Samstag, 4. April 2026

Buchrezension: Sven Jacobs - Letzte Stunde Tod

Inhalt:

Eine harmlose Verabredung endet für den jungen Lehrer Max Schilling in einem Albtraum. Sein Date liegt blutüberströmt in seinem Bett, und der Killer ist noch in der Wohnung. Er schreibt bedrohliche Nachrichten und lockt Max damit in eine Falle. Als Max im Krankenhaus aufwacht, verdächtigt ihn die Polizei. Eine tödliche Spirale aus unerklärlichen Unfällen und brutalen Morden beginnt. Im Schatten lauert jemand, der Max vernichten will. Ein erbarmungsloser Wettlauf gegen einen unsichtbaren Gegner beginnt. 

Rezension:

Max ist Lehrer an einer Bonner Schule. Bei seinen Schülern ist er beliebt und im Kollegenkreis hat er enge Freunde. Max ist ungebunden und hat unverbindliche Affären mit Partnern, die er über eine Dating-App kennenlernt. Als er seinen letzten One-Night-Stand erneut aufsucht, um seine vergessene Armbanduhr abzuholen, findet er diesen in seiner Wohnung ermordet vor. Max selbst wird angegriffen, aber nicht lebensbedrohlich verletzt.
In der Folge ereignen sich weitere tödliche Angriffe und Attacken in seinem Umfeld. Max wird vom Opfer selbst zum Verdächtigen und muss sich gegen absurde Unterstellungen behaupten. Jemand scheint ein perfides Spiel mit Max zu spielen, aber er hat keine Ahnung, wer ihm aus welchem Grund das Leben zur Hölle machen sollte.

Max hat einen unbekannten Schatten, der ihn beobachtet und sich offenbar bewusst Kontakte von Max aussucht, um diese zu töten, zu verletzen oder zu erpressen. Denkt man zunächst, dass es sich um einen homophoben Täter handelt, der Max' amouröse Abenteuer unterbinden möchte, ziehen die indirekten Attacken bald so weite Kreise, dass Motiv und Täter überall lauern könnten.

Die Ereignisse überschlagen sich und lassen Max nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Polizei tappt im Dunkeln und die Spurensuche, egal ob digital oder analog, gestaltet sich schwierig.
Der Thriller ist spannend, denn eine andauernde Bedrohung ist spürbar und sorgt für Gänsehaut. Der Täter scheint aus Max' engstem Umkreis zu stammen und ist im Hinblick auf sein Ziel unberechenbar.

Trotz des originellen Plots hat der Roman ein paar Schwächen. So sind die Dialoge oft hölzern und das Geplänkel von Max und seine Freunden, das Rumalbern und Flirten, zu plump und nicht zur angespannten Lage passend. Dazu kommt, dass die Handlung Anfang Januar spielt, wenn Weihnachtsf
erien sind und damit das falsche Timing für Unterrichtsszenen sind. Auch eine Taxifahrt im T-Shirt passt da nicht. 

Die Auflösung mit blutigem Showdown kommt nicht ganz überraschend, setzt aber am Ende - bis auf offensichtlich falsch Fährten, die ins Leere führen - alle Puzzleteile schlüssig zusammen. Zu einem Thriller passend, bleibt ein Happy End aus. 

Freitag, 3. April 2026

Buchrezension: Florian Scheibe - Die Verluste

Inhalt:

Braunschweig, Berlin, Bodensee – die Geschichte einer Familie zwischen Zusammenhalt und Lebenslügen, erzählt aus der Sicht ihrer fünf Mitglieder. Klaus Werner, ein wackliger Patriarch, liebäugelt mit der Idee, sich angesichts der Krisen der Welt einen privaten Luxus-Bunker bauen zu lassen; seine Frau Kaja plant lieber die perfekte Familienfeier zum 80. Geburtstag ihres Mannes; die drei Kinder führen ihre eigenen Kämpfe: ein blockierter Schriftsteller, ein wütender Augenarzt und eine verzweifelte Umweltaktivistin. Und über allem thront Großmutter Ruth, die zwei Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Schonungslos und mit entlarvendem Humor erzählt Florian Scheibe in seinem großen Familienroman von den Brüchen unserer Gegenwart.

Rezension: 

Klaus Werner, millionenschwerer Unternehmer im Ruhestand, lebt seit über zwanzig Jahren mit seiner jung gebliebenen Ehefrau Kaja in der Schweiz am Bodensee. Kurz vor seinem 80. Geburtstag befällt ihn eine diffuse Angst, weshalb er den Bau eines Bunkers auf seinem Grundstück beabsichtigt. Dies lässt die Erben aufhorchen, die eher selten den Weg von Deutschland in die Schweiz finden. 
Der älteste Sohn Stefan ist Augenarzt mit eigener Praxis in München und schafft es kaum mehr, seine Aggressionen im Zaum zu halten. Sein jüngerer Bruder Jonas schreibt seit sieben Jahren ideen- und inzwischen mittellos in Berlin an seinem zweiten Roman und Nesthäkchen Anna hat sich der Rettung der Meere verschrieben und den Kontakt mit ihrer Familie weitgehend abgebrochen. 
Jedes Familienmitglied versucht verzweifelt die Fassade aufrechtzuerhalten, während die jeweils anderen das ganze Ausmaß ihrer Probleme nur erahnen können. 

Der Roman wird aus der Perspektive jedes Familienmitglieds geschildert, so dass man jeweils Einblick in die eigene Sicht, Gedanken und Gefühle und die Reaktion der anderen darauf erhält. Während jeder von ihnen um sich selbst kreist und Probleme mit sich allein ausmacht, wird die Fassade immer brüchiger und immer schwieriger, das eigene Fehlverhalten zu verbergen. 

Die Geschichte, die abwechselnd in Berlin, München und Landschlacht am Bodensee handelt, wird lebendig, abwechslungsreich und unterhaltsam erzählt. Jeder Protagonist erhält eine eigene Erzählstimme und ist facettenreich dargestellt. Es sind originelle, feinfühlig gezeichnete Figuren, die zwar völlig unterschiedlich sind, sich in ihrem Problemverhalten aber ähneln, was neben der familiären Verbindung der rote Faden der Geschichte ist. 

Scharfsinnig und mit feiner Ironie wird das Verhalten der Walters seziert. Trotz der ernsthaften Probleme macht es unheimlich Spaß hinter die Fassade der Charaktere zu blicken und zu beobachten, wie sie sich ihren Problemen widmen, sie ignorieren, verdrängen, prokrastinieren oder ein wackliges, wenn auch kreatives, Lügengebilde aufbauen.  

"Die Verluste" ist das Porträt einer wohlhabenden Familie, die droht, an ihren ungelösten Konflikten und Unzulänglichkeiten zu zerbrechen. Die Geschichte handelt von Generationenkonflikten, Enttäuschungen, Zukunftsängsten, mentaler Gesundheit und dem Wunsch, den eigenen Erwartungen zu entsprechen, die Erwartungen anderer zu erfüllen und dennoch oder trotzdem kläglich zu scheitern. 

Mittwoch, 1. April 2026

Buchrezension: Christian Huber - Solange ein Streichholz brennt

Inhalt:

Bohm lebt seit fünf Jahren auf der Straße. Wie er aus seinem früheren Leben gerutscht ist, darüber schweigt er. Er besitzt so gut wie nichts. Einen alten Rucksack. Geschnitzte Holzmäuse. Einen Brief, den er nicht öffnen will. Mit seinem Hund Fox kämpft er sich durch die Tage und Nächte.
Die junge, einst aufstrebende Fernsehjournalistin Alina steckt fest. Im Job und in der Angst zu scheitern. Ihre letzte Chance auf eine TV-Karriere scheint eine Reportage über das Leben auf der Straße zu sein.
Alina findet Bohm.
Plötzlich ist da etwas zwischen ihnen. Etwas, das nicht sein kann. Und ein Geheimnis, das ans Licht drängt. 

Rezension: 

Bohm ist 36 Jahre alt und seit fünf Jahren obdachlos. Als er von einer Journalistin angesprochen wird, ob er sich für eine Fernsehreportage zur Verfügung stellen möchte, lehnt er zunächst ab, ändert seine Meinung jedoch, als sein Hund schwer verletzt wird.
Der Sender übernimmt die Kosten der Operation des Hundes und im Gegenzug muss Bohm sich nun sieben Tage von Alina begleiten lassen.
Alina, die aufgrund von Einsparungsmaßnahmen mit einer Kündigung gerechnet hat, hofft mit der Dokumentation "Wie entgleitet ein Leben?" auf einen Karrierekick.
Sie ist überrascht, wie warmherzig, schlagfertig und humorvoll der Einzelgänger Bohm sein kann, der von Außenstehenden nur abschätzig betrachtet wird. Doch wohin soll die Sympathie führen - zu einem Mann am Rande der Gesellschaft?

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren geschildert. Die Geschichte zeigt den Alltag eines Lebens auf der Straße und die Arbeit in der Medienbranche, auf andere Art und Weise brutal ist.

Die wechselnden Sichtweisen in unterschiedliche Leben sorgen für Dynamik. Die Geschichte ist lebendig und unterhaltsam und mit Empathie für die Figuren formuliert. Mit Bohm möchte man nicht tauschen, aber man bemitleidet ihn auch nicht. Er hat einen starken Charakter und lebt von einem Tag auf den nächsten. Vergangenheit und Zukunft sind nicht relevant. Was zählt sind ein trockener Schlafplatz und Lebensmittel, die noch nicht ganz verdorben sind. Alkohol ist sein bester Freund, bis Hund Fox in sein Leben tritt.
Alina möchte eine ehrliche Reportage zeigen, stößt jedoch an ihre Grenzen, als für die Einschaltquote mehr Sensation und Drama verlangt wird.

Die Annäherung zwischen Bohm und Alina erfolgt zwar schnell, aber dennoch behutsam. Die romantischen Gefühle wirken nicht erzwungen, denn trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswirklichkeit sind sich beide Personen nicht unähnlich.

"Solange ein Streichholz brennt" ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die unterhält und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Die Geschichte widmet sich einem Menschen einer sozialen Randgruppe, der mit Vorurteilen und Ungerechtigkeit zu kämpfen hat und übt Kritik an der Medienbranche, die schamlos ist.
Der Roman zeigt, wie ein einziger Moment alles verändern kann und wirkt mit dem Verzicht auf unnötiges Drama und Rührseligkeit ehrlich und zutiefst menschlich.