Braunschweig, Berlin, Bodensee – die Geschichte einer Familie zwischen Zusammenhalt und Lebenslügen, erzählt aus der Sicht ihrer fünf Mitglieder. Klaus Werner, ein wackliger Patriarch, liebäugelt mit der Idee, sich angesichts der Krisen der Welt einen privaten Luxus-Bunker bauen zu lassen; seine Frau Kaja plant lieber die perfekte Familienfeier zum 80. Geburtstag ihres Mannes; die drei Kinder führen ihre eigenen Kämpfe: ein blockierter Schriftsteller, ein wütender Augenarzt und eine verzweifelte Umweltaktivistin. Und über allem thront Großmutter Ruth, die zwei Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Schonungslos und mit entlarvendem Humor erzählt Florian Scheibe in seinem großen Familienroman von den Brüchen unserer Gegenwart.
Rezension:
Klaus Werner, millionenschwerer Unternehmer im Ruhestand, lebt seit über zwanzig Jahren mit seiner jung gebliebenen Ehefrau Kaja in der Schweiz am Bodensee. Kurz vor seinem 80. Geburtstag befällt ihn eine diffuse Angst, weshalb er den Bau eines Bunkers auf seinem Grundstück beabsichtigt. Dies lässt die Erben aufhorchen, die eher selten den Weg von Deutschland in die Schweiz finden.
Der älteste Sohn Stefan ist Augenarzt mit eigener Praxis in München und schafft es kaum mehr, seine Aggressionen im Zaum zu halten. Sein jüngerer Bruder Jonas schreibt seit sieben Jahren ideen- und inzwischen mittellos in Berlin an seinem zweiten Roman und Nesthäkchen Anna hat sich der Rettung der Meere verschrieben und den Kontakt mit ihrer Familie weitgehend abgebrochen.
Jedes Familienmitglied versucht verzweifelt die Fassade aufrechtzuerhalten, während die jeweils anderen das ganze Ausmaß ihrer Probleme nur erahnen können.
Der Roman wird aus der Perspektive jedes Familienmitglieds geschildert, so dass man jeweils Einblick in die eigene Sicht, Gedanken und Gefühle und die Reaktion der anderen darauf erhält. Während jeder von ihnen um sich selbst kreist und Probleme mit sich allein ausmacht, wird die Fassade immer brüchiger und immer schwieriger, das eigene Fehlverhalten zu verbergen.
Die Geschichte, die abwechselnd in Berlin, München und Landschlacht am Bodensee handelt, wird lebendig, abwechslungsreich und unterhaltsam erzählt. Jeder Protagonist erhält eine eigene Erzählstimme und ist facettenreich dargestellt. Es sind originelle, feinfühlig gezeichnete Figuren, die zwar völlig unterschiedlich sind, sich in ihrem Problemverhalten aber ähneln, was neben der familiären Verbindung der rote Faden der Geschichte ist.
Scharfsinnig und mit feiner Ironie wird das Verhalten der Walters seziert. Trotz der ernsthaften Probleme macht es unheimlich Spaß hinter die Fassade der Charaktere zu blicken und zu beobachten, wie sie sich ihren Problemen widmen, sie ignorieren, verdrängen, prokrastinieren oder ein wackliges, wenn auch kreatives, Lügengebilde aufbauen.
"Die Verluste" ist das Porträt einer wohlhabenden Familie, die droht, an ihren ungelösten Konflikten und Unzulänglichkeiten zu zerbrechen. Die Geschichte handelt von Generationenkonflikten, Enttäuschungen, Zukunftsängsten, mentaler Gesundheit und dem Wunsch, den eigenen Erwartungen zu entsprechen, die Erwartungen anderer zu erfüllen und dennoch oder trotzdem kläglich zu scheitern.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen