Montag, 30. März 2026

Buchrezension: Karina May - Keeping it casual

Inhalt:

Bei Maxine läuft es alles andere als rund: Erst erhält sie eine beunruhigende Diagnose, dann entdeckt sie, dass ihr Freund sie betrügt. Ihre beste Freundin Alice findet, Max braucht dringend Ablenkung - und meldet sie kurzerhand bei Tinder an. So lernt Max Johnny kennen: charmant, witzig und überraschend vertraut. Gemeinsam kochen sie sich per Chat durch das Familienkochbuch von Max’ Ex - ohne sich je zu begegnen, denn beide wollen nichts Ernstes. Doch aus dem harmlosen Spiel wird mehr, als Max vor einer entscheidenden Operation steht und alles, was sie bisher für wichtig hielt, hinterfragt. Aber hat sie den Mut, für das Leben - und die Liebe - einzustehen, die sie sich wirklich wünscht? 

Rezension: 

Maxine hat erfahren, dass sie einen Hirntumor hat und steht kurz vor der OP, als sie ihren Freund bei einer Affäre erwischt. Sie verkriecht sich daraufhin bei ihrer Freundin Alice, die sie bei Tinder anmeldet, wo sie auf Johnny trifft. Aus einem Chat entwickelt sich eine kulinarische Challenge, bei der beide getrennt voneinander Gerichte aus dem Kochbuch der französischstämmigen Familie ihres Exfreunds Scott kochen. Für Max sind die Kochabende mehr als nur eine Abwechslung und dennoch bricht sie den Chat vor der OP ab, ohne Johnny den wahren Grund zu nennen.
Erst eine heilsame Reise nach Frankreich ermutigt Max, erneut den Kontakt zu Johnny zu suchen. 


Der Roman startet mit einer originellen Idee und einem kulinarischen Tinder-Wettbewerb, aus dem sich ein unterhaltsamer Schlagabtausch zwischen Maxine und Johnny ergibt. Mit der Gehirnoperation enden die Chats und rücken Maxines Genesungsweg in den Vordergrund, der sie wieder in die Nähe ihre Ex-Freundes und seiner anstrengenden Familie bringt. 
Durch Rückblenden wird mehr über ihre Beziehung und das Beziehungsaus offenbart, so dass sich Scott immer mehr als "Red Flag" beweist. 

Umso gespannter ist man auf ein mögliches Wiedersehen mit Johnny, das sich durch einen Paris-Urlaub, der sich zu einem Selbstfindungstrip Maxines entwickelt, weiter hinauszögert. Die Leidenschaft für die französische Küche, das "Mutterschiff" IKEA als Wohlfühlort für inspirierende Ideen sowie das "Nest" bei Alice ebnen Max' Weg, was lebendig und unterhaltsam ist, aber Romantik und die tiefergehende Auseinandersetzung mit Problemen kommen im Vergleich dazu zu kurz oder treten ganz in den Hintergrund. Selbst die Diagnose Hirntumor wirkt damit wenig bedrohlich, auch oder gerade weil es am Ende noch eine unlogische Wendung gibt. 
Der Liebesgeschichte mit Johnny fehlt der nötige Raum zur Entwicklung und eine Reihe von Zeitsprüngen verhindert darüber hinaus, dass ihre Liebe fühlbar wird.  

"Keeping it casual" ist eine kulinarik-lastige Selbstfindungsreise mit einer Prise Liebe, die jedoch so lückenhaft erzählt ist, dass die Handlung nicht ganz authentisch wirkt, auch wenn die Geschichte sprachlich durchaus mit Wortwitz überzeugen kann. 

Samstag, 28. März 2026

Buchrezension: Anika Landsteiner - Träume aus Salz

Inhalt:

Eigentlich ist Flo glücklich. Zusammen mit ihrem Freund Matty verbringt sie eine Woche auf einer kleinen griechischen Insel. Das Wasser lockt azurblau, die Nächte schimmern im Mondlicht. Und trotzdem findet Flo keine Ruhe. Denn da ist etwas, das sie Matty nicht sagt. Nicht sagen kann. Als sie der mysteriösen Sofia begegnet und sich von ihr die Karten legen lässt, gerät Flo in einen Strudel aus Erinnerungen, die sie drängen, einen Weg zur Wahrheit zu finden. 

Rezension:

Flo und Matty haben sich über eine Dating-App kennengelernt, sind nach acht Monaten immer noch frisch verliebt und verbringen ihren ersten gemeinsamen Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel. Während sie die Tage in der Hitze der Natur genießen, hat Flo nachts unruhige Träume.
In einer Taverne begegnen sie Sofia, die auf der Insel für ihre hellseherischen Fähigkeiten berüchtigt ist und auf Flo eine Faszination ausübt. Sie lässt sich von ihr die Tarotkarten legen und erhofft sich, die quälenden Erinnerungen an die Vergangenheit und den Zusammenbruch ihrer Familie loszulassen. Gleichzeitig quält sie die Tatsache, dass sie etwas vor Matty verheimlicht, der ersten Person, zu der sie seit Langem wieder Vertrauen gefasst hat.

Mit der Geschichte wird man bildhaft auf eine typische griechische Insel mit türkisfarbenem Meer, Olivenbäumen, lauschigen Tavernen und lauen Sommernächten versetzt. Auch die junge und noch frische Liebe von Flo und Matty passt zur Urlaubsatmosphäre. Das Paar genießt seine Freiheit und Zweisamkeit. Zum ersten Mal verbringen die beiden so viel Zeit gemeinsam und haben die Möglichkeit, sich besser kennenzulernen. Doch Flo schließt Matty von einem Teil ihres Lebens aus und das Geheimnis, das sie vor ihm hat, stört die Harmonie.

Durch die Begegnung mit der Griechin Sofia rückt der Fokus weg von dem Paar. Gab es bisher nur Kapitel aus der Sicht von Flo, erhält auch Sofia ihre eigene Perspektive. Sie hat die Gabe ihrer Großmutter geerbt, hellsichtig zu sein und gilt damit als wichtigste Person der Insel. Sofia setzt die Fähigkeit unter Druck und hält sie auf der Insel gefangen.

Rückblenden in Flos Vergangenheit, die mit Tarotkarten überschrieben sind und damit mit der Gegenwart und Sofias Gabe verknüpft werden, zeugen vom Zusammenbruch einer Familie und einem schmerzhaften Verlust, womit Flo in ihren Träumen konfrontiert wird.

Der Roman entwickelt einen Sog durch das Ungesagte, das zwischen den Figuren steht und ihre innere Zerrissenheit, die zu fühlen ist. Die Liebe zwischen Flo und Matty ist spürbar, aber auch, dass sie sich noch in der Phase der Euphorie bewegen und der Zusammenhalt deshalb fragil ist. Spannung erzeugt, ob Flos Vergangenheit zwischen ihnen steht, ob Sofia mit ihrer magischen Gabe hilfreich sein kann oder ob sie eine eigene Agenda verfolgt und der Beziehung schaden könnte.

Der gemächliche Spannungsaufbau weckt Erwartungen, die die Geschichte am Ende nicht erfüllen kann. Eine Offenbarung bleibt aus und die Spannung verpufft ernüchternd.
"Träume aus Salz" ist eine emotionale Geschichte, die trotz Urlaubatmosphäre viel Düsternis und Traurigkeit enthält und zeigt, wie groß die Auswirkungen vergangener Traumata sind und dass es den richtigen Anstupser und Moment braucht, um sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen. 

Freitag, 27. März 2026

Buchrezension: Abby Jimenez - The Night We Met: Richtiger Ort. Richtiger Mann. Falsche Entscheidung? (Say You'll Remember Me, Band 2)

Inhalt:

Larissa hatte keine Ahnung, dass sie in dieser Nacht den Mann ihres Lebens kennenlernen würde. Sie und Chris sind perfekt füreinander, teilen den gleichen Humor und er ist für sie da, wenn sie ihn am meisten braucht.
Das Problem: Larissa ist nicht mit Chris, sondern mit dessen bestem Freund Mike zusammen.
Denn Larissa selbst hatte die Wahl, welcher der beiden Männer sie an dem Abend nach Hause fahren würde. Sie entschied sich gegen Chris und für Mike und wenige Wochen später sind Larissa und Mike ein Paar. Aber irgendetwas scheint mit Mike nicht zu stimmen – er lässt Larissa immer wieder im Stich und stattdessen ist es Chris, auf den sie sich stets verlassen kann. Je mehr Zeit Larissa und Chris miteinander verbringen, umso klarer wird, dass sie damals den Falschen gewählt hat.
Zwischen ihnen entwickeln sich tiefe Gefühle, jedoch könnten sie Mike niemals derart hintergehen.
Larissa muss sich erneut entscheiden: Bricht sie Mikes Herz oder ihr eigenes? 

Rezension: 

Nach einem Konzert steht Larissa vor der Entscheidung, mit wem sie nach Hause fährt und entscheidet sich für den charismatischen Mike statt den zurückhaltenderen Chris. Larissa und Mike werden ein Paar, aber mit Chris teilt Larissa nicht nur einen Hund, sondern auch mehr Gemeinsamkeiten. Dazu kommt, dass Mike Larissa öfter versetzt und auch in kritischen Situationen im Stich lässt, weshalb Chris immer wieder für seinen besten Freund in die Bresche springen muss.
Chris macht dies gerne, denn er mag Larissa - mehr als er eigentlich sollte und Larissa kommen Zweifel, dass sie sich an einem Abend für den falschen Mann entschieden hat. Doch Mike zu verletzen, kommt für beide nicht in Frage...

Der Roman ist als Band 2 von "Say you'll remember me" deklariert, was für ein Wiedersehen mit bekannten Charakteren sorgt. Zum Verständnis der verzwickten Dreiecksgeschichte sind aber keine Vorkenntnisse nötig.

Typischerweise im Wechsel aus der Perspektive beider Hauptfiguren geschrieben, erhält man Einblicke in die Leben von Larissa und Chris und insbesondere in ihr Gefühlschaos.
Schon früh ist klar, dass Larissa sich den falschen Freund ausgesucht hat und der logische Schritt die Trennung wäre. Tatsächlich ist die Situation aufgrund der Hintergründe und Erfahrungen der Figuren schwieriger, als gedacht.  

Mike ist verliebt in Larissa, aber verbirgt hinter einer starken Fassade Probleme, so dass er ihr nicht der Partner sein kann, den sie benötigt.
Chris ist auch nicht ohne Sorgen, hat jedoch sein Leben im Griff. Er entwickelt immer mehr Gefühle für Larissa, gleicht Mikes Fehler aus und steht seinem besten Freund trotz allem zur Seite.
Larissa brennt nicht für Mike, sieht in ihm aber zunächst einen soliden Freund. Mehr Gemeinsamkeiten hat sie allerdings mit Chris und als sie Mike richtig kennenlernt, bereut sie ihre Entscheidung.

Durch die empathische Schreibweise und den nachvollziehbaren Loyalitätskonflikt kann man sich sehr gut in die Charaktere und ihre Vermeidungstaktik hineinversetzen. Gleichzeitig möchte man sie einfach nur schütteln und sie vor ihrer Loyalität bis zur Selbstaufgabe schützen. 
Die Emotionen, die die Autorin dadurch weckt sowie die Darstellung der innigen Freundschaften, sind die Stärken des Romans, der zumal etwas auf der Stelle tritt. Auch gelingt es ihr durch humorvolle Szenen und lebendige Dialoge der durch die problembehafteten Figuren ernsten Geschichte Leichtigkeit zu verleihen. Dennoch bestimmen die Schwierigkeiten von Mike, Chris und Larissa wie Trauer, Armut, Depression und Alkoholprobleme die Handlung und geben ihr durch die feinfühlige Auseinandersetzung Tiefe.
Die Frage, ob und wie das Dilemma, in dem sich Chris und Larissa befinden, gelöst werden wird, bleibt spannend bis zum Schluss. 
Insbesondere da auch die liebevoll gemeinten, aber dennoch übergriffigen, überfürsorglichen Aktionen Chris' Zweifel wecken, ob überhaupt einer der beiden für eine Beziehung mit Larissa geeignet ist.

Normalerweise schafft es die Autorin auch ihre tierischen Nebenfiguren liebevoll in die Geschichte zu integrieren. Hier ist Yorkshire Terrier Wufferine allerdings kein Sympathieträger. Geradezu irritierend sind die wiederholten Szenen, in denen andere Tiere massakriert werden oder sich der Hund anderweitig abstoßend benimmt. 

Mittwoch, 25. März 2026

Buchrezension: M. L. Stedman - Ein weites Leben

Inhalt:

Ein Lastwagen, drei Männer, ein Moment der Unachtsamkeit – von einer Sekunde auf die andere ist das Leben der MacBrides ein anderes. Einzig Sohn Matthew übersteht das Unglück mit schweren Beeinträchtigungen. Und doch findet er zielstrebig zurück nach Meredith Downs, zurück zu Mutter und Schwester, als das Schicksal ein zweites Mal zuschlägt. Und plötzlich steht nicht nur sein Leben auf dem Spiel, sondern seine Seele – und zwar auf eine Weise, die kaum jemand vorhersehen, geschweige denn hätte überleben können. 

Rezension: 

Die MacBrides betreiben seit Generationen eine Schaffarm im Westen Australiens. Sie trotzen dem Klima und der Abgeschiedenheit in der Weite des Landes. Der älteste Sohn Warren soll die Farm perspektivisch übernehmen, doch dazu kommt es nicht. Im Januar 1958 ereignet sich ein Unfall, bei dem Vater Phil und Warren sterben, während der jüngere Sohn Matthew schwer verletzt überlebt. Die Auswirkungen sind nicht nur aufgrund der beiden Todesfälle belastend für die Familie. Tochter Rose quält sich mit schweren Schuldgefühlen und trifft eine folgenschwere Entscheidung, die ihr zum Verhängnis wird und auch die nachfolgende Generation beschäftigen wird.

"Ein weites Leben" ist eine Familiengeschichte, die im Wesentlichen in den Jahren 1958 und 1969 handelt, sich insgesamt jedoch über 40 Jahre erstreckt.

Ausdrucksstark vermittelt die Autorin einen eindringlichen Einblick in die Lebensverhältnisse auf einer Schaffarm im Westen Australiens zur damaligen Zeit. Die weiten Entfernungen sind beeindruckend und machen das Leben und Überleben nicht einfach. Dazu kommt, dass die Familie MacBride mit mehreren Tragödien konfrontiert wird, die die Hauptfiguren und ihre Entscheidungen nachdrücklich prägen.

Der Roman handelt von Schuldgefühlen und Geheimnissen, die zerstörerisch sind. Das Leid ist bewegend, aber die Charaktere bleiben distanziert, so dass es mitunter nicht einfach ist, ihr Handeln nachzuvollziehen. Auch die willkürlichen Zeitsprünge und Perspektivwechsel stören den Lesefluss. Spannung erzeugen unvermittelt die Nebenfiguren, die auf Ungereimtheiten stoßen, deren Schicksale aber nur zeitweise eine Rolle spielen und letztlich wieder in Vergessenheit geraten. 
Nach einem spannenden und dramatischen Einstieg dreht sich die Geschichte in den folgenden Jahren im Kreis und ist von einer elendigen Selbstgeißelung geprägt, die ein Verzeihen und zukünftiges Glück ausschließen.  

Es geht um das Erinnern und das Vergessen und wie viel man bereit ist zu tun, um seine Geheimnisse und seine Lieben zu schützen. Insgesamt ist es jedoch sehr deprimierend zu verkraften, wie sich die Charaktere selbst im Weg stehen und dass nicht alle Handlungsstränge zu einem befriedigenden Ende geführt werden. Die Botschaft des Romans hat sich mir damit nicht erschlossen. 


Montag, 23. März 2026

Buchrezension: Christina Henry - Das gierige Haus

Inhalt:

In einer Straße in Chicago steht ein Haus – ein verlassenes Haus, in dem in den Siebzigerjahren grausame Dinge geschahen. Sieben Menschen starben. Das Verbot, sich dem Gebäude zu nähern, macht es für die Kinder der Nachbarschaft noch interessanter. Als die 13-jährige Jessie ihren kleinen Bruder Paul zur Mutprobe herausfordert, betritt er das Haus und kehrt nie wieder zurück. Jahre später: Die erwachsene Jessie wohnt immer noch in derselben Straße, als eine Dunkelheit sich rund um das Haus ausbreitet. Eine Dunkelheit, die lebendig zu sein scheint – und gierig. 

Rezension:

In Chicago steht ein Haus, das seit einem erweiterten Suizid in den 1970er-Jahren unbewohnt ist. Um das Haus ranken sich zahlreiche Mythen, was vor allem auf Kinder und Jugendliche eine Faszination ausübt. So gelangt auch der achtjährige Paul mit seinen beiden Freunden im Rahmen einer Mutprobe in das Haus - und nie wieder zurück. Seine ältere Schwester Jessie, die ihn dazu angestiftet hat, muss mit der Schuld leben.
Sie wird früh selbst Mutter und beschäftigt sich 13 Jahre nach Pauls Verschwinden erneut mit dem Haus, das unverwüstlich immer noch steht und seinen Hunger noch lange nicht gestillt hat.

"Das gierige Haus" greift eine altbekannte Plotidee um ein Horrorhaus auf, das über Jahrzehnte hinweg Menschen anlockt und darin begräbt. Dieses Haus scheint sich von Menschen, insbesondere von Kindern, geradezu zu ernähren.

Nachdem 1973 eine ganze Familie darin ums Leben gekommen ist, wurde auch Jessies Familie durch den Verlust ihres Bruders zerstört. Doch Paul ist nicht das letzte Kind, das dort sein Leben lässt.

Wie das Haus trotz der bekannten Gefahr immer wieder Menschen anzieht, so entwickelt auch die Handlung eine Sogwirkung. Aus der Sicht von Jessie geschildert, ist ihre Wut und Trauer spürbar. Gleichzeitig ist die Befürchtung präsent, dass sich in dem Haus weiterhin schlimme - blutige - Dinge ereignen werden, insbesondere als Jessie selbst Mutter eines Sohnes ist, der sie täglich an Paul erinnert.

Das Haus wird vermenschlicht, es pulsiert und atmet, wird zu einem Monster stilisiert und sorgt für Grusel und Unbehagen. Dennoch handelt es sich nicht um einen reinen Splatter-Horrorroman. Jessies Entwicklung von einem aufmüpfigen Teenager zu einer verantwortungsvollen jungen Frau und kämpferischen Mutter steht genauso im Vordergrund wie die nachbarschaftlichen Beziehungen in dem Wohnviertel und der enge, fürsorgliche Zusammenhalt aufgrund der gemeinsam erlebten tragischen Ereignisse.

Obschon bei Spukhausgeschichten nicht unbedingt rationale Erklärungen zu erwarten sind, wird sich hier zumindest darum bemüht. Das Ende des Buches, das sich zwischen Horrorroman, Drama und Mysterythriller bewegt, ist allerdings kurz gefasst und im Vergleich zur jahrzehntelangen, unberechenbaren Brutalität des Hauses zu einfach gestrickt. 

Freitag, 20. März 2026

Buchrezension: Gun-Britt Sundström - Die beste aller Beziehungen

Inhalt:

Im Stockholm der siebziger Jahre lernen sich Martina und Gustav an der Universität kennen und werden schnell ein Paar. Doch wie so oft in Beziehungen wollen beide nicht immer dasselbe: Gustav sucht Halt und Beständigkeit, während sich Martina gegen gesellschaftliche Konventionen und Erwartungen sträubt. Trotzdem hält ihre Beziehung Gespräche und Konflikte, Trennungen und Neubeginne aus. Nähe und Intimität, Sex und Treue, Sprechen und Schweigen – in all diesen Spannungsfeldern müssen sie immer wieder neue Kompromisse finden. Doch wie kann man geliebt werden, ohne sich selbst aufzugeben? 

Rezension: 

Martina und Gustav lernen sich an der Universität Stockholm kennen, haben gleiche Interessen und philosophieren gemeinsam über Bücher und Filme. Sie verlieben sich in einander, haben jedoch unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung. Während sich Gustav fest binden möchte, an Zusammenziehen und Heiraten denkt, schreckt Martina diese Vorstellung ab. 
Martina und Gustav können nicht mit, aber auch nicht ohne einander, weshalb sich eine jahrelange On-Off-Beziehung entwickelt, während der sie auch Beziehungen mit anderen Partnern eingehen, diese jedoch immer am jeweils anderen messen. 

"Die beste aller Beziehungen" ist ein schwedischer Bestseller aus dem Jahr 1976, der nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. 
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Martina geschildert, die sehr reflektiert ist und sich bewusst ist, dass ihre Einstellung zu Liebe, Partnerschaft und Ehe einer festen Bindung wenig zuträglich ist. Gustav verlieren möchte sie jedoch auch nicht, weshalb sie es hinnimmt, wenn er andere Frauen trifft - und sich das gleiche Recht nimmt. 

Martina ist auch in Bezug auf ihr Studium und ihren Beruf rastlos, ist unstet und ständig auf der Suche nach Veränderung. Ihr Charakter, der immer wieder an sich zweifelt und Dinge in Frage stellt, wirkt glaubwürdig, aber auch Gustav als männlicher Gegenpart, der sich nach körperlicher Nähe sehnt, ist nachvollziehbar dargestellt. 

Martina und Gustav probieren im Verlauf der Jahre Freundschaft und Polygamie, aber optimal ist keine der Lösungen. Fraglich ist, ob beide zusammen als Paar wirklich glücklich werden können. 
Die Geschichte wird mit einer klugen Beobachtungsgabe undramatisch erzählt, was gut zu den Figuren passt. Mit dem jahrelangen Harren auf ihren Standpunkten ist die Erzählung aber auch etwas behäbig und mit wenig neuen Impulsen versetzt, so dass sie insgesamt straffer erzählt werden können, ohne die Länge auf über 600 Seiten auszudehnen. 

Das Buch thematisiert gekonnt die Gegensätze Liebe und Freiheit, Zusammensein und Unabhängigkeit und hat damit nichts an seiner Aktualität eingebüßt. Es ist eine zeitlose Geschichte über die Schwierigkeit, Kompromisse einzugehen und die Angst, sich selbst in einer Beziehung zu verlieren. 

Mittwoch, 18. März 2026

Buchrezension: Anna Schneider - Grenzfall: Ihr Grab in den Fluten (Jahn und Krammer ermitteln, Band 6)

Inhalt:

Bei Oberkommissarin Alexa Jahn steht das Telefon nicht mehr still. In der Grenzregion Karwendel sind in Folge heftiger Unwetter die Flüsse über die Ufer getreten, und die Wassermassen reißen alles mit sich. Zahlreiche Personen gelten bereits als vermisst, und es werden von Minute zu Minute mehr.
Auch auf österreichischer Seite wütet der Sturm, doch Chefinspektor Bernhard Krammer, der nach einer Verletzung im Dienst noch nicht wieder voll im Einsatz ist, versucht einen kühlen Kopf zu bewahren.
Als kurz darauf ein Toter in einer Schlucht gefunden wird, stellen die Einsatzkräfte fest, dass der Mann nicht ertrunken ist. Er wurde ermordet. Wer hat das Chaos ausgenutzt, um ihn zu töten?
Alexa Jahn nimmt trotz der kritischen Lage sofort die Ermittlungen auf. Und gerät dabei mitten in eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes, die vor vielen Jahren ihren Anfang nahm. 


Rezension: 

In der Karwendelregion ist der Katastrophenfall eingetreten. Nach anhaltendem Regen sind Flüsse über die Ufer getreten und haben zu Überflutungen geführt. Zahlreiche Menschen konnten evakuiert werden, aber über Hunderte sind aufgrund der unübersichtlichen Lage vermisst gemeldet. 
Auf deutscher Seite haben Oberkommissarin Alexa Jahn und ihr Kollege Florian Huber die Einsatzleitung übernommen und versuchen den Überblick zu behalten, wobei sie aufgrund ihres unermüdlichen Einsatzes an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gelangen. Als ein Toter in einer Schlucht gefunden wird, stellt sich heraus, dass dieser nicht ertrunken, sondern ermordet wurde. 
Währenddessen beschäftigt Chefinspektor Krammer des LKA Innsbruck auf österreichischer Seite eine Jugendclique, die zu einer Wanderung aufgebrochen ist und ihre Ankunft bei einer Berghütte nicht bestätigt hat. Seine Ermittlungen führen Krammer auf die Spur zu einem Pärchen aus Deutschland, das bei Florian Huber einen Notruf abgesetzt hatte. 

"Ihr Grab in den Fluten" ist nach "Ihre Spur in den Flammen" der sechste Band der "Grenzfall"-Reihe um Alexa Jahn und Bernhard Krammer, die nicht nur kollegial, sondern auch privat miteinander verbunden sind. 

Die in dem Roman beschriebene Flutkatastrophe, die Erinnerungen wachruft an das Hochwasser in Süddeutschland Ende Mai/ Anfang 2024, bildet den Rahmen für Gewalt und Kriminalität und die daran anschließenden spannenden Ermittlungen. 
Zunächst stehen die Maßnahmen von Polizei und Rettungskräften im Zusammenhang mit den Unwettern im Vordergrund, weshalb der Beginn keiner klassischen Krimihandlung gleicht. So dauert es auch, bis der erste Tote aufgefunden wird. 

Neben den Perspektiven von Alexa und Krammer, die, bis sich ihre Wege kreuzen, vorerst unabhängig von einander auf deutscher und österreichischer Seite ihrer Arbeit nachgehen, gibt es Szenen aus der Berghütte, wo sich die Jugendclique aufhält, wobei die Stimmung dort extrem angespannt ist sowie beklemmende Einblicke in die Situation einer Mutter, die sich in Gefangenschaft befindet. 

Die Atmosphäre ist nicht nur aufgrund des Katastrophenszenarios durchgehend bedrohlich. Auch droht eine Eskalation durch zwischenmenschliche Konflikte, einen mysteriösen Stalker und einen kaum vorstellbaren familiären Albtraum, der titelgebend ist.  

Die Geschichte ist temporeich und durch die immer engere Verknüpfung der einzelnen, zunächst losen, Handlungsstränge nimmt die Spannung stetig zu.
Neben der fesselnden und realitätsnah geschilderten Krimihandlung und Fallaufklärung, kann man die Weiterentwicklung der empathischen und engagierten Hauptfiguren verfolgen, weshalb es sinnvoll ist, die Reihe chronologisch zu lesen.  

Montag, 16. März 2026

Buchrezension: Natalie Chandler - Voices. Ich kann euch hören

Inhalt:

Tamsin Shaw liegt seit einem mysteriösen Autounfall im Koma. Was niemand weiß: Während sie nicht einmal einen Finger bewegen, geschweige denn die Augen öffnen kann, ist sie bei vollem Bewusstsein. Auch erinnern kann sich Tamsin nicht. Nicht an den Unfall, der sie ans Bett fesselte, und auch nicht an die Tage zuvor. Als Psychiaterin weiß sie, dass diese Art von Dornröschenschlaf sie vor einer besonders traumatischen Erinnerung schützen soll. 

Rezension: 

Die Kriminalpsychologin Tamsin Shaw liegt nach einem ungeklärten Autounfall seit drei Jahren im Wachkoma. Bis auf eine ihrer Krankenschwestern ahnt niemand, dass Tamsin sich zwar nicht bewegen kann, aber tatsächlich jedes Wort versteht, das an ihrem Bett gesprochen wird. 
Während sie scheinbar schläft, offenbaren ihre Besucher, ihr Ehemann, ihre beste Freundin, ihr Ex-Freund und ihr letzter Patient, ihre Geheimnisse. 
Für Tamsin beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, als sie erfährt, dass ihr Ehemann beabsichtigt, die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen zu lassen, damit Tamsin, aber auch er selbst und die gemeinsame Tochter, Frieden finden können. 
 
Der Roman wird aus den Perspektiven von Tamsin und ihrem Ehemann Jamie erzählt. Während Tamsin versucht, ihre Erinnerungen hervorzurufen, um herauszufinden, was sie blockiert, lebt Jamie sein Leben weiter, wobei er heimlich in einer neuen Beziehung ist. 
Rückblenden in ein "vorher" schildern Beziehungskrisen, finanzielle Schwierigkeiten und die Therapiesitzungen mit Richard Mandeville, einem verurteilen Sexualstraftäter. 

Die Hauptfigur ist gefangen im eigenen Körper, was für eine klaustrophobische Stimmung sorgt. Je näher Tamsins angestrebter Todeszeitpunkt rückt, desto mehr Dynamik entsteht unter den Besuchern, die unterschiedliche Interessen verfolgen. Streitgespräche und Geständnisse rufen Reaktionen bei Tamsin hervor, die diese nicht bewusst steuern kann. 

"Voices" ist ein unblutiger Thriller mit einer begrenzten Anzahl an Personen, die ihre Geheimnisse haben und sich zwischen Manipulation und Schuldgefühlen bewegen. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit offenbart nur allmählich die Zusammenhänge und sorgt damit für anhaltende Spannung, auch wenn am Ende ein großer Knalleffekt ausbleibt und sich das Konstrukt in Wohlgefallen auflöst. 

Freitag, 13. März 2026

Buchrezension: Hannah Häffner - Die Riesinnen

Inhalt:

"Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier."
Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.

Rezension:

Liese ist eine Riesin in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. In den 1960er-Jahren heiratet die Außenseiterin den Metzgerssohn Bernhard Riessberger und bekommt mit ihm die gemeinsame Tochter Cora. Die Ehe ist von Unterdrückung und Gewalt geprägt und so ist Liese vom überraschend frühen Tod ihres Mannes nicht weiter berührt. Um für ihre Tochter zu sorgen, übernimmt sie die Metzgerei der Schwiegereltern und beweist ungeahnte Durchsetzungskraft.
Cora wird noch schlimmer als ihre Mutter ausgegrenzt, träumt von Freiheit und kehrt dem Dorf unmittelbar nach dem Schulabschluss den Rücken. Nach wenigen Stationen innerhalb Europas kehrt Cora notgedrungen ins Haus ihrer Mutter zurück. Nach anfänglichem Hadern baut sie sich selbst ein Standbein im Dorf auf und ist regelrecht entsetzt, als ihre Tochter ihr Jahre später eröffnet, in ihre Fußstapfen treten zu wollen statt von der großen weiten Welt zu träumen.

"Die Riesinnen" ist das Porträt dreier Generationen von Frauen, die in Wittenmoos, einem fiktiven Ort im Schwarzwald, verwurzelt sind. Während Liese und Cora mit Ausgrenzung zu kämpfen haben, ist Eva schon als kleines Kind im Ort beliebt.

Die Geschichte handelt über mehrere Jahrzehnte hinweg und wechselt dabei chronologisch die Perspektive. Die Frauen sind sich mit ihrer blassen Haut, den roten Haaren und der hageren, langen Statur nicht nur äußerlich ähnlich, sondern haben auch alle drei eine kämpferische, zupackende Art, die sie nach Niederlagen wieder aufstehen lässt.

Die Erzählweise ist nüchtern und distanziert. Auch wenn geweint wird, wird mit Emotionen gespart, was eine tiefere Einsicht in die Charaktere verhindert. Freud und Leid ziehen wie die Lebensjahre unbemerkt hinweg. Die Hauptfiguren werden älter, ohne dass es an wesentlichen Ereignissen festzumachen wäre. Ohne die Erwähnung der Proteste gegen das Kernkraftwerk Wyhl oder des Mauerfalls wäre überhaupt keine zeitliche Einordnung der Handlung möglich.
Die Geschichte wird gleichförmig und ohne Variation der drei Erzählstimmen geschildert. Weder sind der jeweilige Zeitgeist, noch die Besonderheiten der Schwarzwaldregion zu spüren.
Mit dem weitgehenden Verzicht auf Dialoge ist die Geschichte zudem wenig lebendig. Die Nebencharaktere, die die Wege der Hauptfiguren kreuzen, bleiben blutleer.

"Die Riesinnen" - drei Frauen, die fast unbeeindruckt von den äußeren Umständen mühelos Schwierigkeiten umschiffen, ihren Weg gehen und der Enge des Dorfes trotzen. Ohne wesentliche Hoch- und Tiefpunkte ist der Roman unaufgeregt und langatmig. Er bleibt inhaltlich in Bezug auf die Themen Heimat, Mutter-Tochter-Beziehungen und Wildheit hinter den Erwartungen zurück und enttäuscht mit einem unoriginellen Schlusspunkt. Auch sprachlich überzeugte mich die Geschichte nicht.

Mittwoch, 11. März 2026

Buchrezension: Andreas Winkelmann - Moorland. Die Zwillinge (Moorland, Band 1)

Inhalt:

Die 18-jährigen Zwillinge Nike und Jana wollten nur einen Ausflug ins Moor machen. Sie kehrten nie zurück. Keine Spuren. Keine Leichen. Nur eine verlassene Kamera im Sumpf. Doch dann taucht auf Janas TikTok-Kanal ein neues Video auf. Lebt sie noch? Oder spielt der Täter ein krankes Spiel?
Kommissarin Malia Gold muss nicht nur gegen die Zeit ermitteln, sondern gegen eine verschworene Dorfgemeinschaft, in der das Schweigen Tradition hat. Und das Moor gibt seine Geheimnisse nur ungern preis. 

Rezension: 

Die beiden 18-jährigen Zwillinge Nike und Jana möchten Aufnahmen für ihren TikTok-Account machen und begeben sich dafür vor Anbruch der Dunkelheit im Nebel ins Moor in der Nähe ihres Wohnorts. Als sie abends nicht zurück sind, meldet der Vater seine Töchter vermisst und freiwillige Helfer suchen vergebens nach den beiden Mädchen.
Kommissarin Malia Gold hat damit ihren ersten Fall in ihrem Heimatort, in den sie nach 15 Jahren Abwesenheit zurückgekehrt ist. Sie beginnt mit den Ermittlungen, wobei sich bereits am nächsten Tag durch Aufnahmen der Kamera der Zwillinge und ein gepostetes Video auf ihrem "Moormaid"-Kanal herausstellt, dass sich ein Verbrechen ereignet haben muss.

"Moorland - Die Zwillinge" ist der erste Band einer neuen Thriller-Reihe des Bestseller-Autors Andreas Winkelmann. Das Setting rund um das "Namenlose Moor" und die Samtgemeinde Riedberg, in der so manches im Verborgenen liegt, ist geheimnisvoll und düster.

Der Roman handelt an nur wenigen Tagen und ist aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Im Zentrum steht Malia, die die Leitung der Ermittlungen übernimmt und privat ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter Ruth hat, die als "Fährtenleserin" im Ort bekannt ist und sich wie keine andere im Moor auskennt.

"Moorland" ist eine gelungene Mischung aus Kriminalroman und Thriller. Die Ermittlungen zwischen digitalen Spuren und den Spuren im Moor sind authentisch und zugleich lauert etwas Böses im Moor, das für ein anhaltendes Gefühl der Gefahr sorgt. Die bildhaften Beschreibungen der einsamen Gegend und verfallener Gebäude unterstreicht die düstere, bedrohliche Atmosphäre. Dazu kommen Charaktere, die so undurchsichtig sind, wie der Nebel über dem Moor, und zu wechselnden Verdächtigen führen.

Die Geschichte ist temporeich und fesselnd. Malia und ihre Kollegen kämpfen gegen die Zeit und einen brutalen Täter, der durch grausame Videos Botschaften auf TikTok hinterlässt.
Neben den Ermittlungen beschäftigt Malia zudem die Beziehung zu ihrer Familie und der ungelöste Konflikt mit ihrer resoluten Mutter.

"Moorland" ist ein Pageturner mit dunklen Geheimnissen, einem spannenden Kriminalfall und lebensechten Figuren, der mit dem Privatleben Malias neugierig auf eine Fortsetzung mit weiteren Bänden der Reihe macht.

Montag, 9. März 2026

Buchrezension: Josie Lloyd & Emlyn Rees - You and Me: Die zweite erste Liebe

Inhalt:

Adam und Jules sind seit fast 25 Jahren verheiratet. Der Lack ist ab, die Kinder sind aus dem Haus, und das Prickeln ist dem Alltag gewichen. Doch dann findet Adam im Gartenschuppen etwas Unglaubliches: Eine Kiste alter Mixtapes, die sie sich früher aufgenommen haben.
Als er eine Kassette einlegt, passiert das Unmögliche: Die Musik katapultiert ihn zurück in die Vergangenheit. Plötzlich haben Adam und Jules die Chance, die entscheidenden Momente ihrer Beziehung noch einmal zu erleben. Können sie den Funken wieder entzünden? Und was passiert, wenn man in der Vergangenheit an kleinen Stellschrauben dreht? 

Rezension:

Jules und Adam haben sich 1989 kennen und lieben gelernt und sind inzwischen seit fast 25 Jahren verheiratet. Die beiden gemeinsamen, erwachsenen Kinder leben noch bei ihnen. Die Routinen haben sich eingefahren, aber kleinere und größere Streitereien stehen im Familienalltag an der Tagesordnung. Jules und Adam sind nicht unglücklich, aber auch nicht wirklich zufrieden mit dem Leben, das sie gemeinsam führen. 
Im Gartenschuppen, in den sich Adam regelmäßig zurückzieht, öffnet Adam eine Kiste mit Mixtapes, die er und Jules früher für einander aufgenommen haben und die Jules eigentlich entsorgen möchte. Als Adam eine der Kassetten einlegt, um in liebevollen Erinnerungen zu schwelgen, findet er sich in seinem alten Kinderzimmer wieder. 
Jules und Adam erhalten die Chance, in der Zeit zurückzureisen und entscheidende Momente ihrer Vergangenheit erneut zu erleben. Sehnsüchtig nach der jungen Liebe haben sie die Möglichkeit, ihre Zukunft zu beeinflussen, doch die Folgen sind unkontrollierbar. 

"You and Me - Die zweite erste Liebe" ist der Roman eines Autorenduos, das selbst verheiratet ist und diese Erfahrungen sind auf jeder Seite zu spüren. Trotz des Science-Fiction-Aspekts der Zeitreisen wirkt die Geschichte damit authentisch und die Protagonisten lebensecht und mit ihren Gefühlen nachvollziehbar. 

Durch die Mixtapes, die einen Sprung in der Zeit ermöglichen, erleben Jules und Adam nicht nur erneut ihre erste Anfangsverliebtheit, sondern die Geschichte geht noch viel weiter. Wie sie es aus Zeitreisefilmen à la "Zurück in die Zukunft" kennen, haben beide Respekt davor, die Vergangenheit so zu verändern, dass es Auswirkungen auf die Zukunft hat, die sie gar nicht abschätzen können. Die Neugier und der Wunsch nach Selbstoptimierung und Verbesserung ihres Ehealltags ist jedoch größer, was beide in Versuchung führt. 

Durch die beiden Perspektiven aus weiblicher und männlicher Sicht sowie die steten Sprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit, beginnend im Jahr 1989, ist die Geschichte abwechslungsreich und unterhaltsam. Mit dem Wissen aus der Zukunft manipulieren Jules und Adam ihre gemeinsame Geschichte in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Gegenwart. 
Was wäre wenn, sie in einem Punkt anders abgebogen wären - in materieller oder emotionaler Hinsicht? Und ist dieses vermeintlich bessere Leben wirklich besser oder ergeben sich daraus nur wieder neue Probleme? 

Es ist eine erwachsene Liebesgeschichte, die aufzeigt, wie schwierig es ist, sich als Paar im Alltag nicht zu verlieren. Gleichzeitig zeigt der Wunsch nach Verbesserung, dass die Liebe nicht verloren ist, sondern Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und Kommunikation braucht. 
Auch wenn die Botschaft des Romans, dankbar zu sein, für das, was man hat, sehr schnell deutlich wird, entwickelt sich die Liebesgeschichte durch die Manipulationen und die ausufernde Einflussnahme auf eine perfekte Zukunft mit einem bangen Gefühl spannender als gedacht. 

Die Spotify-Playlist, auf die zu Beginn des Romans hingewiesen wird, ist ein stimmiges Gimmick, um sich selbst auf eine musikalische Zeitreise zu begeben. 

Samstag, 7. März 2026

Buchrezension: Thomas Knüwer - Giftiger Grund

Inhalt:

Mitten in der Nacht treffen an einer verlassenen Tankstelle drei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch durch das Schicksal verbunden werden:
Joran: Frisch aus dem Jugendknast, kehrt an den Ort seines Verbrechens zurück, um seine alte Beute zu holen.
Charu: Eine Fotografin, die an diesem "Lost Place" nach dem perfekten morbiden Motiv sucht.
Edda: Ein kleines Mädchen im Schlafanzug, das eigentlich im Bett liegen sollte.
Doch statt der Beute findet Joran im Kanalschacht die Leiche seines ehemaligen Komplizen.
Die verfallene Tankstelle wird zur Bühne für einen hochspannenden, psychologischen Thriller über Schuld, Sühne und die Frage: Wohin flieht man, wenn man kein Zuhause mehr hat? 

Rezension:

Joran ist nach knapp sieben Jahren Haft wegen eines bewaffneten Raubüberfalls wieder auf freiem Fuß kehrt an den Tatort zurück, um nach dem dort versteckten Diebesgut zu suchen. Doch mitten in der Nacht findet er die Leiche seines ehemaligen besten Freundes und ist zudem nicht allein an der stillgelegten Tankstelle. Charu dreht an dem lost place Aufnahmen für ihren Social Media-Kanal und wird selbst von einem jungen Mädchen im Schlafanzug überrascht, das dort Zuflucht sucht.
Während Charu herauszufinden versucht, was es mit dem Mädchen auf sich hat, bekommt Joran zu spüren, wie schwer es ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich als ehemaliger Häftling zu resozialisieren.

"Giftiger Grund" ist kein Kriminalroman im klassischen Sinn, denn trotz des Funds einer Leiche zu Beginn des Romans handelt er nicht von den Ermittlungen zur Aufklärung der Tat. Im Vordergrund stehen stattdessen die Schicksale von drei ganz unterschiedlichen Personen, die auf ihre Art verloren erscheinen und an einem "lost place" zufällig auf einander treffen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den drei Perspektiven der Hauptfiguren geschildert, wobei ihre schwierigen, gar ausweglosen Situationen, die sie verzweifeln lassen und wütend machen, realitätsnah wirken. Geprägt von ihren Erfahrungen begegnen sie einander misstrauisch, bis sie zu einer Schicksalsgemeinschaft werden.

Die Handlung ist aufreibend und entwickelt durch den Druck, der auf den Figuren lastet, einen Lesesog. Alle drei sehen sich ihrem jeweiligen Peiniger ausgesetzt und werden erpresst. Die Gewalt eskaliert und es entwickelt sich ein Kampf ums Überleben, der in einer Täter-Opfer-Umkehr mündet.
Die Stimmung ist durchgehend düster und die derbe Sprache ist passend zur Situation und dem Milieu, in dem sich die Charaktere befinden.
Es geht um Schuld und Sühne, Vorurteile und zweite Chancen. Die Geschichte ist kurzweilig und dynamisch, berührt durch menschliche Abgründe und Ungerechtigkeit, entfaltet aber mit dem Fokus auf den dramatischen Schicksalen nicht die Spannung, die man von einem Kriminalroman erwartet. 

Freitag, 6. März 2026

Buchrezension: Rachel Khong - Real Americans

Inhalt:

New York City, Silvester 1999. Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin in einem hippen Medienunternehmen. Als sie Matthew trifft – charmant, privilegiert, Erbe eines Pharmaimperiums –, verliebt sie sich. Zwei Welten prallen aufeinander. Und doch scheint alles möglich.
21 Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt: Etwas fehlt. Als er nach seinem Vater sucht, stößt er auf Geheimnisse, die alles verändern – nicht nur für ihn. 

Rezension: 

Kurz vor dem Jahrtausendwechsel lernt Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer, die als unbezahlte Praktikantin in New York jobbt, den vermögenden Matthew, Erben eines Pharmaunternehmens, kennen. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lilys Bedenken, dass eine Beziehung keine Zukunft hat, verlieben sie sich ineinander und gründen eine Familie.
Jahre später lebt Nick allein mit seiner Mutter Lily auf einer Insel bei Seattle. Es gab immer nur sie beide, da Lily stets behauptete, Nicks Vater wolle nichts von ihm wissen. Heimlich macht Nick, dem man seine chinesischen Wurzeln nicht ansieht, einen Gentest, um mehr über seine Herkunft zu erfahren und kommt dabei seinem Vater auf die Spur.
2030 lebt Lilys Mutter Mei einsam und verarmt in San Francisco. Sie hatte als Bauernmädchen, das in der von Mao Zedong geprägten kommunistischen Volksrepublik China aufgewachsen ist, große Träume und konnte diesen als Wissenschaftlerin in Amerika folgen.

Der Roman ist aus drei Perspektiven, die nicht im Wechsel, sondern hintereinander erzählt werden, aufgebaut. Beginnend mit Lily von 1999 bis 2005, folgt man ihrem Sohn Nick ungefähr weitere fünf Jahre ab 2021, um schließlich mit seiner Großmutter Mei im Jahr 2030 zu enden.

Nach einem nüchternen Einstieg und einer wenig emotionalen Liebesgeschichte endet Lilys Abschnitt unerwartet spannend mit einem Familiengeheimnis und der Frage, was Lilys Eltern und Matthews Vater vor ihren Kindern verbergen.
Nicks Abschnitt gleicht einer Coming-of-Age-Geschichte. Er hat chinesische Wurzeln, die man ihm nicht ansieht und Fragen zu seinem Vater, die ihm seine Mutter nicht gestattet.
Mei blickt 2030 auf ihr Leben zurück, auf ihren steinigen Weg des "American Dream", aber auch auf die Fehler, die sie begangen hat.

"Real Americans" ist eine Familiengeschichte über mehrere Jahrzehnte hinweg, die überwiegend in den USA handelt, wobei die Hauptfiguren chinesische Wurzeln hat, was sich zu einer generationenübergreifenden Geschichte über Zugehörigkeit und Identitätssuche entwickelt.
Der Roman ist durch die drei Hauptfiguren, deren unterschiedliche Lebensalter und die Erfahrungen, die sie prägen, aber auch durch die Themen, die sie bewegen und die Herausforderungen, vor die sie gestellt werden, facettenreich und vielschichtig.
Die unterschiedlichen Erzählstimmen gestalten die Lektüre abwechslungsreich und lassen jede(n) LeserIn eine Identifikationsfigur finden.
Die Trennung der Erzählperspektiven und die Zeitsprünge erwecken allerdings das Gefühl, drei Kurzgeschichten zu lesen. Als Familienroman fehlt eine geschickte Verknüpfung, wobei insbesondere der dritte Abschnitt, in dem Mei ihrem fremden Enkel ihre Lebensgeschichte erzählt, unbeholfen wirkt und zudem die Erzählperspektive nicht konsequent eingehalten wird, um die Geschichte zu Ende zu erzählen. 

Die Fülle der Themen ist ambitioniert, weshalb der Roman ihnen nicht vollumfänglich gerecht werden kann. Während Fragen nach der eigenen Identität und die Suche nach Glück, Klassenunterschiede, Sexismus, Fremdsein und Einsamkeit aus drei Perspektiven mannigfaltig betrachtet werden, geraten andere Aspekte wie Rassismus, Forschung und Ethik, aber auch die entscheidenden innerfamiliären Konflikte, zu sehr in den Hintergrund. 
Die vererbte Gabe des Stopps der Zeit, das in allen drei Erzählsträngen verwendet wird, verleiht der Geschichte einen Hauch Magie, passt damit aber nicht zu dem wissenschaftlichen Komplex, der mit der Frage nach der Beeinflussung des Schicksals durch Veränderung der DNA einen wesentlichen Kern der Handlung ausmacht. 

Mittwoch, 4. März 2026

Buchrezension: Nicci French - Finstere Schatten

Inhalt:

Fernab vom Trubel ihres alten Lebens wollen Nancy und ihr Freund Felix in einer Wohnung in Harlesden noch einmal neu anfangen. Denn mittlerweile geht es Nancy zwar wieder gut, doch das war lange Zeit nicht so. Immer wieder hat sie mit psychischen Problemen gekämpft und litt unter Wahnvorstellungen. Hier will sie nun endlich wieder zur Ruhe kommen. Doch dann wird ihre Nachbarin Kira tot aufgefunden und die Polizei geht sofort von einem Selbstmord aus. Aber Nancy will einfach nicht daran glauben, schließlich hat sie Kira noch am Tag vor ihrem Tod getroffen und sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich die junge Frau das Leben genommen hat. Nancy gerät immer weiter in den Strudel ihrer Zweifel und weiß dabei immer weniger, ob die Stimmen, die sie in jener Nacht gehört hat, die des Mörders waren oder nur in ihrem Kopf existieren. 

Rezension: 

Nach einer psychotischen Episode und einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ziehen Nancy und ihr Freund Felix notgedrungen innerhalb Londons in eine kleinere Wohnung in den Stadtteil Harlesdon. Nancy arbeitet dort remote, um sich zu erholen und mit Hilfe von Medikamenten und therapeutischer Unterstützung neu anzufangen. 
Nancy und Felix haben noch nicht einmal alle Umzugskisten ausgepackt, als eine Nachbarin in dem Mehrparteienhaus tot aufgefunden wird. Die Polizei stuft die Tat als Suizid ein und ermittelt nicht weiter. Nancy hatte Kira jedoch am Tag zuvor kurz gesprochen und kann sich nicht vorstellen, dass die junge Frau, die von allen als nett und fröhlich beschrieben wird, Selbstmord begangen haben soll. Da Felix die neuen Nachbarn und auch die Polizei über Nancys Krankheitszustand informiert hatte, glaubt Nancy niemand, dass sich ein Verbrechen in der Wohnung ereignet haben könnte - bis die Polizistin Maud O'Connor auf den Fall aufmerksam wird, den ein unliebsamer Kollege (voreilig) zu den Akten legen möchte. 

"Finstere Schatten" ist Band 2 einer Buchreihe um Detective Maud O’Connor, wobei es auch ohne Vorwissen aus Band 1 keine Verständnisprobleme gibt. Anders als in klassischen Ermittler-Krimis hat DI O'Connor in diesem Thriller nicht die Hauptrolle. Bevor ihr Einsatz beginnt, liegt der Fokus klar auf Nancy, die "finstere Schatten" sieht. 
Kann Nancy ihrer Wahrnehmung glauben? Kann der/ die LeserIn Nancy trauen? Ist sie von den Stimmen in ihrem Kopf gesteuert, noch nicht genesen und leidet unter Wahnvorstellungen? Kann sich die Polizei bei ihrer Einschätzung den Suizid betreffend derart getäuscht haben?

Unabhängig davon, ob sich Nancy in Verschwörungstheorien verliert, ist es grausam, was ihr im weiteren Verlauf der Handlung widerfährt. Als psychisch kranke Frau wird sie stigmatisiert und als unzurechnungsfähig und unmündig eingestuft. Schnell befindet sie sich einer Spirale, in der sie vollkommen hilflos ist und der Fürsorge ihres Freundes und des Gesundheitssystems unterworfen wird. 

Obschon die Frage im Raum steht, was sich hinter dem (inszenierten) Selbstmord verbirgt, steht Nancy als Hauptfigur im Vordergrund, deren Leben ihr entgleitet. Die Aufklärung des möglichen Mordfalls schreitet erst im letzten Drittel voran, als Maud, die sich auf dem Polizeirevier mit Misogynie konfrontiert sieht und als Alleinkämpferin auftritt, Nancy Gehör schenkt. Maud folgt selbstbewusst ihrem Instinkt und versucht durch geschickte Fragen den Täter unter all den undurchsichtigen Hausbewohnern und Nachbarn zu enttarnen. 

"Finstere Schatten" ist ein unblutiger Thriller, der sich von einem psychologischen Spannungsroman zu einem spannenden Krimi mit einer smarten Ermittlerin entwickelt, die in ihrem Umfeld völlig zu unrecht unterschätzt wird. Das Tatmotiv ist am Ende nachvollziehbar, jedoch enttäuscht die Präsentation des Täters, die vor Auswertung von Beweisen auf einem reinen Bauchgefühl basiert. Auch fällt die einseitig negative Darstellung der männlichen Figuren unangenehm auf.   

Montag, 2. März 2026

Buchrezension: Nadine Schneider - Das gute Leben

Inhalt:

Es ist Spätsommer, und im Garten sind die Trauben reif, als Christina das Haus ihrer Großmutter Anni erbt. Hier, in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, ist sie bei Anni aufgewachsen: Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus Rumänien nach Deutschland flieht. Anni, die ganz allein ihr Kind und ihr Enkelkind aufzieht und beim Quelle-Versand Pakete packt, die ins Wirtschaftswunderland verschickt werden. Die gegen Einsamkeit, Armut und Fremdsein kämpft, mit Zähigkeit, Kraft und Pflichtbewusstsein. War das das Leben, von dem sie geträumt hat? Oder hat sie beim Leben das Leben verpasst? 
Zögernd verabschiedet sich Christina von Anni und ihrem Haus. In der stillen Wärme der letzten Sommertage versinkt sie immer tiefer in ihren Erinnerungen, stößt auf überraschende Fundstücke und fährt auch zu dem inzwischen verlassenen Gelände des Quelle-Versandzentrums. Ihren eigentlich geplanten Urlaub hat sie abgesagt, und von ihrer Arbeit dringen nur gelegentliche Mails zu ihr. Und allmählich erkennt sie, was sie ihrer Großmutter wirklich verdankt: die Freiheit, loszulassen und selbst den Ort zu finden, wo das gute Leben zu Hause ist. 

Rezension: 

Christina hat das Haus ihrer verstorbenen Großmutter Anni in einem Dorf bei Nürnberg geerbt. Zögerlich kehrt sie von Berlin an den Ort zurück, wo sie aufgewachsen ist. Sie schwelgt in Erinnerungen und versucht Abschied zu nehmen. 
Anni war ungewollt schwanger in den 1960er-Jahren aus Rumänien nach Deutschland geflüchtet, wo ihr Bruder lebte. In einem fremden Land versucht sie sich durchzukämpfen, arbeitet bei Quelle und kümmert sich um ihre Tochter Helene. Sie sollte es einmal besser haben, als sie selbst, die in einem rumänischen Dorf unter einfachen Verhältnissen aufgewachsen war und auch ihre Mutter immer zu sich holen wollte. 
Das Verhältnis zu ihrer Tochter ist dennoch nicht das beste und als diese nach Amerika auswandert, lässt sie ihre eigene Tochter bei Anni zurück. 

Der Roman wechselt zwischen den Perspektiven von Christina und Anni - Christina, die versucht ihr Erbe abzuwickeln und zum letzten Mal Orte aufsucht, die sie mit ihrer Großmutter verbindet sowie Anni, die in Deutschland als schwangere junge Frau ein neues Leben anfängt. 
Während Christina melancholisch an ihre Kindheit und Jugend bei Anni und ihre entfremdete Mutter Helene zurückdenkt, geben einzelne Episoden aus Annis Sicht Einblicke in ihr Leben, wobei die Arbeit bei Quelle sie mit Stolz erfüllte und einen wesentlichen Kern ihres Daseins bildete. 

Es geht um komplizierte Mutter-Tochter-Verhältnisse, um eine Tochter, die ihre Mutter verlässt und eine Mutter, die ihre Tochter verlässt. Die hinterlassenen Narben wirken sich auf die folgenden Jahre aus und verhindern enge, liebevolle Beziehungen. Besonders deutlich wird die innere Zerrissenheit Annis zwischen ihrer Heimat Rumänien und dem neuen Zuhause Deutschland, zwischen ihrer Rolle als Mutter und ihrer Arbeit, die sowohl Notwendigkeit als auch Leidenschaft war. 

Der Schreibstil ist nüchtern und distanziert, was jedoch zu den vier Generationen von Frauen passt, die es nicht vermögen, über ihre Gefühle zu sprechen und eigensinnig und stur ihre Probleme mit sich selbst ausmachen.
Die Geschichte mutet nostalgisch und wehmütig an und wird ruhig und insbesondere in der Gegenwart weitgehend ereignislos erzählt. Wichtiger als eine äußere Rahmenhandlung sind die Innenansichten der Charaktere, ihre Träume, Wünsche und Erinnerungen
Der Roman lässt sich unaufgeregt lesen, bleibt in Bezug auf die Schwierigkeiten der Figuren jedoch nur an der Oberfläche und hinsichtlich der Frage, was einen gutes Leben ausmacht, völlig offen.