, alles zu riskieren, um ihren Traum vom Eigenheim und dem damit verbundenen perfekten Leben zu erfüllen. 

Wie in Deutschland, ist auch der Immobilienmarkt in den Großstädten Amerikas heiß umkämpft. Die Autorin greift damit ein aktuelles, gesellschaftlich relevantes und emotionsgeladenes Thema auf, das sie zu einer abgefahrenen Story entwickelt. 

Margo ist eine Frau mit beiden Beinen im Leben, aber die erfolglose Haussuche hat sie mürbe gemacht. Für das Traumhaus aus den 1940er-Jahren in der ruhigen, familiären Wohngegend, rechnet sie sich allerdings echte Chancen aus, da es noch nicht offiziell zum Verkauf steht. Sie entwickelt kreative Methoden, um das Haus vor allen anderen Bietern zu erlangen und lässt dabei bald jeglichen moralischen Kompass vermissen und zunehmend Grenzen jeglichen Anstands überschreiten. Aus einem Wunschtraum wird blutiger Ernst. 

Der Strudel aus Verzweiflung und Wut, in den Margo gelangt ist, ist nachvollziehbar geschildert, rechtfertigt aber nicht ihr überzogenes, manisches Verhalten. Ihr zunehmende Verrücktheit zieht jedoch in den Bann und man beobachtet mit ungläubiger Faszination jede neue Aktion, um dem Traumhaus einen Schritt näher zu kommen. 

Die Geschichte ist herrlich absurd, schwarzhumorig und weiß damit bestens zu unterhalten. "Tödliches Angebot" schildert wie ein Wunsch zu Manie wird, wobei die Handlung komplett an die Spitze getrieben wird. Das ist bitterböse und stimmig für einen Psychothriller, aber am Ende nicht unbedingt realistisch, wie leicht es Margo gemacht wird.   


Mittwoch, 4. Februar 2026

Buchrezension: Ursula Poznanski - Das Signal

Inhalt:

Gefangen im eigenen Haus: Bei einem Unfall verliert die junge Innenarchitektin Viola Decker ein Bein – und plötzlich besteht ihre Welt nur noch aus Hindernissen. Zwar kümmert ihr Mann Adam sich rührend um sie; mit dem barrierefreien Umbau ihres abgelegenen alten Hauses scheint er es allerdings nicht eilig zu haben. Viola sitzt buchstäblich im Erdgeschoss fest, alleine mit einer wortkargen Pflegerin, von der sie sich ständig überwacht fühlt.
Und immer wieder verschwinden wichtige Dinge aus Violas Reichweite. Um nicht lange danach suchen zu müssen, stattet sie sie mit winzigen GPS-Trackern aus. Als Adams Verhalten sich zu verändern beginnt und er immer häufiger spät nach Hause kommt, beginnt sie heimlich, auch ihn zu tracken, und entdeckt schon bald beunruhigende Muster. Offensichtlich belügt er sie über seinen Tagesablauf – und nicht nur er. Warum? Mit jedem Tag und jeder Lüge wächst in Viola ein furchtbarer Verdacht. 

Rezension: 

Viola und ihr Ehemann Adam haben ein altes Haus in einer abgelegenen Gegend gekauft. Kurz bevor die Renovierungsarbeiten beginnen, ereignet sich ein Unfall im Weinkeller, bei dem Viola schwer verletzt wird und ihr linkes Bein verliert. Nach dem Krankenhausaufenthalt kümmert sich eine Pflegerin rund um die Uhr um Viola, doch statt Unterstützung zu erhalten, fühlt sich Viola wie eine Gefangene. Ihr Mann scheint Otilia genau zu diesem Zweck engagiert zu haben und es zudem nicht so genau mit der Wahrheit zu nehmen. 
Mit Hilfe von Trackern beginnt Viola Adam zu überwachen und sieht sich bald darin bestätigt, dass ihr Ehemann sie ganz offensichtlich belügt. Während Viola versucht herauszufinden, was dahinter steckt, erinnert sie sich daran, dass auch sie ihre Geheimnisse hat. 
 
Der Roman ist aus der Ich-Perspektive von Viola geschrieben, so dass Wut, Trauer und Hilflosigkeit, aber auch eine enorme Entschlossenheit unmittelbar nachvollziehbar sind. Viola kann niemandem vertrauen und lange ist unklar, was dahinter steckt.
 
Ohne dass sich in dem Roman viel ereignen muss, ist die Geschichte packend geschildert und von einer anhaltenden unterschwelligen Spannung geprägt. Viola ist als gehandicapte Frau in ihren eigenen vier Wänden gefangen, fühlt sich bevormundet und überwacht. Die Pflegerin mutiert zur Wärterin, macht geflissentlich ihre Arbeit, ist aber wortkarg und gefühlskalt. Adam glänzt durch Abwesenheit und versucht jeden Heilungsfortschritt Violas zu verhindern, wobei er die Einschränkungen mit Fürsorge entschuldigt. Nur mit Hilfe von moderner Technik gelingt es Viola ein Gefühl dafür zu behalten, ihr Leben nicht vollständig aus den Händen gegeben zu haben.
 
"Das Signal" ist eine Geschichte voller Misstrauen und Lügen. Viola fürchtet um ihr Geheimnis, Otilia ist undurchsichtig und Adam mimt offenbar nur den liebevollen Ehemann. Viola und Adam schleichen um einander und führen einen heimlichen Rosenkrieg. Es entwickelt sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel, das nicht nur enorm fesselnd ist, sondern durch den versteckten Hass hinter liebevollen Worten zudem äußerst unterhaltsam und amüsant zu lesen ist. Bei diesem originellen Plot braucht es kein Blut oder Effekthascherei für Spannung der Extraklasse. 

Montag, 2. Februar 2026

Buchrezension: Liz Moore - Der andere Arthur

Inhalt:

Arthur Opp, einst Literaturprofessor, wiegt mittlerweile 250 Kilo und hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht mehr verlassen. Die wenigen Schritte zur Haustür, um Lieferungen entgegenzunehmen, sind seine tägliche Herausforderung. Nur 30 Kilometer entfernt kämpft der siebzehnjährige Kel um seinen Schulabschluss und die Chance auf ein besseres Leben: ein Sportstipendium. Doch während er um seine Zukunft ringt, hält ihn die Sorge um seine kranke Mutter in Atem. Arthur und Kel sind zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten - und doch etwas Entscheidendes teilen: ihre Einsamkeit. Als sich Kels Mutter, einst Arthurs Studentin, nach Jahren der Funkstille mit einem verzweifelten Hilferuf an ihn wendet, nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die alte Wunden aufreißt, aber auch neue Wege freilegt und eindrücklich zeigt, wie in der Fürsorge für andere die eigene Rettung liegen kann. 

Rezension:

Der ehemalige Literaturprofessor Dr. Arthur Opp führt ein zurückgezogenes Leben in seinem Haus in Brooklyn. Er verlässt es nur noch, um den Müll hinauszubringen, denn er ist stark übergewichtig und ist durch Lieferdienste gut versorgt. Als ihn eine frühere Studentin kontaktiert, mit der er noch vor Jahren in einem engen Briefkontakt gestanden hat, erfährt er überraschend, dass sie einen Sohn hat. Charlene bittet Arthur um Unterstützung, da der sportbegeisterte 18-jährige Kel aufs College gehen soll. Arthur möchte helfen, schämt sich jedoch für die Lügen, die er Charlene aus Schaum erzählt hat. Doch auch sie hat Geheimnisse, die für ihren Sohn zunehmend zu einer Belastung werden. 

"Der andere Arthur" ist nach "Long Bride River" und "Der Gott des Waldes" ein älteres Buch der Autorin, das ins Deutsche übersetzt wurde und als eines ihrer Erstlingswerke nicht so stark wie die beiden Bestseller.
Der Roman wird abwechselnd, zunächst in längeren Abschnitten, dann in kürzeren Kapiteln aus den Perspektiven von Arthur und Kel erzählt. Beide befinden sich in unterschiedlichen Lebenssituationen, sind jedoch beide auf ihre Art Außenseiter und allein. 
Arthur ist gut situiert, versteckt sich aufgrund seines Übergewichts jedoch in seinem Haus. Die Reinigungskraft Yolanda ist die erste, die er nach einem Jahrzehnt wieder hineinlässt, um sein Haus vorzeigbar zu machen, als er mit einem Besuch von Charlene rechnet. 
Kel ist ein mittelmäßiger Schüler, aber ein talentierter Baseballspieler und hofft, dass er eine Profi-Karriere einschlagen kann. Freunde kann er nicht zu sich nach Hause lassen, denn er schämt sich für seine Lebensverhältnisse und das Verhalten seiner Mutter. Wie schlimm es tatsächlich um sie steht, wird Kel erst bewusst, als Charlene ins Krankenhaus kommt und er ganz auf sich gestellt ist. 

Die Geschichte wird warmherzig und lebendig erzählt und es ist bildhaft vorstellbar, wie Arthur und Kel leben. Es sind tragische Situationen, die realitätsnah erscheinen und deshalb so schmerzhaft sind. Arthur und Kel haben beide Verluste erlitten und sind gesellschaftlich isoliert. Beide verstecken sich und kommen zurecht, solange nichts Unerwartetes passiert. Charlenes Hilflosigkeit bringt beide dazu zu handeln. 

Der Roman ist mit seiner Zielrichtung vorhersehbar, entwickelt sich aber dennoch etwas anders als erwartet. Beide Erzählstränge bleiben trotz der Verbindung über Charlene überraschend isoliert, was beide Charaktere unabhängig voneinander in Szene setzt. 

"Der andere Arthur" schildert auf empathische Art und Weise Wege aus der sozialen Isolation zurück in die Gesellschaft und zeigt gleichzeitig, wie leicht es ist, aus ihr herauszufallen und abgeschottet in einer Großstadt verloren zu sein. Neben vielen Widrigkeiten und Rückschlägen ist die Geschichte dennoch niemals deprimierend, denn Fürsorge und Hilfsangebote bleiben nicht aus, müssen nur angenommen werden. Sie endet deshalb hoffnungsvoll, auch wenn Fragen offen bleiben. 

Freitag, 30. Januar 2026

Buchrezension: Judith Hoersch - Niemands Töchter

Inhalt:

Alma ist Niemands Tochter. Sie wächst in den Achtzigerjahren in der Eifel auf, doch das kluge und neugierige Mädchen fühlt sich fremd in seiner Familie. Denn um seine Herkunft wird geschwiegen.
Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort vermisst noch eine Frau ihre Mutter schmerzlich – Isabell, die 2019 in Berlin lebt. Diese Leerstelle hat ihre Vergangenheit geprägt, und beeinflusst noch immer ihre Gegenwart, ihr Fühlen und Denken und ihr eigenes Familienleben.
Als sich Almas und Isabells Wege auf schicksalshafte Weise. 

Rezension:

Gabriele kehrt mit der neugeborenen Alma Anfang der 1980er-Jahre zu ihren Eltern in die Eifel zurück, denn in Berlin kann sie als Alleinerziehende nicht mehr bleiben. Alma entwickelt sich zu einem aufgeweckten Kind, aber der Vater bleibt eine Leerstelle in ihrem Leben. Doch da ist noch mehr, was Gabriele verschweigt.
Marie möchte mit ihrer zweiten Tochter alles besser machen und setzt sie sehr zum Missfallen ihres Mannes an erste Stelle. Sie schwört Isabell, sie vor allem zu beschützen, kann ihr aber Versprechen nicht halten.
Isabell ist Mutter der dreijährigen Ruby und im Umgang mit ihr gehemmt, denn ihre Ängste lähmen sie. Sie vermisst ihre eigene Mutter und versucht anhand der von ihr hinterlassenen Polaroidbilder mehr über sie zu erfahren.

"Niemands Töchter" wird aus wechselnden Perspektiven der vier Hauptfiguren geschildert, wobei die Erzählung nicht chronologisch erfolgt. Im Wechsel zwischen Vergangenheit ab 1981 und der Gegenwart im Jahr 2020 geht es um komplexe Mutter-Tochter-Beziehungen, um überforderte, verzweifelte, abwesende, einsame und trauernde Mütter sowie die Suche nach Identität, Heimat und Geborgenheit. 

Für einen Roman allein sind vier Frauen mit schwierigen Verhältnissen im Umgang mit ihrer Mutter und/ oder Tochter viel, so dass die Ergründung ihrer Probleme nicht tief geht. Dennoch berühren die Schicksale und es fällt nicht schwer, sich in die Frauen hineinzuversetzen, die fehlerbehaftet sind und Geheimnisse bergen. 
Im Verlauf der Geschichte wird immer besser nachvollziehbar, welche Wunden vorhanden sind und wie sich Traumata der Vergangenheit auf die Gegenwart und die nachfolgende Generation auswirken. Die Verbindung der einzelnen Handlungsstränge ist weniger geheimnisvoll als gedacht, was die Spannung und Dramatik jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt. 

Mittwoch, 28. Januar 2026

Buchrezension: Kira Mohn - Alle glücklich

Inhalt:

Nina: Mutter, Ehefrau, MTA. Erfüllt alle Rollen, doch daneben gibt es eine, von der niemand etwas weiß.
Alexander: Oberarzt, Ehemann, Vater. Tut alles für seine Familie, opfert sich auf als Arzt – und wer dankt es ihm?
Emilia: Gymnasiastin. Zum ersten Mal richtig verliebt. Sucht ihren eigenen Weg, geht aber den des Freundes.
Ben: Student. Es geht ihm gut. Es geht ihm wirklich gut. Verdammt noch mal, es geht ihm gut!
Nina, Alexander, Emilia und Ben. Eine liebevolle Mutter, ein beruflich erfolgreicher Vater, zwei wohlgeratene Kinder. Doch wenn der Druck steigt, reißt die Fassade auf. 

Rezension:

Die vier Holtsteins sind eine Bilderbuchfamilie: Vater, Mutter und zwei Teenager ohne Geldsorgen in München.
Alexander ist Arzt im Krankenhaus und sieht sich als Ernährer der Familie. In seinem Beruf geht er auf, Zeit für seine Frau und die Kinder bleibt wenig. Nina arbeitet, seitdem die Kinder größer sind, halbtags als Arzthelferin, ihr Medizinstudium konnte sie als zweifache Mutter nicht beenden. Heimlich hat sie einen Job als Kassiererin in einem Supermarkt angenommen, um nicht jeden Friseurbesuch vor ihrem Mann rechtfertigen zu müssen.
Die 16- jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten richtigen Freund, aber verunsichert, weil so viel souveräner und erfahrener ist als sie. Ihr älterer Bruder hat hingegen keine Erfahrungen in Liebesdingen. Ben studiert, zieht sich aber darüber hinaus in sein Zimmer vor den Computer zurück. Er würde gerne raus aus der Passivität und findet im Internet einen Mentor, der ihn motiviert.

Die vier Holtsteins sind grundsätzlich glücklich, aber ein Blick hinter die Fassade zeigt, dass es in jedem von ihnen brodelt.

Der Roman wird abwechselnd aus allen vier Perspektiven geschildert, wobei der Alltag in einer Familie mit Teenagern realitätsnah abgebildet wird. Die Ehe ist von einer fehlenden Romantik geprägt und zunehmende Streits und unterschiedliche Erwartungen gefährden die Harmonie. Die Teenager führen ihr eigenes Leben und ziehen sich aus der Fürsorge der Eltern zurück.

Im Vordergrund stehen die Emotionen und das, was jedes Familienmitglied innerlich bewegt. Es ist spürbar, dass die Familie sich auseinandergelebt hat und nicht so glücklich ist wie sie sein möchte. Die Emotionen - egal ob Wut, Enttäuschung, Verzweiflung oder Liebe - führen auch dazu, dass sich in jedem Leben etwas bewegt. Jeder bringt für sich einen Stein ins Rollen, das nicht nur das fragile Familiengefüge weiter erschüttern, sondern auch zu einer persönlichen Katastrophe führen könnte.
Drastisch wird aufgezeigt, was sich aus andauernder Unzufriedenheit, fehlendem Verständnis und mangelnder Kommunikation entwickeln kann. Dies sorgt für Spannung und Dramatik, wobei in einer Familie innerhalb kurzer Zeit wirklich viel ins Wanken gerät, was trotz der alltagsnahen Darstellung in Summe überspitzt ist. Dass die Geschichte abgewürgt mit einem einzigen Scherbenhaufen endet, wirkt unentschlossen und unglücklich unfertig.

Montag, 26. Januar 2026

Buchrezension: Arne Jensen - Eine vergessene Schuld

Inhalt:

Der pensionierte Verfassungsrichter Rudolf Heppner sorgt durch rechtsradikale Äußerungen zum Thema Deserteure und NS-Justiz für Aufsehen. Es drohen strafrechtliche Konsequenzen. Da die Ermittlungen von Verfassungsschutz und BKA jedoch feststecken, wird die junge Kriminalpsychologin Jasina Behrens mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt. Das Thema bewegt die Psychologin selbst: Sie ist mit ihren Eltern aus Syrien geflohen, ihr jüngerer Bruder blieb zurück, verweigerte den Wehrdienst in der syrischen Armee. Seitdem ist er spurlos verschwunden. In vielen Gesprächen finden Jasina und der ehemalige Richter einen Zugang zueinander, der nicht nur Heppners eigene Familiengeschichte offenbart, sondern auch den Bogen zu dem "Halbjuden" Raimund Bach schlägt, der im Spätsommer 1944 seinen Versetzungsbefehl verweigert und sich über Monate in Amsterdam versteckt. 

Rezension: 

Kurz vor seinem TV-Auftritt in einer politischen Talksendung wird der ehemalige Verfassungsrichter Dr. Rudolf Heppner Opfer eines Angriff
s, wobei sich der unbekannte Täter auf eine linksextremistische Organisation beruft. Heppner hatte sich zuvor durch umstrittene Aussagen zur Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung in der Öffentlichkeit unbeliebt gemacht.
LKA und BKA nehmen die Ermittlungen auf, wobei die Polizeipsychologin Jasina Behrens ein Gutachten über Heppner erstellen soll.
Knapp 80 Jahre zuvor versteckt sich Raimund Bach in Amsterdam, nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter, die jüdischer Abstimmung ist, in Deutschland deportiert worden ist. Er gilt damit als fahnenflüchtig, worauf die Todesstrafe steht. Doch wenige Monate später ist der Krieg beendet. 

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und schildert in der Gegenwart im Sommer 2023 den Angriff auf Verfassungsrichter Heppner und die anschließendes polizeiliche Untersuchung. Schwerpunkt ist dabei die Analyse Heppners, um die Gründe für seine vorher getätigten Aussagen zu verstehen, die ihn in eine rechtspopulistische Ecke gedrängt haben. Die gebürtige Syrerin Jasina Behrens erstellt das Opferprofil, fühlt sich durch Heppners Erklärungen jedoch getriggert und verlässt die professionelle Ebene ihrer Arbeit. 

Die Suche nach dem Täter gerät beim Blick auf das Opfer weitgehend in den Hintergrund. Hier fehlt das Verständnis, warum die Polizei so viel Zeit darauf verwendet, Heppner zu analysieren, statt alle Ressourcen darauf zu verwenden, einen potentiellen Gewalttäter zu fassen. Wichtig werden dabei Rückblenden in die späten 1960er-Jahre, die Hinweise auf Heppners Motivation geben.  

Authentischer als die Schilderung der Polizeiarbeit in der Gegenwart ist der Handlungsstrang im Jahr 1945, der auf wahren Begebenheiten beruht. Die Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Gerichtsprozess gegen zwei Deserteure nach der Kapitulation Deutschlands machen fassungslos. 

Der Roman handelt auf mehreren Zeitebenen von vielen verschiedenen Themen, die bunt durchmischt werden und einen klaren roten Faden vermissen lassen. Es geht um Fahnenflucht, alte Nazi-Seilschaften der Nachkriegszeit, unmenschliche Behandlung in psychiatrischen Einrichtungen, Leben in der Kommune, Rebellion gegen die Eltern, Schuld und die Auswirkungen auf die nachfolgende Generation, Fluchttraumata und öffentliche Meinungsmache. 
Während die Vergangenheit faktenbasiert und dennoch sehr emotional ist, ist die Handlung in der Gegenwart von Spekulationen und retardierenden Frage- Antwort-Spielchen geprägt, die nur sehr vage Aussagen liefern. Die Motivation von Opfer und Täter gleicht einem andauernden Rätselraten, das unbefriedigend ist. Am Ende kann weder die Ermittlungsarbeit der Polizei und noch viel weniger die Rolle Jasinas überzeugen. Die Suche nach ihrem vermissten Bruder in Syrien sprengte den Handlungsrahmen. 

Freitag, 23. Januar 2026

Buchrezension: Ragnar Jónasson, Katrín Jakobsdóttir - Reykjavík

Inhalt:

Im August 1956 verschwindet die fünfzehnjährige Lára. Sie hat in ihren Sommerferien als Haushaltshilfe auf einer beschaulichen Insel südlich von Reykjavík gearbeitet ― bis sie eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist. Das tragische Ereignis wird zu Islands berühmtestem ungelösten Fall. Dreißig Jahre später geht der Journalist Valur kurz vor dem brisanten Gipfel zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow in Reykjavík einer neuen Spur im Fall Lára nach und riskiert damit sein Leben. Denn wenn Lára vor 30 Jahren Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, dann hätte der Mörder gerade jetzt genug Gründe, erneut zuzuschlagen. 

Rezension:

1956 verschwindet die 15-jährige Lára spurlos, nachdem sie ihre Anstellung als Haushaltshilfe bei einem gut situierten Paar auf einer kleinen Insel in der Nähe Reykjavíks unerwartet gekündigt hatte. Die Suche nach ihr bleibt erfolglos, Hinweise auf ein Verbrechen oder einen Selbstmord kann der leitende Ermittler nicht finden.
Dreißig Jahre später nimmt sich ein Journalist dem Cold Case an und entwickelt nach einem anonymen Hinweis den Ehrgeiz, einen mutmaßlichen Mord aufzuklären. Offensichtlich hat jemand etwas gegen Valurs Initiative, denn er begibt sich damit ungeahnt in Lebensgefahr, was den Verdacht erhärtet, dass Lára nicht freiwillig verschwunden ist.

Nach einem kurzen Rückblick ins Jahr 1956 und dem Bemühen des Ermittlers Kristján auch in den Folgejahren Láras Verschwinden aufzuklären, wird die Handlung im Jahr 1986 fortgesetzt und schildert die Recherche von Valur und seiner Schwester Sunna.

Obgleich als Thriller deklariert, liest sich die Geschichte vielmehr wie ein Kriminalroman und konzentriert sich im Wesentlichen auf die laienhaften Ermittlungen der beiden Hauptfiguren, denn nach einer überraschenden Wende wächst Sunnas Rolle in dem Fall.
Der Perspektivwechsel gibt der Handlung zwar einen neuen Impuls, lässt jedoch auch keinen Zweifel mehr an Láras Schicksal. Trotzdem kann weiterhin spekuliert werden, was sich 1956 ereignet hat und wer darin involviert gewesen ist.

Etwas eigenartig mutet dabei an, wie viel mehr ein Journalist und eine Literaturstudentin 30 Jahre später im Vergleich zu den Ermittlern damals herausfinden können. Gerade am Ende wirkt das passive Verhalten der Polizei realitätsfern. 

Eindrucksvoller als der wenig originelle Vermisstenfall ist die Darstellung des Lebens auf der abgelegenen arktischen Insel. Aufgrund der übersichtlichen Bevölkerungsanzahl und der daraus resultierenden Kennverhältnisse ist es schwer, anderen zu trauen und riskant, die Ermittlungen durch falsche Fragen zu gefährden. Passend zum Zeitgeist der 1980er-Jahre wird an vielen Stellen zudem deutlich, wie eingeschränkt die Recherchemöglichkeiten damals waren.

"Reykjavík" ist ein solider Krimi aus prominenter Feder, der als Thriller deklariert jedoch falsche Erwartungen weckt. Dennoch bietet der Roman durch die schrittweise Offenlegung einzelner Puzzleteile und Aufklärung des Cold Case gute Unterhaltung und versetzt den Leser eindrücklich nach Island ins Jahr 1986. Die Erwähnung realer politischer Ereignisse ist interessant, wirkt ohne Bezug zum Vermisstenfall jedoch überflüssig. 
 

Mittwoch, 21. Januar 2026

Buchrzezension: Karina Urbach - Das Haus am Gordon Place

Inhalt:

Wien, 1948: Daphne Parson, eine britische MI6-Agentin, arbeitet in einem Abhörtunnel unterhalb der geteilten Stadt. Um unbemerkt in den sowjetischen Sektor Wiens zu gelangen, schließt sie sich einer Filmcrew an. Eine Mission, die tödliche Konsequenzen hat. 
London, 2024: Der Historiker Professor Hunt lebt in Daphne Parsons ehemaliger Wohnung am Gordon Place. Als hier ein Mord geschieht, beginnt für Hunt eine verstörende Reise in die Vergangenheit. 

Rezension: 

Der britische Geschichtsprofessor Hunt wird bei der Einreise in die Vereinigten Staaten am Flughafen in New York aufgehalten und muss eine Nacht in der Arrestzelle verbringen. In seiner Wohnung in London wurde sein Nachbar Gerald Fraser tot aufgefunden, wofür er keine Erklärung hat. Zurück in London bittet ihn die M16-Agentin Emma Spencer, die an der Aufklärung des Mordfalls beteiligt ist, um Mithilfe. In Hunts Wohnung hat früher die Geheimagentin Daphne Parson gelebt und Emma vermutet darin einen Zusammenhang mit Frasers Tod. 
1948 arbeitet Daphne Parson in Wien für eine Spezialabteilung des MI6. Sie hört in einem geheimen Tunnel sowjetische Gespräche ab. Bei einem Telefonat erkennt sie einen SS-Mann wieder, der sie während des Zeiten Weltkriegs in Griechenland gefoltert hatte. Aus dem Konzept gebracht, verpatzt sie einen verdeckten Einsatz. Um den Fehler wiedergutzumachen, muss sie sich sich einer Filmcrew anschließen, um verdeckt in den sowjetischen Sektor Wiens zu gelangen. 

"Das Haus am Gordon Place" handelt auf zwei Zeitebenen und wird in kurzen Kapiteln aus vielen verschiedenen Perspektiven geschildert. Die Autorin ist Historikerin und verbindet geschickt historische Fakten mit einer fiktiven Geschichte, wobei einige der handelnden Figuren tatsächlichen Personen angelehnt sind. 
Hauptteil ist die Spionagetätigkeit britischer Geheimagenten in Wien der Nachkriegszeit. Lebendig wird dargestellt, wie der MI6 zur Zeit des Kalten Krieges agierte, wie die Zivilbevölkerung zur Zusammenarbeit bewegte wurde und welche Rolle ehemalige Nazi-Schergen spielten. Verbindendes Element mit der Gegenwart ist das Haus am Gordon Place, in dem viele MI6-Agenten wohnten. In Daphne Parsons ehemaliger Wohnung wird ein Mann ermordet und es ist zu vermuten, das dort etwas gesucht wurde, was Daphne vor langer Zeit versteckt hatte. 

Beide Zeitebenen sind spannend und unterhaltsam geschildert, wobei der schnelle Szenenwechsel und die vielen handelnden Personen die Aufmerksamkeit des Lesers fordern. Gegenwart und Vergangenheit werden dabei inquisitiv mit einander kombiniert und ergänzen sich gegenseitig. Was Hunt in der Gegenwart herausfindet, wird in der Vergangenheit noch ausführlicher dargelegt. Neben der strategischen Vorgehensweise aus Tarnen und Täuschen eines Geheimdienstes, spielen auch die persönlichen Hintergründe, insbesondere die Kriegstrauma eine Rolle, die die Handlungen der Personen beeinflussen. Sowohl die Lebensbedingungen der damaligen Zeit als auch die persönlichen Befindlichkeiten und Beziehungen der Personen untereinander zeugen von Empathie und zeigen, dass auch die "Guten" nicht frei von Fehlern waren. 

Je tiefer man in die politischen Machenschaften eintaucht und je mehr Details über die Vergangenheit bekannt werden, desto spannender wird, wie die Personen in der Gegenwart mit denen der Vergangenheit zusammenhängen und was damit das Motiv für den Mord des unscheinbaren Nachbarn über 70 Jähre später sein könnte. 
Darüber hinaus sorgen die persönlichen Hintergründe, die Schrecken der Kriegs- und Nachkriegszeit, der unermüdliche Einsatz für Ideale und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, für dramatische Szenen und wecken Emotionen. 

Das Nachwort der Autorin ergänzt den Roman und erklärt, was Wahrheit und Fiktion ist. "Das Haus am Gordon Place" ist als historischer Roman ein Beleg dafür, dass das wahre Leben immer noch die spannendsten Geschichten schreibt. 

Montag, 19. Januar 2026

Buchrezension: Alison Espach - Wedding People

Inhalt:

Als Phoebe Stone in einem grünen Seidenkleid und goldenen High Heels im prächtigen "Cornwall Inn" ankommt, wird sie von allen für einen Hochzeitsgast gehalten. Doch sie ist die Einzige, die nicht zum Feiern angereist ist. Seit Jahren hat sie davon geträumt, mit ihrem Mann hierherzukommen. Nun ist sie ohne ihn hier, am Tiefpunkt ihres Lebens, fest entschlossen, sich ein letztes Mal etwas zu gönnen, bevor sie mit allem Schluss macht. Dumm nur, dass sie ausgerechnet der Braut in die Quere kommt. Die hat jedes Detail und jede denkbare Katastrophe sorgfältig einkalkuliert - mit einer Ausnahme: Phoebe und deren Vorhaben. Als sich ihre Wege kreuzen, gerät alles aus dem Takt, und es setzt etwas in Gang, das keine von ihnen erwartet hat. 

Rezension: 

Phoebe checkt ohne Gepäck und nur mit ihrem besten Kleid bekleidet im "Cornwall Inn" in Newport ein. Sie ist der einzige Gast, der nicht Teil der Hochzeitsgesellschaft von Lila und Gary ist. Phoebe hat beschlossen, sich hier, an ihrem Glücksort, umzubringen. Nach jahrelanger erfolgloser Kinderwunschbehandlung und der Scheidung von ihrem Mann sieht sie für ihr Leben keine Perspektive mehr. Lila, die mit Freunden und Verwandten eine Woche lang ihre Hochzeit mit ihrem elf Jahre älteren Verlobten feiern möchte, hat selbstverständlich etwas dagegen das Hotel mit einer Leiche zu teilen. Im Verlauf eines abends kommen sich die unterschiedlichen Frauen näher, so dass Phoebe am Ende von ihren Plänen abweicht. Lila lädt sie ein, am Rahmenprogramm der Hochzeit teilzunehmen und nach einer Woche ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Der Roman ist aus der Sicht der 40-jährigen Phoebe verfasst, wodurch sie nahbar wirkt und auch ihr Gefühlschaos nachvollziehbar dargestellt ist. Aber auch in die zweite Hauptfigur Lila kann man sich im Verlauf des Romans hineinversetzen. Beide Frauen haben tiefgreifende Verluste erlitten, was die beiden eint. Während Phoebe in einer depressiven Phase steckt, ist Lila hingegen euphorisch und ein wenig überdreht. Ein Blick hinter die Fassade zeigt jedoch, dass beide einsam und verunsichert sind.

Frühzeitig ist klar, dass die unterschiedlichen Frauen vor einem Scheideweg stehen und wie sich die Geschichte in ihrem Kern entwickeln wird.
Vereinzelt gibt es humorvolle Szenen, im Wesentlichen wird der Roman jedoch von ernsten Themen wie Tod, Trennung, Verlust und nicht erreichten Zielen bestimmt.
Das Programm für die perfekte Luxushochzeit sorgt für Abwechslung, in Bezug auf die Entwicklung der Charaktere ereignet sich jedoch wenig.

Aufgrund des feuchtfröhlichen Covers und der Werbung als New-York-Times-Bestsellers hatte ich mir von der Geschichte mehr erwartet. Dem überraschend undramatischen Roman fehlte es an Spannung und Emotionen. Der schnelle Wandel der Frauen innerhalb von nur wenigen Tagen erschien wenig realistisch, die Geschichte zu ereignislos und eintönig.

Es ist ein Roman über Neuanfänge und die Suche nach Glück, bei dem die Probleme der Charaktere nur oberflächlich angesprochen werden. Trotz der skurrilen Ausgangssituation entwickelt sich die Geschichte belanglos und zäh. 


Freitag, 16. Januar 2026

Buchrezension: Mark Flemming - Wer am Ende übrig bleibt

Inhalt:

Nach Jahren trifft Anne, eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, ihre ehemaligen Mitbewohner Sven, Merle und Paulina wieder. Um dem damaligen Fünften im Bunde, dem kürzlich verstorbenen Ruben, die letzte Ehre zu erweisen, brechen sie zu einer gemeinsamen Reise durch die Ostsee auf.
Anne hütet ein dunkles Geheimnis und droht darüber beinahe den Verstand zu verlieren: Sie ist verantwortlich für Rubens Tod und will ihre Schuld ein für alle Mal loswerden. Doch auch unter den anderen herrscht Anspannung: Lange verdrängte Gefühle kommen wieder hoch, Rivalitäten, Eifersüchteleien und Streit kratzen am fragilen Zusammenhalt der Gruppe. 
Eine Flaute, zur Neige gehende Treibstoffvorräte und eine Beinahekollision mit einem Tanker lassen die Stimmung an Bord vollends kippen. Ohne die Möglichkeit zu entkommen, sind die Segelnden einander gnadenlos ausgeliefert. Wer kann wem noch trauen? Schon bald ist klar: Nicht alle werden von dem Segeltörn lebend zurückkehren. Und auch für die Überlebenden ist der Albtraum noch lange nicht vorbei. 

Rezension:

Anne trifft bei der Beerdigung ihres Studienfreunds Ruben die Mitbewohner ihrer alten Wohngemeinschaft in Greifswald wieder. Die Gruppe hat sich innerhalb der letzten neun Jahre aus den Augen verloren und beschließt spontan zum Gedenken an Ruben einen Ostsee-Segeltörn zu unternehmen. Merles neuer Freund ist Inhaber einer Segelyacht und bietet den Freunden an, sie zu begleiten. Obschon Anne ein ungutes Gefühl bei Nicolas hat, stimmt sie zu und sieht den Ausflug als Buße für eine alte Schuld, die an ihr nagt.
An Bord erinnert sie sich an Ruben, den sie einmal geliebt hat, und die gemeinsame Zeit in der WG, die nicht ohne Konflikte war. Doch auch auf der Segelyacht droht durch Machtspielchen, Eifersucht und Schikanen die Situation aus dem Ruder zu laufen. 

Obgleich "Wer am Ende übrig bleibt" als Roman deklariert ist, liest sich das Buch wie ein Psychothriller. Der Roman wird aus der Sicht der Unternehmensberaterin Anne geschildert, wobei nicht ganz klar ist, inwiefern es sich bei ihr um eine unzuverlässige Erzählerin handeln könnte. Anne ist belastet von einer früheren Schuld und hat auf der Yacht insbesondere im Hinblick auf Merles neuen Freund Nicolas ein ungutes Gefühl. Tatsächlich ereignen sich einige unangenehme Situationen, die für die unerfahrenen Segler gefährlich sind. 
Anne deutet zudem eine dunkle Seite in sich an, die sie selbst beunruhigt. Gedanklich schweift sie immer wieder an zurückliegende WG-Zeiten ab und beschäftigt sich mit dem Geheimnis, das sie quält. 

Neben Annes Perspektive gibt es zwischen den Kapiteln Auszüge aus dem Protokoll einer Gerichtsverhandlung, die nach dem Törn stattfindet. Anne ist die Person auf der Anklagebank und aufgrund der Zeugenaussagen ist zu erahnen, wer den Ausflug überlebt hat und wer nicht. Ein Perspektivwechsel am Ende des Romans offenbart die wahren Ereignisse an Bord der Yacht und ergänzt die Entwicklung der Freunde untereinander.  

Die Geschichte ist durch den steten Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit anhaltend spannend. Der Segeltörn schildert ein typisches Locked-Room-Szenario und liefert ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Anne quält sich mit einem schlechten Gewissen und hat Angst vor Nicolas, wobei unklar ist, ob die Bedrohung real ist und ob es sich bei den kleinen Unfällen um Pech oder Sabotage handelt. Geschickt gesetzte Parallelen von Vergangenheit und Gegenwart lassen wiederholt Zweifel aufkommen, wem zu trauen ist.   
Das Buch entwickelt sich zu einem Pageturner, der sich nur schwer aus der Hand zu legen lässt, um zu erfahren, "wer am Ende übrig bleibt". Es ist eine bitterböse Geschichte über verletzte Eitelkeiten, Eifersucht und Rache und wie Freundschaft in das genaue Gegenteil umschlagen kann. 

Mittwoch, 14. Januar 2026

Buchrezension: Abby Jimenez - Yours Truly: Erster Eindruck. Zweiter Blick. Dritter Anlauf. (Part Of Your World, Band 2)

Inhalt:

Briana Ortiz' Leben könnte besser laufen: Sie steht kurz vor der Scheidung, ihr kranker Bruder braucht eine Organspende und um die Beförderung zur Chefärztin muss sie mit Neuankömmling Jacob Maddox konkurrieren. Sie will ihn hassen. Anstatt die Situation zu entschärfen, tritt Jacob von einem Fettnäpfchen ins nächste … Bis Briana einen Brief von ihm bekommt. Einen sehr, sehr netten Brief, in dem sich herausstellt, dass er nicht der Teufel höchstpersönlich ist – sondern introvertiert, witzig und immer mehr ein guter Freund. Doch das ändert sich, als Jacob auch noch bereit ist, Brianas Bruder eine Niere zu spenden. Briana beginnt sich zu fragen: Ist Jacob nur das Match für ihren Bruder oder auch für sie selbst? 

Rezension: 

Briana arbeitet als Ärztin in der Notaufnahme des Royaume Northwestern Hospitals und steht dort kurz vor der Beförderung zur Oberärztin. Die Freude ist jedoch getrübt, denn sie sorgt sich um ihren jüngeren Bruder Benny, der wegen einer Autoimmunerkrankung zur Dialyse muss und dem nur eine Spenderniere helfen kann. Zudem erhält sie mit einem neuen Kollegen Konkurrenz, der frisch angefangen, jedoch hervorragende Referenzen hat.
Briana lehnt Jacob deshalb wütend ab, wird aber bald eines Besseren belehrt, als er ihr einen lieben Brief schreibt und seine Situation erklärt. Sie geraten in einen intensiven Austausch, der bald mehr als nur freundschaftliche Gefühle in Briana weckt. Jacob hingegen steht unter dem Druck seiner Familie, eine Freundin als Begleitung für die Hochzeit seines Bruders zu präsentieren und da kommt eigentlich nur Briana in Frage...

Die Geschichte ist abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren Briana und Jacob geschildert, wodurch man in beide Gefühlswelten eintauchen und ihre Situation sehr gut nachempfinden kann. Beide sind von der Liebe enttäuscht worden und nicht auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Aus Kollegialität und Freundschaft wird jedoch bald mehr, worüber sie jedoch nicht sprechen. Die inszenierten Dates um Jacobs Familie zu überzeugen, verstärken die Gefühle, sorgen gleichzeitig aber auch für Unsicherheit.

"Yours Truly" ist eine Slow Burn-Romance, die sich in den Grundzügen einer Liebesgeschichte nicht überraschend entwickelt, aber durch die liebevollen Details im Umgang der Hauptfiguren miteinander so viel Charme und Authentizität ausstrahlt, dass man dennoch gebannt und gerührt von der Geschichte ist. Die Charaktere wirken lebensecht und haben ihr Herz auf dem rechten Fleck. Briana ist extrovertiert, aber einfühlsam, Jacob hat eine Sozialphobie, würde aber für seine Liebsten alles tun. Die Annäherung der beiden ist ganz natürlich und trotz ihrer Gegensätzlichkeit spürt man, wie gut sie zusammenpassen. Dass beide so lange die Gefühle des anderen falsch interpretieren wirkt trotz ihrer Liebenswürdigkeit mit der Zeit allerdings etwas aufgesetzt und ermüdend.  

Die Kombination aus ernsthaften Themen, Humor und echten Gefühlen macht "Yours Truly" zu einer warmherzigen, amüsanten und gefühlvollen romantischen Geschichte aus dem "Royaume Northwestern Hospital"-Universum, wobei die zwischenmenschlichen Beziehungen im Vergleich zu den medizinischen Aspekten klar im Vordergrund stehen.  

Montag, 12. Januar 2026

Buchrezension: Emilia Hart - Die Unbändigen

Inhalt:

KATE, 2019
Kate flieht aus London und lässt alles zurück – endlich hat sie die Kraft gefunden, den Mann zu verlassen, der ihr Leben kontrolliert. Sie findet Zuflucht im Weyward Cottage im Norden Englands, das sie von ihrer Großtante Violet geerbt hat. Dort stößt Kate aber auf verstörende Gerüchte und auf ein sorgsam gehütetes Geheimnis, das sie tief in die Geschichte ihrer Vorfahren führt, bis zurück in die Zeiten der Hexenjagd.
VIOLET, 1942
Violet liebt die Natur über alles. Sie sammelt weitaus lieber Insekten und klettert auf Bäume, als sich an die strengen Benimmregeln für junge Damen zu halten. Dann verändert die folgenschwere Begegnung mit einem Mann das Leben der jungen Frau für immer.
ALTHA, 1619
Altha ist der Hexerei angeklagt – sie soll einen Mann getötet haben. Bekannt für ihr abgeschiedenes Leben als unabhängige Frau und für ihre besondere Verbindung zu den Tieren ist sie eine Bedrohung, die beseitigt werden muss.
Drei Frauen kämpfen in drei verschiedenen Zeitaltern um ihre Unabhängigkeit – aber ihre Geschichten sind weitaus enger verwoben, als es anfangs scheint.

Rezension: 

Kate flieht vor ihrem gewalttätigen Partner in das Cottage, das sie von ihrer Großtante Violet geerbt hat, die sie kaum kannte. In den alten Gemäuern erahnt sie Geheimnisse und als sie im Ort Gerüchte wahrnimmt, fühlt sie sich bestärkt, die Geschichte ihrer Familie zu ergründen.
Knapp 80 Jahre zuvor ist die sechzehnjährige Violet in den gesellschaftlichen Konventionen gefangen, sehnt sich nach der Freiheit in der Natur und der Bildung, die ihrem Bruder Graham zuteil wird. Gleichzeitig vermisst sie ihre Mutter, die vor ihrem Tod dem Wahnsinn verfallen sein soll. Während sie mehr über ihre Mutter herauszufinden versucht, lernt sie ihren Cousin kennen und wird von bisher unbekannten Gefühlen überwältigt, wobei sich ihre Unerfahrenheit rächt.
Über 300 Jahre früher wird Altha beschuldigt, am Tod eines Milchbauers Schuld zu sein, der von seiner eigenen Kuhherde niedergetrampelt wurde. Als Tochter einer Heilerin soll wegen ihren magischen Fähigkeiten für den Gewaltexzess verantwortlich sein. Altha droht als Hexe der Tod durch Erhängen.

"Die Unbändigen" wird abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen erzählt, die über die Jahrhunderte getrennt familiär miteinander verbunden sind.
Die Stimmung ist melancholisch und düster und man kann sich gut in die unterschiedlichen Zeiten und damit verknüpften Lebenssituationen der Protagonistinnen hineinversetzen. Zudem berührt jedes Schicksal auf seine Weise, denn allen Frauen wird Ungerechtigkeit zuteil. Falsche Verdächtigungen, Unterdrückung, Missbrauch sowie Gewalt gegen Frauen sind zentrale Themen des Romans.

Altha, Violet und Kate sind einsam, fühlen sich eng mit der Natur verbunden und schöpfen Kraft aus ihr. In ihren persönlichen Kämpfen gegen patriarchale Strukturen, für ihre Unabhängigkeit und Freiheit finden sie zu innerer Stärke und Mut zur Veränderung. 
Die Darstellung des Männlichen als widerwärtig und böse ist dabei einseitig und ermüdend. In allen drei Handlungssträngen wiederholt sich das, was Männern ihren Frauen antun. 

Die Entwicklung der Frauen ist nicht wirklich überraschend und wird allein auf die Loslösung von Männerfiguren reduziert. Bis auf die Liebe zur Natur ist bei keiner von ihnen eine Persönlichkeit zu erkennen, noch gibt es ausgeprägte Beziehungen zu anderen Personen (Frauen), die der Geschichte etwas mehr Facettenreichtum verleihen hätten können. 

Spannung entwickelt sich erst in den letzten Kapiteln, als auch die magische Gabe der Weywards samt der Verknüpfung der Ahninnen zum Vorschein kommt und jeweils zum Befreiungsschlag ausgeholt wird. Mehr Variation der drei etwas einseitig gestalteten Handlungsstränge hätte der Geschichte dennoch gut getan. Zudem erscheint fragwürdig, ob ein einsiedlerisches Leben an der Seite von Insekten und Vögeln tatsächlich so erstrebenswert ist, wie es hier propagiert wird. 

Freitag, 9. Januar 2026

Buchrezension: Marc Raabe - Zimmer 19 (Tom-Babylon-Serie, Band 2)

Inhalt:

Auf der Eröffnungsveranstaltung der Berlinale wird zum Entsetzen aller ein Snuff-Film gezeigt. Das Opfer: die Tochter des Bürgermeisters Otto Keller.
Tom Babylon vom LKA und die Psychologin Sita Johanns ermitteln unter Hochdruck. Doch eine Gruppe von Prominenten um Keller mauert. Was hat der Bürgermeister zu verbergen? Und wer ist die Zeugin, die aussieht wie Tom Babylons vor Jahren verschwundene Schwester? Die Ereignisse überschlagen sich, als ein weiterer Mord passiert. Plötzlich stellt Sita Johanns fest, es gibt eine Verbindung zwischen ihr und den Opfern: Ein furchtbares Ereignis in ihrer Jugend - und die Zahl Neunzehn. 

Rezension: 

Während der Berlinale wird ein Film vorgeführt, der die Tötung der Tochter des regierenden Bürgermeisters zeigt. Da sie Schauspielerin ist und die Leiche nicht gefunden wird, ist zunächst nicht klar, ob die Szene echt ist. Am vermeintlichen Tatort wird eine Aufschrift mit der Zahl 19 gefunden, was das Berliner LKA an einen Fall vor anderthalb Jahren erinnert, in dem ebenfalls eine Zahl eine Rolle spielte. Die Soko von damals wird erneut mit den Ermittlungen betraut.
Als von einem Bekannten des Bürgermeisters die Tochter entführt wird, wird von einem Zusammenhang beider Fälle ausgegangen. Offensichtlich ist, dass die beiden Männer etwas zu verbergen haben, wobei ihr Schweigen die Ermittlungen weiter erschwert.
Für Tom Babylon und Sita Johanns wird der Fall besonders prekär, als sie Verbindungen zu ihrer eigenen Vergangenheit feststellen.

"Zimmer 19" ist nach "Schlüssel 17" der zweite Band um den LKA-Ermittler Tom Babylon. Da es sowohl in Bezug auf die Ermittlungen, als auch im Hinblick auf Toms Vergangenheit Anspielungen auf den ersten Band gibt, ist es hilfreich, die Thrillerreihe chronologisch zu lesen.

Der Roman handelt an nur wenigen Tagen im Februar 2019. Darüber hinaus gibt es Rückblenden in das Jahr 2001, die traumatische Erfahrungen der noch jungen Sita schildern. Nicht weiter verwunderlich ist, dass diese dunklen Kapitel für den gegenwärtigen Kriminalfall eine Rolle spielen, aber auch Toms Vergangenheit holt ihn bei einem Leichenfund wieder ein. Zudem schöpft er weiterhin Hoffnung, das Verschwinden seiner jüngeren Schwester aufzuklären.

Wechselnde Orte und Perspektiven sorgen für Dynamik und ergeben viele kleine Puzzleteile, die erst am Ende zusammengesetzt werden. Durch Kapitelüberschriften mit Datums- und Ortsangaben fällt es nicht schwer, den Überblick über den Handlungsrahmen zu behalten.

Die Handlung ist temporeich, denn die Ermittler stehen aufgrund der entführten Kinder unter einem enormen Zeitdruck, den Täter zu fassen. Zudem sorgen die persönliche Involvierung von Tom und Sita in dem Fall sowie ihre Dämonen der Vergangenheit, die sie fortlaufend in Gefahr bringen, für anhaltende Spannung.

Am Ende fügen sich alle Handlungsstränge logisch zusammen und offenbaren ähnlich wie in Band 1 dunkle Machenschaften, die Jahrzehnte später gesühnt werden sollen. Tom und Sita gehen erneut eigenwillig vor, um den Fall zu lösen und gelangen dabei an ihre psychischen und physischen Grenzen. Ihr wiederholtes Glück, von den Tätern verschont zu werden und die Zufälle, die Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen, empfand ich ein wenig weit hergeholt. 


Mittwoch, 7. Januar 2026

Buchrezension: Coco Mellors - Cleopatra und Frankenstein

Inhalt:

Ein Silvesterabend in New York: Cleo, Mitte zwanzig, britische Kunststudentin, Bohémienne a.k.a. ewig pleite, trifft Frank, Mitte vierzig, Amerikaner, Inhaber einer Werbeagentur und ungleich gesettleter, im Aufzug einer Partylocation. Es ist die vielbeschworene Liebe auf den ersten Blick. Hals über Kopf stürzen Cleo und Frank sich in eine amour fou, mit der sie selbst kaum Schritt halten können - geschweige denn die, die ihnen nahestehen. 

Rezension: 

Cleo und Frank treffen sich im Fahrstuhl beim Verlassen einer Silvesterfeier. Es bleibt nicht bei einem Flirt, schon nach sechs Monaten sind die beiden verheiratet, denn Cleos Studentenvisum neigte sich dem Ende zu. Sie lieben sich, doch der Alltag ist nicht einfach. Cleo versucht sich als Künstlerin einen Namen zu machen, leidet jedoch seit Jahren unter Depressionen und hat den Verlust ihrer Mutter nicht verkraftet. Der knapp 20 Jahre ältere Frank ist Inhaber einer Werbeagentur und erfolgreicher Selfmade-Man, hat jedoch mit einem Alkoholproblem zu kämpfen.  
Unsicherheiten, Streit und fehlende Kommunikation sind die Folge und drohen ihre Liebe zu zerbrechen. 

Der Roman ist aus mehreren Perspektiven geschildert. Neben den beiden Hauptfiguren Cleo und Frank gibt es Kapitel aus der Sicht von Personen, die ihnen nahestehen, wie Franks Halbschwester Zoe und verschiedene Freunde von Cleo und Frank in New York. 
Es ist ein Buch über Liebe und Freundschaft und vor allem über die Probleme ausgefallener Individualisten. Ausgehend vom Künstler- und Kreativenmilieu geht es um eine privilegierte Gesellschaftsschicht in New York, in der Drogenkonsum und psychische Probleme keine Seltenheit sind. 

Durch die verschiedenen Personen und die Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sehen, ist die Geschichte facettenreich und vielschichtig, wobei die Verbindung zu Cleo und Frank als roter Faden stets erhalten bleibt. Die Vielzahl an handelnden Figuren sorgt jedoch auch dafür, dass einige der Themen um mentale Gesundheit, Sexualität und Rassismus nur oberflächlich behandelt werden. 
Dennoch ist insbesondere in den Dialogen die feine Beobachtungsgabe der Autorin zu erkennen. Der trockene Humor sorgt für ein wenig Leichtigkeit, auch wenn der Roman von einer steten Traurigkeit durchzogen ist. Nach der berauschenden Liebe auf den ersten Blick erfolgt die Ernüchterung und eine Erzählung, was nach dem Happy End passiert. Angst, sich den Problemen zu widmen, fehlende Kommunikation und der Wunsch, die Flucht zu ergreifen drohen Cleos und Franks Liebe zu zerstören.

Aus einem romantischen Neubeginn entwickelt sich ein schmerzhaftes Porträt einer Liebe. Es ist eine unbequeme Geschichte über Großstädter zwischen Identitätssuche und Selbstzerstörung, wobei die destruktiven Verhaltensweisen der Charaktere in den Bann ziehen und ein Ende ungewiss machen. Der Roman handelt innerhalb von zwei Jahren und schildert eine authentische Entwicklung der Figuren. Aufgrund der nur episodenhaften Darstellung entsteht jedoch keine echte Nähe. 

Montag, 5. Januar 2026

Buchrezension: Thomas Ziebula - Waldmann: Flucht in den Tod

Inhalt:

Als Johannes Waldmann am Vorabend seiner Rückkehr in den Dienst der Bonner Mordkommission an einen Tatort gerufen wird, ahnt er nicht, in welche Abgründe dieser Fall ihn führen wird. Während er die Leiche des getöteten Lokalpolitikers besieht, jagt eine Frau in einem gestohlenen Polizeiwagen einem Audi nach. In ihm vermutet sie die junge Ukrainerin Zlata, die gerade noch mit dem Politiker auf einem Zimmer war. Auch die Journalistin Pia Luninger ist an dem Fall dran. Spurlos wird die große Reportage heißen, die sie über Menschenhandel und Zwangsprostitution schreiben will und die ihr endlich den ersehnten Karrieresprung ermöglichen soll. Mit jedem Schritt, den Waldmann tiefer in den Sumpf des Verbrechens hineinwatet, löst sich ein Faden, der die große Wunde seines Lebens nur oberflächlich zusammenhielt: der Verlust seiner Frau. Damals, auf einem Bazar, als sie von einem auf den anderen Moment einfach so – verschwand. 

Rezension: 

Hauptkommissar Johannes Waldmann kehrt nach einer beruflichen Zwangspause wieder an seinen Arbeitsplatz im KK 11 in Bonn zurück und wird Teil der Sonderkommission, die den Mord an einem Lokalpolitiker in einem Edelbordell aufklären soll. Parallel dazu ereignet sich hinter der Grenze in den Niederlanden ein Unfall, bei dem die Frau ums Leben kommt, mit der sich der Politiker zuvor getroffen hat. Bei ihr handelt es sich um eine ukrainische Flüchtige. 
Journalistin Pia Luninger arbeitet einer Reportage über Menschenhandel und Zwangsprostitution und steht mit einer Sozialarbeiterin in Kontakt, die jungen Frauen helfen möchte, ihrer desolaten Situation im Umfeld brutaler Menschenhändler zu entkommen. 
Nachdem Tod von Zlata und dem Verschwinden ihrer Freundin Sofia wendet sich Pia Luninger mit ihrem Insiderwissen an Waldmann. 

"Waldmann - Flucht in den Tod" ist der Auftakt einer neuen Krimireihe um den erfahrenen Hauptkommissar Johannes Waldmann, der aufgrund des Verschwindens seiner Frau vor sieben Jahren auf einem Basar in Lagos unter Panikattacken leidet. Der Fall um die Zwangsprosituierten geht ihm deshalb besonders nahe, da auch hier Frauen verschwinden und er immer wieder seine Ehefrau Maria vor Augen hat. 

Titel und Klappentext verraten bereits den wesentlichen Inhalt der Geschichte. Kriegsflüchtlinge werden verschleppt und ihre hilflose Situation ausgenutzt, um in Deutschland und angrenzenden Ländern als Prostituierte zu arbeiten. Bei Versuchen zu entkommen, droht ihnen Gewalt oder schlimmstenfalls der Tod. 
Die Polizei muss grenzüberschreitend ermitteln, um die Hintermänner aufzudecken und der Organisierten Kriminalität den Garaus zu machen. 

Aufgrund der verschiedenen Perspektiven von Ermittlern, Opfern und Verbrechern ist der Kriminalroman nur mäßig spannend. Für den Leser ist offensichtlich, wer die Täter sind und was es aufzuklären gilt. Waldmann, der wiederholt als "bester" Polizist beschrieben wird, kann in seiner Rolle wenig glänzen. Während der Ermittlungen hat er eine passive Rolle, wird von seinen Emotionen geleitet und fortlaufend von seinen psychischen Problemen eingeholt. Erkenntnisse stützen sich im Wesentlichen auf die Arbeit der Polizei in den Niederlanden, das Bundeskriminalamt, Europol und insbesondere auf die Informationen der beiden Frauen, die Undercover recherchieren und ihre Leben gefährden. 

Der Auftaktband von "Waldmann" handelt mit dem Leid und Schicksal von geflüchteten Ukrainerinnen, Zwangsprostitution, Menschenhandel von brisanten Themen und schwerwiegenden Verbrechen, kann in der Umsetzung jedoch wenig überzeugen. Der Kriminalfall ist durchschaubar, die Ermittlungen zu nebensächlich. Darüber hinaus wirkt die Handlung in Teilen wenig realistisch, wenn eine mafiöse Verbrecherbande ihrem Entführungsopfer das Handy überlässt, mit dem sie geortet werden kann oder wenn aufgrund persönlicher Motivation wiederholt Kompetenzen überschritten werden. 

Freitag, 2. Januar 2026

Buchrezension: Matthew Blake - Sophie L.

Inhalt:

Olivia Finn, Gedächtnisexpertin an einem Londoner Krankenhaus, erhält einen merkwürdigen Anruf aus Paris: Ihre Großmutter Josephine ist im berühmten Hotel Lutetia aufgetaucht und behauptet, sie heiße eigentlich Sophie und habe hier vor Jahrzehnten einen Mord begangen. Olivia reist sofort nach Paris, um sich um die scheinbar verwirrte Josephine zu kümmern. Doch diese besteht darauf, dass sie eine verlorene Erinnerung wiedererlangt hat und die Wahrheit sagt. Als Josephine wenig später ermordet wird, ist klar: Jemand möchte verhindern, dass die Vergangenheit ans Licht kommt. Olivia muss sich fragen: War ihre Großmutter wirklich eine Mörderin? Und was hat das Ganze mit Olivias eigenen traumatischen Erinnerungen zu tun? 

Rezension: 

Dr. Olivia Finn arbeitet als Therapeutin in einem Zentrum für Gedächtnisstörungen in London. Als sie einen verstörenden Anruf von der Pariser Polizei erhält, dass ihre Großmutter im renommierten Hotel Lutetia in Paris einen Mord gestanden haben soll, eilt Olivia sofort zu ihr. Sie versucht der Polizei zu erklären, dass ihre Großmutter an Demenz leidet, aber diese behauptet fest überzeugt, nicht Josephine Benoit zu sein, sondern Sophie Levrec, das Opfer, mit dem sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Identität getauscht haben will.
Olivia fragt sich, wer ihre Großmutter wirklich war und möchte die Wahrheit darüber herausfinden, was sich 1945 im Hotel Lutetia ereignet hat.

Der Roman handelt auf mehreren Zeitebenen und ist aus der Sicht verschiedener Personen geschildert. Neben den gegenwärtigen Ereignissen gibt es Rückblenden in das Jahr 1945 sowie in das vergangene Jahr, als Olivia zuletzt in Paris war, um als Leumund für ihren Mentor Louis auszusagen, der beschuldigt wurde, in seiner Eigenschaft als Psychotherapeut Erinnerungen einer seiner Patientinnen manipuliert zu haben.

Auch wenn man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hat, einen Thriller zu lesen, ist die Geschichte spannend aufgebaut. Ein über 80 Jahre alter Verrat, ein Auftragskiller und die Fragen, wem Olivia vertrauen kann und welche Geheimnisse sie selbst birgt, gestalten die Geschichte undurchsichtig. Auch die kurzen Kapitel tragen dazu bei, dass man stetig weiterlesen möchte. 

Der Täter ist jedoch frühzeitig zu erkennen, worunter die Spannung trotz aller Undurchsichtigkeit leidet. Die Erklärung, dass er einfach böse ist, kann wenig überzeugen. Auch wirkt das ganze Szenario - nicht nur aufgrund der lange vergangenen Zeit - am Ende sehr weit hergeholt. Verschiedene Details stellen sich am Ende als unnötige Lückenfüller heraus und die Therapie um verloren gegangene Erinnerungen bleibt nur ein oberflächlicher Teil der Handlung. Letztlich geht es um Manipulation und Leichtgläubigkeit, wofür aber nicht zwingend ein Psychotherapeut notwendig ist. 
Für mein Empfinden langweilig und konstruiert, ist "Sophie L." als Thriller eine Enttäuschung.